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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Wenn sie nur nicht solche Eile hätten

Das heutige Gedicht könnte auch zum Ausbremsen eifrigen Interpretierens dienen. Wenn sie nur nicht immer solche Eile hätten.

Geschrieben hat es Heinz Kahlau, der auflagenstärkste Dichter Deutschlands.

Heinz Kahlau 

(* 6. Februar 1931 in Drewitz, Kreis Teltow; † 6. April 2012 in Greifswald)

Das Lied von der Eile

Ein Fleisch wächst auf den Weiden.
Die Schlächter stehen bereit,
das Fleisch mit Macht zu zerschneiden –
es hat zum Wachsen nicht Zeit.

Wenn sie nur nicht solche Eile hätten,
wäre es besser für sie.
Was sie ohne diese Eile hätten,
kriegen sie nie.

Ein Weib geht durch den Hafen.
Die Männer stehen bereit,
das Weib mit Macht zu beschlafen,
es hat zum Lieben nicht Zeit.

Wenn sie nur nicht solche Eile hätten,
wäre es besser für sie.
Was sie ohne diese Eile hätten,
kriegen sie nie.

Ein Weiser wurde gefunden.
Die Leute stehen bereit,
mit Macht ihm Ruhm zu bekunden,
er hat zur Weisheit nicht Zeit.

Wenn sie nur nicht solche Eile hätten,
wäre es besser für sie.
Was sie ohne diese Eile hätten,
kriegen sie nie. Kriegen sie nie. —

Zuerst in: Heinz Kahlau: Probe. Gedichte (Reihe Antwortet uns! 6). Berlin: Volk und Welt, 1956. Neu in Heinz Kahlau: Sämtliche Gedichte und andere Werke (1950-2005). Hrsg. Lutz Görner. Berlin: Aufbau, 2005, S. 81f

Zum Runebergtag

5. Februar ist in Finnland Runebergtag. Man feiert den Geburtstag eines Dichters.

Johan Ludvig Runeberg (* 5. oder 7. Februar 1804 in Jakobstad; † 6. Mai 1877 in Porvoo), finnlandschwedischer Dichter, Nationaldichter Finnlands. Sein Geburtstag ist Runebergtag, da isst man Runebergtorte.

L&Poe schließt sich heute an mit dem Anfang des finnischen Nationalepos „Kalevala“, das zwar nicht Runeberg, sondern Elias Lönnrot aus finnischen Volksliedern zusammenstellte. (Ich weiß nicht, ob es ein Fauxpas ist, Lönnrot statt Runebergtorte, und ob es mir die Finnen übelnehmen werden. In dieser Woche gab es bis jetzt 17 Klicks aus Finnland, sagt mir WordPress. Hallo ihr da!). Das Kalevala erzählt von der Geschichte der Finnen und auch von der Kraft der Worte. So sind sie, die jungen tausendjährigen Völker.

Elias Lönnrot wurde am 9. April 1802 in Sammatti in Schweden geboren und starb am 19. März 1884 in Sammatti, nun Russisches Kaiserreich. (Heute liegt es in Finnland)

Mit seinem Werk legte er den Grundstein für eine finnischsprachige Literatur und die Entwicklung einer finnischen Identität. Er gilt nach dem Bibelübersetzer Mikael Agricola als „zweiter Vater der finnischen Sprache“. Die Banknote zu 500 Finnische Mark, welche von 1986 bis zur Einführung des Euro Zahlungsmittel war, trägt seine Abbildung.

Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Elias_Lönnrot

Hier die erste Seite der Übersetzung von Lore und Hans Fromm, die 1967 bei Hanser und 2005 in einer „Volksausgabe“ bei Marix erschien. Nach dem finnischen Original und einer Strophe der ersten deutschen Übersetzung von 1852 noch der Anfang einer Nacherzählung in Prosa, die 1959 in der DDR erschien. Sie hat zwar nichts mit dem Anfang des Gedichts zu tun, gibt aber etwas Kontext.

Mich verlangt in meinem Sinne, mich bewegen die Gedanken,
An das Singen mich zu machen, mich zum Sprechen anzuschicken,
Stammesweise anzustimmen, Sippensang nun anzuheben.
Worte schmelzen mir im Munde, es entstürzen mir die Mären,
Eilen zu auf meine Zunge, teilen sich an meinen Zähnen.

Lieber Freund, du mein Gefährte, schöner Jugendspielgenosse!
Mach dich mit mir nun ans Singen, schick dich mit mir an zum Sprechen,
Da wir uns nun hier vereinten, hierher kamen von zwei Seiten!
Selten kommen wir zusammen, kommt der eine zu dem andern
In den armen Grenzgefilden, auf des Nordens karger Krume.

Laß uns Hand in Hand nun legen, Finger zwischen Finger fügen,
Daß wir guten Sang nun singen, unsre besten Weisen bieten;
Lauschen sollen ihm die Lieben, wissen sollen, die sichs wünschen,
In der Jugend, die emporsteigt, in dem Volke, das heranwächst,
Jene Worte, die gewonnen, Lieder, die ans Licht gekommen,
Aus dem Gürtel Väinämöinens, unter Ilmarinens Esse,
Aus der Klinge Kaukomielis, Joukahainens Bogenflugbahn,
Von den fernsten Nordlandfeldern, Kalevalas kargen Fluren.

Diese sang mein Vater früher, wenn am Schaft des Beils er schnitzte,
Diese lehrte mich die Mutter, wenn sie ihre Spindel spulte,
Ich als kleines Kind am Boden krabbelte vor ihren Knieen
Als ein kümmerlicher Milchbart, als ein kleingewachsnes Milchmaul.
Sampo war nicht ohne Worte, Louhi ohne Zauberlieder:
Alt ward Sampo an den Worten, Louhi starb an Zauberliedern,
Vipunen verging an Weisen, Lemminkäinen starb am Leichtsinn.

Auch noch andre Worte gibt es, zugelernte Zauberkniffe,
Von dem Rain am Weg gerissen, abgeknickt von Heidekräutern,
Ausgerauft aus Reisighaufen, abgezwickt von frischen Zweigen,
Abgestreift von Gräserspitzen, abgepflückt vom Viehzaunpfade,
Als ich war beim Herdehüten, war, als Kind noch, auf der Weide,
Auf den honigsüßen Höhen, auf den goldnen Hügelhängen,
Hinter Muurikki, der schwarzen, Kimmo, der gefleckten, folgend.

Auch der Frosthauch sprach mir Verse, Regen sandte mir Gesänge,
Andre Weisen brachten Winde, trugen mir die Meereswogen,
Sprüche führten zu die Vögel, Wipfel brachten Zauberworte.

Aus: Kalevala. Das finnische Epos des Elias Lönnrot. Aus dem finnischen Urtext übertragen von Lore Fromm und Hans Fromm. Wiesbaden: Marix, 2005, S. 5

Das Original

Mieleni minun tekevi, aivoni ajattelevi
lähteäni laulamahan, saa'ani sanelemahan,
sukuvirttä suoltamahan, lajivirttä laulamahan.
Sanat suussani sulavat, puhe'et putoelevat,
kielelleni kerkiävät, hampahilleni hajoovat.

Veli kulta, veikkoseni, kaunis kasvinkumppalini!
Lähe nyt kanssa laulamahan, saa kera sanelemahan
yhtehen yhyttyämme, kahta'alta käytyämme!
Harvoin yhtehen yhymme, saamme toinen toisihimme
näillä raukoilla rajoilla, poloisilla Pohjan mailla.

Lyökämme käsi kätehen, sormet sormien lomahan,
lauloaksemme hyviä, parahia pannaksemme,
kuulla noien kultaisien, tietä mielitehtoisien,
nuorisossa nousevassa, kansassa kasuavassa:
noita saamia sanoja, virsiä virittämiä
vyöltä vanhan Väinämöisen, alta ahjon Ilmarisen,
päästä kalvan Kaukomielen, Joukahaisen jousen tiestä,
Pohjan peltojen periltä, Kalevalan kankahilta.

Niit' ennen isoni lauloi kirvesvartta vuollessansa;
niitä äitini opetti väätessänsä värttinätä,
minun lasna lattialla eessä polven pyöriessä,
maitopartana pahaisna, piimäsuuna pikkaraisna.
Sampo ei puuttunut sanoja eikä Louhi luottehia:
vanheni sanoihin sampo, katoi Louhi luottehisin,
virsihin Vipunen kuoli, Lemminkäinen leikkilöihin.

Viel' on muitaki sanoja, ongelmoita oppimia:
tieohesta tempomia, kanervoista katkomia,
risukoista riipomia, vesoista vetelemiä,
päästä heinän hieromia, raitiolta ratkomia,
paimenessa käyessäni, lasna karjanlaitumilla,
metisillä mättähillä, kultaisilla kunnahilla,
mustan Muurikin jälessä, Kimmon kirjavan keralla.

Vilu mulle virttä virkkoi, sae saatteli runoja.
Virttä toista tuulet toivat, meren aaltoset ajoivat.
Linnut liitteli sanoja, puien latvat lausehia.

Hier steht der Gesamttext in einer Übersetzung ins Englische, hier in der ersten deutschen Ausgabe, die nur 3 Jahre nach dem Original in der revidierten Ausgabe erschien. Zum Vergleich hier die erste Strophe in dieser Fassung (von Anton Schiefner, 1852).

   Werde von der Lust getrieben,
Von dem Sinne aufgefordert,
Daß ans Singen ich mich mache,
Daß ich an das Sprechen gehe,
Daß des Stammes Lied ich singe,
Jenen Sang, den hergebrachten;
Worte schmelzen mir im Munde,
Es entschlüpfen mir die Töne,
Wollen meiner Zung’ enteilen,
Wollen meine Zähne öffnen.

Kalewala. Finnische Heldensagen

Die Vorfahren des finnischen Volkes lebten irgendwo in dem großen Gebiet zwischen dem nördlichen Uralgebirge und dem Finnischen Meerbusen. Kalewala nannten sie dieses Land der Wälder, Seen und Sümpfe nach ihrem Stammvater Kalewa.
In den dichten Wäldern wuchsen allerlei eßbare Beeren, tummelten sich jagdbare Tiere. Ängstliche Hasen, stolze Elche waren häufig anzutreffen, Luchse schlichen durch das Dickicht, Wölfe heulten in der Nacht, und nicht selten trottete ein brauner Zottelbär auf versteckten Pfaden durch stille Gebiete. Auf dem Grunde der Seen standen fette Barsche, im Schilf verborgen lauerten riesige Hechte auf Beute, in Flüssen und Bächen sprangen Lachse und Forellen.
Die fischreichen Flüsse liefen bald ruhig fließend, bald in Stromschnellen brausend mit donnerndem Gefälle zwischen schrofen Felsen durch das Land und ergossen sich ins Meer mit seinen breiten Buchten. Aus dem Wasser ragten Klippen; Landspitzen brachen gegen die brandenden Fluten hervor, und in der Ferne ahnte das suchende Auge einsame Inseln.
In diesem Lande wohnten auf weiter Fläche wenig Menschen, ihre Häuser bauten sie aus roh behauenen Balken. Sie lebten als Jäger, Fischer und seßhafte Bauern, die der Wildnis Stück für Stück Boden entrissen und es zu Ackerland und Weideplätzen urbar machten. Was sie zum Leben brauchten, gab ihnen die umgebende Natur, aber sie mußten es ihr in harter Arbeit abringen. Sie zogen Pferde, Rinder und Schafe, kannten schon das Spinnrad, spannen Flachs und Wolle und webten weißes Linnen. Viele Geräte stellten sie aus Holz her, bauten Boote und Gleitwagen, die sie im Winter wie Schlitten benutzten. Aus Erzen schmolzen sie Eisen und Kupfer und verfertigten aus den Metallen Schmuck, Werkzeuge und Waffen.
Die Menschen in Kalewala waren kräftig von Gestalt, gestählt im Daseinskampf, in strengen, langen Wintern abgehärtet, ausdauernd bei der Jagd und schnell auf ihren leichten Schneeschuhen aus Tannen- oder Birkenholz. Sittsam und fleißig waren die Frauen, mutig die Männer, die keine Gefahr scheuten, weite Fahrten unternahmen und fern der Heimat mancherlei Abenteuer bestanden.
Nördlich von Kalewala, zu Wasser und zu Lande erreichbar, lag Pochjola, in dem die listige Louhi herrschte. Die Männer von Kalewala nannten es das finstere Pochjola, weil es im Winter selten die Sonne sah, unwirtlich war und weil sie mit den Bewohnern oft in Fehde lagen.

Aus: Kalewala. Finnische Heldensagen. Erzählt von Heinz Goldberg. Leipzig: Prisma, 1959, S. 11f

Wie auf Erden

Countee Cullen

(* 30. Mai 1903; † 9. Januar 1946 in New York City)

FÜR EINE DAME DIE ICH KENNE

Sie glaubt, daß droben selbst im Himmel
Die Weißen lange schnarchend ruhn,
Dieweil die armen schwarzen Engel
Früh aufstehn und die Arbeit tun.

Deutsch von Karl-Heinz Osterholz, aus: Meine dunklen Hände. Moderne Negerlyrik in Original und Nachdichtung. Hrsg. Eva Hesse und Paridam von dem Knesebeck. München: Nymphenburger, 1953, S. 14f

FOR A LADY I KNOW

She even thinks that up in heaven
Her class lies late and snores,
While poor black cherubs rise at seven
To do celestial chores.

Die Spötter

Zur Abwechslung was Aktuelles. Außerdem ist es sein Geburtstag.

Johannes Kühn

(* 3. Februar 1934 in Bergweiler, Gemeinde Tholey, Saarland)

DER PREIS

Sie sind, die Spötter, über mir wie Vögel mich belästigend
im Flug, bei mir gewesen viele Jahre.
Nun bietet diese Ehrung ihren Schein,
und wie trüber Spuk
verschwanden sie. Vielleicht werd ich erlöst
auch vom Ruf aus Fernen:
Narr, noch immer schwebst du hin
mit Versen,
für uns belachenswerten. 

Ich hoffe es.

Aus: Johannes Kühn, Ganz ungetröstet bin ich nicht. Gedichte. Hrsg. Irmgard und Benno Rech. München: Hanser, 2007, S. 115

Huszt / Hust / Chust / חוסט / Хуст

Eine Stadt, in der Ungarn, Juden, Roma, Rumänen, Deutsche, Russen, Ukrainer und andere lebten, belagert, erobert oder zerstört von Mongolen, Tataren, Österreichern, Osmanen, Polen, Ungarn und wer weiß wem noch. Im 20. Jahrhundert gehörte sie nacheinander zu: Österreich-Ungarn, Rumänien, Tschechoslowakei, einer kurzlebigen unabhängigen Karpatho-Ukraine, Ungarn, Sowjetunion und seit 1991 Ukraine. Die Sowjetunion deportierte den Großteil der Deutschen und Ungarn, die Deutschen ermordeten den Großteil der Juden. Bis 1942 gab es in der Stadt 8 Synagogen. Ein Denkmal für die ermordeten Juden steht heute in Israel.

Holocaust Victims Memorial (Holon, Israel) Bild: Wikipedia, CC BY-SA 3.0

In der L&Poe-Anthologie heute ein Gedicht mit einer ungarischen Perspektive auf die vielschichtig-multikulturelle kleine Stadt.

Ferenc Kölcsey 

(* 8. August 1790 in Sződemeter – 24. August 1838) 

Huszt

Auf den traurigen Trümmern
der Ruinenstadt Huszt
stand ich.
Stille herrschte.
Hinter einer Wolke
stieg der nächtliche Mond empor.
Jetzt erhob sich der Wind,
so, wie sich ein Grabeswind erhebt.
Und zwischen zerbrochenen Säulen
winkt ein schwebender Geist mir zu
und sagt:
Patriot!
Was nützen deiner schmachtenden Brust
diese Trümmer?
Was nützt es,
sich in den Schatten der alten Zeit
zurückzuträumen?
Mit der fernen Zukunft
vergleiche ernsthaft die Gegenwart!
Wirke!
Gestalte!
Mehre!
Und ums Vaterland wird’s licht!

Aus dem Ungarischen von Franz Boncourt. In: Jaroslava und Ralf Hahn (Hg.) Europa erlesen. Transkarpatien. Klagenfurt: Wieser, 2004, S. 193f.

Die deutsche Fassung ist eine freie Übersetzung des im Original achtzeiligen Epigramms (vermutlich Distichen). Zum leichteren Vergleichen unten nach dem Originaltext eine automatische Übersetzung.

Kölcsey Ferenc

HUSZT 
 
Bús düledékeiden, Husztnak romvára megállék;
     Csend vala, felleg alól szállt fel az éjjeli hold.
Szél kele most, mint sír szele kél; s a csarnok elontott
     Oszlopi közt lebegő rémalak inte felém.
És mond: Honfi, mit ér epedő kebel e romok ormán?
     Régi kor árnya felé visszamerengni mit ér?
Messze jövendővel komolyan vess öszve jelenkort;
     Hass, alkoss, gyarapíts: s a haza fényre derűl!
 
Cseke, 1831. december 29.
HUSZT 
 
Auf deinen traurigen Ruinen, auf der Ruine von Hust stehe ich;
Stille, der Nachtmond stieg unter einer Wolke hervor.
Nun erhob sich der Wind wie der Wind des Grabes, und die Halle wurde zerrissen
Eine Lerche, die zwischen den Säulen auf mich zuschwebt.
Und sprich: 'Honfi, was ist der Bauch eines Bauches wert angesichts dieser Ruinen?
Was ist es wert, in den Schatten des Alters zurückzukehren?
Du sollst die Gegenwart und die ferne Zukunft ernsthaft betrachten;
Hassen, schaffen, vermehren, und das Land wird das Licht sehen.
 
Cseke, 29. Dezember 1831.

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Daß alles gleitet und vorüberrinnt

Hugo von Hofmannsthal

(* 1. Februar 1874 in Wien; † 15. Juli 1929 in Rodaun bei Wien)

Terzinen 
1. Über Vergänglichkeit

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

Quelle:
Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke. Erste Reihe in drei Bänden, Band 1, Berlin 1924, S. 14-15.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005088151

Berthas Augen

Charles-Pierre Baudelaire

(* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda)

Berthas Augen

Den herrlichsten Augen seid ihr überlegen,
Ihr Augen meines Kindes, süß wie die Nacht
Entströmt euch der Güte milder Segen,
Ihr Augen, schenkt zaubrischen Dunkels Macht!

Ihr Augen, Geheimnisse, die ich verehre,
Ihr seid jenen magischen Grotten gleich,
Wo hinter der Schatten lethargischer Schwere
Vag schimmert verborgener Schätze Reich.

Mein Kind hat Augen, tief, weit und dunkel
Wie du, o Nacht, voll leuchtender Glut.
Glaube und Liebe brennt in ihrem Gefunkel,
Das, lüstern oder keusch, auf dem Grunde ruht.

Deutsch von Cajetan Freund, aus: Charles Baudelaire, Strandgut. Wiesbaden: Limes, 1947, S. 31

LES YEUX DE BERTHE


Vous pouvez mépriser les yeux les plus célèbres,
Beaux yeux de mon enfant, par où filtre et s’enfuit
Je ne sais quoi de bon, de doux comme la Nuit !
Beaux yeux, versez sur moi vos charmantes ténèbres !


Grands yeux de mon enfant, arcanes adorés,
Vous ressemblez beaucoup à ces grottes magiques
Où, derrière l’amas des ombres léthargiques,
Scintillent vaguement des trésors ignorés !


Mon enfant a des yeux obscurs, profonds et vastes,
Comme toi, Nuit immense, éclairés comme toi !
Leurs feux sont ces pensers d’Amour, mêlés de Foi,
Qui pétillent au fond, voluptueux ou chastes.

Les Épaves, à l’enseigne du Coq, 1866 (p. 67-68).

Huchelpreis für Judith Zander

Wie der Sender SWR gestern mitteilte, geht der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik an die 1980 in Anklam geborene und in Jüterbog lebende Lyrikerin Judith Zander.

Der Peter-Huchel-Preis wird in diesem Jahr zum 40. Mal verliehen. Aus diesem Anlass haben die beiden Preisstifter, der Südwestrundfunk und das Land Baden-Württemberg, das Preisgeld von bisher 10.000 Euro auf 15.000 Euro erhöht.

Verliehen wird der Preis am 3. April, dem Geburtstag Huchels, in Staufen i. Br.

(SWR)

L&Poe gratuliert sehr herzlich. Zum Anlass ein Gedicht aus dem prämierten Band im ländchen sommer im winter zur see.

vorlauf

die mittagswelt wird zugestellt
als ein leerer parkplatz das fade
gericht das der hilfskoch über mich
hält und waldfremde gesichter

in den lichtspielen erst des abends
werden die regeln des buhlens auf
deutsch gesagt wieder aktualisiert
wer nicht näher kommt verliert
einen tag auf der parkbank

die sphäre der sessel ist weiter im
stande gerückt in harmonik zunehmend ohr
an ohr so warfen wir
den film aus nichts
erfuhrst du über die aussichtslose
position die seglererfahrung empfiehlt
nichts zu tun alles
löst sich auf
von alleine

Aus: Judith Zander, im ländchen sommer im winter zur see. Gedichte. Mit Fotografien der Autorin. München: dtv, 2022, S. 20

Stopping by Woods

Heute vor 60 Jahren starb der US-amerikanische Lyriker Robert Frost.

Robert Frost 

(* 26. März 1874 in San Francisco; † 29. Januar 1963 in Boston)

STOPPING BY WOODS ON A SNOWY EVENING

Whose woods these are I think I know.
His house is in the village though;
He will not see me stopping here
To watch his woods fill up with snow.

My little horse must think it queer
To stop without a farmhouse near
Between the woods and frozen lake
The darkest evening of the year.

He gives his harness bells a shake
To ask if there is some mistake.
The only other sound’s the sweep
Of easy wind and downy flake.

The woods are lovely, dark and deep.
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

Nachdichtung von Georg von der Vring

BEI WÄLDERN AN EINEM SCHNEEABEND

Wem sind die Wälder rings im Kreis?
Sein Haus liegt fern im Dorf, ich weiß.
Er sieht mich nicht am Wald hier stehn,
ihn anzustarrn voll Schnee und Eis.

Mein kleiner Gaul denkt: Was geschehn?
Hier, wo kein Stall ist, stillzustehn,
bei Wäldern und gefrornem Pfad,
die schon im kargen Licht vergehn.

Sein Rütteln am Geschell besagt,
daß ihm der Schneewald nicht behagt.
Eintönig faucht in diese Ruh
ein eisiger Wind, der Flocken jagt.

Der Wald lockt: Komm, was zögerst du!
Doch sag ich Nein und schwör mir’s zu
und fahr noch weit, bevor ich ruh,
und fahr noch weit, bevor ich ruh.

Prosaübersetzung von Walter Schmiele

Wessen Wälder dies sind, glaube ich zu wissen. Sein Haus ist jedoch
im Dorf; er wird mich nicht hier halten und beobachten sehen wie
seine Wälder sich mit Schnee anfüllen.

Mein kleines Pferd muß es komisch finden, hier anzuhalten zwischen
den Wäldern und gefrorenem See am dunkelsten Abend im Jahr ohne
ein Bauernhaus in der Nähe.

Es schüttelt seine Geschirrglocken, wie um zu fragen, ob das ein
Irrtum sei. Der einzige andere Laut ist das Fegen leichten Windes und
flaumiger Flocken.

Die Wälder sind herrlich, dunkel und tief. Doch ich habe Versprechen
zu halten… Und meilenweit zu fahren ehe ich schlafe, und meilenweit
zu fahren ehe ich schlafe.

Aus: Poesie der Welt. Nordamerika. Auswahl, Prosaübersetzungen und Nachwort: Walter Schmiele. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1984, S. 122f

Rose des Friedens

William Butler Yeats 

(* 13. Juni 1865 in Sandymount, County Dublin; † 28. Januar 1939 in Menton, Frankreich).

Der Frieden, den alle wollen. Beim Dichter steht er im Konjunktiv. Gott würde sagen, dass alles gut ist, und den Frieden zwischen Himmel und Hölle verkünden. Erdacht von einem Dichter im 19. Jahrhundert. Mal schaun, wie’s im 21. geht. (Da schlagen wir uns, I guess, darum, wer Himmel und wer Hölle ist.) Und nun Schluss mit garstigen Gedanken, ein schönes Gedicht her.

Die Rose des Friedens

Säh Michael einmal, bevor
Sich Himmel schlägt mit Hölle,
Hinab zu dir vom Himmelstor,
Vergäß er die Duelle.

Egal wär ihm das Paradies
Und Gottes Schlacht sogar,
Aus Sternen wände er gewiß
Dir einen Kranz ins Haar.

Wer säh, wie er sich neigt vor dir,
Hört, wie dich Sterne preisen,
Käm gleich ins göttliche Revier,
Folgte den sanften Weisen;

Gott hielte alle Schlachten an,
Aus wären die Duelle,
Den Rosenfrieden schlösse dann
Der Himmel mit der Hölle.
 

Aus dem Englischen von Christa Schuenke, aus: William Butler Yeats, Die Gedichte. Hrsg. Norbert Hummelt. Neu übersetzt von Marcel Beyer, Mirko Bonné, Gerhard Falkner, Norbert Hummelt, Christa Schuenke. München: Luchterhand, 2005, S. 43

(Ich bitte die Nachdichterin um Vergebung für die Missetat, das linksbündige Gedicht auf Mittelachse zu setzen. Unten sieht man, wie es sein muss.)

The Rose of Peace   

If Michael, leader of God’s host
When Heaven and Hell are met,
Look’d down on you from Heaven’s door-post
He would his deeds forget.

Brooding no more upon God’s wars
In his Divine homestead,
He would go weave out of the stars
A chaplet for your head.

And all folk seeing him bow down,
And white stars tell your praise,
Would come at last to God’s great town,
Led on by gentle ways;

And God would bid his warfare cease.
Saying all things were well;
And softly make a rosy peace,
A peace of Heaven with Hell.

Written in 1892 and published in The Countess Kathleen and Various Legends and Lyrics. Included in The Rose collection (1893).

Traurig

Petrus Akkordeon

ich bin traurig
bin es gerade
und gerade geworden
ich sah mir zu
wie ich mir zu sah
wie ich traurig
wurde

p.akkordeon
22012023 18:48

Mit Erlaubnis des Autors aus der Facebookgruppe pathogene poeme

Und sowas urteilt nun

John Förste

(* 26. Januar 1889 Mainz, † 21. März 1941 Berlin-Buch)

Dem Vorstand des Schutzverbandes
deutscher Schriftsteller gewidmet
Man denkt an Sauerkraut, Arteriosklerose,
An weiche Birnen, Troddel, Greisenblick,
An Wald- und Wiesenkitsch, an Pickeln im Genick.
— Und sowas urteilt nun! — mit Händen in der Hose.

Hier scheint der Geist bewegt in jener Sauce,
Die bärtigen Männern pralle Westen garantiert;
Durchschnitt marschiert! — zur Not genügt die Pose!
— Und sowas richtert nun, — daß Dir der Arm gefriert!

Kennst das Grauen, wenn schwammige Ziegenbärte
im Kreise ihre morschen Hälse heben?
Es dröhnt der Hinterbaß, verbeulte Brillen streben,
Und alsbald sabbert es, mit Kunstjefühl und Härte!

Du selbst wirst kaltgestellt und stehst allein.
Nichtmitglied! Außerhalb von arrivierten Kitschern,
Und schaust (teuflisch!) zur Nacht beim Läusezwitschern
Das ewige Bild vom Greis mit lahmem Bein.

Aus: John Förste, Versensporn 23. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 20f

Eva Zeller 100

Am 5. September vorigen Jahres starb die Schriftstellerin Eva Zeller im Alter von 99 Jahren. Begraben ist sie in Görzke im Fläming, ihr literarischer Nachlass wird in Marbach aufbewahrt.

Heute vor 100 Jahren wurde sie geboren. 

Eva Zeller

(* 25. Januar 1923 in Eberswalde; † 5. September 2022).

WORT

Trabant des Gedankens
Gedankenmond

Seine Oberfläche
bekannter als sein
schwankender Abstand von uns

Auch wenn Traumtänzer
Staub Fluß und Meer sagen
es bleibt reine Beschreibung

Staub Fluß und Meer
entsprechen nicht den Bildern
die wir meinen

(am wenigsten der
unbewegte Abgrund der
im Trockenen ertrinkt)

Nur der Leutseligkeit der Sprache
ist es zuzuschreiben
daß wir nicht verstummen

Aus: Neue Deutsche Hefte. Hrsg. Joachim Günther. Jahrgang 21 Heft 4 / 1974, S. 678

NOBELPREIS MIT 75

Tom de Toys, 13.1.2023

(* 24. Januar 1968 in Jülich-Nord; † 23. Januar 2069 in Eller-Süd)

Fürstliches Gedicht „NOBELPREIS MIT 75“ : IRONIE ODER DES SCHICKSALS?


„…was den Grad der Direktheit bestimmte, war die innere Notwendigkeit jedes einzelnen Gedichts…“
Michael Hamburger, 1969/1972 in: DIE DIALEKTIK DER MODERNEN LYRIK (VON BAUDELAIRE BIS ZUR KONKRETEN POESIE)

NOBELPREIS MIT 75
(inspiriert vom Film >I’M STILL HERE< von/mit Joaquin Phoenix 2008/2010)

© POEMiE™ @ G-GN.de

Erstveröffentlichung heute bei L&Poe, wird danach vom G&GN-INSTITUT (g-gn.de) übernommen.

Gebet der Senegalschützen

Für dieses Gedicht von Léopold Sédar Senghor muss man vielleicht wissen, dass der Autor in Westafrika geboren wurde, als es eine französische Kolonie war, und seine Hochschulbildung in Frankreich erhielt. Und dass Frankreich die Bewohner der Kolonien für seine Kriege rekrutierte. Senghor wurde Soldat der französischen Armee und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft (wo er beinahe erschossen worden wäre). Nach Erlangung der Unabhängigkeit seiner Heimat wurde er Präsident der Republik Senegal.

Als Dichter begründete er zusammen mit Aimé Césaire und anderen das Konzept der „Négritude“, laut Verlagswerbung „der politischen und geistigen Einigkeitsbewegung aller Afrikaner, die Sartre als »eine liebevolle Einstellung zur Welt« definiert. »Négritude«, wie Senghor und Césaire sie begreifen, ist der Versuch. die Werte afrikanischer Kultur zusammenzufassen und dem Schwarzen Afrika Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zurückzugeben.“

Über seine Poetik schreibt er:

»Lyrik ist Gesang, wenn nicht gar Musik. Ich bestehe darauf, daß das Gedicht nur vollendet ist, wenn es Gesang wird: Wort und Musik zugleich. Es ist Zeit, den Verfall der modernen Welt, vor allem der Dichtung, aufzuhalten. Die Dichtung muß wieder zu ihren Ursprüngen zurückfinden, zu den Zeiten, in denen sie gesungen und getanzt wurde, wie noch heute im schwarzen Afrika.“

(2. Umschlagseite der von mir benutzten Ausgabe, s.u.)

Worterklärungen aus dem Band:

Woi: Lied, Gedicht – entspricht genau der griechischen Ode

Kora: eine Art Harfe mit 16 oder 32 Saiten. Der Dyali (Dichter, Sänger) begleitet die große Ode oder das Preislied mit der Kora

Hinweis zur Übersetzung: Der deutsche Übersetzer Janheinz Jahn, der mit Senghor befreundet war, übersetzt „l’honneur catholique de l’homme“ (die katholische Ehre des Menschen) mit „die allgemeine Ehre des Menschen“.

Léopold Sédar Senghor 

(* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich) 

Gebet der Senegalschützen
(Woi für zwei Koras)
                                                 I

Herr, wenn ich dich anspreche, Dich der Du dunkele Gegenwart bist,
so nicht deshalb weil die Republik mich zum guten König meines Volkes
    ernannt hätte oder zum Deputierten der Vier Gemeinden.
Ich bin aufgewachsen in völlig afrikanischem Land, am Kreuzweg der Kasten,
    der Rassen, der Straßen
Und gegenwärtig bin ich Soldat zweiter Klasse unter den einfachsten aller
    Soldaten.
Du bist das Ohr für das kleinste Geflüster, Du hörst was man raunt des Nachts
    in den Hütten
Daß man die Gehörlose hergeschickt hat, die Rekrutierungsmaschine zur Ernte
    der hohen Köpfe
Du weißt es — und die Steppe wird still bis aufs schroffe Nein der freien Freiwilligen
Die ihren Gottkörper anboten, den Ruhm der Kampfbahn, für die allgemeine
    Ehre des Menschen.
Prière des Tirailleurs Sénégalais
(Woï pour deux kôras)
                                                 I

Seigneur! si je Te parle, Toi qui es l'Obscure Présence
Ce n'est pas que la République m’ait nommé bon roi de mon peuple 
    ou député des Quatre Communes.
J'ai poussé en plein pays d'Afrique, au carrefour des castes des races et des routes
Et je suis présentement soldat de deuxième classe parmi les humbles des soldats.
Toi qui es l'oreille des souffles minimes, qui entends les Chuchotements nocturnes 
    au-dedans des cases
Que l’on a lancé la Sourde, la machine à recruter dans la moisson des hautes têtes
Tu le sais — et la plaine docile se tait jusqu'au non abrupt des volontaires libres
Qui offraient leurs corps de dieux, gloire des stades, pour l’honneur catholique de l'homme.

Aus: Léopold Sédar Senghor: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte. Frz. u. dt. Hrsg. u. übersetzt von Janheinz Jahn. München: Hanser, 1963, S. 105