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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Wie Morgenröthe

Johann Wolfgang Goethe

(1749-1832)

Hatem
 
Locken! haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwiedern hab' ich Nichts.
 
Nur dies Herz es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Rast ein Aetna dir hervor.
 
Du beschämst wie Morgenröthe
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring ich Ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: der verbrannte mir.

Aus: Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan. Neue, völlig revidierte Ausgabe. Hrsg. Hendrik Birus. Teilband 1. Berlin: Deutscher Klassiker Verlag, 2010, S. 87

seit rilke sich handke nennt

Kurt Marti 

(* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda) 

seelenwanderung?

als handke
noch rilke hieß
zog ich
george vor

seit rilke
sich handke nennt
schlägt mir
die stunde
der wahren empfindung

Aus: Poesiealbum 372: Kurt Marti. Auswahl von Helmut Braun. Grafik Martin Goppelsröder. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 19

Das Publikum stellt die Diagnose

Axel Reitel

Aufzeichnungen des Schauspielers R.

Menschenkörper sind Krankenhäuser.
Hamlet auf dem Weg zur Visite. 
Das Publikum stellt die Diagnose. 
Tun oder nicht tun, 
Wir kommen ohne Erwartungen nicht aus. 
Applaus, das Publikum stellt die Diagnose: 
Alle Vorhersagen bestätigen dein Leben

Aus: Poesiealbum 369: Axel Reitel. Auswahl Edwin Kratschmer, Grafik Hubertus Giebe. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2022, S. 6

Überholt

Hans Bender 

(* 1. Juli 1919 in Mühlhausen, Baden; † 28. Mai 2015 in Köln)

Überholt
 
Selbst vom hochgelobten Benn
Nicht jede Metapher preisen.
Hochgehaltene Schwerter zählen 
längst zum alten Eisen. 

Aus: Hans Bender, Hinter die dunkle Tür. Vierzeiler 2013-2015. Ludwigsburg: Pop, 2019, S. 77

Vergleiche Gottfried Benns Gedicht „Dennoch die Schwerter halten“:

Der soziologische Nenner,
der hinter Jahrtausenden schlief,
heißt: ein paar große Männer
und die litten tief.

(...)

Und heißt dann: schweigen und walten,
wissend, daß sie zerfällt,
dennoch die Schwerter halten
vor die Stunde der Welt.

In: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1982, S. 245 (Erstdruck in Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 368/369 vom 27.8.1933)

Notiz

Elisabeth Borchers

(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)

Rette uns, sage ich 
zur eben gelesenen Zeile 
(Schön ist die Menschenvernunft 
und unbesiegbar. Czesław Miłosz)
bevor es zu spät ist 

Aus: Notizen. In: Elisabeth Borchers, Von der Grammatik des heutigen Tages. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992, S. 11

all die unerlösten biographien

Jayne-Ann Igel

Was war

zunächst war die fremde, aus der kehrte sie nach einem jahr heim, ohne begriff davon, was es bedeutete. Die familie oder das zuhause schien der ort, dem zu entsagen sie wenig mühe hatte. Wenn das nicht eine selbst erfundene legende ist, denn sie fühlte sich aufgehoben, nur erschien ihr das losgehen denkbar einfach. Fort von dieser familie, in der es so viele abgründe gegeben, vor 45, nach 45, vor 61, danach, über die man sich zu hangeln hatte, ohne oder mit alphabet, unter stößen von papieren im schrank oder in winkeln in der bodenkammer, all die unerlösten biographien, länger lebend als deren besitzer –

[22/II/2021 u. 11/III/2021]

Aus: Mütze #32, S. 1648

Wer ist Hussein Ali Mirza?

Auch die umfangreichsten Lexika haben ihre Grenzen. Der 22bändige Kindler kennt den Namen Hussein Ali Mirza nicht. Das Weltlexikon Wikipedia hat 5 Artikel bzw. 1 Artikel in 5 Sprachen zu diesem Namen (Google-Übersetzungen):

Persisch

از ویکی‌پدیا, دانشنامهٔ ازاد
حسين‌علی میرزا فرمانفرما
HosseinAliMirzaFarmanfarma.jpg. Herrscher von Fars
Sultanat (حكمراني بر فارس) 1214 ه‍.ق – 1250 ه‍.ق
زادة 1 زيل الحجه 1204 ه‍. ق
26. Juni 1789
امل, استان مازندران
starb am 16. Ramadan 1250 H. ق
16. Januar 1835 (45 Jahre)
Teheran, Iran

Englisch

Hossein Ali Mirza (Persian: حسین علی میرزا, romanized: Ḥosayn-ʿAlī Mīrzā; 26 August 1789 – 16 January 1835), a son of Fath-Ali Shah (r. 1797–1834), was the Governor of Fars and pretender to the throne of Qajar Iran.

Russisch

Хоссейн Али Мирза Фарманфарма (перс. حسین‌علی‌میرزا فرمانفرما ,1846 – 1799) – наследник династии Каджаров, пятый сын Фетх Али-шаха и Бадр Джахан Ханум, родился в деревне Дехнавар в провинции Фарс на юге Персии.

Hossein Ali Mirza Farmanfarma (persisch: حسين‌علی‌میرزا فرمانفرما, 1846 – 1799) – der Erbe der Qajar-Dynastie, der fünfte Sohn von Feth Ali Shah und Badr Jahan Khanum, wurde im Dorf Dekhnavar in der Provinz Fars in Südpersien geboren.

Aserbaidshanisch

Hüseynəli mirzə Qovanlı-Qacar (1788-1835) — İran şahzadəsi, vali.

Huseynali mirza Govanli-Qajar (1788-1835) – iranischer Prinz, Gouverneur.

Katalanisch

Husayn Ali Mirza conegut com a Farman Farma (1789 – 1835) fou príncep qajar de Pèrsia i xa a Xiraz i Isfahan (1834-1835)

Husayn Ali Mirza, bekannt als Farman Farma (1789-1835), war ein Qajar-Prinz von Persien und Schah in Shiraz und Isfahan (1834-1835)

Die Lebensdaten herausgezogen (nicht so viel Ehrfurcht vor dem Weltwissen bitte):

  • 26. Juni 1789 – 16. Januar 1835 (16. Ramadan 1250) (Persisch)
  • 26. August 1789 – 16. Januar 1835 (Englisch)
  • 1799-1846 (Russisch)
  • 1788-1835 (Aserbaidschanisch)
  • 1789-1835 (Katalanisch)

Ob das eine Person oder mehrere ist, kann ich so nicht eindeutig herausfinden. Und schon gar nicht, ob einer von diesen mit der von mir gesuchten Person identisch ist. Im „Divan der persischen Poesie“, herausgegeben von Julius Hart, Halle: Hendel, 1887, gibt es Gedichte von einem Hussein Ali Mirza, verdeutscht von Julius Altmann. Über den Autor heißt es da:

Geboren1814 zu Schiras, dessen Statthalter er später war. Ein naher Anverwandter des regierenden Herrscherhauses von Iran, nahm er im Staate eine hervorragende Stellung ein. Sein „Alkoran der Liebe“, in zehn „Suren-Kränze“ eingeteilt, enthält 1001 Lieder, welche einen zusammenhängenden Liebesroman bilden: Erwachen der Liebe, Werbung, Erhörung, Vermählung, Ehe, Tod der Geliebten und einen Anhang: „Buch der Dichtung.“

Carl Friedrich Julius Altmann (* 1. März 1814 in Potsdam; † 10. Juni 1873 ebenda) war ein deutscher Archivar, Philologe, Schriftsteller und Übersetzer. (Wikipedia deutsch). Unter seinen Schriften eben dieser „Alkoran der Liebe. Neu-iranische Dichtungen von Hussein-Ali-Mirza, den Deutschen gewidmet von Julius Altmann, 1861″. Über sein Schaffen steht da:

Nach Erlangung des Doktorgrades (17. Februar 1838 in Berlin) lebte Altmann von 1838 bis 1843 als Schriftsteller in Dorpat, Sankt Petersburg und Moskau, wo er unter anderem geografische, statistische und philologische Studien betrieb.

In klösterlichen und staatlichen Bibliotheken in Moskau, Kasan, Kiew, Nischni Nowgorod und St. Petersburg entnahm er Handschriften russische, baltische, finnische und arabische Volkslieder und Lyrik, die er dann übersetzte und in Deutschland veröffentlichte.

Ob authentisch oder Mystifikation, werde ich heute mehr nicht herausfinden. Hier ein Gedicht aus dem „Buch der Dichtung“.

Ein Bachessturz aus Schaumeskatarakten,
Entbrausend Felsen, kühnen, scharfgezackten,
Mit Wellen, pfeilesschnellen, lichtglanzhellen,
Die an die Ufer klettern wie Gazellen:
So wogt die Poesie, die ihre Schleusen
Eröffnet dem, der mit goldhellen Reusen
Der Verse lichte Perlen weiß zu fischen,
Und bunte Reimkorallen dreinzumischen.

A.a.O. S. 263

Bis du witzt, schwitzt, spitzt, schnitzt im Sinn

Johann Valentin Andreae 

(* 17. August 1586 in Herrenberg; † 27. Juni 1654 in Stuttgart) 

An den GrübIer

Ohn Kunst, ohn Müh, ohn Fleiß ich dicht,
Drum nit nach deinem Kopf mich richt,
Bis du witzt, schwitzt, spitzt, schnitzt im Sinn,
Hab ich angsetzt und fahr dahin.
Bis du guckst, buckst, schmuckst, druckst im Kopf,
Ist mir schon ausgeleert der Topf.
Bis du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn,
Ist mir schon abgehaspt der Zwirn.
Gfällst dir nu nit, wie ich ihm tu,
Mach's besser, nimm ein Jahr dazu !

Aus: DEUTSCHE DICHTUNG DES BAROCK. Hrsg. Edgar Hederer. München: Hanser, 1954, S. 224

Die letzte Frau

Rasha Habbal

(Geboren in Hama / Syrien, lebt in Trier)

Aus: Die letzte Frau

Die im Kleid schlief
diese Nacht
ihre Schuhe anbehielt
empfangsbereit lauerte.

Am Morgen schreibt sie:
Ich habe nicht gewartet.
Die Nacht verging schnell.
Deine Abwesenheit fiel gar nicht auf
als wärst du nie gewesen.
Ich habe in der Luft getanzt
die du freigelassen hast
habe Du-liebst—mich—du—liebst—mich—nicht gespielt
mit den Herzen meiner Liebhaber.
Das konntest du nicht sehen
meine Traurigkeit auch nicht.

Deutsch von Anke Bastrop und Filip Kaźmierczak, aus: Die letzte Frau. Gedichte von Rasha Habbal. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2021 (edition zwanzig), S. 14

Auf den Einfall der Kirchen zu St. Elisabeth

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau 

(getauft 25. Dezember 1616 in Breslau; † 18. April 1679 ebenda)

Maschinelle Texterkennung und Rekonstruktion

Texterkennung nach der Ausgabe: C. H. v. H. Deutsche Übersetzungen und Gedichte. Breßlau 1704 (urn:nbn:de:gbv:3:1-210933-p0573-7)

SAuf Den Sinfall Der Stirden
zu Elifaberly,
Sonet.
StartemRrachen brach Der?Bau DeszEr,tert ein /
Die 9 feiler gaben nach / Die 2alcfen muften biegen /
Die Zügel wolten fich nicht mebt zufammen fügen :
Es trennte Ralc oon RalcE/ und riß fich Gtein von Ctein/
Der Mauren Dole racht / Der füffen Srgeln Echein/
Die hieß ein 2ugenblicf in einen Rlumpen liegen :
Und was igund aus 2ngft mein bleicher Drund berefc)wiegen/
Duft abaethan/ zerfprengt/ und gant vertilget fern.
S menich! Dißift ein Slucy/ Dernach Dem Simmet Schmeckt/
Det Die(er Sy aus getilrt/ und Dein Semuth erwectt.
Es (pricht Der Seven S GOR9R: Du folt mich beffer ebien;
Die Ginde Fommt von Dit/Das Gel eitern Fommtoon
Und in Dein Sherse Gtein/ und Dein Semithetobt,
Go müffen Dich itund Die toDten Steine lebren.
Auf den Einfall der Kirchen
zu St. Elisabeth.
Sonnet.

MJt starckem Krachen brach der Bau des HErren ein /
Die Pfeiler gaben nach / die Balcken musten biegen /
Die Zügel wolten sich nicht mehr zusammen fügen:
Es trennte Kalck von Kalck und riß sich Stein von Stein /
Der Mauern hohe Pracht / der süssen Orgeln Schein /
Die hieß ein Augenblick in einem Klumpen liegen :
Und was itzund aus Angst mein bleicher Mund verschwiegen /
Must abgethan / zersprengt / und gantz vertilget seyn.
O Mensch ! diß ist ein Fluch / der nach dem Himmel schmeckt /
Der dieses Haus gerührt / und dein Gemüth erweckt.
Es spricht der Herren HERR : Du solst mich besser ehren ;
Die Sünde kommt von dir / das Scheitern kommt von GOTT.
Und ist dein Herze Stein / und dein Gemüthe todt /
So müssen dich itzund die toten Steine lehren.

Zügel: Ziegel

An Belinden

Johann Wolfgang Goethe

 An Belinden.

     Warum ziehst du mich unwiderstehlich,
Ach! in iene Pracht?
War ich guter Junge nicht so seelig
In der öden Nacht!
 
     Heimlich in mein Zimmerchen verschloßen,
Lag im Mondenschein,
Ganz von seinem Schauerlicht umfloßen –
Und ich dämmert ein.

     Träumte da von vollen goldnen Stunden,
Ungemischter Lust!
Ahndungsvoll hatt’ ich dein Bild empfunden
Tief in meiner Brust.

     Bin ich’s noch, den du bey so viel Lichtern
An dem Spieltisch hältst?
Oft so unerträglichen Gesichtern
Gegenüber stellst?
 
     Reizender ist mir des Frühlingsblüthe
Nun nicht auf der Flur;
Wo du Engel bist, ist Lieb und Güte,
Wo du bist, Natur. 

Text nach dem Erstdruck in der Zeitschrift von J. G. Jacobi: Iris, Zweyter Band; Düsseldorf: 1775; S. 240f

Buchantiquariat

Umberto Saba 

(* 9. März 1883 in Triest, Österreich-Ungarn; † 25. August 1957 in Gorizia, Italien)

LIBRERIA ANTIQUARIA

Morti chiedono a un morto libri morti.

Illusione non ho che mi conforti
in questo caro al buon Carletto nero
antro sofferto. Un tempo al mio pensiero
parve un rifugio, e agli orrori del tempo.
Ma quel tempo è passato oggi, e la vita
con lui, che amavo. E di sentirmi inerme
escluso piango come tu piangevi
quando eri ancora un bambino e perdevi
tra la folla la madre tua al mercato.

BUCHANTIQUARIAT

Tote fragen einen Toten nach Büchern von Toten.

Illusionen habe ich keine, die mich trösten
in dieser dunklen Höhle, die Carletto
so sehr liebt. Einst schien sie meinem Denken
Zuflucht, auch vor den Schrecken meiner Zeit.
Die Zeit ist nun vergangen und mit ihr
das Leben, das ich liebte. Wehrlos fühl ich mich
und ausgeschlossen und weine, wie du weintest,
als du noch ein Kind warst und du in der Menge
deine Mutter auf dem Markt verlorst.

Deutsch von Gerhard Kofler, aus: Umberto Saba, Canzoniere. Gedichte italienisch/ deutsch. Übersetzt von Gerhard Kofler, Christa Pock und Peter Rosei. Nachwort von Peter Rosei. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 200f

Agostinho Neto 100

Agostinho Neto war ein angolanischer Arzt, Dichter und Politiker. Die Portugiesen steckten ihn ins Gefängnis. Nach der Unabhängigkeit seines Landes war er von 1975 bis 1979 erster Staatspräsident. Er starb in Moskau, wurde von sowjetischen Fachleuten einbalsamiert und (in Angola) in ein Mausoleum verbracht wie Lenin in Moskau. Zu seinem gestrigen 100. Geburtstag ein Gedicht aus einem Buch, das 1977 in der DDR erschien.

Agostinho Neto 

(* 17. September 1922 in Catete, Kreis Ícolo e Bengo, Angola; † 10. September 1979 in Moskau)

Jenseits der Dichtung

Dort am Horizont
das Feuer 
und die schwarzen Silhouetten der Affenbrotbaume
mit hochgereckten Armen
In der Luft der grüne Geruch der verbrannten Palmen

Afrikanische Poesie

Auf der Landstraße
die Reihe der Bailundo-Lastträger
stöhnend unter der Last der Maniokkleie
Im Zimmer
das Mulattenmädchen mit zärtlichen Augen
retuschierend ihr Gesicht mit Rouge und mit Reispuder
Die Frau unter üppigen Tüchern schwingt ihre Hüften
Im Bett der schlaflose Mann denkt daran
Gabeln und Messer zu kaufen um zu essen am Tisch

Am Himmel der Widerschein des Feuers
und die Silhouette der schwarzen Batuque tanzenden Männer
mit hochgereckten Armen
In der Luft die heiße Melodie der Marimbas

Afrikanische Poesie

Und auf der Landstraße die Lastträger
im Zimmer das Mulattenmädchen
im Bett der schlaflose Mann

Die Glut verzehrt
verzehrt
die Horizonte der heißen Erde in Feuer.

Bailundo : Stamm (Red).

Deutsch von Heinz Czechowski. Aus: Agostinho Neto: Gedichte. Leipzig: Reclam, 1977, S. 30

Aktfoto

Günter Kunert 

(geboren am 6. März 1929 in Berlin; gestorben am 21. September 2019 in Kaisborstel)

Aktfoto

In den schwarzen Schattenspalten
verröchelt das Licht. Fruchtlosigkeit
birgt sich hinterm Kalk
blitzgeknipster Haut.
Die Technik kennt keine Scham
und betont Zoologisches: Lippen, schnappend,
lastendes Gehänge, Kugelhaftes, tiefgekerbt,
teils gebeugt und teils gestreckt.

Die Technik kennt nichts von dir
als Abbilder, die dich
nicht zeigen.

Aus: Günter Kunert, Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 12f

Altes Gedicht

Heiner Müller

(* 9. Januar 1929 in Eppendorf, Sachsen; † 30. Dezember 1995 in Berlin )

Altes Gedicht

Nachts beim Schwimmen über den See der Augenblick 
Der dich in Frage stellt Es gibt keinen anderen mehr 
Endlich die Wahrheit Daß du nur ein Zitat bist 
Aus einem Buch das du nicht geschrieben hast 
Dagegen kannst du lange anschreiben auf dein 
Ausbleichendes Farbband Der Text schlägt durch

Aus: Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 38. Dort ausführlich über die lange Entstehungsgeschichte des Gedichts zwischen Anfang der 50er und Ende der 80er Jahre. Die frühen Fassungen waren viel länger. Eine spätere Fassung (vermutlich 70er Jahre) ist überschrieben: AUFFINDUNG EINES ALTENS GEDICHTS NACH ZWANZIG JAHREN.