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Namaste

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Archiv: viele tausend Nachrichten aus 20 Jahren. 2. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht. 3. Journal #1 (Morgensternfest)

Die Siege der Sorben

Die Siege der Sorben
(Obersorbisches Volkslied)*

Es zogen die Sorben gegen die Deutschen,
verstanden doch kein Wörtlein deutsch.

Sie sattelten ihre Pferde auf,
sie legten ihre Sporen an.

Sie gürteten ihre Schwerter um,
versammelten sich auf ebenem Feld.

Zum ersten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.

Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.

Gab er jedwedem ein neues Kleid,
nahm er sie alle in seinen Sold.

Zum zweiten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.

Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.

Ließ er jedweden kleiden in
den puren roten Scharlachrock.

Zum dritten Mal zogen sie in den Kampf,
erfochten da einen großen Sieg.

Als dies erfahren ihr König und Fürst,
wollt er sie sehn von Angesicht.

Wollt er sie sehn von Angesicht,
gab er jedwedem ein fuchsrotes Pferd.

Gab er jedwedem ein fuchsrotes Pferd,
dazu das blanke Schwert zur Wehr.

Deutsch von Kito Lorenc, in: Das Meer. Die Insel. Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. Kito Lorenc. Heidelberg: Wunderhorn, 2004, S. 20

*) In der Sammlung von Leopold Haupt und Johann Ernst Schmaler (Hawptr u. Smoler) von 1841, nachgedruckt im Akademie Verlag 1953, steht das Volkslied in der Abteilung Feldlieder mit der Angabe: Gesammelt von Johann Woko in Kotten sowie unter Angabe einer Melodie (Abbildung unten mit anderem Text). Feldlieder (Pšezpólna) bedeutet: Lieder, welche beim Gange durchs Feld im Freien gesungen werden (Carmina peragraria). Der Inhalt muss auf die Zeit vom 9. – 12. Jahrhundert zurückgehen, während der die Deutschen nach harten Kämpfen die Sorben besiegten. Die deutsche Fassung dieser Anthologie trägt die Überschrift: Die Siege der Serben. Das war die Selbstbezeichnung der Obersorben.

Serbow dobyća

Serbjo so do Nĕmcow hotowachu,
słowčka pak nĕmski njemóžachu.

Swoje sej koniki sedłowachu,
swoje sej wotrohi připinachu.

Swoje sej mječiki připasachu,
do runoh pola so zjĕzdźowachu.

Prĕni króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.

Hdyž be to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.

Dał je jim wšitkim wón nowu drastu,
dał je jich wšitkich wón do wojakow.

Druhi króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.

Hdyž bĕ to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.

Dał je jich wšitkich wón zwoblekać
do lutoh čerwjenoh čorlacha.

Třeći króć na wójnu ćehnjechu,
wulke tam dobyće sčinichu.

Hdyž bĕ to zhonił tam kral a fĕršta,
dał je jich wšitkich wón před so přińć.

Dał je jich wšitkich wón před so přińć,
dał je wón kóždemu ryzy konja.

Dał je w6n kóždemu ryzy konja,
hišće tón swĕtły mječ k zejhrawanju.

Schlechte Verse

Sándor Petőfi

(* 1. Januar 1823 in Kiskőrös (oder Kiskunfélegyháza) ; † 31. Juli 1849 bei Segesvár, heute Rumänien)

Von meinen schlechten Versen

Vielleicht sind manche Verse,
die ich verfaßte, schlecht.
Doch wer mir Menschenliebe
abspricht, ist ungerecht.

Schrieb ich nur immer gute
und könnt auf Lorbeern ruhn,
dann hätten ja die armen
Kritiker nichts zu tun.

Aus Menschenliebe mach ich
auch Abfall dann und wann,
damit die armen Schlucker
sich sättigen daran.

Mag jeder kaun und nagen
am Bissen, den er kriegt,
auch sie vielleicht sind Menschen,
wenn mich nicht alles trügt.

Deutsch von Martin Remané, aus: Sándor Petöfi, Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1981, S. 84

Versteckenspielen

Ana Blandiana

(* 25. März 1942 in Timișoara, Rumänien)

Versteckenspielen

Und siehe da, die Kirchen
beginnen über den Asphalt zu gleiten
wie mit Angst beladene
Schiffe,
der Turm ein Mast,
und die Segel gebläht
vom Wind,
der stets aus anderer Richtung weht,
so daß du,
gehst du unachtsam die Straße lang,
Gefahr läufst, von einer Kirche überfahren zu werden,
die in Schreckenseile
sich zu verbergen sucht.

In: neue literatur 1/ 1998, S. 47 (aus „EngelErnte, Ammann 1994, aus dem Rumänischen von Franz Hodjak)

DE-A V-AȚI ASCUNSELEA

Și iatǎ, bisericile
Pornesc sǎ alunece pe asfalt
Ca niște corǎbii
Încǎrcate de spaimǎ,
Cu turnul catarg
Și pânze umflate
De vântul
Bǎtând mereu din altǎ direcție,
Încât,
Dacǎ mergi neatent pe stradǎ,
Poți fi oricând cǎlcat de o bisericǎ
Înnebunitǎ,
Grǎbitǎ sǎ se ascundǎ.

Aus: Ana Blandiana, LA CULES DE ÎNGERI, Bukarest: Editura LiterNet, 2002, S. 256

Viel tausend Du

August Stramm

(* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn, heute Weißrussland)

Wankelmut

Mein Suchen sucht!
Viel tausend wandeln Ich!
Ich taste Ich
Und fasse Du
Und halte Dich!
Versehne Ich!
Und Du und Du und Du
Viel tausend Du
Und immer Du
Allwege Du
Wirr
Wirren
Wirrer
Immer wirrer
Durch
Die Wirrnis
Du
Dich
Ich!

Aus: August Stramm, Die Dichtungen. Hrsg. Jeremy Adler. München: Piper, 1990, S. 34

Branchenbuch

Beat Brechbühl

(* 28. Juli 1939 in Oppligen, Schweiz)

Aus: Branchenbuch. Auszüge aus dem Alphabet

Skilifte

Sie schleppen dich hinauf
du rutschst hinunter
das ist nur noch
½ Sisyphos.

Waschmaschinen

Oben füllst du das
Kind ein unten kommt der
Greis heraus ganz sauber
durchgespült.

Yachten

Sie segeln über die Slums die
Kriegsländer die Hungergebiete und
machen By By mit ihren
Flügeln.

Zoologische Fachgeschäfte

Eine Seele dem Hund
Einen Ehevertrag der Katze
Dem Schwein eine interessante
Religion und
             schon ist
Zarathustra über-
                 flüssig.

In: Akzente 1-2, 1973, S. 166f

lid

Rajzel Żychlinski

(* 27. Juli 1910 in Gąbin, Polen / Russisches Reich; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)

DAS GEDICHT

Wenn man ein Gedicht schreibt,
sagt einer, es ist schön,
einer, es ist unanständig.
Einer gähnt,
ein anderer hustet.
Und die Sonne weiß gar nichts
von dem schönen Gedicht,
auch die Katze nicht,
auch die Maus nicht.
Und das Haus ist weiterhin von Stein,
der Tisch von Holz.
Doch das Wasser im Glas,
das ich trinke,
ist jetzt süß
und grasgrün.
Ich erhebe es
höher als meinen Kopf
und sinke dreimal
in die Knie.
Und küsse den Tisch
und das Haus
und such in allen Winkeln
nach der kleinen Maus.

lid

is woss, as men schrajbt on a lid?
ejner sogt, ss’is schejn,
ejner – ss’is miess.
ejner genezt,
ejner husst;
di sun wejsst gomischt
fiin dem schejnem lid.
un nischt di kaz
un nischt die mojs.
un doss hojs is wajter fun schtejn,
der tisch – fun holz.
ober doss wasser,
woss ich trink in glos,
is demolt siss
un grin wi gros.
ich hojb ess hojch –
hecher fun majn kop
un los sich ojf di kni
draj mol arop.
un kusch dem tisch
un kusch doss hojs;
un such in ale winkelech
di klejne mojs.

Aus: Rajzel Żychlinski, di lider. Die Gedichte. 1928-1991. Jiddisch und deutsch.  Hrsg. u. übertragen von Hubert Witt. Frankfurt: Zweitausendeins, 2003, S. 818f.

 

Die Poesie / stirbt / wenn

Und ein weiteres neues „Poesiealbum“, Nummer 362

Nicanor Parra

(* 5. September 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán; † 23. Januar 2018 in Las Cruces, Provinz San Antonio)

DIE POESIE
stirbt
wenn sie nicht
beleidigt wird

man muß sie
besitzen und
öffentlich erniedrigen
dann wird man sehen
was wird

Deutsch von Ingolf Brökel und Brigitte Klose, in: Poesiealbum 362. Nicanor Parra. Auswahl von Ingolf Brökel. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2021, S. 3

Noch zwei Splitter oder Aphorismen aus dem Heft:

TANZEN ist denken mit dem Körper. (S. 14)

LYRIKER:
Pithecantropos Erectus (S. 23)

Plural von Haiku?

Ich freue mich sehr, dass gestern gleich drei (die dritte im Kommentar) neue deutsche Versionen von Carles Riba hinzugekommen ist. Heute etwas anderes, Hinweis auf ein neues Heft der Lyrikreihe Poesiealbum, die Nummer 361 schon. Ich hatte das Glück und hab das Alter, die Reihe von Nummer 1 an sammeln zu können, mir scheint, auch heute kann man für 5 Euro pro Heft in wenigen Jahren eine ansehnliche Sammlung deutscher und Weltlyrik zusammenstellen.

Heft 361 sind Gedichte von Peter Salomon, Jahrgang 1947, ausgewählt von Wulf Kirsten. Ich zeige ein ganz kleines Stück daraus, ganze 17 Silben (mit Überschrift 20).

Peter Salomon

Der Plural

Dichterelite!
Schönes Wort mit fünf Silben!
Typisch für Haikie –

Aus: Poesiealbum 361: Peter Salomon, Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2021S. 18

Noch einmal Carles Riba

Zu dem Gedicht von Carles Riba (* 23. September 1893 Barcelona, † 12 Juli 1959 ebd.) neulich erreichten mich zwei weitere deutsche Fassungen, hierunter mit Dank!

Per amunt la brancada pura
I en els ulls el món oblidant-se
I en els teus braços l’esperança
L’aigua corre i el temps s’atura

L’aigua sofreix i el temps sospira
Som vells com la fulla i com l’ona
Com el somni que ens empresona
Entre tu i jo una rosa expira

A la rosa i a tu estimada
He donat tardor i primavera
Com una mirada lleugera
En la nit a una ombra pensada.

Ganz zuoberst das Geäst so rein
Und in deinen Augen vergißt sich die Welt
Und in deinen Armen Hoffnung sich hält
Es rinnt das Wasser und die Zeit hält ein

Es darbt das Wasser und es seufzt die Zeit
Alt sind wir wie Blatt und Wogen
Wie der Traum der uns in Bann gezogen
Wird eine Rose zwischen dir und mir zu Ewigkeit

Der Rose und dir o Geliebte mein
Gab ich den Herbst und das frühe Jahr
Wie ein leichter Blick nachts war
Geworfen auf der Schatten Schein

Stegreifübersetzung von Alexandra Bernhardt


Dort oben nur die reinen Zweige
Und in den Augen Welt, vergessend,
Und Hoffnung ruht in deinen Armen
Das Wasser rinnt, die Zeit bleibt stehen

Das Wasser leidet, Zeit muss schluchzen
Wir sind so alt wie Blatt und Welle
So wie der Traum, der uns ein Kerker
Und zwischen dir und mir stirbt eine Rose

Der Rose und auch dir, Geliebte
Hab Herbst und Frühjahr ich gegeben
Wie einen Blick, vorbei nur streifend,
des Nachts einem gedachten Schatten

Übertragen von Àxel Sanjosé, kaum Stegreif, überschüssige Hebung in der 8. Zeile

Über die Guten

Andreas Koziol

Über die Guten

Wo sind die Guten wenn man sie braucht
Es heißt sie wären untergetaucht
Es heißt sie wurden sich selber zu schwer
und wären versunken wie Steine im Meer

Alles was gut ist im Grund muß verstehn
daß dies ein Grund ist zugrunde zu gehn
Die Guten mußten den Besseren weichen
Sie konnten ihnen das Wasser nicht reichen

und wurden verdrängt oder wollten nicht mehr
Das Glas ist halb voll das Glas ist halb leer
Das Glas ist doppelt so groß wie es sein muß
Doch Flaschen haben da größeren Einfluß

Wir sind die Guten – so prahlt die Fassade
Das falsche Leben kennt keine Gnade
Der schlechtere Teil macht den besseren Deal
Das war schon immer des Guten zuviel

Nein gar nichts ist gut weil alles ist besser
Vergütungen fischen in trübem Gewässer
Und wer die Guten zu schmerzlich vermißt
Der gehe ins Meer bis er bei ihnen ist

Aus: Das Zündblättchen. Überelbsche Blätter für Kunst und Literatur #92. Meissen: Edition Dreizeichen, 2019, S. 12

Anna mein Ännchen

Lajos Kassák

(* 21. März 1887 in Érsekújvár, Österreich-Ungarn; † 22. Juli 1967 in Budapest)

Deutsch von Andreas Gáspár, in: Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde. Hrsg. Manfred Peter Hein. Zürich: Ammann, 1991

Schönheit

Kateb Yacine

(Katib Yasin; * 6. August 1929 in Constantine (Algerien); † 28. Oktober 1989 in Tronche bei Grenoble)

Kateb Yacine war ein algerischer Schriftsteller, der in drei Sprachen schrieb, Arabisch, Französisch und Tamazight (Berbersprache). Hier ein kleines Gedicht auf Französisch.

Toute beauté n’est qu’une expression
D’une beauté bien plus belle encore
C’est la verité

Alle Schönheit ist nur der Ausdruck
Einer noch schöneren Schönheit
Es ist die Wahrheit

Aus: Eclats de miroirs, ed. Edmond Chemin, 2019.

Mehr Gedichte auf Französisch.

Auf dem Bild ein anderes Gedicht von Yacine aus einem wunderschönen französischen Jugendbuch mit algerischer Lyrik.

Musik, vor allen andern Dingen!

Paul Verlaine

(* 30. März 1844 in Metz; † 8. Januar 1896 in Paris)

Dichtkunst

Musik, vor allen andern Dingen!
Und nur die Ungeraden zählen in der Kunst,
Die unbegreiflicher vergehn im Dunst
Und nicht mit Schwere, nicht mit Pose ringen.

Verachtungswürdig muß es dir erscheinen
Zu wägen auf der Zunge jedes Wort genau –
Was ist denn herrlicher als eines Liedes Grau,
Wo Ungewisses sich und Klares einen?

Es ist wie schöne Augen hinter einem Schleier,
Als ob ein heißer Tag in Mittagsglut erbebe,
Und unter einem herbstlich lauen Himmel schwebe
In blauem Durcheinand’ ein Sternenfeuer.

Nuancen, nur Nuancen! Singen wir von vorn,
Denn grelle Farben wären ganz verfehlt,
Und weiches Übergleiten nur vermählt
Die Träume miteinander, Flöte mit dem Horn.

Vermeide ängstlich mörderische Geistesblitze,
Und Pointen, Spitzen, jede noch so kleine,
Damit das milde Auge des Azurs nicht weine,
Und unterlasse scharfe Würze, leere Witze.

Zwing die Rhetorik schonungslos ins Knie!
Und alldieweil du grad im Zuge bist,
Schau, daß der Reim disziplinierter ist.
Was sonst noch werden könnte, weiß man nie.

O wieviel Torheit birgt der Reim, wie schlecht
Hat ein verrückter Mohr, ein taubes Kind
Geschmiedet diesen eitlen Tand geschwind,
Der unterm Feilen hohl erklingt und wenig echt?

Musik denn einzig, immer nur Musik!
Dein Vers sei wie ein Hauch, der leis entschwebt
Aus einer Seele, sich in freiem Fluge hebt
Zu jenen neuen Himmeln und zu neuem Glück.

Laß ihn auf ungewisser Abenteurerspur
Im frischen Morgenwind verwehn nach hier, nach dort,
Im Duft von Minz und Thymian treiben fort…
Das andere ist Literatenmache nur.

Deutsch von Eva Scheer, in: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart. Frz./dt. Leipzig: Reclam, 1867, S. 68-71 (zuvor im Stahlberg Verlag Karlsruhe)

Art poétique

De la musique avant toute chose,
Et pour cela préfère l’Impair
Plus vague et plus soluble dans l’air,
Sans rien en lui qui pèse ou qui pose.

Il faut aussi que tu n’ailles point
Choisir tes mots sans quelque méprise :
Rien de plus cher que la chanson grise
Ou l’Indécis au Précis se joint.

C’est de beaux yeux derrière des voiles,
C’est le grand jour tremblant de midi ;
C’est par un ciel d’automne attiédi,
Le bleu fouillis des claires étoiles !

Car nous voulons la Nuance encor,
Pas la couleur, rien que la Nuance !
Oh ! la nuance seule fiance
Le rêve au rêve et la flûte au cor !

Fuis du plus loin la Pointe assassine,
L’Esprit cruel et le Rire impur,
Qui font pleurer les yeux de l’Azur,
Et tout cet ail de basse cuisine !

Prend l’éloquence et tords-lui son cou !
Tu feras bien, en train d’énergie,
De rendre un peu la Rime assagie.
Si l’on y veille, elle ira jusqu’où ?

Ô qui dira les torts de la Rime !
Quel enfant sourd ou quel nègre fou
Nous a forgé ce bijou d’un sou
Qui sonne creux et faux sous la lime ?

De la musique encore et toujours !
Que ton vers soit la chose envolée
Qu’on sent qui fuit d’une âme en allée
Vers d’autres cieux à d’autres amours.

Que ton vers soit la bonne aventure
Éparse au vent crispé du matin
Qui va fleurant la menthe et le thym…
Et tout le reste est littérature.

Paul Verlaine, Jadis et Naguère (1885)

Hannah Senesch 100

Vor ein paar Jahren ging ich in Tel Aviv in eine Buchhandlung. Ich hatte begonnen, Hebräisch zu lernen, aber zum Bücherlesen reichte es noch lange nicht. Ich fragte mich zur Gedichtecke durch, klein wie in deutschen Buchhandlungen, nahm ein paar Bücher in die Hand und kaufte „blind“ ein Büchlein. Hauptsächlich wollte ich mit eigenen Augen sehen, wovon ich gelesen hatte: dass die Punktierung, mit der in der fast vokallosen hebräischen Schrift die Vokale angedeutet werden, im Alltag nicht verwendet wird, nur in der Bibel und in Gedichtbänden. (Es stimmt, siehe im Faksimile unten).
Zu Hause las ich ein wenig mit Wörterbuch, es war eine mir unbekannte Autorin „Chana Senesch“. Sie wurde als Anikó Szenes in Budapest geboren und wanderte nach Schulabschluß nach dem britischen Mandatsgebiet Palästina aus, wo sie sich einem Kibbuz anschloss. Sie starb als (britische) Partisanin bei einem Einsatz in Ungarn. 1950 wurden ihre sterblichen Überreste nach Jerusalem überführt.

Hannah Senesch

(חנה סנש)

(Hannah Szenes, Senesh, geboren am 17. Juli 1921 in Budapest; hingerichtet am 7. November 1944 ebenda)

Am 13. März 1944 sprangen 32 Palästina-jüdische Mitglieder der britischen Armee, unter ihnen als einzige Frau Hannah Senesh, mit dem Fallschirm über Jugoslawien ab. Sie waren von Brindisi, Italien, aus gestartet und hatten den Auftrag, alliierte Piloten zu befreien, die hinter den feindlichen Linien abgeschossen worden waren. Erst nach Erledigung dieser Mission durften sie sich ihrem eigentlichen Ziel widmen: Vom Untergrund aus wollten sie jüdische Menschen retten. Mehr als eine Million, so vermutete man, lebten noch in Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei.

Kurz nach Überquerung der ungarischen Grenze wurde Hannah Senesh von den Deutschen gefaßt und zu Verhören nach Budapest überführt. Sie wurde grausam gefoltert, verriet aber auch dann nichts, als man ihr drohte, vor ihren Augen ihre Mutter zu foltern und zu töten. Ihre Festigkeit hat vermutlich der Mutter das Leben gerettet; hätte Hannah nachgegeben, hätten die Deutschen sie unweigerlich sofort exekutiert und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert.

Ende Oktober kommt Hannah vor ein Militärgericht; am 7. November wird sie hingerichtet. / Aus: FemBio

Hier ein Gedicht in der Übersetzung von Wolf Biermann:

Der Span sei gepriesen
  da er verbraucht ward 
    die Flamme zu entzünden

Gepriesen sei die Flamme 
  die sich verzehrt im heimlichen Schlag 
    dem heftigen des Herzens 

Das Herz sei gepriesen 
  das stark genug war, stille zu stehn 
    um der Ehre willen 

Gepriesen sei der Span 
  da er verbraucht ward 
    die Flamme zu entzünden

Eine andere, wörtlichere Übersetzung findet sich im Wikipediaartikel über die Dichterin:

Gesegnet das Streichholz, das sich verbraucht, indem es die Flamme entzündet.
Gesegnet die Flamme, die immer brennt in den innersten Winkeln des Herzens.
Gesegnet das Herz, das Würde bewahrt auch in seiner letzten Stunde.
Gesegnet das Streichholz, das sich verbraucht, indem es die Flamme entzündet.

Und eine englische Version von der Website der Hannah Senesh Legacy Foundation:

Blessed Is The Match
(Serdice Yugoslavia May 1944)

Blessed is the match consumed
in kindling flame.
Blessed is the flame that burns
in the secret fastness of the hurts.
Blessed is the heart with strength to stop
its beating for honor’s sake.
Blessed is the match consumed
in kindling flame.

Hanah Senesch: Eli, schelo jigamer leolam. Gedichte und Tagebuch. Tel Aviv: Verlag des Kibbuz Hameuchad, 2005

Sonett an Sir Bob

Tristan Corbière

Sonett an Sir Bob

Hund, einer leichtfertigen Dame,
englische Bracke reinen Bluts.

Wenn ich dich, Hündchen, deiner Herrin schmeicheln sehe,
Murr ich – warum? – Das ward dir niemals kund …
Deshalb – siehst du -–weil ich zu schmeicheln nicht verstehe.
Hab keine Herrin und … bin auch kein schöner Hund.

– Bob! – Stolzer Name, ach, vor Freude könnt ich weinen! …
Wenn sie mich riefe: Bob!… Sie sagt Bob allzulieb!
Bin reinen Blutes nicht. – O Ungeschick, sie meinen,
Ein Spürhund wär ich wohl… gescholten wie ein Dieb.

Wir tauschen, Bob, zur Seelenwanderung bereit:
Nimm mein Sonett, dein Glöcklein ich, geweiht,
Du meine Haut und ich dein Fell – mit Flöhen. Soll ich’s wagen?

Ich werde Bob sein und – ihr Liebling sicherlich!
Ich werd die Köter beißen und sie mich,
An meinem Halsband ihren kleinen Namen tragen.

Deutsch von Georg Schneider. Aus: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart, zweisprachig. Hrsg. Kurt Schnelle. Leipzig: Reclam, 1967, S. 28

Sonnet à sir Bob.

Chien de femme légère,
braque anglais pur sang.

Beau chien, quand je te vois caresser ta maîtresse,
Je grogne malgré moi — pourquoi ? — Tu n’en sais rien.
— Ah ! c’est que moi — vois-tu — jamais je ne caresse,
Je n’ai pas de maîtresse, et… ne suis pas beau chien.

— Bob ! Bob ! — Oh ! le fier nom à hurler d’allégresse !…
Si je m’appelais Bob…. Elle dit Bob si bien !…
Mais moi je ne suis pas pur sang. — Par maladresse,
On m’a fait braque aussi… mâtiné de chrétien.

— Ô Bob ! nous changerons, à la métempsycose :
Prends mon sonnet, moi ta sonnette à faveur rose ;
Toi ma peau, moi ton poil — avec puces ou non….

Et je serai sir Bob — Son seul amour fidèle !
Je mordrai les roquets, elle me mordrait, Elle !…
Et j’aurai le collier portant Son petit nom.

Extrait de: Les Amours jaunes (1873)