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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Wenn man mich machen ließe

Guillaume Apollinaire

(* 26. August 1880 in Rom, Italien; † 9. November 1918 in Paris)

Wenn man mich machen ließe

Zeit du allein der Weg von einem Punkt zum andern
Wenn man mich machen ließe hätt ich bald verändert
Das Herz der Menschen und es gäbe überall
      Nur schöne Dinge

Statt der gebeugten Stirnen statt der Strafen
Anstelle von Verzweiflung und Gebeten wären überall
Reliquienschreine Kelche heilige Monstranzen
Am Grund der Träumereien funkelnd wie
Die Götter der Antike deren Poesie
      Ist am Erlöschen

Wenn man mich machen ließe kaufte ich
Die gefangenen Vögel um sie freizulassen
Ich sähe zu mit ungetrübter Freude
Wie sie auffliegen und rein gar nichts wissen
Von einer Tugend wie Erkenntlichkeit
      Außer vielleicht es wäre Dankbarkeit

Nachgedichtet von Paul Wiens, aus: Guillaume Apollinaire: Unterm Pont Mirabeau. Französisch und Deutsch. Hrsg. Thea Mayer. Berlin: Volk und Welt, 1971, S. 169

Si on me laissait faire

O temps ô seul chemin d'un point à l'autre
Si on me laissait faire j'aurais vite changé
Le cœur des hommes et partout il n'y aurait plus
      Que de belles choses

Au lieu des fronts courbés au lieu de pénitences
Au lieu de désespoir et des prières il y aurait partout
Les reliquaires les ciboires les ostensoirs
Étincelant au fond des rêveries comme ces
Divinités antiques dont le rôle poétique
      Est près d'être terminé

Si on me laissait faire j'achèterais
Les oiseaux captifs pour leur rendre la liberté
Je les verrais avec une joie sans mélange
Prendre leur vol et n'avoir même pas l'idée
D'une vertu nommée reconnaissance
      A moins que ce ne soit gratitude

Du weißt nicht

Lamia Abbas Imara

(* 1927 in Bagdad)

Die entlegenen Wünsche

Ich liebe dich, du weißt es, und ich weiß es auch,
wir träumen von entlegenen Wünschen.
Ich weiß es,
du weißt nicht,
daß du rasch endest,
mit dem Ende dieses Gedichts.

Aus: Al-Maaly, Khalid (Hrsg.): Die Flügel meines schweren Herzens. Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute. Aus dem Arabischen übersetzt von Khalid Al-Maaly und Heribert Becker. Zürich: Manesse, 2008, S. 50

(Erw. Neuausg. als zweisprachige Ausgabe Zürich: Manesse 2017)

Gebrauchsanleitungen

GLENN COLQHOUN

(Geboren 1964 in Auckland)

Eine Reihe von Anleitungen zum Gebrauch beim Lesen von Gedichten

1. Als Erstes löse das Gedicht sorgfältig ab von seinem Papier.
2. Wiege das Gedicht auf deiner Handfläche.
3. Hab keine Angst vor dem Gedicht.
4. Streiche mit den Fingern über die Außenseite des Gedichts:
 a. Ist sie rauh oder glatt?
 b. Ist sie schwer oder leicht?
5. Wirf das Gedicht in die Luft. Schwebt es?
6. Nimm das Gedicht in den Mund. Entweder:
 a. Drück dir davon ein wenig auf die Zunge wie Zahnpasta.
 Oder:
 b. Steck das ganze Gedicht in den Mund wie Kuchen.
7. Entferne das erste und das letzte Wort des Gedichts.
 Schüttele kräftig: Jedes Wort sollte aus der Reihe tanzen.
8. Nimm die Wörter in den Mund und roll sie herum.
 Lutsche, kaue, gurgle. Versteck die Wörter in deinen Backen.
 Bespuck damit die Leute.
9. Wenn du fertig bist, stell die Wörter zurück an ihren Platz.
10. Flüstere das Gedicht leise vor dich hin.
11. Schrei das Gedicht laut heraus.
12. Sag das Gedicht auf bei hellem Tageslicht/ bei Mondlicht /
 bei eingeschalteten Lampen / bei ausgeschalteten Lampen /
 im Badezimmer/ im Garten / unter einem Baum.
13. Sag das Gedicht auf an heiteren Tagen/ an Regentagen/
 an windstillen Tagen / an stürmischen Tagen / auf leeren
 Magen/ mit vollem Mund.
14. Bock das Gedicht auf und leg dich drunter. Experimentiere
 mit der Zündeinstellung. Tauche jedes Wort in Öl.
 Feile die Motornummern ab. Spritz das Gedicht um.
15. Frühstücke auf dem Gedicht. Mach einen Kaffeefleck drauf.
16. Stell dich auf das Gedicht.
17. Begieß das Gedicht.
18. Misch das Gedicht unter die Wäsche.
19. Trag das Gedicht eine Woche lang in der Hosentasche herum.
20. Jetzt gehört das Gedicht dir.

Aus: Gedichte aus Neuseeland. Poesiealbum Sonderheft. Auswahl und Übertragung Axel Vieregg. Märkischer Verlag Wilhelmshorst [Apr] 2014, S. 19

Jetzt tut man mir nichts mehr beim Militär

Alfred Lichtenstein

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)

Jetzt tut man mir nichts mehr beim Militär.
Wer achtet noch auf mich. Man hat sich längst gewöhnt
An meine sonderbaren Zivilistenaugen.
Beim Exerzieren bin ich halb im Traum
Und auf den Märschen mache ich Gedichte.


Doch kommt ein Krieg. Zu lange war schon Frieden.
Dann ist der Spaß vorbei. Trompeten kreischen
Dir tief ins Herz. Und alle Nächte brennen.
Du frierst in Zelten. Dir ist heiß. Du hungerst.
Ertrinkst. Zerknallst. Verblutest. Äcker röcheln.
Kirchtürme stürzen. Fernen sind in Flammen.
Die Winde zucken. Große Städte krachen.
Am Horizont steht der Kanonendonner.
Rings aus den Hügeln steigt ein weißer Dampf
Und dir zu Häupten platzen die Granaten.

Aus: Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Hrsg. Klaus Kanzog u. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1989, S. 113

Erster Teil: 23.6.1914, zweiter Teil: 9./10.7.1914. – Nach Zeile 3 stehen drei durchgestrichnene Zeilen:

Oft bin ich Gruppen- oft Patrouillenführer,
oft Radfahrer. Ich werde manchmal auch
zu kleineren Besorgungen verwendet.

Ein Scherz ist alles nur

Jan Kochanowski

(* 1530 bei Radom; † 22. August 1584 in Lublin)

EPIGRAMME I, 3

ÜBER DAS MENSCHLICHE LEBEN

Ein Scherz ist alles nur, was immer wir ersinnen,
Ein Scherz ist alles nur, was immer wir beginnen;
Kein Ding auf dieser Welt bleibt je unser Besitz,
Vergeblich schafft der Mensch mit seinem Fleiß und Witz.
Den[n] Tugend, Wohlgestalt, Vermögen, Macht und Prangen,
Wie Gräser auf der Flur sind sie im Nu vergangen.
Hat sich die Welt genug an unserm Spiel ergötzt,
Steckt man wie Puppen uns in einen Sack zuletzt.

Deutsch von Jeannine Luczak-Wild, aus: Poesie der Welt. Polen. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1987, S. 32f

Ein Scherzlied ist alles, was wir denken, / Ein Scherzlied alles, was wir tun; / Man hat auf der Welt keine sichere Sache, / Umsonst sorgt sich der Mensch um etwas. / Tugend, Schönheit, Macht, Geld, Ruhm, / All das vergeht wie Feldgras; / Hat man sich satt gelacht über uns und unsre Sitten, / Steckt man uns in einen Sack, wie man es mit Puppen macht.

Prosaübersetzung von Peter und Renate Lachmann, Ebd.

Fraszki to wszytko, cokolwiek myślemy,
Fraszki to wszytko, cokolwiek czyniemy;
Nie masz na świecie żadnej pewnej rzeczy,
Próżno tu człowiek ma co mieć na pieczy.
Zacność, uroda, moc, pieniądze, sława,
Wszystko to minie jako polna trawa;
Naśmiawszy się nam i naszym porządkom,
Wemkną nas w mieszek, jako czynią łątkom.

Nach und von Rimbaud

Nach Rimbaud
VIERZEILER

Sterne weinten rosen in deine pulsenden Ohren;
Unendlichkeiten – weiß vom Hals zu den Lenden – sanken;
Das Meer hat rote Perlen an glühe Brüste verloren,
Und der Mann verblutete schwarz an deinen gebietenden Flanken.

Aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. Erster band. München: O.C. Recht, 1922, S. 233

Der Stern weinte Rosen im Herzen deiner Ohren
(1871)

Der Stern in der Tiefe deiner Ohren weint Tränen aus Rosen,
Unendlich weiß fließen sie von deinem Hals zu deinen Hüften,
Das Meer an purpurner Brust wirft Streifen aus roten Perlen,
Der Mann gießt souverän sein schwarzes Blut in deinen Schoß.

Aus: Arthur Rimbaud: Poesie. Aus dem Französischen übertragen von Michael Fisch. Berlin/Tübingen: Schiler, 2015, S. 106

L’étoile a pleuré rose au cœur de tes oreilles,
L’infini roulé blanc de ta nuque à tes reins
La mer a perlé rousse à tes mammes vermeilles
Et l’Homme saigné noir à ton flanc souverain.

Arthur Rimbaud, 1871

Wolker

Jiři Wolker

(* 29. März 1900 in Prostějov; † 3. Januar 1924 ebenda)

Epitaph für Jiři Wolker

Hier liegt der Wolker, ein Poet, er liebte sehr
die Welt, zutiefst verbunden der Gerechtigkeit.
Doch starb er, vierundzwanzigjährig, vor der Zeit,
bevor er in der Hand wog seines Herzens Speer.

Deutsch von Wilhelm Tkaczyk

Aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Volk und Welt, 1966, S. 116

Jiří Wolker : Epitaf

Zde leží Jiří Wolker, básník jenž miloval svět
a pro spravedlnost jeho šel se bít.
Dřív než moh srdce k boji vytasit,
zemřel, mlád dvacet čtyři let.

So soll es sein

Pierre-Jean de Béranger (* 19. August 1780 in Paris; † 16. Juli 1857 ebenda)

Mein Freistaat

Ich kann nur noch den Freistaat leiden,
Seit soviel Kön’ge ich geseh’n.
Ich mach‘ mir einen und bin fleißig.
Mit gutem Brauch ihn zu verseh’n.
Nur Heiterkeit sei drinnen Richter,
Des Staates Hebel sei der Wein,
Mein Tisch sind alle seine Länder,
Sein Wahlspruch soll die Freiheit sein.

Heut‘ soll sich der Senat versammeln.
Drum, Freunde, nehmt das Glas zur Hand.
Zuvörderst wird bei strenger Strafe
Lang’weil auf ewge Zeit verbannt.
Verbannt? ach nein! dies Wort soll nimmer
In unserm Staat genannt sein. Nein,
Lang’weil‘ kann hier gar nicht entstehen.
Denn Freude wird bei Freiheit sein.

Die Freude, die der Luxus kränkte,
Den Gegner hier zu Schanden macht.
Hier wehrt kein Schlagbaum den Gedanken,
Denn so gefällt es Bacchus Macht.
Hier soll sich Jeder nach Gefallen
Frei seines Gottesdienstes freu’n;
Wer Lust hat, geh‘ auch in die Messe.
So soll es, will die Freiheit, sein.

Der Adel führt doch nur zu Mißbrauch.
Drum wird nach Ahnen nicht gefragt.
Kein Titel auch! sich selber lohne,
Wer hier am flottsten trinkt und lacht.
Und gäb‘ je irgend’nem Verräther,
Herrschen zu woll’n, die Laune ein:
Trinkt gleich in Wein den Cäsar nieder,
So wird gerettet Freiheit sein.

Stoßt an denn! Unser Freistaat lebe!
Und grün‘ und blüh‘ in diesem Ton,
Doch weh‘! ein mächt’ger Feind bedräuet
Sein friedlich munt’res Völkchen schon.
Ach, Lieschen kommt und läd uns herrisch
In Amors Bande wieder ein.
Sie will regieren, ist so niedlich:
Nun wird es aus mit Freiheit sein.

Aus: Übersetzungen nach Béranger. Hundert drei Lieder des Pariser Chansonner giebt hier im Deutschen wieder mit seinem wohlgemeinten Gruß Philipp Engelhard Nathusius. Braunschweig: Vieweg, 1839, S. 110-112

MA RÉPUBLIQUE

Air : Vaudeville de la petite Gouvernante (Air noté ♫)

J’ai pris goût à la république
Depuis que j’ai vu tant de rois.
Je m’en fais une, et je m’applique
À lui donner de bonnes lois.
On n’y commerce que pour boire,
On n’y juge qu’avec gaîté ;
Ma table est tout son territoire ;
Sa devise est la liberté.

Amis, prenons tous notre verre :
Le sénat s’assemble aujourd’hui.
D’abord, par un arrêt sévère,
À jamais proscrivons l’ennui.
Quoi ! proscrire ! Ah ! ce mot doit être
Inconnu dans notre cité.
Chez nous l’ennui ne pourra naître :
Le plaisir suit la liberté.

Du luxe, dont elle est blessée,
La joie ici défend l’abus ;
Point d’entraves à la pensée,
Par ordonnance de Bacchus.
À son gré que chacun professe
Le culte de sa déité ;
Qu’on puisse aller même à la messe :
Ainsi le veut la liberté.

La noblesse est trop abusive :
Ne parlons point de nos aïeux.
Point de titre, même au convive
Qui rit le plus ou boit le mieux.
Et si quelqu’un, d’humeur traîtresse,
Aspirait à la royauté,
Plongeons ce César dans l’ivresse,
Nous sauverons la liberté.

Trinquons à notre république,
Pour voir son destin affermi.
Mais ce peuple si pacifique
Déjà redoute un ennemi.
C’est Lisette qui nous rappelle
Sous les lois de la volupté.
Elle veut régner, elle est belle ;
C’en est fait de la liberté.

Dschami

Nūru’d-Dīn ʿAbdu’r-Raḥmān-i Dschāmi

(persisch نورالدین عبدالرحمن جامی, DMG Nūr ad-Dīn ʿAbd ar-Raḥmān-i Ǧāmī; mit Titel Maulānā; geboren am 18. August 1414 in Chardscherd im Gebiet von Torbat-e Dschām in Chorasan, gestorben am 19. November 1492 in Herat) – ein persischer Dichter, geboren im Nordosten des heutigen Iran, gestorben im Nordwesten des heutigen Afghanistan

Ein Zweizeiler und vier Vierzeiler

Das Veilchen des Bartflaumes

Um acht Rosenparadiese geb ich nicht ein Zweiglein hin
Dieser Veilchen, die dir sprossen an der Seite von Jasmin.

8.
In der Nacht sei von den Frühaufstehenden,
In der Frühe von den Thränenflehenden;
Häng‘ an dem, von welchem du nicht lassen kannst,
Und entschlag dich allem abwärts gehenden!

9.
An dem Tische dieser Welt so Alt als Jung
Leidet um den Bissen tausend Kümmerung.
Auch sogar des Säuglings Augenkelch vergiesst
Hundert Tropfen, eh‘ das Tröpflein Milch ihm fliesst.

17.
Kann von der Welt Atomen ein Atom auch nur erscheinen,
In dem nicht müsst‘ ein Glanz von dir, o Glanznatur, erscheinen!
Ich suchte gestern auf der Welt die Spur von dir bei anderm;
Heut seh‘ ich von nichts anderm als von dir die Spur erscheinen.

24.
Ein Sophist, der von Vernunft kein Wort versteht,
Nennt die Welt ein Scheinbild das vorübergeht.
Ja, ein grosses Scheinbild ist die Welt, allein
Eine Wirklichkeit erscheint in jedem Schein.

Aus dem Diwan: Zwölfteilige deutsche Ausgabe. Von Nur ad-Din Abdur Rahman Dschami. Übersetzt von Friedrich Rückert. Verlag e-artnow, 2017 ISBN 8027214416, 9788027214419 Länge 574 Seiten

Goethe über Dschami

Dschami, allem gewachsen, was vor ihm geschehen und neben ihm geschah; wie er nun dies alles zu sammen in Garben band, nachbildete, erneuerte, erweiterte, mit der größten Klarheit die Tugenden und Fehler seiner Vorgänger in sich vereinigte, so blieb der Folgezeit nichts übrig, als zu sein wie er, insofern sie sich nicht verschlimmerte; und so ist es denn auch drei Jahrhunderte durch geblieben. Wobei wir nur noch bemerken, daß, wenn früher oder später das Drama hätte durchbrechen und ein Dichter dieser Art sich hervortun können, der ganze Gang der Literatur eine andere Wendung genommen hätte. (Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-Östlichen Divans)

Hätte ich ein Fünkchen Glück

Theodor Däubler

(* 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald)

Hätte ich ein Fünkchen Glück, wäre alles anders!
Wollte blauer Tauwind hold meine Segel schweelen,
Blitzte gleich durch mich der Geist eines kühnen Landers,
Und ich müßte nimmer mehr, mich ums Mehr zerquälen.

Wäre wenig anders nur: hatte ich ein Fünkchen Glück,
Träumt ich nicht voll Brunstgewalt in die nackte, kalte Nacht,
Denn ich fühlte mich im Weib, bis in meinen Grund zurück:
Würde je mein Graun getilgt, hätt ich keinen Sturm durchwacht!

Wüßte ich, warum ich fromm, daseinsscheu und seltsam bin,
Ahnte ich, weshalb um mich nirgends grünes Glück gedeiht,
Hätte dieses kleine Sein plötzlich schrecklich vielen Sinn!
Nirgends fände ich den Zweck und ich stürbe doch vor Leid.

Dennoch höre, Erde mich: ich bin auch ein Kind von dir!
Erde, ach, ich liebe dich. Liebe ist mein Erdensang.
Erde, liebe deinen Sohn, wie die Pflanze, wie das Tier!
Erde, warum bin ich hier liebesarm und totenbang?

Hätte ich ein Fünkchen Glück, hielt ich rein das Glück!
So ist oft mein Traumgesicht wild auf Lust erpicht.
Alles bleibt in mir Versuch. Nie gelingt ein Stück.
Sing ich das, so glaube ich, daß mein Herz mir bricht.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 22f Korrektur eines Druckfehlers im vierten Vers („immer“ statt „nimmer“) nach Theodor Däubler: Das Nordlicht. Teil 2, München; Leipzig, 1910, S. 454

Ich bin a Jid!

lzik Fefer

(auch Feffer, jiddisch איציק פֿעפֿער, russisch Ицик Фефер, Исаак Соломонович Фефер; geboren 10. September 1900 in Schpola, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; gestorben 12. August 1952 in Moskau)

Er war ein bedeutender Dichter und ein frommer Kommunist. Stalin ließ ihn in New York für Unterstützung im Kampf gegen Hitler werben. „Im Juli 1943 wurden Michoels und das Präsidiumsmitglied Izik Fefer von der Kriegspropaganda-Behörde zu einer siebenmonatigen Reise in die USA, Mexiko, Kanada und England entsandt. Eine halbe Million Menschen besuchte die Massenversammlungen in 46 Städten. 45 Millionen Dollar wurden im Westen für die Rote Armee gesammelt.“ (Arno Lustiger). Nach dem Krieg brauchte er die Juden nicht mehr. Michoels, ein berühmter Schauspieler, wurde in einem vom Geheimdienst inszenierten Verkehrsunfall getötet – und mit einem Staatsakt geehrt. Bei den anderen war man weniger zimperlich. In der Nacht des 12. August 1952 ließ Stalin (dem auch Fefer Oden gewidmet hatte) führende jiddische Intellektuelle erschießen, unter ihnen Izik Fefer und weitere Dichter (man nennt es auch bitter die Nacht der toten Dichter). Hier eins seiner Gedichte.

Ich bin a jid!

Der Wein von uralten Geschlechtern
hat mich gestärkt auf Wanderschaft.
Die Folterpein von Menschenschächtern
hat nicht zerschlagen meine Kraft –
mein Volk, mein Glauben, alles was sich
in Freiheit ausformt und erblüht.
Noch unterm Schwerthieb schrie ich, daß ich
ein Jude bin – Ich bin a jid!

Kein Pharao, nicht Titus Heere,
noch Hamans Ränke seinerzeit
nahmen den Stolz mir. Meine Lehre
ruht in der Hand der Ewigkeit.
Mein Lebensmut ist nicht gebrochen
auf Scheiterhaufen vor Madrid.
Mein Ruf hallt zeitlos durch Epochen:
Ich bin a jid!

Ägypten hat in Stein geschlossen
mir meinen Leib. Ich hab mit Zorn
und Tränen braches Land begossen
und eine Sonne ward geborn.
Die Sonnenstrahln durchs Dunkel brachen,
wo sich mein Weg durch Diesteln zieht,
die stumm nach meinen Augen stachen,
Ich bin a jid!

Fast vierzig Jahre frühes Leben
bin ich geirrt im Wüstensand,
das hat mir Alterskraft gegeben,
Bar Kochbas Ruf ins Herz gebrannt.
Was ich auf Erden auch erleide,
den Starrsinn meiner Ahnen hüt‘
ich mehr als Gold, als Samt und Seide,
Ich bin a jid!

Was gilt mir Gold? Konnt es denn stillen,
als nirgendwo ein Obdach war,
mein Sehnen, meinen Geist und Willen?
Mehr Stärke gab mir Simsons Haar,
das Delila dem Recken raubte,
vor seinem Bronzeton verglüht,
was sich die Welt an Münzen klaubte:
Ich bin a jid!

Die Faltenstirn von Reb Akibe,
die Weisheit von Jesajas Wort
sie nährten meinen Durst – zu Liebe
und Haß zugleich. In mir lebt fort
der Schwung der Makkabäer-Helden
und ihr rebellisches Gemüt,
hört mich von den Schafotten melden:
Ich bin a jid!

Die Klugheit Salomos war meines
Wandererschicksals fester Halt,
das schiefe Lächeln Heinrich Heines
hab ich mit meinem Blut bezahlt.
Und wie Halevis Zauber klangen,
hab ich im Ohr und werd‘ s nicht müd‘,
vernichtet oft, doch nie vergangen:
Ich bin a jid!

Der Marktlärm, Amsterdamer Treiben
Spinoza hat es nicht gestört,
zur Straße hörn, heißt Mensch zu bleiben;
die Sonne Marxens auf der Erd‘
hat aufgefrischt und neu gerötet
mein altes Blut, ihr Rot durchzieht,
mein Feuer, das ihr niemals tötet –
Ich bin a jid!

Und meine Augen widerspiegeln
den Schein, die Stille und den Drang
vom Licht auf Vorderasiens Hügeln,
von Mendeles gebeugtem Gang,
den Schliff russischer Bajonette,
den Glanz der Ähren unterm Schnitt,
ich bin ein Sohn unsrer Sowjete –
Ich bin a jid!

Der Echohall in Haifas Hafen
schwingt nach in meiner Stimme Klang
dank unsichtbarer Telegraphen
durch Meer und Täler. Zu mir drang
der Puls von Buenos Aires‘ Plätzen,
und aus New York ein jiddisch‘ Lied
der Schauder vor Berlins Gesetzen
Ich bin a jid!

Ich will die Feindesschar verstreuen,
die mir schon grub ein Gräberfeld,
mich unter roten Fahnen freuen
des Lebens, einer neuen Welt,
will meine Weingärten bepflanzen
und selbst sein meines Glückes Schmied;
ich werd auf Hitlers Grab noch tanzen!
Ich bin a jid!

(gekürzt)

Übersetzt von Andrej Jendrusch

Aus: Mitzwat zekhor – das Gebot des Gedenkens. 6. Tage der jiddischen Kultur. Theater unterm Dach. Berlin, Januar 1992. Berlin, Bonn: Deutsche Unesco Kommission, 1991, S. 36f

Itzik Feffer reads his poem Ikh bin a yid – איך בין א ייד (der Vortrag ist auch eindrucksvoll, wenn man kein Jiddisch versteht – zumal viele Wörter den Deutschen bekannt vorkommen. Und wer genau hinhört, wird an den Namen von Stalin und Swerdlow merken, welche Strophen hier ausgelassen wurden.)

Auf unverständige Poeten

Auszug aus Benjamin Neukirchs ((* 27. März 1665 in Reisen, heute Rydzyna in Schlesien; † 15. August 1729 in Ansbach) gleichnamigem Gedicht

Hast du, Lysander, Witz, so folge meinem Rat:
Der ist der klügste Mann, der nichts geschrieben hat.
Laß einen Kirchenschwan Bär, Schaf und Rinder reimen,
Laß einen Bavius von Heldenthaten träumen,
Vertrag im Madrigal hirschfeldischen Verstand,
Erheb den Schäferton von Kärnth und Bayerland,
Und wenn ein Nordenhals mit rauher Kehle knastert,
So sprich, daß er den Weg zum Musenberge pflastert,
Und daß er doch dabei mehr süße Lieblichkeit
Als Hofmannswaldau kaum und Opitz ausgestreut.
Gieb alles willig zu und laß die blinden Schützen
Um ihren Lorbeerkranz mit eignem Lobe blitzen;
Inzwischen tröste dich bei deiner klugen Pein
Mit griechischer Vernunft und sittlichem Latein
Und trachte den Verstand der Alten zu ergründen,
So wirst du, was du suchst und was uns mangelt, finden.
Denn geh und werde klug und setze dich zur Ruh‘
Und sieh der Kinderlust mit Männeraugen zu,
So hast du, wenn du willst, bei täglich neuen Sachen
Papiere zum Toback und Zeug genug zum Lachen.
Doch wo das Dichtersalz dich in den Adern jückt
Und dich ein böser Geist aus deinem Zirkel rückt,
Der dich im Sprunge will zum Flötenritter schlagen,
So fang es endlich an mit halber Furcht zu wagen,
Versammle, wo du kannst, der Jugend alten Graus
Und pflanze Stück auf Stück und mach‘ ein Buch daraus;
Denn stirb, so glaubt die Welt, daß mehr mit dir verdorben,
Als am Homer Athen, Rom am Virgil gestorben.
Schau, dieses ist der Weg, der dir bisher gefehlt
Und dennoch deinen Geist auch nicht zu Tode quält.
Schieb andern Müh‘ und Schweiß in ihren Jammerbusen;
Ein ausgeführtes Werk ist nur für Bettelmusen,
Und der hat wahrlich mehr als mancher Fürst gethan,
Der seinen Unverstand mit Kunst verbergen kann.

Das ganze Gedicht hier

Ragnarök

Alfred Gong

(geboren 14. August 1920 in Czernowitz, Rumänien als Alfred Liquornik; gestorben 18. Oktober 1981 in New York City)

Ragnarök
Für Bodo Scheurig

Ach, wäre es Traum nur:
Das schlafende Blut an der Mauer
und dieses Fenster ohne Gesicht.
Am Fadenkreuz auf der Lauer
der Nickhaut frierendes Licht.

Ach, wäre es Wahn nur:
Ein Kindlein im Schlack auf den Knien.
Wo hat ihn wer das Beten gelehrt?
Hat nicht just sein Vater geschrien?,
von dem die Wehblume zehrt.

Ach, wäre es Lied nur:
Am Kar ein Mond ohne Gezeiten,
der trinkt aus einem Helm ohne Sinn.
Gegen den Flugsand heimatlos reiten
stumm drei Soldaten aus Zinn.

(1960)

Aus: Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina. Hrsg. Klaus Werner. Frankfurt/Main u. Leipzig: Insel, 1991, S. 150f

Nichts

Nikolaus Lenau

(* 13. August 1802 in Csatád, Königreich Ungarn; † 22. August 1850 in Oberdöbling)

Eitel nichts!

’s ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte!
Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern,
Ein wüstes Jagen ists von dem zum andern,
Und unterwegs verlieren wir die Kräfte.
Ja, könnte man zum letzten Erdenziele
Noch als derselbe frische Bursche kommen,
Wie man den ersten Anlauf hat genommen,
So möchte man noch lachen zu dem Spiele.
Doch trägt uns eine Macht von Stund zu Stund,
Wie’s Krüglein, das am Brunnenstein zersprang,
Und dessen Inhalt sickert auf den Grund,
So weit es ging, den ganzen Weg entlang.
Nun ist es leer; wer mag daraus noch trinken?
Und zu den andern Scherben muß es sinken.

(1844)

Zum Tage

Der Todestag der führenden jiddischen Schriftsteller? Der ist gar einfach zu behalten, bitte:

  • David Bergelsson – 1884 – 12.08.1952
  • David Hofstein – 1889 – 12.08.1952
  • Lejb Kwitko – 1890 – 12.08.1952
  • Perez Markisch – 1895 – 12.08.1952
  • Itzik Fefer – 1900 – 12.08.1952
    Lev Berinski (Mehr)

“Nacht der ermordeten Dichter” – das ist keine flammende Metapher aus einem Requiem, sondern ein trockener Begriff in der jiddischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und nicht nur diese fünf Hervorragenden wurden jene Nacht auf der Moskauer Lubjanka, in der schrecklichen KGB-Residenz, erschossen, und nicht nur am 12. August 1952, als zusammen mit diesen weltbekannten Schriftstellern auch der Literat Schmuel Persow seinen Tod fand. Etwas früher oder später wurden ermordet oder starben in Gefängnissen der große Prosaiker Der Nister (1884-1950); die Literaturwissenschaftler E. Spiwak (1890-1950) und Izhak Nusinow (1889-1951), der Dramatiker und theaterkundige Jeheskel Dobruschin (1883-1953), und allen voran – der in einer inszenierten Autohavarie getötete geniale Schauspieler Schlojme Michoels (1890-1948).

„Vor vierzig Jahren starb ein ganzes Reich der Kultur, als mit Genickschuß niedergestreckt wurden der 1900 in der Ukraine geborene Itzik Fefer, der ein Jahr ältere, ebenfalls aus der Ukraine stammende David Hofstein, der Dichter und Romancier aus Rußland Lejb Kwitko (geboren 1890), der 1895 in Wolhynien zur Welt gekommene Erzähler und Dramatiker Peretz Markisch und David Bergelson, Verfasser eines Dramas mit dem Titel „Mir.wiln lebn“ (Wir wollen leben), der an seinem 68. Geburtstag sterben mußte. Mit ihnen wurden in jener Nacht hingerichtet: mindestens neun andere Intellektuelle der sowjetjüdischen Kultur, Übersetzer(innen), Theaterleute, Ärzte. Auf dem von Stalin zu verantwortenden Totenschein stehen in drei Jahrzehnten die Namen von 238 jüdischen Schriftstellern, 106 Schauspielern, 87 Malern oder Bildhauern, 19 Musikern.

Wer zählt die Namenlosen? Deshalb sollten wir am 12. August, einem Trauertag der Literatur, auch an die Millionen Toten jiddischer Sprache denken, die das Feindespaar Hitler/Stalin in mörderischem Einvernehmen umgebracht hat. Vor dem Krieg sprachen in aller Welt mehr als zwölf Millionen Menschen die „Nah“- oder „Neben-Sprache des Deutschen“, wie die Sprachwissenschaftler das Jiddische nennen.“ (Rolf Michaelis, Die Zeit 14. August 1992)

Schon 15 Jahre zuvor gab es eine ähnliche Aktion gegen jüdische Intellektuelle aus Weißrußland, der unter Dutzenden Schriftstellern und anderen Persönlichkeiten auch der Schriftsteller Mosche Kulbak zum Opfer fiel. Die deutsche Wikipedia sagt: „Er starb 1940 in einem sibirischen Arbeitslager des GULAG.“ Die russische: Er wurde Ende Oktober 1937 als Volksfeind verurteilt und erschossen. Also sehen wir nach:

Polnische Wiki: „Während der Großen Säuberung wurde er 1937 Opfer stalinistischer Repressionen und nach seiner Verhaftung durch den NKWD wegen konterrevolutionärer Aktivitäten als „polnischer Spion“ inhaftiert. Erst aus den Unterlagen, die seine Tochter Raja 1989 erhielt, ging hervor, dass er am 29. Oktober 1937 erschossen wurde. Sein Körper ruht wahrscheinlich im Massengrab der Opfer des stalinistischen Terrors in Kuropatów (dem heutigen Vorort von Minsk). Im Dezember 1956 wurde er rehabilitiert: „ohne Grund für schuldig befunden“-“

Die weißrussische: „Er wurde 11. September verhaftet, … am 28. Oktober 1937 als „Mitglied der konterrevolutionären trotzkistischen Terrororganisation“ und wegen „Verbindung mit den polnischen Geheimdiensten“ zur Todesstrafe und Einziehung des Eigentums verurteilt. Er wurde in der Nacht von 29. zum 30. Oktober erschossen. Rehabilitiert durch das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR am 15. Dezember 1956.“

Hier ein Gedicht von ihm in der Übersetzung von Hubert Witt.

Verwandlung

Was ist Sterben, wenn wir sterben,
s ist ein Spiel mit bunten Scherben,
tauschbereit:
Freud für Grämen
im Leben –
s ist ein Nehmen
und Geben
in der Zeit.

Aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Leipzig: Reclam, 5. veränd. Aufl. 1993, S. 98