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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Mit uns

2020 ist doppelt Celanjahr zwischen 50. Todes- (um den 20. April) und 100. Geburtstag (23. November). Heute ein weiterer Text Celans, aus dem Zyklus „Eingedunkelt“, der im März und April 1966 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Paris entstand und 1968 in der Suhrkamp-Anthologie „Aus aufgegebenen Werken“ publiziert wurde.

MIT UNS, den
Umhergeworfenen, dennoch
Fahrenden:

der eine,
unversehrte,
nicht usurpierbare,
aufständische
Gram.

[9.4.1966]

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamptaschenbuch 5105. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 272

Südlicher Morgen

Jorge Luis Borges
(* 24. August 1899 in Buenos Aires; † in 14. Juni 1986 in Genf)

Südlicher Morgen
an Kurt Heynicke

Die Fahnen sangen reife Farben
Der Wind
Ist in den hohlen Händen ein Bambuszweig
Wie ein klarer Baum
die Welt
wächst auf
Über die Dächer schallt
Der Hahnenschrei der Sonne
In allen Augen birst das Licht
Der Sonnensporen
Mein Schatten fällt
ein welkes Blatt
Himmel fliegt hoch
Die schwarzen Vögel rudern
wie losgewordne Nächte
Der junge Morgen
Auf meiner Schulter singt wie ein anderer Vogel

Dies ist Borges’ freie Übersetzung eines eigenen Gedichts, die er dem Dichter Kurt Heynicke im März 1921 während der Überfahrt nach Argentinien vom Dampfer »Reina Victoria Eugenia« aus sandte.

Lila Bujaldón de Esteves hat diesen Fund kenntnisreich vorgestellt und kommentiert, siehe bibliographische Angabe weiter unten, hier daraus ein paar Hinweise.

Die Handschrift befindet sich in Marbach; das zugrunde liegende spanische Ausgangsgedicht von Borges war kurz zuvor in der ersten Ausgabe der Madrider Zeitschrift Ultra erschienen (wurde später von ihm in keinem Gedichtband aufgenommen):

Mañana
A Antonio M. Cubero

Las banderas cantaron sus colores
    y el viento es una vara de bambú entre las manos
El mundo crece como un árbol claro
Ebrio como una hélice
    el sol toca la diana sobre las azoteas
    el sol con sus espuelas desgarra los espejos
Como un naipe mi sombra
ha caído de bruces sobre la carretera
Arriba el cielo vuela
    y lo surcan los pájaros como noches errantes
La mañana viene a posarse fresca en mi espalda.

Hier eine Arbeitsübersetzung davon:

Morgen
An Antonio M. Cubero

Die Fahnen sangen ihre Farben
    und der Wind ist ein Bambusrohr in den Händen.
Die Welt wächst wie ein heller Baum
Trunken wie ein Propeller
    bläst die Sonne das militärische Wecksignal über die Dächer
    zerreißt die Sonne mit ihren Sporen die Spiegel
Wie eine Spielkarte ist mein Schatten
der Länge nach auf der Landstraße hingefallen
Oben fliegt der Himmel
    und die Vögel gleiten durch ihn wie umherirrende Nächte
Der Morgen kommt und setzt sich frisch auf meine Schulter.

Man kann die Veränderungen, die Borges vornimmt, gut verfolgen, ebenso wie die Annäherung an die Diktion des Expressionismus – Borges war ein begeisterter zeitgenössischer Vermittler dieser Bewegung in den spanischsprachigen Raum.

Lila Bujaldón de Esteves: »Cuando Borges escribía en alemán. Otro texto recobrado«. Boletín de la Academia Argentina de Letras 76, Nr. 261-262, (2001), S. 387–405

An Gladys

Ernst Blass

(* 17. Oktober 1890 in Berlin; † 23. Januar 1939 ebd.)

AN GLADYS

  O du, mein holder Abendstern …
Richard Wagner

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.

Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät …
Laternen schlummern süß und schneestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!

Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen,
Was mich vorhin noch von den Menschen trennte;

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht …
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen.

Aus: Ernst Blass, Die Straßen komme ich entlang geweht. Sämtliche Gedichte. Hrsg. Thomas B. Schumann. München, Wien: Hanser, 1980, S. 13

Heroische Landschaft

Armin T. Wegner

(* 16. Oktober 1886 in Elberfeld; † 17. Mai 1978 in Rom)

Heroische Landschaft

Nun sticht die Zwergin Nacht mit schwarzem Pfahl
Das Sonnenauge aus der Himmelsstirne,
Daß es verblutend aus dem wehen Hirne
Hintropft. Erblindet schreit in ihrer Qual

Die Erde auf. Um offne Gräber knien
Die Palmen, und sie werfen voll Verzagen,
Wie Klageweiber ihre Brüste schlagen,
Die Zweige schluchzend in der Winde Glühn.

Im Schilf verröcheln mit geborstnen Speeren
Des Tempels Säulen, wo im Aas der Sümpfe
Ein Lachen schielt. Die toten Städte stehn

Im Sande auf. Sie zeigen ihre Schwären
Und heben stumm die blutigen Mauerstümpfe,
Wie Bettler, die um eine Münze flehn.

Aus: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. Dietrich Bode. Stuttgart: Reclam, 1966, S. 181f

„Im Herbst 1916 schrieb der Dichter und deutsche Sanitätssoldat Armin T. Wegner auf der Reise von Bagdad nach Istanbul ein Gedicht, das von Bildern und Metaphern der Gewalt und des Grauens geradezu überquillt, und veröffentlichte dieses Sonett später unter dem ironischen Titel Heroische Landschaft. Seitdem wird es von den Germanisten als Beispiel für expressionistische „Naturlyrik“, sprachautonome „absolute Poesie“ angeführt und abgehakt. Keiner hat erkannt, dass Wegner hier, wie seine Tagebücher und Briefe belegen, seine Erfahrung als Augenzeuge des Aghet, des osmanischen Völkermords an den Armeniern, seine Trauer und Erschütterung, poetisch zu gestalten versucht hat.“ Norbert Mecklenburg, literaturkritik.de

Kikakokú

Paul Scheerbart

(* 8. Januar 1863 in Danzig; † 15. Oktober 1915 in Berlin)

Kikakokú! 
Ekoraláps!

Wîso kollipánda opolôsa.
Ipasátta íh fûo.
Kikakokú proklínthe petêh.
Nikifilí mopaléxio intipáschi benakáffro –
própsa pî! própsa pî!
Jasóllu nosaréssa flîpsei.
Aukarotto passakrússar Kikakokú.
Núpsa púsch?
Kikakokú bulurú?
Futupúkke – própsa pî!
Jasóllu .........

(1897)

Aus: Paul Scheerbart, Katerpoesie, Mopsiade und andere Gedichte. Hrsg. Michael Matthias Schardt. Stuttgart: Reclam, 1990, S. 55

Original in Paul Scheerbart, Ich liebe Dich! Ein Eisenbahnroman mit 66 Intermezzos. Berlin: Schuster & Loeffler, 1897, S. 249

Zu diesem Gedicht gibt es zwei Übersetzungen von Oskar Pastior:

Kikakokü — Eros & Callas
Ein Echo-Kollaps


für John Yau


Bison, Kolibri, Pandas – in die Opposition!
Passat-Winde, ich flüchte.
Pinakothek: Korinthen deklinieren Pepita.
Nekrophilie-Mob im Lexikon, Ostern marsch in die
       Luxus-Cafés — Grenzwert π, Grenzwert π !
Ja soll ich da nicht besser ausflippen, Beinhaus?
Au, Karotten, au Möhring-Panzerkreuzer Kikakokú!
Hochzeit im Busch?
Kinkerlitzchen Bülbül?
Fick dich, Puck — Grenzwert π !
Jawollust, ich soll.

Zweite Sprechprobe:

Schick Max hoch, du! — ergo schnall ab!
Ein Zellophanpapier

Wie sozial Paketdienst Knobel & Wochenschau
Ins Lattenfach ihm pudert:
Ticktack! Bockwurst rotzt Plinse querbeet...
Vier Minister mopsen passepartout im Frack - vier Pro-
pangasflaschen mal vier?
Elliptischer Jason: nein nein nein.
Protokoll, autark: mußtu passen, Chicoreé-Kaktus, du!
Burschenlust-Putsch?
Schicksalsschock ... Turnschuh retour?
Ruckzuck Mottenmimikry —
Paß auf, Kubus ...

Aus: Oskar Pastior, Das Hören des Genitivs. Gedichte. München: Hanser, 1997, S. 104

Korf

Christian Morgenstern

Die Behörde

Korf erhält vom Polizeibüro
ein geharnischt Formular,
wer er sei und wie und wo,

welchen Orts er bis anheute war,
welchen Stands und überhaupt,
wo geboren, Tag und Jahr.

Ob ihm überhaupt erlaubt,
hier zu leben und zu welchem Zweck,
wieviel Geld er hat und was er glaubt.

Umgekehrten Falls man ihn vom Fleck
in Arrest verführen würde, und
drunter steht: Borowsky, Heck.

Korf erwidert darauf kurz und rund:
»Einer hohen Direktion
stellt sich, laut persönlichem Befund,

untig angefertigte Person
als nichtexistent im Eigen-Sinn
bürgerlicher Konvention

vor und aus und zeichnet, wennschonhin
mitbedauernd nebigen Betreff,
Korf: (An die Bezirksbehörde in – ).«

Staunend liest’s der anbetroffne Chef.

Straßenbahn

Gerrit Engelke

(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 in Etaples bei Cambrai, Frankreich)

Auf der Straßenbahn

Wie der Wagen durch die Kurve biegt,
Wie die blanke Schienenstrecke vor ihm liegt:
Walzt er stärker, schneller.

Die Motore unterm Boden rattern,
Von den Leitungsdrähten knattern
Funken.

Scharf vorüber an Laternen, Frauenmoden,
Bild an Bild, Ladenschild, Pferdetritt, Menschenschritt —
Schlitternd walzt und wiegt der Wagenboden,
Meine Sinne walzen, wiegen mit!:
Voller Strom! Voller Strom!

Der ganze Wagen, mit den Menschen drinnen,
Saust und summt und singt mit meinen Sinnen.
Das Wagensingen sausebraust, es schwillt!
      Plötzlich schrillt
      Die Klingel! —
Der Stromgesang ist aus —
Ich steige aus —
      Weiter walzt der Wagen.

Aus: Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Jena: Eugen Diederichs, 1921, S. 8f

[In der letzten Strophe sind die Zeilen 4, 5 und 8 eingerückt. Anscheinend stellen das einige Browser nicht korrekt dar, warum?]

Die schwarzen Boten

César Vallejo

(* 16. März 1892 in Santiago de Chuco, Peru; † 15. April 1938 in Paris)

Los heraldos negros

Hay golpes en la vida, tan fuertes… ¡Yo no sé!
Golpes como del odio de Dios; como si ante ellos,
la resaca de todo lo sufrido
se empozara en el alma… ¡Yo no sé!

Son pocos; pero son… Abren zanjas oscuras
en el rostro más fiero y en el lomo más fuerte.
Serán tal vez los potros de bárbaros Atilas;
o los heraldos negros que nos manda la muerte.

Son las caídas hondas de los Cristos del alma,
de alguna fe adorable que el Destino blasfema.
Esos golpes sangrientos son las crepitaciones
de algún pan que en la puerta del horno se nos quema.

Y el hombre… ¡Pobre… pobre! Vuelve los ojos, como
cuando por sobre el hombro nos llama una palmada;
vuelve los ojos locos, y todo lo vivido
se empoza, como charco de culpa, en la mirada.

Hay golpes en la vida, tan fuertes… ¡Yo no sé!

Die schwarzen Boten

Es gibt Schläge im Leben, so stark… Ich weiß nicht!
Schläge wie von Gottes Haß, als habe vor ihnen
der Schlick alles Erlittenen
Lachen in der Seele gebildet… Ich weiß nicht!

Es sind wenige; aber sie sind da… Sie reißen dunkle Gräben
ins grimmigste Gesicht und in den stärksten Rücken,
Es sind vielleicht die Folterqualen barbarischer Attilas
oder die schwarzen Boten, die uns der Tod schickt.

Es sind die tiefen Stürze der Christusse der Seele,
eines anbetungswürdigen Glaubens, den das Schicksal lästert.
Diese blutigen Schläge sind das Knistern
eines Brotlaibs, das an der Backofentür verbrennt.

Und der Mensch… Der Arme… der Arme! Er endet die Augen,
wie wenn ein Handschlag auf die Schulter uns ruft;
er wendet die irren Augen, und alles Erlebte
staut sich wie eine Lache aus Schuld in seinem Blick.

Es gibt Schläge im Leben, so stark… Ich weiß nicht!

Aus: César Vallejo: Die schwarzen Boten. Los heraldos negros. Gedichte (spanisch/deutsch), übersetzt von Curt Meyer-Clason, hrsg. u. mit Anmerkungen und einem Nachwort von Alberto Pérez-Amador (= Werke Bd. IV). Aachen: Rimbaud Verlag, 1999

(Mit Dank an Àxel Sanjosé und den Rimbaud Verlag)

Nokturne Schrei

Gibt es Expressionismus in den spanischsprachigen Literaturen? Wohl nicht. Bestimmt aber Gedichte mit Anklängen, Anmutungen. Dieses vielleicht. (Mit Dank an Àxel Sanjosé und den Verlag).

Xavier Villaurrutia

(* 27. März 1903 in Mexiko-Stadt; † 25. Dezember 1950 ebda.)

Nocturno grito

Tengo miedo de mi voz
y busco mi sombra en vano.

¿Será mía aquella sombra
sin cuerpo que va pasando?
¿Y mía la voz perdida
que va la calle incendiando?

¿Qué voz, qué sombra, qué sueño,
despierto que no he soñado,
serán la voz y la sombra
y el sueño que me han robado?

Para oír brotar la sangre
de mi corazón cerrado,
¿pondré la oreja en mi pecho
como en el pulso la mano?

Mi pecho estará vacío
y yo descorazonado,
y serán mis manos duros
pulsos de mármol helado.

Nokturne Schrei

Ich habe Angst vor meiner Stimme
und suche vergeblich meinen Schatten.

Ob jener Schatten ohne Körper,
der dort vorbeigeht, meiner ist?
Und meine die verirrte Stimme,
welche die Straße in Brand steckt?

Welche Stimme, welcher Schatten, welcher wache
Traum, den ich nicht geträumt habe,
werden die Stimme und der Schatten
und der Traum sein, die mir geraubt wurden?

Um das Blut meines verschlossenen Herzens
wallen zu hören,
soll ich da das Ohr auf meine Brust legen
wie die Hand auf die Pulsader?

Meine Brust wird leer sein
und ich ohne Herz,
und meine Hände werden harte Pulsschläge
aus eiskaltem Marmor sein.

Aus: Villaurrutia, Xavier: Sehnsucht nach dem Tod. Nostalgia de la muerte. Sämtliche Dichtungen spanisch / deutsch. Hrsg. v. Alberto Pérez-Amador Adam. Übertragen von Curt Meyer-Clason. Aachen: Rimbaud Verlag, 2007

Teleskop

Louise Glück

TELESKOP

Es gibt einen Moment, wenn du dein Auge abwendest,
da vergisst du, wo du bist,
weil du, scheint es, von jeher
anderswo lebst, in der Stille des nächtlichen Himmels.

Du bist nicht länger hier in der Welt.
Du bist an einem anderen Ort,
einem Ort, wo menschliches Leben keine Bedeutung hat.

Du bist nicht ein Geschöpf in einem Körper.
Du existierst, wie die Sterne existieren,
nimmst teil an ihrer Stille, ihrer Unendlichkeit.

Dann bist du wieder in der Welt.
Nachts, auf einem kalten Hügel,
zerlegst du das Teleskop.

Später merkst du,
nicht, dass das Bild falsch ist,
falsch ist der Bezug.

Du siehst wieder, wie weit entfernt
jedes Ding von jedem anderen ist.

Aus: Louse Glück: Averno. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner. München: Luchterhand, 2007, S. 159

Hier gibt es den Originaltext

Zum Literaturnobelpreis 2020

Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück (* 22. April 1943 in New York City) erhält den Literaturnobelpreis 2020. Auf Deutsch gibt es zwei Gedichtbände in der Übersetzung von Ulrike Draesner: „Averno“ (2007) und „Wilde Iris“ (2008), beide zur Zeit nicht lieferbar.

Jürgen Brôcan übersetzte vier Gedichte für die Anthologie „Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts (München: Stiftung Lyrik Kabinett).

Ein Gedicht erschien in Sinn und Form 6/2019 (Übersetzung Uta Gosmann). – Im Lyrikjahrbuch 2001 (C.H.Beck) erschien das Gedicht „Vesper“ auf Englisch.

Louise Glück in der Lyrikzeitung | im Lyrikwiki

Der Morgen

Zum 100. Geburtstag des schizophrenen Dichters Ernst Herbeck (* 9. Oktober 1920 in Stockerau; † 11. September 1991 in Maria Gugging) ein kurzes Gedicht und eine lange Interpretation seines Arztes Leo Navratil.

Der Morgen

Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.

Leo Navratil

Ernst Herbecks Gedicht „Der Morgen“

Ein vierzigjähriger Mann, durch eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Sprechen behindert und seit 20 Jahren schizophren, hospitalisiert, schreibt auf Aufforderung und nach Themaangabe zu dem Titel „Der Morgen“ ein sechszeiliges Gedicht, das viele Menschen seltsam und rätselhaft berührt und ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht.
Der Morgen

Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.
Herr Csabor Bathori, der eine große Zahl von Herbeck-Gedichten ins Ungarische übersetzt hat, fragte mich, wie das Wort „reiht“ zu verstehen sei. Da es sich um ein gewöhnliches Wort deutscher Sprache handelt, überlegte ich mir, in welchem Zusammenhang das Wort „reiht“ normaler Weise vorkommt. So sieht die Sternseherin Lise (Matthias Claudius) die Sterne „aufgereih’t wie Perlen auf der Schnur“. Man kann also Perlen aufreihen oder reihen. Der Wind könnte die Herbstblätter reihen. Der Sinn bleibt ungewiß. – Eine andere Frage ist die nach der Bedeutung der „Mähnen“, die im Schnee sich treffen. Es müssen wohl Pferde sein. Eine ungewöhnliche Metonymie: „Mähnen“ für „Pferde“. Dieses erste Gedicht Ernst Herbecks (er hatte auch vor Beginn seiner Erkrankung nie Gedichte geschrieben) ließ ein Bild in mir entstehen: Während ein „Feenwind“ die herbstlichen Blätter aufwirbelt und seltsam anordnet, kommt im Schneegestöber des frühen Morgens ein Trupp von Reitern zusammen. Amseln pfeifen „heer“ im Wind und fressen. Ich vermute, daß Herbeck „hehr“ (erhaben, heilig) schreiben wollte. Dadurch erhält das rätselhafte Gedicht noch eine weitere geheimnisvolle Note.
In einem anderen Leser dieses kurzen Gedichtes könnte ein ganz anderes Bild entstehen. Welches Bild in Herbecks Kopf war, wissen wir nicht. Es ist nicht uninteressant, zu sehen, wie die Übersetzer in andere Sprachen dieses Gedicht verstanden haben. In einer englischen Übersetzung dieses Gedichtes wird „Feenwind“ mit „wraithwind“ übersetzt. Wraith ist der (Toten-)Geist, ein Doppelgänger oder eine Erscheinung kurz vor oder nach dem Tod eines Menschen. „In fall the wraithwind turns out“ – „Der Geisterwind bringt die Toten aus den Gräbern heraus“.
Otto Breicha sah in seiner Besprechung dieses Gedichtes „das Mähneschütteln hurtiger Schlittenpferde“. Breicha nannte Emst Herbecks „Morgen“ einen „luftigen“ Text, eine „Epiphanie“ nach Joyce und ein „Fluidum-Gedicht“ nach Okopenko, ein „aufregendes Stück Poesie“, das er beim ersten Lesen wahrgenommen hat, wie damals, als er expressionistische Dichtung und Hölderlins „Hälfte des Lebens“ zum erstenmal gelesen und erlebt hatte.
Roger Cardinal wollte dieses Gedicht nicht „entziffern“, meinte aber, daß die Assoziationen des Lesers die ästhetische Wahrnehmung ergänzen und deshalb zur Auffassung eines Gedichtes dazugehören. Auch für ihn schienen die „Mähnen“ solche von Pferden zu sein, die aus verschiedenen Richtungen hergeritten werden, um sich hier zu treffen. An einem Ort, wo es nur den Wind und keine Menschen gibt. Cardinal erinnnert das „reiht“ an reitet und der „Feenwind“ an Goethes Erlkönig („Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“). Das Zusammentreffen der Reiter läßt ihn Böses ahnen: „Drohung, Gewalt, Tod“. Daß am Schluß die Amseln fressen, könnte in der menschenleeren und tristen Atmosphäre ein hoffnungsvolles Zeichen sein.
Gerhard Roth lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wörtchen „da“, das beim Lesen oder Hören des Gedichtes der bewußten Wahrnehmung leicht entgeht. „Im Herbst da reiht“ – dieses „da“ sei wie der Anfang eines Märchens; und das zweite „da“ rühre noch stärker märchenhaft an – „da sich im Schnee die Mähnen treffen“, „da“ ist kein Lieblingswort von Ernst Herbeck, aber wo es auftritt, da tut sich etwas, geschieht etwas, wie in dem Gedicht „Der Dolch“: „da steht er schon tief drinnen im Blute… Da dolchte es in mir herum… Da muß etwas geschehen sein.“ „Amseln pfeifen heer im Wind und fressen“. Diesen Satz nennt Roth „ein (kleines) Gedicht für sich, „heer“ erzähle von einem „uralten Wissen, von einem Raum, den noch kein Mensch betreten hat“. Die Amseln, so spüre man, „wissen etwas, das wir nicht wissen, sind Boten jenes Geheimnisses“, das sich schon im Feenwind angekündigt habe.

Aus der wunderbaren, in meiner Wahrnehmung sehr österreichischen Zeitschrift „Freibord“, herausgegeben von Gerhard Jaschke, Nr. 124 (2/2003), S. 31-33

Hier eine andere Interpretation zu Herbeck

Dein Liljen-hals pranget

Philipp von Zesen

(* 8. Oktober 1619 in Priorau bei Dessau; † 13. November 1689 in Hamburg)

Aus: Salomons Des Hebräischen Königs Geistliche Wollust. Die Vierte Abtheilung.

Aus: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart in 10 Bänden. Hrsg. Walther Killy. Band 4: Gedichte 1600-1700 Hrsg. Christian Wagenknecht, München: dtv, 2001, S. 103

hinlenden: hingehen

Lutherbibel 2017

Hoheslied 4. Kapitel

3 Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. 4 Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, alle Köcher der Starken. 5 Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. 6 Bis es Tag wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.

Quelle: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Die Glocken

Edgar Allan Poe

(* 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts; † 7. Oktober 1849 in Baltimore, Maryland)

Edgar Allen Poes letztes Gedicht. Es erschien kurz nach seinem Tod in einer Zeitschrift – die Redaktion teilte mit, dass es in der ersten Fassung, die ihr zum Druck übergeben worden war, nur 18 Zeilen umfasste, die endgültige Gestalt besteht aus 4 teils längeren Teilen. Es gilt als Klangwunder und steht seit Generationen in amerikanischen Schulbüchern. Das Gedicht wurde von Hans Wollschläger übersetzt.

Aus: DIE GLOCKEN

Aus: E.A. Poe: Der Rabe. Gedichte & Essays. (Gesammelte Werke in 5 Bänden, Band 5). Aus dem Amerikanischen von Arno Schmidt, Hans Wollschläger, Friedrich Polakovics und Ursula Wernicke. Zürich: Haffmans, 1994, S. 165-171.

Das Dampfbad

Peter Gosse

(* 6. Oktober 1938 in Leipzig)

Das Dampfbad

Wir kommen, wie wir gehn: in weißen Laken.
Des Greises wie des Säuglings Haut: Gerunzel.
Das Leben kurz, und kurzgeschorn Rapunzel. –
Warum nur laß ich die Metaphern staken

statt hinzusehn: Der Dampf ist waschecht Dampf!
Wie treibt er doch in gute Schweißausbrüche!
Wie treibt er Süchte in mir und die Flüche
mir aus! Hier ist Sein Sein! Ohne Gestampf

hüpfe, Sonett, in der Terzette Düse
wie Flüßchen Sorgue vorm Häuschen in Vaucluse!
(Von Angst frei, zu vergehn; daß die vergeht —

frei auch von dieser Angst!) Hoch lebe, Dampf!
Gib atemnehmend Atem, lös den Krampf!
Wie rede ich. So drollig, so verdreht.

1984

Aus: Peter Gosse, Erwachsene Mitte. Gedichte Geschichten Stücke Essays. Leipzig: Reclam, 1986, S. 42