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L&Poe-Anthologie

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Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Gedichte mit Motto

No le bastó después a este elemento
conducir orcas, alistar ballenas,
murarse de montañas espumosas,
infamar blanqueando sus arenas
con tantas del primer atrevimiento
señas — aun a los buitres lastimosas —,
para con estas lastimosas señas
temeridades enfrenar segundas.
Góngora, soledades I, 435—442.

Hans Magnus Enzensberger benutzte diese Strophe aus den Soledades des Luis de Góngora y Argote als Motto in seinem Gedichtband Landessprache (1960). Im Anhang erklärt er:

Góngoras verse müßten auf deutsch, gesetzt, sie wären übertragbar, ungefähr so lauten:

das element (das meer) schirrt schwert- und haifisch an,
wirbt wale, mauert sich in berge ein von schaum,
schändet den sand, die walstatt, mit so viel gebein,
Spur erster raserei, daß sie erbleicht, daß selbst
die geier schreien vor bedauern: nicht genug
ist alles dies, die fürchterlichen spuren reichen
nicht hin, dem wahnsinn, der dem wahnsinn folgt, zu wehren.

Und erklärt in einer „gebrauchsanweisung“:

  1. die motti sollen darauf hinweisen, daß der verfasser nichts neues zu sagen hat, und avantgardistische leser abschrecken. gründliche liebhaber der alten schriftsteller finden sie auf diesem blatt so gut übersetzt, wie sie der verfasser verstanden hat. im übrigen können die gedichte auch ohne motti benutzt werden.

Erich Arendt übersetzte die Strophe so:

Nicht Genüge war es danach diesem Element,
Robben anzuführen, Wale anzuheuern,
mit Bergen Schaums sich zu ummauern,
seine Strände, bleichend, zu entweihn
mit so viel, jener ersten Tollheit
Unglücksmalen — selbst den Geiern jammerswert —,
um mit diesen mitleidswerten Malen
aufzuhalten zweite Scheußlichkeiten.

Luis de Góngora: Soledades. spanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1982, S. 41

Kosmopolitisch

G. Emil Barthel

Kosmopolitisch

In fremde Länder mußt ich frühe gehen
Und fühlte mich in ihnen wie verbannt;
Als ich Verbannte dann bei uns gesehen,
Von Liebe zu der Heimat übermannt, –
Da streifte mich des Weltengeistes Wehen,
Und meine Seele hat es tief erkannt:
Jedwedes Vaterland ist eine Fremde,
Und jede Fremde ist ein Vaterland. –

Aus: Neuer Poetischer Hausschatz. Von G. Emil Barthel. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle/ Saale: Otto Hendel, o.J. (1895?), S.920

Mond und ich

Die Dichterin Shunzei no musume (1171? – 1254) war eine Zeitgenossin Walter von der Vogelweides. Anders als der Deutsche konnte sie auf eine jahrhundertalte Tradition zurückgreifen. Kaiser Gotoba erkannte ihren literarischen Rang und nahm sie in seinen Dichterkreis auf. Mit diesem Gedicht gewann sie einen Dichterwettstreit im Jahr 1202:

Gedicht über die Liebe im Frühling, abgefaßt für den Wettstreit der fünfzehn Gedichte über die Liebe, der in Minase stattfand

Der Mond, der mir einst
leis dein Gesicht gezeigt, ruht
nun in den Tränen
auf meinem Ärmel, Tränen
eines vergangenen Frühlings.

Für ihre Leser / Zuhörer war buchstäblich jedes Wort als Zitat erkennbar. Wichtigste Anspielung ist wohl der Mond – bei dieser Stelle dachte man an ein berühmtes Gedicht von Aiwara Narihira (825-880):

Das ist nicht der Mond,
und dieser Frühling auch der
alte Frühling nicht,
ich, ganz allein nur ich, bin
der noch, der ich früher war.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992 (4R)

Die Nacht streckt ihre Finger aus

SARAH KIRSCH

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide, Holstein)

Die Nacht streckt ihre Finger aus

Die Nacht streckt ihre Finger aus
Sie findet mich in meinem Haus
Sie setzt sich unter meinen Tisch
Sie kriecht wird groß sie windet sich

Und der Rauch schwimmt durch den Raum
Wächst zu einem schönen Baum
Den ich leicht zerstören kann –
Ich rauche einen neuen, dann

Zähl ich alle meine lieben
Freunde an den Fingern ab
Es sind zu viele Finger, die ich hab
Zu wenig Freunde sind geblieben

Streckt die Nacht die Finger aus
Findet sie mich in meinem Haus
Rauch schwimmt durch den leeren Raum
Wächst zu einem Baum

Der war vollbelaubt mit Worten
Worten, die alsbald verdorrten
Schiffchen schwimmen durch die Zweige
Die ich heut nicht mehr besteige

die müssen doch wohl eine macke habn

Gabriele Stötzer

ich bin nicht rosa luxemburg
du bist nicht clara zetkin
uns ham se nicht die köpfe geschorn
uns ham se nicht die köpfe geschorn

ich bin kein dünner darmverschluß
du bist kein schienbeinmuskel
uns ham se nicht vor die köpfe geschlagen
uns ham se nicht vor die köpfe geschlagen

ich bin nicht romantische briefleserin
du bist nicht von munch geküßte
uns ham se nicht die köpf abgehaun
uns ham se nicht die köpf abgehaun

ich bin diesseitsbestückte
du bist jenseitsentrückte
uns müssen wir die köpf ausm sumpf rausziehn
uns müssen wir die köpf ausm sumpf rausziehn

die amerikaner nahmen den indianern das land weg
die müssen doch wohl eine macke habn
die müssen doch wohl macht gehabt habn
die müssen doch wohl… gehabt haben

die priester haben den hexen die körper zerschlagen
die müssen doch wohl eine macke habn
die müssen doch wohl macht gehabt habn
die müssen doch wohl… gehabt haben

die männer haben den frauen die sprache gestohlen
die müssen doch wohl eine macke habn
die müssen doch wohl macht gehabt habn
die müssen doch wohl die müssen doch wohl

meine mutter lebt allein
und mein bruder wird immer größer
einmal wird sie ganz laut schrein:
ich bin allein ich bin allein

mein vater lebt allein
und seine krankheit wird immer größer
einmal wird er ganz laut schrein:
ich bin allein ich bin allein

wenn wir immer allein schrein
wird das alleinsein immer größer
versuchen wird doch mal zu zwein
zu zwein zu zwein…

Aus: Gabriele Kachold: zügel los. Prosatexte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1989, S. 158f

in der pathologie

Auch 100 Jahre nach Benn keine leichte Kost. In dessen „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ zeigt ein Mann seiner Frau, wo er arbeitet. Ein Gedicht wie das von Gabriele Stötzer wäre vor 100 Jahren kaum möglich gewesen. Bei ihr ist es eine Tagebuchschreiberin, die einer Frau beim Sezieren zusieht und beschreibt, was sie sieht, hört und riecht. Die Frau imponiert ihr, und obwohl sie, die Schreiberin, Tricks anwenden muß, um mit dem Geruch fertig zu werden, findet sie Schönheit. ich mag muskeln und die dieser frau die da liegt sind sehr zart (…) dann wird das gehirn zerschnitten in scheiben es sieht sehr ästhetisch aus dieses gehirn ist schön. (Durs Grünbein Gedichte fielen den Juroren der Republik auf,  die Gabriele Stötzers offenbar nicht.)

Gabriele Stötzer wurde am 14. April 1953 in Emleben geboren.

Das Buch erschien 1992 bei Janus press.

Leonce-und-Lena-Preis 2019

Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise am 29. und 30. März 2019 in der Centralstation Darmstadt 

Einsendeschluss für die Bewerbungen ist der 15.09.2018

„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa von einer angehenden Lyrikerin oder einem angehenden Lyriker, sondern es ist Georg Büchners Stück „Leonce und Lena“ entnommen. Nach diesem hintergründigen Lustspiel unseres großen Darmstädter Dichters haben wir den inzwischen renommiertesten deutschen Lyrikpreis* benannt.

Wer Georg Büchner kennt, weiß wie nah seine schöne, klare und vieldeutige Sprache an der Lyrik liegt. Nicht selten erscheinen seine Sätze wie Gedichten entnommen. Unter welch schwierigen Bedingungen der hochpolitische Büchner arbeiten musste, ist heute kaum vorstellbar. Zensur war noch das Geringste in einer Zeit, in der die kleinste Missbilligung der Obrigkeit mit drastischen Strafen geahndet wurde. Wer hier schrieb, der musste seine Kritik gut verschlüsseln, um nicht sofort in den Kerker zu wandern. So ist auch Büchners scheinbar nettes Lustspiel, nach dem der „Leonce-und-Lena-Preis“ benannt wurde, in Wirklichkeit eine Polit-Satire. (mehr)

*) schreiben die Veranstalter

Schummern

Rae Armantrout
(* 13. April 1947 in Vallejo, Kalifornien)

Aus: Rae Armantrout: narrativ. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling & Matthias Göritz. Wiesbaden: luxbooks, 2009 (luxbooks.americana), S. 8f

Waldmeister

Barbara Köhler

Aus: Barbara Köhler: Deutsches Roulette. Gedichte. 1984-1989. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991

Lagergebet aus Ravensbrück

Urszula Wińska

Lagergebet (Pacierz obozowy)

Vater unser, der Du bist im Himmel
Und siehst unser heimatloses Leben,
Nimm uns in Obhut, Deine treuen Kinder,
Stille die Tränen, die unsere Seele trüben.
Geheiligt sei Dein Name hier auf fremder Erde,
Wo wir dem Vaterhaus gewaltsam entrissen,
Unter den Feinden und heimlich beten müssen.
Dein Wille geschehe! rufen wir demutsvoll,
Glaubend, daß Leid und Freude von Dir kommen müssen,
Daß Du uns alles gibst, Großer, Allmächtiger Gott,
Und der tiefe Glaube wird unser Schicksal versüßen.
Herr, unser tägliches Brot karge uns nicht!
Gib Kraft zum Überleben, und für die Seele den Glauben,
Daß unsere Verbannung nicht ohne Ziel ist,
Daß wir vielleicht durch unsere alten Sünden leiden.
Vergib unsere Schulden, durch die Schwäche entstanden,
Wenn Zwiespalt, Schmerz, Verzweiflung unsere Seelen füllen.
Und wenn manche, oh Herr, unter dem Kreuz fallen.
Führe uns nicht in Versuchung, die die Seele verdürbe,
vor allen Bösen rette uns vielmehr
Und gib uns eine glückliche Heimkehr.
Und die Kraft, und die Herrlichkeit
Amen

Ravensbrück, Dezember 1941

„Ich schrieb niemals Gedichte. Im Lager hatte jedoch das innere Bedürfnis, das Gebet des Herrn an die aktuelle Situation anzupassen, bewirkt, daß ich beim Appell betend die einzelnen Bitten und Anrufungen der Hilfe Gottes umwandelte (die Reime schmiedeten sich wie von selbst). Ich wiederholte sie tagtäglich und kannte sie auswendig. An einem Sonntag […] wagte ich, mein tägliches Gebet laut zu sagen. Die Ergriffenheit, die sich in Tränen offenbarte, zeugte davon , daß das Gebet tief erlebt wurde. Man begann es zu lernen , abzuschreiben, und in diesem Häftlingskreis hatte das »Lagergebet«, wie wir es nannten , uns und Gott nähergebracht.“

Aus: Constanze Jaiser, POETISCHE ZEUGNISSE. Gedichte aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler, 2000 (Ergebnisse der Frauenforschung Band 55) S. 151f

men and men

Eugen Gomringer

Aus: eugen gomringer: konstellationen ideogramme stundenbuch. Stuttgart: Reclam, 1983, S. 25

Wetterzeichen

Johannes Bobrowski

(* 9. April 1917 in Tilsit; † 2. September 1965 in Berlin)

WENN VERLASSEN SIND

Wenn verlassen sind
die Räume, in denen Antworten erfolgen, wenn
die Wände stürzen und Hohlwege, aus den Bäumen
fliegen die Schatten, wenn aufgegeben ist
unter den Füßen das Gras,
weiße Sohlen betreten den Wind —

der Dornbusch flammt,
ich hör seine Stimme,
wo keine Frage war, ein Gewässer
geht, doch mich dürstet nicht.

Aus dem Band „Wetterzeichen“. Zitiert nach Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Erster Band. Die Gedichte. Berlin: Union, 1987, S. 179

Das Gedicht entstand am 15. April 1963

Wiegenlied

Anna Krommer

WIEGENLIED

Du wirst die alte Sprache nicht mehr kennen,
Die alten Namen wirst du nicht mehr nennen,
Du wirst nichts andres kennen mehr auf Erden,
Die Bäume werden mit dir höher werden,
Und Gärten werden sich um neue Häuser legen,
Und neue Felder wachsen zwischen Wegen.

Der Wind, der mir noch rauhe scheint,
Dir wird er sein ein guter Freund,

Doch soll dir unverständlich sein
Der Schweiß der Arbeit aus und ein.
Mit harten Händen bau ich dir dein Leben,
Du sollst es weich aus meinen Händen heben,
Mein Kind.

Aus: Anna Krommer: Galiläa (Lieder einer Siedlung). Wien: Europäischer Verlag, 1955, S. 20

„Anna Krommer (geboren 31. März 1924 in Dolný Kubín, Tschechoslowakei) ist eine deutschsprachige Schriftstellerin mit US-amerikanischer Staatsangehörigkeit. (…)

Sie wuchs in Berlin auf, wo der Vater bei der SPD-Zeitung Vorwärts tätig war.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 floh die Familie in die ČSR, wo sie das Deutsche Mädchenlyzeum Prag bis März 1939 besuchte, als die Tschechoslowakei besetzt wurde und ihr Vater nach Jugoslawien fliehen musste. Im Juni 1939 flohen auch ihre Mutter, ihre Schwester und sie nach Großbritannien, alle Verwandten der Mutter wurden als Juden von den Deutschen in Konzentrationslagern ermordet. Krommer besuchte von 1941 bis 1944 die Kunstgewerbeschule des Guildford Technical College, Surrey, wo auch der geflohene Lyriker Theodor Kramer als Bibliothekar untergekommen war, der ihre dichterische Entwicklung beeinflusste und ihren Weg verfolgte. Sie schloss 1945 das Studium des Zeichnens und der Kunstgeschichte an der Chelsea School of Art ab.

1946/47 arbeitete sie als Briefzensorin für die US-amerikanische Militärbehörde in Offenbach am Main und hielt sich 1948 während des Palästinakriegs in Israel auf. Als Deutschsprechende konnte sie nicht mehr in die ČSR zurückkehren, auch ihre Mutter, die nach dem Krieg als Sozialarbeiterin nach Theresienstadt ging, wurde von dort wieder vertrieben. Von Großbritannien wanderte sie mit dem Vater 1951 in die USA aus, ging aber von Boston für ein Jahr wieder nach Israel in einen Kibbuz, wo sie ihren ersten Gedichtband schrieb. Ab 1953 lebte sie in New York, ab 1962 in Washington, 1957 wurde sie US-Bürgerin.“ (Wikipedia)

Meine Dichtungen, deklamiert

Else Lasker-Schüler

An mich

Meine Dichtungen, deklamiert, verstimmen die Klaviatür meines Herzens. Wenn es noch Kinder wären, die auf meinen Reimen tastend meinetwegen klimperten. (Bitte nicht weitersagen!) Ich sitze noch heute sitzengeblieben auf der untersten Bank der Schulklasse, wie einst … Doch mit spätem versunkenem Herzen: 1000 und 2-jährig, dem Märchen über den Kopf gewachsen.

Ich schweife umher! Mein Kopf fliegt fort wie ein Vogel, liebe Mutter. Meine Freiheit soll mir niemand rauben, – sterb ich am Wegrand wo, liebe Mutter, kommst du und trägst mich hinauf zum blauen Himmel. Ich weiß, dich rührte mein einsames Schweben und das spielende Ticktack meines und meines teuren Kindes Herzen.

Vom Schweizer unterscheidet der Schweizer sich

Urs Allemann

Gedicht vom Schweizer

Vom Schweizer unterscheidet der Schweizer sich dadurch
daß er ein Schweizer ist nicht fünf Schweizer nicht vier
nicht drei Schweizer nicht zwei Schweizer nicht keiner
sondern ein Schweizer einer nichts als eins ein Schweizer

Aus: Was sind das für Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre. Hsg. Hans Bender. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1990, S. 190