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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Am Horizont die Eiszeit

Guntram Vesper 

(* 28. Mai 1941 in Frohburg / Sachsen; † 22. Oktober 2020 in Göttingen) 

Am Horizont die Eiszeit IV

Als ich damals den 
Viehzug verließ, vor der 
Morgenmilch 
eindrang 
in das Provinznest, 
waren 
die frühesten Proleten 
noch 
zwischen glauchen Betten. 
Ich ging, 
wie später 
bekannt wurde, 
zum Lager 
und verlangte da 
mein Recht und 
auch Einlaß.
Vor dem Stacheldrahtzaun 
stand ich, mit einer 
Pappkiste — weiß Gott, sie 
trug die Aufschrift 
Persil am Deckel — stand 
ich, keine Zigarette, Geld 
nicht, nur Dreck in der Tasche; 
den 
hatte ich 
vorm Vaterhaus 
gekratzt aus dem Pflaster.

Aus: Guntram Vesper, Tieflandsbucht. Die Gedichte. Mit einem Nachwort von Michael Krüger. Frankfurt/Main: Schöffling, 2018, S. 14

Kennt ihr den patentierten Patrioten

Richard Schaukal 

(* 27. Mai 1874 in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien) 

Der Unausweichliche

Kennt ihr den patentierten Patrioten 
mit steifer Hemdbrust, Brustton, Frack, Zylinder 
und Balkanorden? Bald beglückt er Kinder 
mit Flammenworten, bald gilt es den Roten,

die er zerschmettert, um dann den Devoten 
zu mimen als inbrünstiger Erfinder 
von blechernen Depechen; Überwinder 
der Feinde hie, dort Herold Friedensboten.

Er huldigt, labt, vertritt, enthüllt, begegnet, 
erscheint zur Leichen-, Hochzeits-, Siegesfeier, 
er sendet ein, ruft auf, beglückwünscht, segnet

begrüßt, drückt aus, eröffnet, sammelt, legt 
Schlußsteine, Rechnung, Hand an, Ostereier: 
kurz, wird als Kehricht immer mitgefegt.

Aus: Richard Schaukal, Gedichte. München: Georg Müller, 1918, S. 335

Das Lachen des Königs Dada

Srečko Kosovel 

(* 18. März 1904 in Sežana, Österreich-Ungarn, heute Slowenien, † 26. Mai 1926 in Tomadio / Tomaj, Italien, heute Slowenien) 

Das Lachen des Königs Dada

Verordnung Nummer 35:

Wie unerwartet zur Gewißheit wurde, 
gefährdet das Abendrot 
die Staatssicherheit.
Deshalb kommt das Abendrot, 
sobald es sich zeigt, 
ins schwarze Meer in Arrest.
Das goldne Mosaik des Friedhofs 
erstrahlt im Leuchten 
der Dämmerung.
Ein einsames Pferd trottet 
im Felde.
Magie der Dämmerung!
Das Pferd in Melancholie.

Deutsch von Uwe Kolbe, aus: Srečko Kosovel, Ahnung von Zukunft. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1986, S. 8

SMEH KRALJA DADE

Ukaz številka 35: 
Nenadoma se je izkazalo, 
da je rdeča večerna zarja 
državi nevarna.
Zato se zapre večerna 
zarja vsakokrat, 
ko se bo prikazala, 
v črno morje.
Na zlat mozaik grobišča 
sije bleščeče rdeča 
zarja.
Samoten konj se sprehaja 
po polju.
Magija zarje!
Konj je melanholičen.
DAS LACHEN DES KÖNIG DADA

Befehl Nummer 35:
Plötzlich hat es sich erwiesen, 
das Abendrot 
gefährdet den Staat.
Deshalb wird das Abend-
rot jedesmal,
wenn es sich zeigt, 
ins schwarze Meer gesperrt.
Aufs goldene Mosaik der Grabstatt 
strahlt die leuchtend rote 
Abenddämmerung.
Ein einsames Pferd trabt herum 
im Feld.
Zauber der Abenddämmerung! 
Das Pferd ist melancholisch.

Deutsch von Ludwig Hartinger. Originaltext und Fassung von Hartinger aus: : Srečko Kosovel, Gedichte. Slowenisch/ Deutsch. Klagenfurt: Wieser, 1988, unpaginiert.

Eine weitere deutsche Fassung des Gedichts findet sich in: Srečko Kosovel, Integrale. Klagenfurt: Drava, 1999, S. 26 (übersetzt von Erwin Köstler).

Grauen

Paul Kraft

(* 28. April 1896 Magdeburg, † 17. März 1922 Berlin)

Grauen

O Zeit! O Zeit! O Feuer im Gehirn!
Feuer, von dem Unglaublichen entzündet! 
Die Güte fiel. Die Dichter stehn erblindet. 
Bekränzt mit Kraut und irrem Laub die Stirn.

Gott! Tausend stehn und tausend Tote stürzen. 
Schrei mir den Grund, der die in Stücke bricht. 
Und wenn der stark genug ist, Leben zu verkürzen. 
Dann laß uns zitternd knien vor dem Gericht.

Nicht trunkne Lieder werfen in die Welt:
Die Tat ist klein und jedes Wort ist klein, 
Und wenn die groß ist, stürzt dies ganz zusammen.

Schrei mir den Grund! Gott! der den Tod erhellt.
Zu dem sich rasend Mensch und Mensch entflammen 
Und Stich und Stich in Herz und Herz hinein.

Aus: Versensporn 49. Paul Kraft. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022, S. 14

Annemarie Bostroem 100

Annemarie Bostroem wurde heute vor 100 Jahren geboren. Ihr Gedichtband „Terzinen des Herzens“ gefiel den Ideologen in der Ostzone und der späteren DDR nicht, wohl aber den Lesern (sensationelle 100.000 verkaufte Exemplare). Sie hat (mit Hilfe von Interlinearversionen) aus vielen Sprachen, darunter Russisch, Polnisch, Tschechisch, Serbokroatisch, Englisch, Armenisch und Hindi, übersetzt – insgesamt 100.000 Zeilen, lese ich. Hier zum Fest ein Gedicht aus den „Terzinen des Herzens“.

Annemarie Bostroem 

(* 24. Mai 1922 in Leipzig; † 9. September 2015 in Berlin) 

O dass es Augen wie die Deinen gibt
und Hände, die so viel zu schenken wissen!
Mir ist, als hätte ich noch nie geliebt,

als öffnete sich unter Deinen Küssen
die Aussicht in ein nie geschautes Land.
Ich musste Dich ein Leben lang vermissen

und weiß es nicht mehr, was ich je empfand
für andere, und wie ich lachen konnte
und weinen, Liebster, eh ich Dich gekannt,

bevor ich mich in Deinem Feuer sonnte
und sich der Strahl in meine Seele stahl,
der ihren Grund bis heute noch verschonte …

Mir ist, als liebte ich zum ersten Mal.

Neuausgabe Boppard : Edition Razamba, 2015 / Boppard : Verl. Razamba Ebbertz, 2012 (mit Nachwort von Nora Gomringer)

die sonnenblume

Ceija Stojka 

(Margarete Horvath-Stojka, * 23. Mai 1933 in Kraubath an der Mur, Steiermark; † 28. Januar 2013 in Wien) 

e kamesgi luludschi – die sonnenblume

die sonnenblume ist die blume des rom.
sie gibt nahrung, sie ist leben. 
und die frauen schmücken sich mit ihr.
sie hat die farbe der sonne.
als kinder haben wir im frühling ihre zarten, 
gelben blätter gegessen und im herbst ihre kerne. 
sie war wichtig für den rom.
wichtiger als die rose, 
weil die rose uns zum weinen bringt.
aber die sonnenblume bringt uns zum lachen.

Aus: Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti. Gedichte versammelt und ediert von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2018, S. 71

Die stalinistische Epoche

Zbyněk Havlíček

(22. Mai 1922 in Jilemnice, heute vor 100 Jahren – 7. Januar 1969 in Prag), tschechischer Dichter, Literaturtheoretiker, Psychoanalytiker und Übersetzer

Die stalinistische Epoche

»Ich weiß sehr wohl, daß solch intime Prozesse auf einen hinzustoßenden Herrn, der zuschaut 
beziehungsweise assistiert, äußerst bezaubernd wirken, besonders – an dieser Stelle will ich ganz offen 
sprechen – wenn ich selbst mich zu solchen Gelegenheiten sehr bequem anziehe. Wohlan, es schadet nicht – 
selbstverständlich verlange ich absolute Selbstbeherrschung von den Mädchen.«

                                                     Aus dem Brief einer Sadistin

Wenn ein elastischer Rohrstock oder eine kleine Peitsche 
In memoriam der Geschichte zuschlägt 
Blättert der Kopf eines weiblichen Zöglings zwischen deinen Schenkeln 
Unartig in den Bibliotheken 
In der Hirnrinde der Städte 
Der Kopf eines weiblichen Zöglings zwischen deinen Schenkeln 
Die Beine in absoluter Ruhe nie übereinandergeschlagen 
Absätze aus Eis mit geangelten Sternen
Beginnen gen Island zu laufen 
Wenn du den Ursprung des Kusses 
In der Müdigkeit der Mineralienwelt wiederholen läßt 
In irgendeiner Altamira des Schlafs 
Wenn du die Figuren sozialer Tänze wiederholen läßt 
Stalinistische Reihenübungen 
Schön und militaristisch 
Wenn du meinen Kopf böhmischer Dörfer 
In memoriam der Geschichte aufschlagen läßt 
Singe ich ein altes Lied aus der Zeit der Inquisition 
Als ich zur »Irrenanstalt« ging 
Die Apfelbäume blühten als ich zur »Irrenanstalt« ging

[1951]

Übersetzt von Dominique Fliegler, Martin Hrádek, Tereza Uteseny, aus: Höhlen tief im Wörterbuch. Tschechische Lyrik der letzten Jahrzehnte. Ausgewählt u. kommentiert von Urs Heftrich und Michael Špirit. München: Dt. Verl.-Anst., 2006, S. 134f

Die brennenden Schober

Emile Verhaeren 

(* 21. Mai 1855 in Sint-Amands bei Antwerpen; † 27. November 1916 in Rouen) 

DIE BRENNENDEN SCHOBER (Auszug)

Glut in des Abends Tiefe die Ebene hellt. 
Aufspringend Sturmgeläut bellt und gellt, 
Stößt wund sich am starrenden Firmament; 
                 – Ein Schober brennt!

Die Menge, in Wegschleusen drängend, heult! 
Die Menge, durchs Dorf sich zwängend, heult! 
Ein Hund in der Hofenge heult und heult!
                 – Ein Schober brennt!

Die Flamme rasselt und prasselt und malmt. 
Entreißt sich flatternde Fetzen, verqualmt, 
Aufzüngelnd grell in gewundenen Schleifen, 
Verweht sie in rasend gepeitschten Schweifen. 
Ganz plötzlich listig dann eingerollt,
                 Sie in sich sinkt –
                 Doch hoch wieder springt 
Sie, Schmutz bald, bald wieder lauteres Gold.

Da plötzlich ein anderer Schober, entzündet. 
Ein Flammenbündel, sich jenem verbündet,
                 Wirft hoch die langen
                 Schwefelschlangen!
Und siehe: die Feuer wandern und wandern 
Als Schein von einem Hofe zum andern, 
Und in die Fenster düstere Glut 
Hinrinnt wie rotes geronnenes Blut.
                 – Ein Schober brennt!

Deutsch von Max Rieple, aus: Das französische Gedicht des 19. und 20. Jahrhunderts. Französisch-Deutsch. München: Goldmann, o.J. (Goldmanns Gewlbe Taschenbücher Band 965), S. 139

LES MEULES QUI BRÛLENT (Extrait)

La plaine, au fond des soirs s’est allumée, 
Et les tocsins cassent leurs bonds de sons,
           Aux quatre murs de l’horizon.
                   – Une meule qui brûle!

Par les sillages des chemins, la foule,
Par les sillages des villages, la foule houle 
Et dans les cours, les chiens de garde ululent 
                   – Une meule qui brûle!

La flamme ronfle et casse et broie, 
S’arrache des haillons qu’elle déploie, 
           Ou sinueuse et virgulente 
S’enroule en chevelure ardente ou lente, 
Puis s’apaise soudain et se détache 
Et ruse et se dérobe – ou rebondit encor:
Et, voici, clairs, de la boue et de l’or.
– Quand brusquement une autre meule au loin s’allume!

Elle est immense – et comme un trousseau rouge 
           Qu’on agite de sulfureux serpents, 
Les feux — ils sont passants sur les arpents 
Et les fermes et les hameaux, où bouge,
           De vitre à vitre, un caillot rouge.
                   – Une meule qui brûle!

Kuno Raeber 100

Kuno Raeber 

(*  20. Mai 1922 in Klingnau; † 28. Januar 1992 in Basel)

Warten

Kannst du nicht warten, bis das
Grab über dir einstürzt,
was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten, bis dir 
der Ball hart gegen die Brust stößt,
was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten, bis dir 
das Kind mit dem schmutzigen Finger
erstaunt übers Kinn streicht,
was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten aufs feuchte
Frühjahr, auf Kinder, auf Spiele, die dich zufällig
befreien, was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten?

(1962)

Aus: Kuno Raeber: Lyrik (Werke in 5 Bänden, Band 5). München, Wien: Nagel & Kimche im Hanser Verlag, 2002, S. 165

Aus „Herzblut“

Ada Christen

(* 6. März 1839 in Wien; † 19. Mai 1901 in Inzersdorf)

»Dein Vers hat nicht das rechte Maaß,«
So will man mich verweisen,
»An Fluß und Glätte fehlt es ihm« –
Und wie sie's sonst noch heißen.

Sie zählen an den Fingern ab,
Verbessern wohl zehnmal wieder;
Ich leg' die Hand auf mein blutendes Herz:
Was das sagt, schreib' ich nieder.

Quelle:
Ada Christen: Lieder einer Verlorenen, Hamburg (2. Aufl.) 1869, S. 20f
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004651839

heavy metal/makarenko

Vor 60 Jahren, am 17. Mai 1962, wurde Matthias Holst geboren, der sich als Autor/Performer „Matthias“ BAADER Holst nannte. Er wurde nur 28 Jahre alt. Er schrieb, textete, sang und performte in Halle und Ostberlin. Auf dem Rücktitel des von Tom Riebe herausgegebenen Bandes „hinter mauern lauern wir auf uns“ steht über ihn:

Wenn der Wunsch nach angstfreiem geistigen Leben so gewachsen ist, dass er den Raum einnimmt, den sonst Resignation, Furcht oder Zaudern ausfüllen, dann kann eine unverwechselbare Literatur entstehen, die nicht die Anbetung von Schönheit, sondern das Anschreiben gegen den Zerfall des Subjekts zum Ziel hat. Die Texte von „Matthias“ BAADER Holst sind Überlebensrationen, sie sind Auffanglager und Archen für alles Diskriminierte und Ausgestoßene. Das einzigartig Rauschhafte, Schrille und Bedrohliche, das zutiefst Verstörende und doch hochgradig Bezaubernde seiner Wortkaskaden, Metapherngestöber und Assoziationsgeschwader, die ihnen eingeschriebene Verwüstung jeglicher Gewissheit und Ordnung – all dies lässt die Texte … auch heute noch unvermindert lebendig und aktuell erscheinen.

Matthias“ BAADER Holst 

(* 17. Mai 1962 in Quedlinburg; † 30. Juni 1990 in Berlin) 

heavy metal/makarenko

acht jahre nach unserer gemeinsamen inhaftierung (hauptquartier golgatha-makarenko: gelitten gestorben auferstanden in den toten eines brennenden kaufhauses: des banats im jahr der panzer und barrikaden an meinem 6. geburtstag dem beginn eines u-boot kriegs zwischen mir und meiner seele der gesellschaft und dem einzelnen im verlies der familie) brach elvira mortadella ein in mein leben war die günderrode einer flasche grubenfusel zum einheitlichen verkaufspreis von 1,17 m eh wir einfuhren uns eingruben die stellung wechselten im sturz: auf den müllhalden der geschichte weiter halstücher trugen feten feierten unterm strich im traum: giftskandale eines sommers der torero werden will und aufgrund von todesangst als kfz-schlosser ausblutet ein bettnässer in carmens armen den hyänen betören: lamborghinis der mohr und die raben von london für eine bigband batistas und die „märchen aus 1001 nacht“ für de sades hyperion hält der sich verliebt in elvira mortadella diese heiraten will aber seinen ahnenpaß vergessen hat: im exil und wir trugen keine mütze im schulhaus unsre kahlgeschorenen köpfe leuchteten jedem freier einer unangemeldeten säuberung: heim

Aus: „Matthias“ BAADER Holst: hinter mauern lauern wir auf uns. Hrsg. Tom Riebe. Halle: Hasenverlag, 2010, S. 37

Lesetabu: Ulysses 1.3

L&Poe Journal #02 – Tabu

Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre

Der zweite

Kapitel 1, der 3. Abschnitt

Das Rasieren nimmt viel Raum im ersten Kapitel ein. Wahrscheinlich das erste Mal in der westlichen Literatur (sage ich, ohne es beweisen zu können) wird diese Alltagshandlung derart liebevoll und detailgetreu beschrieben. Vor ein paar Wochen fragte jemand auf dem Wissensnetzwerk Quora, wie man sich am besten auf die Lektüre des Ulysses vorbereiten sollte. Ich wollte ihm antworten, bin aber dann davon abgekommen. Ich hätte ihm ungefähr gesagt: am besten gar nicht vorbereiten. Auf keinen Fall vorher die Biografie des Autors lesen und auch keine Interpretationen oder Handreichungen. Die sind für Anglistikstudenten und Schüler von Leistungskursen gut, wenn sie einen Vortrag halten müssen, aber sonst? Oder wenn man den Roman zum drittenmal lesen will, kann ja noch kommen. Wenn man das vorher liest, kann man sich das Lesen eigentlich gleich sparen, und das geschieht ja wohl auch oft. Susan Sontag meinte überhaupt, mal hemdsärmlig zusammengefasst, Interpretation sei dazu da, die Begegnung mit dem Text zu ersetzen. (Da gibt es ja jetzt diese App, die vielbeschäftigten Leuten die kurze Zusammenfassung von (Sach-)Büchern gibt, damit sie wissen, worum es geht und darüber reden können, ohne es zu lesen. Gibt es bei Belletristik und Dichtung schon längst, heißt Sekundärliteratur.)

Nichts vorher lesen, Papier und Stift danebenlegen und einfach abwarten, was passiert. Hilfreich kann sein, nach jeder Seite ganz knapp aufzuschreiben, wovon sie handelt. Da würde etwa für das 1. Kapitel stehen:

7: Buck Mulligan legt Rasierzeug zurecht und redet dabei.

8: Stephen Dedalus kommt dazu und beobachtet Mulligan. Sie sprechen über Haines, den dritten Bewohner des Turms. Rasieren beginnt.

9: Mulligan rasiert sich und leiht sich das schmutzige Taschentuch Stephens aus. Weiter geht: Reden über Haines, Monologe Mulligans.

10: Weiter geht die Rasur. Sie reden über den Tod von Stephens Mutter und schauen auf das Meer.

11: Rasiert sich weiter, reden weiter.

12: Sie reden über den zerbrochenen Spiegel des Dienstmädchens, er rasiert sich.

13: Reden, rasieren.

14: Sie reden. Stephen hat Probleme mit Mulligans ruppiger Art.

15: Haines ruft von unten. Mulligan geht runter und fordert Stephen auf, mitzukommen.

16: Innerer Monolog Stephens über seine Mutter.

17: Mulligan ruft noch einmal zu Stephen: Frühstück ist fertig. Reden über Geld.

18: Stephen geht runter und nimmt das Rasierzeug mit.

19: Frühstück. Die Milchfrau kommt gleich.

20: Sie essen und reden.

21: Milchfrau bringt die Milch.

22: Sie plaudern mit der Frau.

23: Mulligan will die Milch bezahlen, aber er ist blank.

24: Sie reden über das Waschen und das Geld.

25: Sie bereiten sich auf einen. Spaziergang am Meer vor.

26: Sie gehen nach draußen.

27: Sie reden über Hamlet.

28: Mulligan trägt ein Gedicht vor.

29: Stephen und Haines reden über Gott und rauchen.

30: Weiter über Gott.

31: Über Gott und Vaterland. Männer an der Klippe.

32: Im Meer ein Bekannter Mulligans. Sie plaudern.

33: Mulligan und Haines baden im Meer. Stephen geht zurück, sie verabreden sich für später.

Das ist das ganze erste Kapitel. Rasieren, Frühstück, Spaziergang zum Strand und das Reden und die Gedanken dabei.

Nach Joyce‘ eigenem Kapitelschema ist der Titel des Kapitels: Telemachos, Schauplatz der Turm, die Zeit 8 Uhr, die „Kunst“ die Theologie. „Erklärungsbedürftig“ daran wäre nur der Titel. Diese Titel sind wahrscheinlich so etwas wie ein Bauplan des Romans, die 18 Kapitel in Parallele zu den (23!) Gesängen der Odyssee. Ich mag die Parallele nicht ausreizen, nur die vage Idee, dass der Kapitelheld in Beziehung zu Stephen Dedalus gesetzt wird, die Gemeinsamkeit wäre der Konflikt mit der Mutter (die bei Homer den Freiern ausgesetzt ist / sie gewähren lässt). Eine Interpretation müsste dann hier ansetzen, aber im Moment brauche ich sie gar nicht. Die Reise (durch den 16. Juni 1904 in Dublin) beginnt hier.

Wird fortgesetzt

Chinesisches Motiv

Der chinesisch-amerikanische Künstler und Dichter Walasse Ting starb heute vor 12 Jahren. Ich besitze eins seiner Bücher mit sehr freien Übersetzungen klassischer chinesischer Gedichte, ich mag es sehr. Der Untertitel des Buches sagt: „63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting“. Sie muten ein bisschen wie wörtliche Übersetzungen der fremdartigen Sprache in einer Art Pidgin English an. Das heutige Gedicht ist von Chen Tzu Ang (656-698), andere Schreibweisen des Namens sind Tschön Dsi-ang, Tschen Dsi-ang, Tschën Dsï-ang, Ch’ên Tzu-ang; man findet auch andere Angaben für das Todesjahr. Ich bin nicht zu 100 % sicher, dass es sich um dasselbe Gedicht handelt wie in der deutschen Übertragung, es gibt aber sehr starke Indizien. Also 2 Gedichte oder 2 Fassungen. Interessant finde ich sie beide, aber die Fassung von Walasse Ting spricht mich direkter an, heutiger.

Chen Tzu Ang

I

Behind me
No ancient people

Facing me
No future men

I stand mountain

Look big sky

Alone

Aus: Chinese moonlight. 63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting. Mit 4 Siegeln und 4 doppelseitigen Farblithographien von Walasse Ting. [American Distributor:] New York, Wittenborn, [1967], S. 26

Tschen Dsi-ang

Als ich den Turm von Yodschou bestieg

Ich sah sie nicht mehr, die Weisen vor mir,
noch seh ich die Weisen künftiger Zeit.
Unendlich das All! – Allein wein ich hier
Tränen unendlicher Traurigkeit.

Aus: Chrysanthemen im Spiegel. Klassische chinesische Dichtungen. Aus dem Chinesischen übertragen und nachgedichtet von Ernst Schwarz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1976, S. 88

Warnung

Desanka Maksimović 

(Десанка Максимовић; * 16. Mai 1898 in Rabrovica bei Valjevo; † 11. Februar 1993 in Belgrad) 

Warnung

Höre, ich sage dir mein Geheimnis: 
Laß mich niemals allein, 
wenn Musik erklingt.

Sonst kann es geschehen, 
daß mir fremde Augen, 
gewöhnliche Augen, 
mild und tief erscheinen.

Sonst werde ich noch 
in Tönen versinken, 
doch um nicht zu ertrinken, 
die Hand jedem hinstrecken.

Sonst kann es geschehen, 
daß mir flüchtige Liebe, 
eine Eintagsliebe, 
schön und leicht erscheint.

Sonst gebe ich einem 
in dieser wundervollen Stunde 
von dem schönsten Geheimnis Kunde, 
wie sehr ich dich liebe.

Oh, laß mich niemals allein, 
wenn Musik erklingt. 
Sonst kann es geschehen, 
daß draußen im Wald meine Tränen wieder rinnen 
aus Quellen, die von selber entstehen, 
sonst kann es geschehen, ein Schmetterling 
schreibt mit schwarzen Flügeln ins trübe Wasser, 
was man manchmal nicht zu sagen wagt.

Sonst wird es mir in der Dunkelheit scheinen, 
daß einer singt und mit Bitterkraut 
in die alte Wunde des Herzens dringt.
Oh, laß mich niemals allein, 
niemals allein, 
wenn Musik erklingt.

Deutsch von Astrid Philippsen, aus: Desanka Maksimović, Der Schlangenbräutigam. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1982, S. 16f

Notfalls Mikroskope

Emily Dickinson

(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda) 

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“Faith” is a fine invention
For Gentlemen who see!
But Microscopes are prudent
In an Emergency!

Der "Glaube" ward erfunden
Für Den der sehen kann!
Doch notfalls setzt die Vorsicht
Mikroskope ein!

Deutsch von Gunhild Kübler, aus: Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser, 2015, S. 171