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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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Kolibri

174 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Wie übersetzt man Emily Dickinson? Julia Langer entscheidet sich gegen Worttreue, für eine poetische Neuschöpfung. Tunis wird zu Kamtschatka, der Kolibri ein Farb- und Bewegungsrausch, der auf unsere erfroren geglaubte Jugend belebend wirkt – ein Dialog zwischen Original und deutscher Nachdichtung, 19. und 21. Jahrhundert.

Emily Dickinson 

(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)

The Hummingbird

A Route of Evanescence
With a revolving Wheel –
A Resonance of Emerald –
A Rush of Cochineal –
And every Blossom on the Bush
Adjusts its tumbled Head –
The mail from Tunis, probably,
An easy Morning's Ride –
Der Kolibri

Mit fliegenden Fahnen
In funkelnder Tracht
Mit feuriger Verve
Entgegen – der Nacht

Und die Blüte unserer Jugend, die schon
Erfroren schien, richtet sich auf
Und erreicht in wenigen Stunden
Kamtschatka!

Aus: Nach langem Fieber. 10 Gedichte von Emily Dickinson. Deutsch von Julia Langer. Mit fünf Zeichnungen und einer Vignette von Eva Backofen. Erschienen als Serigrafie bei Reiner Slotta Rothahndruck, Berlin 2026

Hier aus der neusten Ausgabe der „abwärts!“, Nr. 59, Juni 2026, S. 35

Aber so kann man das nicht sagen

541 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Die Bundeshauptstadt ist reich an Prominenten aller Fächer, also auch an Prominentenfriedhöfen. Auf dem Friedhof Pankow III, der direkt an die ehemalige Berliner Mauer grenzte – von hier wurde 1961 der erste Fluchttunnel in die Freiheit gegraben – ruhen neben Politikern und Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus, Wissenschaftlern, Erfindern, Ärzten und vielen Normalbürgern auch zahlreiche Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur. Vertreten sind Bildhauer und Maler wie Theo Balden, Fritz Cremer, Heinrich Drake, Will Lammert, Fritz Dähn, Paul Kuhfuss, Max Lingner, Oskar Nerlinger und Hans Vent und Komponisten, Dirigenten und Musiker wie Reiner Bredemeyer, Max Butting, Kurt Sanderling sowie Ernst Busch. Die Literatur ist unter anderem durch die Schriftsteller Adolf Endler, Uwe Greßmann, Rolf Haufs, Henryk Keisch, Inge Müller, Günther Deicke und Maik Hamburger, den Literaturwissenschaftler Heinz Kamnitzer sowie den Verleger Hans Marquard vertreten. Hinzu kommen von Bühne, Film und Fernsehen bekannte Persönlichkeiten wie der Fernsehregisseur Olaf Barutzki, Schauspieler wie Stefan Lisewski, Martin Trettau und Marianne Wünscher oder der Sportreporter Heinz Florian Oertel. Heute in der Lyrikzeitung ein Gedicht von Uwe Greßmann, dem „seltsamsten und eigensinnigsten Dichter der DDR in den Jahren nach 1960“ (Adolf Endler). Es stammt aus dem Schilda-Komplex – „die sowohl subtilste als auch offensivste Beschimpfung der DDR durch einen Außenseiter ihrer ‚eigenen‘ Literatur“, wie Herausgeber Andreas Koziol schrieb. Das Gedicht beschreibt die Nöte und Ängste der Zensoren und Lektoren mit aufsässigen Texten des Dichters. Es wurde weniger als 30 Jahre nach dem Tod des Autors gedruckt. Vielleicht muss man den nachgeborenen LeserInnen noch sagen, dass das damalige Partei- und Staatsoberhaupt im Volksmund den Spitznamen „Spitzbart“ trug.

Grabstein für den Dichter Uwe Greßmann
Foto: Gratz
SCHILDAS ZENSOREN

Der Lektor saß am Tisch
Und trank ein Glas Tee
Und las das Werk durch:
Gewiß ist das so
Aber so kann man das nicht sagen.

Wohl wissen wir:
Die Ziege hat einen Bart
Mit einem Spitzel
Wer sollte daran zweifeln.
Aber Sie wissen doch
Daß die Ziege in Volkes Munde
Noch weit mehr als ein Haustier bedeutet
Wenn sie an der Krippe sitzt und wühlt
Mit der Schnauze darin herum.
Gewiß ist das so
Aber so kann man das nicht sagen.

Wohl wissen wir:
Die Ziege meckert über die Schlangen
Die vor den Geschäften zusammengerollt liegen und zischen
Und hält ihre Schnauze hin
Wo immer was zu grasen ist,
Ob auf Wiesen, an Bäumen
Des Käufers. Die Preise
Blühen ja hoch genug in den Wipfeln dafür auch.
Und wer wohl mag ihren Anblick genießen,
Ohne zu seufzen: Wie teuer ist mir doch das Leben
In diesem Handel mit dem Vieh!
Wohl wissen wir:
Aber so kann man das nicht sagen.

Wohl wissen wir:
Der Ziegenstall ist ein Regierungssitz
Der Haustiere im Staat zu Schilda
Und das Gekrähe und Geblöke darin
Eine dem Menschen unverständliche Tonart der Diskussion.
Wer weiß was die Viecher wollen
Orakeln die Leute und sehen sich um
Ob die Linden dort noch grünen
Oder ob der Vogelkäfig schon dasteht.
Da sollen nämlich die Papageien
Wegen der auswärtigen Angelegenheiten
Das Gitter hoch und runter klettern
Zu plappern wieviel Zoll die Grenze hat.
Nagels wissen wie man da durchkommt:
Es pocht der Hammer
Bis man herein sagt.
Aber das geht nicht.
Das müssen Sie ändern.
Solche Zustände
Im Text
Gewährleisten, daß ein Lektor seine Stellung
Verliert, wenn er die Arme
Leibes bei der Arbeit
Mit dem Tisch unterstützt und solche Haltung
Einnimmt.

Aus: Uwe Greßmann, Schilda Komplex. Zeichnungen von Christine Schlegel. Herausgegeben von Andreas Koziol. Berlin: Edition qwert zui opü, 1998, S. 161ff.

für mehr Platz in öffentlichen Atemzügen

129 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Samuel Kramer

In einem Atemzug ist zu wenig Platz. Unterzeichnen Sie jetzt 
meine Petition für mehr Platz in öffentlichen Atemzügen.
Das wäre ein Anfang. Ich bin derweil eine Kerze.
Ich taxiere Sie schon länger aus der Ferne. Kann es sein, dass Sie

kaum noch aus Wahrheit bestehen? Diese hat 4 Aggregatzustände:
fest, füchtig und paradox. Brennt auch gut. Bestätigen Sie
Ihre Unterschrift nur noch mit einem Kuss. Das ist Kohle
auf den Lippen, aber nur für den Geschmack. Auf der Bildebene

bekäme die Botschaft Platzangst. Das Fundament sind deshalb
invertierte Farben. Mein weißer Mund trifft sich jetzt öffentlich
mit Ihrem. Gefällt mir. Teilen. Melden. Der Lüge und 16

weiteren Freunden gefällt das.

Aus: Samuel Kramer: endlich regen. Gedichte. (Band 30 der Neuen Sammlung). Schupfart: Engeler Verlage, 2025, S. 49

Menschen getroffen

161 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Am 7. Juli 1956, vor 70 Jahren, starb der Dichter Gottfried Benn.

Menschen getroffen

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie garnicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben −
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!

Ich habe Menschen getroffen, die
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.

Aus: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Mit einer Einführung herausgegeben von Bruno Hillebrand. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1988 (27.-30. Tsd.), S. 473

Die alte Fahne die klirrt

170 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Heute eine Erinnerung an die 1980er Jahre (Abt. Ost). Der Autor Peter Brasch ist der Sohn des Kulturfunktionärs Horst Brasch und der Bruder des berühmten, schon in der Bundesrepublik lebenden Thomas Brasch.

Status quo
Nach Hölderlin und W. Müller

Die junge Haut die verdirbt
im Schimmel der stählernen Sonnen
in Niemandes Land.

das alte Lied das stirbt
im Taumel der blauen Kolonnen
an Niemandes Strand.

Die alte Fahne die klirrt
im Wind an gefrorenen Masten
am neuen Bahnhof irrt
der Mann mit dem Leierkasten

Aus: Peter Brasch, Rückblenden am Morgen. Stücke Gedichte Prosa. (Reihe: Außer der Reihe). Hrsg. Gerhard Wolf. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 132

Biografie auf dem Rückumschlag:

Peter Brasch, geboren 1955 in Cottbus. 1974 Abitur in Karl-Marx-Stadt, bis 1976 Germanistik-Studium in Leipzig, Tätigkeiten u. a. als Packer Buchhändler, Kellner, Transportarbeiter. 1978 Regieassistent beim Rundfunk, 1980 freiberuflicher Autor, Regieversuche in Anklam und am Deutschen Theater, bei Platte und Rundfunk, 1986 bis 1989 Dramaturg und Regisseur beim Rundfunk. Seit 1989 wieder freiberuflich.

Peter Brasch starb 2001 in Berlin.

Schreibhand

98 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Marcel Beyer

SCHREIBHAND

Nimm jetzt die schwere
Schreibhand aus dem
Nacken, Zeit für die
Daumenübungen, jetzt

setz dich hin. Setz dich,
so wie du immer
dagesessen hast, als
ob die Sprache dir

ein frisch gestärkter
Kragen sei. Das ist
nicht viel. Ist nichts.
Muß alles sein.

Man hört deine Gelenke
knacken. Du sagst,
wenn da nur keine
Kugelschreiberspuren

sind. Der Unterarm. Du
sagst, der Ellbogen
hat noch ein wenig
Spiel. Dein wollener

Nacken. Gestärkt.
Von unvertrautem Glanz.
Und schwer.
Und sauber abgemessen.

Aus: Marcel Beyer, Graphit. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 71

der Materialist unter den Lyrikern

(Suhrkamp)

Himmel grüsst zart. Bietet dir Schluss

255 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Carl Einstein

(* 26. April 1885 in Neuwied; † 3. Juli oder 5. Juli 1940 in Lestelle-Bétharram, Pau oder in Boeil-Bezing, Angaben nach dem deutschen Wiki) 

Tod nach dem französischen Wiki: 5. Juli 1940 an der französisch-spanischen Grenze 
nach dem englischen: 5. Juli 1940 Lestelle-Betharram
dem russischen: 3. Juli 1940, bei Pau
dem katalanischen: 5. Juli 1940, bei Pau

Heimkehr

Krieche der Erde
Krümm dich der Wolke.
Willst du das, Mann?
In Scherben zerrieben, zum Irrsinn gezerrt.
Endloser Wanderer, allein.
Tod läuft dich an,
Streut in rauchige Asche
Aufriss und Ruhm.
Junges leuchtet geehrt.
Jetzt nur Flecken, ein Wisch.
Dies alles.
Schwankst
Und streifst kaum
Gras, das die Hüfte umgrünt.
Keuche zum Himmel.
Knochen, Feigen und Sklaven
Hungert es uns.
Seele verloren,
lässt es den Leichnam dir taumeln.
Deinen Schatten schreckt staubiger Abend.
Anderer Muscheln,
verschmäht und zergart,
frisst er.
Schämen zerbricht dich.
Innen ermattet
wirst du des Knaben Erde verspüren.
Niemand grüsst.
Niemand ein Wort.
Nie ruft den Namen
Dir Stimme des Menschen.
Würge dir ein
Hungers Wege.
Aufwärts! da oben
klingende Türe.
Verhungert.
Himmel grüsst zart,
Bietet dir Kommen und Schluss.

[Aus «Die Aktion», Nr. 9/10, 1917] Hier aus Carola Giedion-Welcker: Anthologie der Abseitigen. Frankfurt/M.: Luchterhand Literaturverlag, 1990, S. 138. (Erstausgabe: Carola Giedion-Welcker: Poètes à l’Écart / Anthologie der Abseitigen, Bern-Bümpliz: Benteli, 1946)

Nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg floh Einstein 1939 nach Paris. Einstein und seine zweite Frau kamen für eine Weile bei den Leiris unter. Als deutscher Staatsangehöriger im Frühjahr 1940 im Camp Bassens bei Bordeaux interniert und im Juni entlassen, nahm er sich nach der Niederlage Frankreichs das Leben. Er wurde auf dem Friedhof in Coarraze begraben.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Einstein)

nachdem sie den aufrechten gang erworben hatten

304 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Eduard Escoffet

zweite transkription

nachdem sie den aufrechten gang erworben hatten, erfanden die menschen werkzeuge, um die macht der hände über die wirklichkeit zu verlängern. dann erfanden sie die sprache: so mussten sie nicht mehr aus der höhle, um die dinge zu berühren. sie erforschten weiter meere, länder und reiche, um jene welt zu sehen, die sie nicht mit bloßem blick sehen konnten: benennen, vermessen, kartographieren, registrieren, begrenzen… sehen, berühren und hören jenseits des eigenen körpers. und als die welt in daten eingeschlossen war, gaben sich die menschen mit großer hingabe dem rechnen hin. alles addieren, um die lästigkeit des erzählens zu umgehen. bis sie rechenmaschinen erfanden, um nie mehr aus der höhle zu müssen und tag und nacht zu umgehen.

segona transcripció

un cop alçats, els humans van inventar eines per allargar el poder de les mans sobre la realitat. després, van inventar el llenguatge: ja no havien de sortir de la cova per tocar les coses. van continuar explorant mars, terres i regnes per veure el món que no podien veure a simple vista: anomenar, mesurar, cartografiar, registrar, delimitar… veure-hi, tocar i escoltar més enllà del cos propi. i amb el món enclòs en dades, els humans es van lliurar amb desfici al càlcul. sumar-ho tot per evitar la feixuguesa de narrar. fins que van inventar màquines de càlcul per no haver de sortir mai més de la cova i evitar la nit i el dia.

Ausgewählt und aus dem Katalanischen übersetzt von Àxel Sanjosé in einem Dossier katalanischer Gegenwartslyrik in der Zeitschrift Park # 75, November 2023. Das Besondere an dieser Zusammenstellung war, dass die Gedichte dieser Auswahl nicht nur in den deutschen Fassungen, sondern auch im katalanischen Original Erstveröffentlichungen waren. Dieses Gedicht auf den Seiten 82 und 83.

Eduard Escoffet, geboren 1979, ist Lyriker und Performance-Künstler.

Und dennoch

Tadeusz Borowski 

(* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau)

Und dennoch, über verbissene Worte 
wie über einen gerodeten Pfad
werd ich mich kämpfen, bis meine wahre
Dichtkunst sich wiedergefunden hat.

Als wär ich todkrank gewesen,
muß neu ich die Welt beginnen,
jede Gestalt neu erlernen,
neue Wortgefüge ersinnen.

Wer schreit nach diesem schrecklichen Krieg
Agitpropverse auf den Plätzen herum!
Ich werde ruhig und leise sprechen.
Ich überlebte. Die Toten sind stumm.

Mit den Augen geradeaus in die Welt sehn,
tief Atem holen mit der Brust
eines Menschen, der lang wie mit einem Freund
mit dem Tode zu leben gewußt.

Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 308

Tadeusz Borowski schrieb dieses Gedicht nach seiner Befreiung aus den deutschen Konzentrationslagern. Während des Zweiten Weltkriegs studierte er an der geheimen Warschauer Untergrunduniversität und veröffentlichte erste Gedichte. 1943 wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet und nach dem KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Später kam er in das KZ Dautmergen und schließlich in das KZ Dachau, wo er am 1. Mai 1945 befreit wurde. Die Erfahrung von Lagerhaft, Massenmord und Überleben prägte sein gesamtes literarisches Werk. 1951 nahm er sich im Alter von nur 28 Jahren, wenige Tage nach der Geburt seiner Tochter, das Leben.

Vorteil der Gedichte

109 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Jörg Niebelschütz

wie ein rohrleger mir das leben zu ostern erklärt

erstmal den miafiori aus der garage und raus
aufs grundstück, da häng ich zwei ausgepustete
eier ans gartentor, dass alle wissen was los ist
und dann jag ich die olle im flatterhemd
übern komposthaufen und wenn du meiner wärst,
müsstest mindest tausend emm zu hause bringen,
dann könntste schreiben – doch gut mein sohn,
gedichte haben ja immerhin den vorteil,
dass man die meisten schnell vergisst –

aus: Poet’s Corner 17. Jörg Niebelschütz. Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, 1993, S. 25

Jörg Niebelschütz, geboren 1962 in Wismar. Nach der Tischlerlehre verschiedene Jobs. Lebte einige Jahre in Potsdam, jetzt in Berlin.

(Klappentext)

Amerikanisches Sonett

216 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Wanda Coleman 

(13. November 1946 Los Angeles – 22. November 2013 ebd.) 

AMERIKANISCHES SONETT 5 

die unechte kette plebejischer ereignisse

ist verrostet, verbeult und verstaubt
(hatdeinemamatanteaufdiepfannkuchendosegehauen?)

und berechnet, wer die meisten morde, die meisten
krebsbedingten todesfälle, die meisten in die anstalt
eingewiesenen männer, die meisten alleinstehenden weiblichen
haushaltsvorstände, die meisten eigentumsdelikte, die meisten
funktionell gestörten menschen, die meisten konsumenten von
dunklem rum für sich beanspruchen kann

die vor allem
mit der perfektionierung von fluchtplänen beschäftigt sind

see you later alligator
after while crocodile
nach dem dinner, spinner

Aus: Wanda Coleman, strände. warum sie mich kaltlassen. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Terrance Hayes. Aus dem Englischen übersetzt von Esther Ghionda-Breger. Augsburg: MaroVerlag, 2021, S. 101

»Vielleicht war sie eine der besten Sonett-Lyrikerinnen Amerikas, aber sie wurde zu Lebzeiten nie als solche bejubelt, weil sie nicht nett war. Für viele war Wanda Coleman zu aufsässig, zu verzweifelt, zu widersprüchlich, zu widerspenstig und zu schwarz.«
The New York Times

Dieser Band versammelt mehr als 120 Gedichte von Wanda Coleman über historische Ereignisse und prägende Alltagserfahrungen, ihre Rolle als Frau und Mutter, als Schwarze und Lyrikerin in einem rassistischen Amerika.

Mit scharfer Zunge prangert sie strukturelle Ungleichheit, Armut und Hass in den USA an.
»Best Poetry of 2020«
The New York Times, The Irish Times, The Washington Post

Am Tage angehabt

70 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Christian Morgenstern 

(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol)

Der Rock

Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich schweigend aus;
durch seine hohlen Ärmel trabt
die Maus.

Durch seine hohlen Ärmel trabt
gespenstisch auf und ab die Maus...
Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich aus.

Er ruht, am Tage angehabt,
im Schoß der Nacht sich schweigend aus,
er ruht, von seiner Maus durchtrabt,
sich aus.

Fuji

117 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Emily Artmann

Fuji

nie gesehen
schon gar nicht
erfasst
erhebst du dich
über träume
wirr oder unwirr
du bist die
gerade aufsicht
auf langes stehn
eine wiederholt
aufgegangene sonne
ein wiederholt
scheinender mond
der bedichtet
deine kontur geschärft
von generation
zu generation

Zum Gedenken an die viel zu früh verstorbene Emily Artmann

Aus: manuskripte 252 / 2026, S. 82

EMILY ARTMANN (1975-2026), Diplom an der Filmakademie in Wien. Filmschnitt von zahlreichen Dokumentarfilmen und eigene Filme, u. a. der wackel-atlas – sammeln und jagen mit H. C. Artmann, gemeinsam mit Katharina Copony. Bei Edition Thanhäuser erschienen zwei Gedichtbände, in einem mantel aus fischhaut (2021) und arboretum (2026).

Drache über dem Fuji, Gemälde von Hokusai, 1849
 Jim Breen’s Ukiyo-E Gallery – Hokusai. (Gemeinfrei)

Zwei Spanien

179 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Antonio Machado 

(* 26. Juli 1875 in Sevilla, Andalusien; † 22. Februar 1939 in Collioure, Frankreich)

Kleiner Spanier

Es gibt jetzt einen Spanier, der leben
will und zu leben beginnt
zwischen einem Spanien, das stirbt,
und einem anderen Spanien, das gähnt.

Kleiner Spanier, der du
auf die Welt kommst, behüt' dich Gott.
Eines der beiden Spanien
wird dir das Herz gefrieren lassen.

Aus Martin Franzbach: Die Hinwendung Spaniens zu Europa, Die generación del 98, Darmstadt: wbg, 1988. Hier im Journal „Lesart“ 2/ 2026, S. 47 in einer Besprechung von Paul Ingendaays Darstellung des spanischen Bürgerkriegs: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939. C. H. Beck, 2026. Anmerkung in der Zeitschrift:

»Españolito« von Antonio Machado aus »Proverbios y cantares« (Sprichwörter und Gesänge) in »Campos de Castilla«, 1912. Die Bezeichnung der »beiden Spanien« entspringt diesem Gedicht.

Españolito

Ya hay un español que quiere
vivir y a vivir empieza.
Entre una España que muere
y otra España que bosteza.

Españolito que vienes
al mundo te guarde Dios.
Una de las dos Españas
ha de helarte el corazón.

Majestät stolziert durch die Straßen

269 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

In der ersten Ausgabe des „allerletzten Revolverblattes von Prenzlauer Berg“, TorTour, veröffentlichte Bert Papenfuß seine Fassung eines Gedichts des russischen Futuristen Welimir Chlebnikow. Ich verzichte heute auf das Original. Vielleicht können wir uns darauf einigen: Seine Fassung möchte nicht das Gedicht erklären, sondern dieselbe Irritation hervorrufen wie das futuristische Original.

Welimir Chlebnikow 

(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)

Das Volk erhob das höchste Zepter

Das Volk erhob das höchste Zepter,
Majestät stolziert durch die Straßen.
Das Volk ist aufgestanden, wie ersehnt.
Ein Palast, wie Cäsar, wund sich krümmend.

Breit gehüllt in meinen Zarenmantel,
Stürze ich die langsamen Stufen hinunter,
Doch der Ruf – Die Freiheit ist unser!
Ging wie ein Lauffeuer bis Wladiwostok.

Der Freiheit Lieder singen euch erneut!
Vom Pulver der Lieder ist der Plebs entflammt.
Umgeschmolzen zum Götzen der Freiheit
Der Zug der Flüchtlinge, dem ich entrannt.

Der geflügelte Geist des abendlichen Tempels
Schielt gußeisern auf die Maschinengewehre.
Wütende Scham der Kriegsgelüste –
Du, die Priesterin, zerreißt die Bande.

Was hab ich verbrochen? Des Volksbluts dunkle Gimpel
Warf ich um die lichterlohen Banner,
Die Freundin kleidend wie Girej
In die Garbe kosender Verkleinerung.

Des Fluches Tage! Schrecklicher Qualen schreckliches Gestöhn.
Doch hier – Rost, verdammt, und Schimmel! –
Erscheint in jedem Bauernrock mir Danton,
Hinter jedem Baum Cromwell.

Wieder abgedruckt in Bert Papenfuß, Ralph Gabriel (Hg.): Zwischen Mitte und Spitze. Abriß des allerletzten Revolverblattes in Prenzlauer Berg. Mit einem Echtzeittatsachenessay von Bert Papenfuß, vielen Abbildungen von verschiedenen, einem Textanhang und einer Bibliographie der Zeitschriften TorTour und Prenzlauer Berg Konnektör. Berlin: BASISDRUCK, 2015, S. 67. Die Zeitschrift erschien im November 2005.

Ein Kommentar dennoch. In der vorletzten Strophe habe ich „kreidend“ durch „kleidend“ ersetzt. Ich vermute, dass es sich um einen Druckfehler meiner Quelle handelt. Bei Chlebnikow steht ungefähr:

Was habe ich getan? Von des Volkes dunklem Blut
warf ich es zu den flammenden Bannern,
die Geliebte wie ein Giray kleidend (одевая)
in eine Garbe von Kosenamen.

Girej: Die Krimkhane aus dem Haus Giray erscheinen in der russischen Literatur – vor allem seit Puschkin – als orientalische Fürsten mit einem Harem, kostbaren Gewändern und einer poetisierten, exotischen Liebeskultur.

Chlebnikow stellt sich also vor wie ein orientalischer Fürst, der seine Geliebte schmückt. Aber womit? Nicht mit Seide oder Gold, sondern „mit Kosenamen“.