Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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158 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Abbas Kiarostami
( 22. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)
Beim Gemeinschaftsgebet der Muslime
Fiel der eine auf
Der nicht im Gleichklang
Betete mit dem Rest
Ich komme zurück
Von einem Begräbnis
Meine Schuhe drücken
Mir ist nach Liebemachen
Mit einer, die ich nicht kenne
Wie
Soll ich ruhig schlafen
Wenn die Zeit
Selbst im Schlaf
Keinen Augenblick anhält?
Als ich zurückkehrte An meinen Geburtsort War der Fluß nur ein Bach Und kein Kind Badete darin
Wie gut
Daß ein jeder seinen Weg geht
Aus dem Persischen von Shirin Kumm und Hans-Ulrich Müller-Schwefe, in: Akzente 2/ 2010, S. 109ff
Kiarostamis Haikus stehen in der Tradition der japanischen Kurzlyrik, lösen sich jedoch von formalen Silbenzählungen zugunsten einer freien, „westlicheren“ Haiku-Auffassung, in der auch der Jahreszeitenbezug nicht zwingend ist. Charakteristisch ist der nüchterne Ton, der das Erhabene im Alltäglichen sichtbar macht – ein Verfahren, das seine Lyrik eng mit seiner Filmsprache verbindet.
📖 Abbas Kiarostami: 5 Haikus
📚 Erstveröffentlichung (dt.): Akzente, Heft 2/2010, S. 109 ff.
204 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Paula Ludwig
(* 5. Januar 1900 in Feldkirch, Österreich-Ungarn; † 27. Januar 1974 in Darmstadt)
Wehe nicht so sehr, Wind!
Ich trage Zartes in meinen Händen.
Warum stehen die Häuser
so sicher in den Tag hinein –
Und Stimmen werden laut,
die riefen nach niemandem mehr.
Es gibt Blumen, die
des Abends aufblühn,
sie sind blau und seltsam –
Und ist es nicht,
als schrie im Baum voll Blüten
ein Vogel auf und fällt,
betäubt vom Duft und bang vor so viel Süße...
Aus: Anna Rheinsberg: Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein. Lyrikerinnen der zwanziger Jahre. Gedichte und Portraits. Mannheim: Persona Verlag, 1993, S. 81
Bitte: auf Lebenslauf verzichten! Mein Leben war viel zu großartig (verhältnismäßig), als daß ich es in kurze Formeln bringen könnte. Geboren: 5.1.1900; gestorben hundertmal voraus! Aus Berlin emigriert 1933! aus Tirol geflohen 1938! aus Paris geflohen 1940! 13 Jahre Brasilien; 1953 „Heimkehr“ – fatal! –
Paula Ludwig 1958
Mehr über die Autorin bei Planet Lyrik
Gedichtauswahl: Versensporn 38. Paula Ludwig. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019
Es ist das Sapphische in Paula Ludwig, was ihre Gedichte bestimmt. Kein Zweifel, daß diese Gedichte, nicht in Einzelheiten, aber im ganzen Unsterblichkeit in sich tragen und diese auch im Geschichtsablauf wiedergewinnen werden.
Joachim Günther, Neue Deutsche Hefte, Heft 194, 2/1987
📖 Paula Ludwig: Wehe nicht so sehr, Wind!
📚 Aus: Anna Rheinsberg (Hg.), Wie bunt entfaltet sich mein Anderssein. Lyrikerinnen der zwanziger Jahre.
📍 Mannheim: Persona Verlag, 1993, S. 81
125 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Cong Rong 《抗日战争》
ANTI-JAPANISCHER KRIEG
Oma flüchtet,
lässt Song-Porzellan und Jade zurück,
hat meinen Onkel in ihrer Hand.
Die Flüchtlinge drängen sich oben am Berg,
halten den Atem an.
Jemand steckt den Kopf raus und fragt:
Was ist, wenn das Kind weint?
Die ganze Gruppe will Oma und das Kind weghaben.
„Wenn es weint, drück ich es tot,
eure Sicherheit ist nicht in Gefahr!"
Sechzig Jahre später frag ich sie,
und wenn der Onkel geweint hätt?
„Dann hätt ich ihn totdrücken müssen."
Aus: Brett voller Nägel / 布满钉子的木板. Neue Poesie aus China. Band 1: A–J. Hrsg. von Juliane Adler und Martin Winter. Aus dem Chinesischen übersetzt von Martin Winter. Wien: Literatur- und Kunstverein fabrik.transit, 2021, S. 175
Cong Rong, Dichterin, Dramatikerin, Drehbuchautorin. Bekannt für ihre Zen-Gedichte.

202 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Jürgen Dziuk
(26. September 1960 Nürnberg – 26. September 2004 Kuala Lumpur)
Einst stranzelte ein Knirch
verkropfelt und gelipsert:
Er hatte bulgewirch
ein Haslapf eingeschnipsert.
Kein Razel schnakte Pelse
und auch kein Wisomurph,
dafür beklifft ein Selse
mosuggelt an der Urph.
»Hee Zampf, was trullt im Knersen?«
prezt wollstern drauf ein Nosch.
»Geflachtern und Gemersen!«
sprault Zampf, geschlupft im Plosch.
Drum: Wasselt einmal bloppvoll
der Mitriginer Trampfel,
dann sei vergnärzt und knarbvoll
bis Flussknäck klauft im Pampfel.
(Wohl 1989)
Aus: Jürgen Dziuk: was bleibt ist Ferne. Gedichte. Herausgegeben von Àxel Sanjosé und Richard Dove. Weilerswist: Ralf Liebe, 2007, S. 80
Das Gedicht simuliert die Aura einer Geheim- oder Sondersprache, ohne eine zu verwenden. Es ist reine Kunstsprache, erzeugt aus Klang, Rhythmus und syntaktischer Attrappe.
Jürgen Dziuk (1960–2004) wurde in Nürnberg geboren. Er studierte in München Amerikanische Kulturgeschichte, Sinologie und Ethnologie. Dort schloss er sich der Initiative Junger Autoren an und veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Längere Aufenthalte in Ostasien prägten seine Arbeit. Nach der Übersiedlung nach Malaysia zog er sich fast vollständig aus dem Literaturbetrieb zurück. Jürgen Dziuk starb an seinem 44. Geburtstag in Kuala Lumpur an einer organischen Insuffizienz, an der er von Kindheit an gelitten hatte.
Mehr über den Autor im Lyrikwiki.
204 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Paul Adler
(* 4. April 1878 in Prag; † 8. Juni 1946 in Zbraslav bei Prag)
Kehr wieder
Ich ging in Wäldern, in Wäldern
Nämlich
In Wäldern. Nämlich.
Da kam ein guter Mensch.
Nämlich
Im Walde erhub er seinen Finger.
Nämlich
Ich war in den Wald gegangen, um mich dort in einigen Zweigen zu
verwildern.
Da erhob der fremde Wilderer seinen Finger, damit ich mich nicht als
Mensch an einen Ahorn hänge.
Dann geleitete er mich zurück.
Kehr wieder.
Dann habe ich übrigens noch ein zweites Gedicht gemacht, aber erst
als ich heimkam, beim Schlafengehn. Das lautete so:
Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe meine Äuglein zu,
Vater, laß die Augen dein
Über meinem Bette sein.
Das habe ich meiner Mutter säuberlich abgeschrieben und es ihr, noch
während sie schlief, auf das Bett gelegt. Wie wird sie sich doch beim
Erwachen darüber gefreut haben!
(1915)
Aus: Armin A. Wallas (Hrsg.): Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde. Linz, Wien: edition neue texte, 1988, S. 17
Paul Adler (geboren 4. April 1878 in Prag, Österreich-Ungarn; gestorben 8. Juni 1946 in Zbraslav bei Prag) war ein österreichisch-tschechoslowakischer Schriftsteller, Journalist und Übersetzer, u. a. von Paul Claudel, Max Elskamp, Gustave Flaubert und Camille Lemonnier. https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Adler
Sein Werk steht exemplarisch für jene Autoren der Prager Moderne, die nach 1933 und dann nach 1945 aus dem literarischen Gedächtnis verschwanden.
279 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Martin Bernhardt, Arzt, Autor und Künstler aus Greifswald, wäre am 22. Januar 65 Jahre alt geworden. Er starb im Jahr 2000 mit nur 39 Jahren. Sein schmales, kaum bekanntes lyrisches Werk gehört zu jenen Stimmen der späten DDR, die sich der Anpassung entzogen.
Martin Bernhardt
(1961-2000)
KEINER WEISS
Keiner weiß, wo wir allein sind,
überall ein Alp.
Formhaft genormtes Leben
im normhaft geformten Land.
Vor/Über allem strahlt die Sonne
nur über den Alleen n/Licht.
Wo einer weiß, allein wir sind.
Eigenartig wie aufrecht wir gehen,
auf Recht ist gut zu zählen,
– hierzulande, heutzutage –
Heute zu Tage treten
ist aufrecht, nur
auf welches Recht zählen?
Wir sind aus einer Tiefe gekommen,
die war dann leer,
und wir lehren die Fülle
und leeren sie weiter,
bis man uns fragt,
was denn da war.
Gut, bleiben wir liegen.
In der niederen Lage
ist die Niederlage gut zu tragen
und wir nicht zu treffen
in dieser Stellung.
Keiner weiß, wo allein wir sind.
Hier: https://www.wohlrab-verlag.de/buecher_bernhardt.php, S. 26, 1981
Auch in: Wie wunderbar – Gedichte von Martin Bernhardt. Ein teilweise originalgrafisches Künstlerbuch, u.a. mit Linolschnitten von Lutz Wohlrab und Dietrich Buhrow, die 1985 die Hausdurchsuchungen im Zuge eines Ermittlungsverfahrens der Staatssicherheit überstanden haben. 5 Exemplare, Format: 25,6 x 21 cm. Berlin 1990. Zur Zeit in Cottbus zu sehen. Bis zum 15. Februar zeigt das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus einen bislang wenig beleuchteten Teil der künstlerischen Produktion in der DDR: eine riesige Sammlung von inoffiziellen oder halboffiziellen Künstlerbüchern: „Die Tage waren gezählt. Künstlerbücher und -zeitschriften mit Originalgrafik und Fotografie aus der späten DDR und Ostdeutschland“.
Über Martin Bernhardt bei planetlyrik und beim poetenladen (Elke Erb über seine Gedichte)
163 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Samuel Beckett
(* 13. April 1906 in Dublin; † 22. Dezember 1989 in Paris)
ich bin der Sandstreifen der sich
zwischen dem Geschiebe und der Düne hinzieht
der Sommerregen regnet auf mein Leben
auf mich mein Leben das mich flieht mir folgt
und enden wird am Tag seines Beginns
teurer Augenblick ich sehe dich
in dem weichenden Nebelvorhang
wo ich nicht mehr die langen treibenden Schwellen zu betreten brauche
und leben werde solange eine Tür
sich öffnet und wieder schließt
Aus dem Französischen von Elmar Tophoven, aus: Samuel Beckett: Gedichte. München: dtv, 1976, S. 87 (ursprünglich Limes Verlag)
je suis le cours de sable qui glisse
entre le galet et la dune
la pluie d'été pleut sur ma vie
sur moi ma vie qui me fuit me poursuit
et finira le jour de son commencement
cher instant je te vois
dans ce rideau de brume qui recule
où je n'aurai plus à fouler ces longs seuils mouvants
et vivrai le temps d'une porte
qui s'ouvre et se referme
Ebd. S. 86
201 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Christian Felix Weiße
(* 28. Januar 1726, heute vor 300 Jahren, in Annaberg; † 16. Dezember 1804 in Stötteritz)
Christian Felix Weiße wurde mit zwei Zeilen unsterblich, die jeder kennt, ohne zu wissen, von wem sie stammen. Es ist „Morgen, morgen, nur nicht heute / sagen alle faulen Leute“. Das ist von ihm, leicht abgewandelt. Hier zur Feier des 300. Geburtstages einmal das ganze Gedicht. (Feiern sie heute in Annaberg oder Leipzig?) Kein unsterbliches Gedicht (bis auf die zwei Zeilen), aber man kann es mal lesen.
Der Aufschub
Morgen, morgen, nur nicht heute!
Sprechen immer träge Leute,
Morgen! Heute will ich ruhn:
morgen jene Lehre fassen,
morgen diesen Fehler lassen,
morgen dies und jenes tun!
Und warum nicht heute? Morgen
kannst du für was anders sorgen!
Jeder Tag hat seine Pflicht.
Was geschehn ist, ist geschehen:
dies nur kann ich übersehen;
was geschehn kann, weiß ich nicht.
Wer nicht fortgeht, geht zurück;
unsre schnellen Augenblicke
gehn vor sich, nie hinter sich.
Das ist mein, was ich besitze,
diese Stunde, die ich nütze;
die ich hoff‘. Ist die für mich?
Jeder Tag, ist er vergebens,
ist im Buche meines Lebens
nichts, ein unbeschriebnes Blatt!
Wohl denn! Morgen, so wie heute,
steh‘ darin auf jeder Seite
Von mir eine gute Tat.
165 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Mit repetitiver Logik, minimalen Verschiebungen und lakonischem Humor führt Jandl vor, wie ästhetische Urteile entstehen und wie schnell sie zu Vorlieben werden, die andere ausschließen. Am Ende steht kein ästhetisches Dogma, sondern ein ethischer Vorschlag: das Geltenlassen – der anderen wie auch der eigenen Position. (Länger Mitlesende – wussten Sie schon, dass die Lyrikzeitung am 1. Januar genau ein Vierteljahrhundert alt wurde? – erinnern sich an Zeiten teils heftiger Debatten, manchmal weiterführend und manchmal steckenbleibend: dann ging es wahrscheinlich um „Realpoesie“ gegen den Rest, und ein poetisches Denken wie das von Jandl hier entwickelte fehlte sehr.
Ernst Jandl
(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)
wirklich schön
für friederike mayröcker
einfachheit macht das komplizierte schön, who knows
kompliziertheit macht das einfache schön, who knows
einfach kompliziert sein ist vielleicht weniger schön
einfach einfach sein ist vielleicht auch nicht so schön
vielleicht verlangt das komplizierte
nach einer einfachen darstellung, um schön zu sein
so wie vielleicht das einfache, um schön zu sein
nach einer komplizierten darstellung verlangt
jedenfalls haben manche das einfache lieber
als das komplizierte
und andere das komplizierte
lieber als das einfache
wenn dann das einfache das komplizierte ist
haben die die das einfache lieber haben das komplizierte
lieber
und wenn das komplizierte das einfache ist
haben die die das komplizierte lieber haben das einfache
lieber
so haben vielleicht alle alles gern, aber keinesfalls
sollte einer den anderen wegen seiner vorliebe schelten,
sondern ihn gelten lassen
und sich selber auch, das allein
wäre dann erst wirklich schön.
Aus: Kristallisationen. Deutsche Gedichte der achtziger Jahre. Hrsg. Theo Elm. Stuttgart: Reclam, 1992, S. 117f
225 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Am 10. Januar 2026 ist der Literaturwissenschaftler, Herausgeber und Autor Karl Riha in Siegen gestorben. Riha, der zu den prägenden Vermittlern experimenteller und avantgardistischer Literatur im deutschsprachigen Raum zählte, verband wissenschaftliche Präzision mit einem nachhaltigen Interesse an poetischen Grenzformen, Sprachspielen und literarischer Subversion.
Ich verdanke ihm persönlich viel, weil die von ihm herausgegebene Reihe „Unbekannte Autoren der Moderne“ mir zu DDR-Zeiten (als ich sie unter keinen Umständen hätte erwerben können) auf Vermittlung einer amerikanischen Bekannten nach Greifswald geschickt wurde.
Neben seiner umfangreichen editorischen und literaturhistorischen Arbeit trat Riha auch selbst als Autor experimenteller und spielerischer Texte hervor, teils unter dem Pseudonym Hans Wald. Der hier dokumentierte Text steht exemplarisch für seine Lust am Spiel mit Sprache und Leseerwartungen. Ist es überhaupt ein Text? Finden Sie es heraus!
Karl Riha
(* 3. Juni 1935 in Český Krumlov (Böhmisch Krumau); † 10. Januar 2026 in Siegen)
Hans Wald
der zuf all ist …
| der | eno | rem | das | lit | ene |
| zuf | men | dli | aus | aet | und |
| all | übe | che | ser | ans | fra |
| ist | rra | rät | gew | ich | ppi |
| ein | sch | sel | oeh | ist | ere |
| geh | ung | ein | nli | das | nde |
| eim | zur | ora | che | vom | syn |
| nis | unz | kel | die | him | chr |
| vol | eit | die | ant | mel | oni |
| les | das | sph | ika | gef | zit |
| pha | bef | inx | usa | all | aet |
Aus: Poetische Sprachspiele. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. Klaus Peter Dencker. Stuttgart: Reclam, 2002, S. 358
265 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Helmut Eisendle
(* 12. Januar 1939 in Graz; † 20. September 2003 in Wien)
Aus: Aphrodisiaca
| kizzlsdumi kizzlidia ikizzldi dukizzlstmi ikizzldi kizzlmi ikizzldia kizzldumia kizzlstmi? bussldumi busslidia ibussldi dubusslstmi ibussldi busslmi ibussldia bussldumia busslstmi? hoitsdumi hoitidia ihoitdi duhoitstmi ihoitdi hoitmi ihoitdia hoitdumia hoitstmi? na losmi heid mogined na losmi heid kounined na losmi heid wülined na guad daun gemma hoid na guad daun kummst jezz hoid na guad daun mochmas hoid na sichsd ikoun heid ned na sichsd es ged heid ned na sichsd es is heid ned | = kitzelst du mich = kitzel ich dich auch = ich kitzle dich = du kitzelst mich = ich kitzle dich = kitzle mich = ich kitzle dich auch = kitzle du mich auch = kitzelst du mich? = küsst du mich = küsse ich dich auch = ich küsse dich = du küsst mich = ich küsse dich = küsse mich = ich küsse dich auch = küsse du mich auch = küsst du mich? = hältst du mich = halte ich dich auch = ich halte dich = du hältst mich = ich halte dich = halte mich = ich halte dich auch = halte du mich auch = hältst du mich? = nein lass mich = heute mag ich nicht = nein lass mich = heute kann ich nicht = nein lass mich = heute will ich nicht = also gut = dann gehen wir eben = also gut = dann kommst du jetzt eben = also gut = dann machen wir es eben = also siehst du = ich kann heute nicht = also siehst du = es geht heute nicht = also siehst du = es ist heute nicht möglich |
In: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Herausgegeben von Hans Bender. Begründet von Walter Höllerer und Hans Bender. 19. Jahrgang, 1972, S. 183f
(Dieses Gedicht schließt im Original die hochdeutsche Fassung ein)
125 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Johann Lippet
(* 12. Januar 1951 in Wels, Österreich)
Vorkommnisse (8)
Gestern, als ich vor dem Schlafengehen, kurz vor Mitternacht,
noch einmal in mein Arbeitszimmer ging, um nachzuschlagen,
ich kriegte Eichendorffs Mondnacht nicht mehr auf die Reihe,
als flöge sie nach Haus oder als fliege sie nach Haus,
war ich mir nicht mehr sicher, stieg mir jener Geruch
in die Nase, der noch tagelang zu Hause in dem Zimmer
in der Luft lag, in dem Vater aufgebahrt gewesen war,
45 Jahre ist das her.
An Geister glaubte ich nicht, feite mich aber gegen Alpträume:
sagte mir im Bett in Gedanken so oft Mondnacht auf,
bis ich hinüberdämmerte, flog nach Haus.
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 36
173 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Katharina Schultens
eine höhle mit tieren
glauben interessiert mich nicht
nein, seine geheimnisse auch nicht.
was interessiert: traum. gestohlenes, witz. mustervermeidung, sex.
verletzung, druck, mechanismen. warum eins durchgeht, andres nicht.
wo es unaufhaltsam kippt. wie ein kredit entsteht. wie eine schuld.
wieso wir abstraktion nicht knacken können. wohin es rastet.
obs möglich wär zu schummeln. gründe für vollbart. pfeile
wo sie stecken bleiben, ob eins heil werden kann.
was ein schneckenhaus fürs denken bedeutet, wenn ich
seinen linien folge. wohin eins geht, wenns angst bekommt.
wie lange ich hier bleiben kann und warum ich vergesse
wo wir jetzt sind, wenn ich aufwache und mein körper
weiß es und macht diese lücke auf, durch die wind und schmerzen kommen.
warum trauer sich auflöst in anwesenheit bestimmter götter.
was es mich kosten wird, das hier zu benutzen, zu wachsen. ob ein unterlassnes
mich mehr kostet als mein kalkül. dieser unterschied zwischen
es macht nichts, dass es bereits alle zeilen gibt, und:
nichts abzuschneiden, nichts
Aus: Katharina Schultens, Untoter Schwan. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2017, S. 8
115 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Nora Gomringer
(* 26. Januar 1980 in Neunkirchen/Saar)
Nußbaumederlob
Den Nußbaumeder haben sie gelobt
Wegen seiner bayerischen Dramatik und
Dem Wie-Franz-Xaver-Kroetz-Sein
Gut, Nußbaumeder, haben sie gesagt und
Ihre Münder an Stoffservietten gewischt
Die Cognacgläser gegen das Licht
Vom Starnberger See gehalten
Sie geschwenkt und guter Cognac gesagt
Den Nußbaumeder haben sie dann vergessen
Weil das Essen gut und der Rock der Bedienung
Vielleicht etwas kürzer war
Das Stück mit dem Gurkenflieger und den Polen
Haben sie gar nicht verstanden
Aber gelobt haben sie den Nußbaumeder
Weil er ein bayerischer Dramatiker ist
Und Bayern so einen braucht
Aus: Neubuch. Neue junge Lyrik. Herausgegeben von Ron Winkler. Riemerling bei München: yedermann, 2008, S. 147
Christoph Nußbaumeder (* 1978 in Eggenfelden) ist ein deutscher Dramatiker und Autor. https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Nußbaumeder
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