Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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147 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Natasha Lako
Der ordentliche Mensch
Der ordentliche Mensch lauscht auf die Wetterberichte
und weiß, wann er seine schwarzen dicken Handschuhe,
die den scherenschwanzigen Schwalben gleichen,
an- und auszuziehen hat.
Er merkt sich alles peinlich genau,
jedes Datum, jede Begebenheit,
und natürlich alle Liebesbriefe.
Der ordentliche Mensch hat die Liebesbriefe zerrissen,
Schwalben hat er aber nie getötet.
In seiner Schublade liegen immer bereit
ein Paar dicke Winterhandschuhe.
(1987)
Aus dem Albanischen von Robert Schwartz, in: Europäische Anthologie. Autorinnen und Autoren aus Litauen, Albanien, Island und Finnland. Herausgegeben von Lutz Zimmermann. Deutsche Übersetzungen, entstanden in gemeinsamer Arbeit von Autor und Übersetzer während eines vierwöchigen Aufenthalts im Literarischen Colloquium Berlin. Berlin: Literarisches Colloquium, 1988, S. 112
Natasha Lako (* 13. Mai 1948 in Korça) ist eine albanische Dichterin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie zählt zur ersten Generation weiblicher Schriftsteller Albaniens. Im März 1991 wurde sie als eine von wenigen Frauen als Mitglied der Demokratischen Partei Albaniens (PD) in das albanische Parlament gewählt. https://de.wikipedia.org/wiki/Natasha_Lako
270 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Richard Kralik
(1852-1934)
Der Traum
Ich war im Traum, ich weiß nicht wo;
Bin noch des seligen Traumes froh.
Ich dachte, was ich einst schon sann;
Doch ach, ich weiß es nicht mehr, wann.
Es leuchtete, weiß nicht, wovon;
Es war nicht Stern, nicht Mond, nicht Sonn'
Ein Zauber lenkte meinen Sinn,
Ich weiß nicht, wohinaus, wohin.
Es wallt' um mich noch immer mehr
Und heller, ich weiß nicht, woher.
Ich spür' den Duft noch, weiß nicht, welchen,
Aus wundersüßen Blumenkelchen.
Da tönt' es also süß und leise,
Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise,
So unbestimmt und doch so zart,
Ich weiß nicht mehr, auf welche Art.
Ich weinte, weiß doch nicht warum;
Das All umgab mich still und stumm.
Ich fühlte mich in stolzer Ruh'
Bestimmt, ich weiß nicht mehr, wozu.
Ich sah daselbst, ich weiß nicht, wen;
So Hehren hab' ich nie gesehn.
Es sprach zu mir, ich weiß nicht, wer,
Ein Wort so tief, so innig her.
Ich fühlte drob, ich weiß nicht, was;
War's Furcht, Entzücken, Liebe, Haß?
Ich schlug, ich weiß nicht mehr, womit,
Ein Ungeheur, das mich bestritt.
Nun aber bin ich wieder hie
In dieser Welt und weiß nicht, wie.
Aus: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Hrsg. Gotthart Wunberg. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 370f
Richard Kralik (eigentlich Richard Ritter Kralik von Meyrswalden, Pseudonym Roman; * 1. Oktober 1852 in Eleonorenhain, Böhmerwald; † 4. Februar 1934 in Wien) war ein österreichischer Schriftsteller und Kulturphilosoph aus der Familie Kralik von Meyrswalden. Als Schriftsteller nannte er sich Richard Kralik; nach 1919 wurde dies aufgrund des Adelsaufhebungsgesetzes auch sein offizieller Name. https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_von_Kralik
172 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Heute mal wieder etwas Prominentes. Sogar so prominent, dass es zu den „berühmtesten deutschen Gedichten“ gezählt wird. In einer so betitelten Sammlung sind Gedichte von 73 AutorInnen enthalten, unter ihnen nur 7 Frauen. Ich entscheide mich für Ingeborg Bachmann und wähle aus ihren 4 vertretenen Gedichten eins aus.
Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
Aus: Die berühmtesten deutschen Gedichte. Auf der Grundlage von 300 Gedichtsammlungen ermittelt und zusammengestellt von Hans Braam. Mit einem Vorwort von Helmut Schanze. Stuttgart: Kröner, 2019 (2., aktualisierte Auflage), S. 276
284 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.
Am 24. Januar feierte Deutschland den 250. Geburtstag E. T. A. Hoffmanns (mit Gedenkartikeln vermutlich). Der vielseitige Autor und Komponist schrieb eigentlich keine Gedichte, obwohl es ein paar in Erzählungen eingestreute gibt. Lyrikzeitung holt trotzdem das Gedenken nach mit einem Gedicht, dem einzigen, das wir finden konnten, obwohl es nicht einmal von ihm ist. Jedenfalls nicht allein von ihm.
Es handelt sich um ein Schmähgedicht, das er zusammen mit seinem früheren Feind und späteren Freund Friedrich Wilhelm d’Elpons anläßlich eines misslungenen Theaterstücks am Königlichen Schauspielhaus Berlin schrieb. Der Titel „Rektifiziertes Sonett“ verweist darauf, dass es offenbar ein anderes, lobhudelndes Sonett auf das gleiche Stück gegeben haben muss. Das Sonett nennt den Namen des Dichters nicht. Wer ihn braucht, findet ihn in den Werkausgaben Hoffmanns.
E. T. A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann
(eigentlich Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann; * 24. Januar 1776 in Königsberg, Ostpreußen; † 25. Juni 1822 in Berlin)
(Rektifiziertes Sonett)
An den Dichter des Trauerspiels Carlo
Heil Dir o Genius dem es gelungen
Schmerz, Tod und Graus gar spaßig zu erfassen.
Dir, Arlekin, muß man die Jacke lassen,
Die Pritsche hast im traur'gen Spiel errungen.
Fürwahr ein schöner Kranz den Du geschlungen
Von närrscher Liebe, Wüten, tollem Hassen!
Kein Blumenkranz! – Unkraut auf schmutzgen Gassen
Fruchtschwangrem Mist mit Mühe abgedrungen.
O Tag des Jammers! Du erregst nur Lachen?
Ja! – Du erschienst uns Jammer aufzutischen –
Horch: – unten dröhnt lustiger Knüppel Krachen!
Kritische Schlangenbrut beginnt zu zischen,
O! schnell dem Ding' ein fröhlich End' zu machen
Laßt uns mit Carlo selbst die Ärsche wischen.
D'E. & H.
Aus E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke in sechs Bänden. Band 5. Lebens-Ansichten des Katers Murr. Werke 1820-1821. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1992, S. 885.
195 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Heute mal wieder ein Gedicht mit Zeilenkommentar, und als Bonus eine Textverbesserung.
Christian Morgenstern
Die beiden Flaschen
Zwei Flaschen stehn auf einer Bank,
die eine dick, die andre schlank.
Sie möchten gerne heiraten.
Doch wer soll ihnen beiraten?
Mit ihrem Doppel-Auge leiden
sie auf zum blauen Firmament ..
Doch niemand kommt herabgerennt
und kopuliert die beiden.
Kommentar
Zeile 7 und 8: Das Christentum hat nichts für Flaschen übrig, also kommt auch kein Engel »herabgerennt«.
Die Fassung dieses Gedichtes für deutsche Lesebücher und Schul-Anthologien wurde vom Lehrkollegium wie folgt festgesetzt:
Zeile 3 und 4:
Sie möchten gerne Kuchen essen. Doch der Himmel hat sie vergessen.
Und Zeile 6 bis 8:
sie auf zum blauen Wolkenraum. Doch niemand hört dort ihren Traum und kuchenbäckt den beiden.
Quelle: SECHSUNDZWANZIG GALGENLIEDER UND DEREN GEMEINVERSTÄNDLICHE DEUTUNG DURCH JEREMIAS MUELLER, DR. PHIL, PRIVATGELEHRTER
Wo Geist und Torheit recht sich gattet, ist das Erlösende gestattet, indes wo eins von beiden fehlt, des Lebens Lampe übel schwelt.
Murten: Luciferata I, 9, Pagina 77
Jeremias Mueller
Aus: Christian Morgenstern: Gesammelte Werke in einem Band. Neuausgabe Juni 1989. (Serie Piper Band 1967) . 18. Aufl., 169.-173. Tausend, Oktober 1991 (1. Aufl., 11.-15. Tausend dieser Ausgabe), S. 220f
177 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Werner Schreib
(1925-1969)
[ Leute! nehmt Abschied von Gestern! ]
Leute! nehmt Abschied von Gestern!
Leute! tragt lieber volle Hosen als gar keine oder bleibt nackt!
Leute! unser aller Feind ist der Mond, wer was anderes sagt, lügt!
Leute! schlaft langsam, Ihr habt es verdient!
Leute! lebt wohl, das ist gut für den Magen!
Leute! geht! geht mit der Zeit, geht auch mal ins Kino, aber geht
zu Fuß!
Leute! laßt Euch umfunktionieren, jeder hat einen Anspruch darauf!
Leute! gebt auch dem Teufel eine Chance oder bleibt Analphabeten!
Leute! tut beizeiten das Richtige, Glücklichsein verpflichtet zu nichts!
Leute! wer den Winter liebt, hat auch kalte Füße gern!
Leute! wer aufs Ganze geht, geht auch gerne Baden!
Leute! wer weiter denkt, gießt seine Blumen selber!
Leute! richtet nicht, aber wenn Ihr richtet, richtet Eure Augen
auf die Obrigkeit!
Leute! seid progressiv, kämmt Eure Haare einzeln!
Leute nehmt Abschied von Gestern!
Aus Werner Schreib: Gott raucht nicht er braucht Pudding. Gedichte • Prosa • Happenings. Herausgegeben von Karl Riha. Hannover: Postskriptum, 1991, S. 52
Werner Schreib (* 16. März 1925 in Berlin; † 20. September 1969 bei Lorsch) war ein deutscher Maler und Grafiker. https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Schreib
142 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Asmus Trautsch
Geschenkter Sinn
Kaum zu glauben, aber müde wie ich bin
sagt sich noch ein Lebenswort ab von der schorfigen Rinde,
die mich umspannt, gleitet aufs Papier
und harrt seinesgleichen.
Kommt Silben, kommt.
Ich weiß nicht, wer von euch an meinem Namen rührt
und wer ihn auf ein treibendes Floß hievt.
Kreuz und quer treffen sich diesseits der Lippen
und der Scham die semantischen Späne: mein täglicher Herbstwind.
Müder Zuschauer, wart ab.
Glück, wenn schließlich das Dickicht bricht und dich
sagen lässt ich, ohne Mühe und Ziel.
Dann bist du – auch in dem Satz, den andere hobeln,
wer weiß, auf welchem Eiland und wann –
mit Haut und Haar Du.
Aus: Kalliope. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Heft 1/2008, S. 51
Asmus Trautsch (* 9. Dezember 1976 in Kiel) ist ein deutscher Dichter, Philosoph, Dozent und Kurator. Er veröffentlicht Dichtung, Essays, philosophische und kulturwissenschaftliche sowie literaturkritische Texte. Er lebt in Berlin. https://de.wikipedia.org/wiki/Asmus_Trautsch
182 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Katharina Schultens
gewinnwarnung
verwechsele kunst nicht mit wut hieß es.
gut. was war hingegen mit schärfe.
was war mit den klingen die ich
auf dem rücken balancierte –
sporadisch sie zu ziehen
zum stich ins gespräch.
was war mit allen die uns zitternd
im rücken staken. spitzen im holz
an den griffen kann man uns lenken.
//
wir hatten die möglichkeit zu verhandeln abgeworfen
und unsere handschuhe waren verschweißt mit den fingern
jederzeit rannte es nun zwischen ritter und specht angelegt
unsere trappelnde armee in einer leitung die ausläufer trieb.
licht: aus dem herdendynamo.
//
kaum denkbar rauszugehen. glaubte wir stünden vorm büro
und hingen doch – einsehbar – gespickt auf der anzeige dort.
und die metamorphosen. und die metaphern darüber hinaus
und die dosis an echter erkenntnis durch perfekte bezeichnung
all das wurde höher mit jedem einsatz. damit irrelevant.
ich hatte unsere größe vergessen und die relation
unserer größe zu der des geschehens. ich will aus.
raus hörten wir. eine nach dem anderen ging
und wechselte den stamm und dachte
x hätte das system verlassen.
Aus: ]trash[pool. Zeitschrift für Literatur & Kunst [Ausgabe Nr.3, September 2012, S. 64f
Katharina Schultens, * 1980 in Kirchen (Sieg), seit 2022 Leiterin des Berliner Hauses für Poesie.
132 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Lalla Romano
Ein tiefer Klang ist im Blut
Ich wußte es seit deine Hände
die meinen zum ersten Mal streiften
Von jenem Tag an hörten wir
es wie einen Wind aufsteigen
mit dem Brausen einer Orgel
bis uns, endlich gezähmt,
beugte wie reife Ähren jener Wind
Aus: Ich habe dich an diesen wilden Ort geführt. Erotische Gedichte aus Italien. Herausgegeben und aus dem Italienischen übersetzt von Gino Chiellino. München: P. Kirchheim Verlag, 1987, S. 39
Un suono profondo è nel sangue
Io lo seppi quando le tue mani
toccarono la prima volta le mie
Da quel giorno ascoltammo
quasi un vento salire
col mugghio di un organo
fin che alla fine domati
ci piegò, come spighe mature, quel vento
Ebd. S. 38
Graziella „Lalla“ Romano (geboren 11. November 1906 in Demonte; gestorben 26. Juni 2001 in Mailand) war eine italienische Dichterin, Schriftstellerin und Journalistin. https://de.wikipedia.org/wiki/Lalla_Romano
151 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Franziska Groszer
sag nichts schreibe
nichts
verschließe die tür.
nur die vorhänge
die schwarzen schieb nicht
vor die fenster
daß nicht so ganz
stille ist:
einen flügeischlag lang taube
der aufschlag der tischtennisbälle
ein aufsteigendes lachen
wenn es klopft öffne
nicht
es könnten die anderen sein
verschließe die fenster
sieh in den spiegel
sieh diese blässe diese
müdigkeit in den augen
dem unmut der anderen
setz dich nicht aus
am besten du schwebst
mit anderen frage zeichen
davon
kehrst erst zurück
wenn rufe dich
erreichen
Aus: Kein Wind schlägt die Flügeltüren zu. Grafik Lyrik. Grafik-Lyrik-Mappe, noch bis Ende des Monats zu sehen in Cottbus, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, in der Ausstellung: Die Tage waren gezählt. Künstlerbücher und -zeitschriften mit Originalgrafik und Fotografie aus der späten DDR und Ostdeutschland.
Franziska Liselotte Groszer (geschrieben auch Großer; * 1945 in Berlin-Friedrichshagen) ist eine deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin. https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Groszer
Franziska Groszer Schriftstellerin und Buchkünstlerin (Homepage der Autorin)
236 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Victoria Chang
GEHEIMNISSE – starben am 7. August 2015, und sie waren erleichtert zu sterben. Niemand auf der Beerdigung meiner Mutter hatte gewußt, daß sie krank gewesen war. Niemand hatte gewußt, wie heftig meine Mutter und mein Vater stritten. Ein chinesisches Gesicht nach dem anderen. Ich erzählte die Geschichte. Ich erzählte sie noch mal. Ihre Münder öffneten sich wie Zeit. Rote Trauerschleifen mit chinesischen Schriftzeichen, die ich nicht lesen konnte. Die Stengel teilten sich durch ihre Blüten mit. Nach unten schauen und sehen, daß ihnen die Beine fehlen. Später fand ich ein Foto meiner Mutter, sie lächelnd mit Freunden bei sich zu Hause, nur ein Jahr zuvor. Keine Sauerstofflasche, kein Schlauch in ihrer Nase. Sie muß ihn abgenommen, ihn in den Schrank gepackt haben zwischen Anfang ihres Lebens und Ende ihres Lebens. Ich stelle mir vor, wie sie innerlich Panik schiebt und darauf wartet, daß alle gehen. Geist und Sprache vereinen und vereinzeln sich wie Gänse. Wissenschaftler sagen, daß der Geist noch nach dem Tod des Körpers arbeitet. Daß es einen Energieschub im Gehirn gibt. Dann hat sie vielleicht ein letztes Mal gehört, wie sich die Gänse über ihr vereinzeln. Dann hat sich vielleicht mein Kuß auf ihrer Wange angefühlt wie ein Blitz.
Aus dem Englischen von Ron Winkler, aus: Sinn und Form 1 / 2006, S. 29
Victoria Chang, geb. 1970 in Detroit, US-amerikanische Schriftstellerin taiwanesischer Abstammung, lebt in Los Angeles. Aus: »OBIT«, Copyright © 2020 Victoria Chang.
276 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Kornelia Koepsell
Das Putzen, das Alter und die Wissenschaft
Überall hört man jetzt: Endlich! Der Tod besiegt!
Alters-Gen sequenziert. Forscher im Freudenrausch. –
Trotzdem hol' ich das Putzzeug,
Denn ich habe noch viel zu tun.
Schimmel, Rotwein und Teig, Fußnägel, Kuli-Blau,
Hauspilz, Spucke, Kakao, Schuppen, Spinnen und Staub,
Krümel, Popel und Nudeln –
Niemals komme ich hinterher.
Wenn ich ziemlich erschöpft, einen Moment verschnauf,
Steht die Mutter im Flur, tiefer als ich gebückt,
Lose hängt ihr das Kopftuch
In die früher so klare Stirn.
Und ich sehe noch mehr Frauen dahinter stehn,
Alle säubern den Flur schon seit Jahrtausenden,
Sie rotieren wie Kreisel,
Die ein Motor beständig treibt.
In den Tiefen des Raums, winzig, schon unsichtbar,
Wischen, fegen sie aus, bohnern, polieren glatt,
Schrubben, scheuern und saugen,
Und im Gegenlicht tanzt der Staub.
Schluss jetzt! rufe ich laut, aber sie hören nicht.
Oder tun sie nur so, weil sie beschäftigt sind?
Und ich wüsste so gerne,
Was im Innersten sie bewegt.
Aus: ndl. zeitschrift für literatur und politik. Herausgeber: Peter Schwartzkopf. Redakteur: Jürgen Engler. 52. jahr, 560. heft, oktober 2004. Intimitäten. S. 39
Das Gedicht benutzt eine strenge metrische Form, die heute selten ist (aber wohl immer noch öfter als dem Publikum bewusst ist) – die Strophenform der asklepiadeischen Ode. Es ist das Versmaß. das man vielleicht aus Hölderlins Ode „Heidelberg“ kennt, mit nur einer kleinen Abweichung, wenn ich richtig gesehen habe. Sie versteckt es nur ein bisschen, indem sie auf die Einrückung von Versen verzichtet. Wenn man das Metrum im Ohr hat, kann man es vielleicht leichter „vom Blatt“ lesen, aber es geht auch ohne. Vielleicht hilft es auch beim Interpretieren (die antithetische Form, die wenigstens teilweise durchlinst).
126 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Annemarie Moser
Orpheus im Supermarkt
sing leise Orpheus
versteck die Leier
damit sie dich nicht digital konservieren
und einen Bauernmarkt mit dir beschallen
sei tapfer wenn sie dir
mit dem Untergang drohen
du mußt doch oft genug gestorben sein
um aus der Unterwelt heraufzusteigen
ohne Umsehn
gleichwie Odysseus zwischen Scylla und Charybdis
mußt du zwischen Klimts Goldener Adele
und der geilen Saliera durch
und darfst nichts übertönen
nur gewiß sein daß sie dich belügen
wenn sie von der Liebe und vom guten
Leben schwelgen
und den Hades ihrer Scannerkassen meinen
Eurydike
das ist die Wahrheit
war niemals hier
sing leise Orpheus
Aus: Wortwerk. Zeitschrift für Lyrik No. 1_1/08. Still_Bruch Wien, S. 14
Annemarie E.[uphrosine] Moser (* 17. August 1941 in Wiener Neustadt) ist eine österreichische Schriftstellerin. https://de.wikipedia.org/wiki/Annemarie_Moser_(Schriftstellerin)
127 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Friedrich Rückert
(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses bei Coburg)
Grammatische Deutschheit
Neulich deutschten auf Deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der Deutscheste sey.
Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich;
Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.
Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
Deutscheren Comparativ, deutschesten Superlativ.
"Ich bin deutscher als deutsch". "Ich deutscherer". "Deutschester bin ich."
"Ich bin der Deutschereste, oder der Deutschestere."
Drauf durch Comparativ und Superlativ fortdeutschend,
Deutschten sie auf bis zum – Deutschesteresteresten;
Bis sie vor comparativisch- und superlativischer Deutschung
Den Positiv von Deutsch hatten vergessen zuletzt.
Aus: Deutsche Sprachspiele. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. Klaus Peter Dencker. Stuttgart: Reclam, 2002, S. 98f (Einen Druckfehler in der 5. Zeile, ein t zu wenig, haben wir berichtigt).
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