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51. Verfeinertes Flimmern
In seinem berühmten Vortrag über «Probleme der Lyrik» hat Gottfried Benn einst den Zustand poetischer Wahrnehmungsempfindlichkeit mit den Sinnesorganen von winzigen Urtierchen verglichen. Er verwies dabei auf das Tastorgan von Kleinstlebewesen im Wasser, die «von Flimmerhaaren bedeckt» seien. Auch den Dichter muss man sich in diesem Sinne als einen von Flimmerhaaren bedeckten Menschen vorstellen, der die Bewusstseinsreize wie auch die lyrischen Substantive und Chiffren ertastet und in eine zarte Textur einwebt. Dieses Konzept einer Dichtung der subtilen Wahrnehmungsnuance, die sich mit den einzelnen Aggregatzuständen von Naturstoffen beschäftigt, mit Wind- und Wellenbewegungen, mit den kleinsten Veränderungen einer Landschaft hat der Lyriker Nico Bleutge in mittlerweile drei Gedichtbänden immer weiter verfeinert.
Sein jüngster Band «verdecktes gelände» ist nun ein Meisterstück einer in Dichtung transformierten Naturgeschichte. (…)
Kritiker von Bleutges Lyrik haben gelegentlich eingewandt, dass sich der Dichter nur als Kollektor sinnlicher Eindrücke versteht, seine Subjektivität aber in auffälliger Weise hinter den beschriebenen Dingen versteckt. Richtig daran ist die Beobachtung, dass Bleutge mit dieser artifiziellen Form von Natur- und Wahrnehmungs-Lyrik einen Endpunkt erreicht hat, an dem keine grössere Detailgenauigkeit mehr erreicht werden kann. Bei einem Dichter von diesem Niveau darf man aber sicher sein, dass er sich demnächst neu erfinden wird. / Michael Braun, NZZ 15.5.
Nico Bleutge: verdecktes gelände. Gedichte. Verlag C. H. Beck, München 2013. 76 S., Fr. 21.90.
15. Gedankenschnelligkeit und Reflexionseleganz
Diese enorme Gedankenschnelligkeit und Reflexionseleganz findet man selten in unserer zeitgenössischen Lyrik. Monika Rinck, die vielseitig begabte Dichterin und Essayistin, führt seit 1997 ein Wörter- und Traum-Tagebuch mit mittlerweile 3353 Eintragungen, das alltägliche Vokabel-Funde, theoriebruchstücke und Sprachassoziationen auswertet – ein riesiger Fundus, aus dem die Autorin auch Anregungen für ihre Gedichte gewinnt.
In diesem „Begriffsstudio“ erforscht die Dichterin die entlegendsten Gebiete: den „sockenschusslorbeer“ ebenso wie den „entgeisterungszapfen“, den „liebenswürdigkeitsrammler“ und die „rettungsschneekatze“. Die dazugehörigen Kommentare vollziehen die blitzschnelle Koppelung verschiedenster Denkwelten und Fachbegriffe – ein Verfahren, das auch in ihren Gedichten Anwendung findet. / Michael Braun, SR2
12. „bruder morpheus“
Wenn nun ein Sterblicher den Traumgott Morpheus zu seinem „Bruder“ erklärt, dann bewegt er sich selbst in den fluiden Zonen des Traums und des ewigen Schlafs. Der Lyriker und Übersetzer Wolfgang Schlenker, der sich im August 2011 im Alter von 47 Jahren das Leben nahm, hat Gedichte hinterlassen, die den Arbeitstitel „bruder morpheus“ tragen. Diese Gedichte scheinen feine Verbindungslinien zu jenen Dämonen zu ziehen, die aus dem Reich der Schatten fatalistische Botschaften in unsere Lebenswelt senden. Die lakonischen Reflexionen, die Schlenker zu desillusionierenden Existenz-Bulletins gebündelt hat, lesen sich wie nüchterne Widerlegungen eines wie auch immer gearteten „Prinzips Hoffnung“. Eröffnet wird das Nachlass-Konvolut mit einem Text, der aus einem fiktiven „tagebuch der zukunft“ zitiert und dort einen wenig ermutigenden Satz findet: „ab einer bestimmten schwelle / kann heilung nachteilig sein“. Und weiter heißt es: „wolken ziehen über unserem gebiet / auch das wetter ist nur zu besuch / mit überleben zufrieden / ein falke fliegt / knapp über das feld / ohne zu jagen.“ Doch selbst das Überleben wird als erstrebenswertes Ziel in Frage gestellt. Die Welt wird aus der Perspektive einer fortdauernden Schrumpfung des Lebens-Horizonts und der Minimierung von Daseinsmöglichkeiten wahrgenommen. / Michael Braun in der Serie “Der gelbe Akrobat – Neue Folge” über Wolfgang Schlenker, Poetenladen
2012 erschien ein erstes Nachlass-Konvolut mit Gedichten unter dem Titel „doktor zeit“ (roughbooks 020, Solothurn 2012). Der komentierte Text ist Heft 2 der von Urs Engeler herausgegebenen Zeitschrift „Mütze“ entnommen, die weitere 20 Gedichte aus Schlenkers Nachlass versammelt.
6. Dringlichkeit
Der 1980 im nordrhein-westfälischen Meerbusch geborene und heute in der Schweiz lebende Westermann ist eine Ausnahmegestalt unter den jüngeren Lyrikern, die meist eine sprachexperimentelle Neuausrichtung ihrer Gattung anstreben. Westermann dagegen bekennt sich zu einer Poesie der „Dringlichkeit“, die primär die unsichere Kontur und Selbstwahrnehmung des Ich in den Blick nimmt, seinen Standort in der Verborgenheit „abseits der Dinge“. Damit hat er 2010 den „open mike“-Wettbewerb der Berliner Literaturwerkstatt in der Sparte Lyrik gewönnen.
Seine Gedichte geben sich narrativ, dabei wird das Erzählerische stets eingebunden in trancehafte Monologe, die vom Weltgefühl der Verlorenheit sprechen. Immer wieder sucht das an sich selbst zweifelnde und verzweifelnde Ich nach einer Verankerung – doch im „Kammerflimmern“ ist kein Halt zu finden. / Michael Braun, Tagesspiegel
Levin Westermann: unbekannt verzogen. Gedichte. Luxbooks Verlag, Wiesbaden 2013. 114 Seiten, 22 €.
112. Probezeichnung
Ulrich Kochs Gedichte sind Chronometer eines melancholischen Weltgefühls, diskrete Momentaufnahmen einer existenziellen Obdachlosigkeit. Ihre Schauplätze sind die dunklen Rückseiten der Vorstädte: Buswartehäuschen, Hinterhöfe, Vorgärten, Turnhallen, Baggerseen oder «die Regentonnen unter der Traufe». Kochs lyrisches Subjekt ist unter die einsamen Verlierer der Vorstädte gemischt und protokolliert in lakonischer Verknappung die Geschehnisse «am Ruhetag der Frisöre und Gasthöfe». (…)
Ulrich Koch, 1966 in einer Kleinstadt bei Lüneburg geboren, hat sich nach seinem stark beachteten Debüt («Weiss ich», 1995) lange Jahre aus dem Literaturbetrieb zurückgezogen. Nun kehrt er zurück mit einem grossartigen Gedichtbuch, in dem sich Hoffnung und Verzweiflung in einer prekären Balance befinden. Bilder einer Atemwende, vom Ersticken bedroht: «Meine Prophezeiung, / meine Probezeichnung. // Mein Strohhalm, / mein Tracheostoma. // Durch die Augen sauge / ich Licht.» / Michael Braun, NZZ 30.1.
Ulrich Koch: Uhren zogen mich auf. Gedichte. Poetenladen-Verlag, Leipzig 2012. 104 S., Fr. 25.90.
52. Liste
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012
Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.
Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.
Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.
Unter den 9 von den 11 Juroren genannten Titeln (Derek Walcotts Buch wurde dreimal nominiert) sind 3 deutsche, darunter 2 von Autoren der Gegenwart: Bertram Reinecke und Kerstin Preiwuß.
Empfehlungen
Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012
(Begründungen der Juroren in der angehängten Pdf)
Michael Braun:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Heinrich Detering:
- Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.
Maria Gazzetti:
- Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.
Ursula Haeusgen:
- István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.
Harald Hartung:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Florian Kessler:
- Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.
Michael Krüger:
- Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.
Kristina Maidt-Zinke:
- Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.
Monika Rinck:
- Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.
Daniela Strigl:
- Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.
Jan Wagner:
- Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.
61. Von den Rändern
Die aktuelle September- und Dezember-Ausgabe, also die Nummer 2 und 3 der „Mütze“, sollte sich unbedingt aufsetzen, wer die neuesten Strömungslinien sprachreflexiver Dichtung kennenlernen will. Hier finden sich zum Beispiel bewegende Gedichte aus dem Nachlass des Dichters und Übersetzers Wolfgang Schlenker, der sich vor Jahresfrist das Leben genommen hat. Es sind Gedichte, die das Melancholie-Motiv auf dem berühmten Stich Albrecht Dürers aufnehmen und es in ein Mosaik aus Verlorenheits-Bildern eintragen. „stichwort minimieren“ heißt da ein Text, der von der fortschreitenden Schrumpfung des Lebens-Horizonts spricht und von dem paradoxen Daseinsgefühl des Ich, „ein eigenständiger und völlig korrekter teil / einer größeren entfernung zu sein“. Das schönste Gedicht aus dem „bruder morpheus“-Manuskript Wolfgang Schlenkers ist die „freilaufende geschichte“, ein Text, der eine Meditation über Dürers Bild „Kleines Rasenstück“ mit dem Bienen-Motiv der amerikanischen Poetin Emily Dickinson zusammenführt. Nicht zufällig hat Schlenker viele Jahre seines Lebens darauf verwendet, eine ganz eigene Tonlage für seine Übersetzungen der Gedichte Emily Dickinsons zu finden. Einige Meisterstücke lyrischer Prosa liefert in der Nummer 3 der „Mütze“ die Dichterin Jayne-Ann Igel, die mit ihren poetisch sehr fein gewebten Traumwanderungen ein phantamagorisches Flimmern erzeugt. Es entsteht – wie in ihren früheren Gedichten – ein „gären von bildern in allen teilen des körpers“. Ein schwer zu enträtselndes, gleichwohl faszinierendes Stück hermetische Poesie, in dem sich die Wörter zu verselbständigen scheinen, sind schließlich die „Quadratgedichte“ von Jean-René Lasalle, die in der „Mütze“ erstmals einem deutschen Publikum präsentiert werden. Übersetzt hat diese „Quadratgedichte“ der wohl sprachbesessenste Poet der Gegenwart, der Österreicher Franz-Josef Czernin.
Die verlässlichste Zeitschrift für die Erkundung neuer dichterischer Sprechweisen ist aber seit über dreieinhalb Jahrzehnten der „Park“, im Alleingang herausgegeben von dem Lyriker und Übersetzer Michael Speier. In der jüngsten Ausgabe, der Nummer 65 des „Park“, hat Speier wieder zauberhafte Gedichte von Kerstin Preiwuß und Christoph Meckel versammelt, neben Texten finnischer Dichter. Das darf schon deshalb als editorische Großtat gerühmt werden, weil finnische Dichtung nach dem Tod von Paavo Haavikko von der Landkarte der modernen Poesie verschwunden scheint. Einen Auftritt im „Park“ wie auch in der „Mütze“ hat der Dichter Ron Winkler, der kurz vor seinem vierzigsten Lebensjahr neue Möglichkeiten des Sprechens für sich entdeckt hat, die ihn von den stark technizistischen Bewusstseinsgedichten seiner frühen Jahre wegführen. / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen
- Mütze 2 (2012) und 3 (2012)

Urs Engeler, Obere Steingrubenstr. 50, CH-4500 Solothurn. 52 Seiten, 6 Euro. - Park 65
Michael Speier, Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin. 96 Seiten, 7 Euro.
59. Dada & Saum
Wenn man von diesen bedenklichen Fehlleistungen im Zeichen von Dada absieht, bietet das „Du“-Heft doch auch viel Hilfreiches zum Kontext der dadaistischen Revolte. Der russisch-deutsche Dichter Valeri Scherstjanoi zieht zum Beispiel einige Verbindungslinien zwischen der Lautpoesie Hugo Balls und der experimentellen Dichtung des russischen Futuristen Alexej Kruchtschonych, einem Freund und Weggefährten des radikalsten Avantgardisten Russlands, Welimir Chlebnikow.
Aus welcher materiellen Substanz und topografischen Erfahrung der Futurist Welimir Chlebikow seine futuristische „Sternensprache“ schöpfte, untersucht nun ein Essay in der aktuellen Ausgabe, der Nummer 99 der Kulturzeitschrift „Lettre International“. Der Schriftsteller Wassili Golowanow kann hier zeigen, dass Chlebnikows Wortschöpfungen elementar verbunden sind mit der Landschaft, in der er aufwuchs. Das poetische Koordinatensystem Chlebnikows ist die Landschaft rund um das Kaspische Meer – das Wolgaudelta, das seit je nicht nur ein uralter Transitraum von Waren aus allen Kontinenten war, sondern auch ein kultureller Geschichtsort, an dem die Kraftlinien vieler Kulturen zusammenlaufen. Welimir Chlebnikow, der Sohn eines Vogelkundlers, hat nicht nur ornithologische Begrifflichkeiten, sondern auch die botanischen und geologischen Merkmale des kaspischen Raumes in die Sprache seiner Poesie integriert. Daraus entstand dann der Entwurf seiner sogenannten „Zaum“-Sprache, eine magische, nach allen Seiten hin offene, Grenzen sprengende „Sternensprache“. Nach der Oktoberrevolution irrlichterte Chlebnikow zwischen den Fronten, wurde zweimal inhaftiert, erkrankte an Typhus und starb schließlich, von Krankheit und Hunger ausgezehrt, im Mai 1922 auf einer abgelegenen Station im russischen Norden. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde er europaweit zur Kultfigur der literarischen Avantgarde. / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen
- EDIT Heft 60

Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig, 144 Seiten, 5 Euro. - Du 11 (2012)

Du Kulturmedien, Stadelhoferstr. 25, CH-8001 Zürich. 114 Seiten, 15 Euro. - Lettre International 99

Erkelenzdamm 59/60, 10999 Berlin. 140 Seiten, 11,90 Euro.
127. Die famosen „Lietzenlieder“
Das Selbstporträt des Dichters als Vineta-Forscher und meckerndes Blässhuhn wird in großartigen Elegien im Ton von Hölderlin und Rilke vorgetragen.
Die famosen „Lietzenlieder“ bilden im neuen Band einen Sonetten-Zyklus, in dem Berliner und Brandenburger Gewässer und ihre Vogelarten als Ort poetischer Selbstvergewisserung aufgerufen werden. In einer Elegie des Zyklus „Lust, Umgang, Sprache“, einer zwischen Pathos und Selbstironie, hohem Ton und Schnoddrigkeit changierenden Selberlebensbeschreibung, taucht der „Eisenhans“ auf, ein „wilder Mann“ aus den Märchen der Gebrüder Grimm, der seine Verfolger und Rivalen auf den Grund eines Tümpels zieht. / Michael Braun, Tagesspiegel
Uwe Kolbe:
Lietzenlieder.
Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012. 112 S., 16,99 €.
39. Rosa Meinung
Dieser Text provoziert zunächst durch seine Drastik. Die rohe Benennung des weiblichen Geschlechtsorgans gleich in der ersten Zeile scheint eine pornografische Pointe vorzubereiten. Die Anrufung des Geschlechts wird aber appliziert auf eine Institution des Rechts. Bei dieser kalkulierten Irritation bleibt es nicht. Romantik und Vulgarität, lyrische Feierlichkeit und harte Zote stoßen in der ersten Strophe mehrfach zusammen. Auf die paradox erscheinende Kombination der „Fotze“ mit dem „Landgericht“ folgt zunächst ein fast begütigend-melancholischer Vers, in dem sich das Ich wie in den Gedichten Else Lasker-Schülers oder Emmy Ball-Hennings als „ein blasser Traum“ imaginiert. Darauf lässt Ann Cotten aber sofort wieder eine kämpferische und radikal exhibitionistische Zeile folgen, die einen unorthodoxen Feminismus lanciert: „Frau ist alles, was ich kotze.“ / Michael Braun, Poetenladen, über das Gedicht “Rosa Meinung” von Ann Cotten