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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Das Hopsassa

Das Expressionismusjahr 2020 (100 Jahre Menschheitsdämmerung) geht in die letzte Runde. Heute noch einmal Gustav Sack, Heute vor 104 Jahren fraß ihn der Erste Weltkrieg (er hatte sich zunächst anders als viele der Mobilmachung verweigert, dann aber wegen bedrängender Mittellosigkeit sich selbst gestellt und wurde postwendend im Oktober 1914 an die Front expediert). Während seiner Greifswalder Studentenzeit wohnte er hier bei mir gleich um die Ecke (um 115 Jahre früher). Er schrieb Gedichte und Prosa, hatte aber keine hohe Meinung vom „Dichten“ und von „Dichtern“.

Gustav Sack

(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)

Das Hopsassa

Was du nur willst! Dieweil du reimen kannst
und in beliebtem Hopsassa
erzählst was dir zu Leids geschah,
schmähst du auf jeden braven Wanst,
der reimlos seine Wege geht
und von der Narrheit nichts versteht,
die dich, indes er ißt und trinkt,
in schmerzliche Ekstase bringt
und dich ekstatisch hungern läßt.
Er soll dir deine Narrenqualen
etwa mit seinem Gelde zahlen?
Dir ist dein Narrsein ja ein Fest!
So zahle deine Feste selber
und neide nicht voll Prahlerei
und widriger Phantasterei
ihm seine wohlgeratnen Kälber,
du elendiger Hopsassa
und Tschingterassa Bum!

Aus: Gustav Sack, Versensporn 35, Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019, S. 3 (zuerst erschienen 1920 in einer zweibändigen Werkausgabe bei S. Fischer).

1, 3, 7

Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)

Aus „Sieben Gedichte“
(Spätherbst 1915)

I

Auf einmal faßt die Rosenpflückerin
die volle Knospe seines Lebensgliedes,
und an dem Schreck des Unterschiedes
schwinden die [linden] Gärten in ihr hin.

III

Mit unsern Blicken schließen wir den Kreis,
daß weiß in ihm [die] wirre Spannung schmölze.
Schon richtet dein unwissendes Geheiß
die Säule auf in meinem Schamgehölze.

Von dir gestiftet steht des Gottes Bild
am leisen Kreuzweg unter meinem Kleide;
mein ganzer Körper heißt nach ihm. Wir beide
sind wie ein Gau darin sein Zauber gilt.

Doch Hain zu sein und Himmel um die Herme
das ist an dir. Gieb nach. Damit
der freie Gott inmitten seiner Schwärme
aus der entzückt zerstörten Säule tritt.

VII

Wie rief ich dich. Das sind die stummen Rufe,
die in mir süß geworden sind.
Nun stoß ich in dich Stufe ein um Stufe
und heiter steigt mein Samen wie ein Kind.
Du Urgebirg der Lust: auf einmal springt
er atemlos zu deinem innern Grate.
O gieb dich hin, zu fühlen wie er nahte;
denn du wirst stürzen, wenn er oben winkt.

München, um den 1. Novemer 1915

Aus: Rainer Maria Rilke, Werke in drei Bänden. Hrsg. Dieter Nalewski. 2. Band. Leipzig: Insel, 1978, S. 232ff

Lorca 3

Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. August 1936 auf dem Weg von Viznar nach Alfacar, Provinz Granada)

1910
(Zwischenspiel)

Meine Augen von damals, neunzehnhundertzehn,
sahen nicht, wie die Toten begraben wurden,
sahen nicht das Aschefest des Mannes, der den Morgen beweint,
nicht das Herz, das im Winkel liegt und wie ein Seepferdchen zittert.

Meine Augen von damals, neunzehnhundertzehn,
sahen die weiße Wand, wo die Mädchen Wasser ließen,
das Maul des Stiers, den giftigen Pilz
und unfaßbaren Mondschein in den Winkeln
auf den trockenen Zitronenstücken unterm harten Schwarz der Flaschen.

Meine Augen von damals auf dem Hals des kleinen Pferdes,
auf dem durchbohrten Busen von Rosa, der schlafenden Heiligen,
auf den Dächern der Liebe, mit Seufzern und kühlen Händen,
in einem Garten, wo die Katzen Frösche fraßen.

Eine Rumpelkammer, wo alter Staub Moos und Statuen versammelt.
Truhen voll mit dem Schweigen aufgefressener Krebse.
Dort, wo der Traum auf seine Wirklichkeit prallte.
Dort meine kleinen Augen.

Bitte keine Fragen. Ich habe die Dinge gesehen:
Sie suchen ihre Linie, doch sie finden ihre Leere.
Lücken liegen schmerzend in der menschenleeren Luft
und in meinen Augen Kleiderwesen – ohne Körper!

New York, August 1929

Übersetzung: Martin von Koppenfels

Aus:
Federico García Lorca: Dichter in New York. Poeta en Nueva York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Martin von Koppenfels. Berlin: Suhrkamp 2019.

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

1910

(Intermedio)

Aquellos ojos míos de mil novecientos diez
no vieron enterrar a los muertos,
ni la feria de ceniza del que llora por la madrugada,
ni el corazón que tiembla arrinconado como un caballito de mar.

Aquellos ojos míos de mil novecientos diez
vieron la blanca pared donde orinaban las niñas,
el hocico del toro, la seta venenosa
y una luna incomprensible que iluminaba por los rincones
los pedazos de limón seco bajo el negro duro de las botellas.

Aquellos ojos míos en el cuello de la jaca,
en el seno traspasado de Santa Rosa dormida,
en los tejados del amor, con gemidos y frescas manos,
en un jardín donde los gatos se comían a las ranas.

Desván donde el polvo viejo congrega estatuas y musgos.
Cajas que guardan silencio de cangrejos devorados.
En el sitio donde el sueño tropezaba con su realidad.
Allí mis pequeños ojos.

No preguntarme nada. He visto que las cosas
cuando buscan su curso encuentran su vacío.
Hay un dolor de huecos por el aire sin gente
y en mis ojos criaturas vestidas ¡sin desnudo!

Nueva York, agosto de 1929

Lorca 2

Federico García Lorca

(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. August 1936 auf dem Weg von Viznar nach Alfacar, Provinz Granada)

Landschaft mit Menschenmenge, die sich erbricht
(Abend auf Coney Island)

Die fette Frau kam vorneweg,
riß die Wurzeln aus und durchnäßte das Pergament auf den Trommeln.
Die fette Frau,
die die sterbenden Tintenfische auf links dreht.
Die fette mondfeindliche Frau
rannte durch die Straßen und geräumten Wohnungen,
ließ kleine Taubentotenköpfe in den Ecken liegen,
scheuchte die Gelagefurien der letzten Jahrhunderte auf,
rief nach dem Dämon des Brotes auf den Hügeln des leergefegten Himmels
und ließ eine Gier nach Licht in die Untergrund-Kreisläufe sickern.
Es sind die Friedhöfe. Ich weiß, es sind die Friedhöfe
und der Schmerz der unterm Sand begrabenen Küchen.
Es sind die Toten, die Fasane und die Äpfel anderer Zeiten,
die uns die Kehle hoch drängen.

Es kam das wirre Rumoren aus dem Wald des Erbrechens
mit den leeren Frauen, mit Kindern aus warmem Wachs,
mit gärenden Bäumen und unermüdlichen Kellnern,
die tellerweise Salz servieren unter den Speichelharfen.
Es hilft nichts, mein Sohn. Erbrich es! Dagegen gibt es kein Mittel.
Es ist weder das Erbrechen der Husaren über die Brüste der Prostituierten
noch das Erbrechen der Katze, die achtlos einen Frosch verschluckt hat.
Es sind die Toten, ihre Erdhände kratzen
an den steinernen Pforten, wo Pudding und Plätzchen verfaulen.

Die fette Frau kam vorneweg
mit den Leuten von den Schiffen, den Kneipen und den Gärten.
Das Erbrechen rührte leise seine Trommeln
zwischen einigen Mädchen aus Blut,
die Schutz vom Mond erflehten.
Ich Armer! Ich Armer! Ich Armer!
Dieser Blick war mein und ist es nicht mehr.

Dieser Blick, der nackt im Alkohol zittert
und unglaubliche Schiffe entsendet
durch die Anemonen der Kais.
Er ist meine Waffe, dieser Blick,
der von jenen Wellen kommt, zu denen der Morgen sich nicht vorwagt.
Ich, ein Dichter ohne Arme, verirrt
in der Menge, die sich erbricht,
ohne überschwengliches Pferd,
das das dichte Moos auf meinen Schläfen kappt.

Doch die fette Frau kam immer noch vornweg
und die Leute suchten nach den Apotheken,
wo der bittere Wendekreis zum Stillstand kommt.
Erst als man die Flagge hißte und die ersten Hunde kamen,
staute sich die ganze Stadt an den Geländern der Landungsbrücke.

New York, 29. Dezember 1929

Übersetzung: Martin von Koppenfels

Aus: Federico García Lorca: Dichter in New York. Poeta en Nueva York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Martin von Koppenfels. Berlin: Suhrkamp 2019, S. 57ff

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

Paisaje de la multitud que vomita
(Anochecer en Coney Island)

La mujer gorda venía delante
arrancando las raíces y mojando el pergamino de los tambores.
La mujer gorda,
que vuelve del revés los pulpos agonizantes.
La mujer gorda, enemiga de la luna,
corría por las calles y los pisos deshabitados
y dejaba por los rincones pequeñas calaveras de paloma
y levantaba las furias de los banquetes de los siglos últimos
y llamaba al demonio del pan por las colinas del cielo barrido
y filtraba un ansia de luz en las circulaciones subterráneas.
Son los cementerios. Lo sé. Son los cementerios
y el dolor de las cocinas enterradas bajo la arena.
Son los muertos, los faisanes y las manzanas de otra hora
los que nos empujan en la garganta.

Llegaban los rumores de la selva del vómito
con las mujeres vacías, con niños de cera caliente,
con árboles fermentados y camareros incansables
que sirven platos de sal bajo las arpas de la saliva.
Sin remedio, hijo mío. ¡Vomita! No hay remedio.
No es el vómito de los húsares sobre los pechos de la prostituta,
ni el vómito del gato que se tragó una rana por descuido.
Son los muertos que arañan con sus manos de tierra
las puertas de pedernal donde se pudren nublos y postres.

La mujer gorda venía delante
con las gentes de los barcos, de las tabernas y de los jardines.
El vómito agitaba delicadamente sus tambores
entre algunas niñas de sangre
que pedían protección a la luna.
¡Ay de mí! ¡Ay de mí! ¡Ay de mí!
Esta mirada mía fue mía, pero ya no es mía.
Esta mirada que tiembla desnuda por el alcohol
y despide barcos increíbles
por las anémonas de los muelles.
Me defiendo con esta mirada
que mana de las ondas por donde el alba no se atreve.
Yo, poeta sin brazos, perdido
entre la multitud que vomita,
sin caballo efusivo que corte
los espesos musgos de mis sienes.

Pero la mujer gorda seguía delante
y la gente buscaba las farmacias
donde el amargo trópico se fija.
Sólo cuando izaron la bandera y llegaron los primeros canes
la ciudad entera se agolpó en las barandillas del embarcadero.

Nueva York, 20 de diciembre 1929

Was ich von dir nicht weiß und nicht erriet

„Sie sind verflucht, und leben werden wir“, schrieb die Dichterin Ite Liebenthal kurz vor ihrer Ermordung durch die Nazis. Und doch; kein Tag, an dem nicht stundenlang Hitler und seine Kumpane und Helfershelfer die Dokumentarkanäle füllen, während ihre Opfer nur in Nischen vorkommen. Ob Ite Liebenthal wenigstens etwas bekannter wäre, wenn der Insel-Verlag auf Rilke gehört und ihre Gedichte veröffentlicht hätte? Vielleicht gäbe es einen Band bei Insel oder Suhrkamp? Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek findet sich nur eins von den zwei oder drei zu ihren Lebzeiten erschienenen Bänden. 1947 erschien ein Band im Karl Rauch Verlag Jena, danach gibt es ein paar Zeitschriftenpublikationen und zwei Lyrikhefte 2012 (Grillenfänger, Potsdam) und 2013 (Versensporn, Jena). Vorliegendes Heft bietet auf 30 Seiten den Inhalt ihres zweiten Buchs von 1921 / 1924 sowie Texte aus dem Nachlass, der sich in Abschriften in Tel Aviv und Genf befindet. Für 3 Euro beim Verlag.

Was ich von dir nicht weiß und nicht erriet
aus Worten und Gebärden – die noch keiner
gedeutet hat wie ich! – weil ich vermied,
an dir zu rätseln und dich so viel reiner

begriff in deinem Abgeschlossensein,
brach über mich in einem Traum herein:
da sah ich, wie du bist, wenn du dich gibst.
Und deine sanfte Hoheit, wenn du liebst,

war still und spendend über mich geneigt.
Die Schale war ich, die empfängt und schweigt. –
Nun kenn ich dich! Was du mir nie gegeben,
nie geben wirst, ist doch in meinem Leben!

Und ist, – ich stahl nicht, hab es nicht erschlichen! –
als hätte ich’s geraubt und wär entwichen,
und straft mich schwer, wie Heiliges ergrimmt,
das freche Hand von seiner Stätte nimmt.

Und ward mir doch gereicht und offenbart,
als meine Seele dalag unbewahrt
und ungewarnt, – und hilflos, tagvergessen
hinnahm, was ihrem Los nicht zugemessen.

Aus: Ite Liebenthal, Versensporn 10, Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2013, S. 18

Ite Liebenthal (1886 Berlin – 1941 Rumbula/Riga)

Ite Liebenthal

(15. Januar 1886 Berlin – 30. November 1941 im Wald von Rumbula / Riga)

Mein Vaterland, du bist vor mir gestorben,
doch wirst du auferstehn und ich mit dir.
Die dich vernichteten und mich verdorben,
sie sind verflucht, und leben werden wir!

(16. November 1941)

Aus: Ite Liebenthal. Versensporn 10. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2013 (2. Aufl. 2015)

„Am 27. November 1941 wird sie mit dem „7. Osttransport“ vom Bahnhof Berlin-Grunewald nach Riga deportiert.
Unmittelbar nach ihrer Ankunft, am Morgen des 30. November, wird Ite Liebenthal mit den anderen 1052 Insassen des Transportes im Wald von Rumbula ermordet.“ (Aus dem zitierten Heft)

„Im Wald von Rumbula (auch Rumbuli, deutsch Rummel), einem Kiefernwäldchen im gleichnamigen Stadtteil von Riga, ermordeten Angehörige der SS Ende 1941 an nur zwei Tagen über 26.000 lettische sowie 1053 Berliner Juden.“ (Wikipedia)

Die Dichter

Alexander Blok

(Block; Александр Александрович Блок, * 16. November jul./ 28. November 1880 greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)

Die Dichter

Ein ödes Quartier war am Stadtrand entstanden
Auf versackendem sumpfigem Grund.
Hier wohnten die Dichter, und traf wer den andern.
Rann ein Spottlächeln ihm um den Mund.

Und mochte auch über dem traurigen Sumpf
Der erquickendste Sonnenschein laufen –
Das Mietervolk hockte den ganzen Tag dumpf
Und verbissen beim Schreiben und Saufen.

Im Suff aber schworen sie Freundschaft auf immer.
Schwadronierten schön zynisch und deftig.
Erbrachen im Klo. Schlichen still auf ihr Zimmer.
Und dort schrieben sie wieder geschäftig.

Sie krochen hervor wie verwilderte Köter,
Schauten sinnend aufs flammende Meer
Und schnalzend, mit Kennerblick, ganz Schwerenöter,
Jedem Weibergezöpf hinterher.

Sie schwelgten in Zukunftsmusik süß erhoben.
Schimpften einhellig auf die Verleger.
Beschluchzten das silberne Wölkchen hoch droben
Und das Blümelein drunten am Wege.

So lebten die Dichter. Freund Leser, verzeih:
Sicher denkst du, da warst du mehr nütze –
Mit deiner tagtäglichen Abstrampeiei,
Deiner kläglichen Spießbürgerpfütze?

Du irrst dich, mein Freund voller blinder Kritik!
Immerhin – für das Dichterherz gibt
Es Wölkchen und Zöpfe und Zukunftsmusik,
Was »zu hoch« dir zu schweben beliebt.

Mit dir und dem Eheweib bist zu zufrieden
Wie mit Rußlands Verfassung, du Wicht!
Doch wir – uns sind Weltschmerz und Weltsuff beschieden,
Und Verfassungen reichen uns nicht!

Und lieg ich am Zaun wie ein Köter verreckt,
Von der Erde zertreten, so ist
Es Gott, der mit Schnee meinen Leib sanft bedeckt,
Und der Sturm, der die Stirne mir küßt.

  1. Juli 1908

Deutsch von Ilse Tschörtner. In: Alexander Block: Ausgewählte Werke. Hrsg. Fritz Mierau. Bd. 1: Gedichte, Poeme. Berlin: Volk und Welt 1978, S. 174f

Александр Блок

ПОЭТЫ

За городом вырос пустынный квартал
На почве болотной и зыбкой.
Там жили поэты, – и каждый встречал
Другого надменной улыбкой.

Напрасно и день светозарный вставал
Над этим печальным болотом:
Его обитатель свой день посвящал
Вину и усердным работам.

Когда напивались, то в дружбе клялись,
Болтали цинично и пряно.
Под утро их рвало. Потом, запершись,
Работали тупо и рьяно.

Потом вылезали из будок, как псы,
Смотрели, как море горело.
И золотом каждой прохожей косы
Пленялись со знанием дела.

Разнежась, мечтали о веке златом,
Ругали издателей дружно.
И плакали горько над малым цветком,
Над маленькой тучкой жемчужной…

Так жили поэты. Читатель и друг!
Ты думаешь, может быть, – хуже
Твоих ежедневных бессильных потуг,
Твоей обывательской лужи?

Нет, милый читатель, мой критик слепой!
По крайности, есть у поэта
И косы, и тучки, и век золотой,
Тебе ж недоступно всё это!..

Ты будешь доволен собой и женой,
Своей конституцией куцой,
А вот у поэта – всемирный запой,
И мало ему конституций!

Пускай я умру под забором, как пес,
Пусть жизнь меня в землю втоптала, –
Я верю: то бог меня снегом занес,
То вьюга меня целовала!

24 июля 1908

Butterblumen und Gänseblümchen

Yosa Buson

(Yosa no Buson; Buson,  jap. 与謝 蕪村; * 1716 in Kema; † 17. Januar 1784 in Kyōto)




 

Aus: Yosa BUSON: Gesang vom Roß-Damm und ausgewählte Haiku. Aus dem japanischen Text übersetzt von Lia Frank und Tsutomu Itoh. Gifu (Japan): Seine Printing, 1989, S. 16f

Federico García Lorca 1

Federico García Lorca

(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. August 1936 auf dem Weg von Viznar nach Alfacar, Provinz Granada)

Landschaft mit urinierender Menschenmenge
(Battery-Place-Nocturne)

Sie blieben allein, die Männer:
und sahen dem Tempo der letzten Fahrradstaffel entgegen.
Sie blieben allein, die Frauen:
und warteten auf den Tod eines Jungen an Bord des japanischen Seglers.
Sie blieben alleine, Männer wie Frauen,
und träumten von den klaffenden Schnäbeln sterbender Vögel,
vom Stochern des spitzen Sonnenschirms
in der frisch zertretenen Kröte,
und es herrschte ein Schweigen mit tausend Ohren
und winzigen Wassermündern
in engen Schluchten, die dem wütenden
Ansturm des Monds widerstehn.
Der Junge auf dem Segler weinte und die Herzen brachen vor Angst,
weil es einen Zeugen gab und alle Dinge Totenwache hielten
und auch, weil aus dem himmelblauen Boden mit den schwarzen Spuren
immer noch dunkle Namen und Spucke und Nickel-Radios schrieen.
Es macht nichts, daß der Junge stumm wird, wenn man ihm die letzte Nadel setzt,
und daß die Brise in der Baumwollblüte unterliegt,
denn es gibt eine Totenwelt mit Matrosen, die endgültig sind,
die werden in den Arkaden auftauchen und euch hinter Bäumen gefrieren lassen.
Es nützt nichts, die Biegung zu suchen,
wo die Nacht ihre Reise vergißt,
und auf ein Schweigen zu lauern,
das frei von zerrissenen Kleidern, Schalen und Tränen ist,
wenn selbst das winzige Festmahl der Spinne genügt,
den ganzen Himmel aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Nichts hilft gegen das Wimmern auf dem japanischen Segler,
nichts hilft den Leuten im Zwielicht, die gegen die Ecken taumeln.
Das Feld beißt sich in den Schwanz, um all seine Wurzeln in einem Punkt zu vereinen,
und das Knäuel folgt im wilden Gras seiner unbefriedigten Sehnsucht nach Länge.
Der Mond! Die Polizisten. Die Sirenen der Überseedampfer!
Urinfassaden, Rauchfassaden, Anemonen, Gummihandschuhe.
Alles ist hin in der Nacht,
die über den Terrassen ihre Beine spreizt.
Alles ist hin in den lauwarmen Wasserstrahlen
eines schrecklichen, lautlosen Brunnens.
Oh Leute! Leichte Mädchen! Oh Soldaten!
Ihr werdet reisen müssen durch die Augen der Idioten,
durch freies Feld, erfüllt vom Zischen zahmer, geblendeter Kobras,
durch Landschaften voller Gräber, aus denen taufrische Äpfel wachsen,
damit das grenzenlose Licht erscheint,
das die Reichen hinter ihren Lupen fürchten
– der Duft eines einzigen Körpers mit zweifacher Neigung: Lilie und Ratte –
und damit diese Leute brennen, die fähig sind, rings um ein Wimmern zu urinieren,
ja, selbst auf die Kristalle, wo die Wellen, die nie wiederkommen, faßbar werden.

Übersetzung: Martin von Koppenfels

Aus: Federico García Lorca: Dichter in New York. Poeta en Nueva York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Martin von Koppenfels. Berlin: Suhrkamp 2019., S. 60ff

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

Paisaje de la multitud que orina
(Nocturno de Battery Place)

Se quedaron solos:
aguardaban la velocidad de las últimas bicicletas.
Se quedaron solas:
esperaban la muerte de un niño en el velero japonés.
Se quedaron solos y solas,
soñando con los picos abiertos de los pájaros agonizantes,
con el agudo quitasol que pincha
al sapo recién aplastado,
bajo un silencio con mil orejas
y diminutas bocas de agua
en los desfiladeros que resisten
el ataque violento de la luna.
Lloraba el niño del velero y se quebraban los corazones
angustiados por el testigo y la vigilia de todas las cosas
y porque todavía en el suelo celeste de negras huellas
gritaban nombres oscuros, salivas y radios de níquel.
No importa que el niño calle cuando le clavan el último alfiler,
no importa la derrota de la brisa en la corola del algodón,
porque hay un mundo de la muerte con marineros definitivos
que se asomarán a los arcos y os helarán por detrás de los árboles.
Es inútil buscar el recodo
donde la noche olvida su viaje
y acechar un silencio que no tenga
trajes rotos y cáscaras y llanto,
porque tan sólo el diminuto banquete de la araña
basta para romper el equilibrio de todo el cielo.
No hay remedio para el gemido del velero japonés,
ni para estas gentes ocultas que tropiezan con las esquinas.
El campo se muerde la cola para unir las raíces en un punto
y el ovillo busca por la grama su ansia de longitud insatisfecha.
¡La luna! Los policías. ¡Las sirenas de los transatlánticos!
Fachadas de crin, de humo, anémonas; guantes de goma.
Todo está roto por la noche,
abierta de piernas sobre las terrazas.
Todo está roto por los tibios caños
de una terrible fuente silenciosa.
¡Oh gentes! ¡Oh mujercillas! ¡Oh soldados!
Será preciso viajar por los ojos de los idiotas,
campos libres donde silban las mansas cobras deslumbradas,
paisajes llenos de sepulcros que producen fresquísimas manzanas,
para que venga la luz desmedida
que temen los ricos detrás de sus lupas,
el olor de un solo cuerpo con la doble vertiente de lis y rata
y para que se quemen estas gentes que pueden orinar alrededor de un gemido
o en los cristales donde se comprenden las olas nunca repetidas.

„Wir schreien nach dem Kriege“

Alfred Walter Heymel gab die erlesene Zeitschrift „Die Insel“ heraus, er schrieb harmlose Chansons, Jugendstiliges, neckische Lieder vom Gott der Liebesraserei, Malaga und Malvasier und „Gierig junger Küsse Tausch, / Grausam junger Wollust Rausch.“ Doch machte ihn quasi der Tod zum Expressionisten. 1911 erschien in der Zeitschrift „Der Sturm“ ein typisch „expressionistischer“ Aufschrei – nicht gegen Unrecht und Krieg, sondern im Gegenteil: gegen den als tödlich langweilig empfundenen „Friedenreichtum“ seiner Zeit. Drei Jahre später war er, der sich wie viele freiwillig zum Kriegsdienst meldete, tot.

Alfred Walter Heymel

(* 6. März 1878 in Dresden; † 26. November 1914 in Berlin)

Eine Sehnsucht aus der Zeit

Aus sanfter Schwermut und der Liebe Trauer
Ermann ich mich; versuch mich zu ermannen,
Und kann doch Tod und Untergang nicht bannen
Wohin ich flüchten will, ragt Mauer auf an Mauer.

Grüb ich den Acker um, ein guter Bauer,
Dient im Schweiße, wüßte ich, von wannen
Dies alles kommt, und wüßte, wie von dannen
Ich kam aus Schmach und Schande, Scham und Schauer.

Es fehlt uns vielen Dienst und Ziel und Zwang,
Die allen nottun und so wenige wollen;
So schmachten wir in Freiheit sonder Siege.

Im Friedenreichtum wird uns tödlich bang.
Wir kennen Müssen nicht noch Können oder Sollen
Und sehnen uns, wir schreien nach dem Kriege.

Der Sturm 2 (1911/12) November 1911, S. 677. Hier nach: Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914-1918. Hrsg. Thomas Anz u. Joseph Vogl. München, Wien: Hanser, 1982, S. 11

Flehruf

Georg Kaiser

(* 25. November 1878 in Magdeburg; † 4. Juni 1945 in Ascona)

Flehruf

Nicht, mächt’ger Schöpfer, lasse so geschehn,
Wenn du zerfallne Formen wandelnd richtest.
Daß Mensch ich wieder. Dies mein Sterbeflehn,
Bevor du jetzt mich odemlos vernichtest.

Mach mich zum Baum, den bald der Beilhieb fällt.
Zur Ratte in dem gift’gen Maul der Schlange.
Zum Fuchs, der sich im Eisen heiser bellt.
Zum Lamm, verzuckend in des Wolfes Fange.

Mach mich zum Wurm, den jeder Schuh zertritt.
Zum Vogel mit zerbrochenem Gefieder.
Mach leiden mich, wie nie solch Wesen litt.
Laß so mich endlos sein. Nur Mensch nicht wieder.

Aus: Das Gedicht. Eine Sammlung von Benno von Wiese. Frankfurt/Main: 2. Aufl. Suhrkamp, 1984, S. 66

Schinderhannes

Heute ein böses Märchen von Guillaume Apollinaire, keine freundliche Räuberromantik. Es entstand kurz vor dem ersten Weltkrieg, in dem Apollinaire gegen die Deutschen kämpfte. Er starb einen Tag nach dem Waffenstillstand an der Spanischen Grippe (oder den Folgen der Kopfverletzung?).

Guillaume Apollinaire

(* 26. August 1880 in Rom; † 9. November 1918 in Paris)

SCHINDERHANNES

Für Marius-Ary Leblond

Im Wald, wo er die Rast befohlen,
liegt Schinderhannes mit der Schar.
Im Mai muß man vor Liebe johlen –
so lagern sie hier, Paar bei Paar.

Dem Jacob Born sitzt was im Blute:
er prüft, ob jeder Schuß auch trifft,
und zielt nach Benzels spitzem Hute –
der liest mit Fleiß die Heilge Schrift.

Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre –
und klagt, daß sie den Schlucken hat.
Dem Hannes ist ein Ton entfahren,
weil Schulz mit einem Zuber naht.

Er ruft (und seine Tränen fließen):
O Zuber mit dem duftgen Wein!
Wenn wir auch heut dran glauben müssen –
der Mai wird ausgetrunken sein!

Mamsell, herbei und gib dir Mühe!
Der Kräutlein gibts ein ganzes Schock.
aus Moselwein ist diese Brühe –
Prost, Räuberchen im Unterrock:

Frau Räuberin hat schief geladen:
sie will den Hanns, doch der hat Zeit:
Mit der Amour kanns Weile haben –
ein leckrer Bissen wär gescheit!

Denn heut, wenns dunkel wird am Rheine,
bring ich den reichen Juden um.
Hell glänzt, wenn harzge Fackeln scheinen,
als Gulden jede Maienblum!

So hält man Tafel rund im Kreise
und f. . .t und lacht beim Abendschmaus,
und wird ganz schwach, nach deutscher Weise,
und geht und bläst ein Leben aus.

Deutsch von Paul Celan, aus: Paul Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band 4: Übertragungen I. Übertragungen aus dem Französischen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1983, S. 786ff.

Schinderhannes

Dans la forêt avec sa bande
Schinderhannes s’est désarmé
Le brigand près de sa brigande
Hennit d’amour au joli mai

Benzel accroupi lit la Bible
Sans voir que son chapeau pointu
À plume d’aigle sert de cible
À Jacob Born le mal foutu

Juliette Blaesius qui rote
Fait semblant d’avoir le hoquet
Hannes pousse une fausse note
Quand Schulz vient portant un baquet

Et s’écrie en versant des larmes
Baquet plein de vin parfumé
Viennent aujourd’hui les gendarmes
Nous aurons bu le vin de mai

Allons Julia la mam’zelle
Bois avec nous ce clair bouillon
D’herbes et de vin de Moselle
Prosit Bandit en cotillon

Cette brigande est bientôt soûle
Et veut Hannes qui n’en veut pas
Pas d’amour maintenant ma poule
Sers-nous un bon petit repas

Il faut ce soir que j’assassine
Ce riche juif au bord du Rhin
Au clair de torches de résine
La fleur de mai c’est le florin

On mange alors toute la bande
Pète et rit pendant le dîner
Puis s’attendrit à l’allemande
Avant d’aller assassiner

Aus: Guillaume Apollinaire, Rhénanes, Alcools, 1913

Beiwort, Beilwort

Gedichte, das sind auch Geschenke — Geschenke an die Aufmerksamen. (Paul Celan, Brief an Hans Bender)

Zum 100. Geburtstag Paul Celans ein Geschenk aus dem Band „Die Niemandsrose“.

HUHEDIBLU

Schwer-, Schwer-, Schwer-
fälliges auf
Wortwegen und -schneisen.

Und – ja –
die Bälge der Feme-Poeten
lurchen und vespern* und wispern und vipern,
episteln.
Geunktes, aus
Hand- und Fingergekröse, darüber
schriftfern eines
Propheten Name spurt, als
An- und Bei- und Afterschrift, unterm
Datum des Nimmermenschtags im September -:

Wann,
wann blühen, wann,
wann blühen die, hühendiblüh,
huhediblu, ja sie, die September-
rosen?**

Hüh*** – on tue#… Ja, wann?

Wann, wannwann,
Wahnwann, ja Wahn, –
Bruder
Geblendeter, Bruder
Erloschen,## du liest,
dies hier, dies:
Dis-
parates -: Wann
blüht es, das Wann,
das Woher, das Wohin und was
und wer
sich aus- und an- und dahin- und zu sich lebt, den
Achsenton, Tellus, in seinem
vor Hell-
hörigkeit schwirrenden
Seelenohr, den
Achsenton tief
im Innern unsrer
sternrunden Wohnstatt Zerknirschung? Denn
sie bewegt sich, dennoch, im Herzsinn.

Den Ton, oh,
den Oh-Ton, ah,
das A und das O,
das Oh-diese-Galgen-schon-wieder, das Ah-es-gedeiht,

auf den alten
Alraunenfluren gedeiht es,
als schmucklos-schmückendes Beikraut,
als Beikraut, als Beiwort, als Beilwort,
adjektivisch, so gehn
sie dem Menschen zuleibe, Schatten,
vernimmt man, war
alles Dagegen –
Feiertagsnachtisch, nicht mehr, -:

Frugal,
kontemporan und gesetzlich
geht Schinderhannes zu Werk,
sozial und alibi-elbisch*, und
das Julchen, das Julchen:
daseinsfeist rülpst,###
rülpst es das Fallbeil los, – call it (hott!)***
love. §

Oh quand refleuriront, oh roses, vos septembres?**

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 160f

Einige Anmerkungen nach dem Kommentar von Barbara Wiedemann.

  • Das Gedicht entstand am 13. 9. 1962. Nicht jedes Hintergrundwissen mag hilfreich sein – das Gedicht „verdankt“ sich einem Missverständnis – an diesem Tag erhielt er eine Sendung Gedichte von Guntram Vesper, den er fälschlich für einen Sohn des Nazidichters Will Vesper hielt. Die Verben lurchen und vespern kommen aus dem Missverständnis – das Gedicht geht über den in diesem Fall irrigen Entstehungsanlass hinaus. Auch in seiner Polemik bleibt es biografisch (die Angriffe auf ihn und auch die „gutgemeinten“ Stimmen waren ja sehr real) und poetisch „wahr“. Gegenstand des Gedichts ist nicht Vesper, sondern das ihm immer noch unheimliche Land der Täter, trotz der Alibipreise, die ihm vergeben werden.

**) Septemberrosen: bezieht sich auf ein Gedicht von Paul Verlaine, das Celan übersetzt hatte, siehe auch letzte Zeile dieses Gedichts mit einer Paraphrase auf Verlaines Text, der oroginal in Celans Übersetzung lautete: „Wann blühen wieder die Septemberrosen?“ Celan zitiert und verwandelt, die letzte Zeile seines Gedichts heißt übersetzt: O wann werden, o Rosen, eure September wieder blühen? Im Kontext des Gedichts keine Herbstsentimentalität, sondern eine unheimliche (Wieder-)Bedrohung, man kann es alles in allem etwa so lesen: Oh, wann werden sie wieder zuschlagen? (Vgl. letzte Zeile des zweiten Abschnitts).

***) Hüh und Hott verwendet Celan mehrfach für „Die Geister rechts und links. Die Hü- und die Hott-Intellektuellen“.

#) on tue, frz. man tötet. Bezieht sich auf ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko mit dem Titel „Verlaine“. In einer früheren Fassung schrieb er es aus: on tue les poètes pour les citer, man tötet die Dichter, um sie dann zu zitieren.

##) versteckter Bezug auf die (jüdischen) Autoren Arnold Zweig und Ossip Mandelstam

###) Bezieht sich auf ein antideutsches Gedicht von Guillaume Apollinaire während des 1. Weltkrieges, das Celan übersetzt hat, daraus: „Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre (…) So hält man Tafel rund im Kreis / und f…t und lacht beim Abendschmaus, / und wird ganz schwach nach deutscher Weise, / und geht und bläst ein Leben aus.“

§) Call it love: Titel eines Gedichts von Hans Magnus Enzensberger (aus „Verteidigung der Wölfe“)

Wiedemanns Kommentar weist etliche weitere Anspielungen nach, aber man muss vielleicht nicht jeder Spur nachgehen. Lesen und wiederlesen hilft vielleicht mehr.

Die Kometen mit den Feuernasen

Georg Heym

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

UMBRA VITAE

Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
Und sehen auf die großen Himmelszeichen,
Wo die Kometen mit den Feuernasen
Um die gezackten Türme drohend schleichen.

Und alle Dächer sind voll Sternedeuter,
Die in den Himmel stecken große Röhren,
Und Zauberer, wachsend aus den Bodenlöchern,
Im Dunkel schräg, die ein Gestirn beschwören.

Selbstmörder gehen nachts in großen Horden,
Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen,
Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden,
Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.

Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile.
Die Haare fallen schon auf ihren Wegen.
Sie springen, daß sie sterben, und in Eile,
Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen,

Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere
Stehn um sie blind und stoßen mit dem Horne
ln ihren Bauch. Sie strecken alle Viere,
Begraben unter Salbei und dem Dorne.

Die Meere aber stocken, ln den Wogen
Die Schiffe hängen modernd und verdrossen,
Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen,
Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.

Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
Und bleiben ewig tot in ihrem Ende,
Und über die verfallnen Wege spreiten
Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.

Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben,
Und eben hat er noch ein Wort gesprochen,
Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben?
Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.

Schatten sind viele. Trübe und verborgen.
Und Träume, die an stummen Türen schleifen,
Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen,
Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.

Ende Oktober 1911

Aus: GEORG HEYM, UMBRA VITAE. NACHGELASSENE GEDICHTE. LEIPZIG: ROWOHLT 1912, S. 5f

Juli 2020 (Foto WJG)

Judenwelsch

Das Celanjahr neigt sich, der 100. Geburtstag naht. Heute ein weiteres Gedicht.

Judenwelsch, nachts

Ich gab, ich gab - als Stein kommt es zurück.
Es schwirrt.
es trifft.

  Im Eiterlicht, im Angesicht
  der Mörder, Hände: Schlaft ihr nicht?

  Sie treffen. Sie trafen.
  Wir schlafen, wir schlafen.

  Und jene - die 'andern'?

  Wir schlafen, wir wandern.

(20.5.1961)

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. Barbara Wiedemann. (suhrkamp taschenbuch 5105). Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 426
(Pariser Gedichtnachlaß 1948-1970, Zeitraum Niemandsrose)

Zwei Anmerkungen nach dem zitierten Band:

„Eiterlicht“: In der aktuellen „Zeit“ vom 19. Mai hatte Celan eine Rezension von Marcel Reich-Ranicki zu einem Buch von Walter Jens gelesen. Jens geht darin auf Celans Gedicht Matière de Bretagne (aus Sprachgitter) ein, dessen Anfang lautet: Ginsterlicht, gelb, die Hänge / eitern gen Himmel. Der eingerückte Teil des Gedichts bezieht sich u.a. auf Matière de Bretagne, die Hände und schlafen werden von dort übernommen. Jens geht in dem besprochenen Buch auf das Gedicht ein und weist darauf hin, dass „matière“ nicht nur Geschichte und Fabel bedeutet, sondern auch Eiter. Celan schrieb sofort einen Brief an Jens, in dem er sich bedankt, dass Jens (und nicht ihm) die Synonymie von matière und Eiter aufgefallen sei. – In der FAZ vom 20. Mai war Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht abgedruckt. Die Beziehung von Mörder, Hände und anders als die andern geht in sein Gedicht ein.
(Sicher, der Leser muss das nicht alles wissen und bemerken. Aber dafür gibt es ja kommentierte Ausgaben: im Einzelfall bremst die Kenntnis der Entstehungsumstände vielleicht allzu freischwebend spekulierende Interpretationen aus. Interpretieren kann man immer noch: später.)