Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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741 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.
Heute vor 105 Jahren, am 24. August 1921*, wurde der russische Dichter Nikolai Gumiljow als Konterrevolutionär erschossen. Erst 1987, in Gorbatschows Perestroika, erschienen in der Sowjetunion ein paar Gedichte in der Zeitschrift Ogonjok. Ich konnte sie in Greifswald am Zeitungskiosk kaufen – ich hatte diese Zeitschrift für mich entdeckt, weil sie offener war als die DDR-Presse. Perestroika und Glasnost gab es in der DDR nur in (östlichen) Fremdsprachen. Das Heft mit den Gedichten von Gumiljow war eines der ersten, das ich gelesen habe. Ich kannte den Namen von Fußnoten zu Anna Achmatowa, mit der er ein paar Jahre verheiratet war, aber bis dahin keine Gedichte. 1988 erschien eine deutsche Auswahl im Westberliner Oberbaum Verlag, die ich Anfang der 90er kaufen konnte. Das war ganz einfach – ich musste nur die Mauer öffnen und die Ostmark durch D-Mark ersetzen.
Gumiljow gehörte wie Achmatowa und Mandelstam zur Gruppe der Akmeisten. Das war eine Gegenströmung zum um 1900 auch in der russischen Literatur vorherrschenden Symbolismus. Das heutige Gedicht des Tages macht sich über den Symbolismus mit seinen symbolhaft verrätselten Andeutungen, seiner Richtung ins Transzendent-Mystische und Bevorzugung musikalischer, zerfließender Versformen lustig.
*) zumindest nach der deutschen Wikipedia. Die russische und englische Version nennen den 26. August, die französische den 16. August. Trau keiner Quelle, die du nicht gegengeprüft hast – was nie leichter war als heute, indem man zum Beispiel auf andere Sprachversionen des Online-Lexikons klickt.
Der alte Vagabund in Addis-Abeba, der viele Stämme unterworfen hatte, schickte zu mir einen schwarzen Lanzenträger mit einem Gruß, der aus meinen Versen gebildet war. Der Leutnant, der ein Kanonenboot geführt hatte unter dem Feuer der feindlichen Batterien, las die ganze Nacht auf dem südlichen Meer mir zum Gedenken meine Verse. Der Mann, der inmitten der Volksmenge den kaiserlichen Gesandten erschossen hatte, trat auf mich zu, mir die Hand zu drücken, mir für meine Verse zu danken. Viele von ihnen, den Starken, Bösen und Frohen, die Elefanten und Menschen erschlugen, die vor Durst in der Wüste starben, die an der Kante des ewigen Eises erfroren, die treu waren unserem Planeten, dem starken, frohen und bösen - führen meine Bücher in der Satteltasche mit sich, lesen sie im Palmenhain, vergessen sie auf dem sinkenden Schiff. Ich beleidige sie nicht mit Neurasthenie, erniedrige sie nicht durch Wärme der Seele, werde ihnen nicht lästig durch vieldeutige Anspielungen auf den Inhalt eines ausgegessenen Eis. Aber wenn ringsum die Kugeln pfeifen, wenn die Wellen die Borde brechen, lehre ich sie, wie man sich nicht fürchtet, sich nicht fürchtet und tut, was not ist. Und wenn die Frau mit dem schönen Antlitz, dem einzig teuren auf der Welt, sagt: „Ich liebe Sie nicht" dann lehre ich sie, wie man lächelt und fortgeht und sich nicht mehr umwendet. Und wenn ihre letzte Stunde kommt, ein gleichmäßiger, roter Nebel die Blicke bedeckt, dann werde ich sie lehren, sich auf einmal zu erinnern des ganzen grausamen, lieben Lebens, der ganzen vertrauten, seltsamen Erde und, vor dem Antlitz Gottes erscheinend, mit einfachen und weisen Worten ruhig Sein Gericht zu erwarten. (2.7.1921)
Aus dem Russischen von Irmgard Wille, aus: Nicolai Gumiljow, Ausgewählte Gedichte. Gedichte ausgewählt und übertragen von Irmgard Wille. Briefe ausgewählt und übertragen von Rosemarie Düring. Zweisprachig Russisch und Deutsch. Berlin: Oberbaum / BasisDruck, 1988, S. 95/97
Старый бродяга в Аддис-Абебе, Покоривший многие племена, Прислал ко мне черного копьеносца С приветом, составленным из моих стихов. Лейтенант, водивший канонерки Под огнем неприятельских батарей, Целую ночь над южным морем Читал мне на память мои стихи. Человек, среди толпы народа Застреливший императорского посла, Подошел пожать мне руку, Поблагодарить за мои стихи. Много их, сильных, злых и веселых, Убивавших слонов и людей, Умиравших от жажды в пустыне, Замерзавших на кромке вечного льда, Верных нашей планете, Сильной, веселой и злой, Возят мои книги в седельной сумке, Читают их в пальмовой роще, Забывают на тонущем корабле. Я не оскорбляю их неврастенией, Не унижаю душевной теплотой, Не надоедаю многозначительными намеками На содержимое выеденного яйца, Но когда вокруг свищут пули, Когда волны ломают борта, Я учу их, как не бояться, Не бояться и делать что надо. И когда женщина с прекрасным лицом, Единственно дорогим во вселенной, Скажет: я не люблю вас, Я учу их, как улыбнуться, И уйти, и не возвращаться больше. А когда придет их последний час, Ровный, красный туман застелит взоры, Я научу их сразу припомнить Всю жестокую, милую жизнь, Всю родную, странную землю, И, представ перед ликом Бога С простыми и мудрыми словами, Ждать спокойно Его суда.
627 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.
Róža Domašcyna schreibt auf Deutsch und Obersorbisch und „überträgt“ ihre Texte selbst zwischen beiden Sprachen – oder vielleicht besser: schafft sie neu in der anderen Sprache? Sind doch die beiden Fassungen keine wortgetreuen Übersetzungen voneinander.
Ausgangspunkt ist der sorbische Dichter Jurij Chěžka. Die obersorbische Fassung bezeichnet sich ausdrücklich als „swobodnje po motiwje Jurja Chěžki“ – frei nach einem Motiv von Jurij Chěžka. Damit entsteht ein mehrfaches Gespräch: Domašcyna antwortet Chěžka, das Obersorbische antwortet dem Deutschen oder vermutlich umgekehrt und eine Fassung verändert die andere.
Im Zentrum steht der Buchstabe z beziehungsweise zet, das letzte Zeichen beider Alphabete. Aus ihm entwickelt Domašcyna eine ganze Sprachlandschaft. Im Deutschen häufen sich Wörter wie „Zeichen“, „Zeit“, „Ziffern“, „Zucken“, „Zugzeit“, „Zebra“, „Zenit“, „Zeltzeit“, „Zäune“, „Zehen“ und „Zarge“. Das z ist nicht nur Thema, sondern erzeugt das Gedicht klanglich und semantisch.
In der obersorbischen Fassung wird dieses Verfahren noch auffälliger. Fast jede Zeile, ja fast jedes Wort wird von Lautfolgen um z, zw, zy, ze, zo, za, zh geprägt. Wörter wie „zynko“, „zymolicu“, „zynčate“, „zymow“, „zhibowachu“, „zasywach“, „zawołaki“, „zwotróćichu“, „zwučnje“ oder „zymicy“ lassen das Gedicht zu einem aus dem Buchstabenmaterial selbst hervorgehenden Sprachkörper werden. Übersetzen bedeutet hier deshalb nicht, einen identischen Inhalt in einer anderen Sprache wiederzugeben. Beide Sprachen stellen jeweils anderes Material für das poetische Spiel bereit.
Zugleich zieht sich durch die deutsche Fassung ein zweites Leitmotiv: die Zeit. Kindheit und „Neuzeit“, Uhr und Ziffern, Stunden und „Zugzeit“ führen bis zur abschließenden Frage: „wann ist die zeit dir zuvorgekommen“. Aus dem Spiel mit dem letzten Buchstaben des Alphabets wird damit unversehens ein Gedicht über Vergänglichkeit.
Variationen zum grünen zet
nach einem
motiv von
Jurij Chěžka
ich mochte dich z
du letztes zeichen meines alfabets
anfang den ich buchstabierte: zet
für neuzeit kindzeit
wo die uhr ein kreis war
die ziffern lichtpunkte zwischen dem zucken
das ich zerlegte zusammensetzte aufzog
zergrübelte stunden denen ich zusprach
untiefen lotete türme erstieg
zugzeit mit dem zebra zum zenit
zeltzeit wo die zäune nicht umzäunung waren
meine zehen leichten fußes drüberzogen
keine zarge zu breit war
wann ist die zeit dir zuvorgekommen
Aus: Róža Domašcyna, Zwischen gangbein und springbein. Gedichte. Zeichnungen von Maja Nagel. Berlin: Gerhard Wolf Januspress, 1995, S. 9
Jurij Chěžka (1917-1944), sorbischer Dichter.
swobodnje
po motiwje
Jurja Chěžki
wobkusowach će
posledni zynko mojeho alfabeta
započatko pismikowanja: zet
za złotušku zymolicu zawiwak
zynčate zawostajenstwo zlutniwych zymow
zo zabaleše zapleńčenje zeznaće
a zakuklenja zwady do zmjetkow zhibowachu
hdźež zasywach zawołaki a zběrach zbožopřěća
zdwórliwe zasodaća
zezhibowachu zakročenja
zwotróćichu zahladanje
zwučnje zazwoni so w zwóńcy
mi zeswita zludanje zapřěća
zhrabach so ze syčawku na jazyku
mi zymicy zornješko zeschadźa
Ebd. S. 8
Ich habe mir von KI eine möglichst wörtliche Übersetzung des sorbischen Texts anfertigen lassen.
Variationen zum grünen Zet
frei
nach einem Motiv
von Jurij Chěžka
ich versuchte dich
letztes Zeichen meines Alphabets
Anfang des Buchstabierens: Zet
für ein Goldstück, ein Winterchen, einen Wirbel
gezacktes Zurückbleiben eisiger Winter
aus dem Eingewickeltsein Verflechtung, Erkennen
und aus der Verpuppung wanden sich die Streitigkeiten zu Resten
wo ich Ausrufe aussäte und Getreidewünsche erntete
höfliche Setzungen
verbogen die Schritte
kehrten das Hinschauen um
klangvoll erklang es in der Glocke
aus der Welt leuchtet mir die Täuschung des Verbots
ich raffte mich mit einem Zischen auf der Zunge zusammen
aus dem Winter geht mir das Morgenrot auf
KI kommentiert:
Einige Stellen sind im Sorbischen stark wortspielerisch und teilweise eigensinnig gebildet, sodass eine glatte deutsche Übersetzung gerade das Wesentliche verlieren würde. Besonders auffällig ist die fast obsessive Häufung von z-, zy-, zw-, ze-, zh- und za-Lauten. Das Gedicht führt also praktisch vor, was es mit dem „letzten Zeichen meines Alphabets“ ankündigt.
Bei einigen schwierigen Wörtern würde ich die Übersetzung noch nicht als endgültig ansehen. Besonders „złotušku zymolicu zawiwak“, „zynčate zawostajenstwo zlutniwych zymow“, „zbožopřěća“, „zasodaća“ und „zludanje zapřěća“ sollte man lexikalisch genauer auseinandernehmen. Gerade dort scheint Domašcyna mit Ableitungen, Mehrdeutigkeiten und lautlichen Nachbarschaften zu arbeiten.
202 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 29. August 1862 in Gent; † 6. Mai 1949 in Nizza)
Müde Raubtiere O die verrauschten Leidenschaften! Der Träume Flut, des Lachens Klang! Unter dem welken Laub erschlafften Mit halbgeschloßnen Lidern, krank, Die gelben Hunde meiner Sünden Und meines Hasses schielende Hyänen, Und auf verdroßnen bleichen Wiesengründen Seh' ich die Löwen sich der Liebe dehnen! In ihres Traumes Ohnmacht hingekauert Und müde unter schlaffem Himmel, Der trüb und farblos niedertrauert, So seh' ich ihren Blick auf dem Gewimmel Der Lämmer der Versuchung haften, Die langsam, eines nach dem andern, Im stillen Mondschein weiterwandern – Und stille ruhn sie, meine Leidenschaften...
Deutsch von K. L. Ammer, aus: Fin de siècle. Erzählungen, Gedichte, Essays. Hrsg. Wolfgang Asholt und Walter Fähnders. Stuttgart: Reclam, 1993, S. 33f
Fauves las Ô les passions en allées Et les rires et les sanglots! Malades et les yeux mi-clos Parmi les feuilles effeuillées, Les chiens jaunes de mes péchés, Les hyénes louches de mes haines, Et sur l’ennui pâle des plaines Les lions de l'amour couchés! En l’impuissance de leur rêve Et languides sous la langueur De leur ciel morne et sans couleur, Elles regarderont sans trève Les brebis des tentations S’éloigner lentes, une à une, En l’immobile clair de lune, Mes immobiles passions.
Erstveröffentlichung 1889
Eva H. D.
STUDIE ÜBER PROPORTIONEN Du verbrachtest dein Leben mit einem Mann, erst kanntet ihr euch als Kinder, dann musstest du Dinge mit einem X markieren: Stimmzettel und Umzugskisten, zuletzt seinen Namen, wie einen Ehrentitel. Er wurde ein X in einem gezeichneten Ring, dein Ex-Mann, wie Leonardos herrliche Aktzeichnungen. Es leuchtet dir ein, dass jemand von morgens bis abends nur nackte Männer zeichnen will, wenn er gerade nichts erfindet. Du berührst einen herrlichen Mann und hast das Universum frisch erfunden, jenes parallele, in dem du lachst und lieb zu Kindern bist, auf Riesenrädern schwankst und in moralischen Fragen; oder Erfinderin wirst von einem anderen Schlag, brillant und windzerzaust in der Wüste, die Leinwand mit dem Fallout pigmentierst, dein großes Werk, Zerstörerin von Welten.
Aus: Eva H. D., Wenn alle deine Freunde vom Felsen springen. Gedichte. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag und Steffen Popp. München: Hanser, 2025, S. 83
STUDY OF PROPORTIONS You spent your life with a man, first you were kids together, then you had to mark things off with an X: voting cards, moving boxes, finally his name, like an honorific. He became an X in a sketched ring, your ex-man, like Leonardo's beautiful nudes. You could understand why someone would want to sketch naked men all day, in between inventing things. If you touch a beautiful man, you have just invented the universe, that alternate one, in which you laugh and are kind to children and sway on Ferris wheels and moral questions; or you become another kind of inventor, brilliant and windblown in the wilderness, pigmenting the canvas with the fallout, your great work, destroyer of worlds.
Ebd. S. 82

Eva H.D. stammt aus Toronto, sie ist Lyrikerin und Autorin der Gedichtbände »Rotten Perfect Mouth« (2015), »Shiner« (2016) und »The Natural Hustle« (2023). Sie schrieb das Drehbuch zum Kurzfilm »Jackals & Fireflies« (2023) von Charlie Kaufman. In dessen Film »I’m Thinking of Ending Things« (2020) spricht Jessie Buckley ihr Gedicht »Bonedog«, das in diesem Band enthalten ist. https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/eva-h-d-p-2828
80 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Rose Ausländer
(geboren am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; gestorben am 3. Januar 1988 in Düsseldorf)
Prag
Immer träumte ich nach Prag
immer kam etwas dazwischen
Zeitnot Krankheit Krieg
Kafka stand
vor dem Hradschin
verirrter Himmelsbote
Ich schwöre
beim heiligen Franz
ich kann die Mauern
nicht durchbrechen
die Zauberkünste schlafen
Dort träumen Dichter
ihre Wunder
Gut mit ihnen
Kirschen essen
Trauert Prag
um meinen Traum?
Mein Traum
trauert um Prag
(1977)
Aus: Großstadtlyrik. Hrsg. Waltraud Wende. Stuttgart: Reclam, 1999, S. 282f
277 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
das geprellte herz
mein herz kotzt über achterdeck
mein knastereingedrecktes herz
die meute lacht und ich verreck
sie geben darauf einen dreck
saudumme witze ohne scherz
mein herz kotzt über achterdeck
mein knastereingedrecktes herz
geschwollne pimmel von muschkoten
und faule tricks sind schuld daran
ins steuer schnitten die idioten
geschwollne pimmel von muschkoten
o sagenhafte flutenboten
nehmt euch bloß meines ekels an
geschwollne pimmel von muschkoten
und faule tricks sind schuld daran
wenn die erst ihren priem ausspucken
beschissnes herz was tu ich dann
sie rülpsen wie besoffne tucken
wenn die erst ihren priem ausspucken
mein magen wird im brechreiz zucken
mein herz du bist erbärmlich dran
wenn die erst ihren priem ausspucken
beschissnes herz was tu ich dann
berlin, april 1985
Aus: Leonhard Lorek: Daneben liegen. Berlin: Verbrecher Verlag, 2009, S. 67
(Leonhard Loreks Version eines Gedichts von Arthur Rimbaud)
LE CŒUR VOLÉ
Mon pauvre cœur bave à la poupe,
Mon cœur est plein de caporal ;
Ils lui lancent des jets de soupe,
Mon triste cœur bave à la poupe :
Sous les quolibets de la troupe
Qui pousse un rire général,
Mon triste cœur bave à la poupe
Mon cœur est plein de caporal !
Ithyphalliques et pioupiesques,
Leurs insultes l’ont dépravé.
À la vesprée, ils font des fresques
Ithyphalliques et pioupiesques,
Ô flots abracadabrantesques
Prenez mon cœur, qu’il soit sauvé !
Ithyphalliques et pioupiesques
Leurs insultes l’ont dépravé !
Quand ils auront tari leurs chiques,
Comment agir, ô cœur volé ?
Ce seront des refrains bachiques
Quand ils auront tari leurs chiques :
J’aurai des sursauts stomachiques
Si mon cœur triste est ravalé :
Quand ils auront tari leurs chiques,
Comment agir, ô cœur volé ?
Paris, 1871
146 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Heinz Peter Geißler
der Hund
das Pfeifen von der strengen Welt kommt wie der Hund
dahergebellt – es rennt mich um und hält mich fest
und hinterher ist alles leer – das Lob ist weg
der Stuhl ist frei – ich habe meinen Hund dabei
er ist ein gutes altes Tier und kann für alles nichts dafür
ich danke ihm und gehe weg und schiebe ihm zum Dank
den Speck an seine Tür heran dass er ihn besser sehen kann
dann frisst er ihn und braucht nicht lang weil er schon wieder
wedeln kann – er geht in seine Tür hinein und möcht dort
ganz alleine sein – so ist es gut ich weiß es auch
obwohl ich ihn schon wieder brauch
ich wedle mitm zweiten Speck doch ist er weg
Aus: Heinz Peter Geißler: Hell wie Speck. München, Cormoret und Schupfart: roughbooks / Engeler Verlage, August 2026 (roughbook 072), S. 47
312 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Gedichte retten nicht das Klima und ändern nicht die Welt. Manchmal halten sie einen kleinen psychischen oder geschichtlichen Moment fest, dass wir ihn für ein paar Augenblicke sehen. Hier ein Gedicht eines vergessenen „proletarischen“ Dichters, der heute vor 125 Jahren geboren wurde. 1948 erschien im Ostberliner Dietz Verlag, der der offizielle Verlag der SED war und sonst die Dokumente der Parteitage und die Schriften von Marx, Engels und Lenin (anfangs auch Stalin) druckte, ein Gedichtband von Hans Lorbeer. Lorbeer war Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (1928). Die Nazis sperrten ihn ein, die Kommunisten schlossen ihn aus und nahmen ihn wieder auf. Am 8. Mai 1945 ernannte ihn die sowjetische Besatzungsmacht zum Bürgermeister seiner Stadt Piesteritz. In diesem Gedicht schildert er einen Moment aus der Bürgermeisterzeit – die Ankunft einer Flüchtlingsfamilie. Deutschland ist klein geworden … vom Osten kommen die Flüchtlinge. In der DDR-Literatur war das dann kein Thema mehr.
(* 15. August 1901 in Kleinwittenberg; † 7. September 1973 in Lutherstadt Wittenberg)
Kinder auf der Rathaustreppe
Der Vater und die Mutter sind
zum Bürgermeister gegangen.
Vier Kinder stehn im Sommerwind
mit winterbleichen Wangen.
Der Vater spricht, die Mutter weint,
der Bürgermeister beschwichtigt.
Die Kinder stehen eng vereint
und werden flüchtig besichtigt.
Der dicke Fleischer kommt und guckt
erschrocken und unzufrieden,
worauf er auf die Stufen spuckt:
– es ist kein Heil hinieden...
Die Frau vom Doktor Knobeloch,
sie macht einen kleinen Bogen;
vom Osten her da kommt ja doch
nur Ungeziefer gezogen...
Herr Schneider Fatz und Frau Helen,
die Krämer und Krämerinnen,
sie alle sehn die Kinder stehn
und rauschen schnell von hinnen.
Die Kinder stehen bang vereint.
Ach, Deutschland ist klein geworden,
klein auch sein Herze, wie es scheint,
man spürt es allerorten...
Die Kinder stehn in Leid und Not.
Mein Deutschland, du siehst sie stehen;
dein Krieg nahm ihnen Bett und Brot.
Sag, was soll nun geschehen - - - ?
Aus: Hans Lorbeer, Die Gitterharfe. Gedichte 1933-1945. Berlin: Dietz, 1948, S. 109f.
226 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Ein schmales Heft in der renommierten Reihe „Dichtung unserer Zeit“ des Limes Verlags – es war auch der Verlag Gottfried Benns – ist die erste Buchpublikation von gleich zwei jungen Lyrikern des Jahres 1956. Peter Rühmkorf wurde im Verlauf der nächsten Jahrzehnte einer der führenden Autoren der Bundesrepublik, während Werner Riegel noch im Jahr seines Buchdebüts im Alter von nur 32 Jahren starb. Sein schmales Werk beeinflusste dennoch eine ganze Generation von Dichtern. Gemeinsam mit Peter Rühmkorf begründete er die Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“ und wurde zu einer wichtigen Stimme der frühen Bundesrepublik. In seinen Gedichten reimt die Muse Kalliope auf sMG (schweres Maschinengewehr), Abenteuer auf Mündungsfeuer, Vers auf Geschlechtsverkehrs und Nausikaas auf Fraß.
Werner Riegel
(* 19. Januar 1925 in Danzig; † 11. Juli 1956 in Hamburg)
Seidiger Mohn und sMG,
Iris und Instinkt,
Wenn eine späte Kalliope
Unsere Story bringt.
Das jadefarbene Abenteuer
Das über uns fließt,
Wenn sich ins Mündungsfeuer
Unsere Seele ergießt.
Den Rauch von Lublin
Im Cerebrum –
Wann vergaßen wir ihn!
Aber der Wind schlägt um.
Was wollt ihr noch wissen?
Es hat keinen Zweck.
Ich reiße von euren fiesen Fressen
die Hoffnung weg.
Der Mond taucht schief
Aus Scheiße und Schund.
Schlürft den Aperitif
Mit schmerzlichem Mund.
Die letzten Fetzen Größe
Treiben an euch vorbei.
Nun tut das Sinngemäße
Und haut euch ins Heu.
Aus: Werner Riegel / Peter Rühmkorf: Heiße Lyrik. Wiesbaden: Limes, 1956 (Dichtung unserer Zeit Heft 6), S. 27
212 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 20. März 1943 in Bronxdale, New York City)
Kälte
Das junge Mädchen ist unfähig, das Muster
Ihres gewohnten Denkens zu verändern,
Die Körperhaltung, mit der sie auf ein Gefühl
Der Traurigkeit reagiert, den Strom ihrer
Gedanken, während sie etwas sieht,
Den Gesichtsausdruck und so weiter;
Sie vergißt sich selbst, um sich ihrer Schmerzen
Im Nacken zu erinnern, um sich ihrer Probleme zu erinnern.
Ich habe das schon einmal bemerkt, als ich mich an mich in
Derselben Situation erinnerte, bis sie
Zum ersten Mal in mein Leben trat
Und sich erinnerte, hinaus in das offene Blick-
Feld gegangen zu sein mit Augen voll Tränen und Rauch,
Der langsam aus ihrem Mund kam.
Aus: Silver Screen : neue amerikanische Lyrik, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann. Köln : Kiepenheuer & Witsch, [1969], S. 104. Deutsch von Ralf-Rainer Rygulla.
Cold
The young girl is unable to change
The form of her habitual thinking,
The posture with which she corresponds to
A feeling of sadness, the flow of her
Thoughts in which she is looking,
The facial expression, and so on;
She forgets herself to remember her pain
In the neck, to remember her problems.
I've said this before, remembering myself in the same
Situation until she came
Into my life for the first time
Remembering herself walking out in the open field
Of vision with eyes full of tears and smoke
Slowly coming out of her mouth.
Ebd. S. 253
112 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
ach anna 5
ach anna womit soll ich dich vergleichen? vielleicht mit einem sommertag? – es ist zu früh für solche parallelen. vermutlich werden noch so manche stunden nachts wie tags recht kühl verstreichen.
siehst du die namen auf den stelen? man fügt ihnen gerne auch zahlen hinzu in einer zweiten zeile. das sind die koordinaten zwischen denen sich etwas ereignet. deine schönheit zum beispiel oder das plötzliche erblassen deiner haut.
solange wir atmen anna sind diese zeilen kaum von interesse. danach sind sie alles was bleibt.
Aus: nicolai kobus, hard cover. gedichte. Köln: Nyland, 2006, S. 84
Wenn Sie plötzlich an Shakespeare denken müssen, lesen Sie hier nach. Oder hier.
155 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Was unterwegs verloren geht
Am Ende sind alle müde & zufrieden, heißt es.
Ein wenig wird noch darüber geschwätzt, wie es denn ge=
Wesen wäre, hätte es tatsächlich schon gereicht, sich
Bloß zu bücken, um den entscheidenden Fund zu machen.
In einem Winkel steht ein Hutschpferd, gesprenkelt.
Ein Paar gläserne Schuhe, angefüllt mit alten Münzen, am
Regal, das die Feuchtigkeit ganz leicht verzogen hat.
Die Vagabundin starrt in die Runde. Dann wühlt sie sich durch
Allerhand Taschenkram & findet schließlich den
Violetten Lippenstift. Später wird sie sagen: „Mich flimmert
Das alles an." Ja, solche Fehler machen Freude.
Ein schwarzer Motorradhelm liegt in der Ecke am Boden.
Offenbar gehört er niemandem von den Anwesenden, scheint
Auch nicht wirklich vermißt zu werden. Übermorgen be=
Ginnt der von einigen nur belächelte Schnellkurs in
Handlesekunst. Aber wer weiß, was bis dahin noch passiert.
Aus: Erwin Einzinger, Die virtuelle Forelle. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2011, S. 127
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