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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

„Dort unten liegt, ein graues Steingetürm, Paris“

Oskar Loerke

(* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz, heute Wiąg, Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin)

ABEND AUF DER TERRASSE VON SAINT CLOUD

Bang ists, — als stände wer gebeugt auf unsre Erde;---
Verhüllt sein Leib von Städten, Strömen, Moor und Lehm,
Sein Haupt von stürmevollem Wolkendiadem,
Und nur die Arme, wie mit brünstiger Gebärde
Am Horizont entlanggebreitet, sieht man fahl
Durch goldnen Rauch. Und aus den Höhen in das Tal
Geht seine Stimme. Um die Lippen spielt der Qualm!
Der leuchtet feurig, bricht durch ihn des Riesen Psalm.
Von ängstend großer Liebe bebend ruft er dies
Auf eine Stadt:   
                   Ma Sœur! - ma Sœur! — ma Sœur!
Dort unten liegt, ein graues Steingetürm, Paris,
In Dunst bis zu den Nebelburgen Sacré Cœur.

Und Jemand wartet, - atmet mit profundem Zuge.---
Da fliegt dicht neben mir ein Abendvogel aus,
Deckt zu das Pantheon und Unsrer Dame Haus,
Ob er gleich klein ist. Denn er wächst an seinem Fluge
Und Wurfe aus des Westens in des Nordens Schein.
Schon scheint er mehr als unter ihm die Stadt zu sein.
Weil die geheimnisvolle Brunst aus Wolkenqualm
Sich an ihn drängt und jenes dunklen Riesen Psalm,
Vor Liebe graunvoll, ihm nur jauchzt. Ich höre dies
Wie innern Sturm:      
                    Ma Sœur! - ma Sœur! — ma Sœur!
Jemand verwarf für einen Vogelflug Paris.
Nacht schluckt den weißen Marterberg um Sacré Cœur.

Aus Wanderschaft (1911), in: Oskar Loerke: Die Gedichte. suhrkamp taschenbuch 1049, 1984, S. 33

Sibylla Schwarz zum 399.

Heute vor 399 Jahren (am 14. Februar alten, 24. Februar neuen, gregorianischen Kalenders) wurde Sibylla Schwarz in Greifswald geboren. Zum Anlass eins ihrer 23 Sonette. Es handelt,. wie könnte es anders sein, von Liebe, dem „obligatorischen Drehzapfen aller Poesie“ (Friedrich Engels).

MEin Alles ist dahin / mein Trost in Lust und Leiden /
mein ander Jch ist fort / mein Leben / meine Zier /
mein liebstes auff der Welt ist wegk / ist schon vohn hier.
(die Lieb’ ist bitter zwahr / viel bittrer ist das Scheiden)
  Jch kan nicht vohn dir seyn / ich kan dich gantz nicht meiden /
O liebste Dorile ! Jch bin nicht mehr bey mir /
Jch bin nicht der ich bin / nuhn ich nicht bin bey dir.
Jhr Stunden lauft doch fort / wolt ihr mich auch noch neiden ? *
  Ey Phœbus halte doch die schnelle Hengste nicht !
fort / fort / ihr Tage fort / komb bald du Monden Licht !
  Ein Tag ist mir ein Jahr / in dem ich nicht kan sehen
mein ander Sonnenlicht ! fort / fort / du faule Zeit /
spann doch die Segel auff / und bring mein Lieb noch heut /
und wan sie hier dan ist / so magstu langsam gehen.

*) Vgl. Martin Opitz‘ Elegie. Von abwesen seiner Liebsten: „Ihr Stunden laufft doch fort/ (…) / Mein Hertze seufftzt nach jhr/ vnd brennet mit verlangen/ Vnd macht mir einen Tag ein gantzes langes Jahr. / (…) Ich bin nicht bey mir selbst/ wann ich nicht bin bey jhr.“ Opitz 1624, 27f

Nacht vier

Es scheint, Pfemfert liebt Nachtgedichte. Direkt unter Heym noch eins von Jakob van Hoddis:

Der Träumende

Blaugrüne Nacht, die stummen Farben glimmen.
Ist er bedroht vom roten Strahl der Speere
Und rohen Panzern? Ziehn hier Satans Heere?
Die gelben Flecke, die im Schatten schwimmen,
Sind Augen wesenloser großer Pferde.
Sein Leib ist nackt und bleich und ohne Wehre.
Ein fades Rosa eitert aus der Erde.

In: Die Aktion Jahrgang 1, Nr. 1 (20. Februar 1911) Sp. 19

Und die dritte

Georg Heym

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

Die Schläfer

Es schattet dunkler noch des Wassers Schoß.
Tief unten brennt ein Licht, ein rotes Mal
Am schwarzen Haupt der Nacht, wo bodenlos
Die Tiefe sinkt. Doch auf dem dunklen Tal

Mit grünem Fittich auf der dunklen Flut
Flattert der Schlaf, den Schnabel dunkelrot,
Drin eine Lilie welkt, der Nacht Salut.
Den Kopf von einem Greise, gelb und tot.

Er schüttelt seine Federn wie ein Pfau.
Die Träume wandern wie ein lila Hauch
Von seinen Schwingen, wie ein blasser Tau.
Er taucht hinab in ihrer Wolke Rauch.

Die großen Bäume wandern durch die Nacht
Mit langem Schatten, der hinüber läuft
Ins weiße Herz der Schläfer, die bewacht
Am Ufer kalt der Mond, der Gifte träuft

Wie ein erfahrener Arzt tief in ihr Blut.
Sie liegen, fremd einander, stumm, im Haß
Der dunklen Träume, in verborgner Wut.
Und ihre Stirn wird von den Giften blaß:

Der Baum von Schatten klammert um ihr Herz
Und senkt die Wurzeln ein. Er steigt empor
Und saugt sie aus. Sie stöhnen auf vor Schmerz.
Er ragt herauf, am Turm der Nacht, am Tor

Der blinden Stille. In die Zweige fliegt
Der Schlaf. Und seine kalte Schwinge streift
Die schwere Nacht, die auf den Schläfern liegt
Und ihren Mund mit Qualen weiß bereift.

Er singt: Ein Ton von krankem Violett
Stößt in den Raum. Der Tod geht. Manches Haar
Streicht er zurück. Ein Kreuz, Asche und Fett,
So malt er seine Frucht im späten Jahr.

Aus: Die Aktion 1, 1911, Sp. 18f

Diese Fassung weist viele meist kleinere Abweichungen in Zeichensetzung und Wortlaut aus. Hier einige Abweichungen:

Str. 1 V. 3: statt Haupt: Leib der Nacht
Str. 3 V. 4: In ihre Wolke taucht er, in den Rauch.
Str. 4 V. 4: Der kalte Mond, der seine Gifte träuft
Letzte Str. V. 2: statt in: an den Raum; V. 4: welken statt späten
Außerdem bekommt das Gedicht die Widmung: Jakob van Hoddis gewidmet.

Noch eine Nacht

Obwohl Die Aktion dezidiert politisch orientiert ist, enthält sie von Anfang an viele Gedichte. In der ersten Nummer von Hadwiger, Blaß, Baudelaire, Heym und van Hoddis. L&Poe veröffentlicht sie in den nächsten Tagen. Das heutige Gedicht spiegelt den kolonialen Blick der Zeit.

Ernst Blass

(* 17. Oktober 1890 in Berlin; † 23. Januar 1939 in Berlin

Jongleure setzen ihre Köpfe ab
Und schmeißen sie hell pfeifend in die Luft.
Die Knochen meckern, wenn mit lautem Klapp
Ein Kopf ins Universum sich verpufft.

… Jetzt Neger, die auf Dromedaren reiten.
Und nun tanzst du in deinem engen Rocke,
Der fixe Klöppel einer mächt’gen Glocke,
Die laut zerlärmt die Zulukaffrigkeiten.

Du tanzst vorbei an zitternden Profilen
Verwirrter Antlitze, die dich beschielen.
Du tanzest aus – und gehst allein nach Haus.

Und während weiß sich dehnen deine Lippen,
Wird rot und zottig deinen Leib umwippen
Die Nacht, wie eine Riesenfledermaus.

Aus: Die Aktion, 1. Jahrgang, 1. Heft, 1911, Sp. 9/10

Aktion

Am 20. Februar 1911 erschien die erste Nummer der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift „Die Aktion“. Programmatisch erklärt sie: „“Die Aktion“ tritt, ohne sich auf den Boden einer bestimmten politischen Partei zu stellen, für die Idee der Großen Deutschen Linken ein. (…) „Die Aktion“ hat den Ehrgeiz, ein Organ des ehrlichen Radikalismus zu sein.“
Das erste Gedicht der Ausgabe ist ein satirisches Gedicht von Alfred Kerr in einem politischen Artikel. Das erste selbständige Gedicht stammt von Victor Hadwiger:

Abend

Der Abend neigt sich wie ein müder Fechter,
Ein Gladiator königlicher Lüste,
Der Abend ist ein sterbender Gerechter
Und seine Seele, seine mattgeküßte,
Will schlafen gehn. –
Jetzt hebt er seine müden Augen wieder,
Er will noch einmal in die Fernen sehen,
Und von den Lippen bluten ihm die Lieder.

Unterschrieben: Berlin Victor Hadwiger.

Fräser

Paul Zech

(* 19. Februar 1881 in Briesen, Westpreußen; † 7. September 1946 in Buenos Aires)

Fräser

Gebietend blecken weiße Hartstahl-Zähne
aus dem Gewirr der Räder. Mühlen gehen profund,
sie schütten auf den Ziegelgrund
die Wolkenbrüche krauser Kupferspäne.

Die Gletscherkühle riesenhafter Birnen
beglänzt Fleischnackte, die von Öl umtropft
die Kämme rühren; während automatenhaft gestopft
die Scheren die Gestänge dünn zerzwirnen.

Ein Fäusteballen hin und wieder und ein Fluch,
Werkmeisterpfiffe, widerlicher Brandgeruch
An Muskeln jäh emporgeleckt: zu töten!

Und es geschieht, dass sich die bärtigen Gesichter röten,
daß Augen wie geschliffene Gläser stehn
und scharf, gespannt nach innen sehn.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 21

Welche reicht an meine Freuden?

Bruno Quandt

(25. April 1887 Düsseldorf – 18. Februar 1918 München-Gladbach – heute Mönchengladbach)

Blöde Twostepmelodien
Lassen deine Schenkel zucken,
Daß sie mit schmerzhaftem Nucken
Aller Augen nach sich ziehen.

Angegeilte Ladenlümmel
Streben plump, dich zu verführen.
Aber hier in meinem Himmel
Muß dein Leib als Klang vibrieren.

Deine Gunst darfst du vergeuden,
Deinen Schoß im Kreis verschenken.
Welche reicht an meine Freuden?:
Dir die Seele zu verrenken.

Aus: Versensporn 26: Bruno Quandt. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 10

O, ihr Schwestern von den Gassen

Emmy Hennings (Ball-Hennings)

(* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)

IM KRANKENHAUSE

Alle Herbste gehn an mir vorüber.
Krank lieg ich im weißen Zimmer,
Tanzen möchte ich wohl lieber.
An die Geigen denk ich immer.
Und es flimmern tausend Lichter.
O, wie bin ich heute schön!
Bunt geschminkte Angesichter
Schnell im Tanz vorüberwehn.
O, die vielen welken Rosen,
Die ich nachts nach Haus getragen,
Die zerdrückt vom vielen Kosen
Morgens auf dem Tische lagen.
An die Mädchen denk ich wieder,
Die wie ich die Liebe machen.
Wenn wir sangen Heimatlieder,
Unter Weinen, unter Lachen.
Und jetzt lieg ich ganz verlassen
In dem stillen weißen Raum.
O, ihr Schwestern von den Gassen,
Kommt zu mir des Nachts im Traum!

Aus: Emmy Hennings, Die letzte Freude. Leipzig: Kurt Wolff, 1913, 12
 

Entstehung eines Gedichts

Ansätze zum Gedicht „Hälfte des Lebens“ nach Sattler

1 (Dezember 1803)

(...)
Gebirg hänget       See,
  Warme  Tiefe     es kühle(t)n aber die Lüfte

  []
Inseln und Halbinseln,
  (Felse) Grotten
 (Berge) zu beten.




[ wo der entzükende Tag]
 [Uns anschien, der mit Geständniß und mit]
Ein glänzender Schild         [der Hände Druk]
                                  [anhub –]
Und schnell wie Rosen,

(...)

Sattler kommentiert: „Entnahme des an den Sommer und Herbst 1796 in Kassel erinnernden, nicht in den Gesang Tinian übernommenen Lac-Motivs des Titanen-Konzepts“.

2 (im – bis Ende Dezember 1803)

Jezt aber blüht es
Am armen Ort.
Und wunderbar groß will
Es stehen.
Gebirg hänget         See,

Warme Tiefe  es kühlen aber die Lüfte
Inseln und Halbinseln,
Grotten zu beten,

Ein glänzendes Schild
Und schnell, wie Rosen,
(...)

3 (Ende Dezember)

Die Schwäne.

und trunken von
Küssen taucht ihr
das Haupt ins hei-
lignüchterne kühle
Gewässer.

4

(Auf dem gleichen Blatt links daneben)

Die Rose




holde Schwester!


Weh mir!

5 Unmittelbar darunter:

Wo nehm ich, wenn es Winter, ist
Die Blumen, daß ich Kränze den Himmlischen
  winde?
Dann wird es seyn, als wüßt ich nimmer von Göttlichen,
  Denn von mir sey gewichen des Lebens Geist,;
      Wenn ich den Himmlischen die Liebeszeichen
             Die Blumen im (nakten) kahlen Felde suche
                 u. dich nicht finde.
Das Blatt mit den Stufen 3-5
Druck im Taschenbuch für das Jahr 1805.  Der Liebe und Freundschaft gewidmet (Wilmans, 1805)

Quellen:

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Hrsg. D.E. Sattler, Frankfurt/Main, Basel: Stroemfeld / Roter Stern

Band 7-8: gesänge (2000)
Band 20: Korrespondenz und Werke, chronologisch-integrale Edition (2008)

Spruch

Johann Wolfgang Goethe

 
Gesteht’s! Die Dichter des Orients
Sind größer als wir des Occidents.
Worin wir sie aber völlig erreichen,
Das ist im Haß auf unsres Gleichen.

Aus: West-oestlicher DIVAN von Goethe. Stuttgard: Cotta, 1819, S. 102 (Hikmet-Nameh. Buch der Sprüche)

Lebt man denn wenn andre leben?

Johann Wolfgang Goethe

  Keinen Reimer wird man finden
Der sich nicht den besten hielte,
Keinen Fiedler der nicht lieber
Eigne Melodieen spielte.

  Und ich konnte sie nicht tadeln;
Wenn wir andern Ehre geben
Müssen wir uns selbst entadeln.
Lebt man denn wenn andre leben?

  Und so fand ich's denn auch juste
In gewissen Antichambern,
Wo man nicht zu sondern wußte
Mäusedreck von Koriandern.

  Das Gewesne wollte hassen
Solche rüstige neue Besen,
Diese dann nicht gelten lassen
Was sonst Besen war gewesen.

  Und wo sich die Völker trennen,
Gegenseitig im Verachten,
Keins von beyden wird bekennen
Dass sie nach demselben trachten.

  Und das grobe Selbstempfinden
Haben Leute hart gescholten,
Die am wenigsten verwinden,
Wenn die andern was gegolten.

Aus: West-oestlicher DIVAN von Goethe. Stuttgard: Cotta, 1819, S. 83f (Rendsch Nameh. Buch des Unmuths)

Seit Wochen liegen sie im Schützengraben

Emil Honigberger

(* 16. März 1881 Kronstadt (Brașov), 13. Februar 1953 ebd.)

Der Brunnen

Seit Wochen liegen sie im Schützengraben,
Hier Russen, drüben ungarische Schützen;
Unheil und Leid, wie märchendunkle Raben,
Mit bösen Augen ringsum beutelauernd sitzen.

Kalt ist die Nacht und qualmumrauscht die Tage,
Vor Durst gepeinigt schmachtet Feind und Freund,
Seit Tagen ohne Wasser! zehrt die Plage,
Von Heimatssinnen mild und traut umträumt.

Schussweit ein alter Galgenbrunnen schwingt
Mit langem Arm den vollen Eimer leise,
Und immerfort er stumm Erquickung winkt …
Da horch, welch melancholisch wirre Weise

Erklingt vom Schützengraben drüben wieder
Und schwingt sich ernst und sehnsuchtsschwanger weit!
Es sind schwermütige Kuruzenlieder,
Mit Sehnen füllen sie die Einsamkeit.

Sie klagen vom einsamen Heidebronnen,
Der weit im Ungarland träumend rinnt,
Von seinen hellen, klaren Flutenwonnen,
Die schön wie traute Melodien sind.

Es ist ein altes, liebes Heimatslied,
Das man am Abend vor dem Tore singt;
Das über Berg und Tal zur Heimat zieht,
Und Sehnsucht weckend tief zur Seele dringt. —

Der Sang verstummt. Da horch, ist es ein Echo leis,
Das aus dem Schützengraben drüben quillt?
So wild, so süß, so melancholisch heiß
Zu wundersamem fremden Klingen schwillt?

Die Russen singen von dem Quell der Heide,
Der in der Uralsteppe träumend rinnt,
Wo braune Hirten singend hüten ihre Weide
Und Tag und Abend wunderbar in Duft zerrinnt.

Sie hören’s in den Gräben drüben, hören’s da,
Kein Wort verstehen sie von dem fremden Sang;
Doch plötzlich fühlen sie sich heimatsnah,
Der Töne Macht tiefeinend in die Herzen drang.

Da sieh! es hebt ein Kopf sich scheu hervor,
Ganz langsam kommt ein Russe sacht heran,
Und viele andern folgen ihm empor,
Sie schreiten zu dem Brunnen, wie in Traumes Bann.

Und sieh, es kracht kein Schuss von fern und nah,
Sie laben gierig ihren Durst am Quell.
Bald sind auch Ungarns braune Streiter da,
Und Freund und Feind, sie lächeln freundlich hell! …

So geht es manchen lieben langen Abend:
Stumm schreiten alle sacht dem Brunnen zu,
Erquicken sich am Wasser kühl und labend,
Lächeln sich an und gehen froh zur Ruh.

Doch „Sturm!“ heißt es an einem bangen Tag.
Wild poltern tausend Schlünde los,
Vernichtend alles, grausam, Schlag auf Schlag;
Wild prallen Bajonette Stoß auf Stoß.

Und als der Abend hoheitsvoll gekommen,
Liegt Freund und Feind rings um den Brunnen tot.
Gesang und Herz und Sehnsucht all verglommen,
Nur goldne Glut glüht hoch im Abendrot.

Oh Brunnenlied, du trautes Heimatssehnen!
Verstummt, verklungen deiner Tone Macht,
Und melancholisch plätschert nur der Bronnen
Und hoch hinein blickt sternenklar die Nacht.

Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015, S. 51f

Der Dichter

Ernst Maria Flinker

(* 1899 Czernowitz, † 9.7.1970 Bukarest)

Der Dichter

Aus den Laternen sprühn ihm tausend Gluten
In Herz und Hirn – o fliehet nie zurück!
Schon spürt er heißer in sich Flamme bluten
Und rinnen reiner durch sich Schöpferglück.
Aus hohen Wolken kommen ihm Visionen
Im Schwarz der Nacht, und eine Stimme spricht
Aus fernen Himmeln, wo die Götter wohnen:
Verlass die Kämpfe deiner Nächte nicht!
Denk an die Stunden, müde von Begehren,
Zerwühltes Bett, wo Faust geballt erbebt,
An Spukgestalten, die den Schlaf beschweren
Und großes Sehnen, das verschlossen lebt.
An Parke denk, an dämmernde Alleen,
Du gingst allein, ein stilles Traumeskind,
Hier gibt es Bänke, die verlassen stehen,
Wie für den Einsamen geschaffen sind,
Doch bald treibt es ihn fort in große Fernen,
In wirrem Flug durcheilt er weiten Raum,
Sein kühner Blick erhebt sich zu den Sternen,
Wenn in der Sonne schleppt noch Mantels Saum.
Im Nachtcafe sind Dirnen, die sich drehen
Nach Klängen einer lüsternen Musik,
Sein Auge – suchend – wird auch diese sehen,
Mitfühlen bäumt vor Unrat nicht zurück.
Er lernt die höchsten und die tiefsten Dinge,
Jauchzt in die Sonne, schenkt sich ganz der Nacht,
Dass er sie groß in seinem Werk besinge
Voll Schönheit, wie sie keiner je gedacht.
So wandelt er, Erwählte sind ihm Brüder,
Doch unbekümmert um den großen Tross.
Aus heißem Herzen rinnen seine Lieder
Und heil’ge Welt entbiert sich seinem Schoß.

Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015,, 1988, S. 55

Warum

Georg Kulka

(* 5. Juni 1897 Weidling/ Niederösterreich; † 29. April 1929 Wien)

Aus: Die Anarchie

Warum

Warum gabst du uns die tiefen Blicke? Die unversorgte Erde, dich und mich in die dritte Person setzend, Verwachsene anzustaunen, doch der Klang verrauchte. Gang verging. Milch rinnt zärtlich durch Gardinen. Pochend verlobt der Abend verlorene Intervalle: überfüllte Arbeit gibt nach. O nennenswertes Zwischenspiel! Hat Verstand, wie ein kristallener Vogel mein lebelang die gute Kunde umschwimmend, Bestand im Dienste der Beweisschrift? Weinerlicher Lärm erschrickt / Simsbehang der roten Halle / ohne Frage, was gestern hier gebebt habe. Ahnenlose, Landflüchtige: Weltenerbgesessene lauschen Unerhörtem. Bis der Vorhang zugeht. Der war ein blasser neuer Mond; sein Hof ist die Kindheit.

Aus: Die Dichtung. Hrsg. von Wolf Przygode. Erste Folge/Viertes Buch Roland-Verlag München 1919, S. 55