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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Abschied vom Frieden 1913

Vor 100 Jahren war ein heißer Sommer und soweit Frieden in Europa. Viele und namentlich auch viele der von uns „Expressionisten“ genannten Dichter empfanden die relative Ruhe als bedrückend und erhofften im Gedicht einen Sturm. Den bekamen sie auch bald. Viele verloren das Leben, andere die Freunde oder das Land. (Wir im 21. Jahrhundert sind auch nicht besser). Wie dem sei, mit diesem unbehaglichen Gedicht geht die Lyrikzeitung in eine kurze Sommerpause. In fünf Tagen gehts weiter.

Albert Ehrenstein 

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich; † 8. April 1950 in New York, USA)

Sommerfrische

Der Himmel ist wie eine blaue Qualle.
Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel –
Friedliche Welt, du große Mausefalle,
entkäm ich endlich dir .. O hätt ich Flügel –

Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten.
Ein jeder übt behaglich seine Schnauze.
Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten,
hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce.

Wär doch ein Wind .. zerriß mit Eisenklauen
die sanfte Welt. Das würde mich ergötzen.
Wär doch ein Sturm .. der müßt den schönen blauen
ewigen Himmel tausendfach zerfetzen.

Aus: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst. 3. Jg., Nr. 40, 4. Oktober 1913, Sp. 945

Abschied von der Poesie

Enweri (12. Jahrhundert)

Ewhadeddin Enweri, das Haupt der persischen Panegyriker, als Dichter ausgezeichnet durch den Glanz seiner Phantasie, die Pracht der Bilder und den Wohllaut der Sprache, wurde in dem Dorfe Bedna nahe bei Mehna (Distrikt Abjurd) geboren. Zu Tus am Kollegium Manssurs hatte er seinen Studien obgelegen und ward dann Hofdichter Sultan Sandschars, Nachfolgers Malikschahs in Chorassan, den er in mehreren seiner besten Kassiden überschwänglich besungen hat. Auch der Astrologie widmete er sich, aber mit weniger Glück. Als einige seiner Vorhersagungen nicht eintrafen, verfiel er dem Spotte und ging deshalb nach Balch, wo er im Jahre 1152 starb und begraben liegt. Ebenso ausschweifend wie im Lob, ist er auch im Tadel, ein beißender, galliger Satiriker alsdann. Die Triebfedern seiner poetischen Thätigkeit, seinen Charakter hat er mit einem gewissen Cynismus in dem untenfolgenden Gedichte »Ein Dichterlein frug gestern mich…« aufgedeckt.

Aus: Divan der persischen Poesie. Blütenlese aus der persischen Poesie, mit einer litterarhistorischen Einleitung, biographischen Notizen und erläuternden Anmerkungen. Hrsg. Julius Hart. Halle/Saale: Otto Hendel, 1887, S. 50

Abschied von der Poesie

Ein Dichterlein frug gestern mich: Schreibst du noch oft Gedichte? 
Ich sagte: Nein, da ich seit lang auf Lob und Schimpf verzichte. 
Warum? frug er. Weil klar mir's ward, daß Dichten nur Verirrung. 
Jetzt floh der Wahn, nie wieder kehrt der Zustand der Verwirrung. 
Einst schrieb ich Panegyriken, Satiren und Ghasele, 
Weil Habsucht, Zorn und Leidenschaft mir heiß durchtobt' die Seele. 
Pfui Liebesdichter, die die Nacht in heißer Angst verbringen, 
Wie sie am besten Zuckermund und Lockenpracht besingen; 
Pfui Lobpoeten, die den Tag in bittrer Qual durchsinnen, 
Von wem und wo am besten wol fünf Drachmen zu gewinnen; 
Pfui Satiristen, die sich freun gleich schwachen kranken Hunden, 
Wenn einen Schwächren als sie selbst, sie packen und verwunden. 
Weh euch ihr drei, die hungernden und grimmen Hunden gleichen, 
Mög' euch der Herr auf ewiglich aus meiner Nähe scheuchen! 
Ich selbst schrieb Panegyriken, Ghasele und Satiren; 
Wie konnt', o Gott, Verstand und Geist so grausam ich torquiren! 
Geschwätz und Schein, o Enweri, sind keines Mannes Werke, 
Du fehltest, segne Gott dein Wort mit Mannheit jetzt und Stärke. 
Im Winkel birg bescheiden dich, den Pfad der Rettung gehe, 
Und denke, daß des Lebens Frist dem Odem gleich verwehe.

Deutsch von Schlechta Wssehrd.

Aus: Ebd. S. 64f

Fakten und Vermutungen über den Autor hier

Paul Wiens 100

Zum 100. Geburtstag des Dichters Paul Wiens eine Flaschenpost aus dem Jahr 1957. Damals kriegte der Dichter Prügel (später hat er selber geprügelt bzw. gespitzelt, ein anderes Kapitel).

Paul Wiens 

(* 17. August 1922 in Königsberg; † 6. April 1982 in Ost-Berlin)

VERZWEIFLUNG

Wenn sich die letzten Staaten tödlich reiben
was wird von Land und Leuten übrigbleiben?
Ach, schwarze Wogen himmelgroß,
die auf die Städte schlagen . . .
Wer wird die letzte Geschichte schreiben?
Wer wird zu Grabe tragen
den armen Erdenkloß?

Es bleibt auch nicht einer — ihm nachzudenken . . .
Es bleibt auch nicht einer — sich mitzuversenken . . .
Schnell, schreibe noch dein Schlußgedicht,
eh wir zu Nichts erkalten,
eh wir vom roten Gestirn abschwenken —
für keinen zu erhalten
das letzte Sonnenlicht!

Schnell, sammle letzten Glimmer, letzte Feder,
mit letztem Duftöl schmier dein Hosenleder
und schwill und spreiz dich wie ein Pfau
und schmück mit Geist und Haaren
den wehen Schädel — zu gefallen jeder,
wie immer wunderbaren, 
wie nie noch letzten Frau!

Schnell, eh zerspellt Weltbild und Weltenrahmen!
Schnell, Sämann, säe deine letzten Samen
dem letzten Frühling in den Wind!
Ins Nichts wird er sie tragen . . .
Ehe vergessen sind die süßen Namen,
laß uns noch einmal sagen:
Geliebte, Brot und Kind . . .

Aus Paul Wiens: Nachrichten aus der dritten Welt. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1957 (Lyrikreihe: Antwortet uns! 8), S. 30f

Gelbe Blumen

Antonín Sova 

(* 26. Februar 1864 in Pacov (Patzau); † 16. August 1928 ebenda)

Gelbe Blumen

Todesäcker gelb verglimmen,
Land voll dunkler Saiten Stimmen.
Brach die Blüte wer zur Stund,
preßt’ sie auf den Fiebermund.

Hocken Greise noch am Rain,
schlucken sachte ihren Wein,
gleitet Mond von ihren Haaren,
welker, schlaffer Brüste Paaren.

Sitzen, noch dies kurze Stück —
etwas finden für den Blick —
wolln so rasch ins Feld nun doch nicht.
Gelbe Blumen rascheln knochig. —

Wolln so rasch nicht sterben. Doch nicht.

Deutsch von Uwe Kolbe. Aus: Ludvík Kundera / Eduard Schreiber (Hg.): Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: DVA, 2006, S. 277

Žluté květy

Role Smrti ve tmách žloutnou,
kraj se chvěje Smutků loutnou.
Kdosi šel a utrh’ květ,
tisk’ jej na horečný ret.

Starci ještě na mezích
víno pijí po doušcích,
měsíc sklouzá po jich vlasu,
v prsů svislém, svadlém masu.

Ještě chvíli posedět —
na něco se zahledět —
ještě se jim v Pole nechce.
Žluté květy šumí lehce. —

Nechce se jim umřít. Nechce.

Aus: SOVA, Antonín. Vybouřené smutky. Praha : Moderní revue, 1897. s. 25.

Als er sie das erste mahl küßte

Benjamin Neukirch 

(* 27. März 1665 in Rydzyna (dt.: Reisen) in Schlesien; † 15. August 1729 in Ansbach)

Als er sie das erste mahl küßte

B.N.

Ich habe/ Sylvia/ dich einmahl nur geküßt/
Und meynt' ich würde mir mein kranckes hertze laben;
O! aber weit gefehlt! ich weiß nicht/ wo es ist/
Und glaub/ es hat sich gar in deinen mund begraben.
Dann meine krafft ist hin: Ich fühle nichts als glut/
Und stürbe/ wenn ich nicht aus liebe leben müste.
Ach! wann ein eintzig kuß so grosse würckung thut/
Wie solte mir geschehn/ wann ich dich zehnmal küßte?

Quelle:
Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster Teil, Tübingen 1961, S. 93. (Originalausgabe 1695)
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005444322

sonntagsgedicht

Gerhard Jaschke

(Geboren 1949 in Wien)

Aus: sonntagsgedichte

menschen
neigen
zum erfolg
zeigen zähne
klappern
mit diesen
werden zu
riesen
und gehen
schliesslich
kaputt.

das ist
kein lustiges ende.
ich weiss.
darum klatscht bitte
nicht in die hände!
durchbohrt lieber wände
mit eurem kopf.
das sagt euch euer
armer tropf.

aus dem
gemurmel
der welt

Aus: Versnetze_fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2012, S. 302

Zwei alte Männer

Lorine Niedecker

 (12. Mai 1903 Black Hawk Island – 31. Dezember 1970 ebd.)

Two old men —
one proposed they live together
take turns cooking, washing dishes
they were both alone.
His friend: ,,Our way of living
is so different:
                         you spit
                        I don’t spit.“

Zwei Alte —
der eine schlug vor, sie sollten zusammenleben,
sich beim Kochen und Spülen abwechseln,
beide waren allein.
Sein Freund: „Wir leben
so ganz andere Leben:
                                        Du spuckst,
                                        ich spucke nicht.“ 

Aus: Eliot Weinberger: Niedecker/Reznikoff. Deutsch von Beatrice Faßbender. In: Schreibheft 97, August 2021, S. 111

Ein unerhörtes Erlebnis

Christian Morgenstern 

(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn)

Der Gaul


Es läutet beim Professor Stein.
Die Köchin rupft die Hühner.
Die Minna geht: Wer kann das sein? –
   Ein Gaul steht vor der Türe.
 
Die Minna wirft die Türe zu.
Die Köchin kommt: Was gibt's denn?
Das Fräulein kommt im Morgenschuh.
   Es kommt die ganze Familie.
 
"Ich bin, verzeihn Sie", spricht der Gaul,
"der Gaul vom Tischler Bartels.
Ich brachte Ihnen dazumaul
   die Tür- und Fensterrahmen!"
 
Die vierzehn Leute samt dem Mops,
sie stehn, als ob sie träumten.
Das kleinste Kind tut einen Hops,
   die andern stehn wie Bäume.
 
Der Gaul, da keiner ihn versteht,
schnalzt bloß mal mit der Zunge,
dann kehrt er still sich ab und geht
   die Treppe wieder hinunter.
 
Die dreizehn schaun auf ihren Herrn,
ob er nicht sprechen möchte
"Das war", spricht der Professor Stein
   "ein unerhörtes Erlebnis!... "

Aus: Lustige Lyrik. Fünfzig komische Gedichte. Ausgewählt von Harry Fröhlich. Ditzingen: Reclam, 2021, S. 42f

Form ist Wollust

Ernst Stadler 

(* 11. August 1883 in Colmar, Elsass; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien)

Form ist Wollust

Form und Riegel mußten erst zerspringen,
Welt durch aufgeschloßne Röhren dringen:
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen,
Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen.
Form will mich verschnüren und verengen,
Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen –
Form ist klare Härte ohn Erbarmen,
Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen,
Und in grenzenlosem Michverschenken
Will mich Leben mit Erfüllung tränken.

Aus: Ernst Stadler: Der Aufbruch und Verstreute Gedichte aus den Jahren 1910-1914. Berlin und Weimar: Aufbau, 1983, S. 25.

Verachtung der Welt

Sibylla Schwarz

(* 24. Februar 1621 Greifswald, † 10. August 1638 ebenda)

Anmerkungen zu diesem Gedicht (das in der Erstausgabe von 1650 durch einen Druckfehler „Betrachtung der Welt“ überschrieben ist) und speziell zu den Versen 5-8 hier unter dem Gedicht. Textfassung und Kommentar nach dem zweiten Band meiner Werkausgabe, der in diesem Herbst im Leipziger Verlag Reinecke & Voß erscheint. M.G.

Verachtung der Welt. 
Mehrer theils auß dem Niderlen=
dischen verteutscht. 

O Daß Jch steigen möcht auß diesen tieffen Hölen / 
Bis an des Himmels Dach / zu den verklährten Sehlen / 
Nur einmahl anzusehn / was oben ist bereit / 
Was uns erfrewen wirt nach dieser trüeben Zeit !
Jch weiß nicht / wor ich bin / mein Hertz begint zu funcken / 
Durch ungewohnten Brandt / die Sinnen werden truncken / 
Der Geist steht auf dem  Sprunck / die Sprach ist ungehemt / 
Die Feder ist vol Safft und gäntzlich ungezähmbt. 
Jch scheide von dem Fleisch / und leg es gantz beyseiten / 
Jch klimme nun hinauff ans Hauß der Ewigkeiten / 
Jch komb schon an das Liecht / und an den hellen Tagk / 
Dahin der bleiche Todt den Pfeil nicht schießen magk. ¶
Jch flieg itzt ausser mir / ich fliege von der Erden / 
Jch fliege Himmel an mit ungezähmbten Pferden / 
Jch seh ein klares Nas und Christallinen Bach / 
Jch seh den Lebensbaumb / Jch seh der Tage Tag / 
Jch hör ein großes Volck des Herren Thaten singen / 
Wohin doch / (O Vernunfft !) wie weit wiltu dich zwingen ?
Jch seh das reine Lamb / und die geliebte stehn / 
O mögt Jch (Lieber Gott : ) O möcht ich weiter gehn !
Wegk / wegk / du schnöde Welt mit deinen argen Rencken / 
Jch will itzt höher gehn / und dein nicht mehr gedencken.
Du bist nur wandelbahr / dich frist die schnelle Zeit / 
Dein gantzes Thun ist Staub / balt Lust balt wieder Leidt.
Was will Jch dir / O Wellt ! für einen Nahmen finden !
Jch zweiffle / was ich thu / undt kan dich nicht entbinden / 
Du Gordianscher Knopf  / du grosser Labyrinth / 
Du Jrwisch / wer dir folgt / verirt / verwirt / verschwindt.
Man hört ja offtermahls die Frewde selber klagen :
Wie schnell ist doch die Zeit / die alles kan verjagen ?
Es scheint / daß ein Gespänst uns aus der Welt vertreibt / 
Es ist nur Wasser / Windt / was nicht beständig bleibt.
Liebt Jemand einen Freundt in Lieb / in Lust / in Leiden / 
Es kompt in kurtzer Zeit / es kompt ein bitter scheiden / 
Wie mehr man dan mit ihm in süßer Lust verirrt / 
Wie schwerer uns hernach das schwere Scheiden wirt.
Asverus grosses Fest / von hundert achtzig Tagen / 
Hat lengst die schnelle Zeit mit sich hinwegk getragen ;
Das Leit hat auch sein Ziel / die Frewd ist leicht gethan / 
Das / was der Welt beliebt / ist nichts als lauter Wahn.
Doch in des HERren Hauß / da so viel tausent Scharen
Zusahmen sollen sein / zusahmen sollen fahren / ¶
Da ist das bitter Wort / das Scheiden nicht bekandt / 
Da ist die Fröligkeit / da bleibt sie mit bestandt.
Wen schon die gantze Welt bestünd in Wasserwogen / 
Und alle tausendt Jahr da kehme zugeflogen
Ein leichtes Federthier / und nehm ein Trüpflein Nas
Aus dieser großen See / so hett es eine Mas / 
So würde doch zuletzt nach so viel tausent Jahren / 
Und tausent noch darzu / die See zu ende fahren / 
Und entlich nicht mehr sein ; der Brunn der Ewigkeit
Wirdt nimmer außgeschöpfft / hat weder Ziel noch Zeit.
Jst jemandt auff der Wellt / der allzeit geht in springen / 
Bei Wein / bei schöner Speiß / bei tausent schönen dingen / 
Jn dem er unter des sein innigs Hertze fragt / 
So fint er etwas doch / das seine Sehle nagt.
Du siehst hir / was du siehst / kein dingk kan hir bekleiben / 
Der Häuser Hauß / die Welt / kan selbst nicht ewig bleiben / 
Und ist bei Gottes Hauß nur als ein Schwalbennest / 
Das nur / weiß nicht worvon / ist an der Mauwren fest.
Wan jemandt sachen sieht / geziert an allen Kandten / 
Mit weißer Perlein Schar / mit schönen Diamanten / 
Das (ob das Auge schon es schetzet überfein)
Jst doch nur Kinderspiel / ist doch nur lauter schein.
Die Lust wirt mannigmahl auch diesen zugelassen / 
Die Gottes Feinde sindt / und gute Sitten hassen.
Jhr / wens euch wiederfehrt / so denckt / so denckt / daran / 
Was Gott den seinen selbst für Schetze geben kan ?
Wann Jemandt Garten sieht mit schönen Blumen prangen
So wirdt sein gantzes Hertz mit fröligkeit umbfangen / 
Er wirdt von schöner Frucht / von Bäumen baldt ergetzt / 
Jm fall er sich zur Lust ins grüne niedersetzt. ¶
Er hört die Nachtigall so lieblich tirilieren / 
Und kan mit höchster Lust den Garten durchspatzieren :
Dis ist nur kleine Frewd / die / wan man sich betrübt / 
Uns zur Ergetzligkeit der milde Schöpffer giebt :
Was wirdt der guhte Gott den seinen Kindern geben / 
Die nach der kurtzen Zeit noch ewig mit Jhm leben ?
Was wirdt doch seine Gunst ihn’n werffen in den Schooß / 
Wen Jhr entsehlter Leib ist dieses Leben looß ?
Jm fall die güldne Sonn / mit Klarheit gantz ümbfangen / 
Kömpt als ein Breutigam auß ihrer Kammer gangen / 
Jm fall der klare Mon / und all das Sterne=Licht
Vergünt der gantzen Wellt Jhr angenehm Gesicht / 
So wirt ja unsre Sehl mit frewden übergoßen ;
Denckt / dis ist nur die Thür / darin noch ist beschloßen / 
Der überschöne Schatz / den eh kein Mensche schawt / 
Eh Gottes Braut / die Kirch / Jhm Ehlich wirdt vertrawt.
Drümb last uns für dem Todt / ihr Christen / nicht verzagen / 
Eß kompt ein Frewdentagk nach diesen trüben tagen / 
Was in die Wellt nur kompt / muß alles auch hinnauß / 
Muß in der Erden Schlundt / und in ein höltzern Hauß.
Es geh mir nun hinfort / es geh mir / als es will / 
Es geh mir böß und guht / es geh mir wüst und stil / 
Es geh mir / als es pflegt auff dieser Erden gehen / 
Gott thu mir was er will / Jhm will ich stille stehen / 
Jn Jhm bin ich allein zu frieden und in Ruh / 
Jn Jhm drückt man zu letzt mir Hertz und Auge zu.
Was dieser Welt beliebt / soll mir nicht mehr belieben / 
Was diese Welt betrübt / soll mich nicht mehr betrüben / 
Was nun auff dieser Welt mein wacker Auge sicht / 
Das treckt hinfort die Sehl / das treckt mein Hertze nicht. ¶ 
Nun wündsch ich mir zu letzt den besten Wundsch auff Erden :
Jn Christi JESV Bluht gereiniget zu werden / 
Und dann auch sanfft und still auß diesem Jammerthal
Zu scheiden / wann Gott wil ! das ist mein Wündschen all.

 

Im Brief an ihren Lehrer und späteren Herausgeber Samuel Gerlach vom 24.7.1637 schreibt Sibylla Schwarz, dass das „ganze opus“ des niederländischen Dichters Jacob Cats ihrem Bruder zugeschickt worden sei. Christian Schmitt hat in einem noch unpublizierten Beitrag nachgewiesen, dass das Gedicht zum größten Teil auf Jacob Cats Houwelyck beruht. Nach ihm handelt es sich um eine sehr freie Übersetzung, die collagenartig „Teile der Vorlage zu einer neuen lyrischen Einheit zusammenfügt“ (Zitat aus seinem Vortragsmanuskript, das er mir dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat.)

Vorlage für die letzten Zeilen 5-8 ist Cats Houwelyck (Bedaeghde Huis-Moeder):

Waer ben ick mijn gemoet? mijn hert begint te voncken
Door ongewoonen brant, mijn sinnen worden droncken,
Mijn geest is opte loop, mijn losse reden holt,
Mijn breyn dat bortelt uyt, mijn siele suysebolt, (Schmitt 2021).

Wie fast immer ist es eine Kombination von fast wörtlicher und freier Übersetzung mit (schöpferischer) Weiterdichtung. Schmitt weist speziell bei diesem Gedicht nach, wie in den Umdichtungen und Hinzufügungen selbstbewusst die poetologische Position der Autorin entwickelt wird. „Mehrer theils“ in ihrer Überschrift gibt den freien Umgang direkt an.

Philip Larkin 100

Philip Larkin 

(* 9. August 1922 in Coventry; † 2. Dezember 1985 in Hull) 

Love, we must part now

Love, we must part now: do not let it be
Calamitous and bitter. In the past
There has been too much moonlight and self-pity:
Let us have done with it: for now at last
Never has sun more boldly paced the sky,
Never were hearts more eager to be free,
To kick down worlds, lash forests; you and I
No longer hold them; we are husks, that see
The grain going forward to a different use.

There is regret. Always, there is regret.
But it is better that our lives unloose,
As two tall ships, wind-mastered, wet with light,
Break from an estuary with their courses set,
And waving part, and waving drop from sight.

Nimms nicht so bitter

Nimms nicht so bitter, daß wir scheiden müssen,
Mein Lieb. Es gab in der Vergangenheit
Zu viel an Selbstmitleid und Mondscheinküssen.
Drum Schluß damit gemacht. Gewiß, bis heut
Stieg keine Sonne höher am Azur,
Begehrte nie ein Paar mehr, frei zu sein
Und Welt zu stürzen, Wald zu peitschen. Nur
Wir schaffen es nicht mehr. Wir sind wie Spreu,
Das Korn geht anderer Verwendung zu.

Bedauern, ja. Das wird es immer geben.
Doch besser, daß wir scheiden, ich und du,
Zwei Seglern gleich, vorm Wind, und feucht vom Licht,
Die festen Kurses aus der Mündung streben
Und winkend bald geraten außer Sicht.

Deutsch von Helmut Heinrich und Klaus-Dieter Sommer, aus: Horst Meller und Klaus Reichert (Hrsg.): Englische und amerikanische Dichtung 3. Von R. Browning bis Heaney. München: Beck, 2000, S. 342f

Novalis

Karoline von Günderrode 

(* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel)

Novalis deinem heilgen Seherblikken

Novalis deinem heilgen Seherblikken
Sind aufgeschlossen aller Welten Räume
Dir offenbahrt sich weihend das Geheime
Du schaust es in Prophetischem Entzükken.

Du siehst der Dinge Zukunftsvolle Keime
Und zu des Weltalls ewigen Geschikken
Die gern dem Aug der Menschen sich entrükken
Wirst du geführt durch ahndungsvolle Träume

Du siehst das Recht, das Wahre, Schöne siegen
Die Zeit sich selbst im Ewigen zernichten
Und Eros ruhend sich dem Weltall fügen

So hat der Weltgeist liebend sich vertrauet
Und offenbahret in Novalis Dichten,
Und wie Narziß in sich verliebt geschauet. 

Abenddämmerung. Crepúsculo

Manuel Altolaguirre 

(* 29. Juni 1905 in Málaga; † 26. Juli 1959 in Burgos) 

Abenddämmerung

Komm, ich will mich ausziehen!
Schon ist das Licht weg, und ich habe
diese Kleider satt.
Nimm mir das Gewand! Damit sie glauben,
ich sei gestorben, denn nackt
ruhe ich die ganze Nacht,
während sie meinen Schlaf bewachen; 
denn morgen früh,
meiner Nacktheit entkleidet,
gehe ich baden in einen Fluß,
während sie mein Gewand mit anderm Gewand
für immer verwahren.
Komm, Tod, ich bin ein Kind
und will, daß sie mich ausziehen,
das Licht ist weg, und ich habe
diese Kleider satt.

Aus: Poetas españoles. La generación del 27. Spanische Dichter. Die Generation von 1927. Hrsg. u. übersetzt von Erna Brandenberger. München: dtv, 1980 (dtv zweisprachig), S. 119ff

Crepúsculo

¡Ven, que quiero desnudarme!
Ya se fue la luz, y tengo
cansancio de estos vestidos.
¡Quítame el traje! Que crean
que he muerto, porque, desnuda,
mientras me velan el sueño,
descanso toda la noche;
porque mañana temprano,
desnuda de mi desnudo,
iré a bañarme en un río,
mientras mi traje con traje
lo guardarán para siempre.
Ven, muerte, que soy un niño,
y quiero que me desnuden,
que se fue la luz y tengo
cansancio de estos vestidos.

Auch ich war in Endivien

Àxel Sanjosé

Endivien

Wenn all die schönen Frauen
in Straßencafés sitzen
und mit den Augen schauen,
als würfen sie mit Blitzen,

wenn sie Salat bestellen,
ein Glas Prosecco trinken,
derweil die Hündlein bellen
und Freunde herzlich winken

(und Rom nur mäßig finden
und schwärmen von Bolivien),
dann denk ich beim Verschwinden:
Auch ich war in Endivien.

Aus: Àxel Sanjosé, Lebensmittellyrik. Nebst einem Anhang mit Büroartikellyrik. Illustriert von Gisela Messing. Wien: Edition Melos, 2022, S. 72

Meine eigne Klag

Christian Wagner 

(* 5. August 1835 in Warmbronn; † 15. Februar 1918 ebenda)

AM ABEND DES LEBENS

Ja, laßt mich klagen meine eigne Klag
Die eigne Klag des ausgebrannten Lichts,
Die eigne Klag, daß ich nicht mehr vermag
Lichtwellen neu zu werfen in den Tag,
Lichtsonnen neu zu streuen in das Nichts.

Aus: Christian Wagner, Eine Welt von einem Namenlosen. Das dichterische Werk. Hrsg. Ulrich Keicher. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 193