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Archiv der Kategorie: Irak

Im Netz seit 1.1.2001

Wochendigest 5./6.6.

1000 Seiten Depression

Ein guter Freund, der Houellebecq verehrt, hat mir berichtet, immer, wenn die Stimmung in seiner Redaktion zu gut würde, klettere er auf einen Stuhl und deklamiere ein Houellebecq-Gedicht. Ein todsicheres Mittel, um eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herzustellen. Übrigens erwischt man sich irgendwann beim Lachen, wie in einem Film von Kaurismäki oder Lars von Trier. Tausend Seiten Depression sind schließlich ziemlich witzig. / Jan Küveler, Die Welt

Michel Houellebecq: Gesammelte Gedichte. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Stephan Kleiner. Dumont. 781 S., 14,99 €.

Poesiefestival eröffnet

Schon der Eröffnungsabend, der traditionell unter dem Begriff „Weltklang“ firmiert, zeigte, dass gute Lyrik die an sie herangetragenen Erwartungen gut auszuhalten weiß. Da war es gar nicht nötig, das Büchlein mit den Übersetzungen der dargebotenen Gedichte aufzuschlagen. Es genügt, etwa den Vokalreihen einer Ana Blandianas aus Rumänien nachzulauschen oder dem ätherischen Gesang der barfüßigen Neuseeländerin Hinemoana Baker. Auch Charles Simic wollte man ja immer schon einmal gesehen haben, und dann stand der fast Achtzigjährige da wie ein alter College-Professor, die Hände lässig in den Taschen, und räusperte sich so beharrlich, dass es klang wie ein ganz eigenes Lautgedicht.

„Wie Sie sehen, komme ich nicht allein“, sagte die hochschwangere Uljana Wolf, als sie die Bühne betrat und ein strukturalistisch inspiriertes Gedicht über die Sprachentwicklung von Kindern vortrug. Und mit einem Mal trat da, „gebubbelt, gebabelt“, aus der „konnotation“ eine „notunterkunft“ hervor. Seiner Zeit entkommt man eben einfach nicht. / Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung

Mit welchen Gedichten können Sie gar nichts anfangen?

Das Gedicht als moralische Obstkistenpredigt ist unerträglich – das Gedicht also, dessen Freiraum missbraucht wird, um eine eindeutige Aussage zu treffen, eine Pointe, etwa als Paarreim, mit der das Gedicht sich dann sozusagen erledigt hat. Ein Gedicht muss schon etwas dauerhaft Verstörendes haben, es muss eine Verrückung der Wahrnehmung erreichen. / Jan Wagner antwortete auf Fragen des Tagesspiegels

Königin der Schraubenliteratur

Wirklich verstehen im Sinne der Ratio kann man das nicht. Muss man aber auch nicht. Denn Handlung steht hier nicht im Vordergrund – sondern der Reim. „Verbannt“ kommt nämlich durchgängig in sogenannten Spenser-Strophen daher, die beliebt waren zu Zeiten von Byron, Keats und Shelley.

Das Deutsche ist für solche Strophen nicht wirklich geeignet, was zu manch schrägem Reim und kuriosem Kalauer führt. An vielen Stellen knirscht es also mächtig im Gefüge. Ann Cotten hat deutlich ihren Spaß daran. Dass ihr am Ende dieses Versepos gar die Puste auszugehen schien: Es kümmert sie nicht. Verfugung, Verschiebung, die Lockerung der Übergänge ist hier alles. „Verbannt!“ inthronisiert sie insofern als Königin der Schraubenliteratur. / Claudia Kramatschek, DLR

Ann Cotten: Verbannt!
Versepos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
168 Seiten, 16 Euro

Hommage à Allen Ginsberg

Am 3.6. wurde in Tokio eine musikalische Hommage an den Dichter Allen Ginsberg aufgeführt: „Der Dichter spricht“. Die Idee wurde 2007 von der Rockikone und Schriftstellerin Patti Smith und dem Komponisten Philip Glass entwickelt. An der Aufführung in Tokio arbeiteten der Romancier, Dichter und Übersetzer Haruki Murakami (seine Ginsberg-Übersetzungen wurden auf eine Leinwand projiziert) und der japanische Musiker Joe Hisaishi mit. / ActuaLitté

Hier eine Aufnahme von 2005 mit Patti Smith und Philip Glass:

Iraqi poet Faleeha Hassan

Through verses about loss and tragedy, Hassan has become one of Iraq’s most successful and celebrated poets. Sometimes called  the “Maya Angelou of Iraq,” Hassan’s work has been heavily awarded and translated into dozens of languages.

Writing from her new home in New Jersey, Hassan explained via e-mail how her childhood, her faith and her war-torn nation turned her into one of Iraq’s first prominent female writers.

“Writing is very dangerous, especially for an Arab woman if she writes honestly and freely,” she said. “Some people do not like honesty and freedom of expression, so sometimes women stop writing because they worry about themselves and their family.” / Graham Dudley, Nondoc.com

Dichterinnentreffen in Basra

Während Tausende aus dem Irak fliehen, tagen ein paar unerschrockene Dichterinnen in dem kriegsversehrten Land. Ulla Lenze berichtet für die Zeit. Auszug:

Allmählich fällt mir auf, dass hier dennoch der Traum vieler Literaturveranstalter in Erfüllung geht: Es sitzen mehr Männer als Frauen im Publikum. Und das bei hauptsächlich Lyrik und ausschließlich Frauen auf dem Podium. Was ist hier los? Ich begreife es, nachdem ich von der Toilette zurückkomme. Meinen Platz in der ersten Reihe habe ich an einen breitschultrigen Herrn in nougatbraunem Anzug verloren. Meinen Mantel finde ich in der Reihe dahinter wieder. Das Thema männliche Dominanz wird später in der Diskussion auftauchen. Man kann es aber vor Ort direkt studieren. Die erste Reihe, für die Kamera besonders gut einsehbar, ist von Männern belegt. Der ägyptische Konsul, der Bürgermeister und Regierungsvertreter. Die Tagung ist ein social event, und darüber hinaus wollen die Männer wohl auch prüfen, was die Frauen so machen. Zur Not sie beschützen. Sie lauschen also weiblicher, teils rebellischer Lyrik, aber vielleicht, so hoffe ich, hat das ja einen Effekt wie beim Trojanischen Pferd.

„Das weiße Kleid, das du so magst, ziehe ich nie wieder an / ich schweige nicht mehr, um dir zu gefallen / nein, ich schweige nur noch aus Trauer“, liest Salima Sultan Nur, eine Universitätsdozentin aus Kerbela, die in Literatur promoviert wurde (durchweg alle Autorinnen sind Akademikerinnen). Als die Diskussion zum ersten Mal für das Publikum geöffnet wird, meldet sich ein älterer Herr zu Wort: Diese Lyrik sei ja sehr schön, aber doch sehr feministisch. Sein Aber löst leises Gelächter bei den Frauen aus. Was sei denn mit den nicht feministischen Frauen, hakt er nach, die dürfe man doch nicht ausgrenzen?

Das wird spitz gekontert mit dem Hinweis: „Die schreiben nicht. Oder wenn, dann unter Pseudonym und auch dann eher religiöse Erbauungsliteratur.“

Enthauptungen und Gedichte

In der arabischen Welt ist Poesie beliebt wie kaum wo anders. Die erfolgreiche Fernsehsendung Sha’iral-Milyoon (was soviel bedeutet wie „Millionär-Poet“ oder aber auch „Poet des Volkes“) haben 2014 weltweit mehr als 70 Millionen Menschen verfolgt. Die Sendung ist ein Talentwettbewerb für junge Dichter—ähnlich wie DSDS, nur eben für Lyrik. Der Gewinner bekommt umgerechnet bis zu 1,2 Millionen Euro. Zum Vergleich: Für den Literaturnobelpreis gibt es derzeit ein Preisgeld in Höhe von ungefähr 865.000 Euro.

(…)

Es verwundert daher nicht, dass Lyrik auch ein wesentlicher Bestandteil derPropaganda dschihadistischer Gruppen ist. „Die Terrorismus-Forschung hat das bisher zu großen Teilen ignoriert“, meint Professor Lohlker. „Das Hauptproblem dürfte die mangelnden Sprachkenntnisse in weiten Teilen der Forschung sein.“ Auch in der Propagandamaschinerie der IS-Miliz spielt Poesie eine wesentliche Rolle, wie der New Yorker bereits im Juni umfangreich berichtete. „Für die dschihadistischen Subkulturen sind gerade die klassischen Formen bedeutsam, da dadurch die Beherrschung der älteren arabischen Sprache demonstriert werden kann. Diese Beherrschung verstärkt den Anspruch, das einzig wahre Verständnis des Islams zu haben“, erläutert Lohlker.

Während Propagandavideos von Enthauptungen und anderen öffentlichen Hinrichtungen in erster Linie für die westliche Welt produziert werden, gibt es eine weitere große PR-Sparte der IS-Miliz für die arabische Welt: Videos von dschihadistischen Kämpfern, die gut gelaunt im Kreis sitzend Gedichte rezitieren und Lieder singen, sind beinahe genauso einfach auf YouTube zu finden wie Videos vom „heroischen“ Kampf der Mudschahedin. / Paul Donnerbauer, VICE

Poets‘ Militia

Iraqi Performance Art: „Poets‘ Militia“ Relives Victims‘ Plight While Reciting Anti-ISIS Poetry

Iraqi poets have taken the saying that art imitates reality to a whole new level: the „Poets‘ Militia“ travels from one place to another, reciting poetry from within a prisoners‘ cage, an ambulance, or a body bag. Wearing orange jumpsuits, the members of the „militia“ aim to expose „the hideousness [of ISIS practices] through poignant texts of theatrical poetry.“ This report on the „Poets‘ Militia“ aired on Mayadeen TV on November 24, 2015. / memritv

Gedichte im Minenfeld

Eine Nachricht aus Irak, die ist zwar ein paar Wochen alt, aber immer noch, leider immer aktuell:

France 24 erzählte eine unwahrscheinlich klingende Geschichte von Irakern, die darangingen, in einem Minenfeld mit den Mitteln der Kunst gegen die in ihrem Land herrschende Gewalt aufzutreten und dem Tod zu trotzen. 28 Millionen Minen gibt es im ganzen Land verteilt. „Wir haben die Minen [für unsere Aktion] ausgewählt, da ein Viertel der Landminen der Welt auf irakischem Boden liegt. Das ist schrecklich! Aber die Gewalt wird bei uns banalisiert, man nimmt sie gar nicht mehr wahr“, erklärt die Dichtergruppe. „Für gewöhnlich schreiben die Dichter. Die irakischen Dichter schreiben viel über Anschläge und Tod. Aber uns reicht es nicht, zu reden. Wir glauben, um das Unsägliche sagen zu können, muß man vom Wort zur Tat schreiten. Wir müssen uns dem Tod aussetzen, statt nur darüber zu reden.“

Man kann Gedichte auch auf dem Minenfeld oder im Wrack ausgebombter Autos vortragen. „In Irak gibt es an jedem Stadtrand einen Autofriedhof mit den Überbleibseln der Bombenanschläge.“ Also veranstalteten sie eine Aktion auf einem dieser Autofriedhöfe. Oder eine Lesung von einem Krankenwagen aus, mit bandagierten Körpern, um die Auswirkungen der Anschläge zu simulieren. / ActuaLitté

1. Jahr der arabischen Poesie

2014 war ein „Jahr der arabischen Poesie“, schreibt MLYNXQUALEY im Nomadics Blog (Chicago Tribunes).  Mindestens 9 Bände zeitgenössischer arabischer Poesie seien in diesem Jahr übersetzt worden. (Verkaufs- und Leserzahlen stünden auf einem anderen Blatt). Es sind

Nothing More to Lose, Najwan Darwish (Palästina), ed. and trans. Kareem James Abu-Zeid

Petra, Amjad Nasser (Jordanien/GB), trans. Fady Joudah (Tavern Books).

Chronicles of Majnun Layla and Selected Poems, Qassim Haddad (Bahrain), trans. John Verlenden and Ferial Ghazoul (Syracuse University Press).

A Bird Is Not a Stone, ed. Henry Bell and Sarah Irving, authors and trans. various (Freight Books) (29 berühmte schottische Dichter übersetzen 25 Palästinenser, nicht nur ins Englische, sondern auch ins Schottische, Gälische und Shetländische.)

This Room is Waiting, ed. Lauren Pyott and Ryan Van Winkle, authors and trans. various (Freight Books)
Ein übersetzungstechnisch intereressantes Projekt: Zwischenübersetzer (bridge translators) übersetzten für englischsprachige Dichter-Übersetzer und englischsprachige Texte wurden ins Kurdische und Arabische übersetzt, eine Zusammenarbeit von 4 britischen und 4 irakischen Dichtern. Eine interessante Frage: wie übersetzt man ein Werk, dessen politische Prämissen man nicht unbedingt teilt?

The Tahrir of Poems: Seven Contemporary Egyptian Poets, ed. and trans. Maged Zaher (Alice Blue Books)

Salah Faik (Irak): Selected Poems, ed. and trans. Haider al-Kabi (Dar Safi)

Iraqi Nights, Dunya Mikhail, trans. Kareem James Abu-Zeid (New Directions)

It Took Place in this House, Amal Gamal, trans. Faiza Sultan (Dar Safi)

50. Navid Kermani über den „Islamischen Staat“

Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Orientalist, sieht in der Offensive der Gotteskrieger im Nahen Osten eine dem Ersten Weltkrieg vergleichbare Katastrophe und ruft zur vereinten Abwehr auf.

Dass die Weltgemeinschaft – nein, nicht nur die Amerikaner –, den drohenden Genozid an Christen, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten verhindern muss, scheint sich in diesen Tagen als ein zivilisatorischer Konsens herauszukristallisieren. Sowohl die amerikanische wie auch die iranische Regierung liefern Waffen an die Kurden, die sich gegen den „Islamischen Staat“ stemmen, und die Erzfeinde unterstützen auch gemeinsam den designierten Premierminister Haider al-Abadi bei seinem Versuch, in Bagdad endlich eine überkonfessionelle Regierung zu bilden.

Die europäische Außenpolitik hat sich überraschend umstandslos aus den Fesseln ihrer notorischen Uneinigkeit befreit, indem sie sich selbst für bedeutungslos erklärte und den nationalen Regierungen freie Hand gab, einzugreifen oder nicht oder nur ein bisschen. In Deutschland sind sich grundverschiedene Politiker wie Gregor Gysi, Cem Özdemir und Elmar Brok einig, dass die Gegner des „Islamischen Staates“ militärische Unterstützung benötigen, wohlgemerkt auch aus Deutschland.

Dabei waren ausgerechnet die Grünen, die mit der Friedensbewegung entstanden sind, die erste Partei, die die amerikanischen Luftanschläge auf Stellungen des „Islamischen Staates“ ausdrücklich begrüßte – und zwar mit dem bemerkenswert selbstreflexiven Hinweis, dass man Terroristen nicht auf Jogamatten und in Gesprächsrunden besiegen könne, sondern „so, wie es die Amerikaner machen“. Es gibt Gründe zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft noch rechtzeitig genug eingreift, um humanitäre Korridore für die Flüchtlinge zu schaffen und den Fall der kurdischen Städte wie Erbil, die zu Zufluchtsstätten der verfolgten Minderheiten geworden sind, zu verhindern. Aber reicht das? (…)

Dass zur Zeit die nationalstaatliche Ordnung des Nahen Osten gesprengt wird, könnte, ja müsste Europa vielleicht noch hinnehmen – ist sie doch so willkürlich im 20. Jahrhundert entstanden, dass eine Neuordnung nicht zwingend schlechter sein muss. Nicht hinnehmbar ist, für kein mitfühlendes Herz, dass eine einzelne Terrorgruppe wie der „Islamische Staat“ das fragile und doch so wertvolle, zivilisatorisch so reiche Gebilde unterschiedlichster Ethnien, Religionen und Sprachen vernichtet, das sich am östlichen Mittelmeer über viele tausend Jahre relativ kontinuierlich herausgebildet hat.

Der Kampf gegen einen solchen, sich islamisch begründenden Extremismus darf nicht von Amerika allein geführt werden oder von christlichen Ländern, die sich um ihre Glaubensgeschwister zu Recht sorgen. Dieser Kampf muss ein Kampf gerade der islamischen Staaten, aber auch ihrer Theologen, ihrer Intellektuellen, der Muslime insgesamt sein. Ihre eigene Tradition ist es, die von den Dschihadisten zugunsten einer imaginierten, historisch, dogmatisch und vor allem auch menschlich völlig unhaltbaren Urgeschichte für obsolet erklärt wird. / Berliner Zeitung

69. 10. deutsch-arabischer Lyrik-Salon in Bonn

Der „deutsch-arabische Lyrik-Salon“ feiert ein kleines Jubiläum: Zum 10. Mal lädt der Begründer und Gastgeber Fouad El-Auwad ein zu einer poetischen Begegnung der Kulturen. Wie immer werden dabei die Gedichte auf Deutsch und auf Arabisch vorgetragen. Am kommenden Dienstag, 20. März, sind in Bonn außer dem Gastgeber zu hören: Theo Breuer (Deutschland), Marwan Makhoul (Palästina), Paul Henri Campbell (USA/Deutschland), Hedil Al Rashid (Irak), Safiye Can (Türkei*) und Christoph Leisten, der den Abend auch moderieren wird. Die Lesung findet statt um 19.30 Uhr im Institut Français (Adenauerallee 35).

*) Als Kind tscherkessischer Eltern in Hessen geboren, also doch wohl „Deutschland“. Ihr Ministerpräsident heißt nicht Erdoğan, sondern Bouffier.

76. Von der Religionspolizei zensiert

RIAD – Von der Poesie des Palästinensers Mahmud Darwisch über Essays von Azmi Bechara bis zu einem Buch über das Recht der saudischen Frauen, Autos zu fahren: Hunderte von Titeln wurden von der Buchmesse in Riad auf Druck religiöser Fundamentalisten entfernt.

Nach Angaben der saudischen Tageszeitung Okaz vom Sonntag wurden mehr als 10.000 Exemplare von 420 Titeln von den Organisatoren der Messe, die am Freitag endete, entfernt.

Mitglieder der Religionspolizei haben verstärkte Kontrollen an den Messeständen durchgeführt und Druck ausgeübt, um Gedichtbände des großen palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch zurückzuziehen. Laut Religionspolizei enthielten die Gedichte Darwischs, die zu den besten aus seiner Generation gezählt werden, Verweise auf den Atheismus und seien blasphemisch.

Die Maßnahme traf auch Vertreter der „Wiederbelebung der arabischen Poesie“ wie die irakischen Dichter Badr Shakir al-Sayyab und Abdel Wahab al-Bayati sowie den Palästinenser Moïn Bsisso (Muin Bessieso).

Abdallah al-Alami, Autor des Buches „Wann werden die saudischen Frauen das Recht haben, Auto zu fahren?“, erhielt anonyme Drohungen. / Romandie.com

18. Adonis in Bonn

Poetische Begegnung der Kulturen

Adonis zu Gast in Bonn — Gemeinschaftslesung in Köln

Seit 2006 veranstaltet der von dem deutsch-syrischen Dichter Fouad El-Auwad gegründete „Lyrik-Salon“ regelmäßig hochrangige literarische Abende in verschiedenen deutschen Großstädten. In der kommenden Woche ist der „Lyrik-Salon“ gleich zweimal im Rheinland zu Gast. Für Mittwoch, den 5. Juni, wurde der aus Syrien stammende, heute in Paris lebende Dichter Adonis zu einer Lesung in Bonn verpflichtet. Adonis gilt seit Jahrzehnten als der bedeutendste Dichter der arabischen Welt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2011) und dem Petrarca-Preis (2012). Er wird seine Gedichte auf Arabisch lesen; die Übersetzungen liest Fouad El Auwad. Die Soiree findet statt um 20 Uhr im Kammermusiksaal des Beethovenhauses (Bonngasse 18-26, 53111 Bonn). Musikalisch wird der Abend umrahmt von dem Lauten-Virtuosen Raed Koshaba; als Übersetzer fungiert Hasan Husain; die Moderation übernimmt Christoph Leisten. – Am darauffolgenden Donnerstag, dem 6. Juni, ist der „Lyrik-Salon“ mit einer Gemeinschaftslesung im Köln zu Gast. Hier lesen neben dem Gastgeber Fouad El-Auwad Franco Biondi, Suleman Taufiq, Gabriele Frings, Francisca Ricinski, Dragoslav Dedoviv (Serbien), Nedjo Osman (Makedonien), Burhan Schawi (Irak), Hussein Habasch (Syrien), Emad Fouad (Ägypten) und Belqis Hasan (Irak). Diese zweite Begegnung der Kulturen findet statt um 6. Juni um 19.30 Uhr im Kunsthaus Rhenania, Bayenstr. 28, 50678 Köln. Auch dieser Abend wird musikalisch begleitet durch Raed Khoshaba. Der Eintritt zu den beiden Abenden beträgt jeweils 10 Euro. – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de.

97. Lyrikbegeistert

Medellín feierte die „Inauguración“ vor viertausend lauschenden, ja begeisterten Zuhörern. Bei dreißig Grad und beständiger lauwarmer Brise saßen fünfzig Dichter aus beinahe ebenso vielen Ländern ihrem Publikum im Carlos Vieco Stadion gegenüber, und einer nach dem andern trat ans Mikrofon und sang, sprach artikuliert in den Zungen dieser Welt – bisweilen begleitet von Muschelhorn, Djembe, Tröte und Bravo-Rufen aus dem Publikum und jeweils tosendem Applaus. …

In diesem Jahr steht das größte Poesiefestival der Welt, das 2006 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, im Zeichen des Geistes der indigenen Völker. So sind die ersten fünf Dichter des Abends allesamt Repräsentanten nationaler Minderheiten. Eine Inuit schwingt die Trommel und beschwört die Götter ihrer Vorfahren, der lautstarke Maori Apirana Taylor, der bei der vorausgegangenen Pressekonferenz angab, dass er das Festival auch besuche, um Gemeinschaft in der großen Familie der Dichter zu finden, bläst ins Horn und überzieht seine Bühnenzeit gründlich. Vertreter anderer Volksgruppen Kolumbiens und ganz Südamerikas, gewandet in traditionelles Tuch, treten auf. / Nora Gomringer, FAZ

Zu den Teilnehmern gehören: Rachid Boudjedra (Algerien), Saba Kidane (Eritrea), Atala Uriana (Venezuela), Jane King (St. Lucia), Karenne Wood (USA), Hugo Jamioy Juagibioy (Kolumbien), Esdauletov Ulugbek (Kasachstan), Dunya Mikhail (Irak/ USA), Ion Deaconescu (Rumänien), Andreas Neeser (Schweiz), Andriy Bondar (Ukraine), Philip Hammial (Australien). Mehr

126. Revolution der Buchstaben

Mit Kalligrafie Bilder malen – das gelingt dem Künstler Adel Ibrahim eindrucksvoll. Die Ausstellung des gebürtigen Irakers wurde in der Galerie des Verbandes „Zusammenarbeit mit Osteuropa“ (ZMO) eröffnet. Seine Werke zeigen zum einen die von der klassischen islamischen Kalligrafie geprägten Schriftbilder, welche Koransuren oder Gedichte darstellen. Zum anderen sind es grafisch inspirierte Werke, welche die Schrift als Gestaltungsform einsetzen. Auch die Verwendung von Tusche und Acrylfarben auf Leinwand steht für diese Verbindung von Tradition und Moderne. Dies zeigt das Werk „Die Revolution der Buchstaben“: Ineinander verfließende Schriftzeichen in Orange- und Rottönen, eine Verbindung zwischen Oben und Unten, die sich auf die Umbrüche in der arabischen Welt bezieht. / Main-Spitze

64. Türkische Früchte 4: Tode

Dichter wurden allerorten verfolgt und gemordet. Unübertroffen Hitler und Stalin. In diesem einen Punkt war Stalin vorn, seinen Repressionen fiel eine mindestens dreistellige Zahl von Schriftstellern zum Opfer. In einer einzigen Nacht, der „Nacht der ermodeten Dichter“, ließ der Diktator 13 jüdische Intellektuelle hinrichten, darunter diese Schriftsteller:

  • Peretz Markish (1895–1952)
  • David Hofstein (1889–1952)
  • Itzik Fefer (1900–1952)
  • Leib Kvitko (1890–1952)
  • David Bergelson (1884–1952)

Diese beiden sind also konkurrenzlos. Sieht man an ihnen vorbei, stößt man auf die Tatsache, daß islamische Ländern seit dem Mittelalter besonders viele ihrer Dichter zu Tode brachten, namentlich auch spätere Klassiker. Eine kleine Liste von hingerichteten Autoren:

  • der Dichter Waddah al-Yaman, jetzt Nationaldichter in Jemen, wurde 708 wegen seiner Verse, vielleicht aber auch wegen zu enger Beziehung zur Frau des Kalifen, von diesem hingerichtet
  • der arabische Dichter Salih ibn ‚Abd al-Quddus wurde 784 wegen Ketzerei hingerichtet
  • Der Dichter Abu Nuwas starb 815 wegen eines Spottgedichts auf eine vornehme Perserfamilie – sie ließ ihn derart misshandeln, dass er an den Folgen starb
  • Huseyn ibn Mansur al-Halladsch wurde 922 in Bagdad hingerichtet
  • Abu at-Tayyib Ahmad ibn al-Husayn al-Mutanabbi, den man oft den größten arabischen Dichter nennt, wurde 965 ermordet
  • der türkische Dichter Nesimi (Nasimi) wurde 1405 hingerichtet, weil er einer der Ketzerei beschuldigten Sekte angehörte. Er starb in Aleppo durch Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe
  • Pir Sultan Abdal wurde um 1560 hingerichtet, weil er mit den Persern gegen die Herrscher von Siwas konspirierte
  • der türkische Dichter Nefi wurde 1635 hingerichtet, weil er Spottverse gegen einen Mächtigen schrieb
  • 1981 richtete die Islamische Republik Iran den Dichter  und Dramatiker Saeed Soltanpour hin

Nachtrag 2012: Zehntausende fordern in einer Facebook-Gruppe die Bestrafung des saudi-arabischen Journalisten Hamsa Kaschgari, weil er den Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Sie wollen ein Exempel statuieren und verlangen die Hinrichtung des 23-Jährigen.

32. Arabische Kulturrevolution

‚Hast du jemals davon geträumt, dass die einfachen Leute auf die Straße gehen und „nein“ sagen könnten?‘ Der aus dem Irak Saddam Husseins geflohene, heute in Deutschland lebende Schriftsteller und Lyriker Abbas Khider – Verfasser des Romans ‚Der falsche Inder‘ (Edition Nautilus) – stellte diese Frage seiner ägyptischen Kollegin Mansura Eseddin bei den Arabischen Literaturtagen an diesem Wochenende in Frankfurt.  …

Auffällig an diesen Literaturtagen war, in welchem Maße schreibende Frauen diskursbestimmend waren. Man ahnt im Gegenzug die Krise der patriarchalischen arabisch-männlichen Identitäten. Vielleicht sind ja die Frauen das Subjekt einer arabischen Kulturrevolution, die bereits im Gange ist und auch keines Voltaire mehr bedarf, dessen Fehlen Boualem Sansal beklagte. Wenn das kein ‚arabischer Traum‘ ist, wie jener, von dem Abbas Khider in Frankfurt als ‚von einer neuen Art Liebe‘ sprach. Das wäre dann auch Politik und erst recht Literatur. / VOLKER BREIDECKER, Süddeutsche Zeitung 23.1.

72. Überlandleitung

Im April 2011 startet die Lesereihe Überlandleitung in der Lettrétage in Berlin Kreuzberg.

Die Gesprächs- und Lesereihe präsentiert Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sowohl persönlich als auch von ihren Texten her zwischen Sprachen schreiben und leben.

Dabei soll aufgezeigt werden, wie das Schreiben fremde Sprache und Kultur näherbringen kann, ob und wie literarische Texte über die Sprachen, aus denen sie gemacht sind, hinausweisen. Gehen sie neue Verknüpfungen ein und zeigen so verschiedene Denkmuster und Perspektiven aber möglicherweise auch Parallelen auf? Gibt es grundlegende Unterschiede, Sprachbarrieren oder ein anderes Bewusstsein beim Verfassen von Texten in verschiedenen Sprachen?

Die Beteiligten

Abbas Khider, HEL Toussaint, Jean Krier, Katharina Deloglu, Maria Cecilia Barbetta, Nikola Richter, Norbert Miller, Simone Kornappel, Tzveta Sofronieva

Übersicht der Termine

  • 06.04. Lesung: Tzveta Sofronieva / anschließend im Gespräch mit: Simone Kornappel
  • 08.04. Lesung: Abbas Khider / anschließend im Gespräch mit: Nikola Richter
  • 16.04. Lesung: María Cecilia Barbetta / anschließend im Gespräch mit: Katharina Deloglu
  • 20.04. Lesung: Boris Schapiro / anschließend im Gespräch mit: HEL Toussaint
  • 04.05. Lesung: Jean Krier / anschließend im Gespräch mit: N.N.

ZU ALLEN TERMINEN: Eintritt frei!

Überlandleitung wird unterstützt vom Berliner Senat und dem Staat Luxemburg
Medienpartner: tageszeitung

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