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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Wir sehn uns dann zur Frühandacht

Peter Hacks

(* 21. März 1928 in Breslau; † 28. August 2003 bei Groß Machnow)

KLOSTERIDYLL

Es sprach ein Mönch zu seiner Nonne:
Komm her, du meine Herzenswonne,
Ich bin noch jung, du bist noch schön,
Laß uns geschwind zu Bette gehn.
Noch ist mein Körper schlank und sehnig,
Noch blühst du rosigen Gesichts.
Wenn wir erst alt sind, sind wir wenig,
Und wenn wir tot sind, sind wir nichts.

Nun ging, indem der Mönch so sprach,
Der Abt just durch ihr Schlafgemach
Und hörte das erhitzte Paar
Und sah den Zustand, worin es war.
Ab, Kinder, rief er, in die Kissen,
Verschafft euch eine frohe Nacht.
Ich selbst will eben zur Äbtissin,
Wir sehn uns dann zur Frühandacht.

Aus: Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 407

Entwurf zu einer Ode

Friedrich Hölderlin

(* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in Tübingen)

Entwurf zu einer Ode

(Notation der ersten Ansätze)

         Die neuesten Richter


Vormals richtete Gott.               




                       Könige     
                Weise.

                     
                 wer richtet denn izt?
Richtet das einige Volk
   Volk? die heilge Gemeinde? 
   Nein! o nein! wer richtet den izt. 
                  das Natterngeschlecht!          feig u falsch
                         ein das edlere Wort nicht mehr 
         Über die Lipp.
O im Nahmen

                                             

                                              ruf ich dich
        Alter Dämon! wieder! dich herab


Oder    sende 
  Einen Helden



Oder 
        die Weisheit.

Konzept einer asklepiadeischen Ode, Frühjahr 1800

Im zweiten Ansatz wird die Überschrift zu „Zu Sokrates Zeiten“ verändert.

Nach: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hrsg. D.E. Sattler. Band 5. Oden II. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 347ff

1 Gedicht, 4 Versionen

Emma Andijewska

(ukrainisch Емма Андієвська; * 19. März 1931 in Donezk, Sowjetunion; lebt in München)


Hans Thill (Hrsg.): Vorwärts, ihr Kampfschildkröten. Gedichte aus der Ukraine. Zweisprachige Ausgabe ukrainisch-deutsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2006. – 188 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden, mit Lesebändchen, bibliophile Ausstattung | ISBN: 978-3-88423-259-0 Mehr

Budget

Srečko Kosovel

(* 18. März 1904 in Sežana, Österreich-Ungarn, heute Slowenien; * 26. Mai 1926 in Tomadio, Italien, heute Tomaj, Slowenien)

Aus: Srečko Kosovel: Ahnung von Zukunft. Gedichte. Leipzig: Reclam,. 1986, S. 83

Modern

Josef Svatopluk Machar

(* 29. Februar 1864 in Kolín, Österreich-Ungarn; † 17. März 1942 in Prag)

Sonett von der Definition moderner Poesie

Brevier der Tränen, Herrscher, Scherwenzen
Histörchen, neu in Strophen verwahrt
und Großmauls ausgedroschne Sentenzen
im Bühnenschritt auf Kothurnenart

auch Satane, verkommene Teufelsschwänze
seit eh und je uns aufgepackt
polierte Worte auf Reimkredenzen
schwindelnde Bilder und Verskatarakt

bestimmen sie nicht. Was ist Poesie?
Wüßte mans, es hätten schon lange
die Praktiker ihr Fabriken gemauert.

Wir ahnen sie, in uns, um uns im Schwange
wenn groß sie atmet und dauert
Herz und Kopf berauscht sind durch sie…

Deutsch von Richard Pietraß

Aus: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S.148

wir brauchen eine neue lyrik

Jan Faktor

wir brauchen eine neue lyrik (auszug)

jan faktor: aus: wir brauchen eine neue lyrik (erste von sechs seiten)

Aus: Figuren & Capriccios. Hrsg. Jörn Luther u. Jürgen M. Paasch im Auftrag des Literaturbüros Thüringen e.V. Verlag: Krash Verlag, Köln / Berlin / Weimar, 1995

Volk des Reims

Jóhannes úr Kötlum

(1899-1972)

Ein Volk des Reims

Mein Land – das war ein Einsiedler im Meer
des kühlen und blaufunkelnden Nordens:
dort dröhnte sprühweiße Brandung
an Felsenkanten und endlosen Sanden.

Und mein Volk war die Hulda im Tal
die hinaus in die rätselhafte Ferne starrte
mit eiskalten Bergen im Rücken
und brennenden Vulkanen davor.

Zur Sonnenwende verfinsterte sich das All
– da dichtete sie, umgeben von Dunkelheit
sich mit solchem Zaubersturm zu versöhnen
und kämpfte königlich mit dem Tod.

Ins wertvollste Versmaß, wasserdicht und geflickt
setzte sie ihren von Schmerz gepeinigten Ehrgeiz
im Stabreim spaltete sie ihre Sehnsucht
mit dem Hauptstab ging sie ihrer Arbeit nach.

Je weniger es gibt auf dem Teller
desto teurer das Versmaß der Sprache:
mit den Funken von Eddas Glut
schmiedete sie aus der Fessel den Schlüssel.

Übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Aus: Isländische Lyrik. Hrsg. Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason u. Björn Kozempel. Berlin: Insel, 2011, S. 101. Das Original erschien 1955, die Übersetzung zuerst im Islandheft der horen: Bei betagten Schiffen. Islands „Atomdichter“, hrsg. Eysteinn Þorvaldsson u. Wolfgang Schiffer, die horen 242, 2011

Zum Gedichte

Eysteinn Ásgrímsson

(isländischer Mönch und Dichter, * ca. 1310, † 14. März 1360; od. 1361?)

Aus: Die Lilie

98.

Wer ein schwierig Maß will wählen,
Muß sich zum Gedichte quälen
Alte Worte, kaum zu zählen;
Schwer wird’s dann, den Sinn zu stehlen.
Hier kann Einsicht keinem fehlen,
Wort und Sinn sich leicht vermählen,
Will dem Lied, um nichts zu hehlen,
„Lilie“ noch als Namen wählen.

Übersetzt von Alexander Baumgartner. Aus: Isländische Lyrik. Hrsg. Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason u. Björn Kozempel. Berlin: Insel, 2011, S. 25

Utopia

GÜNTER KUNERT

Minus

Langsam
verlieren wir das Bewußtsein
von unseren Verlusten
und so leiden wir
an Knappheit keinen Mangel.

Aus: Unterwegs nach Utopia, Hanser 1977

In der gleichnamigen DDR-Ausgabe, Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1980, fehlt das Gedicht. Wenn Sie die besitzen, fügen Sie es einfach zwischen den Seiten 9 und 10 ein, so:

Kurz nach Erscheinen der Westausgabe (die eigentlich eine Lizenzausgabe des DDR-Verlages war) schickte mir ein dänischer Bekannter (hallo Nils!) das Buch. Es kam nicht an, dafür ein Brief vom „Zollamt“ der DDR, der mir mitteilte, dass ein „nicht einfuhrfähiges“ Buch leider an den Absender zurückgeschickt werden müsse (sagt meine Erinnerung, vielleicht auch „einbehalten“?). Ich hatte die Chuzpe, dem Amt zu antworten, dass mir bekannt sei, dass das Buch auch beim Aufbau-Verlag erscheinen werde (ich hatte die Ankündigung im „Vorankündigungsdienst“ des DDR-Buchhandels-Börsenblattes gelesen, gab es wirklich!)*. Das Amt antwortete: Meine Aussage, dass es auch in der DDR erscheinen würde, habe sich nicht bestätigt. Kunststück, die Zensur zögerte es noch bis 1980 hinaus. Ich setzte mich später mit meiner Ostausgabe in den Lesesaal der Deutschen Bücherei in Leipzig und verglich die Ausgaben. Fünf Gedichte der Hanserausgabe fehlten mir, ich schrieb sie mir ab und legte sie ins Buch, so ging es manchmal. Auch die Anzeige aus dem DDR-Börsenblatt liegt im Buch. Meine Adresse steht drauf: also habe ich es in einer Buchhandlung bestellt und dann auch bekommen, gekürzt halt. Statt „Etwa 120 S.“ waren es nur 108.

*) Hier trügt meine Erinnerung, wie das zweite Bild beweist. Die Anzeige erschien erst im VD 42/79, also 42. Woche 1979 (dann dauerte es noch einmal bis 1980, bis es wirklich erschien). Das ist auch schlüssig: hätte ich bei meinem Briefwechsel mit dem Zollamt über die Anzeige verfügt, hätte ich sie sicher als Beleg beigefügt. Jedenfalls wenn ich sie nicht schon beim Buchhandel zur Bestellung abgegeben gehabt hätte. (Ja, auch Gedichtbände waren damals Mangelware, und wer den VD hatte, war im Vorteil!). Sehr wahrscheinlich hatte ich also von der Ankündigung schon zuvor im Prospekt des Aufbau-Verlags gelesen.

Lob des Umlauts

Jürgen Rennert

GEBURT, LOB, BESCHWÖRUNG

I
Geburt des Souveräns

Der Souverän muß noch geboren werden,
Der souverän genug ist zuzulassen,
Daß welche sind, die die Beschwerden,
Die er verursacht, wörtlich fassen.

O welch ein Zufall! eben höre
Ich, daß wir einen solchen hätten.
Im Konjunktiv? Mein Gott, ich schwöre:
Nichts weiß ich von subtilen Ketten!

II
Lob des Umlauts

Nicht weiß ich von subtilen Kreuzen!
Umlautend läutern sich Epochen:
Aus nau wird neu, aus bau wird beutzen,
Und was gebraucht wird, wird gebrochen.

Austausch? Enttäuschung. Kater-Verse
Auf Katastrophen. Bittre Dünnung
Statt bittrer Dichtung. Kontroverse
Privilegiertheit eint die Innung.

III
Beschwörung des Verlegers

Ich bitte um ein Extra-Honorar für diese
Acht Verse, die honorig schweigen.
(Die viermal vier zuvor sind nichts als miese
Verleumdung, wie nun die vier zeigen:)

Hier leidet niemand. Keinen dauert,
Daß ihm mißtraut wird bis zum Ende
Der Brauchbarkeit. Der Feind ummauert
Mit unsrem Schutzwall das Gelände.

(1. – 7. Februar 1986)

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5 antiklassische Epigramme

Friedrich Hölderlin schreibt sich frei vom einengenden Einfluß der Klassiker, vor allem des verehrten Friedrich Schiller. Vermutlich Mitte Oktober 1797 entstehen fünf Epigramme, die hier in der Fassung der jeweils ersten Niederschrift wiedergegeben werden.

Guter Rath.

Hast du Verstand und ein Herz, so zeige nur eines von beiden,
   Beides verdammen sie dir, zeigest du beides zugleich.
Advocatus Diaboli.

Tief ist im Herzen verhaßt mir die Rotte der Herren und Pfaffen,
   Aber noch mehr das Genie, macht es gemein sich damit.
Lieben Brüder! versucht es nur nicht, was Groß[es] zu finden,
   Ehrt das Schicksal und tragts, Stümper auf Erden zu seyn;
Denn ist einmal der Kopf voran, so folget der Schweif auch
   Und die klassische Zeit deutscher Poëten ist aus.
Die beschreibende Poësie.  

Ist ein Zeitungsschreiber Apoll?
Fürchtet das Alter nicht, ihr Dichter

Wißt! Apoll ist der Gott der Zeitungsschreiber geworden 
   Und sein Mann ist, wer ihm treulich das Faktum erzählt.
Falsche Popularität.

O der Menschenkenner! er macht stellt sich kindisch mit Kindern
   Aber der Baum und das Kind suchet, was über ihm ist.

Nach: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Band 6: Elegien und Epigramme. Hrsg. D.E. Sattler. Darmstadt u. Neuwied: Luchterhand, 1979, S. 44f

Was zu beweisen war

Martina Kieninger

Elternverwirrbuch

Heisenberg, das unbestimmte Bimmelschaf hat eine Bimmel um, es heißt das Bimmelschaf darum
und wenn die Bimmel bimmelt weiß das Schaf Heisenberg immer, wo es ist.
Nämlich da, wo die Bimmel bimmelt.
Wartet, ich geb euch ein Beispiel:
Wenn die Bimmel auf der Wiese bimmelt, weiß das Schaf, wo die Wiese ist nämlich dort, wo das Schaf steht, an dem die Bimmel bimmelt.
Daraus ergibt sich logisch:
Wenn die Bimmel nicht bimmelt, könnte das Schaf genausogut auf der Straße sein oder im Wald.
doch sobald die Bimmel bimmelt, weiss das Schaf, dass es auf der Wiese steht oder auf der Straße oder im Wald.
Dort klingelt es, da steht es bimmelnd.
Das genügt dem Schaf zur vorläufigen Information.
Was zu beweisen war.

http://autoren.hor.de/kieninger/

„In unsrem — nicht mehr unsrem Land“

Taras Schewtschenko

Taras Hryhorowytsch Schewtschenko (ukrainisch Тарас Григорович Шевченко, wiss. Transliteration Taras Hryhorovyč Ševčenko; * 25. Februar jul./ 9. März 1814 greg. in Morynzi, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; † 26. Februar jul./ 10. März 1861 greg. in Sankt Petersburg)

Mir gleich, ob in der Ukraine
Ich leben werde oder nicht,
Ob ich Erinnrung dort verdiene,
Ob man dort nicht mehr von mir spricht,
Das ist gewiß nicht von Gewicht.
Ich haust‘ in fremdem Land alleine,
Und unbeweint von all den Meinen
Sterb‘ ich, verlassen, ohne Glück,
Und nichts mehr laß ich hier zurück —
Verweht sind meines Daseins Spuren
Auch in der Ukraine Fluren,
In unsrem — nicht mehr unsrem Land.
Kein Vater spricht: „Mein Sohn, zur Sühne
Erheb nun im Gebet die Hand!
Mein Sohn: für deine Ukraine
Ward er gemartert und verbannt.“
Mir gleich, ob er mich würdig schätzte
Für ein Gebet zum Himmelreich…
Doch eines ist mir nicht ganz gleich:
Wenn Schurkenvolk mein Land beschwätzte
Und nach gelungnem Räuberstreich
Das leere Haus in Flammen setzte…
Nein, nein, das wär‘ mir gar nicht gleich.

Мені однаково, чи буду
Я жить в Україні, чи ні.
Чи хто згадає, чи забуде
Мене в снігу на чужині —
Однаковісінько мені.
В неволі виріс меж чужими
І, неоплаканий своїми,
В неволі, плачучи, умру.
1 все з собою заберу,
Малого сліду не покину
На нашій славній Україні,
На нашій — не своїй землі.
І не пом’яне батько з сином,
Не скаже синові: — Молись,
Молися, сину, за Вкраїну
Його замучили колись. —
Мені однаково, чи буде
Той син молитися, чи ні…
Та неоднаково мені,
Як Україну злії люде
Присплять, лукаві, і в огні
Її, окраденую, збудять…
Ох, не однаково мені.

Aus: Gedichte: TARAS SCHEWTSCHENKO, FRIEDRICH SCHILLER, LESJA UKRAINKA, HEINRICH HEINE. Вірші: ТАРАС ШЕВЧЕНКО, ФРІДРІХ ШІЛЛЕР, ЛЕСЯ УКРАЇНКА, ГЕНРІХ ГЕЙНЕ. [Hrsg. G.M. Gartschenko]. Dnipropetrowsk: Sitsch, 2008, S. 8/9

Taras Schewtschenko, Selbstporträt im Spiegel (1843)

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1843_-Taras_Shevchenko-_Avtoportret.jpg

Auf Herren Rist

An Herren Johan Rist/
Alß derselbe neben andern Kaiserl. Frei-
heiten zu einem Poeten gekrönet
worden.

ES ist ein Wunderwerk/ das bei so bösen Zeiten/
(Da unser Teütsches Land von der Verwildungs-Nacht
Und dunklem Krieges-rauch stok-finster ward gemacht/
Ja da der grimme Mars mit mörden / brennen/ beüten/
Die Häuser guter Lehr und Künsten außzureüten
So hefftig hat getobt/ daß alles hat gekracht.)
Jedoch die teütsche Zung mit wunder schönem Pracht
Und Glantz würd außgerüst! die müh gelehrter Leüten/
In welchen Gottes trieb daß Werk so weit geführt/
Daß solche HeldenSprach jetzt über alle pranget/
Wird billich mit der Ehr und Freiheit hoch geziert
Vom Haupt/an dem daß Reich deß grossen Teütschlands hanget
Wir ruffen dir glük zu/ das auch du/ werther Rist/
Hierumb von Jhm gekrönt und recht geadelt bist.

In Ehren und Freundschafft geschrieben
Von
Joh. Mathias Schneüber/
Profess.pub.
Aus Strasburg.

Aus: Neüer Teütscher PArnass Auff welchem befindlich Ehr und Lehr Schertz und Schmertz Leid und Freuden-Gewächse Welche zu unterschiedlichen Zeiten gepflantzet nunmehr aber Allen der Teutschen Helden-Sprache und deroselben edlen Dichtkunst vernünftigen Liebhaberen zu sonderbarem Gefallen zu hauffe gesamlet und in die offenbahre Welt außgestreuet von Johann Risten
Copenhagen 1668
Seite 874

Johann Rist (* 8. März 1607 in Ottensen, heute Stadtteil von Hamburg; † 31. August 1667 in Wedel, Holstein) wurde 1653 vom Kaiser geadelt und zum Dichter gekrönt.

Johann Matthias Schneuber (* 2. Februar 1614 in Müllheim, Baden; † 26. Dezember 1665 in Straßburg)

Der ungebetene Gast

Günter Kunert

Wie ich ein Fisch wurde

Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten
Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
Über das belebte Land. Um sich zu retten
Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
Ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
Doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
Die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloß ich mich, sofort zu handeln,
Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast;
Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
War dem neuen Element ich angepaßt.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und daß einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergißt.

Aus: Günter Kunert: Der ungebetene Gast. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1965, S. 12f (Im Original sind die Strophen von 1 bis 8 durchnummeriert)