Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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Mal etwas Jahreszeitliches. Ich bin kein großer Freund der Verskunst von Erich Fried. Aber hört man nicht in diesem Gedicht das Flöten und Hacken der Nachtigall (oder auch unseres Sprossers)?
Erich Fried
(* 6. Mai 1921 in Wien; † 22. November 1988 in Baden-Baden)
Philomel' mit Melodey
Wer Philomeles Herz
zerspringen läßt
vor ewigem Liebesleid
der lügt
der lügt
Was heißt das süße Lied
der Nachtigall
Es heißt
Hau ab
hau ab
In diesen Bäumen
bin
nur ich
nur ich
das Männchen
Aus: „Komm, heilige Melancholie“. Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte. Mit Ausblicken auf die europäische Melancholie-Tradition in Literatur- und Kunstgeschichte. Herausgegeben von Ludwig Völker. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1983, S. 506
315 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Abwärts! (Nr. 58, März 2026) ein Gedicht von Egon Günther.
Egon Günther
Lasst alles fallen
let all go – the
big small middling
tall bigger really
the biggest and all
things
e. e. cummings
lasst die waffen fallen & das werkzeug
lasst die hüllen fallen & die hemmungen
lasst masken fallen & mauern
lasst schranken fallen & skrupel
lasst börsenkurse fallen & bastionen
lasst falsche freunde fallen & echte feinde
lasst hehre ideale fallen & idole
lasst die preise fallen & den pegel
lasst die vorsicht fallen & die deckung
lasst die fassaden fallen & die rücksicht
lasst die ängste fallen & den glauben
lasst die ansprüche fallen & den verdacht
lasst den vorhang fallen & das beil
lasst jedwede sache fallen ob groß ob klein
lasst nicht nur böse worte fallen
sondern auch lose bemerkungen
lasst pläne fallen projekte & prinzipien
lasst ansinnen fallen & absichten
lasst anklagen fallen & angelegenheiten
lasst vorwürfe fallen & beschuldigungen
lasst irrtümer fallen & einbildungen
lasst die zuversicht fallen & die zügel
lasst einleitungen fallen & umschweife
lasst das leere gerede fallen & fallt mit
der tür ins haus
lasst tote blätter fallen & von fern
den schnee
lasst die last fallen & das fleisch von
den knochen
lasst euch in die tiefe fallen
&
lasst euch treiben im fluss
Auf den ersten Blick könnte es sich um eine Übersetzung des amerikanischen Lyrikers E. E. Cummings handeln. Aber Günther übersetzt Cummings nicht. Er nimmt dessen Imperativ „let all go“ als poetisches Bewegungsprinzip und entwickelt daraus eine lange Reihung von Aufforderungen. Cummings fungiert bei ihm als strukturelles und poetisches Gegenüber. Günther übernimmt das kurze Schlussstück von Cummings – „let all go – the / big small middling / tall bigger really / the biggest and all / things“ – und entfaltet daraus eine expansive deutschsprachige Variation, die zugleich Hommage, Fortschreibung und politische Umcodierung ist.
Das Gedicht „let it go“ findet sich vielfach im Netz, zum Beispiel hier https://readalittlepoetry.com/2011/02/04/let-it-go-the-by-e-e-cummings/
Egon Günther (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Filmemacher und Schriftsteller) wurde 1953 in München geboren.
313 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Die neue Ausgabe von Sinn und Form (3/2026) versammelt Prosa, Gedichte, Gespräche, Briefe und Essays zwischen Erinnerung, Sprachreflexion und kultureller Selbstbefragung. Neben neuen Gedichten von Robert Melançon (Kanada), Petr Hruška (Tschechien) und Christiane Schulz stehen literarische und historische Erkundungen von Gert Loschütz, Maarja Kangro und Zsófia Bán. Ein Schwerpunkt liegt auf Mittel- und Osteuropa: Péter Nádas spricht über Ordnung, Chaos und die Eigenheiten der ungarischen Sprache, während Erinnerungen an Bohumil Hrabal sowie ein Text über Ahmad Schamlou weitere internationale Perspektiven eröffnen. Hinzu kommen literarhistorische Dokumente – etwa Briefe von Heimito von Doderer oder Siegfried Unselds Bericht über eine Reise mit Peter Huchel nach Muzot – sowie Essays zu Walter Benjamin, Konrad Wolf, moderner Frömmigkeit und kulturellen Nachwirkungen des 20. Jahrhunderts.
Aus dem Heft hier ein Gedicht des iranischen Dichters Ahmad Schamlou, dessen Witwe Rita Atans Sarkisian (Aida Schamlou) seine Gedichte kommentiert. Von dem hier folgenden Gedicht sagt sie, es handele davon, „wie die Angst sich überall einschleicht, bis selbst die Natur davon vergiftet scheint“.
FENSTER
In diesen Nächten,
wo die Blume das Blatt
und das Blatt den Wind
und der Wind die Wolke
und die Wolke das Wasser
und das Wasser den Stein
fürchtet
und die Erde den Himmel
und der Himmel die sonnenlose kleine Laterne
und ich meinen Schatten.
In diesen Nächten
Wie sehnsüchtig verlange ich dann nach dir.
Ferne
Fülle
Lichtspender
und mein Verlangen.
Dem Fenster schenke ich mein Herz,
daß es den Morgen erblicke
und sich für dich öffne.
Weiter schreibt sie:
Nach der islamischen Revolution von 1979 galt Schamlou deren Anhängern abermals als Feind und »verwestlichter« Schriftsteller. Lange Jahre stand er unter Publikationsverbot und durfte im Iran nicht öffentlich auftreten, erst in den neunziger Jahren wurden die Beschränkungen teilweise gelockert. Doch selbst nach seinem Tod fürchtete man ihn noch: Wiederholt wurden seine Anhänger und Freunde von bewaffneten Kräften daran gehindert, am Jahrestag seines Todes den Friedhof zu betreten. Auch von Schändungen blieb sein Grab nicht verschont.
Aus dem Persischen von Hamid Bajat, aus: Sinn und Form 3/ 2026, S. 409f.
390 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Heute ist der 155. Geburtstag von Christian Morgenstern, der 105. von Erich Fried und der 100. von Franz Mon. Ich bleibe bei letzterem, der einer von den vielen Hundertjährigen des Jahres ist. Zum Anlass ein kleiner Blütenast*.
Franz Mon
(* 6. Mai 1926 in Frankfurt am Main; eigentlich: Franz Löffelholz; † 7. April 2022 ebenda)
Aus: Was Literatur sein kann
Es gibt im Grunde zwei Typen von Literatur: diejenige, die die Schrift nur als Zeicheninstrumentarium versteht, das zwischen Autorintention und Leseverstehen vermittelt und dabei möglichst unauffällig zu bleiben hat; und die andere, die sich vor einem offenen Verstehenshorizont auf die Zeichensprachen von Laut oder Schrift unmittelbar einläßt und mit diesen arbeitet.
Beide Literaturweisen scheinen mir in einer hochgradig zeichenvermittelten Zivilisation wie der unseren unentbehrlich zu sein. (…)
Das Verständnis dessen, was Literatur sein kann, scheint mir gegenwärtig völlig offen. Diejenigen, die mit Sprache arbeiten, werden sich von keiner ängstlichen Definition am Weiterarbeiten hindern lassen.
Aus: das wort auf der zunge. franz mon: texte aus vierzig Jahren. Carlfriedrich Claus: Sprachblätter. Berlin: janus press 1991, S. 6
untereinander
„hast du was gekriegt?"
„ein eichhörnchen."
„krumm oder gerade?"
„mit einem herrlich gebogenen, buschigen schwanz."
„und – ist es ein- oder zweibeinig?"
„es ist gleichschenklig. es wird dir gefallen."
„aus welcher höh denn – sag, aus welcher höh?"
„es steigt doch noch, unentwegt."
„zum ziel seiner wünsche?"
Aus: franz mon, hören ohne aufzuhören. neue texte 26/27, 1982, hrsg. heimrad bäcker, S. 15
stelle dir vor: alle wörter, die du in deinem leben nur ein einziges mal benutzt hast, stünden um dich herum, eine hand am ohr, den mund offen, als lauschten sie angestrengt, und du zweifelst nicht, sie lauern darauf, von dir nochmal und ein drittes mal gebraucht zu werden. du liest in ihren physiognomien, daß ihre geduld strapazierfähig, aber einmal doch zu ende ist. du ahnst, was sie vorhaben, und bist auch bereit, auf ihren wunsch einzugehen, doch beim besten willen du kommst nicht drauf, wie sie hießen.
stelle dir vor: alle wörter, die du jemals ausgesprochen hast, würden, mit deiner stimme und in derselben von dir aufgewandten lautstärke, noch einmal, ein einziges mal alle gleichzeitig ertönen, was sich – stelle ich mir vor – wie eine steil-wand aus berstenden hühnern anhören müßte.
Aus: Franz Mon Lesebuch. Erweiterte Neuausgabe. Neuwied und Berlin: Sammlung Luchterhand, 1982, S. 13

*) BLÜTENAST, m. blühender ast:
geusz nicht so laut der liebentflammten lieder
tonreichen schall vom blütenast des apfelbaums hernieder,
o nachtigall!
Hölty 158
(Grimms Wörterbuch)
127 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
»Eine Zirkustrompete, ein muskulöser Radschläger mit Mathematik in den Nerven … Eine Augenbestie, ein schamloser Exhibitionist, ein ironischer Lyriker, ein amerikanischer Wedekind, ein Eimer der Pandora.«
Die Weltbühne über George Grosz, 1921
George Grosz
(* 26. Juli 1893 in Berlin; † 6. Juli 1959 ebenda)
Aus den Gesängen
Welten! Gluten!
Ihr taumelnden, torkelnden Häuser!!!
Cake-walkt am Horizont!!
Ihr Negermelodien
Lieblich wie Ellins Blauaugen – –
Welten, Ströme, Erdteile!
Australien, du Sonnenland!
Afrika mit deinen dunklen Ur-Ur-Urwäldern,
Amerika mit deiner D-Zug-Kultur,
Welten – ich rufe, schreie!!!
Wacht auf, ihr ehrfurchtbuckelnden Blaßgesichter!!!
Ihr Hundesöhne, Materialisten,
Brotfresser, Fleischfresser - Vegetarier!!
Oberlehrer, Metzgergesellen, Mädchenhändler!
– ihr Lumpen!!!
Denkt: meine Seele ist zweitausend Jahre alt!
!!!Triumph!!!
Gott, Vater, Sohn = Aktiengesellschaft.
Aus: George Grosz, Ach knallige Welt, du Lunapark. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Klaus Peter Dencker. München, Wien: Hanser, 1986, S. 21

68 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
SAID
kleines inventar 10-
mein tod kennt mich nicht mehr
wenn er kommt nass und erregt
ihm voraus eine hundertschaft hornissen
die vertreiben die schaulustigen
derweil er mich sucht wie vereinbart
auf offener straße um mitternacht
zur stunde der müllabfuhr
Aus: SAID, Ruf zurück die Vögel. Neue Gedichte. München: C. H. Beck, 2010, S. 18
SAID (persisch سعید [sæˈiːd]; * 27. Mai 1947 in Teheran; † 15. Mai 2021 in München; bürgerlich Said Mirhadi, Künstlername in Großbuchstaben) war ein iranisch-deutscher Schriftsteller. https://de.wikipedia.org/wiki/Said_(Schriftsteller)
101 Wörter, 1 Minute Lesedauer
Tanja Dückers
Als ich noch betrunken war
Als ich noch betrunken war
habe ich dich gezeichnet
mein Zeigefinger blutverschmiert
Als die Zeichnungen noch
unbeholfen waren
wurde ich für alles und nichts gelobt
als alles und nichts noch möglich
und die Silbe »un« nicht bekannt war
kam jemand vorbei und sagte
Du bist nicht jung sondern verrückt
Als ich verrückt und jung nach dir war
habe ich aus dem Nichts heraus
gezeichnet nicht einmal dich
nur Zeichen aufs Papier geschmiert
deren schwungvollem Lauf
die Linie deines Nackens inne war
Aus: Tanja Dückers, Fundbüros und Verstecke. Gedichte. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2012, S. 31
116 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Edlef Köppen
(* 1. März 1893 in Genthin; † 21. Februar 1939 in Gießen)
Lied aus dem Graben
Die Straßen großer Städte sind mein Traum.
Die Mädchen, die dort nächtens Liebe jagen,
die Mädchen, die sich geben ohne Fragen.
Fahle Laternen. Rauchverquollener Raum.
Der Sang von Geigen, der das Blut aufschürt,
Duft von Kaffee und blühenden Zigaretten.
Das Lächeln blöder Greise, die mit fetten
und heißen Fingern letzte Gier umschnürt.
Oh! in wie blassen Fernen all das schwimmt!!
Auf Dreck zerschossener Gräben fällt die Stirn –
und bald bohrt sich die Kugel in mein Hirn,
die Qualen und Entsagen endlich nimmt ...
Aus: VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize Nr. 62: Edlef Koeppen. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2026, S. 6
277 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Roland Erb
ELEGIE
Ich hab getrunken, getrunken, getrunken den Tau
deines Haars an dem rauchigen, endlosen Tag,
als die Nacht kam am Mittag, als kein Morgen mehr kam.
Ich hab verschlungen, verschlungen, als ob es kein Aufhören gäb,
deinen Blick so finster leuchtend unter den Brauen.
Ich hab mir genommen, ihn nicht zu verfehlen, verlieren,
vergessen,
den Schritt deiner Knie unermüdlich, schmal.
Da brannte ein Holzfeuer im Herd
und alle lachten mit dir und schöpften im Brunnen.
Wenn alles stirbt um dich her, alles erloschen,
vergessen scheint,
wenn alles stirbt,
das Feuer verglommen, das Schöpfrad still,
ich selbst wohl erkaltet, unser Baum gefällt,
aber dein Bild, ein fließendes, brennendes, steht mir im Mund –
bin ich dann unabänderlich starr und erloschen, tot?
Aus: Poesiealbum 398. Roland Erb. Auswahl von Axel Reitel. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 7
Roland Erb wurde am 1. April 1943 in Töppeln bei Gera in eine Arztfamilie geboren. Frühe Kindheit in Königsberg/Neumark. Ende 1944 kriegsbedingt Umzug nach Nordhausen, wo er ab 1949 Grund- und Oberschule besucht; 1961 Abitur. Studium der Romanistik an der KMU in Leipzig; wegen politischer Proteste mit Exmatrikulation bedroht. 1966 bis 1973 Verlagslektor für Romanische Literaturen bei Reclam Leipzig. Seit 1974 freiberuflicher Schriftsteller, Herausgeber und Literaturübersetzer. Von Erich Arendt und Franz Fühmann zum Schreiben ermutigt, veröffentlichte er seit den siebziger Jahren Gedichte in Anthologien und Zeitschriften. 1977/78 Studium am Literaturinstitut Leipzig. 1981 Gedichtband Die Stille des Taifuns beim Aufbau Verlag, Veröffentlichungsprobleme nach Kritik kulturpolitischer Stellen. 1986 französisches Aufenthaltsstipendium in Paris, 1987 Rilke-Stipendium in Montreux. 1993/94 Mitgründer der Dresdener Literaturzeitschrift ›Ostragehege‹ und bis 1998 leitender Redakteur. Mitglied des PEN.
Lyrikbände: Märzenschaf, 1995; Wozu das Verlangen nach Schönheit, 2003; Trotz aller feindlichen Nachricht, 2014.
504 Wörter, 3 Minuten Lesedauer (oder eben halb so viel).
Tristan Tzara
(* 4. Apriljul. / 16. April 1896greg. in Moinești, Rumänien; † 24. Dezember 1963 in Paris)
/TÖNE, TÖNE HEMMUNGSLOS/
Töne, töne hemmungslos – eine Mauer trennt uns bloß
Um so besser – niemand kann die Fehler hören
Ich werde heimlich dich auf dem Cello begleiten
Und das Licht ausmachen, denn im Dunkeln ist es schöner
Meine blonde Nachbarin
Hat ein graues Kleid aus Crêpe de Chine
Ach Nachbarin, sei keine Spielverderberin – legen wir eine
Sonate hin:
(Mein Part ist ein Gedicht, denn Melodien machen kann ich
nicht.)
»O schöne Maid, du gingst an einem Winternachmittag dahin,
dahin
Unsre Liebe ist wie ein Brautstrauß verblüht, verblüht
– doch weißt du, wem ich auf der Straße heut begegnet bin?
Sie war Verkäuferin in einem Schuhgeschäft oder auch
Schneiderin
Ich sagte ihr, wie lieb sie sei, da ist sie mitgekommen
Ich sagte ihr, wie schön sie sei, daß mir sogar die Tränen
kommen
Und daß ich, obzwar arm, ihr teuren Kleiderstoff würd kaufen
Und dann erzählte ich, mein Schatz, wie damals du dahin,
dahin...«
Halt – hier empfehlen wir den Lesern
Über das Gelesene zu meditieren, denn die Nachbarin
Hat jetzt aufgehört – ohne bestimmten Grund
Und geht was Süßes essen, und dann in die Federn
Aus: Aus dem Rumänischen von Oskar Pastior, aus: Tristan Tzara, Die frühen Gedichte. Übersetzt aus dem Rumänischen und herausgegeben von Oskar Pastior. München: text + kritik, 1984 (Frühe Texte der Moderne), S. 46
Cântă, cântă mai departe
Cântă cântă mai departe – numai zidul ne desparte
Și-i mai bine, – nu se-aud greșelile
Eu o să te acompaniez în suflet cu violoncelul
Și o să sting luminile pentru că îmi place întunericul
Vecina mea e blondă și e
Îmbrăcată într-o rochie cenușie
Vecina mea, nu fi rea – hai să cântăm o sonată:
(Am făcut o poezie fiindcă nu pot pune în cuvinte melodie.)
„O, te-ai dus, te-ai dus frumoaso într-o iarnă după masă
„Un buchet de flori uscate de mireasă e iubirea noastră de-altădată
„Azi am întâlnit pe strada unde locuiesc o fată
„Vânzătoare într-o prăvălie mare sau croitoreasă
„I-am spus că mi-e dragă și-a venit cu mine-acasă
„I-am spus că e frumoasă, că-mi sunt înroșiți de lacrimi ochii
„Sunt sărac dar o să-i cumpăr stofă scumpă pentru rochie
„Și i-am povestit, iubito, cum în iarna ceea după-masă…”
Cititorul e rugat aici să facă o pauză
Și să se gândească asupra celor ce a citit
Pentru că vecina mea s-a plictisit – fără cauză
Și se duce să mănânce ceva dulce și să se culce.
Das Gedicht stammt aus den frühen symbolistisch geprägten rumänischen Texten Tzaras vor seiner Dada-Zeit in Zürich (um 1912–1915). Charakteristisch ist hier eine ironisch-lyrische Narrativstruktur, mit eingeschobenem „Leserhinweis“ („Cititorul e rugat…“ / „der Leser wird gebeten“) — ein frühes Spiel mit Metaebenen, das später im Dada radikalisiert wird.
Kurznotiz zum Autor:
Tristan Tzara gehörte zu den Begründern des Dadaismus und prägte mit seinen frühen rumänischen Gedichten den Übergang von symbolistischer Lyrik zur radikalen Avantgarde. Die Übersetzungen von Oskar Pastior machten diese frühen Texte im deutschen Sprachraum erstmals umfassend zugänglich.
466 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.
Anti-Jazz, schreiben sie
Allerheiligen
einundsechzig
im Village Vanguard
Verachtung des Publikums, schreiben sie
es beginnt mit dem Summen
einer
was ist’s
eine Oud, oder
eine Tanpura
die metallisch
schnarrt und vibriert
eine reine Quinte
ein Geflirr von Tönen
Obertöne neurotischen Zwangs, schreiben sie
ein Riff am Bass
zwei Bässe
ein Riff
eine Quinte
Quinte zum Intro
Quinte als Begleitung
Quinte für ein Stück
Anti-Jazz, schreiben sie
heute für zehn Minuten
morgen für dreizehn
Sonntag für fünfzehn
ein G und ein D
zwei Töne
eine Quinte
ein Song
musikalischer Nonsens, schreiben sie
Yeah!
Trane ist zufrieden
mit dem Groove
von India
dem Bordun-Tun
seiner Gruppe
Angriff aufs Wesen des Jazz, schreiben sie
Trane steigt ein
Dolphy steigt ein
das Sopransax
im tiefsten Register
die Bassklarinette
im oberen Register
hier treffen sie sich
zur Quinte
Bewegung ohne Fortschritt, schreiben sie
ein Thema
eine Quinte
vereinigt mit den Bässen
mit McCoy an den Tasten
während Elvin trommelt
als wär er zu zweit
Weg in die Anarchie, schreiben sie
und aus der Ruhe
des Borduns
fliegt Tranes Stimme
empor
in Höhen unkenntlich
flink und behend
ein wütender junger Tenor, schreiben sie
zwitschernd und singend
beschwingt und beseelt
sehnend und trillernd
wild und begeistert
epileptische Ausbrüche der Leidenschaft, schreiben sie
rufend und suchend
schreiend und jubelnd
kreischend und preisend
ein Klang wie ein Hundegebell, schreiben sie
und schliesslich
sinkt die Stimme ab
in näselnde Tiefen
zur Gruppe zurück
zum Bordun zurück
zur Quinte zurück
ins Thema
ins Riff
in den Zweiklang mit Dolphy
in den Vielklang der Gruppe
in den Austausch im Vanguard
Kauderwelsch, schreiben sie
in die Feier
des grossen
des schönen
Universums
in dem wir leben
nihilistischer Exzess, schreiben sie
des prächtigen
allumfassenden
Florian Bissig (* 12. Juli 1979 in Kilchberg ZH) ist ein Schweizer Anglist, Kulturjournalist und literarischer Übersetzer.
Zuletzt erschien
Spielen, was ist. Gedichte zu Coltrane. Verlag die brotsuppe, Biel 2026, ISBN 978-3-03867-119-0. Das heutige Gedicht steht auf den Seiten 47-52.
John Coltrane (1926-1967) revolutionierte den Jazz innert weniger Jahre gleich mehrmals. Die Wirkung des afroamerikanischen Saxophonisten ist bis heute, sechs Jahrzehnte nach seinem frühen Tod, prägend: durch seine Kompositionen, Improvisationen, seinen Ton, und durch seine Hingabe und Haltung. Anlässlich seines 100. Geburtstags schreibt sich der Lyriker Florian Bissig dem Leben und Werk John Coltranes entlang und begleitet den Jahrhundertmusiker bei seinem rastlosen Suchen und Schaffen. Er folgt ihm in seiner technischen, künstlerischen und spirituellen Entwicklung, vom Brotjob in der Rhythm-n-Blues-Band über die Engagements bei Miles Davis und Thelonious Monk bis in die Fülle avantgardistischer Werke der letzten Lebensjahre. Der Vielfalt des musikalischen Schaffens stellt der Dichter eine Vielfalt literarischer Formen entgegen und widmet sich nebst den Aufnahmen und Kompositionen auch Coltranes Lebensweg, seinen Äusserungen und seiner Wirkung auf Hörer, Künstler und Gesellschaft.
https://diebrotsuppe.ch/publikationen/alle-titel/spielen-was-ist
209 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.
Maybe Mary
für Ottilie
die wilde, bunte, irre Göttin
die keinen Bedarf hat
an Bedürftigen, an ungebetenen Seelen
aber im Vorübergehn gern
den einen oder anderen Kuss gewährt
sie will nicht mehr
sie gibt nicht mehr
weder unten noch oben;
sie ist die Himmelskönigin
sie schert sich nicht darum
wer den Platz beansprucht
zu ihrer Rechten
sie legt das blaue Kleid ab, die Krone
verjagt die süßen Engel, fällt
kippt auf den Boden unter ihren Füßen
geht durch die Straßen Jerusalems
mit leichten Schritten, voller Trauer
Aus: Olaf Wisch, Maria nimmt Gestalt an. Leipzig: Anderort – Verlag für Lyrik, 2025
Das Buch ist im Februar 2025 als Debut des Autors erschienen und wurde in diesem Jahr auf der Messe mit dem Verlagsprogramm des anderort-Verlages präsentiert. Christine Hoba schreibt dazu: „Heilige, Sünderinnen, Gottesmütter, Künstlerinnen, frisch Geborene (als Frau), Dichterinnen (vergessene, verehrte, verstorbene, suizidierte, luzide, mystische, verlachte) – der Lyriker Olaf Wisch macht sich in diesen Gedichten auf, Maria, weg von ihrer patriarchalen Überformung, Gestalt annehmen zu lassen.“
Olaf Wisch wurde 1973 in Wittenberg geboren, lebt und arbeitet in Halle (Saale). Im Juli 2026 erhält er den Klopstock-Förderpreis des Landes Sachsen-Anhalt für sein lyrisches Debut.
Zum Tod des britischen Dichters J. H. Prynne teilt Norbert Lange eine unveröffentlichte freie Nachdichtung aus The White Stones (1969) – einem Schlüsselwerk der internationalen Avantgarde-Lyrik. Ein dichterischer Gruß an einen der konsequentesten Autoren der letzten sechzig Jahre.

J. H. Prynne (Jeremy Halvard Prynne, 24. Juni 1936 in London; † 22 April 2026) war einer der bedeutendsten britischen Dichter der Gegenwart und eine zentrale Figur der sogenannten Cambridge Poetry.
Er studierte in Cambridge, wo er später viele Jahre als Bibliothekar am Gonville and Caius College arbeitete und Generationen von Dichterinnen und Dichtern prägte. Sein Werk gilt als besonders anspruchsvoll und vielschichtig: geprägt von dichter Sprachreflexion, wissenschaftlichen und philosophischen Bezügen sowie einer radikal präzisen Aufmerksamkeit für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.
Mit seinem Band „The White Stones“ (1969) wurde Prynne international bekannt; das Buch gilt heute als eines der einflussreichsten Werke der englischsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg entwickelte er eine Poetik von großer Konsequenz und Eigenständigkeit, die weit über Großbritannien hinaus wirkte und zahlreiche Autorinnen und Autoren beeinflusste.
Sein Werk steht exemplarisch für eine experimentelle, intellektuell herausfordernde Lyrik, die Sprache nicht nur als Ausdruck, sondern als Erkenntnisinstrument begreift.
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