Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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824 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten und nach der Bücherverbrennung aus den Bibliotheken entfernt. Hasenclever ging daraufhin ins Exil nach Nizza. 1934 heiratete er dort Edith Schäfer. Am 27. September 1938 macht das Reichsministerium im deutschen Reichsanzeiger die „Ausbürgerung des Juden Walter Hasenclever“ bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ in Frankreich zweimal (u. a. im Fort Carré in Antibes) interniert. Nach der Niederlage Frankreichs nahm er sich in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1940 im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence mit einer Überdosis Veronal das Leben, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Sein Grab befindet sich in Aix-en-Provence auf dem Cimetière Saint-Pierre.
https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hasenclever
Zum Anlass habe ich seine Übersetzung eines Gedichts von Paul Verlaine ausgewählt und stelle das Original und eine annähernd wörtliche Übersetzung dazu.
Kaleidoskop
[1922, geschrieben 1914]
Nach Paul Verlaine
Irgendwo in einer Stadt im Traume
ist es so, als ob man schon gelebt:
einen Augenblick im schwanken Raume —
Sonne da im Nebel, der sich hebt!
Stimme vom Gehölz und Ruf vom Meer!
Wie ein Grund, auf dem du nicht erscheinst;
wie aus langem Schlaf die Wiederkehr
deiner Seele: und nicht mehr wie einst
sind die Dinge an dem magischen Orte,
wo des Abends Orgeln Tänze hämmern,
Katzen in Cafés auf Tischen dämmern,
und Musik durchzieht Gewölb und Pforte.
So beschwerend alles, daß man weint:
Tränen leis an Wangen und Geäder,
schluchzend Lachen im Geknirsch der Räder
und Beschwörung, daß der Tod erscheint;
altes Wort wie ein verwelkter Blumenstrauß!
Das Geräusch der Bälle grell und Schein von Lichtern,
Witwen drängen sich mit kupfernen Gesichtern,
Bäuerinnen, durch der Bummler Schwarm hinaus,
der da schwatzt mit Kindern, schlimmen Flüchen,
Greisen, wimperlos, von Flechte weiß geschalt,
während drüben in Uringerüchen
eine Volksbelustigung mit Fröschen knallt.
So als träumt man und erwacht des Trugs
und schläft wieder ein und träumt noch immer
von dem gleichen Flor, vom gleichen Schimmer;
Sommer, Gras und Seide eines Bienenflugs.
Aus: Walter Hasenclever: Gedichte Dramen Prosa. Unter Benutzung des Nachlasses herausgegeben und eingeleitet von Kurt Pinthus. Reinbek: Rowohlt, 1963, S. 92f
Paul Verlaine
KALÉIDOSCOPE
À Germain Nouveau
Dans une rue, au cœur d’une ville de rêve
Ce sera comme quand on a déjà vécu :
Un instant à la fois très vague et très aigu...
Ô ce soleil parmi la brume qui se lève !
Ô ce cri sur la mer, cette voix dans les bois !
Ce sera comme quand on ignore des causes ;
Un lent réveil après bien des métempsycoses :
Les choses seront plus les mêmes qu’autrefois
Dans cette rue, au cœur de la ville magique
Où des orgues moudront des gigues dans les soirs,
Où les cafés auront des chats sur les dressoirs
Et que traverseront des bandes de musique.
Ce sera si fatal qu’on en croira mourir :
Des larmes ruisselant douces le long des joues,
Des rires sanglotés dans le fracas des roues,
Des invocations à la mort de venir,
Des mots anciens comme un bouquet de fleurs fanées !
Les bruits aigres des bals publics arriveront,
Et des veuves avec du cuivre après leur front,
Paysannes, fendront la foule des traînées
Qui flânent là, causant avec d’affreux moutards
Et des vieux sans sourcils que la dartre enfarine,
Cependant qu’à deux pas, dans des senteurs d’urine,
Quelque fête publique enverra des pétards.
Ce sera comme quand on rêve et qu’on s’éveille,
Et que l’on se rendort et que l’on rêve encor
De la même féerie et du même décor,
L’été, dans l’herbe, au bruit moiré d’un vol d’abeille.
Textnahe Übersetzung (KI von mir bearbeitet)
Anmerkung: Hasenclevers Gedicht ist ziemlich treu und zugleich poetisch übersetzt. Diese Prosaübersetzung soll ihn nicht verbessern, sondern nur dem Vergleich mit dem Original dienen. (Und auch beim „wörtlichen“ Übersetzen muss man „dichten“.) Diskussion willkommen!
Kaleidoskop
Für Germain Nouveau
In einer Straße, im Herzen einer Traumstadt,
wird es sein wie als (ob) wir schon einmal gelebt haben:
ein Augenblick zugleich sehr vage und sehr scharf ...
O diese Sonne inmitten des aufsteigenden Nebels!
O dieser Schrei über dem Meer, diese Stimme im Wald!
Es wird sein wie als wir die Ursachen nicht kannten;
ein langsames Erwachen nach vielen Seelenwanderungen:
Die Dinge werden nicht mehr dieselben sein wie einst
in dieser Straße, im Herzen der magischen Stadt,
wo Orgeln abends Giguen spielen werden,
wo in Cafés Katzen auf den Theken sitzen
und Musikkapellen hindurchziehen.
Es wird so schicksalhaft sein, dass man zu sterben glaubt:
Tränen, sanft die Wangen hinabrinnend,
schluchzende Lacher im Krachen der Räder,
Beschwörungen, der Tod möge kommen,
alte Worte wie ein Strauß verwelkter Blumen!
Die grellen Geräusche öffentlicher Bälle werden herüberdringen,
und Witwen mit Kupfer auf der Stirn,
Bäuerinnen, werden die Menge der Dirnen durchschneiden,
die dort umherschlendern und mit abscheulichen Gören reden
und mit Alten ohne Augenbrauen, die von Schorf weiß bestäubt sind;
während zwei Schritte weiter, in Uringerüchen,
irgendein Volksfest Böller knallen läßt.
Es wird sein wie wenn man träumt und erwacht
und wieder einschläft und noch einmal träumt
von derselben Zauberwelt und derselben Szenerie,
im Sommer, im Gras, beim schillernden Summen eines Bienenflugs.
1.051 Wörter, 6 Minuten Lesedauer.
2 Nahbellpreise 2026: 3.Konzeptpreis (Projekt) & 3.Nebenpreis (Essay)
G&GN-INSTITUT – Düsseldorf, den 21.6.2026 / In diesem Jahr gibt es weder einen Nahbellhauptpreisträger für ein lyrisches Lebenswerk noch einen Nahbellförderpreisträger für einen Nachwuchslyriker. Stattdessen werden zwei spezielle Nahbellpreise vergeben: der 3.Konzeptpreis geht an den Duisburger Helmut Loeven (geb. 1949) für seine seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“ und der 3.Nebenpreis geht an Ulrich Jösting (geb. 1962) für seinen Essay „ES ANTWORTET SOFORT“ über die Nutzung von KI beim avancierten Schreiben. Die Urkundentexte begründen diese Entscheidungen als Ausdruck des Respekts vor der selbstehrlichen Beharrlichkeit der Preisträger. Im Detail: www.POESIEPREIS.de & www.KONZEPTPREIS.de
KONZEPTPREIS („Für das außergewöhnliche Engagement und die soziale alternative visionäre Resistenz gegenüber den freiheitsfeindlichen Tendenzen der marktbesessenen Zwänge des Kulturbetriebs“):
„Wo ich hantiere, ist die Grenze zwischen dem, was Satire ist und was Satire nicht ist, nicht definierbar. In meinem Blatt erscheinen seit Jahrzehnten auch Sach-Artikel, Kommentare, Analysen usw. Es geht mir um die Vielfalt der Gegensätze: Text & Bild, lang & kurz, historisch & aktuell, nachdenklich & apodiktisch, subjektiv & objektiv, theoretisch und alltäglich, ernst und unernst, klar und rätselhaft.“
Helmut Loeven, im Nahbellpreis-Interview: VERWEIGERUNG & VERNETZUNG
Helmut Loeven
Der Schatz im Silbersee
Winnetou hat kein Pferd mehr.
Irgendjemand hat ihm seins weggenommen.
Die Versicherung will dafür nicht aufkommen.
Old Shatterhand hat festgestellt,
dass es im ganzen Wilden Westen
kaum Regenschirme gibt.
Winnetous Schwester hat ein Geschäft für
Bastelbedarf auf der Wanheimer Straße.
Die vom Stamme der Apachen denken: Wir
hätten das Funkhaus in die Luft gesprengt.
Dabei waren wir das gar nicht.
(2017 – live am 11.6.2026 im SYNTOPIA, Duisburg, siehe YouTube)
Aus dem Nahbell-Interview mit Helmut Loeven:
„VERWEIGERUNG & VERNETZUNG“
G&GN: Du bekommst den Konzeptpreis für die von Dir seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“, denn mit diesem DinA4-Copy-Art-Machwerk sind viele Projekte verknüpft, so dass die Zeitschrift einen Anker darstellt, von dem aus man sich in die gesamte Loeven-Strömung stürzen kann! Wie lässt sich Kontinuität über fast 6 Jahrzehnte schaffen?
LOEVEN: Die innere Lähmung der Nachkriegszeit sollte überwunden werden, der aggressiven Spießbürgerlichkeit sollte etwas entgegengesetzt werden. (…) In der allerersten Phase, im Trubel der APO-Gruppen, regte sich Misstrauen, weil das Blatt von einer einzigen Person gestaltet wurde. (…) Dem Einzelkämpfer misstraute man grundsätzlich. Kollektivismus heißt: Wer am wenigsten beiträgt, will am meisten zu sagen haben – dann aber für nichts verantwortlich sein. (…) Nach anderthalb METZGER-Jahren bekam ich einen Brief von Josef Wintjes in Bottrop. Der hatte ein Unternehmen gegründet mit dem sperrigen Namen Nonkonformistisches literarisches Informationszentrum. (…) Bei der Ausweitung seines Versandangebots haben wir kooperiert und auch intensiv füreinander Werbung betrieben. Sowohl am Ulcus-Molle-Info, als auch am Impressum habe ich mich mit Beiträgen beteiligt. (…) Die Buchhandlung wird 2027 geschlossen. Der Buchhandel wird als Versand-Antiquariat fortgesetzt, für die Eigenproduktionen wird mehr Zeit zur Verfügung stehen, die Internet-Präsenz bleibt. Die Zeitschrift „DER METZGER“ wird sicherlich weiter erscheinen.
Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:
https://poesiepreis.jimdofree.com/konzeptpreis/03-metzger
NEBENPREIS („Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft“):
„Man kann vollkommen ohne KI schreiben und trotzdem klingen wie ein Algorithmus für literarische Bedeutsamkeit. (…) Können Autoren noch Literatur von literaturähnlichem Text unterscheiden? Können sie noch hören, wann ein Satz nur funktioniert und wann er notwendig ist?“
Ulrich Jösting, im Nahbellpreis-Essay: ES ANTWORTET SOFORT
@ https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting/es-antwortet-sofort/
Ulrich Jösting
atemzüge ohne richtung
abgeworbene glocken wachsen horizontal
blühen auf im schein der möglichkeiten
aus dem zahnfleisch der landschaft
ein pfeil aus milch durchbohrt das fensterlose auge darin
eine treppe aus cremeweißem papier stapelt sich ins ungesagte
neun uhren ächzen im schrank
ihre ziffern tropfen als lose blätter
auf das pelzige leuchten das sich in den wänden verliert
eine hand ohne gelenk schreibt mit salz
in den bodenlosen sand
ein wort das sich selbst nicht versteht
während zwischen den ausgebrannten monden
die städte schwimmen auf toten briefmarken
es ist ein tag wie ein abgerissener kalenderbogen
hinter dem rostigen horizont
schlägt ein herz aus asche
im takt mit den sirenen
die nicht wissen wovor sie warnen
die uhren haben sich in ihre zahnräder zurückgezogen
zwischen den zähnen wächst moos
das die sprache verschluckt
die namen der straßen sind nur noch abdrücke
im mund einer maschine
die trauer ein algorithmus der sich selbst überschreibt
während die bilder der verluste
zu bestimmten landschaften gerinnen
(Aus dem Gedichtband: „der träume strandgut“, BoD Verlag 2025)
Aus dem Nahbell-Interview mit Ulrich Jösting:
„DIE ENTMYSTIFIZIERUNG VON GENIALITÄT DANK KI“
G&GN: Obwohl sich Gedichtbände schlecht verkaufen, bemühen sich nur wenige Dichter, neue Leser oder auch Zuhörer bei Festivals zu akquirieren, indem sie die Neugier mit Textbeispielen wecken. Dieser Unterschied macht sich vielleicht jetzt in der Arbeit mit der KI bemerkbar?
JÖSTING: Wer seit Jahrzehnten kontinuierlich digital publiziert, hinterlässt einen enormen stilistischen Fußabdruck. Gerade bei Schreibenden mit einer sehr markanten Sprachbewegung, bestimmten Denkfiguren, Rhythmen und Obsessionen entsteht daraus ein relativ gut imitierbares Muster. (…) Dass ein erheblicher Teil dessen, was wir Stil nennen, aus wiederkehrenden Mustern besteht, mag verstören. (…) In mancher Hinsicht ist die Arbeit mit generativer KI auch unbefriedigend. Ihre Angebote sind überästhetisiert, klischeehaft, bedeutungssimulierend und voller scheinpoetischer Nebelschwaden. Gelegentlich entstehen aber bemerkenswerte Momente: einzelne Bilder, Formulierungen oder überraschende semantische Kollisionen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. (…) Interessant ist dabei oft weniger die konkrete Antwort der KI als die Gegenbewegung, die sie im eigenen Denken auslöst. Häufig entsteht der produktive Moment gerade im Widerspruch. (…) Die KI zwingt uns, genauer über Autorschaft nachzudenken. Nicht sakraler, sondern präziser in der Frage nach Verantwortung, Form, Entscheidung, Verfahren. (…) Die Frage lautet nicht mehr: War ich ganz allein? Sondern: Was habe ich aus dem gemacht, was mir entgegenkam? Welche Notwendigkeit hat es durchlaufen?
G&GN: Authentisch wird gemäß Deiner Ausführungen wohl immer das sein, was sich aus echter Notwendigkeit als richtig erweist, ganz gleich mit welchen Hilfsmitteln generiert, aber authentisch ist nicht unbedingt automatisch genial. Was aber empfinden wir als genial und warum?
JÖSTING: Genialität ist nicht Eigentum eines souveränen Subjekts, sondern der Moment, in dem sich etwas formuliert, das größer wirkt als die Absicht des Urhebers. Ein Satz, bei dem selbst der Autor erschrickt, nicht weil er ihn kontrolliert hätte, sondern gerade weil er ihn nicht vollständig kontrolliert. (…) Wenn ein experimenteller Lyriker und ein marktstrategischer Romancier dieselbe Anfrage an eine KI stellen, dann ist das zunächst vollkommen unspektakulär. Beide greifen auf ein ähnliches Materialangebot zu. Aber sie tun es mit vollkommen verschiedenen ästhetischen Interessen. Der eine sucht Widerstand, Störung, Abweichung, eine fremde Spannung im eigenen Sprachraum. Der andere sucht Plotlogik, Zielgruppenanschluss, Lesbarkeit, Verkaufbarkeit.
Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:
https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting
Peter Zemla
Einführung ins Aikylische
Man müsse in jedem Fall die Geschichte
des kleinen Landes mitdenken, dann erst
entwickele man ein Gespür für das Markige
seiner Sprache. Beispiel: Der kehlige Laut
ohne Vokal, in unseren Ohren nicht mehr
als ein Röcheln, bedeute Sich bäuchlings
auf den Rücken zu legen mit hinter dem
Kopf verschränkten Händen. Oder: Der
Grimmsche Satz Aber der Wolf fand sie
alle und verschluckte sie, außer das jüngste
in der Wanduhr heiße ganz einfach krok.
Aus Jahrbuch der Lyrik 2023. Hrsg. Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling, 2023, S. 181
Peter Zemla, geboren 1964, lebt in Bayreuth.
168 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Jochen Ziem
(* 5. April 1932 in Magdeburg; † 19. April 1994 in Berlin)
1
Meine ersten Texte sind jetzt gedruckt langsam werde
ich besser
2
Vor dem Spiegel übe ich Würde ich bereite mich auf
Besuch vor junge Dichter werden Versuche vorlegen ich
werde naja sagen
3
Ich studiere jetzt ruhige Gesten
4
Über die Preise der Akademien werde ich schmunzeln
na wenn schon ich habe es immer gewußt der Nobelpreis
riecht mir nach Pulver der Stalinpreis wurde zu spät
umbenannt
5
Ohnehin ist mein Ehrgeiz ganz anders gerichtet mit dem
Finger werde ich auf Frauen weisen können wie auf eine
Ware die ich haben will
Ich werde bald oben sein
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Mit einem Vorwort von Wolfgang Hädecke. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (ca. 1965), S. 479f
Wolfgang Hädecke studierte Germanistik an den Universitäten in Halle und Leipzig, wo er mit Uwe Johnson befreundet war. Er war Praktikant am Stadttheater in Greiz und beim Berliner Ensemble. 1956 verließ er die DDR und ging in die Bundesrepublik Deutschland.
314 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Gestern Abend meldeten soziale Netzwerke, dass der Lyriker Hellmut Seiler gestorben ist. Seiler wurde 1953 als Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit der Siebenbürger Sachsen in Rumänien geboren und gehörte in den 1970er Jahren zu dem mächtigen Häuflein junger Autoren, die dort unten, fern von den west- und ostdeutschen Literaturzentren, im Banat, in Siebenbürgen und Budapest eine starke Literaturszene bildeten, ermuntert von einem kulturpolitischen Tauwetter Mitte der 1960er Jahre und hart ertrotzt und verteidigt gegen regressive und repressive Tendenzen, die schon ein paar Jahre später den Frühling wieder beendeten. Ein paar Jahre konnten die jungen Literaten in ihrer kleinen Nebenszene den Tauwetterkurs halten, in diesen Jahren lernte ich die Zeitschrift „Neue Literatur“ kennen und bewunderte eine vielfältige und mutige Literatur, ich las Prosa von Herta Müller und Gedichte von Richard Wagner, Werner Söllner, William Totok, Franz Hodjak, Horst Samson, Hellmut Seiler und anderen. Die dünnen Hefte dieser Zeitschrift entwickelten zunehmend einen harten Spagat zwischen unsäglichen Ergebenheitsadressen an den großen Conducator (d.i. Führer) Nicolae Ceaușescu in Wort und Bild am Heftanfang und frechen literarischen Texten im Inneren. Es schien eine Arbeitsteilung zu geben zwischen Literaturfunktionären, die den politischen Senf lieferten, und den Autoren, denen so ein gewisser Spielraum noch blieb. Dort las ich auch dieses Gedicht von Hellmut Seiler, das meine Stimmungslage in diesen Jahren genau traf. R.i.p.
Hellmut Seiler
(* 19. April 1953 in Rupea, Rumänien; † 16. Juni 2026)
agronomisch
gepflanzt wird
in vollgeregelten abständen
in reih und glied
unter strenger berücksichtigung der faktoren
die ordnung und aufsicht sichern
optimales ausgesetztsein den witterungsverhältnissen
unterbindung aller eigenmächtigen fortpflanzung und
zusammenrottung sowie zurechtstutzen der
seitentriebe
unter bedingungen bester einpassung und
verwurzelung
bei kleinstmöglicher gewährung von unnützem
freiraum
harren die setzlinge des kommenden
so werden sie ihrer bestimmung zugeführt
die das feld bestellen
sehen zuversichtlich
der blühenden zukunft
entgegen
Aus: Der Herbst stöbert in den Blättern. Deutschsprachige Lyrik aus Rumänien. Herausgegeben von Peter Motzan. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 45
146 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Martin Pohl
(* 28. März 1930 in Festenberg, Schlesien, heute Twardogóra, Polen; † 23. September 2007 in Neubrandenburg)
SCHWEDISCHES SONETT
Freut euch, so lang noch grüne Häuser stehn
In grüner Wildnis, worin Eulen schreien!
Und stoßt die Fenster auf, euch zu befreien,
Die Fenster, die euch lehren, weit zu sehn.
Wozu sich von dem anderen entzweien,
Der mit euch spürt des grünen Windes Wehn?
Ihr seid allein. Was kann euch noch geschehn?
Und es tut wohl, dem Wind ein Ohr zu leihen.
Der Abend reicht euch Ringe aus Smaragd,
Gießt grüne Dämmerungen ins Gesträuch,
Schon schwindet, was euch eigen war: die Wildnis.
Und grüne Fische streunen selig, nackt,
Fast etwas irr durch dieses schöne Bildnis
Zu grünen Fenstern hin und finden euch.
Aus: Martin Pohl, Nur ein Erinnern traumumflort. Ghaselen, Sonette und andere Gedichte. Mit Zeichnungen von Joachim Lautenschläger. Neubrandenburg: federchenVerlag, 2003, S. 48
518 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.
Pierre Reverdy
(* 13. September 1889 in Narbonne; † 17. Juni 1960 in der Abtei Saint-Pierre bei Solesmes)
Ein Schweigen das lügt
Warte warte
sanftmütig im Qualm der Fackeln
entfesselten Atems den der Sturm skandiert
Körner voll Lebens treiben über den Boden
und füllen nach und nach die Radspuren
Es schreit der Wind er wechselt die Richtung
im verzweifelten Lauf der eroberten Geschicke
Schwarz oder weiß
aber auf der Stirn ist er rot
Im Inneren des Himmels wo die Schmiede geheizt wird
warte auf den Augenblick deinen Knebel zu winden
Auch zum Beißen ist der Mund gemacht
zu geifern und den Schweiß zu trinken der Furchen zieht
zum Lachen zum Lügen
deine Befreiung zu singen
Rosig und frisch wie eine Wunde
war er schöner als vorher
aber er wußte nicht mehr was sagen
Aus dem Französischen von Max Hölzer, aus: Pierre Reverdy: Quellen des Windes. Gedichte aus den Jahren 1915 – 1948. München: Kösel-Verlag, 1970, S. 111
Le Silence qui ment
Attends attends
Placide dans la fumée des torches
Le souffle déchaîné que rythme la tourmente
Une traînée de grains pleins de vie sur le sol
Comble peu à peu les ornières
Il crie le vent qui change ses ressorts
Dans la course éperdue des destinées conquises
Noir ou blanc
Mais il est rouge au front
A l'intérieur du ciel où l'on chauffe la forge
Attends le moments de tordre ton bâillon
La bouche est faite aussi pour mordre
Pour baver et boire la sueur qui creuse des sillons
Pour rire pour mentir
Pour chanter ta délivrance
Rose et fraîche comme une cicatrice
Elle était plus belle qu'avant
Mais elle ne savait plus quoi dire
Ebd. S. 110
Pierre Reverdy
Die Funktion der Poesie (Auszug)
Gibt es auf der ganzen Welt ein Wort, das bedeutungsvoller wäre, von dem ein stärkerer Zauber ausginge, als das Wort Poesie? Gibt es, andererseits, ein zweites Wort, das leichter als dieses verspottet und verkannt – so häufig verwendet und so schlecht definiert würde? Für gewöhnlich dient das Wort, dienen die Worte, dazu, die Dinge zu definieren, zu bedeuten – sie von ihrem Gewicht zu befreien, sie durch den Geist leicht, beweglich und geschmeidig zu machen. Was aber die Dichtung angeht, könnte es scheinen, als hätte man dem Ding das aufgebürdet, was Sache des Wortes wäre. Man sagt, dies oder jenes Ding sei poetisch. Man glaubt, einander zu verstehen. Aber rasch gewahrt man, daß man sich schon nicht mehr so gut versteht, sobald man sich anschickt, genauer zu bestimmen, weshalb und inwiefern dies oder jenes poetisch ist oder nicht. Und zwar vielleicht bloß darum, weil man das, was man bezeichnen möchte, dort unterbringt, wo es sich nicht befindet.
Die Poesie ist nicht in den Dingen – so wie Farbe und Duft in der Rose sind und von ihr ausgehen –, sie ist im Menschen, und nirgends sonst, und der Mensch legt sie in die Dinge, wenn er sich ihrer bedient, um sich auszudrücken. Sie ist ein Bedürfnis und ein Vermögen, eine Notwendigkeit für den Menschen – eine jener Notwendigkeiten, die über sein Schicksal entscheiden. Sie ist eine eigene Art des Empfindens und Denkens.
Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, ebd. S. 128
Urs Allemann
psälmchen
mir fällt das hirn raus, mach ich ohne weiter
mich kratzts nicht dass mal schluss ist mit
dem jawozuler, dem warumerich
mein ist das wort pantoffeltierchen – hopsla
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2024, S. 204
189 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Karl Kraus
(* 28. April 1874 in Jičín, Böhmen, damals Österreich-Ungarn; † 12. Juni 1936, heute vor 90 Jahren, in Wien)
KOMPETENZ VOR DER SPRACHE Ja, die Sprache beherrscht unser Herr, der Kommis. Ihm ist sie zur Hand und mich zwingt sie aufs Knie. Sie ist seine Magd und er geht mit ihr um, und ich bin ihr Diener und mich macht sie stumm. Was hör' ich? Wer vor einem Bild sich nicht traut zu sprechen, wird vor dem Gedichte laut? Das macht, er selbst kann nicht malen, doch sprechen, drum kann er sich gleich an dem Sprachwerk rächen. Wenn einer vor Symphonieen zwar schweigt, so weiß er doch, wie so ein Dichter geigt! Das macht, er kann selber sprechen, nicht geigen, drum wird er einmal es dem Dichter zeigen. Man sollte die Kompetenzen vermehren, die sprechenden Esel auch singen lehren, und die Umgangsmusik durch die Kunst noch ergänzen, die Kleider mit Farben anzutrenzen. Die Frage »Wie gehts?« sei gemalt, sei gesungen, zur Not sei sie gar in Gips noch gelungen. Daß vor keiner der Künste verstumme, nein nie, der die Sprache beherrscht, unser Herr, der Kommis! Aus: Karl Kraus, Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989 (Schriften, Band 9), S. 151
202 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Zum 80. Geburtstag des Lyrikers Richard Pietraß sein Gedicht auf das Geburtsjahr 1946.
Richard Pietraß
(* 11. Juni 1946 in Lichtenstein (Sachsen))
1946
Im Stichjahr meiner Geburt
War die Welt nicht heil
Meinem gejagten Vater
Brannte das Hinterteil
Meine brave Mutter
Hat mich hungernd getragen
Ihre wortlose Güte
Ist nie zu Buche geschlagen
Den Geschwistern dreien
Bin ich Mitesser gewesen
Sie werden mir verzeihen
Wenn sie die Zeilen lesen
Der Himmel lag in Scherben
Noch Gott gebrachs an Leim
In Asche gingen die Erben
Und suchten die Wälder heim
Wer einen Schuppen gefunden
Genoß die ärmliche Lust
Die Mütter zählten die Stunden
In der milchleeren Brust
Im Strichjahr meiner Geburt
War die Welt nicht heil
Daß sie es wenig wurde
Trag ich geringes Teil
Aus: Richard Pietraß: Notausgang. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1980, S. 47
Heute wird der Dichter, Übersetzer und Herausgeber Richard Pietraß achtzig Jahre alt. Seit den 1970er Jahren gehört er zu den prägenden Stimmen der deutschsprachigen Lyrik. Besondere Bedeutung gewann Richard Pietraß auch als Entdecker und Förderer anderer Autorinnen und Autoren. Als Herausgeber (Poesiealbum, Temperamente), Anthologist und Gesprächspartner hat er die deutschsprachige Lyrik über Jahrzehnte mitgestaltet und zahlreichen Stimmen Öffentlichkeit verschafft.
Lieber Richard, alles Gute zum 80. Geburtstag! Sto lat!
221 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
LJ Jeschke
Letztes süßes Stückle
1
Wenn ich Stress habe
Fällt es mir leicht
Zu vergessen
Was mich glücklich macht.
Mit vergessen meine ich nicht nur
Dass ich vergesse
Was mich mal glücklich gemacht hat
Sondern auch, dass ich vergesse
Das zu tun
Was mich glücklich machen könnte
Zum Beispiel, dass ich einen Körper habe.
Und laufen gehen könnte. Es geht nicht.
Ich gehe nicht.
Zum Beispiel, dass ich einen Körper habe.
Und mich auf den Sessel setzen und lesen könnte
Und lesen könnte
Während der Geschirrspüler läuft.
Was wäre das für ein Moment???
Wenn weder ich
Noch ein anderer Mensch auf der Welt
Arbeiten müsste!
2
Nicht nur leben wir in Endzeiten
Jetzt auch noch das:
Guck, dort hinten taumelt
Das letzte süße Stückle dieser Welt
Unangebissen und unerreichbar
Ins ferne, weite Universum.
2024
Aus: LJ Jeschke: 1*er schreibt sich in den Abgrund. Sammlung der Gedichte. hochroth München, 2026, S. 48
LJ Jeschke ist Lyriker*in und Übersetzer*in und lebt in München. Bei hochroth München erschien zuletzt deren Band Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen (2019), der in die Lyrik-Empfehlungen aufgenommen sowie mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. Dey schreibt auf Deutsch und auf Englisch.
Veröffentlichungen
96 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Susanne Eules
WO
Wo könnten wir geborgen sein?
José F. A. Oliver, Finnischer Wintervorrat
kønnten wir
geborgn sein
im herzkam
merruch im
schweigver
weiss --
im stockn
des pen
dels in ner
reichung
des handlosn
ziffernblatts
Aus: Susanne Eules: Ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags. gedichte. Hamburg: Fixpoetry, 2012, S. 26
Wenn man sich auch nur ein bißchen dafür interessiert, was man heute mit Sprache alles machen kann, dann sollte man sich Susanne Eules Gedichte anschauen. Wenn man sich aber dafür interessiert, was Sprache mit einem machen kann, dann muß man es sogar.
Ulf Stolterfoht
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