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Namaste

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Archiv: viele tausend Nachrichten aus 20 Jahren. 2. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht. 3. Journal #1 (Morgensternfest)

Die Nächte explodieren in den Städten

Tod einer Generation. Am 25. September 1914 „fiel“ Alfred Lichtenstein, am 26. September Ernst Wilhelm Lotz.

(* 6. Februar 1890 Culm an der Weichsel, Westpreußen; † 26. September 1914 bei Bouconville, Frankreich)

Die Nächte explodieren in den Städten, 
Wir sind zerfetzt vom wilden, heißen Licht, 
Und unsre Nerven flattern, irre Fäden, 
Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht.

In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen 
Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut.
Wir flammten schon. Und suchten leise zu verglimmen, 
Weil wir noch furchtsam sind von eigner Glut.

Wir schweben müßig durch die Tageszeiten, 
An hellen Ecken sprechen wir die Mädchen an. 
Wir fühlen noch zuviel die greisen Köstlichkeiten 
Der Liebe, die man leicht bezahlen kann.

Wir haben uns dem Tode übergeben 
Und treiben, arglos spielend vor dem Wind. 
Wir sind sehr sicher, dorthin zu entschweben, 
Wo man uns braucht, wenn wir geworden sind.

Aus: Ernst Wilhelm Lotz, Wolkenüberflaggt. Sechsunddreißigster Band der Bücherei Der jüngste Tag. Leipzig: Kurt Wolff, 1917

Man hat mich glücklich eingesperrt

Alfred Lichtenstein

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich) 

Man hat mich glücklich eingesperrt,
Dran ist mir nichts gelegen,
Und für total verrückt erklärt
Des Dichtens nämlich wegen.

Denn erstens dicht' ich unerlaubt,
Grob und unmanierlich.
Und zweitens dicht' ich überhaupt
Und drittens zu natürlich.

Und viertens dicht' ich viel zu viel
Und viel zu atheistisch.
Und fünftens sei mein ganzer Stil
Sozusagen mystisch.

Und sechstens sei die Poesie
Von mir durchaus entbehrlich.
Und endlich sei ich ein Genie
Und auch noch sonst gefährlich.

Und achtens sei ich nicht von hier
Und fürchterlich versoffen.
Und deshalb, neuntens, stände mir
Die Gummizelle offen.

Das Urteil ließ mich völlig kalt.
Was sollt' mir denn passieren?
Ganz nett ist dort der Aufenthalt.
Man kann sich konzentrieren.

Die Gummizelle hat Kultur,
Das läßt sich nicht verhehlen.
Was mich betrifft – ich kann sie nur
Zum Dichten sehr empfehlen.

Rein kommt man doch, 's fragt sich nur wann.
Doch eins ist zu beklagen:
Der alte Zellenwärter kann
Das Reimen nicht vertragen.

Denn fange ich zu reimen an,
Dann wird er ungemütlich
Und ruft empört, der alte Mann:
»Nun sein Sie doch bloß friedlich!«

Drum schreib ich Ungereimtes meist
In der Gummizelle
Und was ich sonst mir etwas dreist
Von der Seele pelle.

Auch diese Verse tat ich da
Mir aus der Seele lutschen.
Wem's nicht behagt, der kann mir ja
Den Buckel runterrutschen.

Aus: Alfred Lichtenstein: Gesammelte Gedichte. Zürich: Arche, 1962, S. 13f

Ob Li Po ein Säufer war

Yi Chŏng-Bo

(um 1721 – 1741)

Ich ließ dem Knaben mein Gewand, 
der Wirt empfange es als Pfand! 
Schick einen Blick zum Himmel hin, 
den Mond zu fragen, ob Li Po, 
der Hochberühmte, jemals so 
ein Säufer war, wie ich es bin.
Kranich am Meer. Koreanische Gedichte. Hrsg. Peter H. Lee. München: Heyne 1987 (Heyne Lyrik Nr. 29/57, S. 77

Anm.: Li Po (Li Bai), bedeutender chinesischer Dichter der Tang-Zeit. Beides, Mond und Trunkenheit, kommt in seinen Gedichten oft vor, einzeln oder zusammen. In einem trinkt der einsame Dichter mit dem Mond und seinem eigenen Schatten.

mehr Li Bai hier https://lyrikzeitung.com/tag/li-bai/

Was vermögen die Frauen

Jaroslav Seifert

(* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda)

Ihr fragt, was vermögen die Frauen?

Ihr fragt, was vermögen die Frauen?
Offenbar alles.

Legt jemand drei Strohhalme
über den Abgrund,
gehen sie leichten Fußes darüber.
Ich kann nicht erklären, wieso,
aber bedenkt,
ihre Füße erfanden den Tanz!

In freien Momenten
häkeln sie für den schwarzen Wald
die grünen Blätter des Farns.
Doch wenn sie nachts in den Wald geraten,
löschen sie mutig der Irrlichter Flämmchen,
damit sich der Wanderer auch in den Sümpfen
nicht ängstigen muß.

Sie rieten auch den verschämten Blumen,
mit traulichem Duft  
ihre Kelche zu füllen.
Aber wie Schwerter benutzen sie selbst
                                   die Düfte,
die noch gefährlicher sind,
als der Tropen gift’ge Skorpione.

Doch was man am meisten bewundern muß:
Sie schufen die weiblichen Brüste,
die herrlich sind
wie die Schlösser der Loire.
Vielleicht sogar herrlicher noch.
Und gleichzeitig können sie ihrem Kind
ein süßes Wiegenlied singen.
Und das wird geboren
                                genau neun Monde
nach ihrem Lied.

Und wollen sie sich verlieben,
dann flechten sie Fesseln, woraus auch immer,
und sei’s aus Altweibersommer.
Und ziehn sie so fest,
daß es blutet.
Doch sie vermögen zugleich mit bloßen Händen
ein drohendes Leck in der Liebe zu stopfen,
die schon dem Untergang nahe ist.

Aber sie können noch viele andere Dinge.
Sie schläfern mit einer Liebkosung die Leidenschaft ein,
wie einen ungebärdigen schreienden Säugling,
die schlafende Leidenschaft wiederum küssen sie wach.
Im Grund ist das gar nicht so schwer!

Lediglich aus ihrem Atem
können sie Vorhänge weben,
sie raffen sie leicht und lassen sie fallen,
damit man von gegenüber nichts sehen kann,
denn sie legen gerade die Kleider ab,
um sich langsam
mit ihrer Nacktheit zu schmücken,
die mit keiner Abendrobe von Dior
vergleichbar ist,
und sei sie mit goldenem Flitter besetzt.

Und was vermögen die Männer?
So sehr viel nicht.

Sie haben den Krieg erfunden,
die Not, die Verzweiflung, den Schrei der Verwundeten.
Sie können Kanonen gießen,
Städte in Trümmer legen
und erbärmlichen Männermut
dabei beweisen.

Sie erfanden die Tankstellen
und die Emanzipation der Frauen.

Und zum Dank für die Küsse in Frauenarmen
konstruierten sie einen Spezialstuhl,
damit die Frau
noch im letzten Schwangerschaftsmonat
an der Maschine arbeiten kann.

So ist das.
Das ist alles. Lebt wohl, macht’s gut.

Ihr wolltet eine Arie von mir,
hier ist sie!

1967
Deutsch von Annemarie Bostroem

Aus: Jaroslav Seifert, Wermut der Worte. Gedichte. Hrsg. Karl-Heinz Jähn. Berlin: Volk und Welt, 1985, S. 95-97

Der sogenannte Herr Fröhlich

Herta Müller

Aus: Herta Müller: Der Beamte sagte. Erzählung. München: Hanser, 2021, S. 19

Kriegsgreuel

Die Dichterin Sibylla Schwarz hat viel über den Krieg geschrieben, Gedichte, Lieder und ein Trauerspiel. Heute Auszüge aus einem Gedicht, das vielleicht am drastischsten erlebte Kriegsgreuel beschreibt. Sie kannte es. Krieg, das ist Flucht und Vertreibung, Töten, Brandschatzen, Plündern, Vergewaltigen. Kein Heldentum, keine Schonung für Frauen, Kinder und Alte:

Es werden ohne schew die Alten abgethan /
Das Kindt muß an den Spieß / die Jungfrau bej den Man /

Dieses Gedicht handelt vom Tod eines Greifswalder Hochschullehrers (H.M.A.C. = Herr Magister Alexander Christian). Christliche Trauergedichte, auch von Sibylla Schwarz, argumentieren meist, Leben und Tod lägen in Gottes Hand und man muss sich dreinschicken. Das Argument dieses Gedichts lautet: Beim gegenwärtigen Weltzustand ist der Tote besser dran als die Lebenden.

Als H.M.A.C. so früzeitig mit Todt abgangen

(...)
Die Welt / und was in jhr / ist lauter Weh und Zehren / 
Jst nichts als Unbestandt / und blutiger Begin / 
Was noch erfrewlich wahr / nimbt itzt der Krieg dahin.
   Man höret weit und breit von nichts als nur von kriegen / 
Man sieht das Vaterlandt in seinem Blute liegen / 
Was nicht im Blut erstickt / das würget Feur und Brandt / 
Für eine schöne Stadt steht itzt ein ödes Landt.	
    Ein jeder leufft davon / muß Hauß undt Hoff verlassen / 
Kompt an den Bettelstab und geht auff frembder Gassen / 
Es werden ohne schew die Alten abgethan / 
Das Kindt muß an den Spieß / die Jungfrau bej den Man / 	
    Wer hat doch denn nun Lust in solcher Angst zu leben ?
(...)

Großmeister Kyunyŏ

Großmeister Kyunyŏ
(Koreanisch: 균여; Hanja: 均如), 20. September 917 – 19. Juli 973, koreanischer buddhistischer Mönch und Dichter)

Wasser und Eis sind vom gleichen Stoff: 
Erleuchtung und Täuschung sind eins. 
Nicht achtet unser Meister Du und Ich. 
In ihm sind alle, die wir leben, eins.

Wenn wir den Weg des Buddha verfolgen, 
erreicht ein jeder dieses Ziel:
des andern Tat 
ist eigne Tat.

Wer auf diesem Wege wandelt, 
weiß von keinem Neid.

Aus: Kranich am Meer. Koreanische Gedichte. Hrsg. Peter H. Lee. München: Heyne, 1987, S. 19

The truth of dependent origination tells me 
That illusion and enlightenment are one. 
From the buddhas to living beings, 
There cannot be one who is not myself.

What the Buddha practices is what I practice, 
What the Buddha attains is what I attain.
So how could I not rejoice 
In the good deeds of others?

Ah, when I practice so, 
How could the jealous mind be aroused?

Aus: The Columbia Anthology of Traditional Korean Poetry. Ed. Peter H. Lee. Columbia University Press, 2003, S. 25

Park Monceau

Kurt Tucholsky 

PARK MONCEAU


Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch — und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehen. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.


Aus: Paris im Gedicht. Hrsg. Mona Wodsak. Frankfurt/Main: Insel, 1990, S. 107

Weingartner Reisesegen

Ic dir nach sihe,
ic dir nach sendi
mit minen funf fingirin
funvi undi funfzic engili.
Got mit gisundi
heim dich gisendi,
offin si dir diz sigidor,
sami si dir diz selgidor,
bislozin si dir diz wagidor,
sami si dir diz wafindor.

Ich dir nach sehe,
ich dir nach sende
mit meinen fünf Fingern
fünf und fünfzig Engel:
Gott dich Gesunden
heim zu mir sende!
Offen sei dir das Siegtor,
offen auch das Segeltor!
Verschlossen sei dir das Wogentor,
verschlossen auch das Waffentor!

Übersetzt von Friedrich Ranke. Aus: Frühe geistliche Dichtung. 9.-12. Jahrhundert. Bergen II, Oberbayern: Müller & Kiepenheuer, 1950, S. 27

Alte Plätze sonnig schweigen

Georg Trakl

(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)

DIE SCHÖNE STADT

Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus dem Brunnen.
Blütenkrallen drohn aus Bäumen.
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen.
Durch der Garten Blätterrahmen
Schwirrt das Lachen schöner Damen.
Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
Durch die Blumen an den Fenstern.

Aus: Gedichte. Leipzig, 1913, S. 16

Hermann Finsterlin, „utopischer Architekt“ und Gesamtkünstler

Hermann Finsterlin

(* 18. August 1887 in München; † 16. September 1973 in Stuttgart)

Reinhard Doehl schreibt über ihn:

Der utopische Architekt und Gesamtkünstler hat … sich Zeit seines Lebens als Berchtesgadener Künstler gefühlt, sich immer wieder, als seine Familie 1926 längst nach Stuttgart umgezogen war, in die Schönau zurückgezogen, bis weit in die 30er Jahre an den Ausstellungen des Berchtesgadener Künstlerbundes teilgenommen und die Lokalpresse stets über seine Aktivitäten informiert.

  1. Genie und Dilletant / Sinn und Unsinn

Das ergibt, alles zusammengenommen, für Person und Werk Hermann Finsterlins eine beachtliche Menge von Widersprüchen, Rätseln und verkürzten Perspektiven, die sich nicht immer leicht auflösen und erklären lassen, deren Klärung und Auflösung aber für das Verständnis von Werk und Biographie unerläßlich scheinen.

Mit zwei Gedichten soll eine Annäherung versucht werden. Das erste ist „Musik der Kugeln“ überschrieben und sehr wahrscheinlich mit 1918 zu datieren. Es nimmt unter anderem Bezug auf den Sphärengesang, die Sphärenmusik, das für den Menschen unhörbare (bzw. nach Platon nur dem geistigen Ohr zugängliche) Tönen der sich mit und gegeneinander bewegenden Himmelskörper. Die Vorstellung einer Sphärenharmonie geht auf die altgriechische Philosophenschule der Pythagoreer zurück, nach der die Gestirnssphären (im geozentrischen System) in ihren Abständen und Rotationsgeschwindigkeiten zueinander harmonisch angeordnet sind, so daß die bei der Bewegung entstehende Sphärenmusik je einen der harmonischen Töne einer Oktave der diatonischen Skala ergeben. Ich komme am Schluß meines Vortrags noch einmal darauf zurück und zitiere hier zunächst das Gedicht.

O Ihr lichten Charaktere / Die so prächtig um mich stehn, / Ach Ihr überirdischen Chöre, / Daß ich lebe und Euch höre, / Ewig göttliches Versteh’n! / Meine Andacht ist unendlich / Wenn ich lausche Eurem Klang. / Doch der Meister wird Euch kenntlich / Und mein Wille Euch verständlich / Wenn die Gottheit in mich sprang.

Die Nähe dieses Gedichtes zur Lyrik eines Alfred Mombert und anderer Kosmiker ist evident. Bemerkenswert ist jedoch, daß derselbe Hermann Finsterlin, der sich hier als Meister bezeichnet, in den die Gottheit springen wird oder könnte, was man mit Genie übersetzen darf, an anderer Stelle für sich den Autodidaktismus reklamiert mit der Begründung, der wahre Künstler könne nur bei sich in die Schule gehen. Diese Verbindung von Meister und Autodidakt, von Genie und Dilettant muß beachtet werden, denn sie ordnet Hermann Finsterlin als Gesamtkünstler ein in eine Tradition, die sich seit Ende des 18. Jahrhunderts herschreibt: beginnend mit Künstlern wie Johann Heinrich Füssli, der ursprünglich Dichter war, wenn er heute auch nur noch als Maler bekannt ist, mit dem jungen Johann Wolfgang Goethe, der bis zu seiner „Italienischen Reise“ zwischen bildender Kunst und Dichtung schwankte, oder mit dem genialen Friedrich (Maler) Müller, der beides miteinander produktiv zu verbinden wußte.

Das zweite Gedicht stellt der anspruchsvollen „Musik der Kugeln“, stellt kosmischer Sinndeutung den Unsinn an die Seite:

Zwischen der Rolle und dem Mops / Verkehren elf Teslaströme,/ Hips hips – hops hops / ubu – / Ein Sigma stiehlt den Erdenklops, / Maskiert in als ein Gottesops – / Helene ach Helene / Was sagst denn Du dazu? / Ein frischer Frosch, gewickelt in / Ein Knuiai, Marke Fridolin, / Fühlt sich nicht ganz behäglich, / (Das ist auch gar nicht möglich) – / O spiele nicht mit Grieß – gewehr / Der Reis ist Dir zuträglicher, / Frag nur das Pipsevöglich. / Der Teigaff schwänzt inzwischen frech / Die Schule des Abemmilech, / Ubi moloch? Erbärmilich – / Mir wird vor Milch ganz wärmelich, / Den Popo hat die Bettelfrau / Vor Piper und Papaver blau – / Sunt aries taurus, gemini cancar leo virgo.

https://www.reinhard-doehl.de/poetscorner/finsterlin_essay.htm

Ausgebrannt, ausgeplündert

Emil Botta

(* 15. September 1911 in Adjud; † 24. Juli 1977 in Bukarest)

Milchbruder

Ausgebrannt sind wir vom Steuernzahlen, ausgeplündert,
Mond und Sterne schwanden uns ins Ungefähr;
im ganzen Weinberg blieb uns nicht ein Pfahl,
und nun gehört uns nichts mehr, gar nichts mehr,
der rote Heller nicht einmal!
Wir tragen, wir Walachen,
die Dornenkrone so wie Jesus, unser Herr;
die Heil’ge Jungfrau trägt bei uns nicht zarte Seidenschuhe
und wandelt nur im Traum auf Lilienteppichen daher.
Am Gürtel schüttelt mit Gebimmel
sein volles Säckchen Gold der Himmel,
und unsre Tränen klappern mit darin — hilf uns, o Herr!
Des Herrgotts Heilige Familie,
die Engel in seidnen, golddurchwirkten Klamotten,
die in Zobelpelzen und Kaschmirwolle verrotten,
die haben längst den Weg zu uns verloren.
Nur einer hat für uns noch Ohren
und wagt es, unter unser Dach zu treten:
Der böse Feind, der Teufel, hört uns beten.

Deutsch von Volker Ebersbach, aus: Lyrik aus Rumänien. Hrsg. Eva Behring. Leipzig: Reclam, 1980, S. 193f

Inferno I, 1-9

Dante Alighieri

(* Mai oder Juni 1265 in Florenz; † 14. September 1321 in Ravenna)

Deutsch von Karl Bartsch

In einem Walde, in den er von Schlaf umfangen bei Nacht sich verirrt, erblickt der Dichter bei Tagesanbruch einen Hügel, den er zu besteigen beginnt, als drei Thiere, ein Panther, ein Löwe und eine Wölfin ihm entgegentreten. Dem voll Furcht Zurückeilenden begegnet Virgil, den er um Schutz, namentlich gegen die Wölfin, anruft. Virgil theilt ihm mit, daß er einen andern Weg einschlagen müsse, da die Wölfin Jeden hemme und erst später durch einen Windhund ihr Ende finden werde; er bietet sich zum Führer durch Hölle und Fegefeuer an; durch das Paradies werde eine andere Seele ihn geleiten. So brechen sie auf.

Ich fand auf unsers Lebensweges Mitte*
In eines Waldes Dunkel mich verschlagen,**
Weil sich vom rechten Pfad verirrt die Schritte.

Ach, wie so schwer und hart ist es zu sagen,
Wie wild der Wald war, wie so rau und dicht;
Schon die Erinnrung weckt mir neues Zagen.***

Der Tod sogar ist wohl viel herber nicht,
Doch eh ihr hört, welch Heil ich dort gefunden,
Geb’ ich von Andrem was ich sah Bericht.

*) Die Mitte des Lebens ist nach Psalm 90, 10 (Die Tage unserer Jahre, – ihrer sind siebzig Jahre, und, wenn in Kraft, achtzig Jahre, und ihr Stolz ist Mühsal und Nichtigkeit, denn schnell eilt es vorüber, und wir fliegen dahin.) das 35. Jahr; dies erreichte der Dichter im J. 1300, in welches also die Vision fällt.
**) Der dunkle Wald bedeutet das an Irrthum reiche Leben; in besonderer Beziehung den wirren politischen Zustand Italiens zu Dantes Zeit.
***) Im Momente der Abfassung des Gedichtes war der Dichter den Irrthümern seiner Jugend enthoben; aber schon die Erinnerung an sie erfüllt ihn mit Verzagen.

Aus: Dante Allighieri’s Göttliche Komödie übersetzt und erläutert von Karl Bartsch – Text. Dominik Meli. 2020, Elsa Verlag (academia.edu)

Originaltext

Nel mezzo del cammin di nostra vita
mi ritrovai per una selva oscura,
ché la diritta via era smarrita.

Ahi quanto a dir qual era è cosa dura
esta selva selvaggia e aspra e forte
che nel pensier rinova la paura!

Tant’è amara che poco è più morte;
ma per trattar del ben ch’i‘ vi trovai,
dirò de l’altre cose ch’i‘ v‘ ho scorte.

Anfang der Übersetzung von Stefan George (Berlin: Bondi, 1912)

Rudolf Borchardt (1930)

IN MITTEN UNSERES LEBENS
an der fahrt / erfand ich mich in einem
finsteren hagen, / dass ich der rechten
Strassen irre ward: / Ach harter pein,
und wem er glich, zu sagen, / der hagen,
ein wild wald rauch und ungeheure,
der an gedanken mir erneut das zagen!
Tod ist viel saurer nicht denn seine säure!
doch kund zu thun; was heils ich dort empfieng,
sag ich, was mehr mich traf von abenteure:

Aus: Dante Deutsch von Rudolf Borchardt. München: Verlag der Bremer Presse. Berlin: Rowohlt, 1930, S. 12

Georg Peter Landmann (1997)

In der mitte unseres lebensweges fand ich mich (wieder) in einem finstern wald, denn den rechten weg hatte ich verloren. Ach was für ein hartes ding ist es zu sagen, wie er war, dieser wilde, rauhe, dichte wald – nur dran zu denken weckt die angst aufs neue. Er ist so bitter, nur wenig bittrer ist der tod. Doch um von dem heil zu handeln, das ich dort fand, will ich auch von allem andren reden, das mir dort begegnete.

Der psalmist sagt (89,10): Unser leben währt siebzig jahre. Man darf Dante immer beim wort nehmen. Er war also 35 jahre alt, als die grosse besinnung über ihn kam, und da er im jahre 1265 geboren war, stehn wir im jahr 1300, was ein jubiläumsjahr der kirche war Seelische Vorgänge lassen sich kaum anders als bildlich, allegorisch darstellen. Der wald, das ist das in Sünde verstrickte leben, das unser aller los ist; der hügel ist das gute leben, der planet ist die sonne als symbol alles göttlichen und guten.

Aus: Dante Alighieri, Die Divina Commedia. In deutsche Prosa übersetzt und erläutert von Georg Peter Landmann. Würzburg: Könighausen & Neumann, 1997, S. 5

Mary Jo Bang (2012)

Stopped mid-motion in the middle
Of what we call our life, I looked up and saw no sky –
Only a dense cage of leaf, tree, and twig. I was lost.

It’s difficult to describe a forest:
Savage, arduous, extreme in its extremity. I think
And the facts come back, then the fear comes back.

Death, I believe, can only be slightly more bitter.
I can’t address the good I found there
Until I describe in detail what else I saw.

1-2. in the middle / Of what we call our life: The poem is set in the year 1300. Dante, having been bom in 1265, would have been thirty-five years old—so, in the middle („nel mezzo”) of what was generally considered at the time to be a typical life span of seventy years. Commentators note that Dante doesn’t say in the middle of his life but in the middle of our life („nostra vita”). Charles Singleton, among others, points out that this gesture of inclusiveness immediately opens the poem up to being read allegorically (Inferno, 2:3-4).

Aus: Dante Alighieri, Inferno. Transl. by Mary Jo Bang. Ill. Henrik Drescher. Graywolf Press, 2012, S. 15

Vita Nova

Zum 700. Todestag Dantes morgen mehr – er starb in der Nacht vom 13. zum 14. September 1321. Heute ein Sonett aus dem 14. Kapitel seines Jugendwerks „Vita Nova“ in verschiedenen Fassungen. Interessant sind auch die verschiedenen Fassungen der rahmenden Prosapassagen, besonders des Kommentars unter dem Gedicht (die in manchen deutschen Ausgaben fehlen oder ziemlich anders lauten). Auch halten sich die deutschen Herausgeber nicht an Dantes Anordnung die Nicht-Unterteilung dieses Sonetts betreffend, weshalb sie sie vielleicht weglassen. Dabei hängt sie eng mit dem (Nicht-)Verstehen zusammen. Vergleiche den Originaltext oder die englische Fassung mit der deutschen von Wolf / Jacobsen.

Originaltext

E partitomi da lui, mi ritornai ne la camera de le lagrime; ne la quale, piangendo e vergognandomi, fra me stesso dicea: «Se questa donna sapesse la mia condizione, io non credo che così gabbasse la mia persona, anzi credo che molta pietade le ne verrebbe». E in questo pianto stando, propuosi di dire parole, ne le quali, parlando a lei, significasse la cagione del mio trasfiguramento, e dicesse che io so bene ch’ella non è saputa, e che se fosse saputa, io credo che pietà ne giugnerebbe altrui; e propuòsile di dire, desiderando che venissero per avventura ne la sua audienza. E allora dissi questo sonetto, lo quale comincia: Con l’altre donne.

Con l’altre donne mia vista gabbate,
e non pensate, donna, onde si mova
ch’io vi rassembri sì figura nova
quando riguardo la vostra beltate.
Se lo saveste, non porìa Pietate
tener più contra me l’usata prova,
ché Amor, quando sì presso a voi mi trova,
prende baldanza e tanta securtate,
che fère tra‘ miei spiriti paurosi,
e quale ancide, e qual pinge di fore,
sì che solo remane a veder vui:
ond’io mi cangio in figura d’altrui,
ma non sì ch’io non senta bene allore
li guai de li scacciati tormentosi.

Questo sonetto non divido in parti, però che la divisione non si fa se non per aprire la sentenzia de la cosa divisa; onde, con ciò sia cosa che per la sua ragionata cagione assai sia manifesto, non ha mestiere di divisione. Vero è che tra le parole dove si manifesta la cagione di questo sonetto, si scrivono dubbiose parole, cioè quando dico che Amore uccide tutti li miei spiriti, e li visivi rimangono in vita, salvo che fuori de li strumenti loro. E questo dubbio è impossibile a solvere a chi non fosse in simile grado fedele d’Amore; ed a coloro che vi sono, è manifesto ciò che solverebbe le dubitose parole: e però non è bene a me di dichiarare cotale dubitazione, acciò che lo mio parlare dichiarando sarebbe indarno, o vero di soperchio.

J. Wege (1878)

Mit dem Wunsche, daß es zufällig zu ihrer Kenntniß kommen möge, schrieb ich dieses Sonett:

Ich hör euch scherzen mit den andern Frauen
Ob meines Aussehns; ach, ihr wißt ja nicht,
Warum sich so verändert mein Gesicht,
Wenn meine Augen Eure Schönheit schauen.

Wenn Ihr es wüßtet, höben Eure Brauen
So stolz und so erbarmungslos sich nicht.
In Eurer Nähe, ach, so mächtig bricht
Die Lieb‘ hervor, mit soviel Selbstvertrauen,

Daß sie zerreißt mein angsterfülltes Herz
Und meine Sinne tödtet und vertreibt,
So daß ich nichts vermag als Euch nur sehen.

So mit verstörtem Antlitz muß ich stehen,
Indeß mir brennend das Gefühl noch bleibt
Für der entflieh’nden Lebensgeister Schmerz.

Aus: Dante: Das Neue Leben und die gesammelten lyrischen Gedichte. In den Versmaßen der Urschrift ins Deutsche übertragen von J. Wege. Leipzig: Reclam, 1878, S. 27

Siegfried von der Trenck (1924)

So ich: verstört. So – höhnisch du. O weh,
mit andern höhnisch. Über mich. O Hohn!
Weil ich zersplittre vor der Schönheit Thron,
weil mir dein Anblick sagt: zerbrich, vergeh?

Doch das verstehst du nicht. Du weißt es nicht,
du ahnst kaum, wie die Liebe mich durchwittert;
wie meine Seele vor den Schlägen zittert
– als Wunderschein verstrahlt sie dein Gesicht!

Mich überwogt der Liebe Allgewalt
vor deiner übersüßen Wohlgestalt.
Das Leben flieht. Es überrinnt mich kalt

und heiß. Ich bin verloren, bin vergangen.
Ich bin nur noch ein bebendes Verlangen,
bin nicht mehr ich, nur Zittern, Schrei und Bangen.

Aus: Dante Alighieri, Die Gedichte des Neuen Lebens. Freie Nachdichtung … von Siegfried von der Trenck. Habelschwerdt: Frankes Buchhandlung, 1924 S. 15

Albert Ritter / Karl Förster (1922)

Sodann schied ich von ihm und ging heim in das Kämmerlein der Tränen, wo ich weinend und beschämt also zu mir sprach: „Fürwahr, so der Fraue mein Zustand bekannt gewesen wäre, sie hätte nicht also mein Aussehen verspottet; vielmehr glaube ich, sie würde Mitleid mit mit haben.“ – Und während ich so weinte, beschloß ich, Worte zu sagen, in denen ich, an sie gewendet, die Ursache meiner Umwandlung berichtete und sagte, wie ich wohl wisse, daß solche Ursache nicht gekannt sei, und ich, wenn sie es wäre, glauben dürfe, daß mir das Mitleid anderer nicht fehlen werde. Und ich beschloß solches mit dem Wunsche, es möchten meine Worte ihr durch ein glückliches Ungefähr zu Ohren kommen. Darauf sprach ich folgendes Sonett:

Wenn Ihr mein Aussehn höhnt mit andren Frauen,
Bedenkt Ihr, Fraue, nicht, wie es geschehe,
Daß ich so ganz verwandelt vor Euch stehe,
Wenn meine Augen Eure Schönheit schauen?

O wüßtet Ihr’s, – ich dürft’ auf Mitleid bauen,
Durch das ich solcher Prüfung wohl entgehe;
Denn trifft mich Minne so in Eurer Nähe,
Erwacht ihr Kühnheit neu und solch Vertrauen,

Daß sie mir schlägt die Sinne, die verzagten,
Und tötet die und treibt von dannen jene,
Bis sie, Euch anzuschauen, bleibt allein.

Drum muß ich also ganz verwandelt sein,
Und doch nicht so, daß ich nicht das Gestöhne
Vernähme der gepeinigten Verjagten.

Aus: Die unbekannten Meister – Dantes Werke, Hrsg. von Albert Ritter, Berlin: Gustav Grosser Verlag, 1922 (Wikisource)

Max J. Wolf / B. Jacobsen (1877/1921)

… und dichtete folgendes Sonett:

Mein Antlitz mag euch Fraun zum Spotte dienen,
Doch solltet Ihr, o edle Frau, erwägen,
Warum ich so verwandelt und verlegen,
Als Eure Schönheit meinem Blick erschienen.

Ach wüßtet Ihr’s, so müßte Mitleid sühnen
Den alten Groll, und sich mir günstig regen,
Denn Amor wird so sicher und verwegen,
trifft er mich nah bei Euch, daß von dem Kühnen

Verwundet, alle meine Geister bangen:
Die tötet er, die eilt er zu verjagen,
Bis er Euch anzuschaun allein geblieben. –

So ist es mir Verwandeltem ergangen,
Doch trifft von jenen Armen, die vertrieben,
Mein Ohr auch jetzt noch wehevolles Klagen. –

Unter den Worten, die die Veranlassung zu diesem Sonett erzählen, findet sich manches Dunkle; z.B. wenn ich sage: daß Amor alle meine Geister töte, bis auf die des Gesichts, die er nur ihres Sitzes beraube. Diese Unklarheit ist aber keinem aufzuhellen, der nicht in demselben Grade zu den Getreuen Amors gehört; und diesen wiederum ist das bekannt, was zur Aufklärung der dunkeln Rede dient: darum halte ich eine solche nicht für geraten, da sie entweder vergeblich oder überflüssig wäre.

Aus: Dantes Lyrik. Das Neue Leben und der Canzoniere. Hrsg. Max Josef Wolff. Berlin: Deutsche Bibliothek, 1921, S. 60f

Charles Eliot Norton

And then I devised this sonnet: —

With other ladies you make mock of me,
And think not, Lady, of the reason why
So strange a shape I offer to your eye,
Whene’er it hap that I your beauty see.

If this you knew, your pity could not hold
Longer against me its accustomed guise;
For when so near you Love doth me surprise,
He courage takes and such assurance bold,

He smites among my spirits chilled with fear,
And some he slays, and some he doth expel,
So he alone remains to look on you;

Hence I another’s form am changed into,
Yet not so changed but even then full well
The grievous cries of those expelled I hear.

This sonnet I do not divide into parts, because the division is made only for the sake of disclosing the meaning of the thing divided; therefore, since, through what has been said of its occasion, it has been made sufficiently plain, there is no need of division. It is true that among the words whereby the occasion of this sonnet is set forth, certain ambiguous words are found; namely, when I say that Love slays all my spirits, and only those of vision remain alive, and even they outside of their instruments. And this ambiguity it were impossible to solve to one who is not in like degree the liegeman of Love; and to such as are so, that is already plain which would solve these ambiguous words; and therefore it is not well for me to explain this ambiguousness, since my speech would be vain or superfluous.

In: Complete Works (Delphi Classics)

Frühreif

Jacob Cats war ein berühmter niederländischer Dichter und Politiker, der noch jahrhundertelang gelehrt und gelesen wurde, einige seiner Zeilen bis heute sprichwörtlich. Cats wurde als Volksdichter mit Homer verglichen, schreibt Wikipedia (NL). Die junge Dichterin Sibylla Schwarz bekam seine Werke in die Hand und begann zu übersetzen. Dazu musste sie nicht eigens Niederländisch lernen, das damalige Niederdeutsch reichte als Brücke.

Im Jubiläumsjahr der Sibylla Schwarz versuche ich es ihr nachzumachen. Niederdeutsch kann ich ein bisschen (als Zugezogener), Niederländisch gar nicht. Also frisch ans Werk.

In seinem „Spiegel der alten und neuen Zeit“ sammelt er Sprichwörter in vielen Sprachen, außer seiner Muttersprache Latein, Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch, war das schon alles? Und offensichtlich dichtet er niederländische Sprichwörter weiter, die erste Zeile des folgenden Gedichts scheint ein Sprichwort zu sein, er macht daraus ein ganzes Gedicht in Paarreimen mit einer ganz einfachen Struktur, die man quasi schon als solche mit rudimentärem Wortschatz versteht. Ich nehme mir die Freiheit, ihm nachzudichten, was nicht passt wird passend gemacht, was ich nicht verstehe, kann auch mal unverständlich bleiben, wenns der Reimfindung dient. Aber nicht auf Teufel komm raus.

In der deutschen Ausgabe von 1710 steht in dem Abschnitt u.a.:

Verstand kömmt vor Jahren nicht. Was frühzeitig reift/fault bald. Was bald reiff/hält nicht steiff. Fürwitzige Kinder leben nicht lange; aber späth Obst liegt lange.

Nun das Gedicht.

Jacob Cats

(* 10. November 1577 in Brouwershaven auf der Insel Schouwen-Duiveland; † 12. September 1660 in Den Haag)

Vroegh ryp, vroegh rot,
Vroegh wys, vroegh sot;
Vroegh sneegh, vroegh slecht,
Vroegh Heer, vroegh Knecht;
Vroegh los, vroegh vast,
Vroegh waert, vroegh gast;
Vroegh wilt, vroegh tam,
Vroegh Rap, vroegh Lam;
Vroegh Valck, vroegh Uyl,
Vroegh Hengst, vroegh guyl;
Vroegh lief, vroegh leet,
Vroegh kout, vroegh heet;
Vroegh Vyer, vroegh Asch,
Vroegh Somer, quaet Gewas;
Vroegh de Wyn, vroegh bedorven,
Vroegh dronckaert, vroegh gestorven;
Vroegh geleert, vroegh vergeten,
Vroegh gebroeckt, vroegh bedreten.

Früh reif, früh verrott‘,
Früh weis, früh sott;
Früh Schnee, früh schlecht,
Früh Herr, früh Knecht;
Früh los, früh fest,
Früh Wirt, früh Gäst‘;
Früh wild, früh zahm,
Früh Rapp‘, früh Lamm.
Früh Falk, früh Eul‘,
früh Hengst, früh Gäul‘;
Früh Lieb, früh Leid,
Früh kalt, früh heiß;
Früh Feur, früh Asch,
Früher Sommer, früher Harvst.
Früher Wein, früh verdorben,
Früh Suffkopp, früh gestorben;
Früh gelernt, früh vergessen,
Früh gekocht, früh gegessen.

(Bassa, der Tebel holmer)