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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Fräser

Paul Zech

(* 19. Februar 1881 in Briesen, Westpreußen; † 7. September 1946 in Buenos Aires)

Fräser

Gebietend blecken weiße Hartstahl-Zähne
aus dem Gewirr der Räder. Mühlen gehen profund,
sie schütten auf den Ziegelgrund
die Wolkenbrüche krauser Kupferspäne.

Die Gletscherkühle riesenhafter Birnen
beglänzt Fleischnackte, die von Öl umtropft
die Kämme rühren; während automatenhaft gestopft
die Scheren die Gestänge dünn zerzwirnen.

Ein Fäusteballen hin und wieder und ein Fluch,
Werkmeisterpfiffe, widerlicher Brandgeruch
An Muskeln jäh emporgeleckt: zu töten!

Und es geschieht, dass sich die bärtigen Gesichter röten,
daß Augen wie geschliffene Gläser stehn
und scharf, gespannt nach innen sehn.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 21

Welche reicht an meine Freuden?

Bruno Quandt

(25. April 1887 Düsseldorf – 18. Februar 1918 München-Gladbach – heute Mönchengladbach)

Blöde Twostepmelodien
Lassen deine Schenkel zucken,
Daß sie mit schmerzhaftem Nucken
Aller Augen nach sich ziehen.

Angegeilte Ladenlümmel
Streben plump, dich zu verführen.
Aber hier in meinem Himmel
Muß dein Leib als Klang vibrieren.

Deine Gunst darfst du vergeuden,
Deinen Schoß im Kreis verschenken.
Welche reicht an meine Freuden?:
Dir die Seele zu verrenken.

Aus: Versensporn 26: Bruno Quandt. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 10

O, ihr Schwestern von den Gassen

Emmy Hennings (Ball-Hennings)

(* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)

IM KRANKENHAUSE

Alle Herbste gehn an mir vorüber.
Krank lieg ich im weißen Zimmer,
Tanzen möchte ich wohl lieber.
An die Geigen denk ich immer.
Und es flimmern tausend Lichter.
O, wie bin ich heute schön!
Bunt geschminkte Angesichter
Schnell im Tanz vorüberwehn.
O, die vielen welken Rosen,
Die ich nachts nach Haus getragen,
Die zerdrückt vom vielen Kosen
Morgens auf dem Tische lagen.
An die Mädchen denk ich wieder,
Die wie ich die Liebe machen.
Wenn wir sangen Heimatlieder,
Unter Weinen, unter Lachen.
Und jetzt lieg ich ganz verlassen
In dem stillen weißen Raum.
O, ihr Schwestern von den Gassen,
Kommt zu mir des Nachts im Traum!

Aus: Emmy Hennings, Die letzte Freude. Leipzig: Kurt Wolff, 1913, 12
 

Entstehung eines Gedichts

Ansätze zum Gedicht „Hälfte des Lebens“ nach Sattler

1 (Dezember 1803)

(...)
Gebirg hänget       See,
  Warme  Tiefe     es kühle(t)n aber die Lüfte

  []
Inseln und Halbinseln,
  (Felse) Grotten
 (Berge) zu beten.




[ wo der entzükende Tag]
 [Uns anschien, der mit Geständniß und mit]
Ein glänzender Schild         [der Hände Druk]
                                  [anhub –]
Und schnell wie Rosen,

(...)

Sattler kommentiert: „Entnahme des an den Sommer und Herbst 1796 in Kassel erinnernden, nicht in den Gesang Tinian übernommenen Lac-Motivs des Titanen-Konzepts“.

2 (im – bis Ende Dezember 1803)

Jezt aber blüht es
Am armen Ort.
Und wunderbar groß will
Es stehen.
Gebirg hänget         See,

Warme Tiefe  es kühlen aber die Lüfte
Inseln und Halbinseln,
Grotten zu beten,

Ein glänzendes Schild
Und schnell, wie Rosen,
(...)

3 (Ende Dezember)

Die Schwäne.

und trunken von
Küssen taucht ihr
das Haupt ins hei-
lignüchterne kühle
Gewässer.

4

(Auf dem gleichen Blatt links daneben)

Die Rose




holde Schwester!


Weh mir!

5 Unmittelbar darunter:

Wo nehm ich, wenn es Winter, ist
Die Blumen, daß ich Kränze den Himmlischen
  winde?
Dann wird es seyn, als wüßt ich nimmer von Göttlichen,
  Denn von mir sey gewichen des Lebens Geist,;
      Wenn ich den Himmlischen die Liebeszeichen
             Die Blumen im (nakten) kahlen Felde suche
                 u. dich nicht finde.
Das Blatt mit den Stufen 3-5
Druck im Taschenbuch für das Jahr 1805.  Der Liebe und Freundschaft gewidmet (Wilmans, 1805)

Quellen:

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Hrsg. D.E. Sattler, Frankfurt/Main, Basel: Stroemfeld / Roter Stern

Band 7-8: gesänge (2000)
Band 20: Korrespondenz und Werke, chronologisch-integrale Edition (2008)

Spruch

Johann Wolfgang Goethe

 
Gesteht’s! Die Dichter des Orients
Sind größer als wir des Occidents.
Worin wir sie aber völlig erreichen,
Das ist im Haß auf unsres Gleichen.

Aus: West-oestlicher DIVAN von Goethe. Stuttgard: Cotta, 1819, S. 102 (Hikmet-Nameh. Buch der Sprüche)

Lebt man denn wenn andre leben?

Johann Wolfgang Goethe

  Keinen Reimer wird man finden
Der sich nicht den besten hielte,
Keinen Fiedler der nicht lieber
Eigne Melodieen spielte.

  Und ich konnte sie nicht tadeln;
Wenn wir andern Ehre geben
Müssen wir uns selbst entadeln.
Lebt man denn wenn andre leben?

  Und so fand ich's denn auch juste
In gewissen Antichambern,
Wo man nicht zu sondern wußte
Mäusedreck von Koriandern.

  Das Gewesne wollte hassen
Solche rüstige neue Besen,
Diese dann nicht gelten lassen
Was sonst Besen war gewesen.

  Und wo sich die Völker trennen,
Gegenseitig im Verachten,
Keins von beyden wird bekennen
Dass sie nach demselben trachten.

  Und das grobe Selbstempfinden
Haben Leute hart gescholten,
Die am wenigsten verwinden,
Wenn die andern was gegolten.

Aus: West-oestlicher DIVAN von Goethe. Stuttgard: Cotta, 1819, S. 83f (Rendsch Nameh. Buch des Unmuths)

Seit Wochen liegen sie im Schützengraben

Emil Honigberger

(* 16. März 1881 Kronstadt (Brașov), 13. Februar 1953 ebd.)

Der Brunnen

Seit Wochen liegen sie im Schützengraben,
Hier Russen, drüben ungarische Schützen;
Unheil und Leid, wie märchendunkle Raben,
Mit bösen Augen ringsum beutelauernd sitzen.

Kalt ist die Nacht und qualmumrauscht die Tage,
Vor Durst gepeinigt schmachtet Feind und Freund,
Seit Tagen ohne Wasser! zehrt die Plage,
Von Heimatssinnen mild und traut umträumt.

Schussweit ein alter Galgenbrunnen schwingt
Mit langem Arm den vollen Eimer leise,
Und immerfort er stumm Erquickung winkt …
Da horch, welch melancholisch wirre Weise

Erklingt vom Schützengraben drüben wieder
Und schwingt sich ernst und sehnsuchtsschwanger weit!
Es sind schwermütige Kuruzenlieder,
Mit Sehnen füllen sie die Einsamkeit.

Sie klagen vom einsamen Heidebronnen,
Der weit im Ungarland träumend rinnt,
Von seinen hellen, klaren Flutenwonnen,
Die schön wie traute Melodien sind.

Es ist ein altes, liebes Heimatslied,
Das man am Abend vor dem Tore singt;
Das über Berg und Tal zur Heimat zieht,
Und Sehnsucht weckend tief zur Seele dringt. —

Der Sang verstummt. Da horch, ist es ein Echo leis,
Das aus dem Schützengraben drüben quillt?
So wild, so süß, so melancholisch heiß
Zu wundersamem fremden Klingen schwillt?

Die Russen singen von dem Quell der Heide,
Der in der Uralsteppe träumend rinnt,
Wo braune Hirten singend hüten ihre Weide
Und Tag und Abend wunderbar in Duft zerrinnt.

Sie hören’s in den Gräben drüben, hören’s da,
Kein Wort verstehen sie von dem fremden Sang;
Doch plötzlich fühlen sie sich heimatsnah,
Der Töne Macht tiefeinend in die Herzen drang.

Da sieh! es hebt ein Kopf sich scheu hervor,
Ganz langsam kommt ein Russe sacht heran,
Und viele andern folgen ihm empor,
Sie schreiten zu dem Brunnen, wie in Traumes Bann.

Und sieh, es kracht kein Schuss von fern und nah,
Sie laben gierig ihren Durst am Quell.
Bald sind auch Ungarns braune Streiter da,
Und Freund und Feind, sie lächeln freundlich hell! …

So geht es manchen lieben langen Abend:
Stumm schreiten alle sacht dem Brunnen zu,
Erquicken sich am Wasser kühl und labend,
Lächeln sich an und gehen froh zur Ruh.

Doch „Sturm!“ heißt es an einem bangen Tag.
Wild poltern tausend Schlünde los,
Vernichtend alles, grausam, Schlag auf Schlag;
Wild prallen Bajonette Stoß auf Stoß.

Und als der Abend hoheitsvoll gekommen,
Liegt Freund und Feind rings um den Brunnen tot.
Gesang und Herz und Sehnsucht all verglommen,
Nur goldne Glut glüht hoch im Abendrot.

Oh Brunnenlied, du trautes Heimatssehnen!
Verstummt, verklungen deiner Tone Macht,
Und melancholisch plätschert nur der Bronnen
Und hoch hinein blickt sternenklar die Nacht.

Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015, S. 51f

Der Dichter

Ernst Maria Flinker

(* 1899 Czernowitz, † 9.7.1970 Bukarest)

Der Dichter

Aus den Laternen sprühn ihm tausend Gluten
In Herz und Hirn – o fliehet nie zurück!
Schon spürt er heißer in sich Flamme bluten
Und rinnen reiner durch sich Schöpferglück.
Aus hohen Wolken kommen ihm Visionen
Im Schwarz der Nacht, und eine Stimme spricht
Aus fernen Himmeln, wo die Götter wohnen:
Verlass die Kämpfe deiner Nächte nicht!
Denk an die Stunden, müde von Begehren,
Zerwühltes Bett, wo Faust geballt erbebt,
An Spukgestalten, die den Schlaf beschweren
Und großes Sehnen, das verschlossen lebt.
An Parke denk, an dämmernde Alleen,
Du gingst allein, ein stilles Traumeskind,
Hier gibt es Bänke, die verlassen stehen,
Wie für den Einsamen geschaffen sind,
Doch bald treibt es ihn fort in große Fernen,
In wirrem Flug durcheilt er weiten Raum,
Sein kühner Blick erhebt sich zu den Sternen,
Wenn in der Sonne schleppt noch Mantels Saum.
Im Nachtcafe sind Dirnen, die sich drehen
Nach Klängen einer lüsternen Musik,
Sein Auge – suchend – wird auch diese sehen,
Mitfühlen bäumt vor Unrat nicht zurück.
Er lernt die höchsten und die tiefsten Dinge,
Jauchzt in die Sonne, schenkt sich ganz der Nacht,
Dass er sie groß in seinem Werk besinge
Voll Schönheit, wie sie keiner je gedacht.
So wandelt er, Erwählte sind ihm Brüder,
Doch unbekümmert um den großen Tross.
Aus heißem Herzen rinnen seine Lieder
Und heil’ge Welt entbiert sich seinem Schoß.

Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015,, 1988, S. 55

Warum

Georg Kulka

(* 5. Juni 1897 Weidling/ Niederösterreich; † 29. April 1929 Wien)

Aus: Die Anarchie

Warum

Warum gabst du uns die tiefen Blicke? Die unversorgte Erde, dich und mich in die dritte Person setzend, Verwachsene anzustaunen, doch der Klang verrauchte. Gang verging. Milch rinnt zärtlich durch Gardinen. Pochend verlobt der Abend verlorene Intervalle: überfüllte Arbeit gibt nach. O nennenswertes Zwischenspiel! Hat Verstand, wie ein kristallener Vogel mein lebelang die gute Kunde umschwimmend, Bestand im Dienste der Beweisschrift? Weinerlicher Lärm erschrickt / Simsbehang der roten Halle / ohne Frage, was gestern hier gebebt habe. Ahnenlose, Landflüchtige: Weltenerbgesessene lauschen Unerhörtem. Bis der Vorhang zugeht. Der war ein blasser neuer Mond; sein Hof ist die Kindheit.

Aus: Die Dichtung. Hrsg. von Wolf Przygode. Erste Folge/Viertes Buch Roland-Verlag München 1919, S. 55

Brecht ist auch nicht zu vermeiden

Bertolt Brecht

(* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Berlin)

Legende vom toten Soldaten

Und als der Krieg im vierten Lenz
Keinen Ausblick auf Frieden bot
Da zog der Soldat seine Konsequenz
Und starb den Heldentod.

Der Krieg war aber noch nicht gar
Drum tat es dem Kaiser leid
Daß sein Soldat gestorben war:
Es schien ihm noch vor der Zeit.

Der Sommer zog über die Gräber her
Und der Soldat schlief schon
Da kam eines Nachts eine militär-
ische ärztliche Kommission.

Es zog die ärztliche Kommission
Zum Gottesacker hinaus
Und grub mit geweihtem Spaten den
Gefallnen Soldaten aus.

Der Doktor besah den Soldaten genau
Oder was von ihm noch da war
Und der Doktor fand, der Soldat war k. v.
Und er drückte sich vor der Gefahr.

Und sie nahmen sogleich den Soldaten mit
Die Nacht war blau und schön.
Man konnte, wenn man keinen Helm aufhatte
Die Sterne der Heimat sehn.

Sie schütteten ihm einen feurigen Schnaps
In den verwesten Leib
Und hängten zwei Schwestern in seinen Arm
Und ein halb entblößtes Weib.

Und weil der Soldat nach Verwesung stinkt
Drum hinkt ein Pfaffe voran
Der über ihn ein Weihrauchfaß schwingt
Daß er nicht stinken kann.

Voran die Musik mit Tschindrara
Spielt einen flotten Marsch.
Und der Soldat, so wie er’s gelernt
Schmeißt seine Beine vom Arsch.

Und brüderlich den Arm um ihn
Zwei Sanitäter gehn
Sonst flöge er noch in den Dreck ihnen hin
Und das darf nicht geschehn.

Sie malten auf sein Leichenhemd
Die Farben Schwarz-Weiß-Rot
Und trugen’s vor ihm her; man sah
Vor Farben nicht mehr den Kot.

Ein Herr im Frack schritt auch voran
Mit einer gestärkten Brust
Der war sich als ein deutscher Mann
Seiner Pflicht genau bewußt.

So zogen sie mit Tschindrara
Hinab die dunkle Chaussee
Und der Soldat zog taumelnd mit
Wie im Sturm die Flocke Schnee.

Die Katzen und die Hunde schrein
Die Ratzen im Feld pfeifen wüst:
Sie wollen nicht französich sein
Weil das eine Schande ist.

Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Waren alle Weiber da
Die Bäume verneigten sich, Vollmond schien
Und alles schrie hurra.

Mit Tschindrara und Wiedersehn!
Und Weib und Hund und Pfaff!
Und mitten drin der tote Soldat
Wie ein besoffner Aff.

Und wenn sie durch die Dörfer ziehn
Kommt’s, daß ihn keiner sah
So viele waren herum um ihn
Mit Tschindra und Hurra.

So viele tanzten und johlten um ihn
Daß ihn keiner sah.
Man konnte ihn einzig von oben noch sehn
Und da sind nur Sterne da.

Die Sterne sind nicht immer da
Es kommt ein Morgenrot.
Doch der Soldat, so wie er’s gelernt
Zieht in den Heldentod.

1918

Diotima

Am 9. Februar 1769: wurde Susette Gontard geboren – Hölderlins Diotima. Ihr widmete er viele Gedichte, das erste ist ein Lied, dessen erste Fassung schon im Frühjahr 1796 entstand.

Diotima.

16strophige Fassung, wohl Juni 1796, unvollständig überliefert durch Abschriften von Suzette Gontard und Gustav Schlesier (eine erste Fassung vom März hatte 8 Strophen und ist nur in einer Beschreibung Schlesiers überliefert).

Lange todt und tiefverschlossen,
Grüßt mein Herz die schöne Welt,
Seine Zweige blühn und sprossen,
Neu von Lebenskraft geschwellt;
O! ich kehre noch in’s Leben,
Wie heraus in Luft und Licht,
Meiner Blumen seelig Streben
Aus der dürren Hülse bricht.

Die ihr meine Klage kanntet,
Die ihr liebezürnend oft
Meines Sinnes Fehle nanntet
Und geduldet und gehoft,
Eure Noth ist aus, ihr Lieben!
Und das Dornenbett ist leer,
Und ihr kennt den immertrüben
Kranken Weinenden nicht mehr.

Wie so anders ist’s geworden!
Alles was ich haßt und mied,
Stimmt in freundlichen Akkorden
Nun in meines Lebens Lied,
Und mit jedem Stundenschlage
Werd ich wunderbar gemahnt
An der Kindheit goldne Tage,
Seit ich dieses Eine fand.

Diotima! seelig Wesen!
Herrliche, durch die mein Geist
Von des Lebens Angst genesen
Götterjugend sich verheißt!
Unser Himmel wird bestehen,
Unergründlich sich verwandt
Hat, noch eh‘ wir uns gesehen
Unser Wesen sich gekannt.

Da ich noch in Kinderträumen
Friedlich wie der blaue Tag,
Unter meines Gartens Bäumen
Auf der warmen Erde lag,
Da mein erst Gefühl sich regte,
Da zum erstenmale sich
Göttliches in mir bewegte,
Säuselte dein Geist um mich.

Ach und da mein schöner Friede
Wie ein Saitenspiel, zerriß,
Da von Haß und Liebe müde
Mich mein guter Geist verließ,
Kamst du, wie vom Himmel nieder
Und es gab mein einzig Glük
Meines Sinnes Wohllaut wieder
Mir ein Traum von dir zurük.

Da ich flehend mich vergebens
An der Wesen kleinstes hieng,
Durch den Sonnenschein des Lebens
Einsam, wie ein Blinder, gieng,
Oft vor treuem Angesichte
Stand und keine Deutung fand,
Darbend vor des Himmels Lichte,
Vor der Mutter Erde stand,

Lieblich Bild mit deinem Strale
Drangst du da in meine Nacht!
Neu an meinem Ideale
Neu und stark war ich erwacht;
Dich zu finden, warf ich wieder
Warf ich meinen trägen Kahn
Von dem todten Porte nieder
In den blauen Ozean. –

Nun ich habe dich gefunden!
Schöner, als ich ahndend sah
In der Liebe Feierstunden,
Hohe Gute! bist du da;
O der armen Phantasien!
Dieses Eine bildest nur
Du in deinen Harmonien
Frohvollendete Natur!

Wie auf schwanker Halme Bogen
Sich die trunkne Biene wiegt,
Hin und wieder angezogen
Taumelnd hin und wieder fliegt,
Wankt und weilt vor diesem Bilde
[Verse 78-96 nicht überliefert]

Hab‘, ins tiefste Herz getroffen,
Oft um Schonung sie gefleht,
Wenn so klar und heilig offen
Mir ihr eigner Himmel steht,
Wenn die Schlaken, die mich kümmern,
Dieses Engelsauge sieht,
Wenn vor meines Friedens Trümmern
Dieser Unschuld Blume blüht;

Habe, wenn in reicher Stille
Wenn in einem Blik und Laut
Seine Ruhe, seine Fülle
Mir ihr Genius vertraut,
Wenn ihr Geist, der mich begeistert,
An der hohen Stirne tagt,
Von Bewundrung übermeistert,
Zürnend ihr mein Nichts geklagt.

Aber, wie in zarten Zweigen,
Liebend oft von mir belauscht,
Traulich durch der Haine Schweigen
Mir ein Gott vorüberrauscht,
So umfängt ihr himmlisch Wesen
Auch im Kinderspiele mich,
Und in süßem Zauber lösen
Freudig meine Bande sich.

[Verse 121-128 nicht überliefert]

Aus: Bremer Ausgabe Band 5, S. 27-30

Aufzeichnungen Gustav Schlesiers über die erste und die (hier vorliegende) zweite Fassung:

Von dem Gedicht: Diotima
finden sich in Hölderlin’s Redaktion folgende Redaktionen:
1) Athenäa überschrieben. – 8 Verse à 8 Zeilen. – Anfang: „Da ich noch in Kinderträumen,“ – Im Ganzen noch sehr matt, aber schon einige der spätern Hauptstellen zeigen sich.
2) Diotima. – Anfang: „Lange todt u. tief verschlossen, “ 16 Verse à 8 Zeilen. – Nebst mehreren Correktur-Zeilen- u. in Versen. Einige sind gestrichen, so daß das Ganze schon der 3. Redaktion entgegegen geht.

Demut

Max Herrmann

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Ich muß die Demut ganz zu Ende denken

Ich muß die Demut ganz zu Ende denken
Und in Bereitschaft sein zu jeder Scham.
Nichts darf die Langmut der Legende schenken
Dem Prahler, der mit Band und Feder kam.

Doch Band und Feder war gewiß gestohlen
Der bängsten Armut als ihr letztes Gut;
So schritt er als Tyrann und riß mit hohlen
Verheißungen in ihr verblühtes Blut.

So sah ihn meine Schüchternheit im Glase
Und wandte sich wie von dem Widerpart:
Du tiefster Gegner, der mich dennoch trieb.

Daß ich mit selbstentstürmender Ekstase
Und gegen meine eignen Lieder hart
Mich übertraf und bis zum Selbstmord blieb.

Aus: Die Dichtung. Hrsg. von Wolf Przygode. Erste Folge/Zweites Buch Roland-Verlag München 1918, S. 25

Kalt

Martin Gumpert

(* 13. November 1897 in Berlin; † 18. April 1955 in New York)

Kalt

Im Mondwasser schwimmen
Auf bleicher Schneefläche
Die Höhlen erregen
Den Glanz aufküssen —
Schärfe wälzt sich
Zwischen die Lippen
Schwarz des Himmels
Kahle Zeugung
Loht das Licht
Der eisigen Städte.
Zwischen Händen
Irrer Führung
In die nackten
Wälder laufen
Wo die Stämme
Sich anheulen
Hingeworfen
Gellend Schlag
Fluchen vergangenem
Rufen kommenden Tag!

Aus: Die Dichtung. Hrsg. von Wolf Przygode. Erste Folge. Roland-Verlag München 1918/19, S. 71

Abendliche Vision

Hellmuth Pattenhausen

(* 5. September 1896 Dresden, † 6. Februar 1979 Wien)

Abendliche Vision

Leere die wandelt lange im Tag
Schwere Gestalten sinken nach Westen hin in den Abend
Aber die Nacht brennt feurig auf
Und die Stimmen der Sterne durchwittern das glühende Blau
Ach und die Träume traben in hurtigen Zügen
Rot umhaucht an den Stirnen der toten Helden vorbei
Die vom Sonnengrund aufschaun
In die ewige Glut ihrer Zukunft

Sie sitzen in reiner Versammlung
Hockend am Rande der Nacht
Sie sitzen wie Blinde aufgereckt in der Wüste
Und spielen mit Sonnen
Wie jene mit glühendem Sand
Und tragen tief in der Brust der ewigen Rätsel
Seltenen Anhauch
Und sehen die Abende an
Das Spiegelbild ihrer Seelen.

Aus: Schrei in die Welt. Expressionismus in Dresden. Hrsg. Peter Ludewig. Berlin: Der Morgen, 1988, S. 32

Sumpf

Artur Kraft

(* 21.9.1897 Dornești † 1944 vermutlich Auschwitz)

Der dumpfe Sumpf

Den Nebel hat die Stadt aus sich geboren;
Die Menschen hauchten ihn aus ihren Lungen
Und täglich tanzt er auf von ihren Zungen.
Sie haben stündlich ihn aus sich verloren.

Ach! hier lebt alles; hat sein klein Genügen
Und keiner, keiner will sich höher schwingen.
Wie soll ich diesen dumpfen Sumpf durchdringen?
Ich stürze mich verzweifelt ins Vergnügen …

Auch dies wird hier verteilt in matten Mengen?
Oh, alles greint zum Hohn ein halbes Leben!
Enttäuschung fühl ich fahl im Blute beben,
Dieweil die stärkern Wünsche mich versengen.

Aus: Michael Markl (Hg.): „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Eine Anthologie. Regensburg: Pustet, 2015, S. 20