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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Sprache, die tanzt

Angelika Janz

Version zwei

Meine Gedanken vernetzt,
nicht geerdet,
notverschlossen,
ausgesteuert,
gegeneinander getrieben
von Werbepanzern.
Diese Gedanken
Noch einmal
gegeneinander geschossen,
noch kindheitsbeatmet,
noch atemlos
noch unkaputtbar,
weil reißfestes Gedächtnis.
Vernimm im Hörschatten
unartikuliert Rufe nach einer Sprache,
die tanzt.
Stattdessen Schreisalven.
Blickgesten in der Sprache
verdrängter Symbole.

Mordzimmer

Rudolf Ditzen (Hans Fallada)

Mordzimmer

Wie seltne Blumen blüht an falben Wänden
Verspritzten Blutes klebriges Gerinnsel,
Am Tisch ein Abdruck noch von roten Händen
In einer Ecke hockt gemordetes Gewinsel.

In bunten Teppich angstgezähnt verbissen,
Liegt stumm am Boden eines Weibes Leiche,
Von blauem Messerschnitt die Brust zerrissen,
Ein trüber Seich tropft dumpf aus ihrer Weiche.

Die Augen offen — und sie sehen weiter
Als in des Zimmers abgestorbnes Schweigen —
Indes die Hände frech und lüstern heiter
Die Scham der Toten kühlen Blicken zeigen.

Die fremden Blumen purpurn an den Wänden
Verhohlen höhnt des Bettes Messingknauf,
Die Augen schaun und schaun, und aus den Lenden
Schreit quäkend rauh ein Neugebornes auf.

Rudolf Ditzen wurde heute 8 Uhr früh vor genau 125 Jahren in Greifswald geboren. Wer sich beeilt, schafft es noch zur Geburtstagsfeier. Heute Nachmittag ab 16 Uhr in Greifswald, Steinstraße 58. Oder zur Stadtführung auf den Spuren Falladas und anderer Autoren ab 14 Uhr Karl-Marx-Platz.

Eine Auswahl seiner Jugendgedichte erschien soeben bei VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize

Nr. 32: Rudolf Ditzen
Broschur, Klammerheftung
32 Seiten
Umschlagmotiv: Otto Dix
Erste Auflage 2018: 200 Exemplare
Preis: 4,00 €

Cordelia

Christine Busta

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Cordelia

Ich weiß nicht, ob es gut war, daß ich schwieg:
wen Ekel stumm macht, wer’s verschmäht hat, sich zu wehren,
ist schuldig, wenn sie Schritt für Schritt das Recht verkehren;
er weckt Gewalt, am Ende brüllt der Krieg.

Ich hätte bleiben müssen: betteln gehn,
um Wahrheit wider Trug Verblendeten zu weisen.
Ich ließ sie rollen in den abgrundsichern Gleisen;
jetzt ist’s zu spät, das Rad zurückzudrehn.

Ich stürze mit: ein Ende ohne Ruhm,
nur hell von Einsicht und nicht ganz bedeckt von Schande.
Mit meinem Untergang bezeuge ich dem Lande
des alten Rechtes neues Heiligtum.

Aus: Deutsche Lyrik. Gedichte seit 1945. Hrsg. Horst Bingel. München: dtv, 1963, S. 66

Wo hast du all die Schönheit hergenommen

Ricarda Huch

(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus)

Wo hast du all die Schönheit hergenommen,
Du Liebesangesicht, du Wohlgestalt!
Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.
Weil du die Jugend hast, wird alles alt,
Weil du das Leben hast, muß alles sterben,
Weil du die Kraft hast, ist die Welt kein Hort,
Weil du vollkommen bist, ist sie ein Scherben,
Weil du der Himmel bist, gibt’s keinen dort!

verständlich

Tone Avenstroup

Aus: tone avenstroup: i tallenes tid. in zeiten der zahlen. Übersetzung aus dem Norwegischen in Zusammenarbeit mit Bert Papenfuß. Ostheim/Rhön: Peter Engstler, 2010

wahrhaftig

Tone Avenstroup

Aus: tone avenstroup: i tallenes tid. in zeiten der zahlen. Übersetzung aus dem Norwegischen in Zusammenarbeit mit Bert Papenfuß. Ostheim/Rhön: Peter Engstler, 2010

Fragment

„Ein dem Alkaios, vielleicht auch der Sappho zugeschriebenes Fragment“, Übersetzung H. Fränkel:

… Vögeln vom See zu dieser Stadt …
… von Gipfeln her, von denen wohlriechende …
… neben blaugrüner Weinrebe grünes Ried …
… frühlingshaft …
… weithin sichtbar …

zit. bei Walther Killy: Elemente der Lyrik. München: dtv, 1983, S. 198 (zuerst C.H. Beck 1972)

Jiddisch

Abraham Sutzkever

(hebräisch אברהם סוצקבר , jiddisch אַבֿרהם סוצקעווער; auch Avrom oder Avrohom Sutzkever oder Sutzkewer; * 15. Juli 1913 in Smorgon, heute Smarhoń, Weißrussland; † 19. Januar 2010 in Tel Aviv)

JIDDISCH

Soll ich beginnen von Anbeginn?
Soll ich, der ich kein Abraham bin,
aus Bruderschaft zerhacken alle Götzen?
Laß ich mich, einen Lebenden, übersetzen?
Sollen wir einpflanzen unsere Zungen
und warten, bis sie sich verwandeln
nach Urväterart
in Rosinen und Mandeln?
In was für mißlungnen
Witzen
predigt mein Dichterbruder mit dem Backenbart,
daß meine Muttersprache bald untergeh?
Wir werden ersichtlich in hundert Jahren noch sitzen
und am Jordan darüber verhandeln.
Denn eine Frage nagt und bohrt:
Ob er weiß, genau wo
Berditschewers Gebet,
Jehoaschs Lied
und Kulbaks Wort
dem Untergang entgegenzieht?
Und da wäre noch das Problem,
wohin denn die Sprache untergeht,
vielleicht zur Klagemauer in Jerusalem?

1948

Aus: Abraham Sutzkever: Gesänge vom Meer des Todes. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Zürich: Ammann Verlag, 2009, S. 117

Englische Version

Die grausamen Morgen

HERTHA KRÄFTNER

(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)

Die grausamen Morgen

Die Morgen sind wie Schwertstreiche
durch die schwarzen und grünen
Pflanzen der Nacht.
Wenn ihre vollen Schäfte
rauschend niederbrechen,
verrinnen die süßen Düfte
und die bitteren Säfte,
und ihre Blüten sind Träume
und fallen von uns,
wenn wir uns über die Waschschüssel beugen,
und ertrinken im kalten Wasser.

I Am!

JOHN CLARE

(* 13. Juli 1793 in Helpston, Northamptonshire; † 19. Mai 1864)

I am—yet what I am none cares or knows;
  My friends forsake me like a memory lost:
I am the self-consumer of my woes—
  They rise and vanish in oblivious host,
Like shadows in love’s frenzied stifled throes
And yet I am, and live—like vapours tossed

Into the nothingness of scorn and noise,
  Into the living sea of waking dreams,
Where there is neither sense of life or joys,
  But the vast shipwreck of my life’s esteems;
Even the dearest that I loved the best
Are strange—nay, rather, stranger than the rest.

I long for scenes where man hath never trod
  A place where woman never smiled or wept
There to abide with my Creator, God,
  And sleep as I in childhood sweetly slept,
Untroubling and untroubled where I lie
The grass below—above the vaulted sky.
ICH BIN - DOCH WAS, weiß niemand, kümmert keinen.
  Die Freunde lassen mich, wie man Erinnertes verliert.
Ich bin der Selbstverzehrer meiner Leiden.
  Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt —
Wie Schatten in der Liebe Fieberkreisen.
Und doch: ich bin und leb — wie Dunst versprüht

Ins bare Nichts von Holm und lautem Wind,
  In die bewegte See von Wachtraumwogen,
Wo weder Lebensgrund noch Freuden sind,
  Nur Schiffbruch meines Lebens, seines Werts betrogen.
Den Liebsten selbst, die mir am innigsten gefallen,
Bin fremd ich — ja, viel fremder noch als allen.

Wo ist der Ort, den noch kein Mann betreten,
  Wo keine Frau geweint, gelächelt hat?
Dort sehn ich mich, mit meinem Gott zu leben
  Und süß zu schlafen meinen Kindheitsschlaf,
Nicht störend und selbst ungestört zu liegen,
Mich zwischen Gras und Himmelsgrund zu schmiegen.

Deutsch von Georg von der Vring

In: Englische Dichtung. Von Dryden bis Tennyson (Englische und amerikanische Dichtung II). Hrsg. Werner von Koppenfels u. Manfred Pfister. München: C.H. Beck, 2000, S. 361/363

Sprengkraft

„Die Baroness – eine Sprengkraft der frühen Avantgarde“

Yoko Ono

„Kunst ist Religion, daher bin ich eine Priesterin.“
Elsa von Freytag-Loringhoven

Elsa von Freytag-Loringhoven, geb. Elsa Hildegard Plötz (* 12. Juli 1874 in Swinemünde; † 15. Dezember 1927 in Paris)

Hier ein Gedicht aus dem vordadaistischen Frühwerk.

Wetterleuchte

Lass mich deine Lippen trinken –
Lass mich schlucken deinen Atem –
Deiner Wind bepulsten Haut
Atem Zucken lass mich schmecken!

Jede deiner schwarzen Haare
Strähne – stürzt in Liebes Starre –
Dein Gesicht blitzt – donnerfahl
Eine trunkne Blum

ca. 1911

Aus: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Irene Gammel. Berlin: edition ebersbach, 2005, S. 47

Ent-Du’n

Richard Beer-Hofmann

(* 11. Juli 1866 in Wien; † 26. September 1945 in New York)

Aus: Richard Beer-Hofmann: Schlaflied für Mirjam: Lyrik, Prosa, Pantomime
(Große Richard-Beer-Hofmann-Ausgabe, Bd. 1). Hrsg. Michael M. Schardt. Igel Verlag, 2011, S. 56

KINO WEST, KINO OST

Kurt Bartsch

(* 10. Juli 1937 in Berlin; † 17. Januar 2010 ebenda)

KINO WEST, KINO OST

Links der Elbe fließt der Whisky,
Rechts der Elbe fließt der Wodka,
In der Mitte fließt die Elbe.
Links der Elbe reiten Cowboys,
Rechts der Elbe die Kosaken,
Mauser kracht und Winchester.
Links der Elbe siegt das Gute,
Rechts der Elbe siegt das Gute.
In der Mitte fließt die Elbe.

Aus: Kurt Bartsch: Weihnacht ist und Wotan reitet. Märchenhafte Gedichte. Berlin: Rotbiuch, 1985, S. 78

Shelter

Lang Leav

Shelter

My father was a house,
my mother was a home.

(Lang Leav: Sea of Strangers, Simon + Schuster Inc., 2018, Pg 19. ISBN-10: 1449489893, ISBN-13: 978-1449489892)

Noch ein Zitat:

I don’t think you need to be in love to write. But you had to have been once

(Pg 79)

From:   Bangladesh Post 9.7.2018

Lang Leav ist eine Autorin aus Thailand

Mehr

Lazarett

Walter Hasenclever

(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)

Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.

Kleine Schwester Irene,
Bei den Cholerakranken;
Lila Blumen sanken
Auf Abendkähne.
Särge wachsen. Sturm.
Antreten. Trommel. Tod.
Offizier an Grabes Turm
Schnarrt Ehre, Gebot.
Weißer hinter Hügeln
Lemberg, Freude scheint.
Automobile flügeln.
Baracken blutbeweint.
Ärzte ohne Narkose,
Beine ab, zerstampft.
Kleine Schwester, Rose,
Sei den Toten sanft!