logo2a

Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Sie können uns bei WordPress abonnieren (siehe rechts).

Christa Reinig 100

446 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Christa Reinig

(* 6. August 1926, heute vor 100 Jahren, in Berlin; † 30. September 2008 in München) 

Die ballade vom blutigen Bomme

hochverehrtes publikum
werft uns nicht die bude um
wenn wir albernes berichten
denn die albernsten geschichten
macht der liebe gott persönlich
ich verbleibe ganz gewöhnlich
wenn ich auf den tod vom Bomme
meinem Freund zu sprechen komme

möge Ihnen nie geschehn
was Sie hier in bildern sehn

zur beweisaufnahme hatte
man die blutige krawatte
keine spur mehr von der beute
auf dem flur sogar die leute
horchen was nach außen dringt
denn der angeklagte bringt
das gericht zum männchenmachen
und das publikum zum lachen

seht die herren vom gericht
schätzt man offensichtlich nicht

eisentür und eisenbett
dicht daneben das klosett
und der wärter freut sich sehr
kennt den mann von früher her
Bomme fühlt sich gleich zuhaus
ruht von seiner arbeit aus
auch ein reicher mann hat ruh
hält den sarg von innen zu

jetzt geht Bomme dieser mann
und sein reichtum nichts mehr an

sagt der wärter: grüß dich mann
laß dirs gut gehn – denk daran
wärter sieht auch mal vorbei
mach mir keine schererei
essen kriegst du nicht zu knapp
Bomme denn dein kopf muß ab
Bomme ist schon sehr gespannt
und malt männchen an die wand

nein hier hilft kein daumenfalten
Bomme muß den kopf hinhalten

Bomme ist noch nicht bereit
für abendmahl und ewigkeit
kommt der pastor und erzählt
wie sich ein verdammter quält
wie er große tränen weint
und sich wälzet – Bomme meint:
das ist alles intressant
und mir irgendwie bekannt

denn was weiß ein frommer christ
wie dem mann zumute ist

auf dem hof wird holz gehauen
Bomme hilft das fallbeil bauen
und er läßt sich dabei zeit
schließlich ist es doch soweit
daß es hoch und heilig ragt
Bomme sieht es an und sagt:
das ist schärfer als faschismus
und probiert den mechanismus

wenn die schwere klinge fällt
spürt er daß sie recht behält

aufstehn kurz vor morgengrauen
das schlägt Bomme ins verdauen
und da friert er – reibt die hände
konzentriert sich auf das ende
möchte gar nicht so sehr beten
lieber schnell aufs klo austreten
doch dann denkt er: einerlei
das geht sowieso vorbei

von zwei peinlichen verfahren
kann er eins am andern sparen

wäre mutter noch am leben
würde es auch tränen geben
aber so bleibt alles sachlich
Bomme wird ganz amtlich-fachlich
ausgestrichen aus der liste
und gelegt in eine kiste
nur ein sträfling seufzt dazwischen
denn er muß das blut aufwischen

bitte herrschaften verzeiht
solche unanständigkeit

doch wer meint das stück war gut
legt ein groschen in den hut

Aus: Christa Reinig, Sämtliche Gedichte. Mit einem Vorwort von Horst Bienek. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 43ff

Prager Fragebogen

Jan Skácel

(1922-1989)

Totenschein

Was war er von beruf?
Hühnerhirt im getreide
Und wann wurde er geboren?
Es war noch nicht dunkel

Die mutter aber war die mutter
und der vater wurde zerrissen
zwischen zwei schimmeln

Todesursache? Seit langem vernachlässigt
Erbittlich
Und dort wo kleine mädchen sich fürchten
die himmel und hölle springen
werden glocken erklingen

Viele male

1982

Aus dem Tschechischen von Reiner Kunze, aus: Die Prager Moderne. Erzählungen, Gedichte, Manifeste. Mit einer Einleitung von Milan Kundera. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Květoslav Chvatík. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991, S. 280f.

Geschichte meiner indianischen Lebensweise

George Lezard

Ich will die Geschichte erzählen

Ich will die Geschichte meiner
indianischen Lebensweise erzählen -
wie ich lebe und die Gabe des Lebens und die
mir anvertrauten Rechte bewahre.
Die Nahrung, die uns gegeben wurde, war vielfältig.
Wild - alles, was auf vier Beinen geht:
es wurde uns gegeben.
Fisch - alles, was in den Gewässern schwimmt:
es wurde uns gegeben.
Geflügel - alles, was in der Luft fliegt:
es wurde uns gegeben.
Beeren - all die, die auf der Erde wachsen:
sie wurden uns gegeben.
Wurzeln - all die, die in der Erde wachsen:
sie wurden uns gegeben.
Von den hohen Bergen
durch die Flüsse
bis zum Ozean
fließt Wasser
und geht in den Kreislauf ein, um erneut zu fließen,
gibt Leben allen, die leben.
Die Sonne, der Mond
scheinen herab auf mich,
geben Leben und Licht.
Die Schöpfung...
ER schuf die Erde
und ließ mich oben auf ihr stehen.
ER sprach: «Nimm die Erde und übergib sie MIR.»
Wenn ich IHM die Erde übergebe,
wird ER die Erde richten nach seinem Ermessen.

Aus: Der Gesang des Schwarzen Bären. Lieder und Gedichte der Indianer. Zweisprachig (engl.- dt.). Herausgegeben und übersetzt von Werner Arens und Hans-Martin Braun. München: C.H. Beck, 1992, S. 85

Lezard, George (oder QUILCHINHIN SEWHILKIN, wie sein indianischer Name lautet), gehört zum Stamme der Okanagan. Er wurde 1886 geboren, lebte bei den Salish und war wahrscheinlich der letzte Schieferschnitzer in der alten Tradition der kanadischen Westküste. (Ebd. S. 321f)

Eine Frau die kein Bier trinkt

Jörg Fauser

(16. Juli 1944 Bad Schwalbach, Taunus – 17. Juli 1987 München)

Eine Frau die kein Bier trinkt

Heute sind sie mir wieder sehr fern,
die großen Gedanken, die eindeutigen Erklärungen
über das Leben vor dem Tod und den Tod
vor dem Leben, alles was mir einfällt
ist diese Frau die kein Bier trinkt,

eine Frau die kein Bier trinkt
trinkt auch keinen Whisky, es ist natürlich
eine zarte Frau, aber sie darf trotzdem
einen fetten Hintern haben und eine leichte
Gastritis und ein goldenes Kettchen
am linken Fußgelenk und rasierte Achsel-
höhlen mit einem Tupfer billigem Parfüm, und
wenn sie ihre Strümpfe runterrollt gibt es
immer eine Laufmasche zu beklagen und
den Preis echter Krokodillederschuhe
und sie darf den zarten Schatten ihrer
Müdigkeit auf den Stuhl zu meiner Hose
legen wenn sie die Vorhänge schließt,
eine Frau die kein Bier trinkt
riecht nach Veilchenpastillen und Kindern
und Artischockenlikören, ihre weißen schweren
Brüste enthalten Arrakräusche und Milch-
märchen und Hinterhöfe mit süßem Schnee
und Flieder und Rosshaarsonnen,
Amselstädte, Taubenaufschnitt, Gewürzmühl-
asyle,

eine Frau die kein Bier trinkt
kostet mehr als drei Halbe,
einmal Bahamas oder Trinkerheilanstalt
und zurück, sie kostet dieses
Gedicht, sie zieht mich mit ruhigen Fingern
aus jedem Glas in das ich entwische, sie nimmt
den Most meiner Seele in ihren rosa Mund
und spült damit wie mit Zahnputzwasser
und ich reibe meine rote Säufernase an ihrem
zarten dicken Hintern und denke, es ist doch sehr
unwahrscheinlich dass Frauen die kein Bier trinken
einfach sterben sollen wie ich und der Rest
der Welt ...

21.8.1977

Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 184f.

Mystische Magistrale

Mychajl Semenko

(1892-1937)

MYSTISCHE MAGISTRALE

Ich warte dass der Abend sein Werk tut
wenn sich werbend die Profanierung der Stadt bemächtigt
wenn die Feuer entflammen und der Himmel verlischt
und in den Augen die festliche Beleuchtung aufblinkt

ich warte dass Wege zusammenfinden
Parallelen sich kreuzen und Spiralen zusammenlaufen
alle Wege und Richtungen brechen längst aus
alle Wege treffen sich in der mystischen Magistrale.

2.VI.1918. Kyjiw

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, aus: Mychajl Semenko, » Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?«. Gedichte und futuristische Skizzen. Herausgegeben von Serhij Zhadan und Claudia Dathe. Göttingen: Wallstein, 2026, S. 113.

 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – im Russischen Reich waren Publikationen in ukrainischer Sprache bis 1905 verboten – war allein schon das Schreiben auf Ukrainisch ein politischer Akt. Sich als Ukrainer zu bezeichnen, war eine politische Geste. Während Literaturen in Nationalstaaten oder Titularliteraturen in Imperien nicht eng an den gesellschaftlichen Kontext gebunden waren, sahen sich Literaturen von Völkern, die über keinen eigenen Staat verfügten, immer gezwungen, politisch zu agieren, politisch in Erscheinung zu treten. (…)

 In knapp 25 Jahren durchlief Mychajl Semenko als Autor, Theo­retiker und literarische Leitfigur einen außerordentlich intensiven, schwierigen und widersprüchlichen Weg, der ohne Weiteres für Biografien mehrerer Autoren reichen würde. Nun, er hat diese eine Biografie, und sie ist Teil der ukrainischen Literaturgeschichte. Nachdem er 1937 erschossen worden war, wurde er aus der literarischen Zirkulation gestrichen, ausgeblendet, vergessen.

Aus dem Nachwort von Serhij Zhadan, S. 8 / 18

Das dürfen sie nie erfahren

126 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Sarah Kirsch

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein) 

Die Büchse der Pandora

Zu bestimmten Zeiten, das könnten die Zwölf Haydnischen Nächte sein, haben unsere Männer, von denen wir im Krach geschieden sind, gewisse Macht über uns. Das dürfen sie nie erfahren. Die möglichen glücklichen Konstellationen werden ihnen verborgen sein, weil sie dergleichen nie zu hoffen wagen und wir ihnen auch in sieben greifbaren Jahren merkwürdig fremd geblieben sind. Die Schrift hier wird ihr übriges tun. Sie an Tagen sicher machen, wo bei uns nichts zu holen ist. Sie werden immer zur falschen Zeit zum Telefonhörer greifen, und das bewirkt, daß wir unserer letzten Liebe wieder treu sind auf Jahre.

Aus: Sarah Kirsch, Sämtliche Gedichte. München: Penguin, 2025, S. 174

Wie übersetzt man ein Gedicht, das fast nur aus Grammatik besteht?

530 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Manchmal umfasst ein Gedicht nur vier Zeilen – und öffnet dennoch einen weiten Raum für Interpretation. So verhält es sich mit „Elegy as the Four Seasons“ der amerikanischen Lyrikerin Katie Peterson, erschienen 2025 in der Paris Review. Der Text wirkt zunächst schlicht, fast wie ein Kindervers oder ein Sprachspiel. Doch gerade seine äußerste Reduktion macht ihn zu einer Herausforderung für Leserinnen, Leser – und Übersetzer.

Bereits der Titel ist vieldeutig. Bedeutet „Elegy as the Four Seasons“ eine Elegie als die vier Jahreszeiteneine Elegie in Gestalt der vier Jahreszeiten oder eine Elegie nach Art der vier Jahreszeiten? Das kleine Wort as trägt den ganzen Text. Es kann Gleichsetzung, Vergleich oder Erscheinungsform bedeuten. Jede deutsche Übersetzung entscheidet sich zwangsläufig für eine dieser Möglichkeiten und schließt andere aus.

Ähnlich verhält es sich mit den vier Versen. Grammatisch sind sie denkbar einfach, semantisch jedoch überraschend offen. „Summer is never“ beschreibt keinen Sommer, sondern macht aus ihm eine Zeitform des Ausbleibens. „Fall is again“ lässt den Herbst zur Wiederkehr werden. „Winter is forever“ verbindet den Winter mit Ewigkeit, während „Spring is when“ den Satz absichtlich unvollendet lässt. Der Frühling ist kein Zustand, sondern ein Zeitpunkt – allerdings ohne den erwarteten Nachsatz. Das Gedicht endet mit einer offenen grammatischen Konstruktion.

Gerade deshalb ist jede Übersetzung bereits eine Interpretation. Soll der lakonische Ton erhalten bleiben, selbst wenn das Deutsche sperriger klingt? Oder darf die Übersetzung poetischer werden und Reime oder Rhythmen entwickeln? Zwischen „Der Frühling ist dann“, „Frühling lässt sich Zeit“ oder „Der Frühling ist, wenn“ liegen unterschiedliche poetische Konzepte. Keine Fassung ist endgültig richtig; jede macht einen anderen Aspekt des Originals sichtbar.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Qualität dieses Gedichts. Es erzählt nichts und beschreibt fast nichts. Stattdessen macht es erfahrbar, wie Sprache Bedeutung erzeugt – und wie Übersetzung diesen Prozess fortsetzt. Der Übersetzer transportiert nicht einfach einen fertigen Sinn, sondern eröffnet einen neuen Möglichkeitsraum.

Deshalb ist die Einladung zum Mitübersetzen mehr als ein spielerischer Einfall. Sie macht sichtbar, dass Lyrik im Dialog entsteht: zwischen Original und Übersetzung, zwischen Autorin und Lesern, zwischen verschiedenen Sprachen und ihren Möglichkeiten. Gerade ein so kurzes Gedicht zeigt, dass Übersetzen selbst eine Form des Dichtens sein kann.

Welche Version, die Basisversion A oder die Alternativen, ggf. welche Kombination von Titel und Text (wie 1-A, 3-C usw.) bevorzugen Sie? Oder finden Sie eine eigene Fassung? Ich bin ganz Ohr.

Katie Peterson

Elegy as the Four Seasons

Summer is never
Fall is again
Winter is forever
Spring is when

Aus: The Paris Review, Issue 253, Fall 2025, S. 178

Elegie in Gestalt der vier Jahreszeiten

Sommer ist nie
Herbst steht bereit
Winter endet nie
Frühling lässt sich Zeit

Titelalternativen

1 Elegie als die vier Jahreszeiten
2 Elegie der vier Jahreszeiten
3 Elegie nach Art der vier Jahreszeiten
4 Elegie: die vier Jahreszeiten
5 Elegie in Gestalt der vier Jahreszeiten


Alternative Übersetzungen

B

Der Sommer ist niemals.
Der Herbst ist wieder.
Der Winter ist für immer.
Der Frühling ist dann.

C

Der Sommer kommt nie.
Der Herbst kehrt wieder.
Der Winter währt ewig.
Der Frühling ist, wenn.

D

Der Sommer ist nie
der Herbst ist bereit
der Winter eh und je
der Frühling immer weit

← Zurück

Vielen Dank für deine Antwort. ✨

Wähle mehrere Optionen(erforderlich)

Oder Ihre eigene Version im Kommentar?

Sandra Trojan 1980-2026

236 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ihre Gedichte leuchten. Beim Wiederlesen nach 15 Jahren springt mich aus jedem etwas an. Wenn ich in Bienen spreche, in Birnen. Ein Bienentanz, und damit meine ich: Bienentanz. Wenn der Abend kommt und sich die Schlange durchs Kürbisbeet windet. Wenn ich blinzle, wird der Horizont ganz flach. Wie viele Knochen im menschlichen Körper? Genug, einen Archäologen glücklich zu machen. Am Tag dreizehn Berührungen der Frau, fünf dem Mann. Ich sage Birne, du sagst Birne. Der Boden ein Beinhaus voll schlafender Füße, & bloß der Fuchsschwanzdocht in meiner Metahöhle leitet noch das Licht. Du bist über den Dielenboden geschlittert, drehtest dich um die blanken Knöchel so schutzlos, ich konnte nicht mehr.

Oder 

Contortio

Sich nicht um Verbindungen kümmern –
kein Schmerz, wenn sich Bänder
zu Kordeln drehen und Schultern
aus ihren Sockeln springen. Spielt
das Akkordeon aus Rippen und Haut
klopfen Fersen am Hinterkopf an
kratzen Zehen Schorf von der Wange.
Ein kleiner Schubs und schon rutscht
die Lawine gestapelter Schindeln
ist beim Mikado der Nächste am Zug.

Ein Karton im Regal bewahrt Bilder auf –
jeden Abend, wenn Muskeln das Fleisch
zum Nachinnenbiegen drängen und
Kamerablitze jede Windung einfangen
wird so ein Bild zwischen Haut
und hautenges Trikot gesteckt
um den Körper daran zu erinnern
wohin die Knochen einmal gehörten.

Aus: Sandra Trojan, Um uns arm zu machen. Gedichte. Leipzig: poetenladen, 2009, S. 27

Am 6. März ist Sandra Trojan in Albuñol in Spanien gestorben, 46 Jahre alt.

Im Falle von Menschheitsereignis

495 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Kenneth Patchen 

(* 13. Dezember 1911 in Niles, Ohio; † 8. Januar 1972 in Palo Alto, Kalifornien)

Im Falle von Menschheitsereignis

Mach aus das Licht, das auf die Statuen scheint.
Sperr auf die Grüfte rohen Steins; bestell
uns ein paar neue Menschen. Schätz den Wert
jener andern hoch: vergiss nicht, was sie alles getan haben.
Zerstöre nichts. Sie bauen eine Welt, die wir nicht brauchen;
Sie bahnten eine Bahn, die im Desaster endete.
Ihre Zeit ist um. Der Vorhang fällt. Wir sind dran.
Wie schade, dass so wenig für uns übrig ist. Sehr fraglich,
ob später jemand von uns sagen wird: Nicht vergessen, zerstören.
Sehr fraglich, ob ihnen das alles so viel bedeuten wird wie uns.
Mach aus das Licht, das auf die Statuen scheint.
Was, denkst du, ist die Mode der Toten nächstes Jahr?

Aus dem Amerikanischen von Christian Filips, aus: Mütze # 10, 2015, S. 485

When in the Course of Human Events

Turn out the lights around the statues.
Unlock the vaults of unhewn stone, put down
An order for new men. Place high the value
Of those others: do not forget what they have done.
Do not destroy. They build a world we could not use;
They planned a course, that ended in disaster.
Their time is up. The curtain's down. We take power.
We're sorry they left so little. We wonder
If any will say of us: Do not forget. Do not destroy.
We wonder if they will mean it as much as we do now.
Turn out the lights around the statues.
What do you think the dead will wear next year?

Ebd.

Kleiner Kontext

Aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776

When in the Course of human events, it becomes necessary for one people to dissolve the political bands which have connected them with another, and to assume among the powers of the earth, the separate and equal station to which the Laws of Nature and of Nature’s God entitle them, a decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which impel them to the separation.

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Wenn es im Laufe der menschlichen Ereignisse für ein Volk notwendig wird, die politischen Bande zu lösen, die es mit einem anderen verbunden haben, und unter den Mächten der Erde den selbstständigen und gleichberechtigten Rang einzunehmen, zu dem die Gesetze der Natur und des Gottes der Natur es berechtigen, so verlangt die gebührende Achtung vor den Ansichten der Menschheit, dass es die Gründe darlegt, die es zu dieser Trennung bewegen.

Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden; dazu gehören Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.

Hier das 250 Jahre alte Original mit einer ebenso alten deutschen Fassung

Wie Gedichte arbeiten

165 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Silke Scheuermann

Die Art wie Gedichte arbeiten

indem sie glitzern
in allergrößter Beiläufigkeit
oder sich öffnen und
hypnotisch leuchten
oder wirklichkeitsfremd
sind die Welt schwierig finden
verfliegen
Die Art wie Gedichte arbeiten
gewöhnlich und fähig
sich selbst zu illustrieren
sich der Ferne zu nähern
so dass sie fern bleiben darf
Die Art wie Gedichte arbeiten
mit Aufenthaltserlaubnis
und Flugschein
ist dem Winter durch Leugnen
immer näher zu kommen
Letztlich ein vollkommener
Kreis um die Kälte
und dabei immer
ein wenig über ihr
wie eine Boeing
die noch nicht landen darf
aber dadurch für alle unten
sichtbarer wird
Die Art wie Gedichte arbeiten
um aufzufangen und die
dreißig Seiten die nie irgendwer
geschrieben hat
in sich aufnehmen
als Fracht die du in
den Händen hältst
in der du den Himmel erkennst
den Atemzug abpasst
der dich glücklich macht
Die Art wie Gedichte arbeiten
ist zufällig
mutwillig
und von gleißend heller
Selbstverständlichkeit

Aus: Silke Scheuermann, Über Nacht ist es Winter. Gedichte. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2007, S. 82f

ich habe meine meinung gesagt

515 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Das kurze Gedicht „I Expressed My Opinion“, das ich zum 80. Todestag der amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein ausgesucht habe, wirkt auf den ersten Blick fast belanglos. Es reiht Ortsnamen aneinander, stellt eine einfache Frage und endet mit einer Art Pointe. Gerade in dieser scheinbaren Einfachheit liegt jedoch Steins poetisches Programm. Nicht die Mitteilung einer Botschaft steht im Mittelpunkt, sondern der Vorgang des Sprechens selbst.

Die wiederholte Präposition „In“ erzeugt einen sprachlichen Rhythmus, der wichtiger wird als die geografischen Bezeichnungen. Iowa, Idaho, Illinois und Tennessee sind weniger Orte als Klangereignisse. Die Sprache bewegt sich vorwärts, weil die Wörter sich gegenseitig antreiben. Bedeutung entsteht nicht allein durch logische Zusammenhänge, sondern durch Wiederholung, Lautähnlichkeit und Rhythmus.

Gertrude Stein

(geboren 3. Februar 1874 in Allegheny West in Pittsburgh, Pennsylvania; gestorben 27. Juli 1946, heute vor 80 Jahren, in Neuilly-sur-Seine bei Paris),

I Expressed My Opinion

In lowa
In Idaho
In Illinois
In Tennessee
Indeed
In there.
And what did they say.
They said they don't like puzzles.
We give them jam.

Aus: Gertrude Stein. Spinnwebzeit. Bee Time Vine und andere Gedichte. Übertragungen und Lesarten von Marcel Beyer, Erica & Raymond Federman, Thomas Gruber, Barbara Heine, Norbert Hummelt, Ernst Jandl, Andreas Kramer, Jürg Laederach, Oskar Pastior, Jennifer Poehler, Ronald Pohl, Friedhelm Rathjen und Annette Zimmermann. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marcel Beyer, Barbara Heine und Andreas Kramer. Zürich: Arche, 1993, S. 9

Ich Habe Meine Meinung Ausgedrückt

In lowa
In Idaho
In Illinois
In Tennessee

Tatsächlich
In dem dorten.

Und was haben sie gesagt.
Sie sagten sie mögen keine Rätsel.
Wir geben ihnen Verstopfung.

Deutsch von Erica & Raymond Federman. Ebd., S. 10

ich habe meine meinung gesagt

in iowa
in idaho
in illinois
in tennessee
in der tat
innerorts.
und was meinten sie.
meinten sie sind nicht für rätsel.
wir geben ihnen eins auf.

Deutsch von Thomas Gruber/Annette Zimmermann. Ebd. S. 11

Der Kritiker Richard Bridgman nennt diese Arbeiten »belanglose Wortspiele, die nur dazu dienen, die Zeit totzuschlagen«. Doch die Texte begehen keinen Totschlag, sondern sie strukturieren die Zeit, die Sprech- und Atemzeit, indem sie kleinere oder größere rhythmisch-prosodische Abschnitte bilden. Sie arbeiten sich lautlich und klanglich voran, sind assoziativ mehr oder weniger verbunden und erreichen gerade dadurch einen Reichtum an Bedeutung. »Satt sattsam in einem Satz. Das gibt dem Ton die Farbe.« (Carry/Fuhre) Die Autorin hat diese Schaffensphase später in ihrer unnachahmlichen Manier so kommentiert: Sie sei » mehr und mehr« davon fasziniert gewesen, »wie Wörter die die Wörter waren die machten daß das was ich ansah, aussah wie es selber nicht die Wörter waren die in sich irgendeine Eigenschaft von Beschreibung besaßen«.

Eine Abkehr vom Deskriptivismus also, die innersprachlich vollzogen wird, indem die Autorin syntaktische Bindungen zugunsten von klanglichen aufgibt. Das bedeutet, daß die Wörter autonom werden, daß sie in sich und für sich eine neue Qualität bekommen. Diese frühe spanische Periode, wie Stein sie genannt hat, prägte den Texten eine »außergewöhnliche Wortmelodie und eine Melodie von Erregung« auf (Lectures in America, 1935; deutsch: Was ist englische Literatur und andere Vorlesungen, 1965).

Ebd. S. 115 (aus dem Nachwort von Marcel Beyer, Barbara Heine und Andreas Kramer)

die jakobinerclubs haben frei

103 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Thomas Böhme

(* 24. November 1955 in Leipzig) 

die kuckucks verschweigen den mai

die tafel runde ist schlafen gegangen
als gäbe es nichts mehr zu retten
in den städten. die jakobinerclubs haben frei.

über dem land wogt die china hitze
um mauergerippe summt weiß der monsun
manchmal stürzt eine türken taube
über die grüne grenze nach hüben.

kinder drücken die zuckerlippen
in den bördelrand ihrer coca büchsen
manchmal stürzen sich altgediente
fluchtpioniere von den häuserklippen.

(mai 1990)

Aus: Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Neu herausgegeben und aktualisiert von Karl Otto Conrady. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 2000, S. 1197

Bebige Hügel wiegen Verlangen

178 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ein neues Heft der Lyrikreihe Versensporn flattert ins Haus, diesmal ein altbekannter Autor – August Stramm.

Erfüllung

Meine Sporen frechzen deine Spitzen!
Bläulich kichern die Äderchen fort
In Sicherheit höhnisch
Im
Schimmrigen Weich
Bebige Hügel wiegen Verlangen
Köpfchen rosen empor und steilen Gewähr.
Die Lippe zerfrißt sich!
Golden ringeln Würger hinunter
Und schnüren den Hals zu
Nach meinen Fingern tastet dein Blut
Und siedet den Kampf.
Die Seelen ringen und kollern abseit!
Hoch schlagen die Röcke den Blick auf
Goldhellrot
Rotweichrot
Flamme zischt in das Hirn
Und sticht mir das Schaun aus!
Sinken Sinken
Schweben und Sinken
Schwingen im Sturme
Im Sturm
Im schreikrollen Meer!
Ziegelrot
Über uns segnet der Tod
Säender Tod!

VERSENSPORN
Heft für lyrische Reize

Nr. 63: August Stramm
Broschur, Klammerheftung
32 Seiten
Umschlagmotiv: Franz Marc
Erste Auflage 2026: 130 Exemplare
Preis: 4,00 €

Das Heft bietet eine Auswahl von 51 Gedichten aus den Jahren von 1913/14 bis 1915.
Exklusiv den Exemplaren der Abonnenten liegt die Reproduktion eines Porträts von August Stramm bei, rückseitig bedruckt mit einem Gedicht von Kurt Heynicke. 
Demnächst:
VERSENSPORN Heft 64: Kurt Schwitters

Hasensilvester

142 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Margret Boysen

Hasensilvester

am unbegreiflichen Ende der Ordnung,
in der Staubschleppe des Saturns,
im Goldenen Schnitt der Schönheit,
und besonders im Hasenglück
schläft eine Sprache,
die wir erfunden haben
und trotzig verschweigen.

Picasso verschwieg sie in seiner Kunst,
Faschisten verschweigen sie,
wenn sie Denker vernichten,
Erosion bringt sie zum Schweigen;
vielleicht auch das ultraviolette Licht
oder das Alter.

in den Salons fehlen:
Mathematiker, Physiker, Geologen.
in der Kunst das Marmorfleisch,
auf den Feldern die Hasen.

was hat die Schmorzeit für Hasen
mit Herrn Fibonacci zu tun?
warum werden Preise
für Zwieback-Forschung verliehen?

laut lacht der jüdische Hase
maghrebinischer Herkunft,
leise weint der deutsche,
über das Hasensilvester.

Aus: Akzente 2, April 2010, S. 124

Margret Boysen, geboren 1967 in Rendsburg, lebt in Potsdam. Sie studierte Geologie und Paläontologie in Berlin, ist Pressereferentin und Art Director am Potsdam-Institut für Klimaforschung.
(Ebd. S. 192)

Episch

395 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Patrick Kavanagh 

(* 21. Oktober 1904 im Townland Mucker, irisch Mucair, bei Inniskeen, County Monaghan; † 30. November 1967 in Dublin) 

Epos

Ich lebte an bedeutungsvollen Orten,
Zu Zeiten der Entscheidung, wem gehörte
Der Viertelmorgen Fels, ein Niemandsland,
Umstellt von unserem forkenstarren Fordern.
Die Duffys schrien ›Zur Hölle fahrt‹, der alte McCabe
Schritt halbnackt vor aller Augen das Landstück ab,
Und trotzte blauem Gußstahl – ›Hier,
Entlang der Eisensteine, ist die Grenze‹
Dies war das Jahr des Münchner Ärgers. Was
War wichtiger? Ich war geneigt, den Glauben
An Ballyrush und Gortin zu verlieren,
Bis das Gespenst Homers mich flüsternd ankam.
Es sprach: Aus solchem Zank schuf ich die Ilias.
Die Götter schaffen sich Bedeutung selbst.

(1951)

Aus dem Englischen von Jan Wagner, aus: Akzente 1/1997, S. 10

Epic 

I have lived in important places, times
When great events were decided, who owned
That half a rood of rock, a no-man’s land
Surrounded by our pitchfork-armed claims.
I heard the Duffys shouting “Damn your soul”
And old McCabe stripped to the waist, seen
Step the plot defying blue cast-steel —
“Here is the march along these iron stones”.
That was the year of the Munich bother. Which
Was more important? I inclined
To lose my faith in Ballyrush and Gortin
Till Homer’s ghost came whispering to my mind.
He said: I made the Iliad from such
A local row. Gods make their own importance.

Der irische Dichter Patrick Kavanagh gehört zu den großen Erneuerern der englischsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Sein Gedicht „Epic“ (Epos) aus dem Jahr 1951 zeigt exemplarisch, wie sich das vermeintlich Kleine mit dem ganz Großen verbindet. Aus einem Streit um ein Stück Ackerland entwickelt Kavanagh eine poetische Reflexion über Geschichte, Dichtung und die Entstehung von Mythen.

Es handelt sich um ein deutschen Ohren fast reimlos klingendes Sonett, das aber (im Original) durch Halbreime (times / claims; owned / land; soul / owned; seen / steel…) fest nach italienischem Schema strukturiert ist: abba cddc efgfeg – auch im Silbenmaß Dantes oder Shakespeares, Zehn/ Elfsilbler. Jan Wagner hat die Halbreime nur an wenigen Stellen angedeutet (Orten / fordern), ohne ein erkennbares Schema. Auch er benutzt das originale Silbenmaß – seine Fassung klingt deshalb wie Blankvers (reimloser Zehnsilbler).

„Epos“ gehört zu Patrick Kavanaghs bekanntesten Gedichten. Es erinnert daran, dass Literatur Größe nicht aus monumentalen Stoffen gewinnt, sondern aus der Fähigkeit, im Alltäglichen das Allgemeine zu erkennen. Der Geist Homers spricht deshalb nicht nur über die Antike, sondern über das Wesen von Dichtung.