logo2a

Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

„Reinstes Gold der Lyrik“

Gottfried Keller ist ein sehr vielseitiger Dichter. Natur- und Liebesgedichte finden sich ebenso wie polemische Sonette, politisch Streitlustiges, Pathos und verspielte Gaselen, Ironie und Melancholie und Gelegenheitsgedichte zu öffentlichen Festen. Alles das ist „Lyrik“, aber im engeren Sinne am (Lyrik, Lyriker, -) „lyrischsten“ wohl das Abendlied, von dem schon Theodor Storm entzückt war und mit dem meine Trilogie schließt.

Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh‘;
Tastend streift sie ab die Wanderschuh‘,
Legt sich auch in ihre finst’re Truh‘.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl‘ ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!

Aus: Gottfried Keller: Gedichte / Der Apotheker von Chamounix, a.a.O. S. 27

Die Aufgeregten

Noch eins von dem großen Gottfried Keller. Anderer Ton.

Die Aufgeregten

Welche tief bewegten Lebensläufchen,
Welche Leidenschaft, welch wilder Schmerz!
Eine Bachwelle und ein Sandhäufchen
Brachen gegenseitig sich das Herz!

Eine Biene summte hohl und stieß
Ihren Stachel in ein Rosendüftchen,
Und ein holder Schmetterling zerriß
Den azurnen Frack im Sturm der Mailüftchen!

In ein Tröpflein Tau am Butterblümchen
Stürzt‘ sich eine kleine Käferfrau,
Und die Blume schloß ihr Heiligtümchen
Sterbend über dem verspritzten Tau!

Aus: Gottfried Keller: Gedichte. Der Apotheker von Chamounix (Gottfried Kellers Werke. Zürcher Ausgabe Bd. VIII). Zürich: Diogenes, 1978, S. 225f

Zum 200. Geburtstag von Gottfried Keller

Gottfried Keller

(* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda)

Geübtes Herz

Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,
Weil es schon so viel geliebet!
Einer Geige gleicht es, die geübet
Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.

Und je länger er darauf gespielt,
Stieg ihr Wert zum höchsten Preise;
Denn sie tönt mit sichrer Kraft die Weise,
Die ein Kundiger ihren Saiten stiehlt.

Also spielte manche Meisterin
In mein Herz die rechte Seele,
Nun ist’s wert, daß man es dir empfehle,
Lasse nicht den köstlichen Gewinn!

Aus: Gottfried Keller: Gedichte. Der Apotheker von Chamounix (Gottfried Kellers Werke. Zürcher Ausgabe Bd. VIII). Zürich: Diogenes, 1978, S. 223f)

Verkehrte Welt

Das heutige Gedicht ist keins, zumindest hat es keinen Verfassernamen. Es steht in einem Lesebuch für Chinesischlernende: Erste chinesische Lesestücke. Ausgewählt und übersetzt von Susanne Hornfeck und Nelly Ma. München: DTV, 2009. 2. Aufl., 2011, S. 53. Nun, es heißt Lied, es ist gereimt und metrisch (alle Zeilen außer der ersten und dritten haben sieben Silben, die beiden haben sechs mit Komma in der Mitte). Und mir gefällt es, ich lese gern Texte in mir unbekannten Sprachen. Es ist ein Kinder- oder Scherzgedicht mit einer Portion Brutalität.

Verkehrtes Lied

In Milch beißen und Brot trinken,
mit der Eisenbahn unterm Arm in die Aktentasche steigen.
Die Ost-West-Straße in Nord-Süd-Richtung gehen,
aus dem Tor treten und zusehen, wie ein Mensch einen Hund beißt.
Den Hund nehmen und damit den Ziegelstein schlagen,
doch ich fürchte, der Ziegelstein könnte mir in die Hand beißen.

Angefügt eine kleine Leseübung ganz laienhaft falsch mit Google und einem Buch über chinesische Schrift, einfach aus Spaß an der Freude..

Das Wort für Brot, die letzten zwei Silben der ersten Zeile, 面包, in traditioneller Schreibung 麵包, setzt sich zusammen aus miàn, 面, Mehl, Nudeln, und bāo, 包, was Google mit Paket übersetzt. Ah, da ist Mehl drin!
In der vierten Zeile eins der drei Wörter, die ich erkenne, Mensch, 人. Sieht man nicht, wie er schreitet? Aufgabe: Raten Sie, welches Zeichen weiter vorn in der Zeile „Tor“ heißt! Wenn Sie es gefunden haben, lesen Sie bei Ezra Pound weiter: ABC des Lesens (Arche 2007)

als es auf die kompromisse nicht mehr ankam

Silvio Pfeuffer

(1969-2019)

enklaven

als es auf die kompromisse nicht mehr ankam
weil jeder sie einzugehen bereit war
die taschenklappen schlugen durch in den herzen
viele kamen mit dem gehen und bleiben nicht mehr nach

taxis transportierten großes konservatives erzählkino
durch die knochenbälkchen der stadt
in jedem winkel reklamierte man es für sich
es war wie eine schmierinfektion

vieles traf zu, was wir nie geleugnet hätten
jeder beeilte sich, um auch nur
neid und blöße wieder zu empfinden
die meisten rutschten in einem falschgelenk hin und her

wenige glaubten sich von grundauf neu
die straßen gingen ihnen aus
und niemand musste mehr tun, was er ihnen nie getan hätte
wir stellten ihnen nach bis in den morgen

die stadt bekam ein krankhaft vergrößertes herz
schluckte an den gesinnungen
von zellulosehandtüchern verstopften nasszellen
reinigungskräfte wischen sie aus zwischen vier und sechs

Silvio Pfeuffer 25.04.2008

Aus: Poetenladen http://www.poetenladen.de/silvio-pfeuffer-lyrik.htm

Dann

Rainer Kirsch

(* 17. Juli 1934 in Döbeln, Kreishauptmannschaft Leipzig; † 4. September 2015 in Berlin)

2005

Unsere Enkel werden uns dann fragen:
Habt ihr damals gut genug gehaßt?
Habt ihr eure Schlachten selbst geschlagen
Oder euch den Zeiten angepaßt?

Mit den Versen, die wir heute schrieben,
Werden wir dann kahl vor ihnen stehn
Hatten wir den Mut, genau zu lieben
Und den Spiegeln ins Gesicht zu sehn?

Und sie werden jede Zeile lesen
Ob in vielen Worten eines ist
Das noch gilt, und das sich nicht vergißt.

Und sie werden sich die Zeile zeigen
Freundlich sagen: „Es ist so gewesen.“
Oder sanft und unnachsichtig schweigen.

[1962]

Erstes Alphabet

Dmitri Prigow

(russisch Дмитрий Александрович Пригов, wiss. Transliteration Dmitrij Aleksandrovič Prigov; * 5. November 1940 in Moskau; † 16. Juli 2007 ebenda)

Dmitri Prigow war ein vielseitiger Künstler und Dichter des sowjetischen Underground. Seine Werke konnten in der Sowjetunion nur im Samisdat („Selbstverlag“, wenn auch nicht im westlichen Sinn, weil es keinen Zugang zu Druckereien oder Copyshops gab und inoffizielles Publizieren verboten war) veröffentlicht werden. 1986 wurde er wegen illegaler Publikationen vom KGB verhaftet und in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen. Proteste aus dem In- und Ausland führten nach kurzer Zeit zu seiner Freilassung. Zu seinem 11. Todestag 2018 demonstrierte die russische Punkband Pussy Riot nach der Pause des Fussball-WM-Endspiels zur Unterstützung politischer Gefangener auf dem Spielfeld.

Das Alphabet buchstabiert sich durch das ABC der sowjetischen Propaganda. Einige Worterklärungen unten.

Erstes Alphabet

A Der Amerikaner ist ein Feind
Der Engländer ist auch ein Feind

B Der Beduine ist aber kein Feind
Und der Bulgare ist sogar ein Freund

W Der Ungar, der lebt auch nicht schlecht
Die WZSPS schützt das Arbeiterrecht

G Die GOELRO ist der Stolz des Landes
Der Staat, das sind wir und niemand anders

D Die Demokratie – auch das sind wir
Der Despotismus – das sind nicht wir

E Europa – was das ist, verstehe ich nicht
Der Jude, der lebt von Liebe und Licht

Sh Der Jude ist der Freiheit Fanal
Die Frau ist ein göttliches Ideal

S Der Zephyr weht durchs Sternenzelt
Das Gesetz ist das Fundament der Welt

I ltalien ist die Heimat der Renaissance
Der Imperialismus ist innerlich faul und krank

K – Der Chinese, der will uns provozieren
Der Kommunismus wird alles elektrifizieren

L Lenin fand diese historische These
Die Persönlichkeit ist ein harmonisches Wesen

M Der Mongole, der lebt auch nicht schlecht
Der Mossowjet hat in Moskau recht

N Die NATO – das ist der Imperialist
Netto – das ist so ein FuBballartist

O Ovid – das war im ersten Jahrhundert
Onegin – das war im letzten Jahrhundert

P Puschkin ist das reine Genie
Prigow ist aber auch ein Genie
Purischkewitsch ist aber kein Genie

R Die Heimat soll man wie seine Mutter lieben
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben

S Der Samurai, der hat Blut am Schwert
Die UdSSR wird von einem Traum genährt
Die UdSSR schreitet fort und fort
Die UdSSR ist des Friedens Hort

T Das Schaffen gedeiht in der UdSSR
Der Terrorist ist ein SR

U Der Ultra ist auch ein Attentäter
Der Ugander ist ein Neger, aber ein netter

F Die FIFA macht die FuBballregeln
Fuj – damit können die Männer vögeln

Ch Hitler – die Bestie aus finsterer Nacht
Hiroshima – das hat er entfacht

Z Zimmerwald und Helsingfors
Zinnober und Edintors

Tsch Der Mensch ist leider schwach und doch
Der Mensch steht in unserer Achtung hoch

Sch Die Schweden – das war bei Poltawa
Schwjernik – der war im Politbüro

Stsch Das Glück hat nur mit Fleiß Bestand
Das Glück schmiedet jeder mit eigener Hand

E Die Ökonomie ist kein Kinderspiel
Die Hellenen sahen im Krieg ihr Ziel

Ju Südafrika ist der Hort des Rassismus
Die Jugend ist das Banner des Kommunismus

Ja Ich – es gibt kein solches Wort
Ich fand für alles hier ein Wort

(1980)

Worterklärungen:

WZSPS – sowjetischer Gewerkschaftsrat
Jude heißt Ewrej und Shid
Igor Alexandrowitsch Netto (1930–1999), sowjetischer Fußballspieler
Wladimir Mitrofanowitsch Purischkewitsch (1870 – 1920), russischer rechtsextremer Politiker, Antisemit, Monarchist
Eins: ras
UdSSR: russ. SSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken)
Zimmerwald: in dem Schweizer Ort trafen sich 1915 Sozialisten aus aller Welt, darunter Lenin und Trotzki. Helsingfors (Helsini) spielt eine Rolle in den finnisch-russischen Beziehungen. 1905 trafen sich hier Lenin und Stalin.
Terrorist ist ein SR: Sozialrevolutionäre, linke Partei in Rußland, Gegner der Bolschewiki. Die Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan verletzte 1918 Lenin lebensgefährlich.

Aus: Dmitri Prigow: Der Milizionär und die anderen. Gedichte und Alphabete. Nachdichtungen von Günter Hirt und Sascha Wonders. Leipzig: Reclam Leipzig, 1992, S. 103-107

Die Stichworte sind nach dem russischen Alphabet geordnet, von A wie Amerikanjez und Anglitschanin bis JA wie ich („ja“)

Benjamins Sonette

Walter Benjamin

(* 15. Juli 1892 in Charlottenburg; † 26. September 1940 in Portbou)

Sonette

[55]

Ich bin ein Maler der aus Schatten
Das wunderbarste Bildnis malt
Und teurer seine Farben zahlt
Als andre ihre vollen satten

Wenn keiner mehr von ihren prahlt
Erglühen noch die meinen matten
Wie über schweren Grabesplatten
Ein altes Mosaik erstrahlt

Und doch steht Nacht vor meinen Augen
Von Tränen deckt sie ein Visier
Sie müssens aus dem Innern saugen

Mit sehnsuchtstrunkener Begier
Dann wird es als ein Urbild taugen
Dir selber ähnlich ähnlich mir.

Aus: Walter Benjamin: Sonette. Hrsg. Rolf Tiedemann. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1986 (Erstausgabe), S. 63

Walter Benjamin Sonette

Walter Benjamins Sonette galten als verschollen. Erst 1981 wurden sie in der Pariser Nationalbibliothek aufgefunden. Benjamin hatte sie mit anderen ihm wichtigen Papieren vor seiner Flucht im Frühjahr 1940 Georges Bataille übergeben. 1986 erschienen sie in der Bibliothek Suhrkamp.

Kartoffeln

Tudor Arghezi

(* 21. Mai 1880 in Bukarest; † 14. Juli 1967 ebenda)

HEIMSUCHUNG

Angetan mit Kleidern aus Zunder,
Erwarten die Kartoffeln das Gotteswunder
Der Geburt. Den endlosen Wintertraum
Verbrachten sie mit Maulwürfen im Raum
Des Dunkels, mit Regenwürmern und Grillen,
Gehorchend dem unsichtbaren Willen.
Nun sind sie dick wie Katzen, die vollen,
Und ihre Brüste sind merklich geschwollen.
Überall wird schon davon gesprochen:
Die Kartoffeln sind in den Wochen!
Ihnen ward die Gnade, das Heil
Unbefleckt, jungfräulich, lauter zuteil!
Sie ruhen in göttlicher Hut.
Der über ihnen hat gnädig geruht,
Mit seinen Instrumenten vom ewigen Leben
Zu den Kartoffelknollen herabzuschweben:
Über ihrem Grund die Sprüche
Murmelt er der uralten Schöpfungsküche.
Über Nacht
Ist der Ammentrieb der Kartoffeln erwacht;
Wie die Milch durch die feinen Gewänder quillt,
Wenn jedes Knollenende einen Säugling stillt!

Übertragen von Alfred Margul-Sperber

Aus: Poesiealbum 154: Tudor Arghezi. Berlin: Neues Leben, 1980, S. 23

Grüne Lust

John Clare

(* 13. Juli 1793 in Helpston, Northamptonshire; † 19. Mai 1864 Northampton General Lunatic Asylum, Northampton, England)

IN EINSAMKEIT IST ZAUBER, der entzückt,
Ist Fühlen, das die Welt nicht kennt noch mißt,
Ist grüne Lust, die wunden Geist erquickt,
Wenn das Getös der Welt verklungen ist,
Deren Lust allein im Spott auf Gutes liegt.
Grün-Einsamkeit bringt seinem Kerker Licht;
Der Vogel lacht, die Füchsin scheut ihn nicht;
Er ist der Crusoe seiner abgelegnen Matten,
Wo grüne Eichen ihm die Mittagsrast beschatten.

THERE IS A CHARM in Solitude that cheers
A feeling that the world knows nothing of
A green delight the wounded mind endears
After the hustling world is broken off
Whose whole delight was crime at good to scoff
Green solitude his prison pleasure yields
The bitch fox heeds him not – birds seem to laugh
He lives the Crusoe of his lonely fields
Which dark green oaks his noontide leisure shields

Deutsch von Manfred Pfister. Aus: Englische und amerikanische Dichtung. Gesamtwerk in 4 Bänden Zweisprachig
München: C.H. Beck, 2000. Rund 2700 S.: In Kassette ISBN 978-3-406-46464-5
Herausgegeben von Werner von Koppenfels, in Verbindung mit Eva Hesse, Heinz Ickstadt, Friedhelm Kemp, Horst Meller, Manfred Pfister und Klaus Reichert. Band 2: Englische Dichtung: Von Dryden bis Tennyson, S. 363-365 (978-3-406-46458-4)

Lesetipp: John Clare: Reise aus Essex und andere Selbstzeugnisse, übersetzt von Esther Kinsky. Matthes und Seitz, Berlin 2017

Blühwillig

Stefan George

(* 12. Juli 1868 in Büdesheim, heute Stadtteil von Bingen am Rhein; † 4. Dezember 1933 in Minusio bei Locarno)

„Die Fibel“ nannte Stefan George die Auswahl „“erster Verse“, die 1901 als erster Band einer Gesamtausgabe erschienen. Er gab den Gedichten ein Vorwort mit:

Einem verfasser der schon ein leben hinter sich hat bereitet es nur getrübte freude seine frühen schöpfungen der mitwelt zu übergeben. Denn seine freunde und verehrer die den druck betreibend auf eine schöne offenbarung warteten werden vielleicht mit einer enttäuschung belohnt: sie werden das für die zukunft bedeutsame – sofern es nicht aus persönlichen gründen oder als zu unfertig ausgeschieden ist – gar oft verhüllt und verflüchtigt vorfinden und sie bedenken zu wenig dass die jugend gerade die seltensten dinge die sie fühlt und denkt noch verschweigt. Wir die dichter aber erkennen uns in diesen zarten erstlingen wieder und möchten sie unter unsre besondere obhut nehmen .. wir sehen in ihnen die ungestalten puppen aus denen später die falter leuchtender gesänge fliegen und lassen uns gern durch sie erinnern an die zeit unsrer reinsten begeisterung und unsrer vollen blühwilligkeit.

Wechsel

Ich sah sie zum erstenmal … sie gefiel mir nicht:
Es ist an ihr nichts schönes
Als ihre schwarzen schwarzen haare.
Mein mund berührte sie flüchtig eines tags
Und sehr gefielen mir ihre haare
Und auch ihre hand…
Es ist an ihr nichts schönes
Als ihre haare – ja – und ihre feine hand.
Ich drückte sie etwas wärmer eines tags
Und sehr gefiel mir ihre hand
Und auch ihr mund.
Heute ist nichts mehr an ihr
Was mir nicht sehr gefiele
Was ich nicht glühend anbetete.

Stefan George: Die Fibel. Auswahl erster Verse. Düsseldorf und München: Helmut Küpper vormals Georg Bondi, 1969, S. 100

Jugendbildnis des Zwanzigjährigen

Rose

Màrius Torres

Rose

   Als sagtest du mir,
während die Luft dich entblättert:
   »Sterben ist so leicht!«
Und alles in mir wirft ein:
»So leicht für eine Rose!«

Rosa

   Com si em diguessis
mentre t'esfulla l'aire:
   – Morir és tan fàcil! –
I tot en mi et contesta:
– Tan fàcil a una rosa! –



Mit freundlicher Genehmigung aus: Màrius Torres: Poesies / Gedichte. katalanisch / deutsch. Ausgerwählt und übertragen von Àxel Sanjosé. Aachen: Rimbaud, 2019, S. 46f

Fingergedicht

Slata Roschal

Fingergedicht

Drei Finger heben
Mit zweien bekreuzen
Den dritten stehen lassen
Der vierte wird beringt beschriftet
Der fünfte weint und will ins Bett
Und vorher noch ins feuchte Warme
Gehört der Finger in den Mund
Im Leben so viel Wasser eingesaugt
Und trotzdem seltenes Erstaunen
Wenn deine Finger schwarze Nägel
In meine Fingerkuppen bohren

Mit freundlicher Genehmigung aus: Slata Roschal, Wir verzichten auf das gelobte Land. Gedichte. Leipzig: Reinecke & Voß, 2019, S. 45

Poesie der Tiernamen

Ein frühes Beispiel aus der japanischen Lyrik. Prinz Ariwara no Narihira (825-880) war einer der sechs „göttlichen Dichter“ oder auch „Dichterweisen“ des 9. Jahrhunderts.

An die Austernfischer

  Ihr Hauptstadtvögel,
Seid wert Ihr Eures Namens,
  Wohlan, so laßt mich
Eins fragen: Die Ersehnte,
Lebt sie? Ist sie gestorben?

Aus dem Ise-monogatari.

Anm. des Übersetzers: Miyako-dori, „Hauptstadtvögel“, Haemotopus, eine Strandläuferart.

Anm. M.G.: Austernfischer ist hier nicht ein Beruf, sondern ein anderer Name für den Vogel, der auch an der Nordsee vorkommt.

Foto: Andreas Trepte, http://www.photo-natur.net, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic license.

Aus: Japanische Lyrik aus vierzehn Jahrhunderten. Nach den Originalen übertr. v. Dr. Julius Kurth. München u. Leipzig: R. Piper, 1909 – (Die Fruchtschale 17. Band), S. 30

Aus: Kokinshū. A Collection of Poems Ancient and Modern. Translated and annotated by Laurel Rasplica Rodd with Mary Catherine Henkenius. Princeton: University of Tokyo Press / Princeton University Press,  1984, # 411

411. When Narihira came to the banks of the Sumida River, which runs between Musashi Province and Shimōsa Province, he and his companions dismounted for a time, thinking longingly of the capital. „How endless the road I have come!“ they thought as they gazed across the river. The ferryman urged his party to come aboard quickly for night was near, and when all were aboard and about to cross the river, there was not one who did not long for someone left in the capital. Just then they saw a white bird with a red bill and red legs splashing about at the river’s edge. It was not a bird that was ever seen in the capital and so no one could identify it. When they asked the ferryman, he replied, „Why, it’s a capital bird!“ Narihira recited this poem.

  na ni shi owaba
iza koto towan
  miyakodori
waga omou hito wa
ari ya nashi ya

Ariwara no Narihira

  oh capital bird
if you are true to your name
  you will know   tell me
if the one whom I love is
still in this world of partings

(…) The capital bird (miyakodori) is believed to be the modern yurikamome, a small gull with red bill and legs.

Mehr im Lyrikwiki

Mai 1914

Walter Hasenclever

(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)

Die Lagerfeuer an der Küste, Mai 1914

Die Lagerfeuer an der Küste rauchen.
Ich muß mich niederwerfen tief in Not.
Leoparden wittern mein Gesicht und fauchen.
Du bist mir nahe, Bruder, Tod.
Verworren zuckt Europa noch im Winde
Von Schiffen auf dem fabelhaften Meer;
Durch die ungeheure Angst bricht her
Schrei einer Mutter nach dem kleinen Kinde.
Es starb mein Pferd heut nacht in meiner Hand.
Wie hast Du mich verlassen, Kreatur!
Aus dem Kadaver steigt das fremde Land
hinauf zu einer andern Sonnenuhr.

Aus: Walter Hasenclever: Tod und Auferstehung. Neue Gedichte. Leipzig: Kurt Wolff, 1917, S. 8