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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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DAS MEER, das Meer!

87 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

José Gorostiza 

(* 10. November 1901 in San Juan Bautista, heute Villahermosa, Tabasco, Mexiko; † 16. März 1973 in Mexiko-Stadt)

Pausen I
DAS MEER, das Meer!
Ich fühle es in mir.
Schon beim bloßen Gedanken daran, 
an das so meine, 
bekommt mein Denken einen Salzgeschmack.

Übertragen von Curt Meyer-Clason, aus: José Gorostiza, Bootsgesänge / Canciones para cantar en las barcas. Gedichte spanisch / deutsch. Aachen: Rmbaud, 1999, S. 33

Pausas I
¡EL MAR, el mar!
Dentro de mí lo siento.
Ya sólo de pensar 
en él, tan mio,
tiene un sabor de sal mi pensamiento.

Ebd. S. 32

Meine Leser

741 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.

Heute vor 105 Jahren, am 24. August 1921*, wurde der russische Dichter Nikolai Gumiljow als Konterrevolutionär erschossen. Erst 1987, in Gorbatschows Perestroika, erschienen in der Sowjetunion ein paar Gedichte in der Zeitschrift Ogonjok. Ich konnte sie in Greifswald am Zeitungskiosk kaufen – ich hatte diese Zeitschrift für mich entdeckt, weil sie offener war als die DDR-Presse. Perestroika und Glasnost gab es in der DDR nur in (östlichen) Fremdsprachen. Das Heft mit den Gedichten von Gumiljow war eines der ersten, das ich gelesen habe. Ich kannte den Namen von Fußnoten zu Anna Achmatowa, mit der er ein paar Jahre verheiratet war, aber bis dahin keine Gedichte. 1988 erschien eine deutsche Auswahl im Westberliner Oberbaum Verlag, die ich Anfang der 90er kaufen konnte. Das war ganz einfach – ich musste nur die Mauer öffnen und die Ostmark durch D-Mark ersetzen.

Gumiljow gehörte wie Achmatowa und Mandelstam zur Gruppe der Akmeisten. Das war eine Gegenströmung zum um 1900 auch in der russischen Literatur vorherrschenden Symbolismus. Das heutige Gedicht des Tages macht sich über den Symbolismus mit seinen symbolhaft verrätselten Andeutungen, seiner Richtung ins Transzendent-Mystische und Bevorzugung musikalischer, zerfließender Versformen lustig.

*) zumindest nach der deutschen Wikipedia. Die russische und englische Version nennen den 26. August, die französische den 16. August. Trau keiner Quelle, die du nicht gegengeprüft hast – was nie leichter war als heute, indem man zum Beispiel auf andere Sprachversionen des Online-Lexikons klickt.

Nikolai Gumiljow

Meine Leser
Der alte Vagabund in Addis-Abeba, 
der viele Stämme unterworfen hatte, 
schickte zu mir einen schwarzen Lanzenträger 
mit einem Gruß, der aus meinen Versen gebildet war.
Der Leutnant, der ein Kanonenboot geführt hatte 
unter dem Feuer der feindlichen Batterien, 
las die ganze Nacht auf dem südlichen Meer 
mir zum Gedenken meine Verse.
Der Mann, der inmitten der Volksmenge 
den kaiserlichen Gesandten erschossen hatte, 
trat auf mich zu, mir die Hand zu drücken, 
mir für meine Verse zu danken.

Viele von ihnen, den Starken, Bösen und Frohen, 
die Elefanten und Menschen erschlugen, 
die vor Durst in der Wüste starben, 
die an der Kante des ewigen Eises erfroren, 
die treu waren unserem Planeten, 
dem starken, frohen und bösen - 
führen meine Bücher in der Satteltasche mit sich, 
lesen sie im Palmenhain, 
vergessen sie auf dem sinkenden Schiff.

Ich beleidige sie nicht mit Neurasthenie, 
erniedrige sie nicht durch Wärme der Seele, 
werde ihnen nicht lästig durch vieldeutige Anspielungen 
auf den Inhalt eines ausgegessenen Eis.
Aber wenn ringsum die Kugeln pfeifen, 
wenn die Wellen die Borde brechen, 
lehre ich sie, wie man sich nicht fürchtet, 
sich nicht fürchtet und tut, was not ist.

Und wenn die Frau mit dem schönen Antlitz, 
dem einzig teuren auf der Welt, 
sagt: „Ich liebe Sie nicht"
dann lehre ich sie, wie man lächelt 
und fortgeht und sich nicht mehr umwendet.
Und wenn ihre letzte Stunde kommt, 
ein gleichmäßiger, roter Nebel die Blicke bedeckt, 
dann werde ich sie lehren, sich auf einmal zu erinnern 
des ganzen grausamen, lieben Lebens, 
der ganzen vertrauten, seltsamen Erde 
und, vor dem Antlitz Gottes erscheinend, 
mit einfachen und weisen Worten 
ruhig Sein Gericht zu erwarten.

(2.7.1921)

Aus dem Russischen von Irmgard Wille, aus: Nicolai Gumiljow, Ausgewählte Gedichte. Gedichte ausgewählt und übertragen von Irmgard Wille. Briefe ausgewählt und übertragen von Rosemarie Düring. Zweisprachig Russisch und Deutsch. Berlin: Oberbaum / BasisDruck, 1988, S. 95/97

Николай Гумилёв

МОИ ЧИТАТЕЛИ
Старый бродяга в Аддис-Абебе,
Покоривший многие племена,
Прислал ко мне черного копьеносца
С приветом, составленным из моих стихов.
Лейтенант, водивший канонерки
Под огнем неприятельских батарей,
Целую ночь над южным морем
Читал мне на память мои стихи.
Человек, среди толпы народа
Застреливший императорского посла,
Подошел пожать мне руку,
Поблагодарить за мои стихи.

Много их, сильных, злых и веселых,
Убивавших слонов и людей,
Умиравших от жажды в пустыне,
Замерзавших на кромке вечного льда,
Верных нашей планете,
Сильной, веселой и злой,
Возят мои книги в седельной сумке,
Читают их в пальмовой роще,
Забывают на тонущем корабле.

Я не оскорбляю их неврастенией,
Не унижаю душевной теплотой,
Не надоедаю многозначительными намеками
На содержимое выеденного яйца,
Но когда вокруг свищут пули,
Когда волны ломают борта,
Я учу их, как не бояться,
Не бояться и делать что надо.

И когда женщина с прекрасным лицом,
Единственно дорогим во вселенной,
Скажет: я не люблю вас,
Я учу их, как улыбнуться,
И уйти, и не возвращаться больше.
А когда придет их последний час,
Ровный, красный туман застелит взоры,
Я научу их сразу припомнить
Всю жестокую, милую жизнь,
Всю родную, странную землю,
И, представ перед ликом Бога
С простыми и мудрыми словами,
Ждать спокойно Его суда.

variationen zum zet

627 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Róža Domašcyna schreibt auf Deutsch und Obersorbisch und „überträgt“ ihre Texte selbst zwischen beiden Sprachen – oder vielleicht besser: schafft sie neu in der anderen Sprache? Sind doch die beiden Fassungen keine wortgetreuen Übersetzungen voneinander.

Ausgangspunkt ist der sorbische Dichter Jurij Chěžka. Die obersorbische Fassung bezeichnet sich ausdrücklich als „swobodnje po motiwje Jurja Chěžki“ – frei nach einem Motiv von Jurij Chěžka. Damit entsteht ein mehrfaches Gespräch: Domašcyna antwortet Chěžka, das Obersorbische antwortet dem Deutschen oder vermutlich umgekehrt und eine Fassung verändert die andere.

Im Zentrum steht der Buchstabe z beziehungsweise zet, das letzte Zeichen beider Alphabete. Aus ihm entwickelt Domašcyna eine ganze Sprachlandschaft. Im Deutschen häufen sich Wörter wie „Zeichen“, „Zeit“, „Ziffern“, „Zucken“, „Zugzeit“, „Zebra“, „Zenit“, „Zeltzeit“, „Zäune“, „Zehen“ und „Zarge“. Das z ist nicht nur Thema, sondern erzeugt das Gedicht klanglich und semantisch.

In der obersorbischen Fassung wird dieses Verfahren noch auffälliger. Fast jede Zeile, ja fast jedes Wort wird von Lautfolgen um z, zw, zy, ze, zo, za, zh geprägt. Wörter wie „zynko“, „zymolicu“, „zynčate“, „zymow“, „zhibowachu“, „zasywach“, „zawołaki“, „zwotróćichu“, „zwučnje“ oder „zymicy“ lassen das Gedicht zu einem aus dem Buchstabenmaterial selbst hervorgehenden Sprachkörper werden. Übersetzen bedeutet hier deshalb nicht, einen identischen Inhalt in einer anderen Sprache wiederzugeben. Beide Sprachen stellen jeweils anderes Material für das poetische Spiel bereit.

Zugleich zieht sich durch die deutsche Fassung ein zweites Leitmotiv: die Zeit. Kindheit und „Neuzeit“, Uhr und Ziffern, Stunden und „Zugzeit“ führen bis zur abschließenden Frage: „wann ist die zeit dir zuvorgekommen“. Aus dem Spiel mit dem letzten Buchstaben des Alphabets wird damit unversehens ein Gedicht über Vergänglichkeit.

Róža Domašcyna

Variationen zum grünen zet

                          nach einem 
                          motiv von 
                          Jurij Chěžka

ich mochte dich z 
du letztes zeichen meines alfabets 
anfang den ich buchstabierte: zet 
für neuzeit kindzeit 
wo die uhr ein kreis war 
die ziffern lichtpunkte zwischen dem zucken 
das ich zerlegte zusammensetzte aufzog 
zergrübelte stunden denen ich zusprach 
untiefen lotete türme erstieg 
zugzeit mit dem zebra zum zenit 
zeltzeit wo die zäune nicht umzäunung waren 
meine zehen leichten fußes drüberzogen 
keine zarge zu breit war

wann ist die zeit dir zuvorgekommen

Aus: Róža Domašcyna, Zwischen gangbein und springbein. Gedichte. Zeichnungen von Maja Nagel. Berlin: Gerhard Wolf Januspress, 1995, S. 9

Jurij Chěžka (1917-1944), sorbischer Dichter.

Wariacije na zelene zet

swobodnje
po motiwje
Jurja Chěžki

wobkusowach će
posledni zynko mojeho alfabeta
započatko pismikowanja: zet
za złotušku zymolicu zawiwak
zynčate zawostajenstwo zlutniwych zymow
zo zabaleše zapleńčenje zeznaće
a zakuklenja zwady do zmjetkow zhibowachu
hdźež zasywach zawołaki a zběrach zbožopřěća
zdwórliwe zasodaća
zezhibowachu zakročenja
zwotróćichu zahladanje
zwučnje zazwoni so w zwóńcy
mi zeswita zludanje zapřěća
zhrabach so ze syčawku na jazyku
mi zymicy zornješko zeschadźa

Ebd. S. 8

Ich habe mir von KI eine möglichst wörtliche Übersetzung des sorbischen Texts anfertigen lassen.

Variationen zum grünen Zet

frei
nach einem Motiv
von Jurij Chěžka

ich versuchte dich
letztes Zeichen meines Alphabets
Anfang des Buchstabierens: Zet
für ein Goldstück, ein Winterchen, einen Wirbel
gezacktes Zurückbleiben eisiger Winter
aus dem Eingewickeltsein Verflechtung, Erkennen
und aus der Verpuppung wanden sich die Streitigkeiten zu Resten
wo ich Ausrufe aussäte und Getreidewünsche erntete
höfliche Setzungen
verbogen die Schritte
kehrten das Hinschauen um
klangvoll erklang es in der Glocke
aus der Welt leuchtet mir die Täuschung des Verbots
ich raffte mich mit einem Zischen auf der Zunge zusammen
aus dem Winter geht mir das Morgenrot auf

KI kommentiert:

Einige Stellen sind im Sorbischen stark wortspielerisch und teilweise eigensinnig gebildet, sodass eine glatte deutsche Übersetzung gerade das Wesentliche verlieren würde. Besonders auffällig ist die fast obsessive Häufung von z-, zy-, zw-, ze-, zh- und za-Lauten. Das Gedicht führt also praktisch vor, was es mit dem „letzten Zeichen meines Alphabets“ ankündigt.

Bei einigen schwierigen Wörtern würde ich die Übersetzung noch nicht als endgültig ansehen. Besonders „złotušku zymolicu zawiwak“, „zynčate zawostajenstwo zlutniwych zymow“, „zbožopřěća“, „zasodaća“ und „zludanje zapřěća“ sollte man lexikalisch genauer auseinandernehmen. Gerade dort scheint Domašcyna mit Ableitungen, Mehrdeutigkeiten und lautlichen Nachbarschaften zu arbeiten.

Müde Raubtiere

202 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Maurice Maeterlinck

(* 29. August 1862 in Gent; † 6. Mai 1949 in Nizza)

Müde Raubtiere

O die verrauschten Leidenschaften!
Der Träume Flut, des Lachens Klang!
Unter dem welken Laub erschlafften 
Mit halbgeschloßnen Lidern, krank, 

Die gelben Hunde meiner Sünden 
Und meines Hasses schielende Hyänen, 
Und auf verdroßnen bleichen Wiesengründen 
Seh' ich die Löwen sich der Liebe dehnen!

In ihres Traumes Ohnmacht hingekauert 
Und müde unter schlaffem Himmel, 
Der trüb und farblos niedertrauert, 
So seh' ich ihren Blick auf dem Gewimmel

Der Lämmer der Versuchung haften, 
Die langsam, eines nach dem andern, 
Im stillen Mondschein weiterwandern –
Und stille ruhn sie, meine Leidenschaften...

Deutsch von K. L. Ammer, aus: Fin de siècle. Erzählungen, Gedichte, Essays. Hrsg. Wolfgang Asholt und Walter Fähnders. Stuttgart: Reclam, 1993, S. 33f

Fauves las

Ô les passions en allées 
Et les rires et les sanglots! 
Malades et les yeux mi-clos
Parmi les feuilles effeuillées,

Les chiens jaunes de mes péchés, 
Les hyénes louches de mes haines, 
Et sur l’ennui pâle des plaines 
Les lions de l'amour couchés!

En l’impuissance de leur rêve 
Et languides sous la langueur 
De leur ciel morne et sans couleur, 
Elles regarderont sans trève

Les brebis des tentations 
S’éloigner lentes, une à une, 
En l’immobile clair de lune,
Mes immobiles passions.

Erstveröffentlichung 1889

Über Proportionen

Eva H. D.

STUDIE ÜBER PROPORTIONEN

Du verbrachtest dein Leben mit einem Mann, 
erst kanntet ihr euch als Kinder, 
dann musstest du Dinge mit einem X 
markieren: Stimmzettel und Umzugskisten, 
zuletzt seinen Namen, wie einen Ehrentitel.
Er wurde ein X in einem gezeichneten Ring, 
dein Ex-Mann, 
wie Leonardos herrliche Aktzeichnungen.

Es leuchtet dir ein, dass 
jemand von morgens bis abends 
nur nackte Männer zeichnen will, 
wenn er gerade nichts erfindet.

Du berührst einen herrlichen Mann 
und hast das Universum frisch erfunden, 
jenes parallele, in dem du lachst und 
lieb zu Kindern bist, auf Riesenrädern schwankst 
und in moralischen Fragen;

oder Erfinderin wirst von einem anderen Schlag, 
brillant und windzerzaust in der Wüste, 
die Leinwand mit dem Fallout pigmentierst, 
dein großes Werk, Zerstörerin von Welten.

Aus: Eva H. D., Wenn alle deine Freunde vom Felsen springen. Gedichte. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag und Steffen Popp. München: Hanser, 2025, S. 83

STUDY OF PROPORTIONS

You spent your life with a man, 
first you were kids together, 
then you had to mark things off 
with an X: voting cards, moving boxes, 
finally his name, like an honorific.
He became an X in a sketched ring, 
your ex-man,
like Leonardo's beautiful nudes.

You could understand 
why someone would want to 
sketch naked men all day, 
in between inventing things.

If you touch a beautiful man, 
you have just invented the universe, 
that alternate one, in which you laugh 
and are kind to children and sway 
on Ferris wheels and moral questions;

or you become another kind of inventor, 
brilliant and windblown in the wilderness, 
pigmenting the canvas with the fallout, 
your great work, destroyer of worlds.

Ebd. S. 82

Leonardo da Vinci – RCIN 912596, A standing male nude c.1504-6. Public domain, via Wikimedia Commons

Eva H.D. stammt aus Toronto, sie ist Lyrikerin und Autorin der Gedichtbände »Rotten Perfect Mouth« (2015), »Shiner« (2016) und »The Natural Hustle« (2023). Sie schrieb das Drehbuch zum Kurzfilm »Jackals & Fireflies« (2023) von Charlie Kaufman. In dessen Film »I’m Thinking of Ending Things« (2020) spricht Jessie Buckley ihr Gedicht »Bonedog«, das in diesem Band enthalten ist. https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/eva-h-d-p-2828

Immer träumte ich nach Prag

80 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Rose Ausländer

(geboren am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; gestorben am 3. Januar 1988 in Düsseldorf)

Prag

Immer träumte ich nach Prag
immer kam etwas dazwischen
Zeitnot Krankheit Krieg

Kafka stand
vor dem Hradschin
verirrter Himmelsbote

Ich schwöre
beim heiligen Franz
ich kann die Mauern
nicht durchbrechen
die Zauberkünste schlafen

Dort träumen Dichter
ihre Wunder
Gut mit ihnen
Kirschen essen

Trauert Prag
um meinen Traum?
Mein Traum
trauert um Prag

(1977)

Aus: Großstadtlyrik. Hrsg. Waltraud Wende. Stuttgart: Reclam, 1999, S. 282f

Höchstwahrscheinlichkeitspoesie

618 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

„Wenn man eine KI nur dann sicher nutzen kann, wenn man die Antwort schon kennt, degradiert das die Technologie im wissenschaftlichen Kontext von einer Erkenntnisquelle zu einem reinen Formulierungswerkzeug oder Sparringspartner. Genau aus diesem Grund ist der unkritische Einsatz von KI in der Wissenschaft hochgefährlich. Sie taugt hervorragend zum Strukturieren, Programmieren, Übersetzen oder Generieren von kreativen Texten – aber ohne menschlichen Faktencheck versagt sie bei der verlässlichen Wissensvermittlung.“
Algori T. Misch, 9.8.2026

G&GN-Pressemitteilung / Experimentelle KI-Lyrik-Anthologie mit Höchstwahrscheinlichkeitspoesie! Dieser Ausnahme-Band 11 der Reihe „LOB DER LYRIK“ (Teil 120-123) mit insgesamt 10 Autor:innen (Leseprobe @ lyriktherapie.de) enthält Kollaborationen von Algori T. Misch (KI) für Teil 121 mit Tom de Toys, stan lafleur, Barbara Peveling, Dorothee Dickmann und Tanja „Lulu“ Play Nerd sowie 4 KI-kritische Essays von Kai Pohl, Kersten Flenter, Marvin Chlada und Ulrich Jösting, dessen Text den diesjährigen Nahbellpreis (poesiepreis.de) erhielt. Darüber hinaus ermöglichen 3 geheime Chatprotokolle einen unerwarteten Einblick in die Selbstdefinition der KI: ihr kreatives Potenzial, ihre vertuschten Gefahren sowie die schockierend professionell formulierte Verschleierung ihrer Irrtümer durch vorgetäuschtes Wissen mangels exakter Trainingdaten. Diese Anthologie beweist: wer die KI für literarische Zwecke konstruktiv und sinnvoll nutzen möchte, sollte bereits ein sattelfester Lyriker mit eigenem Stil sein, um aus ihr das Beste rauszukitzeln, was ihr gecloudeter Algorithmus an Wahrscheinlichkeiten bieten kann! Ab 1.9.2026 im Buchhandel (BoD Verlag, 84 Seiten, 20 Farbabbildungen). Hier Textbeispiele aus der Anthologie:

Barbara Peveling + KI

VER(RAM)S(CHT)E AUS DEM OFF, Teil 121

dieses gedicht trägt die lust wie eine glimmende kohle unter der zunge während sie den tag mit leisen händen zusammenhält und niemand den preis dafür nennt obwohl jede tasse jeder blick jede wunde von ihrer geduld genährt wird während andere ihre stimmen über ihre schultern legen als dürften sie den takt bestimmen doch sie lächelt nicht mehr aus gehorsam sondern aus einer r≠uhe die selbst in der menopause noch feuer sammelt und das zittern ihrer finger erinnert die luft daran dass jede erschöpfung einen namen sucht ehe sie im staub verschwindet und selbst wenn ihre schritte allmählich aus den straßen gelöscht werden bleibt zwischen den atemzügen eine spur die keine fremde hand auslöschen kann weil jedes verschwinden nur den blick der anderen verrät und nicht das leben das unter der asche weiterglüht

Dorothee Dickmann + KI
VER(RAM)S(CHT)E AUS DEM OFF, Teil 121

dieses gedicht stellt einen schreibtisch mitten in die stille ein kalender durchbricht sie mit einer leere die sich nicht ausfüllen lässt seite um seite häuft sie sich an wird zu stunden die keiner sieht zu tagen wochen monaten die sich verbinden aufgetürmt zu einem zuhause gebaut mit nichts als mut und übermut zahlen schwanken zur tür herein sie klopfen nicht an stellen fragen die niemand beantworten will angst wohnt schon länger hier sitzt wartend am fenster zitternd um ihre existenz lässt sich nicht stören von den beiden schwestern die eine tragikomödie inszenieren verkleidet mit weiten mänteln gewebt aus freude und tiefer traurigkeit die seele schwebt durch die räume sie schimmert durch sätze die keiner bestellt hat zeigt sich ungefragt weil sie leben will weißelt in großen lettern aufgeben ist keine option an die wand

Tanja „Lulu“ Play Nerd + KI

VER(RAM)S(CHT)E AUS DEM OFF, Teil 121

dieses gedicht klinkt sich aus der permanenten optimierung aus sucht die wärme im nassen sand wo wir zwischen treibgut zersetzten muschelschalen und braunalgen das nackte dasein feiern weil uns die schmelzenden gletscher im nacken sitzen wir leben die pure subversive anarchie der berührung direkt in den salzigen brandungswellen wo leuchtplankton unsere haut streift kein zertifikat unsere lust regulieren kann die freude bricht sich bahn als wildes lachen gegen den untergang während die traurigkeit über die betonierte welt im rhythmus der gezeiten erodiert und platz macht für eine ungezähmte nähe die sich wie treibende seegraswiesen den vererbten schmerzkäfigen radikal verweigert

Die neue Anthologie „LOB DER LYRIK“ versammelt experimentelle Gedichte, die in Zusammenarbeit von Autorinnen, Autoren und künstlicher Intelligenz entstanden sind. Essays und dokumentierte KI-Dialoge beleuchten Chancen, Grenzen und Risiken generativer Sprachmodelle für Literatur und Wissenschaft.

Einführung in den Tod

323 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Federico García Lorca 

(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. – spanische Wikipedia – oder 19. – deutsche Wikipedia – August 1936, heute oder morgen vor 90 Jahren, in Víznar nahe Granada)

Einführung in den Tod

Tod
Für Isidoro de Blas

Wie sie sich abmühen!
Wie das Pferd sich abmüht,
Hund zu sein!
Wie der Hund sich abmüht, Schwalbe zu sein!
Wie die Schwalbe sich abmüht, Biene zu sein!
Wie die Biene sich abmüht, Pferd zu sein!
Und das Pferd,
wie spitz der Pfeil ist, den es aus der Rose preßt,
wie grau die Rose, die von seiner Lippe aufsteigt!
Und die Rose,
was für ein Rudel Lichter und Schreie
ist im lebendigen Zucker ihres Stengels gebunden!
Und der Zucker,
was träumt er nicht für kleine Dolche, wenn er wach ist!
Und die winzigen Dolche,
Was für ein obdachloser Mond ist das, den sie da suchen,
und was für nackte Körper, errötende, unvergängliche Haut!
Und ich, an den Traufen der Dächer,
welchen flammenden Seraph such ich und bin es selbst!
Aber der Bogen aus Gips,
wie groß, wie unsichtbar, wie winzig,
mühelos!

Aus dem Spanischen von Martin von Koppenfels, aus: Federico García Lorca, Dichter in New York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2000, S. 101

Introducción a la muerte

Muerte

A Isidoro de Blas

¡Qué esfuerzo!
¡Qué esfuerzo del caballo
por ser perro!
¡Qué esfuerzo del perro por ser golondrina!
¡Qué esfuerzo de la golondrina por ser abeja!
¡Qué esfuerzo de la abeja por ser caballo!
Y el caballo,
¡qué flecha aguda exprime de la rosa!,
¡qué rosa gris levanta de su belfo!
Y la rosa,
¡qué rebaño de luces y alaridos
ata en el vivo azúcar de su tronco!
Y el azúcar,
¡qué puñalitos sueña en su vigilia!
y los puñales diminutos
¡qué luna sin establos, qué desnudos!,
piel eterna y rubor, andan buscando
Y yo, por los aleros,
¡qué serafín de llamas busco y soy!
Pero el arco de yeso,
¡qué grande, qué invisible, qué diminuto!,
sin esfuerzo.

Ebd. S. 100

das geprellte herz

277 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Leonhard Lorek

das geprellte herz

mein herz kotzt über achterdeck
mein knastereingedrecktes herz
die meute lacht und ich verreck
sie geben darauf einen dreck
saudumme witze ohne scherz
mein herz kotzt über achterdeck
mein knastereingedrecktes herz

geschwollne pimmel von muschkoten
und faule tricks sind schuld daran
ins steuer schnitten die idioten
geschwollne pimmel von muschkoten
o sagenhafte flutenboten
nehmt euch bloß meines ekels an
geschwollne pimmel von muschkoten
und faule tricks sind schuld daran

wenn die erst ihren priem ausspucken
beschissnes herz was tu ich dann
sie rülpsen wie besoffne tucken
wenn die erst ihren priem ausspucken
mein magen wird im brechreiz zucken
mein herz du bist erbärmlich dran
wenn die erst ihren priem ausspucken
beschissnes herz was tu ich dann

berlin, april 1985

Aus: Leonhard Lorek: Daneben liegen. Berlin: Verbrecher Verlag, 2009, S. 67

(Leonhard Loreks Version eines Gedichts von Arthur Rimbaud)

Arthur Rimbaud

LE CŒUR VOLÉ

Mon pauvre cœur bave à la poupe,
Mon cœur est plein de caporal ;
Ils lui lancent des jets de soupe,
Mon triste cœur bave à la poupe :
Sous les quolibets de la troupe
Qui pousse un rire général,
Mon triste cœur bave à la poupe
Mon cœur est plein de caporal !

Ithyphalliques et pioupiesques,
Leurs insultes l’ont dépravé.
À la vesprée, ils font des fresques
Ithyphalliques et pioupiesques,
Ô flots abracadabrantesques
Prenez mon cœur, qu’il soit sauvé !
Ithyphalliques et pioupiesques
Leurs insultes l’ont dépravé !

Quand ils auront tari leurs chiques,
Comment agir, ô cœur volé ?
Ce seront des refrains bachiques
Quand ils auront tari leurs chiques :
J’aurai des sursauts stomachiques
Si mon cœur triste est ravalé :
Quand ils auront tari leurs chiques,
Comment agir, ô cœur volé ?

Paris, 1871

Hell wie Speck

146 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Heinz Peter Geißler

der Hund

das Pfeifen von der strengen Welt kommt wie der Hund
dahergebellt – es rennt mich um und hält mich fest
und hinterher ist alles leer – das Lob ist weg
der Stuhl ist frei – ich habe meinen Hund dabei

er ist ein gutes altes Tier und kann für alles nichts dafür
ich danke ihm und gehe weg und schiebe ihm zum Dank

den Speck an seine Tür heran dass er ihn besser sehen kann
dann frisst er ihn und braucht nicht lang weil er schon wieder
wedeln kann – er geht in seine Tür hinein und möcht dort

ganz alleine sein – so ist es gut ich weiß es auch
obwohl ich ihn schon wieder brauch
ich wedle mitm zweiten Speck doch ist er weg

Aus: Heinz Peter Geißler: Hell wie Speck. München, Cormoret und Schupfart: roughbooks / Engeler Verlage, August 2026 (roughbook 072), S. 47

Ach, Deutschland ist klein geworden

312 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Gedichte retten nicht das Klima und ändern nicht die Welt. Manchmal halten sie einen kleinen psychischen oder geschichtlichen Moment fest, dass wir ihn für ein paar Augenblicke sehen. Hier ein Gedicht eines vergessenen „proletarischen“ Dichters, der heute vor 125 Jahren geboren wurde. 1948 erschien im Ostberliner Dietz Verlag, der der offizielle Verlag der SED war und sonst die Dokumente der Parteitage und die Schriften von Marx, Engels und Lenin (anfangs auch Stalin) druckte, ein Gedichtband von Hans Lorbeer. Lorbeer war Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (1928). Die Nazis sperrten ihn ein, die Kommunisten schlossen ihn aus und nahmen ihn wieder auf. Am 8. Mai 1945 ernannte ihn die sowjetische Besatzungsmacht zum Bürgermeister seiner Stadt Piesteritz. In diesem Gedicht schildert er einen Moment aus der Bürgermeisterzeit – die Ankunft einer Flüchtlingsfamilie. Deutschland ist klein geworden … vom Osten kommen die Flüchtlinge. In der DDR-Literatur war das dann kein Thema mehr.

Hans Lorbeer 

(* 15. August 1901 in Kleinwittenberg; † 7. September 1973 in Lutherstadt Wittenberg) 

Kinder auf der Rathaustreppe

Der Vater und die Mutter sind
zum Bürgermeister gegangen.
Vier Kinder stehn im Sommerwind
mit winterbleichen Wangen.

Der Vater spricht, die Mutter weint,
der Bürgermeister beschwichtigt.

Die Kinder stehen eng vereint
und werden flüchtig besichtigt.


Der dicke Fleischer kommt und guckt
erschrocken und unzufrieden,
worauf er auf die Stufen spuckt:
– es ist kein Heil hinieden...

Die Frau vom Doktor Knobeloch,
sie macht einen kleinen Bogen;
vom Osten her da kommt ja doch
nur Ungeziefer gezogen...

Herr Schneider Fatz und Frau Helen,
die Krämer und Krämerinnen,
sie alle sehn die Kinder stehn
und rauschen schnell von hinnen.

Die Kinder stehen bang vereint.
Ach, Deutschland ist klein geworden,
klein auch sein Herze, wie es scheint,
man spürt es allerorten...

Die Kinder stehn in Leid und Not.
Mein Deutschland, du siehst sie stehen;
dein Krieg nahm ihnen Bett und Brot.
Sag, was soll nun geschehen - - - ?

Aus: Hans Lorbeer, Die Gitterharfe. Gedichte 1933-1945. Berlin: Dietz, 1948, S. 109f.

Heiße Lyrik zwischen den Kriegen

226 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ein schmales Heft in der renommierten Reihe „Dichtung unserer Zeit“ des Limes Verlags – es war auch der Verlag Gottfried Benns – ist die erste Buchpublikation von gleich zwei jungen Lyrikern des Jahres 1956. Peter Rühmkorf wurde im Verlauf der nächsten Jahrzehnte einer der führenden Autoren der Bundesrepublik, während Werner Riegel noch im Jahr seines Buchdebüts im Alter von nur 32 Jahren starb. Sein schmales Werk beeinflusste dennoch eine ganze Generation von Dichtern. Gemeinsam mit Peter Rühmkorf begründete er die Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“ und wurde zu einer wichtigen Stimme der frühen Bundesrepublik. In seinen Gedichten reimt die Muse Kalliope auf sMG (schweres Maschinengewehr), Abenteuer auf Mündungsfeuer, Vers auf Geschlechtsverkehrs und Nausikaas auf Fraß.

Werner Riegel

(* 19. Januar 1925 in Danzig; † 11. Juli 1956 in Hamburg)

Seidiger Mohn und sMG, 
Iris und Instinkt,
Wenn eine späte Kalliope
Unsere Story bringt.

Das jadefarbene Abenteuer
Das über uns fließt,
Wenn sich ins Mündungsfeuer
Unsere Seele ergießt.

Den Rauch von Lublin
Im Cerebrum –
Wann vergaßen wir ihn!
Aber der Wind schlägt um.

Was wollt ihr noch wissen?
Es hat keinen Zweck.
Ich reiße von euren fiesen Fressen
die Hoffnung weg.

Der Mond taucht schief
Aus Scheiße und Schund.
Schlürft den Aperitif
Mit schmerzlichem Mund.

Die letzten Fetzen Größe
Treiben an euch vorbei.
Nun tut das Sinngemäße
Und haut euch ins Heu.

Aus: Werner Riegel / Peter Rühmkorf: Heiße Lyrik. Wiesbaden: Limes, 1956 (Dichtung unserer Zeit Heft 6), S. 27

Kälte

212 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Gerard Malanga 

(* 20. März 1943 in Bronxdale, New York City)

Kälte

Das junge Mädchen ist unfähig, das Muster
Ihres gewohnten Denkens zu verändern,
Die Körperhaltung, mit der sie auf ein Gefühl
Der Traurigkeit reagiert, den Strom ihrer
Gedanken, während sie etwas sieht,
Den Gesichtsausdruck und so weiter;
Sie vergißt sich selbst, um sich ihrer Schmerzen
Im Nacken zu erinnern, um sich ihrer Probleme zu erinnern.
Ich habe das schon einmal bemerkt, als ich mich an mich in
Derselben Situation erinnerte, bis sie
Zum ersten Mal in mein Leben trat
Und sich erinnerte, hinaus in das offene Blick-
Feld gegangen zu sein mit Augen voll Tränen und Rauch,
Der langsam aus ihrem Mund kam.

Aus: Silver Screen : neue amerikanische Lyrik, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann. Köln : Kiepenheuer & Witsch, [1969], S. 104. Deutsch von Ralf-Rainer Rygulla.

Cold

The young girl is unable to change
The form of her habitual thinking,
The posture with which she corresponds to
A feeling of sadness, the flow of her
Thoughts in which she is looking,
The facial expression, and so on;
She forgets herself to remember her pain
In the neck, to remember her problems.
I've said this before, remembering myself in the same
Situation until she came
Into my life for the first time
Remembering herself walking out in the open field
Of vision with eyes full of tears and smoke
Slowly coming out of her mouth.

Ebd. S. 253

es ist zu früh für solche parallelen

112 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Nicolai Kobus

ach anna 5

ach anna womit soll ich dich vergleichen? vielleicht mit einem sommertag? – es ist zu früh für solche parallelen. vermutlich werden noch so manche stunden nachts wie tags recht kühl verstreichen.

siehst du die namen auf den stelen? man fügt ihnen gerne auch zahlen hinzu in einer zweiten zeile. das sind die koordinaten zwischen denen sich etwas ereignet. deine schönheit zum beispiel oder das plötzliche erblassen deiner haut.

solange wir atmen anna sind diese zeilen kaum von interesse. danach sind sie alles was bleibt.

Aus: nicolai kobus, hard cover. gedichte. Köln: Nyland, 2006, S. 84

Wenn Sie plötzlich an Shakespeare denken müssen, lesen Sie hier nach. Oder hier.

Mich flimmert das alles an

155 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Erwin Einzinger

Was unterwegs verloren geht

Am Ende sind alle müde & zufrieden, heißt es.
Ein wenig wird noch darüber geschwätzt, wie es denn ge=
Wesen wäre, hätte es tatsächlich schon gereicht, sich
Bloß zu bücken, um den entscheidenden Fund zu machen.
In einem Winkel steht ein Hutschpferd, gesprenkelt.
Ein Paar gläserne Schuhe, angefüllt mit alten Münzen, am
Regal, das die Feuchtigkeit ganz leicht verzogen hat.

Die Vagabundin starrt in die Runde. Dann wühlt sie sich durch
Allerhand Taschenkram & findet schließlich den
Violetten Lippenstift. Später wird sie sagen: „Mich flimmert
Das alles an." Ja, solche Fehler machen Freude.
Ein schwarzer Motorradhelm liegt in der Ecke am Boden.
Offenbar gehört er niemandem von den Anwesenden, scheint
Auch nicht wirklich vermißt zu werden. Übermorgen be=
Ginnt der von einigen nur belächelte Schnellkurs in
Handlesekunst. Aber wer weiß, was bis dahin noch passiert.

Aus: Erwin Einzinger, Die virtuelle Forelle. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2011, S. 127