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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Gestohlene Lust

Während die Dichter im christlichen Europa komplizierte Minnesysteme ersinnen mussten, um von Liebe und Sex zu reden, konnten ihre Kollegen in Indien freier zur Sache reden. Nicht ungefährdet zwar auch hier gelegentlich. Die Liebeslieder des kaschmirischen Dichters Bilhana, der im späten elften Jahrhundert schrieb, sind „gestohlen“, weil sie von einer nicht standesgemäßen, also streng verbotenen Liebe eines Dichters zu einer Prinzessin handeln. Doch auch diese Regel nicht ohne Ausnahme. Laut der Legende wurde die unerlaubte Beziehung entdeckt und der Dichter zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zur Hinrichtung rezitierte der Dichter seine glühenden Verse, der König hörte sie, ward ergriffen, begnadigte den Frevler und gab ihm die Prinzessin zur Frau. Das Werk heißt „Fünfzig Strophen vom Dieb“ (wiewohl es ihrer hundert sind, es gibt verschiedene Fassungen). Hier die zehnte Strophe:

Auch heute noch,
wo alles zu Ende ist,
erinnere ich mich an das Gesicht meiner Liebsten:
goldhell von Safranpuder,
überglitzert von Schweiß,
ausdrucksleer im Taumel der Leidenschaft.
Es war wie der helle Mond,
aus den Fängen des Dunkeldämons befreit.

Aus: Gestohlene Lust. Von Bilhana. Hrsg. u. aus dem Sanskrit übersetzt von Albertine Trutmann. München: C.H. Beck textura, 2011, S. 15

Eine englische Version:

Even now,
at the end, I remember my love’s face
colored with shining saffron powder,
covered with sweat drops,
with love-weary tremulous eyes ––
a moon disc
released by the demon eclipse.

Aus: The Caurapancasika. Attributed to Bilhana. Phantasies of a Love Thief. Transl. Barbara Stoler Miller. New York und London: Columbia University Press, 1971, S. 21

Das Weiche

Wassily Kandinsky (Василий Васильевич Кандинский, * 4. Dezemberjul./ 16. Dezember 1866greg.in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

Aus: Wassily Kandinsky: Klänge. München: Piper, o.J. [1913]

Pdf der Erstausgabe hier.

Zugfenster

Offensichtlich sind Lautgedichte nicht international. Chlebnikow und Krutschonych schrieben russische, Huelsenbeck und Ball deutsche. Weniger bekannt ist, daß Elsa von Freytag-Loringhoven, die New Yorker „Dada-Baroness“, zu den wenigen Frauen gehört, die sich in dieser Kunstart hervortaten. Die meisten sind offenbar im Deutschen noch nicht gedruckt, der schmale Auswahlband „Mein Mund ist lüstern“ (edition ebersbach 2005, 124 Seiten) enthält nur eins davon: Klink – Hratzvenga, die amerikanische Ausgabe „Body sweats : the uncensored writings of Elsa von Freytag-Loringhoven“ (MIT Press 2011, 418 Seiten) sieben. Hier ein Lautgedicht (sonic poem), das sie selber aus dem Deutschen ins Englische übersetzt hat. (Dieses ist nur partiell Lautgedicht, sie hat aber auch rein (fast) ohne Wörter auskommende.)

ZUGFENSTER

OCTOBER
BUNTGESTICKT
GETUPFT
KOBALT –
BLUTKUPFERROT
SCHWAR[Z]GOLD
LICHT –
GÜLDFLITTER
KALKWEISS
BIRKGESTALT –
ZWEIGGEÄTZ
KNOCHENFAHL –
SCHNÖRKELZART
STRICHELUNG –
TINTGEWÖLK
GEBALLT
KÜHN
FINSTERECKEN
FLASCHENGRÜN
QUECKSILBERSPIEGEL’S
SCHILFLANZTANZ.
ZIRP-ZIRP-ZIRP –
SUUUIIIRRRRR
SIRRRRRRRRR
ZIRP – – – –
WIND –
GLANZ – – –

Carwindow

Cobalt
October’s
Dotty —
Embroidered
Multitints
Bloodcopperrust
Blackgold —
Light —
Gilttinsel —
Birchbole
Chalkwhite — — — — —
Twigprints
Bonepale —
Curlyfrail —
Strokelings — — — — —
Inkclouds
Heroic
Ball — — — — —
Sombre
Corners
Bottlegreen — — — — —
Quicksilvermirrors
Reedlancedances
Tall:
Zirp-zirp-zirp
Suuuiiirrrrr
Sirrrrrrr
Siiiiiiiiirrr
Zirp — — — — —
Wind — —
Sheen — — — —

ca. 1924-1925

Elsa von Freytag-Loringhoven papers

Anmerkung aus Body sweats : the uncensored writings of Elsa von Freytag-Loringhoven MIT Press 2011:

Carwindow , ca. 1924–1925. Typescript. Box 1, folder 31. EvFL Papers, UML. There are at least three variants, including an English typescript, of this loosely translated German poem “Zugfenster.” In the margins of the manuscript, with both English and German appearing side by side on the same page (see figure 6.4), EvFL writes to DB: “You must have those registered MSS. now? Do you like ‘This is the Life in  Greenwich Village? Have you got the poem ‘Ghinga?’ and ‘Kroo’?” In the (earlier) German version, EvFL notes in the margin: “To ‘The Little Review.’”

Embroidered] Embroiderd

Freundschaft

Regina Ullmann

(* 14. Dezember 1884 in St. Gallen, Schweiz; † 6. Januar 1961 in Ebersberg, Oberbayern)

Aus: Regina Ullmann: Gedichte. Leipzig: Insel, 1919, S. 8

Dem Michel ins Stammbuch

Heinrich Heine

(* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)

Michel nach dem März.

So lang ich den deutschen Michel gekannt,
War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt
Und handelt fürder gescheuter.

Wie stolz erhob er das blonde Haupt
Vor seinen Landesvätern!
Wie sprach er – was doch unerlaubt –
Von hohen Landesverräthern.

Das klang so süß zu meinem Ohr
Wie mährchenhafte Sagen,
Ich fühlte, wie ein junger Thor,
Das Herz mir wieder schlagen.

Doch als die schwarz-roth-goldne Fahn’,
Der alt germanische Plunder,
Aufs Neu’ erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Mährchenwunder.

Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.

Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn* –
Die Helden aus andern Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nah’n
Und für den Kaiser streiten.

Die Burschenschaftler allesammt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren.

Ich sah das sündenergraute Geschlecht
Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht,
Am Einheitstempel schaffen –

Derweil der Michel geduldig und gut
Begann zu schlafen und schnarchen,
Und wieder erwachte unter der Hut
Von vier und dreißig Monarchen.

Erstdruck: 1851

*) Ich hörte AfD-Frauen im Fernsehn und einen (übrigens erfolglosen) Provinz-Pegidisten auf dem Marktplatz zu Greifswald Heine zitieren: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um dem Schlaf gebracht“. Die Damen und Herrn haben das Gedicht gar nicht gelesen, oder es interessiert sie einen Scheiß – es ist ja ein privates Gedicht von der Sehnsucht des Flüchtlings Heine nach der in Deutschland verbliebenen Mutter. Und Heine ist nicht ihr Gewährsmann, für all die Mucker, Heuchler, Frömmler, Nationalisten, Burschen, Michel und Untertanen hatte er nichts als ätzenden Spott.

Die Blechschmiede

Arno Holz

Aus: Die Blechschmiede
Erschienen im Insel-Verlage Leipzig 1902

Prolog:
Seit der alte Papa Wieland
seine liederlichen Musen
abenteuerlich ersuchte,
ihm den Hippogryph zu satteln,
hat schon mancher deutsche Dichter
diesen Trick ihm nachgeäfft.

In das süße blaue Wunder
unsrer Jungfrau Poesie
stippte altklug Mutter Prosa
die didaktisch lange Nase,
und die Töchter des Olympiers
degradiert nun frech zu Jockeys
jeder Schlingel, dem erbärmlich
auf der schlecht geleimten Leyer
nur ein dünnes Därmchen schnurrt.

Leider bin ich auch blos Mensch.
Dumpf in meine Wiegenlieder
brandete von fern die Ostsee,
und wir Deutschen sind entweder
Dichter, oder Philosophen.

Ich bin Dichter. Versefex.

Versefex und degradier drum
jene schlanken Marmorschönen
mit dem weltverliebten Herzen
heute selbst zum Stallknechtsdienst.

He, Euterpe, raus den Schinder!
Wiehernd bäumt er sich ins Licht.

Zieh, Urania, erst mal, bitte,
dort den Strohhalm aus dem Schwanz.

Klio und Kalliope,
putzt ihm spiegelblank die Hufe,
knüpft ihm Blumen in die Mähne,
hängt ihm Rauschgold an die Flügel,
mutig blähn sich seine Nüstern,
wohlig zuckt sein Seidenfell.

Schlottert hier nicht noch ein Riemen?

Mensch, Melpomene, du stellst dich
ja noch dümmer, als du bist!

Fester, Erato, den Sattel,
oder denkst du dir, ich wollte,
rhythmisch über Wolken stolpernd,
einen Kopfsprung inscenieren?

Kind, Thalia, willst du wohl?
Händchen weg, das Luder beißt!

Recht so, Polyhymnia,
reich ihm den krystallnen Eimer,
roten, funkelnden Falerner
zulpt der alte Schwede gern.

Hm; die Bügel federn gut.

Auch die Peitsche zieht brillant.

So. Und jetzt, Terpsichore,
heb dein Tunicachen, tanz
ihm eins rittlings vor dem Hintern,
unterm Schlage seiner Schwingen
stäuben Blüten aus den Wipfeln,
und verdutzt vom Kirchturm kräht schon
hinter uns der goldne Gockel.

«Wir wollen endlich lieben!»

Alexander Solschenizyn

( * 11. Dezember 1918 in Kislowodsk, Oblast Terek, heute vor 100 Jahren; † 3. August 2008 in Moskau)

Gespräch zweier Insassen einer Krebsstation im asiatischen Teil der Sowjetunion 1955 – kein gewöhnliches Krankenhaus, vielmehr Teil des riesigen Archipels der Gulag, der sowjetischen Straflager:

« … Wer jahrelang vor Haß geglüht hat, kann nicht eines Tages sagen: basta, heute habe ich ausgehaßt, nun werde ich nur noch lieben. Nein, er bleibt voller Haß und wird so bald wie möglich wieder jemanden zum Hassen finden. Sie kennen das Gedicht von Herwegh:

Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen ——»

Oleg fiel ein:

«Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Wie soll ich das nicht kennen. Das haben wir in der Schule gelernt.»

«Richtig, richtig, das haben Sie in der Schule gelernt! Aber so etwas ist doch schrecklich! In der Schule hätte man Ihnen das Gegenteil beibringen müssen: Zu des Teufels Großmutter mit eurem Haß. Wir wollen endlich lieben! — So soll der Sozialismus aussehen.»

Aus: Alexander Solschenizyn: Krebsstation. Roman in zwei Bänden. Band 2. Reinbek: Rowohlt, 1971, S. 137

Hier Herweghs Gedicht:

Das Lied vom Hasse
1841

Wohlauf, wohlauf, über Berg und Fluß
Dein Morgenrot entgegen,
Dem treuen Weib den letzten Kuß,
Und dann zum treuen Degen!
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Die Liebe kann uns helfen nicht,
Die Liebe nicht erretten;
Halt du, o Haß, dein Jüngst Gericht,
Brich du, o Haß, die Ketten!
Und wo es noch Tyrannen gibt,
Die laßt uns keck erfassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Wer noch ein Herz besitzt, dem soll's
Im Hasse nur sich rühren;
Allüberall ist dürres Holz,
Um unsre Glut zu schüren.
Die ihr der Freiheit noch verbliebt,
Singt durch die deutschen Straßen:
»Ihr habet lang genug geliebt,
O lernet endlich hassen!«

Bekämpfet sie ohn Unterlaß,
Die Tyrannei auf Erden,
Und heiliger wird unser Haß
Als unsre Liebe werden.
Bis unsre Hand in Asche stiebt,
Soll sie vom Schwert nicht lassen;
Wir haben lang genug geliebt
Und wollen endlich hassen!

Die Dichterin

Gertrud Kolmar

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)

Die Dichterin

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat sein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,

Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
„Dies wird nicht sein.“ Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: „Du…“

Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau‘,
Mit Silberketten, Seiden, blaubesternt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schöne andre Wort verlernt. –

Der Mann ist soviel klüger, als wir sind.
In seinen Reden unterhält er sich
Mit Tod und Frühling, Eisenwerk und Zeit;
Ich sage:“Du…“ und immer: „Du und ich.“

Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid,
Das reich und rot sein mag und ärmlich fahl,
Und immer unter liebem Finger nur
Zerknittern dulden will, Befleckung, Mal.

So steh ich, weisend, was mir widerfuhr;
Denn harte Lauge hat es wohl gebleicht,
Doch keine hat es gänzlich ausgespült.
So ruf ich dich. Mein Ruf ist dünn und leicht.

Du hörst, was spricht. Vernimmst du auch, was fühlt?

Aus: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003 (Das lyrische Werk 2), S. 89f

Wenn nicht

Bertha Arndts

(* 9. Dezember 1809 in Arnsberg,† 9. Mai 1859 in Wien-Hütteldorf)

Vittoria Colonna

(* 1492 in Castello di Marino bei Rom; † 25. Februar 1547 in Rom)

Aus: Sonette der Victoria Colonna / mit deutscher Übersetzung von Bertha Arndts. Schaffhausen : Fr. Hurter’sche Buchhandlung, 1858

S’in man prender non soglio unqua la lima
  Del buon giudicio, e ricercando intorno
  Con occhio disdegnoso, io non adorno,
  Nè tergo la mia rozza incolta rima;
Nasce, perchè non è mia cura prima,
  Procacciar di ciò lode, o fuggir scorno;
  Nè che, dopo il mio lieto al ciel ritorno,
  Viva ella al mondo in più onorata stima.
Ma dal foco divin, che ’l mio intelletto,
  (Sua mercè) infiamma, convien ch’ escan fuore,
  Mal mio grado, talor queste faville.
E s’ alcuna di loro un gentil core
  Avvien che scaldi; mille volte e mille
  Ringraziar debbo il mio felice errore.

Hier eine moderne englische Version

Der Lyriker sitzt schön im Haus

Peter Handke

Der Lyriker sitzt schön im Haus
der lyrische Epiker geht über die Hügel
der epische Epiker wird auf die Schiffe verschlagen

Aus: Peter Handke: Leben ohne Poesie. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007, S. 140

Aus Poems and Other Visions of the Jews

Der Baal Schem Tov* pflegte zu einer bestimmten Stelle im Wald zu gehen, wo er ein Feuer anzündete und betete, wann immer er vor einer besonders schweren Aufgabe stand; und sie wurde gelöst.

Sein Nachfolger im Amt folgte seinem Beispiel und ging zur selben Stelle; er sagte aber: „Das Feuer können wir nicht mehr anzünden, aber wir können immer noch beten.“ Und er wurde erhört.

Eine nächste Generation kam, und Rabbi Mosche Leib aus Sassow ging in den Wald und sagte: „Das Feuer können wir nicht mehr anzünden, das Gebet wissen wir nicht mehr; aber wir kennen noch die Stelle im Wald, und das muss ausreichen.“ Und es reichte aus.

Der Rabbi in der vierten Generation, Israel aus Rischin, blieb zu Hause und sagte: „Das Feuer können wir nicht mehr anzünden, das Gebet wissen wir nicht mehr und die Stelle im Wald auch nicht. Aber wir können die Geschichte erzählen.“

Und es reichte aus.

  • Baal Schem Tov (בעל שם טוב, ‚Besitzer des guten Namens‘) war der Beiname von Rabbi Israel ben Elieser, der um 1700 in Okop bei Kamieniec-Podolski, Polen-Litauen, geboren wurde und am 22. Mai 1760 in Międzyborz, Podolien, Polen-Litauen starb. Er gilt als der legendäre Begründer des Chassidismus.

Nach: Exiled in the Word. Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. Ed.  Jerome Rothenberg und Harris Lenowitz, Washington: Copper Canyon, 1989, S. 1

Meinte er das wirklich

Raja Lubinetzki

Meinte er das wirklich
So wie er es schrieb
oder meinte er es wirklich
so wie er es sagte

und an welchem Punkt
dieses geschriebenen
fortlaufenden Satzes
Lebens setzte die Verfremdung

ein etwa in einem durch
ein Semikolon
festgehaltenen Gespräch
das nach dem Gesagten

so oder so geschrieben
wurde und da es damals
noch keine Technik
weiter so gab kann man

sich also nicht ganz
so sicher sein
ob es so gesagt wurde
oder ob das Gesagte

Vergessne vielleicht
ein wichtiges Gefühlsdetail
nicht mehr darzustellen
in der Lage war

Aus: Raja Lubinetzki: Der Tag ein Funke. Gedichte, Zeichnungen. Berlin: Janus Press, 2001, S. 100

Beschwörung

Paula Ludwig

(* 5. Januar 1900 in Feldkirch; † 27. Januar 1974 in Darmstadt)

Beschwörung

Ich kann nur die Flöte spielen
und nur fünf Töne

Wenn ich sie an die Lippen hebe
kehren die Karawanen heim
und in dunklen Scharen die Vögel

Dann rudern die Fischer ans Ufer
und aus Morgenländern
kommt duftend
der Abend zurück

Am Stamme des Ahorns lehn ich
im Schatten des Efeus
und sende mein Lied nach dir aus

Aus: unter dem sapphischen mond. Deutsche Frauenlyrik seit 1900. Ausgewählt von Oda Schaefer. München: Piper, 1957, S.40

Mitte des Lebens

Christine Busta

Mitte des Lebens

Durch Schafgarben watend und goldne Kamillen,
immer im Ohr noch den heillosen Ton
einer irren, verdorrten Grille
und im Mund schon befremdlich den stillen
Geschmack von Olive und Mohn.

Aus: Die Scheune der Vögel (1958)

Entdeckung

Christine Busta

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Entdeckung

Sag:
Grasnarbe.
Sag es langsam.

Du sprichst
ein vollkommenes
Gedicht.

Aus Christine Busta, Salzgärten, Salzburg: Otto Müller, 1975