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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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Zwei Spanien

179 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Antonio Machado 

(* 26. Juli 1875 in Sevilla, Andalusien; † 22. Februar 1939 in Collioure, Frankreich)

Kleiner Spanier

Es gibt jetzt einen Spanier, der leben
will und zu leben beginnt
zwischen einem Spanien, das stirbt,
und einem anderen Spanien, das gähnt.

Kleiner Spanier, der du
auf die Welt kommst, behüt' dich Gott.
Eines der beiden Spanien
wird dir das Herz gefrieren lassen.

Aus Martin Franzbach: Die Hinwendung Spaniens zu Europa, Die generación del 98, Darmstadt: wbg, 1988. Hier im Journal „Lesart“ 2/ 2026, S. 47 in einer Besprechung von Paul Ingendaays Darstellung des spanischen Bürgerkriegs: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939. C. H. Beck, 2026. Anmerkung in der Zeitschrift:

»Españolito« von Antonio Machado aus »Proverbios y cantares« (Sprichwörter und Gesänge) in »Campos de Castilla«, 1912. Die Bezeichnung der »beiden Spanien« entspringt diesem Gedicht.

Españolito

Ya hay un español que quiere
vivir y a vivir empieza.
Entre una España que muere
y otra España que bosteza.

Españolito que vienes
al mundo te guarde Dios.
Una de las dos Españas
ha de helarte el corazón.

Majestät stolziert durch die Straßen

269 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

In der ersten Ausgabe des „allerletzten Revolverblattes von Prenzlauer Berg“, TorTour, veröffentlichte Bert Papenfuß seine Fassung eines Gedichts des russischen Futuristen Welimir Chlebnikow. Ich verzichte heute auf das Original. Vielleicht können wir uns darauf einigen: Seine Fassung möchte nicht das Gedicht erklären, sondern dieselbe Irritation hervorrufen wie das futuristische Original.

Welimir Chlebnikow 

(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)

Das Volk erhob das höchste Zepter

Das Volk erhob das höchste Zepter,
Majestät stolziert durch die Straßen.
Das Volk ist aufgestanden, wie ersehnt.
Ein Palast, wie Cäsar, wund sich krümmend.

Breit gehüllt in meinen Zarenmantel,
Stürze ich die langsamen Stufen hinunter,
Doch der Ruf – Die Freiheit ist unser!
Ging wie ein Lauffeuer bis Wladiwostok.

Der Freiheit Lieder singen euch erneut!
Vom Pulver der Lieder ist der Plebs entflammt.
Umgeschmolzen zum Götzen der Freiheit
Der Zug der Flüchtlinge, dem ich entrannt.

Der geflügelte Geist des abendlichen Tempels
Schielt gußeisern auf die Maschinengewehre.
Wütende Scham der Kriegsgelüste –
Du, die Priesterin, zerreißt die Bande.

Was hab ich verbrochen? Des Volksbluts dunkle Gimpel
Warf ich um die lichterlohen Banner,
Die Freundin kleidend wie Girej
In die Garbe kosender Verkleinerung.

Des Fluches Tage! Schrecklicher Qualen schreckliches Gestöhn.
Doch hier – Rost, verdammt, und Schimmel! –
Erscheint in jedem Bauernrock mir Danton,
Hinter jedem Baum Cromwell.

Wieder abgedruckt in Bert Papenfuß, Ralph Gabriel (Hg.): Zwischen Mitte und Spitze. Abriß des allerletzten Revolverblattes in Prenzlauer Berg. Mit einem Echtzeittatsachenessay von Bert Papenfuß, vielen Abbildungen von verschiedenen, einem Textanhang und einer Bibliographie der Zeitschriften TorTour und Prenzlauer Berg Konnektör. Berlin: BASISDRUCK, 2015, S. 67. Die Zeitschrift erschien im November 2005.

Ein Kommentar dennoch. In der vorletzten Strophe habe ich „kreidend“ durch „kleidend“ ersetzt. Ich vermute, dass es sich um einen Druckfehler meiner Quelle handelt. Bei Chlebnikow steht ungefähr:

Was habe ich getan? Von des Volkes dunklem Blut
warf ich es zu den flammenden Bannern,
die Geliebte wie ein Giray kleidend (одевая)
in eine Garbe von Kosenamen.

Girej: Die Krimkhane aus dem Haus Giray erscheinen in der russischen Literatur – vor allem seit Puschkin – als orientalische Fürsten mit einem Harem, kostbaren Gewändern und einer poetisierten, exotischen Liebeskultur.

Chlebnikow stellt sich also vor wie ein orientalischer Fürst, der seine Geliebte schmückt. Aber womit? Nicht mit Seide oder Gold, sondern „mit Kosenamen“.

Kristallfeuer. Leekkristall

131 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Doris Kareva


Ich schlief den Schlaf der Mineralien,
schlief magmatief,
und sah ein Gesicht: der leuchtende Wind
erhob sich, drohend, hinter den Bergen.

Die Tage zerschmolzen zu einer einzigen Träne,
aus meiner Kehle stieg nur noch Lobgesang
Kristallfeuer, ewig verspielt veränderlich,
schwamm in meinem sich wandelnden Ich

Deutsche Fassung: Katja Lange-Müller, aus: Die Freiheit der Kartoffelkeime. Poesie aus Estland, edition die horen, hier aus: Vorläufig ist die Zeit – Esialgu on aeg. (Katalog). Ahrenshoop: Edition Hohes Ufer, 2015, S. 28

Ma magasin mineraalide und, 
ma magasin nagu magma
ja nägin nägemust: helkiv tuul
tõusis, ähvardav, mägede taga.

Päevad sulasid kokku ainsaks pisaraks,
kurgust kerkis vaid kituselaul,
igimänglev erk leekkristall
mu muutlikus kujus ujus.

Doris Kareva, geboren 1958 in Tallinn, estnische Dichterin und Übersetzerin. Ihre Texte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Ihr Worte. Ingeborg Bachmann 100

183 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Zum 100. Geburtstag der Dichterin

Ingeborg Bachmann 

(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)

Ihr Worte

Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht's noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht's.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
– nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.
Laßt, sag ich, laßt.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos –

Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!

Aus: Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte. München Zürich: Piper, 1998 (8. Aufl.), S. 172f

Dieses Gedicht erschien zuerst 1961 in einem Sammelband des Suhrkamp Verlags zu Ehren von Nelly Sachs.

Wer klopft da schon noch an?

231 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Kersten Flenter

MACH DIE TÜR VON AUẞEN ZU

Zwei Rock’n’Roll Selbstmorde in einer Woche
Sind schon eine erwähnenswerte Quote
Einer beschäftigt die gesamte Presse
Über mehrere Wochen der andere
Bleibt eher eine Randnotiz

Und mir fällt ein Gedicht ein
Das mich mit vierzehn mal vor dem
Abgang bewahrt hat
Obwohl es von Reiner Kunze ist:

„Die letzte aller Türen
Doch nie hat man
An alle schon geklopft“


Schrieb er über Selbstmord nun
Hannelore Kohl und Herman Brood
Schlossen die Tür jetzt von außen zu
Still die eine
Stilvoll der andere

Vergessen wir Hannelore
Wie erbärmlich das alles ist
Wenn selbst die Katholiken
Schon den Königsweg gehen
Und Staus verursachen

Viel beruhigender dagegen
Der gute Herman
Ein Abgang mit Mumm:
Sich mit 53 Jahren
Vom Dach eines
Amsterdamer Hotels zu stürzen
Die Worte
Ich habe keine Lust mehr
Hinterlassen
Das ist großartig
Das ist Stil
Und Würde

Eine kurze Notiz nur Herman
In der Tageszeitung
Und doch denke ich an dich
Wie ich dich zuletzt sah
Neunzehnhundertachtundneunzig
Nach der Premiere deines Gedichtbandes
Gepaart mit einer Vernissage
Deiner Bilder

Liebes Blutbad
Hieß dein Tagebuch mit Gedichten
Und später sah ich dich
Wie immer voll mit
Amphetaminen und Schnaps
Einsam durch die Straßen Hannovers torkeln
Orientierungslos
Heimatlos
Wir wir alle es sind

Die letzte aller Türen
Wer klopft da schon
Noch an?

Aus: Kersten Flenter: Während des Wartens. 23 Gedichte. Hannover: edition roadhouse, 2003

Gedicht in leichter Sprache

340 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Daniel Falb

Vor 200 Jahren hat der Schrift∙steller Heinrich Heine gelebt.
Ein Gedicht von ihm heißt: „Deutschland. Ein Wintermärchen".
Es ist ein lustiges Gedicht.
Aber der Inhalt ist ernst.
In dem Gedicht geht es um die Probleme von Deutschland.
Es ist eine Kritik an Deutschland.
Eine Kritik sagt: Das ist alles schlecht an einer Sache.
Eine Kritik kriegt man nicht gerne.
Aber eine Kritik kann helfen.
Denn damit kann man die Probleme besser verstehen.
Und vielleicht kann man die Probleme dann lösen.

Dieses Buch ist auch eine Kritik an Deutschland.
Wie das Gedicht „Deutschland. Ein Wintermärchen"
von Heinrich Heine.
Aber es ist eine moderne Kritik.
Das heißt: Es geht um die Probleme von heute.

Es geht um die Verbindungen zwischen Deutschland
und der Welt.
Und es geht um die verschiedenen Arten von Grenzen.
Denn es gibt mehr als nur die Grenzen zwischen
den Ländern.
Es gibt auch die Grenzen zwischen den Menschen.
Zum Beispiel:
- Manche Menschen sind arm und andere sind reich.
- Manche Menschen können gut lesen und andere nicht.

In diesem Buch geht es auch um die Leichte Sprache in
Deutschland.
Es gibt in Deutschland immer mehr Texte in Leichter
Sprache.
Die Leichte Sprache ist eine Sprache für alle Menschen.
Damit kann kann man die Texte besser verstehen.
Die Idee ist: Alle Leute sollen mitreden können.
Die Leichte Sprache soll die Sachen klarer machen.

Die Leichte Sprache kann man auch für Gedichte benutzen.
Dann kann man die Gedichte leichter lesen.
Dann sind die Gedichte für alle Menschen da.
Mit der Leichten Sprache kann man die Gedichte
besser verstehen.
Denn Gedichte sind mehr als nur einzelne Sätze
von einer Geschichte.
Manchmal erzählen Gedichte noch mehr.
Sie sind wie Musik.

Da gibt es auch mehr als nur den Text.
Zum Beispiel die Melodie.
In einem Gedicht gibt es manchmal eine unsichtbare
Sprache.
Die versteckt sich hinter der normalen Sprache.
Die unsichtbare Sprache kann man beim Lesen
entdecken.
Vielleicht hilft die Leichte Sprache dabei.

Aus: Daniel Falb: Deutschland. Ein Weltmärchen (in leichter Sprache). Berlin: kookbooks, 2023 (Reihe Lyrik Band 84), S. 6-9

Bacchanal

278 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Yusef Komunyakaa 

(* 29. April 1947 in Bogalusa, Louisiana)

Bacchanal

Rubens malt das Verlangen
in den Augen seiner Frau, die
zu dem Schwarzen aufblicken,

der ihr einen Arm um die Taille
gelegt hat. Tamburine erfüllen
die Dämmerluft mit Leben,

& es gibt eine Tulpenandeutung,
abseits des Jubels einen Jungen,
der sich an sein Glied fasst.

Hat man einen Krieg gewonnen,
Hunde von den Toren vertrieben
oder das gemästete alte Kalb

geschlachtet? Karrenräder binden
den Sommer voll der Hufe Pans
an den nächsten, mit Bacchus

& Zulus. Wir meinen,
in diesem Raum, da
verbirgt sich reines Quarz,

es wühlt das Licht auf, zwingt
Hände dazu, jenseits
Ambrosia nacheinander

zu greifen. Verführt von Freude
& Salbung, will seine Frau
wissen, wie lang er

mit einem Pinsel getanzt hat,
um den Nachthunger zu verwandeln
in einen Orgasmus aus Farben.

Aus dem Englischen von Mirko Bonné, aus: Yusef Komunyakaa, Der Gott der Landminen. Gedichte, Zweisprachige Ausgabe. München: Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, 2024, S. 57

Bacchanal

Rubens paints desire
in his wife’s eyes
gazing up at the black man

who has an arm around
her waist. Tambourines
shake the dusky air alive,

& there’s a hint of tulips,
a boy touching his penis
at the edge of jubilation.

Has a war been won, have dogs
been driven from the gates,
or the old fattened calf

slaughtered? Cartwheels
tie one Pan-hoofed season
to the next, with Bacchus

& Zulus. We believe
there’s pure quartz
hidden in this room

fretting the light,
forcing hands to reach
for each other, beyond

ambrosia. His wife
seduced by joy & unction,
wants to know how long

he’s danced with a brush
to will the night’s hunger
into an orgasm of colors.

Ebd. S. 56

Walter Hasenclever (1890-1940)

824 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten und nach der Bücherverbrennung aus den Bibliotheken entfernt. Hasenclever ging daraufhin ins Exil nach Nizza. 1934 heiratete er dort Edith Schäfer. Am 27. September 1938 macht das Reichsministerium im deutschen Reichsanzeiger die „Ausbürgerung des Juden Walter Hasenclever“ bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ in Frankreich zweimal (u. a. im Fort Carré in Antibes) interniert. Nach der Niederlage Frankreichs nahm er sich in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1940 im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence mit einer Überdosis Veronal das Leben, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Sein Grab befindet sich in Aix-en-Provence auf dem Cimetière Saint-Pierre.

https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hasenclever

Zum Anlass habe ich seine Übersetzung eines Gedichts von Paul Verlaine ausgewählt und stelle das Original und eine annähernd wörtliche Übersetzung dazu.

Kaleidoskop

[1922, geschrieben 1914]

Nach Paul Verlaine

Irgendwo in einer Stadt im Traume
ist es so, als ob man schon gelebt:
einen Augenblick im schwanken Raume —
Sonne da im Nebel, der sich hebt!

Stimme vom Gehölz und Ruf vom Meer!
Wie ein Grund, auf dem du nicht erscheinst;
wie aus langem Schlaf die Wiederkehr
deiner Seele: und nicht mehr wie einst

sind die Dinge an dem magischen Orte,
wo des Abends Orgeln Tänze hämmern,
Katzen in Cafés auf Tischen dämmern,
und Musik durchzieht Gewölb und Pforte.

So beschwerend alles, daß man weint:
Tränen leis an Wangen und Geäder,
schluchzend Lachen im Geknirsch der Räder
und Beschwörung, daß der Tod erscheint;

altes Wort wie ein verwelkter Blumenstrauß!
Das Geräusch der Bälle grell und Schein von Lichtern,
Witwen drängen sich mit kupfernen Gesichtern,
Bäuerinnen, durch der Bummler Schwarm hinaus,

der da schwatzt mit Kindern, schlimmen Flüchen,
Greisen, wimperlos, von Flechte weiß geschalt,
während drüben in Uringerüchen
eine Volksbelustigung mit Fröschen knallt.

So als träumt man und erwacht des Trugs
und schläft wieder ein und träumt noch immer
von dem gleichen Flor, vom gleichen Schimmer;
Sommer, Gras und Seide eines Bienenflugs.

Aus: Walter Hasenclever: Gedichte Dramen Prosa. Unter Benutzung des Nachlasses herausgegeben und eingeleitet von Kurt Pinthus. Reinbek: Rowohlt, 1963, S. 92f

Paul Verlaine

KALÉIDOSCOPE
À Germain Nouveau

Dans une rue, au cœur d’une ville de rêve
Ce sera comme quand on a déjà vécu :
Un instant à la fois très vague et très aigu...
Ô ce soleil parmi la brume qui se lève !

Ô ce cri sur la mer, cette voix dans les bois !
Ce sera comme quand on ignore des causes ;
Un lent réveil après bien des métempsycoses :
Les choses seront plus les mêmes qu’autrefois

Dans cette rue, au cœur de la ville magique
Où des orgues moudront des gigues dans les soirs,
Où les cafés auront des chats sur les dressoirs
Et que traverseront des bandes de musique.

Ce sera si fatal qu’on en croira mourir :
Des larmes ruisselant douces le long des joues,
Des rires sanglotés dans le fracas des roues,
Des invocations à la mort de venir,

Des mots anciens comme un bouquet de fleurs fanées !
Les bruits aigres des bals publics arriveront,
Et des veuves avec du cuivre après leur front,
Paysannes, fendront la foule des traînées

Qui flânent là, causant avec d’affreux moutards
Et des vieux sans sourcils que la dartre enfarine,
Cependant qu’à deux pas, dans des senteurs d’urine,
Quelque fête publique enverra des pétards.

Ce sera comme quand on rêve et qu’on s’éveille,
Et que l’on se rendort et que l’on rêve encor
De la même féerie et du même décor,
L’été, dans l’herbe, au bruit moiré d’un vol d’abeille.

Textnahe Übersetzung (KI von mir bearbeitet)

Anmerkung: Hasenclevers Gedicht ist ziemlich treu und zugleich poetisch übersetzt. Diese Prosaübersetzung soll ihn nicht verbessern, sondern nur dem Vergleich mit dem Original dienen. (Und auch beim „wörtlichen“ Übersetzen muss man „dichten“.) Diskussion willkommen!

Kaleidoskop
Für Germain Nouveau

In einer Straße, im Herzen einer Traumstadt,
wird es sein wie als (ob) wir schon einmal gelebt haben:
ein Augenblick zugleich sehr vage und sehr scharf ...
O diese Sonne inmitten des aufsteigenden Nebels!

O dieser Schrei über dem Meer, diese Stimme im Wald!
Es wird sein wie als wir die Ursachen nicht kannten;
ein langsames Erwachen nach vielen Seelenwanderungen:
Die Dinge werden nicht mehr dieselben sein wie einst

in dieser Straße, im Herzen der magischen Stadt,
wo Orgeln abends Giguen spielen werden,
wo in Cafés Katzen auf den Theken sitzen
und Musikkapellen hindurchziehen.

Es wird so schicksalhaft sein, dass man zu sterben glaubt:
Tränen, sanft die Wangen hinabrinnend,
schluchzende Lacher im Krachen der Räder,
Beschwörungen, der Tod möge kommen,

alte Worte wie ein Strauß verwelkter Blumen!
Die grellen Geräusche öffentlicher Bälle werden herüberdringen,
und Witwen mit Kupfer auf der Stirn,
Bäuerinnen, werden die Menge der Dirnen durchschneiden,

die dort umherschlendern und mit abscheulichen Gören reden
und mit Alten ohne Augenbrauen, die von Schorf weiß bestäubt sind;
während zwei Schritte weiter, in Uringerüchen,
irgendein Volksfest Böller knallen läßt.

Es wird sein wie wenn man träumt und erwacht
und wieder einschläft und noch einmal träumt
von derselben Zauberwelt und derselben Szenerie,
im Sommer, im Gras, beim schillernden Summen eines Bienenflugs.

Nahbellpreise 2026

1.051 Wörter, 6 Minuten Lesedauer.

2 Nahbellpreise 2026: 3.Konzeptpreis (Projekt) & 3.Nebenpreis (Essay)

G&GN-INSTITUT – Düsseldorf, den 21.6.2026 / In diesem Jahr gibt es weder einen Nahbellhauptpreisträger für ein lyrisches Lebenswerk noch einen Nahbellförderpreisträger für einen Nachwuchslyriker. Stattdessen werden zwei spezielle Nahbellpreise vergeben: der 3.Konzeptpreis geht an den Duisburger Helmut Loeven (geb. 1949) für seine seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“ und der 3.Nebenpreis geht an Ulrich Jösting (geb. 1962) für seinen Essay „ES ANTWORTET SOFORT“ über die Nutzung von KI beim avancierten Schreiben. Die Urkundentexte begründen diese Entscheidungen als Ausdruck des Respekts vor der selbstehrlichen Beharrlichkeit der Preisträger. Im Detail: www.POESIEPREIS.de & www.KONZEPTPREIS.de

KONZEPTPREIS („Für das außergewöhnliche Engagement und die soziale alternative visionäre Resistenz gegenüber den freiheitsfeindlichen Tendenzen der marktbesessenen Zwänge des Kulturbetriebs“):

„Wo ich hantiere, ist die Grenze zwischen dem, was Satire ist und was Satire nicht ist, nicht definierbar. In meinem Blatt erscheinen seit Jahrzehnten auch Sach-Artikel, Kommentare, Analysen usw. Es geht mir um die Vielfalt der Gegensätze: Text & Bild, lang & kurz, historisch & aktuell, nachdenklich & apodiktisch, subjektiv & objektiv, theoretisch und alltäglich, ernst und unernst, klar und rätselhaft.“

Helmut Loeven, im Nahbellpreis-Interview: VERWEIGERUNG & VERNETZUNG

Helmut Loeven

Der Schatz im Silbersee

Winnetou hat kein Pferd mehr.
Irgendjemand hat ihm seins weggenommen.
Die Versicherung will dafür nicht aufkommen.
Old Shatterhand hat festgestellt,
dass es im ganzen Wilden Westen
kaum Regenschirme gibt.
Winnetous Schwester hat ein Geschäft für
Bastelbedarf auf der Wanheimer Straße.
Die vom Stamme der Apachen denken: Wir
hätten das Funkhaus in die Luft gesprengt.
Dabei waren wir das gar nicht.

(2017 – live am 11.6.2026 im SYNTOPIA, Duisburg, siehe YouTube)

Aus dem Nahbell-Interview mit Helmut Loeven:

„VERWEIGERUNG & VERNETZUNG“

G&GN: Du bekommst den Konzeptpreis für die von Dir seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“, denn mit diesem DinA4-Copy-Art-Machwerk sind viele Projekte verknüpft, so dass die Zeitschrift einen Anker darstellt, von dem aus man sich in die gesamte Loeven-Strömung stürzen kann! Wie lässt sich Kontinuität über fast 6 Jahrzehnte schaffen?

LOEVEN: Die innere Lähmung der Nachkriegszeit sollte überwunden werden, der aggressiven Spießbürgerlichkeit sollte etwas entgegengesetzt werden. (…) In der allerersten Phase, im Trubel der APO-Gruppen, regte sich Misstrauen, weil das Blatt von einer einzigen Person gestaltet wurde. (…) Dem Einzelkämpfer misstraute man grundsätzlich. Kollektivismus heißt: Wer am wenigsten beiträgt, will am meisten zu sagen haben – dann aber für nichts verantwortlich sein. (…) Nach anderthalb METZGER-Jahren bekam ich einen Brief von Josef Wintjes in Bottrop. Der hatte ein Unternehmen gegründet mit dem sperrigen Namen Nonkonformistisches literarisches Informationszentrum. (…) Bei der Ausweitung seines Versandangebots haben wir kooperiert und auch intensiv füreinander Werbung betrieben. Sowohl am Ulcus-Molle-Info, als auch am Impressum habe ich mich mit Beiträgen beteiligt. (…) Die Buchhandlung wird 2027 geschlossen. Der Buchhandel wird als Versand-Antiquariat fortgesetzt, für die Eigenproduktionen wird mehr Zeit zur Verfügung stehen, die Internet-Präsenz bleibt. Die Zeitschrift „DER METZGER“ wird sicherlich weiter erscheinen.

Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:

https://poesiepreis.jimdofree.com/konzeptpreis/03-metzger

NEBENPREIS („Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft“):

„Man kann vollkommen ohne KI schreiben und trotzdem klingen wie ein Algorithmus für literarische Bedeutsamkeit. (…) Können Autoren noch Literatur von literaturähnlichem Text unterscheiden? Können sie noch hören, wann ein Satz nur funktioniert und wann er notwendig ist?“

Ulrich Jösting, im Nahbellpreis-Essay: ES ANTWORTET SOFORT

https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting/es-antwortet-sofort/

Ulrich Jösting

atemzüge ohne richtung

abgeworbene glocken wachsen horizontal
blühen auf im schein der möglichkeiten
aus dem zahnfleisch der landschaft
ein pfeil aus milch durchbohrt das fensterlose auge darin
eine treppe aus cremeweißem papier stapelt sich ins ungesagte

neun uhren ächzen im schrank
ihre ziffern tropfen als lose blätter
auf das pelzige leuchten das sich in den wänden verliert
eine hand ohne gelenk schreibt mit salz
in den bodenlosen sand

ein wort das sich selbst nicht versteht
während zwischen den ausgebrannten monden
die städte schwimmen auf toten briefmarken

es ist ein tag wie ein abgerissener kalenderbogen
hinter dem rostigen horizont
schlägt ein herz aus asche
im takt mit den sirenen
die nicht wissen wovor sie warnen

die uhren haben sich in ihre zahnräder zurückgezogen
zwischen den zähnen wächst moos
das die sprache verschluckt
die namen der straßen sind nur noch abdrücke
im mund einer maschine

die trauer ein algorithmus der sich selbst überschreibt
während die bilder der verluste
zu bestimmten landschaften gerinnen

(Aus dem Gedichtband: „der träume strandgut“, BoD Verlag 2025)

Aus dem Nahbell-Interview mit Ulrich Jösting:

„DIE ENTMYSTIFIZIERUNG VON GENIALITÄT DANK KI“

G&GN: Obwohl sich Gedichtbände schlecht verkaufen, bemühen sich nur wenige Dichter, neue Leser oder auch Zuhörer bei Festivals zu akquirieren, indem sie die Neugier mit Textbeispielen wecken. Dieser Unterschied macht sich vielleicht jetzt in der Arbeit mit der KI bemerkbar?

JÖSTING: Wer seit Jahrzehnten kontinuierlich digital publiziert, hinterlässt einen enormen stilistischen Fußabdruck. Gerade bei Schreibenden mit einer sehr markanten Sprachbewegung, bestimmten Denkfiguren, Rhythmen und Obsessionen entsteht daraus ein relativ gut imitierbares Muster. (…) Dass ein erheblicher Teil dessen, was wir Stil nennen, aus wiederkehrenden Mustern besteht, mag verstören. (…) In mancher Hinsicht ist die Arbeit mit generativer KI auch unbefriedigend. Ihre Angebote sind überästhetisiert, klischeehaft, bedeutungssimulierend und voller scheinpoetischer Nebelschwaden. Gelegentlich entstehen aber bemerkenswerte Momente: einzelne Bilder, Formulierungen oder überraschende semantische Kollisionen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. (…) Interessant ist dabei oft weniger die konkrete Antwort der KI als die Gegenbewegung, die sie im eigenen Denken auslöst. Häufig entsteht der produktive Moment gerade im Widerspruch. (…) Die KI zwingt uns, genauer über Autorschaft nachzudenken. Nicht sakraler, sondern präziser in der Frage nach Verantwortung, Form, Entscheidung, Verfahren. (…) Die Frage lautet nicht mehr: War ich ganz allein? Sondern: Was habe ich aus dem gemacht, was mir entgegenkam? Welche Notwendigkeit hat es durchlaufen?

G&GN: Authentisch wird gemäß Deiner Ausführungen wohl immer das sein, was sich aus echter Notwendigkeit als richtig erweist, ganz gleich mit welchen Hilfsmitteln generiert, aber authentisch ist nicht unbedingt automatisch genial. Was aber empfinden wir als genial und warum?

JÖSTING: Genialität ist nicht Eigentum eines souveränen Subjekts, sondern der Moment, in dem sich etwas formuliert, das größer wirkt als die Absicht des Urhebers. Ein Satz, bei dem selbst der Autor erschrickt, nicht weil er ihn kontrolliert hätte, sondern gerade weil er ihn nicht vollständig kontrolliert. (…) Wenn ein experimenteller Lyriker und ein marktstrategischer Romancier dieselbe Anfrage an eine KI stellen, dann ist das zunächst vollkommen unspektakulär. Beide greifen auf ein ähnliches Materialangebot zu. Aber sie tun es mit vollkommen verschiedenen ästhetischen Interessen. Der eine sucht Widerstand, Störung, Abweichung, eine fremde Spannung im eigenen Sprachraum. Der andere sucht Plotlogik, Zielgruppenanschluss, Lesbarkeit, Verkaufbarkeit.

Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:

https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting

Aikylisch

Peter Zemla

Einführung ins Aikylische

Man müsse in jedem Fall die Geschichte
des kleinen Landes mitdenken, dann erst
entwickele man ein Gespür für das Markige
seiner Sprache. Beispiel: Der kehlige Laut
ohne Vokal, in unseren Ohren nicht mehr
als ein Röcheln, bedeute Sich bäuchlings
auf den Rücken zu legen mit hinter dem
Kopf verschränkten Händen
. Oder: Der
Grimmsche Satz Aber der Wolf fand sie
alle und verschluckte sie, außer das jüngste
in der Wanduhr
heiße ganz einfach krok.

Aus Jahrbuch der Lyrik 2023. Hrsg. Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling, 2023, S. 181

Peter Zemla, geboren 1964, lebt in Bayreuth.

Ich werde bald oben sein

168 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Jochen Ziem 

(* 5. April 1932 in Magdeburg; † 19. April 1994 in Berlin) 

1
Meine ersten Texte sind jetzt gedruckt langsam werde
ich besser

2
Vor dem Spiegel übe ich Würde ich bereite mich auf
Besuch vor junge Dichter werden Versuche vorlegen ich
werde naja sagen

3
Ich studiere jetzt ruhige Gesten

4
Über die Preise der Akademien werde ich schmunzeln
na wenn schon ich habe es immer gewußt der Nobelpreis
riecht mir nach Pulver der Stalinpreis wurde zu spät
umbenannt

5
Ohnehin ist mein Ehrgeiz ganz anders gerichtet mit dem
Finger werde ich auf Frauen weisen können wie auf eine
Ware die ich haben will
Ich werde bald oben sein

Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Mit einem Vorwort von Wolfgang Hädecke. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (ca. 1965), S. 479f

Wolfgang Hädecke studierte Germanistik an den Universitäten in Halle und Leipzig, wo er mit Uwe Johnson befreundet war. Er war Praktikant am Stadttheater in Greiz und beim Berliner Ensemble. 1956 verließ er die DDR und ging in die Bundesrepublik Deutschland.

Jüdischer Friedhof

92 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Walter Helmut Fritz 

(* 26. August 1929 in Karlsruhe; † 20. November 2010 in Heidelberg) 

AUF DEM JÜDISCHEN FRIEDHOF IN WORMS

Ein Nachmittag mit Namen verbracht – 
Rabbi Baruch, Maharam Meir von Rothenburg, 
Maharil Jacob Molin. 
Ein Nachmittag verbracht mit einigen Bewegungen 
des Lichts auf sehr alten Steinen.

Aus: Walter Helmut Fritz, Gedichte. Darmstadt: Moderner Buch-Club, 1964, S. 28

Die Bilder sind aus dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Die Namen waren jünger, 19.-21. Jahrhundert. Stefan Heym, Angelika Schrobsdorff, Lesser Ury, Rudolf Mosse, Günter Kunert, Hans Mottek, Oscar Blumenthal unter vielen anderen.

Hellmut Seiler †

314 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Gestern Abend meldeten soziale Netzwerke, dass der Lyriker Hellmut Seiler gestorben ist. Seiler wurde 1953 als Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit der Siebenbürger Sachsen in Rumänien geboren und gehörte in den 1970er Jahren zu dem mächtigen Häuflein junger Autoren, die dort unten, fern von den west- und ostdeutschen Literaturzentren, im Banat, in Siebenbürgen und Budapest eine starke Literaturszene bildeten, ermuntert von einem kulturpolitischen Tauwetter Mitte der 1960er Jahre und hart ertrotzt und verteidigt gegen regressive und repressive Tendenzen, die schon ein paar Jahre später den Frühling wieder beendeten. Ein paar Jahre konnten die jungen Literaten in ihrer kleinen Nebenszene den Tauwetterkurs halten, in diesen Jahren lernte ich die Zeitschrift „Neue Literatur“ kennen und bewunderte eine vielfältige und mutige Literatur, ich las Prosa von Herta Müller und Gedichte von Richard Wagner, Werner Söllner, William Totok, Franz Hodjak, Horst Samson, Hellmut Seiler und anderen. Die dünnen Hefte dieser Zeitschrift entwickelten zunehmend einen harten Spagat zwischen unsäglichen Ergebenheitsadressen an den großen Conducator (d.i. Führer) Nicolae Ceaușescu in Wort und Bild am Heftanfang und frechen literarischen Texten im Inneren. Es schien eine Arbeitsteilung zu geben zwischen Literaturfunktionären, die den politischen Senf lieferten, und den Autoren, denen so ein gewisser Spielraum noch blieb. Dort las ich auch dieses Gedicht von Hellmut Seiler, das meine Stimmungslage in diesen Jahren genau traf. R.i.p.

Hellmut Seiler 

(* 19. April 1953 in Rupea, Rumänien; † 16. Juni 2026)

agronomisch

gepflanzt wird
in vollgeregelten abständen
in reih und glied
unter strenger berücksichtigung der faktoren
die ordnung und aufsicht sichern
optimales ausgesetztsein den witterungsverhältnissen
unterbindung aller eigenmächtigen fortpflanzung und
zusammenrottung sowie zurechtstutzen der
seitentriebe
unter bedingungen bester einpassung und
verwurzelung
bei kleinstmöglicher gewährung von unnützem
freiraum

harren die setzlinge des kommenden

so werden sie ihrer bestimmung zugeführt

die das feld bestellen
sehen zuversichtlich
der blühenden zukunft
entgegen

Aus: Der Herbst stöbert in den Blättern. Deutschsprachige Lyrik aus Rumänien. Herausgegeben von Peter Motzan. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 45

Wozu sich von dem anderen entzweien

146 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Martin Pohl 

(* 28. März 1930 in Festenberg, Schlesien, heute  Twardogóra, Polen; † 23. September 2007 in Neubrandenburg)

SCHWEDISCHES SONETT

Freut euch, so lang noch grüne Häuser stehn
In grüner Wildnis, worin Eulen schreien!
Und stoßt die Fenster auf, euch zu befreien,
Die Fenster, die euch lehren, weit zu sehn.

Wozu sich von dem anderen entzweien,
Der mit euch spürt des grünen Windes Wehn?
Ihr seid allein. Was kann euch noch geschehn?
Und es tut wohl, dem Wind ein Ohr zu leihen.

Der Abend reicht euch Ringe aus Smaragd,
Gießt grüne Dämmerungen ins Gesträuch,
Schon schwindet, was euch eigen war: die Wildnis.

Und grüne Fische streunen selig, nackt,
Fast etwas irr durch dieses schöne Bildnis
Zu grünen Fenstern hin und finden euch.

Aus: Martin Pohl, Nur ein Erinnern traumumflort. Ghaselen, Sonette und andere Gedichte. Mit Zeichnungen von Joachim Lautenschläger. Neubrandenburg: federchenVerlag, 2003, S. 48

Ein Schweigen das lügt

518 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Pierre Reverdy 

(* 13. September 1889 in Narbonne; † 17. Juni 1960 in der Abtei Saint-Pierre bei Solesmes)

Ein Schweigen das lügt

Warte warte
sanftmütig im Qualm der Fackeln
entfesselten Atems den der Sturm skandiert
Körner voll Lebens treiben über den Boden
und füllen nach und nach die Radspuren
Es schreit der Wind er wechselt die Richtung
im verzweifelten Lauf der eroberten Geschicke
Schwarz oder weiß
aber auf der Stirn ist er rot
Im Inneren des Himmels wo die Schmiede geheizt wird
warte auf den Augenblick deinen Knebel zu winden
Auch zum Beißen ist der Mund gemacht
zu geifern und den Schweiß zu trinken der Furchen zieht
zum Lachen zum Lügen
deine Befreiung zu singen
Rosig und frisch wie eine Wunde
war er schöner als vorher
aber er wußte nicht mehr was sagen

Aus dem Französischen von Max Hölzer, aus: Pierre Reverdy: Quellen des Windes. Gedichte aus den Jahren 1915 – 1948. München: Kösel-Verlag, 1970, S. 111

Le Silence qui ment

Attends attends
Placide dans la fumée des torches
Le souffle déchaîné que rythme la tourmente
Une traînée de grains pleins de vie sur le sol
Comble peu à peu les ornières
Il crie le vent qui change ses ressorts
Dans la course éperdue des destinées conquises
Noir ou blanc
Mais il est rouge au front
A l'intérieur du ciel où l'on chauffe la forge
Attends le moments de tordre ton bâillon
La bouche est faite aussi pour mordre
Pour baver et boire la sueur qui creuse des sillons
Pour rire pour mentir
Pour chanter ta délivrance
Rose et fraîche comme une cicatrice
Elle était plus belle qu'avant
Mais elle ne savait plus quoi dire

Ebd. S. 110

Pierre Reverdy

Die Funktion der Poesie (Auszug)

Gibt es auf der ganzen Welt ein Wort, das bedeutungsvoller wäre, von dem ein stärkerer Zauber ausginge, als das Wort Poesie? Gibt es, andererseits, ein zweites Wort, das leichter als dieses verspottet und verkannt – so häufig verwendet und so schlecht definiert würde? Für gewöhnlich dient das Wort, dienen die Worte, dazu, die Dinge zu definieren, zu bedeuten – sie von ihrem Gewicht zu befreien, sie durch den Geist leicht, beweglich und geschmeidig zu machen. Was aber die Dichtung angeht, könnte es scheinen, als hätte man dem Ding das aufgebürdet, was Sache des Wortes wäre. Man sagt, dies oder jenes Ding sei poetisch. Man glaubt, einander zu verstehen. Aber rasch gewahrt man, daß man sich schon nicht mehr so gut versteht, sobald man sich anschickt, genauer zu bestimmen, weshalb und inwiefern dies oder jenes poetisch ist oder nicht. Und zwar vielleicht bloß darum, weil man das, was man bezeichnen möchte, dort unterbringt, wo es sich nicht befindet.

Die Poesie ist nicht in den Dingen – so wie Farbe und Duft in der Rose sind und von ihr ausgehen –, sie ist im Menschen, und nirgends sonst, und der Mensch legt sie in die Dinge, wenn er sich ihrer bedient, um sich auszudrücken. Sie ist ein Bedürfnis und ein Vermögen, eine Notwendigkeit für den Menschen – eine jener Notwendigkeiten, die über sein Schicksal entscheiden. Sie ist eine eigene Art des Empfindens und Denkens.

Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, ebd. S. 128