Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –
*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
Sie können uns bei WordPress abonnieren (siehe rechts).
167 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Kai Pohl
Aus: Vom Zusammenbruch
für Carola
Die fiktive Welt ist eingestürzt,
die Stammform geht krachen,
Markt und Kreislauf brechen zusammen.
Jetzt bricht zusammen, was zusammengehört.
Die Wasserversorgung ist eingeschränkt,
nur im 7. Stockwerk duscht noch Franziska.
Der Himmel stürzt ein, das Klima kollabiert,
und mit der Wahrheit stirbt die Lüge.
Die Eisberge schmelzen dahin
wie die rotgrüne Deutungshoheit.
Blitzabriss an der Carolabrücke,
benannt nach der letzten sächsischen Königin,
der Gemahlin von König Albert.
Altes und Morsches zerfällt,
die Energieversorgung bricht zusammen,
die Mythen der Demokratie ...
Die öffentliche Ordnung ist futsch,
Gangs marodieren,
Hunde zerfleischen Kadaver,
das Vertrauen ist zusammengebrochen.
Der 11. September – ein geschichtsträchtiger Tag.
Zerbröselnde Altlasten.
Deutscher Brückenalarm.
Die eingestürzte Carolabrücke liegt in der Elbe.
Feuerwehr rätselt über Ursache,
Staatsanwaltschaft leitet Prüfung ein.
Nach dem Unglück steht fest:
Dresden braucht Geld für den Wiederaufbau.
Raubbau am öffentlichen Sektor.
Großes Fressen für Privatisierungslobby.
Bericht schreckt Schwarze Null auf.
Kann die Katastrophe noch verhindert werden?
(...)
Aus: perspektive #122 – 1/2025 Verein Literaturgruppe perspektive ℅ Forum Stadtpark, Graz, S. 88
242 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Arno Holz
(* 26. April 1863 in Rastenburg, Ostpreußen; † 26. Oktober 1929 in Berlin)
Die deutsche Dichtkunst
Die deutsche Dichtkunst schrieb notorisch
Sich selber den Uriasbrief*,
Seit das Gefühl ihr obligatorisch
Und der Verstand nur facultativ.
(*) Der „Uriasbrief“ ist eine Anspielung auf eine Episode aus dem Alten Testament (2. Buch Samuel). König David schickt den Soldaten Uria mit einem Brief an den Feldherrn Joab zurück an die Front, ohne dass Uria weiß, dass der Brief seinen eigenen Tod anordnet. (Warum, der König war scharf auf Urias Frau). Der „Uriasbrief“ wurde sprichwörtlich für eine Botschaft, die dem Überbringer selbst schadet oder ihn verurteilt. Arno Holz benutzt das Bild polemisch: Die deutsche Dichtkunst habe sich „selber den Uriasbrief“ geschrieben, also durch eigene Fehlentwicklungen ihren Niedergang verursacht.
Suum Cuique*
Ich weiss, ich bin euch zu polemisch;
Doch die Dichteritis ist heut epidemisch.
Und kann ich ihr nicht das Maul verriegeln,
So will ich ihr doch den Hintern striegeln!
(*) Jedem das, was ihm zusteht.
An unsre Modedichter
Noch ehe die Zukunft euch richtet,
Verfallt ihr der ewigen Nacht
Weil ihr zu viel gedichtet
Und weil ihr zu wenig gedacht!
Für Schnillern etc.!
Immer noch laufen sie uns in die Quer,
Faust, Hamlet, Hiob und Ahasver.
Aber ich finde, nachgerade
Wird die Gesellschaft ein wenig fade.
Zu viel Schminke, zu viel Theater,
Zu viel Klimbim und zu viel Kater.
Da lob ich mir Reuter und Wilhelm Busch.
Für Schnillern etc. ein ander Mal Tusch!
Mehr davon hier
#ArnoHolz #DieDeutscheDichtkunst #Lyrik #Gedicht #Epigramm #Literatur #DeutscheLiteratur #Naturalismus #Literaturkritik #Satire #Polemik #WilhelmBusch #FritzReuter #Faust #Hamlet #Hiob #Ahasver #KlassischeModerne #Poesie #Lyrikzeitung
87 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
bianca körner
Ich will ja
deine Muse sein,
aber wie sieht der Arbeitsvertrag aus
Wie viele Stunden stehe ich
in der Woche Modell
in Bereitschaft
Wie oft rufst du mich
am Wochenende
für eine Nachtschicht
IST DAS UNBEZAHLTE CARE-
ARBEIT ODER KANN DAS WEG?
Bekomme ich Urlaubstage,
verschreibe ich diese mit dir
Bekomme ich Krankentage,
Mindestlohn, Provision
Wo kann ich mich beschweren
über betrunkene Vorgesetzte,
die fordern und fordern,
von mir geküsst werden
zu müssen, doch
ich will nicht
Aus: perspektive #126, 1/26.Graz, Forum Stadtpark, S. 48
Mal etwas Jahreszeitliches. Ich bin kein großer Freund der Verskunst von Erich Fried. Aber hört man nicht in diesem Gedicht das Flöten und Hacken der Nachtigall (oder auch unseres Sprossers)?
Erich Fried
(* 6. Mai 1921 in Wien; † 22. November 1988 in Baden-Baden)
Philomel' mit Melodey
Wer Philomeles Herz
zerspringen läßt
vor ewigem Liebesleid
der lügt
der lügt
Was heißt das süße Lied
der Nachtigall
Es heißt
Hau ab
hau ab
In diesen Bäumen
bin
nur ich
nur ich
das Männchen
Aus: „Komm, heilige Melancholie“. Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte. Mit Ausblicken auf die europäische Melancholie-Tradition in Literatur- und Kunstgeschichte. Herausgegeben von Ludwig Völker. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1983, S. 506
315 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Abwärts! (Nr. 58, März 2026) ein Gedicht von Egon Günther.
Egon Günther
Lasst alles fallen
let all go – the
big small middling
tall bigger really
the biggest and all
things
e. e. cummings
lasst die waffen fallen & das werkzeug
lasst die hüllen fallen & die hemmungen
lasst masken fallen & mauern
lasst schranken fallen & skrupel
lasst börsenkurse fallen & bastionen
lasst falsche freunde fallen & echte feinde
lasst hehre ideale fallen & idole
lasst die preise fallen & den pegel
lasst die vorsicht fallen & die deckung
lasst die fassaden fallen & die rücksicht
lasst die ängste fallen & den glauben
lasst die ansprüche fallen & den verdacht
lasst den vorhang fallen & das beil
lasst jedwede sache fallen ob groß ob klein
lasst nicht nur böse worte fallen
sondern auch lose bemerkungen
lasst pläne fallen projekte & prinzipien
lasst ansinnen fallen & absichten
lasst anklagen fallen & angelegenheiten
lasst vorwürfe fallen & beschuldigungen
lasst irrtümer fallen & einbildungen
lasst die zuversicht fallen & die zügel
lasst einleitungen fallen & umschweife
lasst das leere gerede fallen & fallt mit
der tür ins haus
lasst tote blätter fallen & von fern
den schnee
lasst die last fallen & das fleisch von
den knochen
lasst euch in die tiefe fallen
&
lasst euch treiben im fluss
Auf den ersten Blick könnte es sich um eine Übersetzung des amerikanischen Lyrikers E. E. Cummings handeln. Aber Günther übersetzt Cummings nicht. Er nimmt dessen Imperativ „let all go“ als poetisches Bewegungsprinzip und entwickelt daraus eine lange Reihung von Aufforderungen. Cummings fungiert bei ihm als strukturelles und poetisches Gegenüber. Günther übernimmt das kurze Schlussstück von Cummings – „let all go – the / big small middling / tall bigger really / the biggest and all / things“ – und entfaltet daraus eine expansive deutschsprachige Variation, die zugleich Hommage, Fortschreibung und politische Umcodierung ist.
Das Gedicht „let it go“ findet sich vielfach im Netz, zum Beispiel hier https://readalittlepoetry.com/2011/02/04/let-it-go-the-by-e-e-cummings/
Egon Günther (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Filmemacher und Schriftsteller) wurde 1953 in München geboren.
313 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Die neue Ausgabe von Sinn und Form (3/2026) versammelt Prosa, Gedichte, Gespräche, Briefe und Essays zwischen Erinnerung, Sprachreflexion und kultureller Selbstbefragung. Neben neuen Gedichten von Robert Melançon (Kanada), Petr Hruška (Tschechien) und Christiane Schulz stehen literarische und historische Erkundungen von Gert Loschütz, Maarja Kangro und Zsófia Bán. Ein Schwerpunkt liegt auf Mittel- und Osteuropa: Péter Nádas spricht über Ordnung, Chaos und die Eigenheiten der ungarischen Sprache, während Erinnerungen an Bohumil Hrabal sowie ein Text über Ahmad Schamlou weitere internationale Perspektiven eröffnen. Hinzu kommen literarhistorische Dokumente – etwa Briefe von Heimito von Doderer oder Siegfried Unselds Bericht über eine Reise mit Peter Huchel nach Muzot – sowie Essays zu Walter Benjamin, Konrad Wolf, moderner Frömmigkeit und kulturellen Nachwirkungen des 20. Jahrhunderts.
Aus dem Heft hier ein Gedicht des iranischen Dichters Ahmad Schamlou, dessen Witwe Rita Atans Sarkisian (Aida Schamlou) seine Gedichte kommentiert. Von dem hier folgenden Gedicht sagt sie, es handele davon, „wie die Angst sich überall einschleicht, bis selbst die Natur davon vergiftet scheint“.
FENSTER
In diesen Nächten,
wo die Blume das Blatt
und das Blatt den Wind
und der Wind die Wolke
und die Wolke das Wasser
und das Wasser den Stein
fürchtet
und die Erde den Himmel
und der Himmel die sonnenlose kleine Laterne
und ich meinen Schatten.
In diesen Nächten
Wie sehnsüchtig verlange ich dann nach dir.
Ferne
Fülle
Lichtspender
und mein Verlangen.
Dem Fenster schenke ich mein Herz,
daß es den Morgen erblicke
und sich für dich öffne.
Weiter schreibt sie:
Nach der islamischen Revolution von 1979 galt Schamlou deren Anhängern abermals als Feind und »verwestlichter« Schriftsteller. Lange Jahre stand er unter Publikationsverbot und durfte im Iran nicht öffentlich auftreten, erst in den neunziger Jahren wurden die Beschränkungen teilweise gelockert. Doch selbst nach seinem Tod fürchtete man ihn noch: Wiederholt wurden seine Anhänger und Freunde von bewaffneten Kräften daran gehindert, am Jahrestag seines Todes den Friedhof zu betreten. Auch von Schändungen blieb sein Grab nicht verschont.
Aus dem Persischen von Hamid Bajat, aus: Sinn und Form 3/ 2026, S. 409f.
390 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Heute ist der 155. Geburtstag von Christian Morgenstern, der 105. von Erich Fried und der 100. von Franz Mon. Ich bleibe bei letzterem, der einer von den vielen Hundertjährigen des Jahres ist. Zum Anlass ein kleiner Blütenast*.
Franz Mon
(* 6. Mai 1926 in Frankfurt am Main; eigentlich: Franz Löffelholz; † 7. April 2022 ebenda)
Aus: Was Literatur sein kann
Es gibt im Grunde zwei Typen von Literatur: diejenige, die die Schrift nur als Zeicheninstrumentarium versteht, das zwischen Autorintention und Leseverstehen vermittelt und dabei möglichst unauffällig zu bleiben hat; und die andere, die sich vor einem offenen Verstehenshorizont auf die Zeichensprachen von Laut oder Schrift unmittelbar einläßt und mit diesen arbeitet.
Beide Literaturweisen scheinen mir in einer hochgradig zeichenvermittelten Zivilisation wie der unseren unentbehrlich zu sein. (…)
Das Verständnis dessen, was Literatur sein kann, scheint mir gegenwärtig völlig offen. Diejenigen, die mit Sprache arbeiten, werden sich von keiner ängstlichen Definition am Weiterarbeiten hindern lassen.
Aus: das wort auf der zunge. franz mon: texte aus vierzig Jahren. Carlfriedrich Claus: Sprachblätter. Berlin: janus press 1991, S. 6
untereinander
„hast du was gekriegt?"
„ein eichhörnchen."
„krumm oder gerade?"
„mit einem herrlich gebogenen, buschigen schwanz."
„und – ist es ein- oder zweibeinig?"
„es ist gleichschenklig. es wird dir gefallen."
„aus welcher höh denn – sag, aus welcher höh?"
„es steigt doch noch, unentwegt."
„zum ziel seiner wünsche?"
Aus: franz mon, hören ohne aufzuhören. neue texte 26/27, 1982, hrsg. heimrad bäcker, S. 15
stelle dir vor: alle wörter, die du in deinem leben nur ein einziges mal benutzt hast, stünden um dich herum, eine hand am ohr, den mund offen, als lauschten sie angestrengt, und du zweifelst nicht, sie lauern darauf, von dir nochmal und ein drittes mal gebraucht zu werden. du liest in ihren physiognomien, daß ihre geduld strapazierfähig, aber einmal doch zu ende ist. du ahnst, was sie vorhaben, und bist auch bereit, auf ihren wunsch einzugehen, doch beim besten willen du kommst nicht drauf, wie sie hießen.
stelle dir vor: alle wörter, die du jemals ausgesprochen hast, würden, mit deiner stimme und in derselben von dir aufgewandten lautstärke, noch einmal, ein einziges mal alle gleichzeitig ertönen, was sich – stelle ich mir vor – wie eine steil-wand aus berstenden hühnern anhören müßte.
Aus: Franz Mon Lesebuch. Erweiterte Neuausgabe. Neuwied und Berlin: Sammlung Luchterhand, 1982, S. 13

*) BLÜTENAST, m. blühender ast:
geusz nicht so laut der liebentflammten lieder
tonreichen schall vom blütenast des apfelbaums hernieder,
o nachtigall!
Hölty 158
(Grimms Wörterbuch)
127 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
»Eine Zirkustrompete, ein muskulöser Radschläger mit Mathematik in den Nerven … Eine Augenbestie, ein schamloser Exhibitionist, ein ironischer Lyriker, ein amerikanischer Wedekind, ein Eimer der Pandora.«
Die Weltbühne über George Grosz, 1921
George Grosz
(* 26. Juli 1893 in Berlin; † 6. Juli 1959 ebenda)
Aus den Gesängen
Welten! Gluten!
Ihr taumelnden, torkelnden Häuser!!!
Cake-walkt am Horizont!!
Ihr Negermelodien
Lieblich wie Ellins Blauaugen – –
Welten, Ströme, Erdteile!
Australien, du Sonnenland!
Afrika mit deinen dunklen Ur-Ur-Urwäldern,
Amerika mit deiner D-Zug-Kultur,
Welten – ich rufe, schreie!!!
Wacht auf, ihr ehrfurchtbuckelnden Blaßgesichter!!!
Ihr Hundesöhne, Materialisten,
Brotfresser, Fleischfresser - Vegetarier!!
Oberlehrer, Metzgergesellen, Mädchenhändler!
– ihr Lumpen!!!
Denkt: meine Seele ist zweitausend Jahre alt!
!!!Triumph!!!
Gott, Vater, Sohn = Aktiengesellschaft.
Aus: George Grosz, Ach knallige Welt, du Lunapark. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Klaus Peter Dencker. München, Wien: Hanser, 1986, S. 21

68 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
SAID
kleines inventar 10-
mein tod kennt mich nicht mehr
wenn er kommt nass und erregt
ihm voraus eine hundertschaft hornissen
die vertreiben die schaulustigen
derweil er mich sucht wie vereinbart
auf offener straße um mitternacht
zur stunde der müllabfuhr
Aus: SAID, Ruf zurück die Vögel. Neue Gedichte. München: C. H. Beck, 2010, S. 18
SAID (persisch سعید [sæˈiːd]; * 27. Mai 1947 in Teheran; † 15. Mai 2021 in München; bürgerlich Said Mirhadi, Künstlername in Großbuchstaben) war ein iranisch-deutscher Schriftsteller. https://de.wikipedia.org/wiki/Said_(Schriftsteller)
101 Wörter, 1 Minute Lesedauer
Tanja Dückers
Als ich noch betrunken war
Als ich noch betrunken war
habe ich dich gezeichnet
mein Zeigefinger blutverschmiert
Als die Zeichnungen noch
unbeholfen waren
wurde ich für alles und nichts gelobt
als alles und nichts noch möglich
und die Silbe »un« nicht bekannt war
kam jemand vorbei und sagte
Du bist nicht jung sondern verrückt
Als ich verrückt und jung nach dir war
habe ich aus dem Nichts heraus
gezeichnet nicht einmal dich
nur Zeichen aufs Papier geschmiert
deren schwungvollem Lauf
die Linie deines Nackens inne war
Aus: Tanja Dückers, Fundbüros und Verstecke. Gedichte. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2012, S. 31
116 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Edlef Köppen
(* 1. März 1893 in Genthin; † 21. Februar 1939 in Gießen)
Lied aus dem Graben
Die Straßen großer Städte sind mein Traum.
Die Mädchen, die dort nächtens Liebe jagen,
die Mädchen, die sich geben ohne Fragen.
Fahle Laternen. Rauchverquollener Raum.
Der Sang von Geigen, der das Blut aufschürt,
Duft von Kaffee und blühenden Zigaretten.
Das Lächeln blöder Greise, die mit fetten
und heißen Fingern letzte Gier umschnürt.
Oh! in wie blassen Fernen all das schwimmt!!
Auf Dreck zerschossener Gräben fällt die Stirn –
und bald bohrt sich die Kugel in mein Hirn,
die Qualen und Entsagen endlich nimmt ...
Aus: VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize Nr. 62: Edlef Koeppen. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2026, S. 6
277 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Roland Erb
ELEGIE
Ich hab getrunken, getrunken, getrunken den Tau
deines Haars an dem rauchigen, endlosen Tag,
als die Nacht kam am Mittag, als kein Morgen mehr kam.
Ich hab verschlungen, verschlungen, als ob es kein Aufhören gäb,
deinen Blick so finster leuchtend unter den Brauen.
Ich hab mir genommen, ihn nicht zu verfehlen, verlieren,
vergessen,
den Schritt deiner Knie unermüdlich, schmal.
Da brannte ein Holzfeuer im Herd
und alle lachten mit dir und schöpften im Brunnen.
Wenn alles stirbt um dich her, alles erloschen,
vergessen scheint,
wenn alles stirbt,
das Feuer verglommen, das Schöpfrad still,
ich selbst wohl erkaltet, unser Baum gefällt,
aber dein Bild, ein fließendes, brennendes, steht mir im Mund –
bin ich dann unabänderlich starr und erloschen, tot?
Aus: Poesiealbum 398. Roland Erb. Auswahl von Axel Reitel. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 7
Roland Erb wurde am 1. April 1943 in Töppeln bei Gera in eine Arztfamilie geboren. Frühe Kindheit in Königsberg/Neumark. Ende 1944 kriegsbedingt Umzug nach Nordhausen, wo er ab 1949 Grund- und Oberschule besucht; 1961 Abitur. Studium der Romanistik an der KMU in Leipzig; wegen politischer Proteste mit Exmatrikulation bedroht. 1966 bis 1973 Verlagslektor für Romanische Literaturen bei Reclam Leipzig. Seit 1974 freiberuflicher Schriftsteller, Herausgeber und Literaturübersetzer. Von Erich Arendt und Franz Fühmann zum Schreiben ermutigt, veröffentlichte er seit den siebziger Jahren Gedichte in Anthologien und Zeitschriften. 1977/78 Studium am Literaturinstitut Leipzig. 1981 Gedichtband Die Stille des Taifuns beim Aufbau Verlag, Veröffentlichungsprobleme nach Kritik kulturpolitischer Stellen. 1986 französisches Aufenthaltsstipendium in Paris, 1987 Rilke-Stipendium in Montreux. 1993/94 Mitgründer der Dresdener Literaturzeitschrift ›Ostragehege‹ und bis 1998 leitender Redakteur. Mitglied des PEN.
Lyrikbände: Märzenschaf, 1995; Wozu das Verlangen nach Schönheit, 2003; Trotz aller feindlichen Nachricht, 2014.
Neueste Kommentare