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Die älteste Bibliothek der Welt

(…) die Überreste der legendären Bibliothek von Ninive: 32000 Tontafeln, die älteste erhaltene Textsammlung der Welt und die weitaus größte ihrer Zeit. Zusammentragen ließ sie der assyrische König Assurbanipal, der von 669 bis 631/627 vor Christus das erste Imperium der Menschheitsgeschichte führte.

Jahrelang ist die Bibliothek mit großem Aufwand digitalisiert worden. Jetzt haben Experten um Jon Taylor, dem Kurator dieser Keilschriftsammlung am British Museum, die letzten Tontafeln hochauflösend gescannt und damit ihr Mammutprojekt abgeschlossen. Die 2700 Jahre alten Dokumente geben nicht nur einen Einblick in den Alltag des ersten Weltreichs der Menschheitsgeschichte. Sie zeugen auch von einer großen Idee: Erstmals erkannte ein Herrscher, dass Wissen die Macht sichern und vergrößern kann.

Seine große Bibliothek ließ König Assurbanipal im Nordwestteil seines Palasts anlegen, sie war gefüllt mit staatlichen Dokumenten, Literatur, juristischen und wissenschaftlichen Texten. Medizinische Schriften finden sich genauso darin wie Beschreibungen seltsamer Orakel, uralte Gesetzestexte oder das Gilgamesch-Epos, eines der frühesten Werke der Weltliteratur. Dabei gab es viele Texte in mehrfacher Ausführung zum Ausleihen.

(…) „Der König wollte alles verfügbare Wissen haben. Und er hat alles gelesen. Wirklich alles. Denn er wusste: Wissen ist Macht.“ (…) Der König selbst konnte schreiben. An seinem Hof lernten sogar die Mädchen, Keilschrifttexte zu verfassen, was damals ungewöhnlich war.

(…) Assurbanipal selbst zog gegen Ende seiner Regentschaft ein persönliches Resümee: „Die Zeichen des Himmels und der Erde sind mir vertraut“, schrieb er. „Ich kann die Leber, die ein Spiegel des Himmels ist, zusammen mit anderen fähigen Experten erörtern. Ich bin in der Lage, komplizierte mathematische Probleme zu lösen, die zuvor nicht verstanden wurden.“ / Hubert Filser, Süddeutsche Zeitung 27.8.

Seite des British Museum

Da ward mir so eigen zumuthe, ich mußte dichten … eine Hymne

Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) schrieb auch Texte für Kinder: „Kuckuck, Kuckuck, rufts aus dem Wald“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und „Summ, summ, summ“. Als seine Freunde die Insel [Helgoland] im August 1841 verlassen hatten, fühlte er sich „sehr verwaist“. In den Erinnerungen heißt es: „Wenn ich dann so einsam wandelte auf der Klippe, nichts als Meer und Himmel um mich sah, da ward mir so eigen zumuthe, ich musste dichten und wenn ich es auch nicht gewollt hätte. So entstand am 26. August das Lied: ,Deutschland, Deutschland über alles‘.“ / Edgar S. Hasse, Hamburger Abendblatt

Das Thema bei L&Poe

Lyrik im Anthropozän

Die Anthologie „all dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän“ versammelt (…) nun aktuelle deutsche Dichterstimmen, einschließlich einer Reihe überraschender Vorgriffe aus der Literaturgeschichte. „Hölzern wirkt der Astronaut/ wenn er aus dem Walde schaut“, schrieb etwa Friederike Mayröcker bereits 1968.

Elf Kapitel ordnen die heterogene Stoffmasse locker unter Begriffe wie „Wildnis Polis Wüste“ oder „vom Aussterben“. Drei einführende Essays ermutigen dazu, selbst Verbindungslinien zu entdecken. Allmählich wird so das „Anthropozän“ als gemeinsame Atmosphäre zahlreicher Themen in unterschiedlichen Wissensbereichen sprachlich erfahrbar.

Der prominenteste Vorkämpfer des Projekts, das hinter dem Anthropozän-Begriff steht, ist der französische Soziologe Bruno Latour. Er schreibt: „In der Epoche des Anthropozäns zu leben bedeutet, dass alle Lebewesen gleichermaßen Anteil an einem sich verändernden Schicksal haben.“ Es gelte, zu einem Begriff von nicht-menschlichen Handlungsträgern zu gelangen, um der anthropozentrischen Ausbeutung der Natur den Nährboden zu entziehen. Hier kommt die Lyrik ins Spiel. Anders als ein Roman muss sie nicht vom Subjekt einer Erzählstimme ausgehen, dem die Natur meist als etwas Äußeres und zu Veräußerndes erscheint. Stattdessen wirft schon das erste Gedicht des Bands – „Die Urwälder Europas“ von Asmus Trautsch – einen schwindelerregenden Blick in „fossile Formationen: die rötliche Plastik der Zeit“.

Da liegen versteinert im Querschnitt, wie Zeilen auf Papier, Menschen- und Naturgeschichte neben „noch weiter zurückliegenden Revolutionen“ und ihrem „Leichtwerden von über/ dreihundertmillionen Jahren in den Himmeln Berlins“. Dies alles in einem einzigen, kohleschweren Atemzug jenseits der chronologischen Zeit, in dem auch die ökologischen Handlungen und ihre zukünftigen Konsequenzen wieder in eine kalte Fusion eintreten.

(…) „Nimm keine Hacke,/ hier ist schon geschrieben“, beginnt Sudabeh Mohafez’ Gedicht „Folgelandschaft“. Die Brandzeichen in der Natur sprechen in diesem Band eine andere Sprache als die der gemütvollen Beseelung, die der romantischen Naturlyrik des 19. Jahrhunderts so teuer war, während zugleich die Kohleschwaden der Industrialisierung aufzogen. Die heutigen Dichter suchen dagegen vielfach statt einer „Sprache der Natur“ Sprachformen für die stumm gewordene Natur. (…) Der Band „all dies hier, Majestät, ist deins“, herausgegeben von Anja Bayer und Daniela Seel, entstand in Kooperation zwischen dem Deutschen Museum in München und dem kookbooks Verlag. Es ist ein poetischer Garten, der wild wuchert und beim Lesen viele Wurzeln schlägt. Er liefert das Fleisch für die Fossilienknochen des Anthropozän-Begriffs und koppelt ihn an die tägliche Lebenswelt zurück. / Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung 25.8.

Anja Bayer, Daniela Seel (Hrsg.): all dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän. Anthologie. kookbooks Verlag und Deutsches Museum München, Berlin 2016. 333 Seiten, 22,90 Euro.

Gerechtigkeit für Nikolai Gumiljow

Eine Petition an den Gouverneur von Sankt Petersburg fordert, das Andenken an den Dichter Nikolai Gumiljow in seiner Geburtsstadt Kronstadt zu bewahren. Im April 2016 waren 130 Jahre seit der Geburt des Dichters des Silbernen Zeitalters vergangen, im August vor 95 Jahren wurde er von den Bolschewiki auf Grund der Beschuldigung, an der „Kronstadter Meuterei“ beteiligt gewesen zu sein, erschossen. Aber in Kronstadt, wo es viele Denkmäler, Büsten, Plaketten gibt, kommt sein Name nicht vor. Im Jahr 2001 unterzeichnete Gouverneur Wladimir Jakowlew das Dekret № 1050 „Über die Errichtung einer Denkmal-Büste von N.S. Gumiljow“. Sie sollte zum 120. Geburtstag 2006 errichtet werden, ist aber nicht ausgeführt worden. Die Jahre vergingen, die Gouverneure und Leiter der regionalen Verwaltung wechselten, aber die Erinnerung an einen der prominentesten Söhne von Kronstadt wurde nicht verewigt. Das ist ein Verbrechen.

Im Namen der Redaktion der Zeitung „Kronstädter Bote“ Inna Shitov

Gumiljow in L&Poe

Gestorben

Vor kurzem erhielt er noch einen Preis für sein Gesamtwerk und präsentierte das Projekt Ruinen der Zukunft. Jetzt ist Michel Butor, einer der „Miterfinder“ (NZZ) des Nouveau Roman, der auch Dichter und Essayist war, kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben, meldet der Figaro.

In seinen Stadtporträts, wie sie schon früh, etwa in «Le Génie du lieu» (1958), versammelt sind, führt Butor auf subtile Weise vor, dass Individuen, Architekturen oder Texte als Knotenpunkte, als Verknüpfungen in einem historischen und geographischen Gewebe zu sehen sind. Es hängt alles mit allem zusammen. «Intertextualität» nannte man das späterhin an gelehrter Stelle. Die «stereophone Etüde» namens «6 810 000 Liter Wasser pro Sekunde» (1965) ist eines von Butors vielen ästhetischen Experimenten, die diesem Befund Rechnung tragen wollen: Gesprächsfetzen von zeitgenössischen Besuchern der Niagarafälle und Passagen von Chateaubriands romantischer Sicht des Naturspektakels werden gegeneinander montiert. (…)

Immer ging Butors literarisches Schaffen mit der Reflexion über Kunst und Literatur einher. Seit 1960 (und bis 1982) erschienen in fünf Lieferungen, römisch durchnummeriert, seine Aufsätze unter dem Titel «Répertoire»; wahre Glanzstücke kunst- und literaturtheoretischer Essayistik, die auch stilistisch (aber eben nicht nur stilistisch) den «Noten zur Literatur» eines Adorno überlegen sind – wenn man denn wirklich ins Innerste der Moderne eindringen will. / Jürgen Ritte, Neue Zürcher Zeitung

Mosse-Lectures

Brigitte Kronauer berichtet, wie sie dem Nouveau Roman entkam, Ror Wolf entdeckte und Jean Paul mit Joseph Conrad verkuppelte, Lutz Seiler erzählt von John Maynard, Peter Huchel, Georg Trakl und Pink Floyd, Reinhard Jirgl inspiziert die Werkstatt von Alfred Döblin, Vladimir Sorokin gibt Auskunft über das Schreiben, den Schnee und die Schneestürme, und Colm Tóibín spürt dem Katholizismus Hemingways nach und bringt die Musik zu Gehör, die Thomas Mann und James Joyce in ihre Werke hineingeschrieben haben. / Süddeutsche Zeitung 16.8.

Lothar Müller und Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Literarische Nachbarschaften. Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin 2014/2015. Verlag Vorwerk 8, Berlin 2016. 144 Seiten, 19 Euro.

Der Erste Dichter

Die International Nepalese Literature Society-Qatar (INLS) und die Nabodit Literature Library (NLL) haben gemeinsam ein Programm gestaltet, um an den 202. Geburtstag des Dichters Bhanubhakta Acharya zu erinnern, der als der „Erste Dichter“ Nepals gilt. Nicht der erste Nepalese, der Gedichte schrieb, aber der erste, der dies auf Nepalesisch tat. Vor ihm schrieben die Dichter Sanskrit. Er übersetzte auch das Sanskritepos Ramayana ins Nepalesische. / Usha Wagle Gautam, Gulf Times

Ungewöhnlich

Ich weiß nicht wer Carmen Geiss ist, aber sie hat es getan!

Um mit ihren Facebook-Hatern abzurechnen, hat Carmen Geiss nun zu einem eher ungewöhnlichen Mittel gegriffen: Sie hat ein Gedicht verfasst

In ihrem Gedicht, lesen wir bei der Erdbeerlounge, reimt sich Geiss auf Scheiß.

Gestorben

Der Schriftsteller Gregor M. Lepka, bekannt für seine knappe Lyrik und seine Kurzprosa, ist am Samstag im Alter von 80 Jahren in Wels gestorben. Der am 7. August 1936 in Salzburg geborene Lepka war seit 1969 mit der Schriftstellerin Waltraud Seidlhofer verheiratet. Das Begräbnis findet am 31. August am Welser Stadtfriedhof statt.

(…) „Er war ein Mensch, der mit seiner nachdenklich-behutsamen Art stets das Verbindende herausstrich“, sagt Kurt Mitterndorfer von der „Grazer Autorenvereinigung Oberösterreich“, deren aktives Mitglied Gregor M. Lepka war. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „An der Zeit vorbei“ (2011), „Mit Gedanken befasst“ (2005) und „Ohne Zeichen sein“ (2002).

„In Lepkas Werk gab es nie so etwas wie ein Zuviel, er konnte die Dinge auf den Punkt bringen“, sagt Mitterndorfer, der erst im Juli unter dem Titel „Die Sicht auf die Dinge“ ein literarisches Fest für Lepka kuratiert hatte. / Oberösterreichische Nachrichten

Haus der Poesie

Liebe Freundinnen und Freunde der Literaturwerkstatt Berlin,

es gibt Grund zu feiern: Die Literaturwerkstatt Berlin wird 25 Jahre. Als ein Ort, an dem zeitgenössische Poesie auf die Bühne gebracht und diskutiert wird, bekommt sie einen neuen Namen: Ab 13. September 2016 heißt sie Haus für Poesie.

Zum Saisonauftakt werden Geburtstag und Umbenennung mit der ersten Berliner Rede zur Poesie von Oswald Egger und einem Empfang im Berliner Rathaus am 12. September gefeiert.
Bei einem großen Hoffest am 17. September in der Kulturbrauerei begeht die Literaturwerkstatt Berlin/Haus für Poesie das Jubiläum mit einem bunten, poetischen Programm, zu dem alle herzlich eingeladen sind. Bei freiem Eintritt gibt es Dichterlesungen, Spoken-Word-Performances, Konzerte, Kunstinstallationen, einen Büchermarkt und den Zukunftschor Berlin.
Wir freuen uns darauf, die Poesie mit Ihnen zu feiern!

Viele Grüße aus der Literaturwerkstatt Berlin/Haus für Poesie

An die Grenze

Oktober 2015: In Deutschland und in ganz Europa ist die Diskussion über die Flüchtlingskrise auf dem Höhepunkt. In dieser historischen Situation fliegt der Berliner Lyriker Björn Kuhligk an die äußerste Grenze Europas, in die Marokko vorgelagerte spanische Exklave Melilla. Die autonome Küstenstadt (eine weitere heißt Ceuta) gehört zur EU und zum Geltungsbereich der Nato.

Ein bis zu sieben Meter hoher Zaun aus messerscharfem Draht, überwacht durch Kameras und Nachtsichtgeräte, trennt Melilla von Afrika. Er ist das Modell aller Zäune, mit denen Europa sich zu sichern glaubt und zugleich seine Freizügigkeit verspielt.

(…)

Was Kuhligk sieht, ist nicht „miteinander zu verknüpfen“. Deshalb brechen die Bilder wie Scherben auseinander. Klare Linien verlaufen nur „zwischen denen, die Krieg haben/ und denen, die keinen haben“. Björn Kuhligk ist mit seinem Gedicht an die Grenze gegangen, unprätentiös und aufmerksam. / Herbert Wiesner, Die Welt

Björn Kuhligk: „Die Sprache von Gibraltar“. Hanser Berlin. 88 S., 16 €. 

Poetopie

auf der hintersten Bank im Bus – im Blick auf sein Smartphone der einsame junge Mann

Hansjürgen Bulkowski

Elfte Sibylle

Im Berliner Exemplar der Gedichte von Sibylla Schwarz (1621-1638) im ersten Band (1650) auf dem Innendeckel findet sich folgendes Sonnet in Schönschrift:

Sonnet

Wie deines Vatters wis mir wahr sehr wohl bekandt,
  Sein Beiseyn angenehm ; so thut mich ietzt erfrewen,
  Was deine Handt gesetzt, Nichts aber mehr gerewen,
Alß daß erst nach dem Todt' ich vnd das Vatterlandt
Erkennen deinen Geist ; was vor ein wehrtes pfandt
  Eß an dir hat gehabt ; Jch darff mich gar nicht schewen
  Zu sagen daß in dir der Musen schar vernewen,
Vermehren hat gewolt der zehn Sibillen standt :
  Was warstu sterbendt schon! Wie wen dir Gott das Leben
  Noch lenger hett' vergondt, wehm hettstu nachgegeben?
Jch kenn den Singer nicht, drumb Pommern billich weint
  Den gar zu frühen Todt: doch kan es sein Leidt stillen
Weil bey Jhm Jungfern das, was sonstwo Menner seindt,
  Ja das so fast sein Kindt es nachthut den Sibillen.

Zeile 1: wis = Weise, Art; Zeile 5: vor = für; Zeile 9: wen = wenn; Zeile 10: wem hettst nachgegeben = wer wäre dir überlegen gewesen

Jemand der ihren Vater Christian Schwarz gekannt hat und die 12 Jahre nach ihrem frühen Tod erschienene Ausgabe ihrer Gedichte besaß. Man muß nicht lange suchen. Links oben über dem Gedicht steht mit Bleistift der Name: Croy. Auf dem „teilweise schon abgebröckelten Lederrücken eingepreßt zunächst eine Krone und dann unterhalb des Buchtitels X BIBL D.  RO  d.h. (E)X BIBL. D. (C)RO(Y)“ (Pommersche Jahrbücher 21. Band, Greifswald: Julius Abel, 1921, S. 44).

Die Krone verweist auf das preußische Königshaus. Der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte nach dem Tod von Ernst Bogislaw von Croy, der ein Neffe des letzten pommerschen Herzogs war und in Preußen u.a. Statthalter in dem an Preußen gefallenen Hinterpommern wurde, dessen Bibliothek gekauft und der von ihm gegründeten „Königlichen Bibliothek“ gestiftet. Beide, Croy und Friedrich Wilhelm, waren nur ein Jahr älter als die früh gestorbene Dichterin. Als Croy 1634 an die Greifswalder Universität kam, schrieb die 13jährige Dichterin ein Willkommensgedicht. Ihr Vater war Landrat am Stettiner Hof und später Bürgermeister von Greifswald. Friedrich Wilhelm war Mitglied des „Fruchtbringenden Gesellschaft“. Croys Sonett sagt: Pommern hat keinen bedeutenden Dichter hervorgebracht, aber diese „Jungfer“, ja „fast sein Kind“ füllte die Stelle und gesellte sich als elfte zur Schar der zehn Sibyllen.

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Sibylla Schwarz in L&Poe

John Burnside

Burnside ist weniger Naturlyriker als vielmehr Romantiker. Sein Werk ist der Weg, dessen Richtung Novalis beschrieben hat: „Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“ Das Berührende an Burnsides Gedichten ist, dass sie durch alles Rohe, Kalte und Düstere der Natur manchmal einen Abglanz genau dieser Geborgenheit entdecken. Etwa in der Deutung des Gemäldes Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle von Pieter Breughel …
/ André Hatting, DLR

John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung
Hanser Verlag, München 2016
304 Seiten, 22 Euro

Jemand ergreift das Wort

Horst Samson

DAS WORT AM ENDE DES JAHRHUNDERTS

Wir sind frei, zu jagen oder
Gejagt zu werden. Jemand ergreift
Das Wort. Immer gibt es jemanden, der

Das Wort ergreift,
Am Anfang des Jahrhunderts oder
Am Ende des Jahrhunderts oder irgendwann

Dazwischen. Jemand muß es tun,
Also ergreife ich jetzt,
Mitten im Wort,

Das Wort. Das ist ein Wort,
Sage ich, und ein Wort reicht
Dazu nicht aus.

Hier ergreift einer das Wort,
Der wirklich was zu sagen hat:
Hier, sagt er,

Ergriff einer das Wort,
Der in Wirklichkeit nichts
Zu sagen hat!

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