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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Sirenen

Phoebe Giannisi

Aus: Phoebe Giannisi: Homerika. Gedichte. Übersetzt von Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, 2016, 36

Konsum, Komfort und Zeitvertreib

Oskar Pastior

(* 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen; † 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main)

Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse; zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd – sie ist nicht so; aber wer blickt noch durch; opak sind die großen Zusammenhänge, an denen man sich orientieren könnte – seltsam nur, in welchem Maße jetzt deutlich wird, was Dichtung ausmacht, wer sie trägt; zu stellen wäre auch die Frage nach dem öffentlichen Rang, dem Preis, der Anerkennung; dem ach so duften Geschmack; »Bescheidenheit und Armut schärft den Intellekt«, meint eine große Mehrheit – sie ist auf Effektivität bedacht; und nur wenige denken anders – die Weggefährten; darum mein Werben für dich, und um dich, weitblickender Geist; du solltest, was du in großen Zügen anfingst, nicht aufgeben.

Aus: Oskar Pastior, Francesco Petrarca: 33 Gedichte. München, Wien: Hanser. 1983, S. 18

Die Situation des Dichters

(Friedrich Hebbel)

(* 18. März 1813, Wesselburen; †: 13. Dezember 1863, Wien)
Andre schaffen, damit sie das Leben sich sichern; dem Dichter
   Muß es gesichert sein, eh' er zu schaffen vermag.

Du schaust mich an, dann vorbei

Jan Erik Vold

(* 18. Oktober 1939 in Oslo)

Aus: Von Zimmer zu Zimmer. SAD & CRAZY. Aus dem Norwegischen von Walter Baumgartner (mit einem Nachwort von Peter Bichsel). Olten: Walter, 1968, S. 52

Brecht bearbeitet Bachmann

1953 oder 1954 bekam Brecht den ersten Gedichtband der jungen Dichterin Ingeborg Bachmann geschenkt. Er las mit Bleistift und machte daraus durch radikale Kürzung „eigene“, der lakonischen Art seines Spätwerks entsprechende Gedichte.


Aus: Gerhard Wolf, Wortlaut Wortbruch Wortlust. Dialog mit Dichtung. Leipzig: Reclam, 1988, S. 129f
Aus: Bertolt Brecht, Große Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. XV: Gedichte 5. Berlin und Frankfurt 1993, S. 280

Aus Hallers Alpen

Albrecht von Haller

(auch Albert von Haller, Albert de Haller; * 16. Oktober 1708 in Bern; † 12. Dezember 1777 ebenda)

Zwei Strophen über die Welt draußen, die Nichtschweiz:

Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser,
Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab;
Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer,
Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab;
Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten,
Speist Tunkins Nest aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd,
Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten,
Räumt Klippen aus der Bahn, schließt Länder ein zur Jagd;
Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben,
Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben!

Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden,
Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn.
Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden;
Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin.
Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet?
Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab.
Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet,
Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruß nicht ab.
Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget,
Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget?

Zwei über die Welt der Alpen (als die Schweiz noch arm und naturnah war):

Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen,
Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt;
Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen,
Weil sich die Menschen selbst die grösten Plagen sind;
Dein Trank ist reine Flut und Milch die reichsten Speisen,
Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu;
Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend Eisen,
Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu sein als du!
Dann, wo die Freiheit herrscht, wird alle Mühe minder,
Die Felsen selbst beblümt und Boreas gelinder.

(…)

Bei euch, vergnügtes Volk, hat nie in den Gemüthern
Der Laster schwarze Brut den ersten Sitz gefasst,
Euch sättigt die Natur mit ungesuchten Gütern;
Die macht der Wahn nicht schwer, noch der Genuß verhasst;
Kein innerlicher Feind nagt unter euren Brüsten,
Wo nie die späte Reu mit Blut die Freude zahlt;
Euch überschwemmt kein Strom von wallenden Gelüsten,
Dawider die Vernunft mit eiteln Lehren prahlt.
Nichts ist, das euch erdrückt, nichts ist, das euch erhebet,
Ihr lebet immer gleich und sterbet, wie ihr lebet.

Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter

Friedrich Nietzsche

(* 15. Oktober 1844 in Röcken; † 25. August 1900 in Weimar)

Dichters Berufung.

Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört‘ ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.

Böse wurd‘ ich, zog Gesichter,
Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.

Wie mir so im Verse-Machen
Silb‘ um Silb‘ ihr Hopsa sprang,
Musst‘ ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang.

Du ein Dichter? Du ein Dichter?
Steht’s mit deinem Kopf so schlecht?
„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Wessen harr‘ ich hier im Busche?
Wem doch laur‘ ich Räuber auf?
Ist’s ein Spruch? Ein Bild? Im Husche
Sitzt mein Reim ihm hintendrauf.

Was nur schlüpft und hüpft, gleich sticht der
Dichter sich’s zum Vers zurecht.
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Reime, mein‘ ich, sind wie Pfeile?
Wie das zappelt, zittert, springt,
Wenn der Pfeil in edle Theile
Des Lacerten-Leibchens dringt!

Ach, ihr sterbt dran, arme Wichter,
Oder taumelt wie bezecht!
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Schiefe Sprüchlein voller Eile,
Trunkne Wörtlein, wie sich’s drängt!
Bis ihr Alle, Zeil‘ an Zeile,
An der Tiktak-Kette hängt.

Und es giebt grausam Gelichter,
Das dies – freut? Sind Dichter – schlecht?
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

Höhnst du, Vogel? Willst du scherzen?
Steht’s mit meinem Kopf schon schlimm,
Schlimmer stünd’s mit meinem Herzen?
Fürchte, fürchte meinen Grimm! –

Doch der Dichter – Reime flicht er
Selbst im Grimm noch schlecht und recht.
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.

zum ersten…

Eine kleine Geschichte der Evolution? Eine heiße Nacht? Mir doch egal.

e.e. cummings

(Edward Estlin Cummings, * 14. Oktober 1894 in Cambridge; Massachusetts; † 3. September 1962 in North Conway, New Hampshire)

–72–

wild(at our first)beasts uttered human words
—our second coming made stones sing like birds—
but o the starhushed silence which our third’s

wilde (zum ersten) tiere mit menschenstimmen
–dann unser zweites kommen ließ steine singen–
doch o wie beim dritten die sterne schweigen bringen

Deutsch von M.G.

Aus: 73 poems (1963)

Mich aber schone, Tod

Gerrit Engelke

(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 bei Cambrai, Frankreich)

An den Tod

Mich aber schone, Tod,
Mir dampft noch Jugend blutstromrot, –
Noch hab ich nicht mein Werk erfüllt,
Noch ist die Zukunft dunstverhüllt –
Drum schone mich, Tod.
Wenn später einst, Tod,
Mein Leben verlebt ist, verloht
Ins Werk – wenn das müde Herz sich neigt,
Wenn die Welt mir schweigt, –
Dann trage mich fort, Tod.

Aus: Rhythmus des neuen Europa / Gedichte

Kochbücher gehen noch

Else Lasker-Schüler

Was wissen die vom Puffer schon

Else Lasker-Schüler

Jahrhunderte 1

18.

Ich glaube sogar eine Art von Scheu gegen poetische Productionen, oder wenigstens in so fern sie poetisch sind, bemerkt zu haben, die mir aus eben diesen Ursachen ganz natürlich vorkommt. Die Poesie verlangt, ja sie gebietet Sammlung, sie isolirt den Menschen wider seinen Willen, sie drängt sich wiederholt auf und ist in der breiten Welt (um nicht zu sagen in der großen) so unbequem wie eine treue Liebhaberin. / Goethe an Schiller, 9.8. 1797

Auf alle Fälle sind wir genöthigt unser Jahrhundert zu vergessen, wenn wir nach unsrer Überzeugung arbeiten wollen: denn so eine Saalbaderey in Principien, wie sie im allgemeinen jetzt gelten, ist wohl noch nicht auf der Welt gewesen, und was die neuere Philosophie Gutes stiften wird, ist noch erst abzuwarten.

Die Poesie ist doch eigentlich auf die Darstellung des empirisch pathologischen Zustandes des Menschen gegründet, und wer gesteht denn das jetzt wohl unter unsern fürtrefflichen Kennern und sogenannten Poeten? / Goethe an Schiller, 25.11. 1797

19.

Ich bitte, dieses Blatt nur gutmütig zu lesen. So wird es sicher nicht unfaßlich, noch weniger anstößig sein. Sollten aber dennoch einige solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders. An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder. / Hölderlin in einem Geleitwort zur „Friedensfeier“, um 2. April 1804

Man hat neulich eine Seite aus Richard Dehmels Buche Weib und Welt, auf die Anklage eines westfälischen Barons und Referendars hin, zu konfiszieren für gut befunden. Man tut dem deutschen Publikum bitter unrecht. Es hat längst vergessen, daß es eine Lyrik besitzt, kann also von dieser Seite her in keiner Weise bedroht oder demoralisiert werden. / Rainer Maria Rilke, März 1898

Was kommt dort von der Höh

Else Lasker-Schüler

Mit Armuth, Körperschmerz und Judenthume

Heinrich Heine

DAS NEUE ISRAELITISCHE HOSPITAL ZU HAMBURG.

Ein Hospital für arme, kranke Juden,
Für Menschenkinder, welche dreifach elend,
Behaftet mit den bösen drei Gebresten,
Mit Armuth, Körperschmerz und Judenthume!

Das schlimmste von den dreien ist das letzte,
Das tausendjährige Familienübel,
Die aus dem Nil-Thal mitgeschleppte Plage,
Der altägyptisch ungesunde Glauben.

Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen
Nicht Dampfbad, Dusche, nicht die Apparate
Der Chirurgie, noch all’ die Arzeneien,
Die dieses Haus den siechen Gästen bietet.

Wird einst die Zeit, die ew’ge Göttin, tilgen
Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater
Herunter auf den Sohn, – wird einst der Enkel
Genesen und vernünftig seyn und glücklich?

Ich weiß es nicht! Doch mittlerweile wollen
Wir preisen jenes Herz, das klug und liebreich
Zu lindern suchte, was der Lind’rung fähig,
Zeitlichen Balsam träufelnd in die Wunden.

Der theure Mann! Er baute hier ein Obdach
Für Leiden, welche heilbar durch die Künste
Des Arztes, (oder auch des Todes!), sorgte
Für Polster, Labetrank, Wartung und Pflege –

Ein Mann der That, that er, was eben thunlich;
Für gute Werke gab er hin den Taglohn
Am Abend seines Lebens, menschenfreundlich,
Durch Wohlthun sich erholend von der Arbeit.

Er gab mit reicher Hand – doch reich’re Spende
Entrollte manchmal seinem Aug’, die Thräne,
Die kostbar schöne Thräne, die er weinte
Ob der unheilbar großen Brüderkrankheit.

Aus: Neue Gedichte

Entstanden 1843

Der reiche Spender war Heines Onkel Salomon Heine

Zwischen der Liebe und der Liebe

Marina Zwetajewa
(* 8. Oktober 1892; † 31. August 1941)

Летят они, – написанные наспех,
Горячие от горечи и нег.
Между любовью и любовью распят
Мой миг, мой час, мой день, мой год, мой век.

И слышу я, что где-то в мире – грозы,
Что амазонок копья блещут вновь …
А я – пера не удержу! Две розы
Сердечную мне высосали кровь.

[1916]

Sie fliegen fort, – geschrieben in aller Eile,
Heiß sind sie von der Wonne und der Bitterkeit.
Zwischen der Liebe und der Liebe sind,
wie angespannte Seile,
Mein Augenblick, mein Tag, mein Jahr und meine ganze Zeit.

Ich höre, in der Welt ist irgendwo – Gewitter,
Die Amazonenlanzen blitzen wieder draußen …
Und ich – kann nicht die Feder halten! Diese
Zwei Rosen saugten das Blut von meinem Herzen aus.

Übersetzt von Ekaterina Overbeck
(Zur Website)

Mit freundlicher Erlaubnis der Übersetzerin. Herzlichen Dank!