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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Bertolt Brecht schrieb

Auf vielfachen Wunsch Friederike Mayröcker:

Aus: Friederike Mayröcker, da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Berlin: Suhrkamp, 2020 (Bibliothek Suhrkamp)

Sappho Fragment

H. D.

(* 10. September 1886 in Bethlehem, Pennsylvania; † 27. September 1961 in Zürich, Schweiz)

Fragment 113

“Weder Honig noch Biene für mich. ”
-SAPPHO.

Nicht Honig,
nicht die Beute der Biene
aus Blüten von Wiese oder Sand
oder Busch am Berg;
aus Winterblüten oder Trieben,
geboren aus später Glut:
nicht Honig, nicht den süßen
Farbfleck auf Lippen und Zähnen:
nicht Honig, nicht das tiefe
Eintauchen weichen Bauches
und das Haften der goldrandigen
pollen-bestaubten Beinchen;

blendet Entzücken auch meine Augen,
und kräuselt Hunger auch
meinen Mund dunkel und träge:
nicht Honig, nicht der Süden,
nicht der lange Stengel
roter Zwillingslilien,
noch leichtes Gezweig vom Obstbaum
eingefangen in biegsamem leichtem Gezweig;
nicht Honig, nicht der Süden;

ah, Blüte der purpurnen Lilie,
Blüte der weißen,
oder der Iris, ausdörrend das Gras –
denn ein Fleckchen des Sonnenfeuers
sammelt solche Glut und Kraft,
daß selbst Schattenriß Licht ist,
das durch die Blütenblätter
der gelben Iris fallt;

nicht Iris – altes Sehnen – altes Leiden –
altes Vergessen – alte Pein –
nicht dies, noch überhaupt Blüte,
sondern wenn du dich wieder umwendest,
die Stärke von Arm und Kehle suchst,
berührst wie der Gott;
vergiß den Leierton;
wissend, daß du nirgends am Leibe
ein Beben der Saite
spüren wirst,
sondern Glut, leidenschaftlichere,
des Gebeins und der weißen Schale
und feurig gehärteten Stahls.

Aus: H.D. (Hilda Doolittle): Denken und Schauen : Fragmente der Sappho.
Notizen und Gedichte aus dem Frühwerk, übersetzt und herausgegeben
von Günter Plessow, roughbook 016, Solothurn, Badenweiler und
Berlin, Oktober 2011, S. 113ff

Fragment 113

“Neither honey nor bee for me, ”
—SAPPHO.

Not honey,
not the plunder of the bee
from meadow or sand-flower
or mountain bush;
from winter-flower or shoot
born of the later heat:
not honey, not the sweet
stain on the lips and teeth:
not honey, not the deep
plunge of soft belly
and the clinging of the gold-edged
pollen-dusted feet;

though rapture blind my eyes,
and hunger crisp
dark and inert my mouth,
not honey, not the south,
not the tall stalk
of red twin-lilies,
nor light branch of fruit tree
caught in flexible light branch;
not honey, not the south;

ah flower of purple iris,
flower of white,
or of the iris, withering the grass—
for fleck of the sun’s fire
gathers such heat and power,
that shadow-print is light,
cast through the petals
of the yellow iris flower;

not iris—old desire—old passion—
old forgetfulness—old pain—
not this, nor any flower,
but if you turn again,
seek strength of arm and throat,
touch as the god;
neglect the lyre-note;
knowing that you shall feel,
about the frame,
no trembling of the string
but heat, more passionate
of bone and the white shell
and fiery tempered steel.

Fragment 113 erschien 1921 in Hymen, a Volume of Poems. Die letzte Strophe klingt in Lord Byrons Burning Sappho nach.

Apeneck Sweeney

T. S. (Thomas Stearns) Eliot

(* 26. September 1888 in St. Louis, Missouri, Vereinigte Staaten; † 4. Januar 1965 in London)

SWEENEY UNTER DEN NACHTIGALLEN

Warum sollte ich von der Nachtigall sprechen? Die Nachtigall
singt von ehebrecherischem Unrecht

Apeneck Sweeney spreizt die Knie,
Die Arme sinken ihm im Lachen;
Der Zebrapelz streift ihm das Kinn,
Gefleckt wie ein Giraffenrachen.

Des Monds bewegtes Spiegelbild
Treibt westwärts auf den Wassern vor;
RABE und TOD ziehn drüber hin,
Sweeney starrt ins gehörnte Tor.

ORION düster und der HUND
Schaun trübe, leis die Wogen ziehn;
Das Weibsbild in dem span’schen Cape
Sucht Gleichgewicht auf Sweeneys Knien,

Stürzt ab und reißt das Tischtuch mit.
Schlägt in den Henkelkrug ein Loch,
Findet sich drunten erst zurecht.
Gähnt still und zieht die Strümpfe hoch.

Der stille Mann in Mokkabraun
Am Fenstersimse gähnt verrucht;
Der Kellner bringt Orangen an,
Bananen, Feigen, Treibhausfrucht.

Das stille Wirbeltier in Braun
Spreizt sich, verschwindet, stummer Fisch.
Rahel, geborene Rabinow,
Greift nach den Trauben mörderisch.

Sie und die Dame in dem Cape
Sind nicht geheuer, wohl im Bund,
Weshalb der Mann mit schwerem Aug‘
Die Lust verliert und müd wird und

Den Raum verläßt, von draußen dann
Sich an das Fenster lehnet dicht.
Und Oleanderbuschgesträuch
Umrahmt ein grinsendes Gesicht.

Der Wirt spricht an der Türe leis
Mit wem, man sieht ihn nicht genau.
Die Nachtigallen schlagen laut
Im Kloster unsrer Lieben Frau,

Und schlugen in dem blutigen Wald,
Der Agamemnons Schrei ertrug.
Und spritzten Tropfen flüssigen Kots
Auf ein entehrtes Leichentuch.

Aus: Hans Hennecke: Gedichte von Shakespeare bis Ezra Pound. Einführungen, Urtexte und Übertragungen. Wiesbaden: Limes, 1955, S. 189/191

Sweeney among the Nightingales

Why should I speak of the nightingale? The nightingale sings
of adulterous wrong

Apeneck Sweeney spread his knees
Letting his arms hang down to laugh,
The zebra stripes along his jaw
Swelling to maculate giraffe.

The circles of the stormy moon
Slide westward toward the River Plate,
Death and the Raven drift above
And Sweeney guards the hornèd gate.

Gloomy Orion and the Dog
Are veiled; and hushed the shrunken seas;
The person in the Spanish cape
Tries to sit on Sweeney’s knees

Slips and pulls the table cloth
Overturns a coffee-cup,
Reorganised upon the floor
She yawns and draws a stocking up;

The silent man in mocha brown
Sprawls at the window-sill and gapes;
The waiter brings in oranges
Bananas figs and hothouse grapes;

The silent vertebrate in brown
Contracts and concentrates, withdraws;
Rachel née Rabinovitch
Tears at the grapes with murderous paws;

She and the lady in the cape
Are suspect, thought to be in league;
Therefore the man with heavy eyes
Declines the gambit, shows fatigue,

Leaves the room and reappears
Outside the window, leaning in,
Branches of wistaria
Circumscribe a golden grin;

The host with someone indistinct
Converses at the door apart,
The nightingales are singing near
The Convent of the Sacred Heart,

And sang within the bloody wood
When Agamemnon cried aloud
And let their liquid siftings fall
To stain the stiff dishonoured shroud.

(1918/19)

Die Zeichen

Alfred Lichtenstein

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)

Die Zeichen

Die Stunde rückt vor.
Der Maulwurf zieht um.
Der Mond tritt wütend hervor.
Das Meer stürzt um.

Das Kind wird Greis.
Die Tiere beten und flehen.
Den Bäumen ist der Boden unter den Füßen zu heiß.
Der Verstand bleibt stehen.

Die Straße stirbt ab.
Die stinkende Sonne sticht.
Die Luft wird knapp.
Das Herz zerbricht.

Der Hund hält erschrocken den Mund.
Der Himmel liegt auf der falschen Seite.
Den Sternen wird das Treiben zu bunt.
Die Droschken suchen das Weite.

Aus: Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Hrsg. Klaus Kanzog u. Hartmut Vollmer. Zürich: Arche, 1989, S. 85

Jandl geht immer

Ernst Jandl

dieses gedicht

es ist noch nicht gut
und du mußt daran noch arbeiten
aber es stürzt nicht die welt ein
wenn du es dabei beläßt
es stürzt nicht einmal das haus ein

Aus: Ernst Jandl, idyllen. gedichte. Hamburg, Zürich: Luchterhand 1992, S. 22

er august stramm

Ernst Jandl

(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)

august stramm

er august stramm
sehr verkürzt hat
das deutsche gedicht

ihn august stramm
verkürzt hat
der erste weltkrieg

wir haben da
etwas länger gehabt
um geschwätzig zu sein

Aus: Ernst Jandl, idyllen. gedichte. Hamburg-Zürich: Luchterhand, 1992, S. 9

Schöne Kleinheit

Barthold Hinrich Brockes

(* 22. September 1680 in Hamburg; † 16. Januar 1747 ebenda)

Brockes ist unter den deutschen Dichtern der erste Naturbeobachter und -erforscher. Mit durch wissenschaftliche Erkenntnis geleiteten wachen Augen beobachter er große und kleine Naturphänomene.. Hier ein Wassertröpfchen oder vielmehr die Lichterscheinung, die ein Sonnenstrahl im Prisma des Tröpfchens in einem dunklen Zimmer macht.

Ein klares Tröpfgen

Jüngst sah ich, daß an meinem Fenster ein kleines klares Tröpfgen hieng,
Das von dem hellen Sonnen-Strahle solch einen hellen Glantz empfing,
Daß es mich reitzt’, es zu betrachten; daher ich ihm denn näher ging;
Ich fand, daß es im Zimmer war, und daß durch eines Fensters Ritzen
Der Strahl so auf- als durch ihn fiel, daher ein kleines helles Blitzen,
So man in freyer Luft nicht sieht, im duncklen Zimmer hell und klar,
Und, in viel Millionen Strahlen ein Sonnen-Bild, zu sehen war.
Ein recht Geweb’ aus lauter Strahlen, die alle wunderwürdig klein
Und die nur durch den duncklen Grund, als eine Fulge*, sichtbar seyn,
Umgaben es von allen Seiten, nichts rein- und kleiners, nichts so schön,
Nichts bunt- und hellers, nichts so zart- und nettes kann das Auge sehn.
Die schöne Kleinheit drang durchs Auge selbst in den Sitz der Seelen ein;
Ich dachte wie entsetzlich klein ist dieses Sonnen-Bildchen nicht
Im Gegenhalt mit seinem Urbild, dem unermesslich grossen Licht,
Das hundert tausendmahl an Größe den Erd-Kreis selber übersteiget!
Wann aber dieses Ueberlegen mir im Geschöpf den Schöpfer zeiget;
So deucht mich, daß mir gegen ihn die grosse Sonne so verkleint,
Als dieses Sonnen-Bild im Tröpfgen, ja noch unendlich kleiner, scheint.

In: Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott. Naturlyrik und Lehrdichtung. Ausgew. Hans-Georg Kemper. Stuttgart: Reclam, 1999, S. 26f

  • Fulge: „Unterlage einer Sache, damit diese in Wert und Glanz erst recht hervortritt“ (Grimmsches Wörterbuch)

Denn er wußte nicht, daß Begehren eine Frage ist

Luis Cernuda

(* 21. September 1902 in Sevilla; † 5. November 1963 in Mexiko-City)

Er sprach kein Wort

Sprach kein Wort,
Näherte nur einen fragenden Leib,
Denn er wußte nicht, daß Begehren eine Frage ist,
Auf die es keine Antwort gibt,
Ein Blatt, dessen Zweig es nicht gibt,
Eine Welt, deren Himmel es nicht gibt.

Die Angst bahnt sich zwischen den Knochen einen Weg,
Steigt durch die Adern auf,
Bis auf der Haut sie sich öffnet,
Fontänen aus Traum,
Fleischgewordene, den Wolken zugewandte Frage.

Ein leichtes Streifen beim Vorbeigehn,
Ein flüchtiger Blick inmitten der Schatten
Genügen, und es halbiert sich der Leib,
Begierig, in sich einen anderen Leib
Aufzunehmen, der da träumt,
Hälfte und Hälfte, Traum und Traum, Fleisch und Fleisch,
Gleich an Gestalt, gleich an Liebe, gleich an Ersehnen.

Obwohl es auch nur eine Hoffnung ist,
Denn das Begehren ist eine Frage, auf die keiner eine Antwort weiß.

Deutsch von Erich Arendt

Aus: Luis Cernuda: Das Wirkliche und das Verlangen. Gedichte spanisch/deutsch. Leipzig: Reclam, 1978, S. 59

No decía palabras

No decía palabras,
Acercaba tan sólo un cuerpo interrogante,
Porque ignoraba que el deseo es una pregunta
Cuya respuesta no existe,
Una hoja cuya rama no existe,
Un mundo cuyo cielo no existe.

La angustia se abre paso entre los huesos,
Remonta por las venas
Hasta abrirse en la piel,
Surtidores de sueño
Hechos carne en interrogación vuelta a las nubes.

Un roce al paso.
Una mirada fugaz entre las sombras,
Bastan para que el cuerpo se abra en dos,
Ávido de recibir en sí mismo
Otro cuerpo que sueñe;
Mitad y mitad, sueño y sueño, carne y carne
Iguales en figura, iguales en amor, iguales en deseo.

Aunque sólo sea una esperanza.
Porque el deseo es una pregunta cuya respuesta nadie sabe.

Ebd. S. 58

Du August Stramm

Kurt Heynicke

(* 20. September 1891 in Liegnitz; † 18. März 1985 in Merzhausen)

August Stramm

Du bist von den Bergen
aus den Steinen
und dem Feuer.
Blinde
werfen Dämme
sonnengegen.
Bald
wühlt die Glut
auf flache Schollen.
Dann brennen Menschen:
Du!

Aus: Kurt Heynicke: Rings fallen Sterne. Gedichte. Berlin: Der Sturm, 1917, S. 32

Tag, der den Sommer endet

Gottfried Benn

(* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin)

Tag, der den Sommer endet,
Herz, dem das Zeichen fiel:
die Flammen sind versendet,
die Fluten und das Spiel.

Die Bilder werden blasser,
entrücken sich der Zeit,
wohl spiegelt sie noch ein Wasser,
doch auch dies Wasser ist weit.

Du hast eine Schlacht erfahren,
trägst noch ihr Stürmen, ihr Fliehn,
indessen die Schwärme, die Scharen,
die Heere weiterziehn.

Rosen- und Waffenspanner,
Pfeile und Flammen weit –;
die Zeichen sinken, die Banner –;
Unwiderbringlichkeit.

Aus: Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1982, S. 263. Entstanden 6.8.1935. Erstdruck 1936

Dein Liebesfeuer

Manchmal ist eine Übersetzung treuer, weil freier. Oder nur frei möglich? Wie hier bei Eduard Mörike:

Jesu benigne!
A cujus igne
Opto flagrare
Et te amare:
Cur non flagravi?
Cur non amavi
Te, Jesu Christe?
– O frigus triste!*

*) Diese Zeilen finden sich wirklich in einem uralten, wohl längst vergriffenen Andachtsbuch. Sie sind unnachahmlich schön; indessen fügen wir, um einiger Leser willen, diese Übersetzung bei:

Dein Liebesfeuer,
Ach Herr! wie theuer
Wollt‘ ich es hegen,
Wollt‘ ich es pflegen!
Hab’s nicht geheget,
Und nicht gepfleget,
Bin tot im Herzen,
– O Höllenschmerzen!

Sonett

George Bacovia

(* 5.jul./ 17. September 1881 greg. in Bacău; † 22. Mai 1957 in Bukarest)

Sonett

Die Nacht so schwer und feucht, man könnt ertrinken.
Im Nebel – müde, rot, kaum noch ein Blinken.
Trübselig, blakend die Laternen glimmen.
Als ob man sich in ekler Kneipe finde.

In tiefres Schwarz die Vorstadt scheint zu sinken …
Auf Dächer trist sich Regengüsse schwingen –
Und bittren, trocknen Husten hört man klingen
Durch Wände, knarrend einsturzreif im Winde.

Wie Edgar Poe ich nun nach Hause wanke,
Oder wie Paul Verlaine, vom Suff bezwungen.
An nichts verliert sich heut noch mein Gedanke.

Drolligen Schritts bin ich dann eingedrungen
Ins finstre Haus, wenn auch ein wenig schwankend,
Und stürz, stürz wieder, red wirr mit dem Munde.

Deutsch von Roland Erb, aus: George Bacovia, Pfahlbauten. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1985, S. 14

Aus dem Band: Plumb (Blei), 1916

SONET

E-o noapte uda, grea, te-neci afara,
Prin ceaţa- obosite, roşii, fara zare-
Ard, afumate, triste felinare,
Ca intr-o craşma umeda, murdara.

Prin mahalali mai neagra noaptea pare…
Şivoaie-n case triste inundara-
Ş-auzi tuşind o tuse-n sec, amara-
Prin ziduri vechi ce stau in daramare.

Ca Edgar Poe, ma reintorc spre casa,
Ori ca Verlaine, topit de bautura-
Şi-n noaptea asta de nimic nu-mi pasa.

Apoi, cu paşi de-o nostima masura,
Prin intunerec bajbaiesc prin casa,
Şi cad, recad, şi nu mai tac din gura.

Alwine Wuthenow heute vor 200 Jahren geboren

Alwine Wuthenow

(* 16.9.1820 Neuenkirchen bei Greifswald, † 8.1.1908 Greifswald)

Heute ein Gedicht in niederdeutscher (plattdeutscher) Sprache. Die Autorin Alwine Wuthenow nannte sich, vielleicht um die Familie (Ehemann Bürgermeister in Gützkow und Kreisgerichtsrat in Greifswald, Vater Superintendent in Gützkow) nicht zu kompromittieren, als Autorin Annmariek Schulten (Genitiv von Schult oder Schulte). Fritz Reuter hat sie geschätzt und gefördert. Ihr Biograf Gassen schrieb: „Von ihrem 19. Lebensjahr an war sie leidend (schwermütig), wenn auch zeitweise scheinbar geheilt.“

L&Poe heute platt(deutsch), regional, kindlich und fromm. Rohübersetzung unten.

An de Untofreden.

Ji klagt un slagt de Hänn tosam,
Dat Alls juch kümmt vördwas;
Dat nix as Unglück üm juch rum
Un nix juch mihr to Paß!

Hier ist’t nich nog un dor to veel,
To kort hier, dor to lang,
Hier is’t to dick un dor to dünn
Un nix is juch to Dank.

Sünst is dat All vel beter west,
So meint juch kloke Sinn –
Jo, wohrlich, ‚lett, as op leiw Gott
Gor nich mihr husholln künn!

Un wenn ji ‚t doch man weten wullt,
Hei ’s ümmer noch de Oll,
Is ümmer as he ständig dahn,
Bedacht noch up juch Wol.

Is, wat he ümmer wesen deed,
Rath, Helfer, Trost un Fründ
Un is noch Vader jede Stund,
Doch bünt ji uk sin Kind?

He hett sik hollen stets to juch,
Doch hollt ji ok to em?
Ach hürt, ik glöw, dat is dat Flach,
Wo Brun keem in de Klemm.

Hei is noch immer vuller Gnad,
Vull söte Leiw un Huld,
Un wenn kein Stülp nich passen will,
Glöwt mi, de Pott hett Schuld!

Das bedeutet ungefähr (die anderthalb Zeilen, die ich nicht verstanden habe, bleiben im originalen Wortlaut – vielleicht liest jemand mit, der es mir erklärt?):

An die Unzufriedenen.

Ihr klagt und schlagt die Händ‘ zusamm‘,
Dass Alls euch kommt verquer;
Dass nix als Unglück um euch rum
Und nix euch mehr zu Paß!

Hier ist’s nicht genug und da zu viel,
zu kurz hier, da zu lang,
Hier ist’s zu dick und da zu dünn
Und nix ist euch zu Dank.

Sonst ist das Alls viel besser gewest,
So meint eu’r kluger Sinn –
Ja, wahrlich, s’ist, als ob der lieb‘ Gott
Gar nicht mehr haushalten könnt!

Und wenn ihr’s doch mal wissen wollt,
er ’s immer noch der Oll,
Ist immer wie er stets getan,
Bedacht auf Euer Wohl.

Ist, was er immer gewesen ist,
Rat, Helfer, Trost und Freund
Und ist noch Vater jede Stund,
Doch seid ihr auch sein Kind?

Er hat gehalten stets zu euch,
Doch halt’t ihr auch zu ihm?
Ach hört, ich glaub, dat is dat Flach,
Wo Brun keem in de Klemm.

Er ist noch immer voller Gnad,
Voll süßer Lieb und Huld,
Und wenn kein Deckel passen will,
Glaubt mir, der Topf hat Schuld!

Quelle des Originaltexts: Nige Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren [Neue Blumen aus Annmariek Schulten ihrem Garten] von A. W. Greifswald und Leipzig: Koch / Kunike, 1861, S. 63f

Das Grab des Ehepaars Wuthenow auf dem Neuen Friedhof in Greifswald. (Foto Gratz)

Beim ersten Kennenlernen

Baldur Óskarsson

(* 28. März 1932 in Hafnarfjörður, † 14. April 2013)

An einen alten Freund

Beim ersten Kennenlernen ist ein Gedichtband
                     eine Stadt gesehen vom Meer
Du segelst die Küste entlang
Straßen öffnen sich und Sunde
und wahrscheinlich ist es schon Zeit
einen Hafen aufzusuchen

Du betrittst die Anlegebrücke
Gesichter begegnen dir
- Gesichter Gesichter Gesichter -

Du begegnest dem Blick

Lichter flammen auf

Wahrscheinlich empfängt dich die Stadt mit offenen Armen

Aus dem Isländischen von Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Aus: Wolfgang Schiffer (Hrsg.): Am Meer und anderswo. Isländische Autoren in deutscher Übersetzung. Lyrik und Kurzprosa. Silver Horse Edition, 2015, S. 68

Dante über Experimente

Drei Zeilen von Dante

(der am 13. oder 14. September 1321 gestorben ist)

Aus: Paradiso, Canto II, V. 94-96

Da questa instanza può deliberarti
esperïenza, se già mai la provi,
ch’esser suol fonte ai rivi di vostr‘ arti.

Experimente sind die sichren Proben,
Ob unser Geist die Wahrheit recht erkennt.

Des Irrtums Schemen sind verstoben,
Wenn wir zur Antwort zwingen die Natur:
Sie spricht, und unsre Zweifel sind gehoben.

Dantes heilige Reise. Freie Nachdichtung der Divina Commedia von J. Kohler. Paradiso. Berlin, Köln, Leipzig: Albert Ahn, 1903, S. 11

Von diesem einwurf kann erfahrung dich befreien, wenn du sie je erprobst, sie ist die quelle, der die bäche eurer wissenschaft entströmen.

Die Divina Commedia. In deutsche Prosa übersetzt und erläutert von Georg Peter Landmann. Würzburg: Königshausen & Neumenn, 2. Aufl. 1998, S. 227

Da kann dich frei von solchen nöten sprechen
expêrimentum, denn es hat die pflichte
ursprungs von all eur weisheit wasserbächen.

Dante Deutsch von Rudolf Borchardt. Verlag der Bremer Presse, München; Rowohl Berlin, 1930, S. 423

Erfahrung, hast du Lust sie anzustellen,
Macht dich gar bald von diesem Einwand frei,
Sie, der ja eures Wissens Ström‘ entquellen.

Die Göttliche Komödie. In der Übersetzung von Karl Bartsch. Wiesbaden: Marix, 2010, S. 323

von diesem Einwurf kann, willst du sie machen,
Erfahrung dich befreien, die die Quelle
von allen Bächen eurer Kunst zu sein pflegt.

Die Göttliche Komödie. Übertragen von Karl Witte, durchgesehen von Berthold Wiese. Mit den Zeichnungen von Botticelli. Leipzig: Reclam, 1965, S. 281

‚From this objection, an experiment —
should you ever try it — may set you free, experiment,
the source that feeds the streams of all your arts.

Princeton Dante Project https://dante.princeton.edu/pdp/

Aus der Ausgabe Leipzig 1965