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Namaste

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Archiv: viele tausend Nachrichten aus 20 Jahren. 2. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht. 3. Journal #1 (Morgensternfest)

Autobiographisches Sonett

António Duarte Gomes Leal

(* 6. Juni 1848 in Lissabon, Portugal; † 29. Januar 1921 in Lissabon)

Autobiographisches Sonett

In früheren Epochen, längst vergangen,
gab’s eine heilige Mutter, manierlich von Ideen,
‘nen rechtschaffenen, silberbärtigen Vater,
gab’s Häuser, Gärten, Brunnen, Rosenbeete.

In den Kollegien, Aulen, Saalgestühlen
zertrümmert’ ich kein Pult, zerbrach ich keine Bänke.
Ich hatte gute Zensuren, führte Bücher.
Später liebte ich Patrizierhexen.

Ich war ein Freund von Eça und Ramalho,
João de Deus, auch vom exzentrischen Fialho,
und bin dann wider Willen ins Ausland ausgewandert.

Ich weinte, seufzte! Wie Dante in der Fremde!
Und als ich wiederkam, aus vorgebrachten Gründen –
bin ich dreimal ins Kittchen eingefahren.

Original erschienen in: ABC – Revista portuguesa, 22. Juli 1920; im Original wird das damalige Zentralgefängnis in Lissabon, der Limoeiro (Cadeia do Limoeiro), genannt.

Aus dem Portugiesischen von Cornelius van Alsum. Mit freundlicher Genehmigung übernommen von der Webseite der Literaturzeitschrift kalmenzone.

Soneto Autobiográfico

Outrora, outrora, em épocas passadas,
Tive uma santa Mãe de ideias maneiras,
Um reto Pai de barbas prateadas,
Tive prédios, jardins, fontes, roseiras.

Nos colégios, nas aulas, nas bancadas,
Não quebrei bancos, não parti carteiras;
Fiz bons exames, contas, tabuadas,
Mais tarde amei patrícias feiticeiras.

Fui amigo do Eça e do Ramalho,
João de Deus, mais do excêntrico Fialho,
E tive que emigrar para o estrangeiro.

Chorei, gemi! Qual Dante nas estradas!
E ao regressar, por causas avanças,
– fui por três vezes parar ao Limoeiro.

Über den Autor:

„schrieb schwungvolle, aber extrem demokrat. Gedichte“ (Brockhaus 1911). – „Neuerdings hat er mildere versöhnliche Klänge angestimmt“ (Meyers 1907) – „wird auch der portugiesische Baudelaire genannt“ (Wikipedia)

Das Flutgelall

Es steht nicht im Meyer und auch nicht im Grimm – und es existiert doch. Für das Wort „Flutgelall“ fand ich zwei Belege. Beide stehen unter dem Titel „Pegnesisches Schäfergedicht“ – eine Kollektivdichtung des „Pegnesischen Blumenordens“, das war eine der vielen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts (offenbar die einzige dieser Sprachgesellschaften, die noch heute besteht). Ihre Mitglieder nennt man auch Pegnitzschäfer, nach dem Fluß Pegnitz, der durch Nürnberg fließt. Es war eine besonders spiel- und experimentierfreudige Gruppe. Wie in den damaligen Dichtergruppen üblich, erhielten die Mitglieder Ordensnamen – die Pegnitzschäfer bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In den folgenden zwei Strophen singen Montano (Johann Helwig) und Strephon (Georg Philipp Harsdörffer) zum Lob ihrer Ordensbrüder Klajus (Johann Klaj) und Floridan (Sigmund von Birken).

Montano.

In der Luft
Singt die holde Nachtigall/
Daß der helle Gegenhall
Wiederrufft:
Aber diß/ was Klajus singt/
Bässer klingt.

Strephon.

Wie der Bach
Schlürfelt mit dem Flutgelall/
Vnd spielt mit dem Lispelschall
Nach und nach:
Also singt der Schäfersmann
Floridan.

Quelle: Georg Philipp Harsdörffer/ Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. Tübingen 1966, S. 95-96. (Hier bei zeno.org)

Das zweite, eigentlich das erste, das ich fand, als ich nach Gedichten eines heutigen Geburtstagskinds suchte, er heißt Lerian, eigentlich Christoph Arnold (* 12. April 1627 in Hersbruck; † 30. Juni 1685 in Nürnberg).

Aus dem Pegnesischen Schäfergedicht

Lerian:

Es wallt das Flutgelall, die schnellen Wellen schwellen.
Die helle Wellenzell ballt den Kristallenwall,
Der Wollenhüter billt, die Lämmerhälse schellen:
Doch schallt vor allem wohl der helle Gegenhall.

Strephon:

Des Baches Wasserstraß rauscht mit dem Sausselgießen:
Es schläfert das Geschlürff die lassen Hirten ein.
Des Flusses Lispelschuß schleußt unsrer Augen Schein
Und will durch nassen Kies das Schäferspiel versüßen.

Montano:

Der Stumme stummt und mummt, in dem sich stämmt die Stimme
Der Dumme munkt und muckt mit halbem Zahngebrümme:
Bei jenem mummt der Mund, dem ist der Mut ein Mäm.
Doch Mämme, Stumm und Dumm stummt keines in dem M.

Klajus:

Der kekke Lachengekk koaxet, krekkt und quakkt.
Des Krippels Krükkenstokk krokkt, grakkelt, humpt und zakkt.
Des Gukkuks Gukke trotzt den Frosch und auch die Krükke.
Was knikkt und knakkt noch mehr? kurtz hier mein Reimgeflikke.

Floridan:

Wann Schäfer-Trifften trifft das Ruffen frecher Treffen,
Der Waffen puff und paff, pfeifft unsre Pfeiffe? Nein.
Das Hoffen äffet offt, offt trifft es trefflich ein,
Drum hoffet, Hoffen wird nicht mehr den Frieden äffen.

Christoph Arnold (Lerian), Georg Philipp Harsdörffer (Strephon), Johann Helwig (Montano), Johann Klaj (Klajus), Sigmund von Birken (Floridan)

Aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. München: dtv, 1970, S. 176f

Zehnzeiler

Margarete von Navarra

(geb. Margarete von Angoulême, französisch Marguerite de Navarre; auch: Marguerite de Valois-Angoulême; * 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos-en-Bigorre)

„Mutter der Renaissance“, „die erste moderne Frau“

ZEHNZEILER

Ich fühlte tief im Herzen schon seit Jahren
Zu Euch der Liebe mächtiges Begehren,
(So schicklich doch und nur mit allen Ehren)
Wie nie ein Herz es durfte so erfahren.
Doch jetzt ist solcher Trost mir widerfahren:
Obwohl ich meiner Neigung sicher bin,
Zeigt Eure klar mir Euern reinen Sinn,
Daß das Gefühl, worauf mein Herze schwört,
Mich drängen will zu solchem Zweifel hin:
Ob diese Liebe Euch, ob mir gehört.

Deutsch von Max Rieple, aus: Lilie und Lorbeer. Französische Dichtung des 15. bis 18. Jahrhunderts. Übertragungen von Max Rieple. Freinburg: Klemm, o.J., S. S. 15

DIXAIN

J’ay longuement senty dedens mon coeur
L’amour qu’à vous j’ay porté si très forte,
Si très honneste et tant pleyne d’honneur,
Qu’oncques nul coeur n’en sentist de la sorte
Mais maintenant qui tant me reconforte,
Bien que je sens mon affection vifve,
La vostre y est si grande et si naïfve
Que le sentir, qui conferme ma foy,
Me fait avoir l’eslection craintifve
Si ceste amour est à vous ou à moy.

Verbotenes Gedicht

Zwei Jahrhunderte (Charles Baudelaire wurde 1821 geboren), da kann man auch gerne zwei Gedichte lesen. Heute eins der sechs Gedichte, die am 20. August 1857 wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ verboten wurden – das Verbot wurde erst 1949 aufgehoben. Hingegen wurden sie noch zu Lebzeiten Baudelaires in Belgien gedruckt. In Frankreich ist es heute Abiturstoff.

Heute eins dieser sechs Verbotenen.

Carlo Schmid
DER ALLZUFRÖHLICHEN

Dein Haupt und sein Wiegen gefällt
Mir gleich einer Landschaft in Prangen;
Das Lachen durchspielt deine Wangen
Wie Brisen azurnes Gezelt.

Streifst leicht du an flüchtigem Harme,
Zerstrahlt ihn Gesundheit dir ganz,
Die gleich einem hellenden Glanz
Versprühn deine Schultern und Arme.

Mit Farben in hallendem Flor
Besäst du die Kleider und Lichte.
Sie streuen dem Dichter Gesichte
Von Blumen, die tanzen im Chor.

In dieser Gewänder Geschiebe
Schreit aus sich dein närrischer Sinn;
Ich toll von dir Toller, ich bin
Von Haß ja so voll wie von Liebe!

Will ich meinen mattenden Geist
In Gärten und Wiesen versöhnen,
Fühl ich ein versehrendes Höhnen:
Die Sonne die Brust mir zerreißt …

So haben mich Frühling und Grünen
Erniedrigt und wehende Saat,
Daß ich eine Blume zertrat,
Den Dünkel des Blühens zu sühnen.

So möcht ich einmal in der Nacht
Im Halle der Glocke der Lüste
Zur Schatzkammer deiner Brüste
Mich schleichen in feigem Bedacht,

Dein jauchzendes Fleisch zu kasteien,
Der Brust, die man lossprach, zur Qual,
Und mit einem furchenden Mal
Den staunenden Leib benedeien

Und – Glück, das betäubend mich trifft!
Durch Lippen, die neu so erschaffen
Und prangender, purpurner klaffen,
Ergießen, o Schwester, mein Gift!

Aus: Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen. Übertragen von Carlo Schmid. Frankfurt/Main: Insel, 1976, S. 212f

AN JENE, DIE ALLZU FRÖHLICH IST

Dein Haupt, deine Gebärde, dein Betragen sind schön wie eine schöne Landschaft; das Lachen spielt in deinem Antlitz wie frisch ein Wind in einem klaren Himmel.

Den Kummervollen, den du im Vorübergehen streifst, trifft blendend die Gesundheit, die als Helle von deinen Armen und Schultern strahlt.

Die lauten Farben, die du über deine Gewandung streust, wekken im Geist des Dichters das Bild eines Blumenballetts.

Diese närrischen Kleider sind das Sinnbild deines buntscheckigen Geistes; Närrin, nach der ich närrisch bin, ich hasse dich so sehr, wie ich dich liebe!

Manchmal in einem schönen Garten, wohin ich meine Schlaffheit schleifte, zerriß die Sonne mir wie bittrer Hohn die Brust;

Der Frühling und das Grün kränkten mein Herz so sehr, daß ich die Frechheit der Natur an einer Blume strafte.

So auch möchte ich eines Nachts, wenn die Stunde der Wollüste schlägt, zu deines Leibes Schätzen wie ein Feigling lautlos schleichen,

Um dein frohes Fleisch zu züchtigen, um deine verschonte Brust zu geißeln und deiner überraschten Flanke eine klaffend tiefe Wunde zu schlagen

Und, süß taumelnder Rausch! durch diese neuen Lippen, heller und schöner leuchtende, mein Gift dir einzuflößen, meine Schwester*!

  • Die Richter glaubten in den beiden letzten Vierzeilern eine zugleich mordlüsterne und obszöne Bedeutung zu entdecken. Der Ernst des Buches schloß derartige Späße aus. Daß venin hier soviel wie Spleen oder Schwermut meinen konnte, war für Kriminalisten ein zu einfacher Gedanke.

Möge ihre syphilitische Auslegung ihnen auf dem Gewissen bleiben. (Anmerkung des Herausgebers.)

Aus: Baudelaire. Nouvelles Fleurs du Mal. Neue Blumen des Bösen. Materialien. München: Heimeran, 1975, S. 25/27

A celle qui est trop gaie

Ta tête, ton geste, ton air
Sont beaux comme un beau paysage ;
Le rire joue en ton visage
Comme un vent frais dans un ciel clair.

Le passant chagrin que tu frôles
Est ébloui par la santé
Qui jaillit comme une clarté
De tes bras et de tes épaules.

Les retentissantes couleurs
Dont tu parsèmes tes toilettes
Jettent dans l’esprit des poètes
L’image d’un ballet de fleurs.

Ces robes folles sont l’emblème
De ton esprit bariolé ;
Folle dont je suis affolé,
Je te hais autant que je t’aime !

Quelquefois dans un beau jardin
Où je traînais mon atonie,
J’ai senti, comme une ironie,
Le soleil déchirer mon sein ;

Et le printemps et la verdure
Ont tant humilié mon coeur,
Que j’ai puni sur une fleur
L’insolence de la Nature.

Ainsi je voudrais, une nuit,
Quand l’heure des voluptés sonne,
Vers les trésors de ta personne,
Comme un lâche, ramper sans bruit,

Pour châtier ta chair joyeuse,
Pour meurtrir ton sein pardonné,
Et faire à ton flanc étonné
Une blessure large et creuse,

Et, vertigineuse douceur !
A travers ces lèvres nouvelles,
Plus éclatantes et plus belles,
T’infuser mon venin, ma soeur !

Charles Baudelaire 200

Charles Baudelaire

(* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda)

Zum Jubiläum ein Gedicht aus den „Neuen Blumen des Bösen im Original und in mehreren deutschen Fassungen.

LE COUCHER DU SOLEIL ROMANTIQUE

Que le Soleil est beau quand tout frais il se lève,
Come une explosion nous lançant son bonjour!
– Bienheureux celui-là qui peut avec amour
Saluer son coucher plus glorieux qu’un rêve!

Je me souviens!… Pai vu tout, fleur, source, sillon,
Se pâmer sous son œil comme un cœur qui palpite …
– Courons vers l’horizon, il est tard, courons vite,
Pour attraper au moins un oblique rayon!

Mais je poursuis en vain le Dieu qui se retire;
L’irrésistible Nuit établit son empire,
Noire, humide, funeste et pleine de frissons;

Une odeur de tombeau dans les ténèbres nage.
Et mon pied peureux froisse, au bord du marécage,
Des crapauds imprévus et de froids limaçons.

Stefan George
DER UNTERGANG DER ROMANTISCHEN SONNE

Wie schön ist doch die frisch erwachte sonne!
Mit flammenausbruch wünscht sie frohen tag.
Glückselig wer in liebe grüssen mag
Auch ihren untergang · ein traum an wonne!

Ich weiss noch … alles: blumen quelle thal
Vor ihr erstanden wie ein herz das hämmert ..
Zum horizont! auf! eilen wir! es dämmert ·
Lasst uns noch haschen einen schiefen strahl!

Jedoch umsonst – die Göttin niedergleitet ·
Unwiderstehlich sich die nacht verbreitet
Schwarz feucht verhängnisvoll und schreckenreich.

Es scheint als ob ein grabhauch auf ihr laste
Und ängstlich stösst mein fuss an dem moraste
Versteckte kröten schnecken kalt und weich.

Aus: Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen. Umdichtungen von Stefan George. Berlin: Bondi, 1922, S. 118

Carl Fischer
DER UNTERGANG DER ROMANTISCHEN SONNE

Wie ist die Sonne schon, steigt sie in keusche Räume!
Mit flammender Gewalt bringt sie uns frohen Gruß!
— Wie glücklich, wer dereinst auch jene lieben muß,
Die ruhmreich untergeht und herrlicher als Träume!

Und ich erinnre mich… wie Blumen, Quelle, Tal
Vor ihren Blicken als ein schlagend Herz sich breiten…
— Doch auf zum Horizont! Kommt schnell! im Niedergleiten
Erhaschen wir vielleicht noch einen schrägen Strahl.

Allein umsonst folg ich der Göttin, die verzichtet:
Unwiderstehlich nun die Nacht ihr Reich errichtet,
Schwarz, feucht und kalt hat mich ihr Schauder angerührt;

Ein Grabeshauch weht durch die trägen Finsternisse,
In dem Morast gerät mein Fuß ins Ungewisse,
Wo er die Kröten und die kalten Schnecken spürt.

Aus: Charles Baudelaire, Die Blumen der Verworfenheit. Deutsch und Französisch. Nachdichtungen von Carl Fischer. Söcking: Bachmair, 1949, S. 265

Friedhelm Kemp
DER UNTERGANG DER ROMANTISCHEN SONNE

Wie schön die Sonne ist, wenn sie ganz frisch sich hebt und wie in einem Bersten ihren Morgengruß uns zuwirft! – Glückselig, wer in Liebe sie grüßen kann, wenn sie glorreicher als ein Traum im Glanze sinkt!

Ich erinnre mich! … Blume, Quelle, Furche, alles sah ich unter ihrem Auge sich regen wie ein schlagendes Herz … – Laßt uns zum Rand der Erde laufen, es ist spät, rasch, laßt uns eilen, um wenigstens noch einen schrägen Strahl zu erhaschen!

Doch umsonst verfolge ich den Gott, der uns entweicht; unwiderstehlich breitet die Nacht ihre Herrschaft aus, schwarz, feucht, unheimlich und schaudervoll;

Ein Grabeshauch schwimmt in den Finsternissen, und unversehens tritt mein scheuer Fuß am Rand des Sumpfes auf Kröten und auf kalte Schnecken*.

  • Der Ausdruck: Genus irritabile vatum ist einige Jahrhunderte älter als die Streitereien der Klassiker, Romantiker, Realisten, Euphuisten, usw… Offensichtlich wollte Charles Baudelaire durch l’irrésistible Nuit den gegenwärtigen Zustand der Literatur kennzeichnen, und die crapauds imprévus und die froids limaçons sind die Schriftsteller, die nicht seiner Schule angehören. Dieses Sonett wurde 1862 geschrieben; es war als Epilog für ein Buch von Charles Asselineau gedacht, das dann aber nicht erschienen ist: Ausgewählte Schriften aus einer kleinen romantischen Bibliothek, als Prolog hätte ein Sonett von Theodore de Banville dienen sollen: Der Aufgang der romantischen Sonne. (Anmerkung des Herausgebers.)

Aus: Charles Baudelaire, Nouvelle Fleurs du Mal. Neue Blumen des Bösen. Materialien (Sämtliche Werke / Briefe in acht Bänden, Bd. 4) Hrsg. Friedhelm Kemp u. Claude Pichois. München: Heimeran, 1975, S. 7

Nur fort, vergnügtes Paar

Bei Sibylla Schwarz lernt das Sonett tanzen, schrieb Walter Hinck. Bei Johann Christian Günther, gut drei Generationen später, lernt sogar das Gelegenheitsgedicht tanzen. Hier die erste Strophe eines Hochzeits-Glückwunsch-Gedichts.

Johann Christian Günther

(* 8. April 1695 in Striegau/Schlesien; † 15. März 1723 in Jena)

Bey der
den 25. Octobr. 1718.
in Leipzig
Winckler- und Kistnerischen
Mariage.
Im Namen einiger guter Freunde.

Nur fort, vergnügtes Paar! und laß dich nichts verstöhren,
Sucht Blumen auf der Brust, werfft Finger in den Schnee,
Und Flammen in den Schooß, und Seuffzer in die Höh,
Last Zimmer, Haus und Wand die sanfften Schmätzgen hören,
Umarmt euch wie der Wein, der Ulm u. Pfahl umschlingt,
Küßt, jauchzet, lacht und spielt, verkriecht euch, hüpfft und springt,
Laßt Lust und Sehnsucht aus und jagt euch um die Wette,
Mit Schenckeln, Mund und Hand, durch Lager, Tisch und Bette.

Aus: Zweyte Fortsetzung oder Dritter Theil Der Sammlung von Johann Christian Günthers, aus Schlesien, Theils noch nie gedruckten, theils schon heraus gegebenen Teutschen Gedichten. Frankfurt und Leipzig: Michael Hubert, 1727, S. 112

Verstoßen

Als ich jung war, erschien bei Reclam Leipzig ein Band mit Gedichten von Gabriela Mistral. Ich habe es damals sehr geliebt und oft gelesen, vielleicht waren darin die ersten Prosagedichte, die ich kennenlernte. Ich habe mir viel später noch einen Band in einer Reihe aus einem „Kreis der Nobelpreisfreunde“ gekauft, aber ich habe es nicht gelesen, nur ein wenig darin. Ich hatte Angst, dass der Eindruck von früher sich nicht bestätigen würde. Und auch heute haben ich von hinten her darin geblättert und ein paar Gedichte gelesen und mich für dieses entschieden.

Gabriela Mistral

(* 7. April 1889 in Vicuña, Chile; † 10. Januar 1957 in Hempstead, New York)

VERSTOSSEN

Mein Vater sagte, er werde mich aus dem Hause werfen. Er schrie es meiner Mutter zu. Noch in dieser Nacht werde er mich verstoßen. Die Nacht ist lau. Im Lichte der Sterne könnte ich bis zur nächsten Ortschaft gehen. Wenn aber es in dieser Stunde zur Welt käme?

Meine Seufzer haben es vielleicht herbeigerufen. Vielleicht will es kommen, um mein Gesicht zu sehen. Es würde frösteln in der kühlen Luft, selbst wenn mein Leib es zudeckte.

Deutsch von Albert Theile. Aus: Gedichte der traurigsten Mutter. In: Gabriela Mistral, Gedichte. Nobelpreis 1945. Zürich: Coron-Verlag, o. J. (1960er Jahre)

Ich habe im Netz nur eine unvollstädige Version des Originaltexts gefunden:

Mi padre me dijo que me echaría, gritó a mi madre que me arrojaría esta misma noche.

La noche es tibia; a la claridad de las estrellas yo podría caminar hasta la aldea próxima; pero ¿y si nace a estas foras? Mis sollozos le han llamado tal vez; tal vez quiera salir por ver mi cara

Lumpenlied

Erich Mühsam

(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)

Lumpenlied

Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack.
Wir sind ein schäbiges Lumpenpack,
auf das der Bürger speit.
Der Bürger blank von Stiebellack,
mit Ordenszacken auf dem Frack,
der Bürger mit dem Chapeau claque,
fromm und voll Redlichkeit.

Der Bürger speit und hat auch recht.
Er hat Geschmeide gold und echt. –
Wir haben Schnaps im Bauch.
Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,
und wer bezecht ist, der erfrecht
zu Dingen sich, die jener schlecht
und niedrig findet auch.

Der Bürger kann gesittet sein,
er lernte Bibel und Latein. –
Wir lernen nur den Neid.
Wer Porter trinkt und Schampus-Wein,
lustwandelt fein im Sonnenschein,
der bürstet sich, wenn unserein
ihn anrührt mit dem Kleid.

Wo hat der Bürger alles her:
den Geldsack und das Schießgewehr?
Er stiehlt es grad wie wir.
Bloß macht man uns das Stehlen schwer.
Doch er kriegt mehr als sein Begehr.
Er schröpft dazu die Taschen leer
von allem Arbeitstier.

Oh, wär ich doch ein reicher Mann,
der ohne Mühe stehlen kann,
gepriesen und geehrt.
Träf ich euch auf der Straße dann,
ihr Strohkumpane, Fritz, Johann,
ihr Lumpenvolk, ich spie euch an. –
Das seid ihr Hunde wert!

Aus: Erich Mühsam, War einmal ein Revoluzzer. Bänkellieder und Gedichte. Hg. Helga Bemmann. Berlin: Henschelverlag, 1978, S. 18f

Tragischer Chor

Algernon Charles Swinburne

(* 5. April 1837 in London; † 10. April 1909 ebenda)

Tragischer Chor

Vor aller der Jahre Anheben,
Da der Mensch ward, kamen heran,
Zeit ihm Zähren zu geben,
Gram, mit dem Glas das rann,
Lust, mit Schmerzen darwider,
Sommer, mit fallendem Flor,
Erinnrung aus Himmeln hernieder,
Und Wahn aus Höllen empor,
Kraft ohne Hände zu schlagen,
Liebe, die währt eine Frist,
Nacht, der Schatte von Tagen,
Und Leben, das Todes ist.

Und die Urgötter reckten die Hand
Nach Feur, und Tränengeträufte
Und wenigem gleitenden Sand
Aus den Tapfen von Füßen der Läufte,
Und Staub der mühenden Erden
Und Schaumtrift Meers und der Furt,
Und Leibern von Dingen die werden
In den Häusern von Tod und Geburt,
Und wirketen selig und bänglich
Und fügten mit Liebe und Schmach,
Darüber und drunter vergänglich,
Und lebend davor und danach,
Für ein Tagen und Nachten und Morgen
Daß es spannlang währe zumeist,
Mit Mühsal und schweren Sorgen
Des Menschen heiligen Geist.

Von dem nord- und südlichen Sund
Sie sammelten Windes Weben,
Sie bliesen auf seinen Mund,
Sie füllten den Leib mit Leben,
Sprach´ und Gesicht ward gemacht
Der Seele darin zu Gespinst,
Eine Frist für Rat und Bedacht
Eine Frist für Schulden und Dienst.

Sie gaben ein Licht seinen Pfaden
Daß er liebt und Frist daß er lacht,
Und Länge der Tage und Gnaden,
Und Nacht, und Schlaf in der Nacht, –
Sein Sprechen entzündet mit Lodern,
Mit den Lippen tut er sich Not,
Sein Herz ist blind und ein Fodern,
In den Augen ahndet er Tod;
Er webt, und sein Kleid ist Gelächter,
Er wirft, und nichts das er traf,
Er lebt, ein Seher ein Wächter
Zwischen Schlaf und aber Schlaf.

Aus: Die fremde Muse. Übertragungen von Rudolf Borchardt. In Verbindung mit Marie Luise Borchardt und Francis Golffing hrsg. von Ulrich Ott. Marbacher Schriften, in Kommission bei Klett, Stuttgart, 1974, S. 57f

Before the beginning of years
There came to the making of man
Time, with a gift of tears;
Grief, with a glass that ran;
Pleasure, with pain for leaven;
Summer, with flowers that fell;
Remembrance, fallen from heaven,
And madness risen from hell;
Strength without hands to smite;
Love that endures for a breath;
Night, the shadow of light,
And life, the shadow of death.

And the high gods took in hand
Fire, and the falling of tears,
And a measure of sliding sand
From under the feet of the years;
And froth and the drift of the sea;
And dust of the laboring earth;
And bodies of things to be
In the houses of death and of birth;
And wrought with weeping and laughter,
And fashioned with loathing and love,
With life before and after
And death beneath and above,
For a day and a night and a morrow,
That his strength might endure for a span
With travail and heavy sorrow,
The holy spirit of man.

From the winds of the north and the south,
They gathered as unto strife;
They breathed upon his mouth,
They filled his body with life;
Eyesight and speech they wrought
For the veils of the soul therein,
A time for labor and thought,
A time to serve and to sin;
They gave him light in his ways,
And love, and space for delight,
And beauty, and length of days,
And night, and sleep in the night.
His speech is a burning fire;
With his lips he travaileth;
In his heart is a blind desire,
In his eyes foreknowledge of death;
He weaves, and is clothed with derision;
Sows, and he shall not reap;
His life is a watch or a vision
Between a sleep and a sleep.

(1865)

Ein Osterlied

Sibylla Schwarz

(24. Februar 1621 Greifswald – 10. August 1638 ebenda)

        Triumph Lied    
   über die Aufferstehung   
          CHRJSTJ.
    
   LAst uns frölich Alleluia singen /
last uns frölich und vohn Herzen springen /
Christus uns erlöset hat /
vohn der Macht der Sünden /
und für unsre Missetaht
tragen seine Wunden. 
   Alles / was da lebet / soll ihn loben /
seine Güht’ ist weit und breit erhoben /
Leben / Heil und Seeligkeit
hat er uns verehret /
Teuffel / Tod und alles Laid
ist durch ihn verstöret. 
   Gnad verheist er denen / so ihm trawen /
Hülffe schickt er den’n / so auff ihn bawen /
trewlich hält er / und steht fest /
ohne List und Triegen /
niemand er in Noht verläst /
dan er kan nicht triegen.  
   Drumb wir wollen vollen Dank Jhm bringen /
und wir alle Alleluia singen /
seine Liebe / Gunst und Gnad
hoch an Jhm erheben /
seine Werck und Heldentaht
rühmen / weil wir leben.

Sibylla Schwarz, Werke Briefe Dokumente. Hrsg. Michael Gratz.. Band 1. Leipzig: Reinecke & Schwarz 2021

Der Knabenteich

Peter Huchel

(* 3. April 1903 in Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen)

Der Knabenteich

Wenn heißer die Libellenblitze
im gelben Schilf des Mittags sprühn,
im Nixengrün der Entengrütze
die stillen Wasser seichter blühn,
hebt er den Hamen* in die Höhe,
der Knabe, der auf Kalmus blies,
und fängt die Brut der Wasserflöhe,
die dunkel wölkt im Muschelkies.

Rot blüht um ihn die Hexenheide,
fischäugig blinkt der Teich im Kraut.
Der graue Geist der Uferweide
wird über Sumpf und Binsen laut,
wo dünn der Ruf der scheuen Unken
tönt wie ein Mund der Zauberei…
Der Knabe horcht, ins Ohr gesunken
sind Wind und Teich und Krähenschrei.

Verzaubert ist die Mittagshelle,
das glasig grüne Algenlicht.
Der Knabe kennt die Wasserstelle,
die anders spiegelt sein Gesicht.
Er teilt das Schilf, das splittrig gelbe:
froschköpfig plätschert hoch der Nick –
und summt und spritzt und ist derselbe
wie einst mit tierhaft wildem Blick.

Und auch der Teich ist noch derselbe
wie einst, da dein Mund Kalmus blies,
dein Fuß hing ins Sumpfdottergelbe
und mit den Zehen griff den Kies.
Wenn dich im Traum das teichgrüntiefe
Gesicht voll Binsenhaar umfängt,
ist es als ob der Knabe riefe,
weil noch dein Netz am Wasser hängt.

Aus: Peter Huchel, Gedichte. Berlin: Aufbau, 1947, S. 22f

*) Hier vermutlich: Angelhaken

Nossis vielsprachig

Mein Freund Hansen (Dirk Uwe) schickt mir einen Reader, darin „alle Gedichte von Nossis aus der Anthologie, übersetzt von „Gerlach, Hansen, Kugelmeier, Savvidis, Teichmann, von Moellendorff“. Darin dieses, dasselbe, das Kling nach Rexroth übersetzt hat (siehe gestern). Aber von wem die einzelnen übersetzt sind, kann ich daraus nicht ersehen, einer der 6 (wird nachgereicht).

Hier erst mal das Gedicht in der neusten Fassung:

5, 170 Nossis

Nichts ist süßer als die Liebe,
alles Prächtige ist nur zweite Wahl dagegen,
selbst Honig spucke ich aus.
Nossis sagt das und: wen Kypris nicht liebt,
der weiß auch von Rosen nicht, was das für Blumen sind.

Apropos Buchpreise, Preise für Bücher: ich besitze bereits zwei Gesamtausgaben der „Griechischen Anthologie“, die erste erworben 1981. Ich kann hier zeigen, wie ich damals Bücher zu kaufen pflegte. Auch in der DDR gab es ein „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“, ich weiß nicht mehr, ob das der genaue Titel war. Es war mir gelungen, dieses Wochenblatt zu abonnieren, darin lag eine Beilage mit Kärtchen für alle in dieser Woche neu angekündigten Bücher, genannt Vorankündigungsdienst. Das konnte man also ausschneiden und zur Buchhandlung des Vertrauens schicken, in Greifswald war das eine übriggebliebene private Buchhandlung von Paul und Wilhelmine Singelnstein. Ich gab ihnen also das Kärtchen, dieses hier:


und nach ein paar Wochen (manchmal Monaten, Jahren… manche Bücher erschienen auch nie, da bekam ich irgendwann das Kärtchen zurück mit dem Kommentar, wird nicht erscheinen, so hatte man die Übersicht, in der Regel hieß das: darf nicht erscheinen, die DDR war da ja ängstlich) bekam man dann das Gewünschte. Das hatte den Vorteil, dass man, ich, auch rare Bücher, sogenannte Bückware, meistens zuverlässig bekam. Jetzt zur Anthologie. Das Buch sollte 3 Bände umfassen mit ca. 1280 Seiten und stolze 22 Mark der DDR kosten. Das konnte ich mir leisten. Selbst wenn, wie in diesem Fall, der tatsächliche Preis auf 31 Mark angestiegen war.

Die wohlfeile Ausgabe erschien in der „Bibliothek der Antike“, herausgegeben und übertragen im Versmaß des Originals, in der Regel Distichen oder Hexameter. Hier Nossis in der Fassung von Ebener, Die Griechische Anthologie in drei Bänden, Berlin u. Weimar: Aufbau, 1981:

„Lieben bedeutet das höchste Glück. Ihm folgen die andern
  Glücksgüter. Honig sogar spiee für jenes ich aus.“
So spricht Nossis. Die Frau, der Kypris die Liebe versagte,
  kennt nicht die Schönheit, mit der blühend die Rose sich schmückt.

Ein paar Jahrzehnte später gelang es mir, antiquarisch eine andere Gesamtausgabe zu erwerben, etwas teurer, aber immer noch preiswert für die Sache: Vierbändig Griechisch und Deutsch, herausgegeben von Hermann Beckby, Heimeran Verlag München 1957. Hier dessen Fassung:

Ein gleiches (das vorige hatte die Überschrift "Süßigkeiten")

„Nichts ist süßer als Liebe, weit hinter ihr stehen die andern
  Freuden, den Honig sogar spei ich vom Munde dafür.“
So spricht Nossis. Die Frau, der Kypris nicht Liebe gegeben,
  kennt die Rose noch nicht, weiß nicht, wie prangend sie blüht.

An dem kurzen Gedicht mag man Vor- oder Nachteile metrischer Übersetzung diskutieren. Hier der Originaltext zum Vergleich.

Schließlich eine englische Fassung:

Aus: THE GREEK ANTHOLOGY WITH AN ENGLISH TRANSLATION BY W. R. PATON (LOEB CLASSICAL LIBRARY), London: Heinemann 1920

Nossis / Kling

Am 1. April 2005 starb Thomas Kling. Hier zum Anlaß ein Gedicht aus dem Band Sondagen (DuMont 2002), wiederabgedruckt in Band 3 der 4bändigen Werkausgabe bei Suhrkamp 2020. Eigentlich handelt es sich um eine Übersetzung einer antiken Dichterin, Nossis, die um 300 vor unserer Zeitrechnung lebte. Kling übersetzte es nicht aus dem griechischen Urtext, sondern nach einer englischen Fassung des Dichters Kenneth Rexroth. Mehr von Nossis selbst morgen hier.

Thomas Kling

(* 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein; † 1. April 2005 in Dormagen)

NOSSIS

»Nichts ist süßer als die liebe
Zweitrangig jede glückseligkeit
Selbst honig spuck von meinem
Mund ich aus« ich Nossis sage das
»Wenn irgendein mädchen unbeleckt
Ist von der liebe kann sie nicht sagen
Welcher art blume die rosen sind«

Aus: Thomas Kling, Sondagen. Gedichte. Köln: DuMont, 2002, S. 129

Definition der Liebe

Die nächste 400-Jahr-Feier. 1621 war ein starker Jahrgang. Nach Sibylla Schwarz (24. Februar) und Georg Neumark (7. März) jetzt einer der bedeutendsten englischen Barockdichter: Andrew Marvell. Andrew Marvell (* 31. März 1621 in Winestead bei Patrington, Holderness, Yorkshire; † 16. August 1678 in London) The Definition of Love
My love is of a birth as rare As ’tis for object strange and high: It was begotten by Despair Upon Impossibility. Magnanimous Despair alone Could show me so divine a thing, Where feeble Hope could ne’er have flown But vainly flappt its tinsel wing. And yet I quickly might arrive Where my extended soul is fixt, But Fate does iron wedges drive, And always crowds itself betwixt. For Fate with jealous eye does see Two perfect loves, nor lets them close: Their union would her ruin be, And her tyrannic powerr depose. And therefore her decrees of steel Us as the distant poles have placed, (Though Love’s whole world on us doth wheel) Not by themselves to be embraced: Unless the giddy heaven fall, And earth some new convulsion tear; And, us to join, the world should all Be cramped into a planisphere. As lines so loves oblique may well Themselves in every angle greet: But ours so truly parallel, Though infinite can never meet. Therefore the Love which us doth bind, But Fate so enviously debars, Is the conjunction of the mind, And opposition of the stars. Begriffsbestimmung der Liebe
Wie mein Gefühl entstand, ist rar, So wie bei jedem hohen Ding: Da die Verzweiflung Vater war, Von dem Unmöglichkeit empfing. Nur Großmut im Verzweifeln litt, Daß mir so göttlich schien und hold, Wo Hoffnung niemals flog, nur mit Den Schwingen schlug aus Flittergold. Doch rasch kam ich zu jenem Teil, Wo ausgestreckt die Seele hängt, Doch Schicksal treibt den Eisenkeil Und hat sich zwischenein gedrängt. Das Schicksal blickt voll Eifersucht Hin aufs vollkommne Liebes-Zwei, Wärn sie vereint, wär es verflucht Und Ohnmacht seine Tyrannei. Drum hat sein stählernes Gesetz So fern als Pole uns bedingt (Um die zwar Lieb als Welt sich dreht), Daß eins das andre nie umschlingt. Es sei denn, Himmel stürzte ein, Und Erde riß in neuem Krampf, Die ganze Welt, uns zum Verein, Würd planisphärisch eingestampft. Wie Linien könnten Lieben wohl In schrägem Winkel sich berührn, Doch unsre, wahrhaft parallel Ohn End, wird nichts zusammenführn. Drum ist die Liebe, die uns band Und die das Schicksal nur hält fern, Der Geist, in gleiche Bahn gebannt, Doch Stern in Gegenbahn zu Stern. Deutsch von Werner Vortriede, aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. Münnchen: dtv, 1970, S. 66f. Prosaübersetzung
I Die Abstammung meiner Liebe ist ebenso seltsam, / wie ihr Gegenstand außergewöhnlich und erhaben ist: / Sie wurde von der Verzweiflung gezeugt / und von der Unmöglichkeit empfangen. II Einzig die hochherzige Verzweiflung / konnte mir etwas so Göttliches zeigen – / die schwächliche Hoffnung wäre da nie aufgeflogen, / sondern hätte nur umsonst mit ihren falschen Flitterflügeln geschlagen. III Und dennoch könnte ich schnell dort landen, / wo meine weitgespannte Seele ihren Fixpunkt hat, / wenn nicht das Schicksal eiserne Keile dazwischentriebe / und sich ständig und überall dazwischendrängte. IV Denn das Schicksal sieht zwei vollkommene Lieben / mit scheelen Augen an und läßt sie nicht Zusammenkommen. / Ihre Vereinigung würde seinen Ruin bedeuten / und seine Tyrannenmacht absetzen. V Deshalb haben seine stählernen Verordnungen / uns wie die entgegengesetzten Pole auseinander plaziert, / — wie Pole, die (obwohl die ganze Welt der Liebe sich in uns dreht) / sich selber nicht umarmen dürfen. VI Es sei denn, daß der hohe Himmel einfällt / und die Erde von einem neuen Beben gepackt wird, / und daß die Welt, um uns zueinanderzubringen, / zu einem Astrolabium zusammengefaltet würde. VII So wie zwei Gerade können sich auch zwei Lieben, die schief zueinander liegen, / in jedem beliebigen Winkel treffen. / Aber unsere Lieben, die so vollkommen parallel sind, / können, obwohl sie ins Unendliche gehen, niemals zusammenkommen. Aus: Englische Barockgedichte. Englisch/Deutsch. Ausgewählt, hrsg. u. kommentiert von Hermann Fischer. Stuttgart: Reclam, 1971, S. 325/327

Königliche Lüste

Goûts Royaux

Louis Quinze aimait peu les parfums. Je l’imite
Et je leur acquiesce en la juste limite.
Ni flacons, s’il vous plaît, ni sachets en amour !
Mais, ô qu’un air naïf et piquant flotte autour
D’un corps, pourvu que l’art de m’exciter s’y trouve ;
Et mon désir chérit et ma science approuve
Dans la chair convoitée, à chaque nudité
L’odeur de la vaillance et de la puberté
Ou le relent très bon des belles femmes mûres.
Même j’adore — tais, morale, tes murmures —
Comment dirais-je ? ces fumets, qu’on tient secrets,
Du sexe et des entours, dès avant comme après
La divine accolade et pendant la caresse,
Quelle qu’elle puisse être, ou doive, ou le paraisse.
Puis, quand sur l’oreiller mon odorat lassé,
Comme les autres sens, du plaisir ressassé,
Somnole et que mes yeux meurent vers un visage
S’éteignant presque aussi, souvenir et présage,
De l’entrelacement des jambes et des bras,
Des pieds doux se baisant dans la moiteur des draps,
De cette langueur mieux voluptueuse monte
Un goût d’humanité qui ne va pas sans honte,
Mais si bon, mais si bon qu’on croirait en manger !
Dès lors, voudrais-je encor du poison étranger,
D’une flagrance prise à la plante, à la bête
Qui vous tourne le cœur et vous brûle la tête,
Puisque j’ai, pour magnifier la volupté,
Proprement la quintessence de la beauté ?

KÖNIGLICHE LÜSTE

Ludwig der Fünfzehnte verschmähte die künstlichen Dufte.
Ich eifere ihm nach und liebe sie nicht sehr.
Riechkissen und Flakon mag ich nicht mehr,
doch sollen unbefangene pikante Lüfte,
voll starkem Anreiz um die Körper fliessen.
Ich liebe — und es ist nach Wunsch und Wissen –
wenn in der Nacktheit dem begehrten Fleisch
der Tüchtigkeiten und der Reife Duft entbricht
mit schöner Frauen Fleischarom zugleich.
Sogar vergöttere ich — still, nörgelnde Moral! –
jene verheimlichten Gerüche aus dem Tal
unsres Ergötzens, vor wie nach der Paarung
und während dieser göttlich-schönen Offenbarung.
Wenn mein Geruch dann übermüd und matt
sich wie die andern Sinne im Genuss gesättigt hat,
meine Augen ersterben gegen ein erlöschendes Gesicht,
so steigen als Erinnerung und Bericht
verrankter Körper von den süssen Füssen,
die sich im zarten Schweiss der Decken küssen,
aus der Ermattung nach dem Wollustspiel,
Düfte von Menschtum, das nicht ohne Schamgefühl,
und gut, so gut, man möchte sie einsaugen.
Was könnten mir danach noch fremde Gifte taugen,
ein Wohlgeruch von Pflanze oder Tier,
der euch das Herz verwirrt, den Kopf verdreht,
da ich, was jeder Wollust Gipfelspitze,
so rein der Schönheit Quintessenz besitze?

Aus: Verlaine. Frauen. Französische und deutsche Ausgabe des Buches „Femmes“. Société des Bibliophiles à Lausanne, o. J., S. 23
(Nach Recherchen des Antiquars deutsch von Curt Moreck, vermutlich Steegemann Verlag, Hannover, um 1921. Soviel zur nörgelnden Moral.)

Das Original erschien anonym 1890 in Brüssel.