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Namaste

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Archiv: viele tausend Nachrichten aus 20 Jahren. 2. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht. 3. Journal #1 (Morgensternfest)

Liebesgedichte der Ketschua

(5) Was ist bloß dieses Sichliebhaben
bei Frau und bei Mann,
wenn ein Herz in dem anderen nistet
und jedes in dem anderen Wurzeln schlägt?

(5) Imallachus kay munákuy
warmipipis, qharipipis,
sonqo pura thapachasqa,
sadi’a jina sapinchasqa.

(7) Ist denn Dein Herz
wie ein Mahlstein so hart?
Wo ich Dich so lieb habe,
sagst Du einfach: „nein“?

(9) Schwarzauge, Bogenbraue, komme,
seien wir beide ein Paar!
Und wenn Deine Mutter nicht will,
laß sie doch, zieh mit mir!

(29) Als der neue Mond erschien,
gab ich Dir mein junges Herz;
der Mond hat noch nicht abgenommen,
und schon sagt Dir mein Schmerz nichts mehr.

(45) Goldener Kolibri, lehre mich,
wie man die Süßigkeit trinkt,
und ich will Dich lehren,
wo man die schönste Blume sucht.

Aus: VOLKSDICHTUNG DER KETSCHUA. In den Tälern von Cochabamba gesammelt von Jesús Lara. Ketschua und Deutsch. Herausgegeben von Ludwig Flachskampf und Hermann Trimborn. Berlin: Reimer, 1959

Lieber zu zweit verhungern

Sarah Kirsch

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein)

LIEBER ZU ZWEIT VERHUNGERN ALS EINZELN
In goldenen Wagen spazierenfahren:
Gefahren Gefahren überall für unsere
Treuen unbescholtenen Seelen
Mein Freund bis hierher und nicht weiter
Einer
Sey
Des andern Stab
Und unüberhörbare Stimme
Schlag mir auf mein Sitzfleisch wirf mich
Auf ein Fahrrad und jag mich nach Zeuthen

Aus: Sarah Kirsch, Rückenwind. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1976, S. 15

Urworte

Nikolaj Gumiljow

(Николай Степанович Гумилёв, Nikolaj Stepanovič Gumilëv; * 3. April jul./ 15. April 1886 greg. in Kronstadt; hingerichtet 24. August 1921 bei Petrograd, 1986 rehabilitiert)

Naturgemäß

Mir tut’s nicht leid, daß nun der Schleier,
Der die Natur verbarg, gefallen ist,
Daß niemand mehr im Wald, am Weiher
Najade oder Faun vermißt.

Kein Wüstensand raunt noch in Worten,
Wie letztlich nur ein Mensch sie spricht,
Und daß die Menschheit müd geworden,
Das gilt auch spät am Abend nicht.

Was sich naturgemäß verwandelt,
So langsam, mit der Gravitation als Lot –
Das sind Urworte, die beständig handeln
Vom Menschenleben nach dem Tod.

Nur du, als Dichter, kannst beherrschen
Die Sprache jener Drachenzeit,
Da Sphingen unter harschen Schergen
Sie brauchten aller Welt zum Leid.

Was einst ein Gott war. sei nun Sache
Und diese werde zum Prophetenwort,
Damit der Erdball endlich seine Achse
Erzittern spürt – der Ort deiner Geburt.

1921

Aus: Felix Philipp Ingold, „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch – Deutsch. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 201

Николай Гумилев

Естество

Я не печалюсь, что с природы
Покров, ее скрывавший, снят,
Что древний лес, седые воды
Не кроют фавнов и наяд.

Не человеческою речью
Гудят пустынные ветра.
И не усталость человечью
Нам возвещают вечера.

Нет, в этих медленных, инертных
Преображеньях естества –
Залог бессмертия для смертных,
Первоначальные слова.

Поэт, лишь ты единый в силе
Постичь ужасный тот язык,
Которым сфинксы говорили
В кругу драконовых владык.

Стань ныне вещью, богом бывши,
И слово вещи возгласи,
Чтоб шар земной, тебя родивший,
Вдруг дрогнул на своей оси.

Gott nimmt einen Tag frei

Tim Turnbull

Deutsch von Ulf Stolterfoht. Aus der Nummer 001 der Reihe roughbooks: Tim Turnbull, Es lebt! Gedichte, übersetzt von Norbert Hummelt, Birgit Kempker, Norbert Lange, Ulf Stolterfoht, Jans Thill, Jan Wagner. roughbook 001, 2009, S. 146f

Autobiographisches Sonett

António Duarte Gomes Leal

(* 6. Juni 1848 in Lissabon, Portugal; † 29. Januar 1921 in Lissabon)

Autobiographisches Sonett

In früheren Epochen, längst vergangen,
gab’s eine heilige Mutter, manierlich von Ideen,
‘nen rechtschaffenen, silberbärtigen Vater,
gab’s Häuser, Gärten, Brunnen, Rosenbeete.

In den Kollegien, Aulen, Saalgestühlen
zertrümmert’ ich kein Pult, zerbrach ich keine Bänke.
Ich hatte gute Zensuren, führte Bücher.
Später liebte ich Patrizierhexen.

Ich war ein Freund von Eça und Ramalho,
João de Deus, auch vom exzentrischen Fialho,
und bin dann wider Willen ins Ausland ausgewandert.

Ich weinte, seufzte! Wie Dante in der Fremde!
Und als ich wiederkam, aus vorgebrachten Gründen –
bin ich dreimal ins Kittchen eingefahren.

Original erschienen in: ABC – Revista portuguesa, 22. Juli 1920; im Original wird das damalige Zentralgefängnis in Lissabon, der Limoeiro (Cadeia do Limoeiro), genannt.

Aus dem Portugiesischen von Cornelius van Alsum. Mit freundlicher Genehmigung übernommen von der Webseite der Literaturzeitschrift kalmenzone.

Soneto Autobiográfico

Outrora, outrora, em épocas passadas,
Tive uma santa Mãe de ideias maneiras,
Um reto Pai de barbas prateadas,
Tive prédios, jardins, fontes, roseiras.

Nos colégios, nas aulas, nas bancadas,
Não quebrei bancos, não parti carteiras;
Fiz bons exames, contas, tabuadas,
Mais tarde amei patrícias feiticeiras.

Fui amigo do Eça e do Ramalho,
João de Deus, mais do excêntrico Fialho,
E tive que emigrar para o estrangeiro.

Chorei, gemi! Qual Dante nas estradas!
E ao regressar, por causas avanças,
– fui por três vezes parar ao Limoeiro.

Über den Autor:

„schrieb schwungvolle, aber extrem demokrat. Gedichte“ (Brockhaus 1911). – „Neuerdings hat er mildere versöhnliche Klänge angestimmt“ (Meyers 1907) – „wird auch der portugiesische Baudelaire genannt“ (Wikipedia)

Das Flutgelall

Es steht nicht im Meyer und auch nicht im Grimm – und es existiert doch. Für das Wort „Flutgelall“ fand ich zwei Belege. Beide stehen unter dem Titel „Pegnesisches Schäfergedicht“ – eine Kollektivdichtung des „Pegnesischen Blumenordens“, das war eine der vielen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts (offenbar die einzige dieser Sprachgesellschaften, die noch heute besteht). Ihre Mitglieder nennt man auch Pegnitzschäfer, nach dem Fluß Pegnitz, der durch Nürnberg fließt. Es war eine besonders spiel- und experimentierfreudige Gruppe. Wie in den damaligen Dichtergruppen üblich, erhielten die Mitglieder Ordensnamen – die Pegnitzschäfer bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In den folgenden zwei Strophen singen Montano (Johann Helwig) und Strephon (Georg Philipp Harsdörffer) zum Lob ihrer Ordensbrüder Klajus (Johann Klaj) und Floridan (Sigmund von Birken).

Montano.

In der Luft
Singt die holde Nachtigall/
Daß der helle Gegenhall
Wiederrufft:
Aber diß/ was Klajus singt/
Bässer klingt.

Strephon.

Wie der Bach
Schlürfelt mit dem Flutgelall/
Vnd spielt mit dem Lispelschall
Nach und nach:
Also singt der Schäfersmann
Floridan.

Quelle: Georg Philipp Harsdörffer/ Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. Tübingen 1966, S. 95-96. (Hier bei zeno.org)

Das zweite, eigentlich das erste, das ich fand, als ich nach Gedichten eines heutigen Geburtstagskinds suchte, er heißt Lerian, eigentlich Christoph Arnold (* 12. April 1627 in Hersbruck; † 30. Juni 1685 in Nürnberg).

Aus dem Pegnesischen Schäfergedicht

Lerian:

Es wallt das Flutgelall, die schnellen Wellen schwellen.
Die helle Wellenzell ballt den Kristallenwall,
Der Wollenhüter billt, die Lämmerhälse schellen:
Doch schallt vor allem wohl der helle Gegenhall.

Strephon:

Des Baches Wasserstraß rauscht mit dem Sausselgießen:
Es schläfert das Geschlürff die lassen Hirten ein.
Des Flusses Lispelschuß schleußt unsrer Augen Schein
Und will durch nassen Kies das Schäferspiel versüßen.

Montano:

Der Stumme stummt und mummt, in dem sich stämmt die Stimme
Der Dumme munkt und muckt mit halbem Zahngebrümme:
Bei jenem mummt der Mund, dem ist der Mut ein Mäm.
Doch Mämme, Stumm und Dumm stummt keines in dem M.

Klajus:

Der kekke Lachengekk koaxet, krekkt und quakkt.
Des Krippels Krükkenstokk krokkt, grakkelt, humpt und zakkt.
Des Gukkuks Gukke trotzt den Frosch und auch die Krükke.
Was knikkt und knakkt noch mehr? kurtz hier mein Reimgeflikke.

Floridan:

Wann Schäfer-Trifften trifft das Ruffen frecher Treffen,
Der Waffen puff und paff, pfeifft unsre Pfeiffe? Nein.
Das Hoffen äffet offt, offt trifft es trefflich ein,
Drum hoffet, Hoffen wird nicht mehr den Frieden äffen.

Christoph Arnold (Lerian), Georg Philipp Harsdörffer (Strephon), Johann Helwig (Montano), Johann Klaj (Klajus), Sigmund von Birken (Floridan)

Aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. München: dtv, 1970, S. 176f

Zehnzeiler

Margarete von Navarra

(geb. Margarete von Angoulême, französisch Marguerite de Navarre; auch: Marguerite de Valois-Angoulême; * 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos-en-Bigorre)

„Mutter der Renaissance“, „die erste moderne Frau“

ZEHNZEILER

Ich fühlte tief im Herzen schon seit Jahren
Zu Euch der Liebe mächtiges Begehren,
(So schicklich doch und nur mit allen Ehren)
Wie nie ein Herz es durfte so erfahren.
Doch jetzt ist solcher Trost mir widerfahren:
Obwohl ich meiner Neigung sicher bin,
Zeigt Eure klar mir Euern reinen Sinn,
Daß das Gefühl, worauf mein Herze schwört,
Mich drängen will zu solchem Zweifel hin:
Ob diese Liebe Euch, ob mir gehört.

Deutsch von Max Rieple, aus: Lilie und Lorbeer. Französische Dichtung des 15. bis 18. Jahrhunderts. Übertragungen von Max Rieple. Freinburg: Klemm, o.J., S. S. 15

DIXAIN

J’ay longuement senty dedens mon coeur
L’amour qu’à vous j’ay porté si très forte,
Si très honneste et tant pleyne d’honneur,
Qu’oncques nul coeur n’en sentist de la sorte
Mais maintenant qui tant me reconforte,
Bien que je sens mon affection vifve,
La vostre y est si grande et si naïfve
Que le sentir, qui conferme ma foy,
Me fait avoir l’eslection craintifve
Si ceste amour est à vous ou à moy.

Verbotenes Gedicht

Zwei Jahrhunderte (Charles Baudelaire wurde 1821 geboren), da kann man auch gerne zwei Gedichte lesen. Heute eins der sechs Gedichte, die am 20. August 1857 wegen „Beleidigung der öffentlichen Moral“ verboten wurden – das Verbot wurde erst 1949 aufgehoben. Hingegen wurden sie noch zu Lebzeiten Baudelaires in Belgien gedruckt. In Frankreich ist es heute Abiturstoff.

Heute eins dieser sechs Verbotenen.

Carlo Schmid
DER ALLZUFRÖHLICHEN

Dein Haupt und sein Wiegen gefällt
Mir gleich einer Landschaft in Prangen;
Das Lachen durchspielt deine Wangen
Wie Brisen azurnes Gezelt.

Streifst leicht du an flüchtigem Harme,
Zerstrahlt ihn Gesundheit dir ganz,
Die gleich einem hellenden Glanz
Versprühn deine Schultern und Arme.

Mit Farben in hallendem Flor
Besäst du die Kleider und Lichte.
Sie streuen dem Dichter Gesichte
Von Blumen, die tanzen im Chor.

In dieser Gewänder Geschiebe
Schreit aus sich dein närrischer Sinn;
Ich toll von dir Toller, ich bin
Von Haß ja so voll wie von Liebe!

Will ich meinen mattenden Geist
In Gärten und Wiesen versöhnen,
Fühl ich ein versehrendes Höhnen:
Die Sonne die Brust mir zerreißt …

So haben mich Frühling und Grünen
Erniedrigt und wehende Saat,
Daß ich eine Blume zertrat,
Den Dünkel des Blühens zu sühnen.

So möcht ich einmal in der Nacht
Im Halle der Glocke der Lüste
Zur Schatzkammer deiner Brüste
Mich schleichen in feigem Bedacht,

Dein jauchzendes Fleisch zu kasteien,
Der Brust, die man lossprach, zur Qual,
Und mit einem furchenden Mal
Den staunenden Leib benedeien

Und – Glück, das betäubend mich trifft!
Durch Lippen, die neu so erschaffen
Und prangender, purpurner klaffen,
Ergießen, o Schwester, mein Gift!

Aus: Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen. Übertragen von Carlo Schmid. Frankfurt/Main: Insel, 1976, S. 212f

AN JENE, DIE ALLZU FRÖHLICH IST

Dein Haupt, deine Gebärde, dein Betragen sind schön wie eine schöne Landschaft; das Lachen spielt in deinem Antlitz wie frisch ein Wind in einem klaren Himmel.

Den Kummervollen, den du im Vorübergehen streifst, trifft blendend die Gesundheit, die als Helle von deinen Armen und Schultern strahlt.

Die lauten Farben, die du über deine Gewandung streust, wekken im Geist des Dichters das Bild eines Blumenballetts.

Diese närrischen Kleider sind das Sinnbild deines buntscheckigen Geistes; Närrin, nach der ich närrisch bin, ich hasse dich so sehr, wie ich dich liebe!

Manchmal in einem schönen Garten, wohin ich meine Schlaffheit schleifte, zerriß die Sonne mir wie bittrer Hohn die Brust;

Der Frühling und das Grün kränkten mein Herz so sehr, daß ich die Frechheit der Natur an einer Blume strafte.

So auch möchte ich eines Nachts, wenn die Stunde der Wollüste schlägt, zu deines Leibes Schätzen wie ein Feigling lautlos schleichen,

Um dein frohes Fleisch zu züchtigen, um deine verschonte Brust zu geißeln und deiner überraschten Flanke eine klaffend tiefe Wunde zu schlagen

Und, süß taumelnder Rausch! durch diese neuen Lippen, heller und schöner leuchtende, mein Gift dir einzuflößen, meine Schwester*!

  • Die Richter glaubten in den beiden letzten Vierzeilern eine zugleich mordlüsterne und obszöne Bedeutung zu entdecken. Der Ernst des Buches schloß derartige Späße aus. Daß venin hier soviel wie Spleen oder Schwermut meinen konnte, war für Kriminalisten ein zu einfacher Gedanke.

Möge ihre syphilitische Auslegung ihnen auf dem Gewissen bleiben. (Anmerkung des Herausgebers.)

Aus: Baudelaire. Nouvelles Fleurs du Mal. Neue Blumen des Bösen. Materialien. München: Heimeran, 1975, S. 25/27

A celle qui est trop gaie

Ta tête, ton geste, ton air
Sont beaux comme un beau paysage ;
Le rire joue en ton visage
Comme un vent frais dans un ciel clair.

Le passant chagrin que tu frôles
Est ébloui par la santé
Qui jaillit comme une clarté
De tes bras et de tes épaules.

Les retentissantes couleurs
Dont tu parsèmes tes toilettes
Jettent dans l’esprit des poètes
L’image d’un ballet de fleurs.

Ces robes folles sont l’emblème
De ton esprit bariolé ;
Folle dont je suis affolé,
Je te hais autant que je t’aime !

Quelquefois dans un beau jardin
Où je traînais mon atonie,
J’ai senti, comme une ironie,
Le soleil déchirer mon sein ;

Et le printemps et la verdure
Ont tant humilié mon coeur,
Que j’ai puni sur une fleur
L’insolence de la Nature.

Ainsi je voudrais, une nuit,
Quand l’heure des voluptés sonne,
Vers les trésors de ta personne,
Comme un lâche, ramper sans bruit,

Pour châtier ta chair joyeuse,
Pour meurtrir ton sein pardonné,
Et faire à ton flanc étonné
Une blessure large et creuse,

Et, vertigineuse douceur !
A travers ces lèvres nouvelles,
Plus éclatantes et plus belles,
T’infuser mon venin, ma soeur !

Charles Baudelaire 200

Charles Baudelaire

(* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda)

Zum Jubiläum ein Gedicht aus den „Neuen Blumen des Bösen im Original und in mehreren deutschen Fassungen.

LE COUCHER DU SOLEIL ROMANTIQUE

Que le Soleil est beau quand tout frais il se lève,
Come une explosion nous lançant son bonjour!
– Bienheureux celui-là qui peut avec amour
Saluer son coucher plus glorieux qu’un rêve!

Je me souviens!… Pai vu tout, fleur, source, sillon,
Se pâmer sous son œil comme un cœur qui palpite …
– Courons vers l’horizon, il est tard, courons vite,
Pour attraper au moins un oblique rayon!

Mais je poursuis en vain le Dieu qui se retire;
L’irrésistible Nuit établit son empire,
Noire, humide, funeste et pleine de frissons;

Une odeur de tombeau dans les ténèbres nage.
Et mon pied peureux froisse, au bord du marécage,
Des crapauds imprévus et de froids limaçons.

Stefan George
DER UNTERGANG DER ROMANTISCHEN SONNE

Wie schön ist doch die frisch erwachte sonne!
Mit flammenausbruch wünscht sie frohen tag.
Glückselig wer in liebe grüssen mag
Auch ihren untergang · ein traum an wonne!

Ich weiss noch … alles: blumen quelle thal
Vor ihr erstanden wie ein herz das hämmert ..
Zum horizont! auf! eilen wir! es dämmert ·
Lasst uns noch haschen einen schiefen strahl!

Jedoch umsonst – die Göttin niedergleitet ·
Unwiderstehlich sich die nacht verbreitet
Schwarz feucht verhängnisvoll und schreckenreich.

Es scheint als ob ein grabhauch auf ihr laste
Und ängstlich stösst mein fuss an dem moraste
Versteckte kröten schnecken kalt und weich.

Aus: Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen. Umdichtungen von Stefan George. Berlin: Bondi, 1922, S. 118

Carl Fischer
DER UNTERGANG DER ROMANTISCHEN SONNE

Wie ist die Sonne schon, steigt sie in keusche Räume!
Mit flammender Gewalt bringt sie uns frohen Gruß!
— Wie glücklich, wer dereinst auch jene lieben muß,
Die ruhmreich untergeht und herrlicher als Träume!

Und ich erinnre mich… wie Blumen, Quelle, Tal
Vor ihren Blicken als ein schlagend Herz sich breiten…
— Doch auf zum Horizont! Kommt schnell! im Niedergleiten
Erhaschen wir vielleicht noch einen schrägen Strahl.

Allein umsonst folg ich der Göttin, die verzichtet:
Unwiderstehlich nun die Nacht ihr Reich errichtet,
Schwarz, feucht und kalt hat mich ihr Schauder angerührt;

Ein Grabeshauch weht durch die trägen Finsternisse,
In dem Morast gerät mein Fuß ins Ungewisse,
Wo er die Kröten und die kalten Schnecken spürt.

Aus: Charles Baudelaire, Die Blumen der Verworfenheit. Deutsch und Französisch. Nachdichtungen von Carl Fischer. Söcking: Bachmair, 1949, S. 265

Friedhelm Kemp
DER UNTERGANG DER ROMANTISCHEN SONNE

Wie schön die Sonne ist, wenn sie ganz frisch sich hebt und wie in einem Bersten ihren Morgengruß uns zuwirft! – Glückselig, wer in Liebe sie grüßen kann, wenn sie glorreicher als ein Traum im Glanze sinkt!

Ich erinnre mich! … Blume, Quelle, Furche, alles sah ich unter ihrem Auge sich regen wie ein schlagendes Herz … – Laßt uns zum Rand der Erde laufen, es ist spät, rasch, laßt uns eilen, um wenigstens noch einen schrägen Strahl zu erhaschen!

Doch umsonst verfolge ich den Gott, der uns entweicht; unwiderstehlich breitet die Nacht ihre Herrschaft aus, schwarz, feucht, unheimlich und schaudervoll;

Ein Grabeshauch schwimmt in den Finsternissen, und unversehens tritt mein scheuer Fuß am Rand des Sumpfes auf Kröten und auf kalte Schnecken*.

  • Der Ausdruck: Genus irritabile vatum ist einige Jahrhunderte älter als die Streitereien der Klassiker, Romantiker, Realisten, Euphuisten, usw… Offensichtlich wollte Charles Baudelaire durch l’irrésistible Nuit den gegenwärtigen Zustand der Literatur kennzeichnen, und die crapauds imprévus und die froids limaçons sind die Schriftsteller, die nicht seiner Schule angehören. Dieses Sonett wurde 1862 geschrieben; es war als Epilog für ein Buch von Charles Asselineau gedacht, das dann aber nicht erschienen ist: Ausgewählte Schriften aus einer kleinen romantischen Bibliothek, als Prolog hätte ein Sonett von Theodore de Banville dienen sollen: Der Aufgang der romantischen Sonne. (Anmerkung des Herausgebers.)

Aus: Charles Baudelaire, Nouvelle Fleurs du Mal. Neue Blumen des Bösen. Materialien (Sämtliche Werke / Briefe in acht Bänden, Bd. 4) Hrsg. Friedhelm Kemp u. Claude Pichois. München: Heimeran, 1975, S. 7

Nur fort, vergnügtes Paar

Bei Sibylla Schwarz lernt das Sonett tanzen, schrieb Walter Hinck. Bei Johann Christian Günther, gut drei Generationen später, lernt sogar das Gelegenheitsgedicht tanzen. Hier die erste Strophe eines Hochzeits-Glückwunsch-Gedichts.

Johann Christian Günther

(* 8. April 1695 in Striegau/Schlesien; † 15. März 1723 in Jena)

Bey der
den 25. Octobr. 1718.
in Leipzig
Winckler- und Kistnerischen
Mariage.
Im Namen einiger guter Freunde.

Nur fort, vergnügtes Paar! und laß dich nichts verstöhren,
Sucht Blumen auf der Brust, werfft Finger in den Schnee,
Und Flammen in den Schooß, und Seuffzer in die Höh,
Last Zimmer, Haus und Wand die sanfften Schmätzgen hören,
Umarmt euch wie der Wein, der Ulm u. Pfahl umschlingt,
Küßt, jauchzet, lacht und spielt, verkriecht euch, hüpfft und springt,
Laßt Lust und Sehnsucht aus und jagt euch um die Wette,
Mit Schenckeln, Mund und Hand, durch Lager, Tisch und Bette.

Aus: Zweyte Fortsetzung oder Dritter Theil Der Sammlung von Johann Christian Günthers, aus Schlesien, Theils noch nie gedruckten, theils schon heraus gegebenen Teutschen Gedichten. Frankfurt und Leipzig: Michael Hubert, 1727, S. 112

Verstoßen

Als ich jung war, erschien bei Reclam Leipzig ein Band mit Gedichten von Gabriela Mistral. Ich habe es damals sehr geliebt und oft gelesen, vielleicht waren darin die ersten Prosagedichte, die ich kennenlernte. Ich habe mir viel später noch einen Band in einer Reihe aus einem „Kreis der Nobelpreisfreunde“ gekauft, aber ich habe es nicht gelesen, nur ein wenig darin. Ich hatte Angst, dass der Eindruck von früher sich nicht bestätigen würde. Und auch heute haben ich von hinten her darin geblättert und ein paar Gedichte gelesen und mich für dieses entschieden.

Gabriela Mistral

(* 7. April 1889 in Vicuña, Chile; † 10. Januar 1957 in Hempstead, New York)

VERSTOSSEN

Mein Vater sagte, er werde mich aus dem Hause werfen. Er schrie es meiner Mutter zu. Noch in dieser Nacht werde er mich verstoßen. Die Nacht ist lau. Im Lichte der Sterne könnte ich bis zur nächsten Ortschaft gehen. Wenn aber es in dieser Stunde zur Welt käme?

Meine Seufzer haben es vielleicht herbeigerufen. Vielleicht will es kommen, um mein Gesicht zu sehen. Es würde frösteln in der kühlen Luft, selbst wenn mein Leib es zudeckte.

Deutsch von Albert Theile. Aus: Gedichte der traurigsten Mutter. In: Gabriela Mistral, Gedichte. Nobelpreis 1945. Zürich: Coron-Verlag, o. J. (1960er Jahre)

Ich habe im Netz nur eine unvollstädige Version des Originaltexts gefunden:

Mi padre me dijo que me echaría, gritó a mi madre que me arrojaría esta misma noche.

La noche es tibia; a la claridad de las estrellas yo podría caminar hasta la aldea próxima; pero ¿y si nace a estas foras? Mis sollozos le han llamado tal vez; tal vez quiera salir por ver mi cara [con lágrimas. Y tiritaría bajo el aire crudo, aunque yo lo cubriera.]*

*) ergänzt aus dem Kommentar von Anke Bennet

Lumpenlied

Erich Mühsam

(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)

Lumpenlied

Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack.
Wir sind ein schäbiges Lumpenpack,
auf das der Bürger speit.
Der Bürger blank von Stiebellack,
mit Ordenszacken auf dem Frack,
der Bürger mit dem Chapeau claque,
fromm und voll Redlichkeit.

Der Bürger speit und hat auch recht.
Er hat Geschmeide gold und echt. –
Wir haben Schnaps im Bauch.
Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,
und wer bezecht ist, der erfrecht
zu Dingen sich, die jener schlecht
und niedrig findet auch.

Der Bürger kann gesittet sein,
er lernte Bibel und Latein. –
Wir lernen nur den Neid.
Wer Porter trinkt und Schampus-Wein,
lustwandelt fein im Sonnenschein,
der bürstet sich, wenn unserein
ihn anrührt mit dem Kleid.

Wo hat der Bürger alles her:
den Geldsack und das Schießgewehr?
Er stiehlt es grad wie wir.
Bloß macht man uns das Stehlen schwer.
Doch er kriegt mehr als sein Begehr.
Er schröpft dazu die Taschen leer
von allem Arbeitstier.

Oh, wär ich doch ein reicher Mann,
der ohne Mühe stehlen kann,
gepriesen und geehrt.
Träf ich euch auf der Straße dann,
ihr Strohkumpane, Fritz, Johann,
ihr Lumpenvolk, ich spie euch an. –
Das seid ihr Hunde wert!

Aus: Erich Mühsam, War einmal ein Revoluzzer. Bänkellieder und Gedichte. Hg. Helga Bemmann. Berlin: Henschelverlag, 1978, S. 18f

Tragischer Chor

Algernon Charles Swinburne

(* 5. April 1837 in London; † 10. April 1909 ebenda)

Tragischer Chor

Vor aller der Jahre Anheben,
Da der Mensch ward, kamen heran,
Zeit ihm Zähren zu geben,
Gram, mit dem Glas das rann,
Lust, mit Schmerzen darwider,
Sommer, mit fallendem Flor,
Erinnrung aus Himmeln hernieder,
Und Wahn aus Höllen empor,
Kraft ohne Hände zu schlagen,
Liebe, die währt eine Frist,
Nacht, der Schatte von Tagen,
Und Leben, das Todes ist.

Und die Urgötter reckten die Hand
Nach Feur, und Tränengeträufte
Und wenigem gleitenden Sand
Aus den Tapfen von Füßen der Läufte,
Und Staub der mühenden Erden
Und Schaumtrift Meers und der Furt,
Und Leibern von Dingen die werden
In den Häusern von Tod und Geburt,
Und wirketen selig und bänglich
Und fügten mit Liebe und Schmach,
Darüber und drunter vergänglich,
Und lebend davor und danach,
Für ein Tagen und Nachten und Morgen
Daß es spannlang währe zumeist,
Mit Mühsal und schweren Sorgen
Des Menschen heiligen Geist.

Von dem nord- und südlichen Sund
Sie sammelten Windes Weben,
Sie bliesen auf seinen Mund,
Sie füllten den Leib mit Leben,
Sprach´ und Gesicht ward gemacht
Der Seele darin zu Gespinst,
Eine Frist für Rat und Bedacht
Eine Frist für Schulden und Dienst.

Sie gaben ein Licht seinen Pfaden
Daß er liebt und Frist daß er lacht,
Und Länge der Tage und Gnaden,
Und Nacht, und Schlaf in der Nacht, –
Sein Sprechen entzündet mit Lodern,
Mit den Lippen tut er sich Not,
Sein Herz ist blind und ein Fodern,
In den Augen ahndet er Tod;
Er webt, und sein Kleid ist Gelächter,
Er wirft, und nichts das er traf,
Er lebt, ein Seher ein Wächter
Zwischen Schlaf und aber Schlaf.

Aus: Die fremde Muse. Übertragungen von Rudolf Borchardt. In Verbindung mit Marie Luise Borchardt und Francis Golffing hrsg. von Ulrich Ott. Marbacher Schriften, in Kommission bei Klett, Stuttgart, 1974, S. 57f

Before the beginning of years
There came to the making of man
Time, with a gift of tears;
Grief, with a glass that ran;
Pleasure, with pain for leaven;
Summer, with flowers that fell;
Remembrance, fallen from heaven,
And madness risen from hell;
Strength without hands to smite;
Love that endures for a breath;
Night, the shadow of light,
And life, the shadow of death.

And the high gods took in hand
Fire, and the falling of tears,
And a measure of sliding sand
From under the feet of the years;
And froth and the drift of the sea;
And dust of the laboring earth;
And bodies of things to be
In the houses of death and of birth;
And wrought with weeping and laughter,
And fashioned with loathing and love,
With life before and after
And death beneath and above,
For a day and a night and a morrow,
That his strength might endure for a span
With travail and heavy sorrow,
The holy spirit of man.

From the winds of the north and the south,
They gathered as unto strife;
They breathed upon his mouth,
They filled his body with life;
Eyesight and speech they wrought
For the veils of the soul therein,
A time for labor and thought,
A time to serve and to sin;
They gave him light in his ways,
And love, and space for delight,
And beauty, and length of days,
And night, and sleep in the night.
His speech is a burning fire;
With his lips he travaileth;
In his heart is a blind desire,
In his eyes foreknowledge of death;
He weaves, and is clothed with derision;
Sows, and he shall not reap;
His life is a watch or a vision
Between a sleep and a sleep.

(1865)

Ein Osterlied

Sibylla Schwarz

(24. Februar 1621 Greifswald – 10. August 1638 ebenda)

        Triumph Lied    
   über die Aufferstehung   
          CHRJSTJ.
    
   LAst uns frölich Alleluia singen /
last uns frölich und vohn Herzen springen /
Christus uns erlöset hat /
vohn der Macht der Sünden /
und für unsre Missetaht
tragen seine Wunden. 
   Alles / was da lebet / soll ihn loben /
seine Güht’ ist weit und breit erhoben /
Leben / Heil und Seeligkeit
hat er uns verehret /
Teuffel / Tod und alles Laid
ist durch ihn verstöret. 
   Gnad verheist er denen / so ihm trawen /
Hülffe schickt er den’n / so auff ihn bawen /
trewlich hält er / und steht fest /
ohne List und Triegen /
niemand er in Noht verläst /
dan er kan nicht triegen.  
   Drumb wir wollen vollen Dank Jhm bringen /
und wir alle Alleluia singen /
seine Liebe / Gunst und Gnad
hoch an Jhm erheben /
seine Werck und Heldentaht
rühmen / weil wir leben.

Sibylla Schwarz, Werke Briefe Dokumente. Hrsg. Michael Gratz.. Band 1. Leipzig: Reinecke & Schwarz 2021

Der Knabenteich

Peter Huchel

(* 3. April 1903 in Lichterfelde bei Berlin; † 30. April 1981 in Staufen)

Der Knabenteich

Wenn heißer die Libellenblitze
im gelben Schilf des Mittags sprühn,
im Nixengrün der Entengrütze
die stillen Wasser seichter blühn,
hebt er den Hamen* in die Höhe,
der Knabe, der auf Kalmus blies,
und fängt die Brut der Wasserflöhe,
die dunkel wölkt im Muschelkies.

Rot blüht um ihn die Hexenheide,
fischäugig blinkt der Teich im Kraut.
Der graue Geist der Uferweide
wird über Sumpf und Binsen laut,
wo dünn der Ruf der scheuen Unken
tönt wie ein Mund der Zauberei…
Der Knabe horcht, ins Ohr gesunken
sind Wind und Teich und Krähenschrei.

Verzaubert ist die Mittagshelle,
das glasig grüne Algenlicht.
Der Knabe kennt die Wasserstelle,
die anders spiegelt sein Gesicht.
Er teilt das Schilf, das splittrig gelbe:
froschköpfig plätschert hoch der Nick –
und summt und spritzt und ist derselbe
wie einst mit tierhaft wildem Blick.

Und auch der Teich ist noch derselbe
wie einst, da dein Mund Kalmus blies,
dein Fuß hing ins Sumpfdottergelbe
und mit den Zehen griff den Kies.
Wenn dich im Traum das teichgrüntiefe
Gesicht voll Binsenhaar umfängt,
ist es als ob der Knabe riefe,
weil noch dein Netz am Wasser hängt.

Aus: Peter Huchel, Gedichte. Berlin: Aufbau, 1947, S. 22f

*) Hier vermutlich: Angelhaken