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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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Die alte Fahne die klirrt

170 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Heute eine Erinnerung an die 1980er Jahre (Abt. Ost). Der Autor Peter Brasch ist der Sohn des Kulturfunktionärs Horst Brasch und der Bruder des berühmten, schon in der Bundesrepublik lebenden Thomas Brasch.

Status quo
Nach Hölderlin und W. Müller

Die junge Haut die verdirbt
im Schimmel der stählernen Sonnen
in Niemandes Land.

das alte Lied das stirbt
im Taumel der blauen Kolonnen
an Niemandes Strand.

Die alte Fahne die klirrt
im Wind an gefrorenen Masten
am neuen Bahnhof irrt
der Mann mit dem Leierkasten

Aus: Peter Brasch, Rückblenden am Morgen. Stücke Gedichte Prosa. (Reihe: Außer der Reihe). Hrsg. Gerhard Wolf. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 132

Biografie auf dem Rückumschlag:

Peter Brasch, geboren 1955 in Cottbus. 1974 Abitur in Karl-Marx-Stadt, bis 1976 Germanistik-Studium in Leipzig, Tätigkeiten u. a. als Packer Buchhändler, Kellner, Transportarbeiter. 1978 Regieassistent beim Rundfunk, 1980 freiberuflicher Autor, Regieversuche in Anklam und am Deutschen Theater, bei Platte und Rundfunk, 1986 bis 1989 Dramaturg und Regisseur beim Rundfunk. Seit 1989 wieder freiberuflich.

Peter Brasch starb 2001 in Berlin.

Schreibhand

98 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Marcel Beyer

SCHREIBHAND

Nimm jetzt die schwere
Schreibhand aus dem
Nacken, Zeit für die
Daumenübungen, jetzt

setz dich hin. Setz dich,
so wie du immer
dagesessen hast, als
ob die Sprache dir

ein frisch gestärkter
Kragen sei. Das ist
nicht viel. Ist nichts.
Muß alles sein.

Man hört deine Gelenke
knacken. Du sagst,
wenn da nur keine
Kugelschreiberspuren

sind. Der Unterarm. Du
sagst, der Ellbogen
hat noch ein wenig
Spiel. Dein wollener

Nacken. Gestärkt.
Von unvertrautem Glanz.
Und schwer.
Und sauber abgemessen.

Aus: Marcel Beyer, Graphit. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 71

der Materialist unter den Lyrikern

(Suhrkamp)

Himmel grüsst zart. Bietet dir Schluss

255 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Carl Einstein

(* 26. April 1885 in Neuwied; † 3. Juli oder 5. Juli 1940 in Lestelle-Bétharram, Pau oder in Boeil-Bezing, Angaben nach dem deutschen Wiki) 

Tod nach dem französischen Wiki: 5. Juli 1940 an der französisch-spanischen Grenze 
nach dem englischen: 5. Juli 1940 Lestelle-Betharram
dem russischen: 3. Juli 1940, bei Pau
dem katalanischen: 5. Juli 1940, bei Pau

Heimkehr

Krieche der Erde
Krümm dich der Wolke.
Willst du das, Mann?
In Scherben zerrieben, zum Irrsinn gezerrt.
Endloser Wanderer, allein.
Tod läuft dich an,
Streut in rauchige Asche
Aufriss und Ruhm.
Junges leuchtet geehrt.
Jetzt nur Flecken, ein Wisch.
Dies alles.
Schwankst
Und streifst kaum
Gras, das die Hüfte umgrünt.
Keuche zum Himmel.
Knochen, Feigen und Sklaven
Hungert es uns.
Seele verloren,
lässt es den Leichnam dir taumeln.
Deinen Schatten schreckt staubiger Abend.
Anderer Muscheln,
verschmäht und zergart,
frisst er.
Schämen zerbricht dich.
Innen ermattet
wirst du des Knaben Erde verspüren.
Niemand grüsst.
Niemand ein Wort.
Nie ruft den Namen
Dir Stimme des Menschen.
Würge dir ein
Hungers Wege.
Aufwärts! da oben
klingende Türe.
Verhungert.
Himmel grüsst zart,
Bietet dir Kommen und Schluss.

[Aus «Die Aktion», Nr. 9/10, 1917] Hier aus Carola Giedion-Welcker: Anthologie der Abseitigen. Frankfurt/M.: Luchterhand Literaturverlag, 1990, S. 138. (Erstausgabe: Carola Giedion-Welcker: Poètes à l’Écart / Anthologie der Abseitigen, Bern-Bümpliz: Benteli, 1946)

Nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg floh Einstein 1939 nach Paris. Einstein und seine zweite Frau kamen für eine Weile bei den Leiris unter. Als deutscher Staatsangehöriger im Frühjahr 1940 im Camp Bassens bei Bordeaux interniert und im Juni entlassen, nahm er sich nach der Niederlage Frankreichs das Leben. Er wurde auf dem Friedhof in Coarraze begraben.

(https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Einstein)

nachdem sie den aufrechten gang erworben hatten

304 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Eduard Escoffet

zweite transkription

nachdem sie den aufrechten gang erworben hatten, erfanden die menschen werkzeuge, um die macht der hände über die wirklichkeit zu verlängern. dann erfanden sie die sprache: so mussten sie nicht mehr aus der höhle, um die dinge zu berühren. sie erforschten weiter meere, länder und reiche, um jene welt zu sehen, die sie nicht mit bloßem blick sehen konnten: benennen, vermessen, kartographieren, registrieren, begrenzen… sehen, berühren und hören jenseits des eigenen körpers. und als die welt in daten eingeschlossen war, gaben sich die menschen mit großer hingabe dem rechnen hin. alles addieren, um die lästigkeit des erzählens zu umgehen. bis sie rechenmaschinen erfanden, um nie mehr aus der höhle zu müssen und tag und nacht zu umgehen.

segona transcripció

un cop alçats, els humans van inventar eines per allargar el poder de les mans sobre la realitat. després, van inventar el llenguatge: ja no havien de sortir de la cova per tocar les coses. van continuar explorant mars, terres i regnes per veure el món que no podien veure a simple vista: anomenar, mesurar, cartografiar, registrar, delimitar… veure-hi, tocar i escoltar més enllà del cos propi. i amb el món enclòs en dades, els humans es van lliurar amb desfici al càlcul. sumar-ho tot per evitar la feixuguesa de narrar. fins que van inventar màquines de càlcul per no haver de sortir mai més de la cova i evitar la nit i el dia.

Ausgewählt und aus dem Katalanischen übersetzt von Àxel Sanjosé in einem Dossier katalanischer Gegenwartslyrik in der Zeitschrift Park # 75, November 2023. Das Besondere an dieser Zusammenstellung war, dass die Gedichte dieser Auswahl nicht nur in den deutschen Fassungen, sondern auch im katalanischen Original Erstveröffentlichungen waren. Dieses Gedicht auf den Seiten 82 und 83.

Eduard Escoffet, geboren 1979, ist Lyriker und Performance-Künstler.

Und dennoch

Tadeusz Borowski 

(* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau)

Und dennoch, über verbissene Worte 
wie über einen gerodeten Pfad
werd ich mich kämpfen, bis meine wahre
Dichtkunst sich wiedergefunden hat.

Als wär ich todkrank gewesen,
muß neu ich die Welt beginnen,
jede Gestalt neu erlernen,
neue Wortgefüge ersinnen.

Wer schreit nach diesem schrecklichen Krieg
Agitpropverse auf den Plätzen herum!
Ich werde ruhig und leise sprechen.
Ich überlebte. Die Toten sind stumm.

Mit den Augen geradeaus in die Welt sehn,
tief Atem holen mit der Brust
eines Menschen, der lang wie mit einem Freund
mit dem Tode zu leben gewußt.

Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 308

Tadeusz Borowski schrieb dieses Gedicht nach seiner Befreiung aus den deutschen Konzentrationslagern. Während des Zweiten Weltkriegs studierte er an der geheimen Warschauer Untergrunduniversität und veröffentlichte erste Gedichte. 1943 wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet und nach dem KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Später kam er in das KZ Dautmergen und schließlich in das KZ Dachau, wo er am 1. Mai 1945 befreit wurde. Die Erfahrung von Lagerhaft, Massenmord und Überleben prägte sein gesamtes literarisches Werk. 1951 nahm er sich im Alter von nur 28 Jahren, wenige Tage nach der Geburt seiner Tochter, das Leben.

Vorteil der Gedichte

109 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Jörg Niebelschütz

wie ein rohrleger mir das leben zu ostern erklärt

erstmal den miafiori aus der garage und raus
aufs grundstück, da häng ich zwei ausgepustete
eier ans gartentor, dass alle wissen was los ist
und dann jag ich die olle im flatterhemd
übern komposthaufen und wenn du meiner wärst,
müsstest mindest tausend emm zu hause bringen,
dann könntste schreiben – doch gut mein sohn,
gedichte haben ja immerhin den vorteil,
dass man die meisten schnell vergisst –

aus: Poet’s Corner 17. Jörg Niebelschütz. Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, 1993, S. 25

Jörg Niebelschütz, geboren 1962 in Wismar. Nach der Tischlerlehre verschiedene Jobs. Lebte einige Jahre in Potsdam, jetzt in Berlin.

(Klappentext)

Amerikanisches Sonett

216 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Wanda Coleman 

(13. November 1946 Los Angeles – 22. November 2013 ebd.) 

AMERIKANISCHES SONETT 5 

die unechte kette plebejischer ereignisse

ist verrostet, verbeult und verstaubt
(hatdeinemamatanteaufdiepfannkuchendosegehauen?)

und berechnet, wer die meisten morde, die meisten
krebsbedingten todesfälle, die meisten in die anstalt
eingewiesenen männer, die meisten alleinstehenden weiblichen
haushaltsvorstände, die meisten eigentumsdelikte, die meisten
funktionell gestörten menschen, die meisten konsumenten von
dunklem rum für sich beanspruchen kann

die vor allem
mit der perfektionierung von fluchtplänen beschäftigt sind

see you later alligator
after while crocodile
nach dem dinner, spinner

Aus: Wanda Coleman, strände. warum sie mich kaltlassen. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Terrance Hayes. Aus dem Englischen übersetzt von Esther Ghionda-Breger. Augsburg: MaroVerlag, 2021, S. 101

»Vielleicht war sie eine der besten Sonett-Lyrikerinnen Amerikas, aber sie wurde zu Lebzeiten nie als solche bejubelt, weil sie nicht nett war. Für viele war Wanda Coleman zu aufsässig, zu verzweifelt, zu widersprüchlich, zu widerspenstig und zu schwarz.«
The New York Times

Dieser Band versammelt mehr als 120 Gedichte von Wanda Coleman über historische Ereignisse und prägende Alltagserfahrungen, ihre Rolle als Frau und Mutter, als Schwarze und Lyrikerin in einem rassistischen Amerika.

Mit scharfer Zunge prangert sie strukturelle Ungleichheit, Armut und Hass in den USA an.
»Best Poetry of 2020«
The New York Times, The Irish Times, The Washington Post

Am Tage angehabt

70 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Christian Morgenstern 

(* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol)

Der Rock

Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich schweigend aus;
durch seine hohlen Ärmel trabt
die Maus.

Durch seine hohlen Ärmel trabt
gespenstisch auf und ab die Maus...
Der Rock, am Tage angehabt,
er ruht zur Nacht sich aus.

Er ruht, am Tage angehabt,
im Schoß der Nacht sich schweigend aus,
er ruht, von seiner Maus durchtrabt,
sich aus.

Fuji

117 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Emily Artmann

Fuji

nie gesehen
schon gar nicht
erfasst
erhebst du dich
über träume
wirr oder unwirr
du bist die
gerade aufsicht
auf langes stehn
eine wiederholt
aufgegangene sonne
ein wiederholt
scheinender mond
der bedichtet
deine kontur geschärft
von generation
zu generation

Zum Gedenken an die viel zu früh verstorbene Emily Artmann

Aus: manuskripte 252 / 2026, S. 82

EMILY ARTMANN (1975-2026), Diplom an der Filmakademie in Wien. Filmschnitt von zahlreichen Dokumentarfilmen und eigene Filme, u. a. der wackel-atlas – sammeln und jagen mit H. C. Artmann, gemeinsam mit Katharina Copony. Bei Edition Thanhäuser erschienen zwei Gedichtbände, in einem mantel aus fischhaut (2021) und arboretum (2026).

Drache über dem Fuji, Gemälde von Hokusai, 1849
 Jim Breen’s Ukiyo-E Gallery – Hokusai. (Gemeinfrei)

Zwei Spanien

179 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Antonio Machado 

(* 26. Juli 1875 in Sevilla, Andalusien; † 22. Februar 1939 in Collioure, Frankreich)

Kleiner Spanier

Es gibt jetzt einen Spanier, der leben
will und zu leben beginnt
zwischen einem Spanien, das stirbt,
und einem anderen Spanien, das gähnt.

Kleiner Spanier, der du
auf die Welt kommst, behüt' dich Gott.
Eines der beiden Spanien
wird dir das Herz gefrieren lassen.

Aus Martin Franzbach: Die Hinwendung Spaniens zu Europa, Die generación del 98, Darmstadt: wbg, 1988. Hier im Journal „Lesart“ 2/ 2026, S. 47 in einer Besprechung von Paul Ingendaays Darstellung des spanischen Bürgerkriegs: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939. C. H. Beck, 2026. Anmerkung in der Zeitschrift:

»Españolito« von Antonio Machado aus »Proverbios y cantares« (Sprichwörter und Gesänge) in »Campos de Castilla«, 1912. Die Bezeichnung der »beiden Spanien« entspringt diesem Gedicht.

Españolito

Ya hay un español que quiere
vivir y a vivir empieza.
Entre una España que muere
y otra España que bosteza.

Españolito que vienes
al mundo te guarde Dios.
Una de las dos Españas
ha de helarte el corazón.

Majestät stolziert durch die Straßen

269 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

In der ersten Ausgabe des „allerletzten Revolverblattes von Prenzlauer Berg“, TorTour, veröffentlichte Bert Papenfuß seine Fassung eines Gedichts des russischen Futuristen Welimir Chlebnikow. Ich verzichte heute auf das Original. Vielleicht können wir uns darauf einigen: Seine Fassung möchte nicht das Gedicht erklären, sondern dieselbe Irritation hervorrufen wie das futuristische Original.

Welimir Chlebnikow 

(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)

Das Volk erhob das höchste Zepter

Das Volk erhob das höchste Zepter,
Majestät stolziert durch die Straßen.
Das Volk ist aufgestanden, wie ersehnt.
Ein Palast, wie Cäsar, wund sich krümmend.

Breit gehüllt in meinen Zarenmantel,
Stürze ich die langsamen Stufen hinunter,
Doch der Ruf – Die Freiheit ist unser!
Ging wie ein Lauffeuer bis Wladiwostok.

Der Freiheit Lieder singen euch erneut!
Vom Pulver der Lieder ist der Plebs entflammt.
Umgeschmolzen zum Götzen der Freiheit
Der Zug der Flüchtlinge, dem ich entrannt.

Der geflügelte Geist des abendlichen Tempels
Schielt gußeisern auf die Maschinengewehre.
Wütende Scham der Kriegsgelüste –
Du, die Priesterin, zerreißt die Bande.

Was hab ich verbrochen? Des Volksbluts dunkle Gimpel
Warf ich um die lichterlohen Banner,
Die Freundin kleidend wie Girej
In die Garbe kosender Verkleinerung.

Des Fluches Tage! Schrecklicher Qualen schreckliches Gestöhn.
Doch hier – Rost, verdammt, und Schimmel! –
Erscheint in jedem Bauernrock mir Danton,
Hinter jedem Baum Cromwell.

Wieder abgedruckt in Bert Papenfuß, Ralph Gabriel (Hg.): Zwischen Mitte und Spitze. Abriß des allerletzten Revolverblattes in Prenzlauer Berg. Mit einem Echtzeittatsachenessay von Bert Papenfuß, vielen Abbildungen von verschiedenen, einem Textanhang und einer Bibliographie der Zeitschriften TorTour und Prenzlauer Berg Konnektör. Berlin: BASISDRUCK, 2015, S. 67. Die Zeitschrift erschien im November 2005.

Ein Kommentar dennoch. In der vorletzten Strophe habe ich „kreidend“ durch „kleidend“ ersetzt. Ich vermute, dass es sich um einen Druckfehler meiner Quelle handelt. Bei Chlebnikow steht ungefähr:

Was habe ich getan? Von des Volkes dunklem Blut
warf ich es zu den flammenden Bannern,
die Geliebte wie ein Giray kleidend (одевая)
in eine Garbe von Kosenamen.

Girej: Die Krimkhane aus dem Haus Giray erscheinen in der russischen Literatur – vor allem seit Puschkin – als orientalische Fürsten mit einem Harem, kostbaren Gewändern und einer poetisierten, exotischen Liebeskultur.

Chlebnikow stellt sich also vor wie ein orientalischer Fürst, der seine Geliebte schmückt. Aber womit? Nicht mit Seide oder Gold, sondern „mit Kosenamen“.

Kristallfeuer. Leekkristall

131 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Doris Kareva


Ich schlief den Schlaf der Mineralien,
schlief magmatief,
und sah ein Gesicht: der leuchtende Wind
erhob sich, drohend, hinter den Bergen.

Die Tage zerschmolzen zu einer einzigen Träne,
aus meiner Kehle stieg nur noch Lobgesang
Kristallfeuer, ewig verspielt veränderlich,
schwamm in meinem sich wandelnden Ich

Deutsche Fassung: Katja Lange-Müller, aus: Die Freiheit der Kartoffelkeime. Poesie aus Estland, edition die horen, hier aus: Vorläufig ist die Zeit – Esialgu on aeg. (Katalog). Ahrenshoop: Edition Hohes Ufer, 2015, S. 28

Ma magasin mineraalide und, 
ma magasin nagu magma
ja nägin nägemust: helkiv tuul
tõusis, ähvardav, mägede taga.

Päevad sulasid kokku ainsaks pisaraks,
kurgust kerkis vaid kituselaul,
igimänglev erk leekkristall
mu muutlikus kujus ujus.

Doris Kareva, geboren 1958 in Tallinn, estnische Dichterin und Übersetzerin. Ihre Texte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Ihr Worte. Ingeborg Bachmann 100

183 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Zum 100. Geburtstag der Dichterin

Ingeborg Bachmann 

(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)

Ihr Worte

Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht's noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht's.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
– nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.
Laßt, sag ich, laßt.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos –

Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!

Aus: Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte. München Zürich: Piper, 1998 (8. Aufl.), S. 172f

Dieses Gedicht erschien zuerst 1961 in einem Sammelband des Suhrkamp Verlags zu Ehren von Nelly Sachs.

Wer klopft da schon noch an?

231 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Kersten Flenter

MACH DIE TÜR VON AUẞEN ZU

Zwei Rock’n’Roll Selbstmorde in einer Woche
Sind schon eine erwähnenswerte Quote
Einer beschäftigt die gesamte Presse
Über mehrere Wochen der andere
Bleibt eher eine Randnotiz

Und mir fällt ein Gedicht ein
Das mich mit vierzehn mal vor dem
Abgang bewahrt hat
Obwohl es von Reiner Kunze ist:

„Die letzte aller Türen
Doch nie hat man
An alle schon geklopft“


Schrieb er über Selbstmord nun
Hannelore Kohl und Herman Brood
Schlossen die Tür jetzt von außen zu
Still die eine
Stilvoll der andere

Vergessen wir Hannelore
Wie erbärmlich das alles ist
Wenn selbst die Katholiken
Schon den Königsweg gehen
Und Staus verursachen

Viel beruhigender dagegen
Der gute Herman
Ein Abgang mit Mumm:
Sich mit 53 Jahren
Vom Dach eines
Amsterdamer Hotels zu stürzen
Die Worte
Ich habe keine Lust mehr
Hinterlassen
Das ist großartig
Das ist Stil
Und Würde

Eine kurze Notiz nur Herman
In der Tageszeitung
Und doch denke ich an dich
Wie ich dich zuletzt sah
Neunzehnhundertachtundneunzig
Nach der Premiere deines Gedichtbandes
Gepaart mit einer Vernissage
Deiner Bilder

Liebes Blutbad
Hieß dein Tagebuch mit Gedichten
Und später sah ich dich
Wie immer voll mit
Amphetaminen und Schnaps
Einsam durch die Straßen Hannovers torkeln
Orientierungslos
Heimatlos
Wir wir alle es sind

Die letzte aller Türen
Wer klopft da schon
Noch an?

Aus: Kersten Flenter: Während des Wartens. 23 Gedichte. Hannover: edition roadhouse, 2003

Gedicht in leichter Sprache

340 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Daniel Falb

Vor 200 Jahren hat der Schrift∙steller Heinrich Heine gelebt.
Ein Gedicht von ihm heißt: „Deutschland. Ein Wintermärchen".
Es ist ein lustiges Gedicht.
Aber der Inhalt ist ernst.
In dem Gedicht geht es um die Probleme von Deutschland.
Es ist eine Kritik an Deutschland.
Eine Kritik sagt: Das ist alles schlecht an einer Sache.
Eine Kritik kriegt man nicht gerne.
Aber eine Kritik kann helfen.
Denn damit kann man die Probleme besser verstehen.
Und vielleicht kann man die Probleme dann lösen.

Dieses Buch ist auch eine Kritik an Deutschland.
Wie das Gedicht „Deutschland. Ein Wintermärchen"
von Heinrich Heine.
Aber es ist eine moderne Kritik.
Das heißt: Es geht um die Probleme von heute.

Es geht um die Verbindungen zwischen Deutschland
und der Welt.
Und es geht um die verschiedenen Arten von Grenzen.
Denn es gibt mehr als nur die Grenzen zwischen
den Ländern.
Es gibt auch die Grenzen zwischen den Menschen.
Zum Beispiel:
- Manche Menschen sind arm und andere sind reich.
- Manche Menschen können gut lesen und andere nicht.

In diesem Buch geht es auch um die Leichte Sprache in
Deutschland.
Es gibt in Deutschland immer mehr Texte in Leichter
Sprache.
Die Leichte Sprache ist eine Sprache für alle Menschen.
Damit kann kann man die Texte besser verstehen.
Die Idee ist: Alle Leute sollen mitreden können.
Die Leichte Sprache soll die Sachen klarer machen.

Die Leichte Sprache kann man auch für Gedichte benutzen.
Dann kann man die Gedichte leichter lesen.
Dann sind die Gedichte für alle Menschen da.
Mit der Leichten Sprache kann man die Gedichte
besser verstehen.
Denn Gedichte sind mehr als nur einzelne Sätze
von einer Geschichte.
Manchmal erzählen Gedichte noch mehr.
Sie sind wie Musik.

Da gibt es auch mehr als nur den Text.
Zum Beispiel die Melodie.
In einem Gedicht gibt es manchmal eine unsichtbare
Sprache.
Die versteckt sich hinter der normalen Sprache.
Die unsichtbare Sprache kann man beim Lesen
entdecken.
Vielleicht hilft die Leichte Sprache dabei.

Aus: Daniel Falb: Deutschland. Ein Weltmärchen (in leichter Sprache). Berlin: kookbooks, 2023 (Reihe Lyrik Band 84), S. 6-9