Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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231 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 12. Oktober 1896 in Genua; † 12. September 1981 in Mailand)
Die Götterdämmerung, so steht zu lesen, beginne bald. Das ist ein Irrtum. Die Anfänge sind immer unkenntlich; wenn etwas gesichert erscheint, ist es schon von der Nadel durchbohrt. Die Dämmerung wurde geboren, als der Mensch sich für würdiger hielt als den Maulwurf, die Grille. Die Hölle, die sich wiederholt, ist eine knappe Vorprobe für die Uraufführung, die seit langem verschoben wird, weil der Regisseur beschäftigt oder krank oder wer weiß wo untergeschlupft ist, und keiner kann ihn ersetzen. 1968
Aus: Eugenio Montale, Satura – Diario. Gedichte aus den späten Zyklen. Italienisch-Deutsch. Übertragung und Nachwort von Michael Marschall von Bieberstein. München, Zürich: Piper, 1988 (Neuausgabe 1988, 2. Aufl., 3.-6. Tsd.), S. 61
(*) Das italienische Original trägt den deutschen Titel (während im Text das italienische crepuscolo degli Dei benutzt wird).
Si legge che il crepuscolo degli Dei stia per incominciare. E un errore. Gli inizi sono sempre inconoscibili, se si accerta un qualcosa, quello è già trafitto dallo spillo. Il crepuscolo è nato quando l'uomo si è creduto più degno di una talpa o di un grillo. L'inferno che si ripete è appena l'anteprova di una »prima assoluta« da tempo rimandata perché il regista è occupato, è malato, imbucato chissà dove e nessuno può sostituirlo.
1968
Der italienische Schriftsteller erhielt 1975 den Nobelpreis für Literatur.
52 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Zahniger Zorn, ich zätsche, zundere, zaibe. Es ännt hinterm Hirn, es gegittert. E-e-g! E-e-g! Ich haare, ich härsche. Oötschst. Heringst.
Aus: Ah, ein Herz, verstehe. Gedichte von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren. Herausgegeben von Jakob Leiner. Berlin: Quintus, 2025 (2. Aufl.), S. 192
251 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)
Der Zug hielt eine Weile in den Weichen. Von einem Tone ward das Ohr gefangen. Von eines alten Hauses Mauern klangen Drei Geigen schüchtern auf mit dünnem Streichen. Drei Männer spielten in dem Hofe leise, Von Regen waren naß die Pelerinen. Der Blinden Schirm trug einer unter ihnen. Die Kinder standen um sie her im Kreise. Indes am niedren Bodenfenster oben Ein alter Mann sah auf zum Wolkenfalle Die stürmend sich am grauen Himmel schoben. Der Zug fuhr an. Wir brausten in die Halle Des Bahnhofs ein, die voll war von dem Toben Des Weltstadtabends, Lärm und Menschenschwalle.
Aus: Georg Heym, Das Werk. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, o. J. (Verbesserte Lizenzausgabe mit Genehmigung des Melzer Verlags, 2005), S. 735f (Abschnitt: Gedichte aus den Jahren 1910 bis 1912)

302 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
(* 18. Mai 1915 in Koch’ang, Chŏllabuk-do, Korea, damals im Japanischen Reich; heute Südkorea; † 24. Dezember 2000)
Es war die Nacht des Hochzeitstages. Die Braut saß noch in grüner Jacke und scharlachrotem Rock, die untere Haarpartie erst gelöst, mit dem Bräutigam beisammen, als dieser einen plötzlichen Harndrang verspürte und eilig aufstand, beim hastigen Hinausgehen aber mit dem Ärmel am Türknopf sich verfing. Dies jedoch hielt der Bräutigam, auch in Gedanken allzu eilig, für seine Braut, die in liederlicher Begier die Zeit nicht erwarten könne und ihn von hinten ergreife; und ohne sich umzusehen ging er fort, den Ärmel am Türknopf zerreißend. Sein Wasser ließ er und machte sich davon.
Vierzig oder fünfzig Jahre später kam er in irgendeinem Geschäft, ohne dies beabsichtigt zu haben, wieder am Haus der Braut vorbei; und, von einer plötzlichen Ungewißheit erfaßt, öffnete er die Tür zu ihrem Zimmer und sah hinein.
Da saß die Braut, den unteren Haarteil erst gelöst, wie in der Brautnacht in grüner Jacke und scharlachrotem Rock völlig unverändert da. Von Mitleid beschlichen ging er zu ihr und berührte sie an den Schultern – da fiel sie in einem zu beißender Asche zusammen. Zu grüner und scharlachroter Asche fiel sie zusammen.
Aus: Wind und Gras. Moderne koreanische Lyrik. Herausgegeben und aus dem Koreanischen übersetzt von Marion Eggert. München: dtv, 2005 (überarbeitete und erweiterte Neuausgabe), S. 63
Sŏ Chŏng-ju war einer der einflußreichsten Lyriker Südkoreas. Er debütierte 1936 mit dem Gedicht Die Wand, das für einen Literaturwettbewerb ausgewählt wurde. Zusammen mit Kim Tong-ni und Ham Hyŏng-su gründete er eine Literaturzeitschrift und begann so seine literarische Karriere. Nach der Befreiung 1945 war er aktiv an der Gründung der Assoziation der literarischen Jugend Koreas beteiligt und 1949 eines der Gründungsmitglieder der Koreanischen Schriftstellervereinigung. Mehrmals wurde er für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen.
Ob Nichts aus Nichts mehr als ein Nichts weil nichts nur Nichts wir kein Schatten-Nichts? Oder ist Nichts vom Ursprung des Nichtnichts flüchtiges Nichts nicht mehr als ein Nichts Überfluss-Nichts?
Aus: Irmgard Senf, Ungleiche Linien. Mit Siebdrucken von Helmut Senf. Druckhof Gampe, Bergen auf Rügen, 2004, S. 4

372 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Ein Gedicht aus dem Jahr 1983 über eine Bootsfahrt mit tödlichem Ende. Es liegt am Nebel, sagt das Gedicht. Erst die letzten zwei Wörter korrigieren das Bild. Der Freund, „entwichen“, „entschlafen“, treibt tot nach Norden. Wer in den DDR-Jahren an der Ostsee stand, hatte an jedem Punkt zwei Boote des Grenzschutzes im Blickfeld. Der hatte weniger die Grenzen vor Eindringlingen zu schützen als vielmehr Fluchten der eigenen Bürger zu verhindern. Im Nebel hättest du entkommen können…
Noch im Entweichen Entschlafen Den Keilflug der Gänse Treibst du zwischen die Jahres-Zeiten Gen Norden! Mein Freund, dass du gestorben bist Liegt am Nebel Der fehlte
Aus: Martin Bernhardt, Das Maß allen Lebens ist die Axt sagt der Baum (Gedichte). Herausgegeben von Olaf Bernhardt. Berlin: Verlag Lutz Wohlrab, 2010, S. 29.
https://www.wohlrab-verlag.de/buecher_bernhardt.php.
Martin Bernhardt wurde am 22. Januar 1961 in Greifswald geboren und studierte dort ab 1980 Medizin. Er engagierte sich in der Studentengemeinde, fotografierte und schrieb Gedichte. Das hatte zur Folge, dass die Staatssicherheit auf ihn aufmerksam wurde. 1985 hatten Dietrich Buhrow und Lutz Wohlrab begonnen, ein Buch mit seinen Gedichten im Linoldruckverfahren herzustellen. Auf der Buchpremiere des zuvor von ihnen gedruckten Buches »FHUNDE und Gedichte von Fukarek» kam es zur Verbrennung einer DDR-Fahne. Martin Bernhardt und Dietrich Buhrow wurden von einer Inoffiziellen Mitarbeiterin der Stasi verraten und wegen »Missachtung staatlicher Symbole« zu einer Haftstrafe von fünf Monaten verurteilt. Anschließend wurde Martin Bernhardt für drei Jahre vom Studium ausgeschlossen. Nach seiner Bewährung als Hilfskrankenpfleger wurde er Facharzt für Neurologie/Psychiatrie und arbeitete zuletzt als Oberarzt am Fachkrankenhaus für Forensische Psychiatrie in Ueckermünde. Am 24. Oktober 2000 nahm er sich das Leben.
Wer in oder um Greifswald ist, kann am kommenden Freitag um 19 Uhr im Falladahaus Filme von Martin Bernhardt (mit Oskar Manigk und Lutz Wohlrab) aus den 1980er Jahren sehen. Zugleich besteht die Möglichkeit, dort eine Ausstellung mit Malerei von Lutz Wohlrab und Dokumenten aus der Szene junger Künstler zu sehen, die ihre Kunst machen wollten und vom Staat misstrauisch beobachtet und verfolgt wurden. Und am 2. Oktober geht es um eine weitere Facette ihrer künstlerischen Arbeit – zur Finissage seiner Ausstellung stellt Lutz Wohlrab die Mail Art-Szene der DDR vor.
Falladahaus, Steinstraße 59, Greifswald. Geöffnet zum Besuch der Ausstellung dienstags 15-17 Uhr.


61 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 15. April 1878 in Biel, Kanton Bern; † 25. Dezember 1956 nahe Herisau, Kanton Appenzell Ausserrhoden)
Nun wieder müde Hände,
nun wieder müde Beine,
ein Dunkel ohne Ende,
ich lache, daß die Wände
sich drehen, doch dies Eine
ist Lüge, denn ich weine.
Aus: Robert Walser, Die Gedichte. Zürich und Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1986, S. 28 – Erstdruck in: Wiener Rundschau, Jg. 3, H. 18, August 1899, S. 423.
332 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Ein Körper.
Und ein anderer Körper.
Dazwischen ein Kloß im Hals.
Sie bewegte sich lässig durch die Menge
wie Feuer. Ganze Himmel
hungerten auf meiner Haut.
Ich versuche es zu erklären.
Manchmal musst du lügen, um die Wahrheit
zu sagen, das hat mich die Poesie gelehrt.
Also sage ich:
Manchmal ist ein Beben
bloß eine neue Lachfalte
im Antlitz der Erde.
Manchmal findest du statt der Schlüssel in der Tasche
einen Haufen Planeten, einen Wald, eine Kluft,
sieben Flüsse, zum Strauß gebunden.
Eine Furche der Morgendämmerung. Lieben,
das nie kommt wie die Nacht,
dazu fehlt ihm die Geduld.
Ich beginne noch einmal von vorn.
Körper. Der eine,
der andere. Finger, die über die Haut
kullern wie der September. Später
das Zimmer satt vom Licht.
Später drehst du dich in der Tür um, Mama,
und fragst mich, ob ich eine von denen bin.
Wörter, das hat mich die Poesie gelehrt,
müssen wie Zähne sein,
müssen sein, was sie sind.
Winzige Klingen.
Mit einem Herz in der Mitte,
das pocht
und pocht.
Aus Selma Asotić: Sag Feuer. Gedichte. Bosnisch und Deutsch. Aus dem Bosnischen von Marie Alpermann und Rebekka Zeinzinger. Berlin: Suhrkamp, 2025, S. 17/19
Bilo je tijelo.
I drugo tijelo.
Između njih kost u grlu.
Kretala se kroz gomilu nonšalantno
kao vatra. Čitava neba
gladovala su na mojoj koži.
Pokušavam objasniti.
Nekad je potrebno slagati da bi se rekla
istina, naučila me poezija.
Reći ću:
nekad je zemljotres
samo nova linija osmijeha
na licu tla.
Nekad umjesto ključeva u džepu nađeš
okot planeta, šumu, guduru,
sedam rijeka svezanih u buket.
Brazdu svitanja. Voljenje
koje stiže nikad poput noći
jer nema takvog strpljenja.
Počet ću ponovo.
Tijelo. Jedno,
pa drugo. Prsti koji se kotrljaju
niz kožu kao septembar. Poslije,
soba presita od svjetlosti.
Poslije, okrećeš se na vratima, mama,
i pitaš jesam li jedna od njih.
Riječi, naučila me poezija,
trebaju biti kao zubi,
trebaju biti to što jesu.
Majušna sječiva.
Sa srcem u središtu,
koje pulsira,
i pulsira.
Ebd. S. 16/18
127 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
sie sind genauer.
(H. M. Enzensberger)
×—⏑—×—⏑⏑—⏑×
×—⏑—×—⏑⏑—⏑×
×—⏑—×—⏑—×
—⏑⏑—⏑⏑—⏑—×
O Enzensberger, der du uns damals auf-
fordertest, keine Oden zu lesen, nur
Fahrpläne, die genauer seien:
Zeit wärs, dein Urteil zu revidieren!
Fahrpläne werden nämlich jetzt nur noch ge-
schätzt, nicht berechnet. Fernverkehrsseitig sind
dank der maroden Stellwerkslandschaft
höchstens zwei Drittel der Züge pünktlich.
Schadhafte Gleise, Langsamfahrstrecken, aus-
bleibende Notsanierungen ... Falls dir Ge-
nauigkeit noch so viel bedeutet,
reis mit der Ode – sie fährt planmäßig.
sehr frei nach Hans Magnus Enzensberger:
Ins Lesebuch für die Oberstufe (1957)
Aus: Richard Dove, Abgesang auf den menschlichen Wahn. Unsinngedichte. Mit Nachbemerkungen von Pia-Elisabeth Leuschner und Jean Boase-Beier. Aachen: Rimbaud, 2026, S. 45
565 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.
Beim Suchen nach einem Gedicht für heute blättere ich in einer Anthologie aus dem DDR-„Verlag für die Frau“ von 1977. Ich stoße auf ein Gedicht von „Kjö Säng“. Quellenangaben fehlen, im Literaturverzeichnis steht nur: Korea, 18. Jahrhundert. Nur noch der Name des Nachdichters: Ernst Schwarz. Der hat 1973 im ostdeutschen Kiepenheuer Verlag (Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar) eine Sammlung koreanischer Lyrik herausgegeben, genauer gesagt „sino-koreanischer“, also in chinesischer Sprache. In dieser findet sich das Gedicht, aber ebenfalls ohne nähere Angaben. Da steht nur „Lebensdaten unbekannt“ und es ist chronologisch im 18. Jahrhundert eingeordnet. Dank KI-Suche kann ich die Quelle und den Originaltext finden – mit einer kleinen Überraschung.
Das Gedicht ist eindeutig identifizierbar. Der koreanische Titel lautet 贈醉客 (증취객, Jeung chwigaek), etwa „Dem betrunkenen Gast gewidmet“. Genaueres zum Text weiter unten.
Die wirkliche Autorin: Yi Mae-chang (이매창, 李梅窓, 1573–1610) war eine der bekanntesten koreanischen Dichterinnen der Joseon-Zeit. Sie war eine Gisaeng in Buan (부안) und ist auch unter den Namen Gyesaeng / Kyesaeng (계생, 桂生) und Gyerang (桂娘) überliefert. Eine koreanische wissenschaftliche Untersuchung führt sie als 桂生, „Gisaeng aus Buan“, auf und nennt unter ihren Werken ausdrücklich 贈醉客. Kjö Säng ist also offensichtlich eine ältere Umschrift von 계생 / 桂生, heute gewöhnlich Gyesaeng (älter auch Kyesaeng) – also ein anderer Name derselben Dichterin Yi Mae-chang, und demnach weder aus dem 18. Jahrhundert noch mit unbekannten Lebensdaten.
Hier zunächst der deutsche Text von Ernst Schwarz.
Dem trunkenen Freund
Daß du mich so am Kleide reißt,
so ungestüm und heftig bist,
macht mich nur froh, daß du es weißt.
Auch wenn mein Kleid zerrissen ist,
verzeih ich gerne dir – das heißt,
solange du mich nicht vergißt.
Aus: Lob des Steinquells. Koreanische Lyrik. Aus dem sino-koreanischen übertragen, nachgedichtet und herausgegeben von Ernst Schwarz. Weimar: Kiepenheuer, 1973 (Kiepenheuer Bücherei), S. 131 (Es gibt auch eine textgleiche Ausgabe in der Insel-Bücherei von Insel Leipzig 1988).
KI schreibt:
Die Identifizierung beruht nicht bloß auf Namensähnlichkeit. Das Motiv ist Wort für Wort dasselbe. Eine moderne koreanische Wiedergabe erläutert:
醉客執羅衫 – Der Betrunkene greift nach meinem Seidenkleid.
羅衫隨手裂 – Das Seidenkleid zerreißt unter seiner Hand.
不惜一羅衫 – Um dieses eine Seidenkleid ist es mir nicht leid.
但恐恩情絶 – Ich fürchte nur, dass unsere Zuneigung zerreißt/endet.
Schwarz macht daraus ein gereimtes deutsches Gedicht und interpretiert die letzte Zeile relativ frei als „solange du mich nicht vergißt“. 恩情絶 bedeutet genauer das Abbrechen/Erlöschen der Zuneigung bzw. Liebesbeziehung.
Wie man auch ohne Kenntnis des Chinesischen sieht, besteht jeder Vers aus 5 Wörtern.
Ich lasse mir noch die Aussprache und die semantische Struktur erläutern. KI, mein Lyrik-Tool.
Das Gedicht ist zwar mit chinesischen Schriftzeichen geschrieben (klassisches Chinesisch, hanmun), wurde von einer Koreanerin aber koreanisch gelesen. Deshalb hier nur die koreanische Transkription.
Jeung chwigaek
Chwigaek jip nasam,
nasam su-su ryeol.
Bulseok il nasam,
dan-gong eunjeong jeol.
Die koreanische Aussprache ist hier die eigentlich relevante, wenn man sich dem Klang annähern möchte, den das Gedicht in Korea gehabt haben könnte. Allerdings ist auch sie nur eine moderne koreanische Lesung der Hanja; wie Yi Mae-chang die Wörter um 1600 ausgesprochen hätte, klang teilweise anders.
Sehr schön ist im Original die Wiederholung von 羅衫 nasam, „Seidengewand“:
Betrunkener Gast – ergreift – Seidengewand
Seidengewand – der Hand folgend – zerreißt
nicht bedauern – ein – Seidengewand
nur fürchten – Zuneigung/Liebe – zerreißt
Damit wird auch die Pointe deutlicher als bei Schwarz: 裂 / 絶 – „zerreißen“ / „abreißen, enden“. Das Kleid darf zerreißen; nur die Liebesbindung soll nicht zerreißen.
(Wow – diese Fassung ist ja stärker als die Nachdichtung!)
300 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Gestern vor 101 Jahren ist der Dichter August Stramm irgendwo an der Ostfront, im heutigen Belarus, gefallen. Vorige Woche hatten wir sein Grab auf dem Friedhof Stahnsdorf gefunden. Vernachlässigt, aber imposanter Grabstein, hatte uns die Friedhofsverwaltung geschrieben.
Der Friedhof war als wunderschöner Parkfriedhof angelegt, mehrere Berliner Stadtbezirke brauchten Begräbnisplatz. Namen von Grabfeldern zeugen davon, Charlottenburg, Schöneberg, Grunewald, Lietzensee. Es gab eigens eine S-Bahn-Linie, Bahnhof vorm Friedhofseingang. Dann griffen die Zeitläufte ein. Zunächst mit Umbettungen – den Vorarbeiten zu Hitlers Welthauptstadt Germania fielen mehrere Berliner Friedhöfe zum Opfer. Nach dem Krieg lag der Friedhof südlich von Westberlin, nach dem Mauerbau erlosch der Verkehr ganz, es gab keine Bahn von Wannsee mehr, der Bahnhof wurde abgerissen.
Effi Briest liegt dort – also das reale Vorbild für Fontanes Figur, eine Baronin von Ardenne. Fontane junior auch, Heinrich Zille, Lovis Corinth, Friedrich Wilhelm Murnau und viele andere. In neuerer Zeit scheint es wieder „Zuzug“ zu geben, Manfred Krug ist dort begraben, Dieter Thomas Heck, ein Herr aus dem Rheinland fragte uns nach Ingrid Steeger, zufällig konnten wir ihm helfen, weil wir bei der Suche nach Oskar Kanehl gerade bei ihr vorbeigekommen waren. Kanehl haben wir nicht gefunden, obwohl wir die Grabnummer wussten. Der riesige Friedhof ist in vielen Abschnitten unsaniert, die alten Nummerierungen verwittert oder verschwunden.
Aber wir waren bei Stramm. Antizyklisch stelle ich ein Liebesgedicht dahinein.
(* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 bei Horodec östlich Kobryn, heute Belarus)
Durch schmiege Nacht Schweigt unser Schritt dahin Die Hände bangen blaß um krampfes Grauen Der Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt In Schatten Uns! Hoch flimmt der Stern Die Pappel hängt herauf Und Hebt die Erde nach Die schlafe Erde armt den nackten Himmel Du schaust und schauerst Deine Lippen dünsten Der Himmel küßt Und Uns gebärt der Kuß!
Aus: August Stramm: Das Werk. Wiesbaden 1963, S. 40f.

131 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 4. März 1938 in Schleife/Slepo, Kreis Rothenburg (Ob. Laus.); † 24. September 2017 in Bautzen/Budyšin)
Wenn man so aussähe wie was man den ganzen Tag treibt müsste ich heut wie ein Gedicht aussehen Ja aber wie sieht ein Gedicht aus Und wie siehst denn du wieder aus was hast du bloß den ganzen Tag getrieben Man sollte lieber ein Gedicht schreiben wenn man so aussieht wie du Ach und wie sieht denn dieses Gedicht aus das sieht dir wieder mal ähnlich ist ja kein Wunder wenn man es den ganzen Tag so wie du treibt Wie es aussieht wirst du nie wieder ein Gedicht schreiben obwohl man sich fragt was du sonst den ganzen Tag treiben solltest
Aus: Kito Lorenc, Gedichte. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Peter Handke. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 58
605 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.
Zumindest in seinem Geburtsland Haiti und in Frankreich wurde der 100. Geburtstag des großen Dichters René Depestre groß gefeiert. Nicht erst am eigentlichen Geburtstag, dem 29. August, sondern ein ganzes Jahr lang – mit Veranstaltungen in Haiti (das ihm ein nationales René-Depestre-Jahr widmete) und Frankreich, unter anderem in der Bibliothèque nationale de France, mit internationalen Kolloquien und Lesungen. Dann stellte sich heraus: Das Jubiläum kam zwei Jahre zu spät.
Depestre, dessen Geburtsjahr in allen Nachschlagewerken bis heute mit 1926 angegeben wird, wurde tatsächlich am 29. August 1924 in Jacmel auf Haiti geboren. Recherchen in haitianischen Personenstandsakten bestätigten, was der Dichter selbst erklärt hatte: Eine Verwechslung hatte ihm zwei Lebensjahre genommen. Am 29. August 2026 feierte er daher nicht seinen 100., sondern bereits seinen 102. Geburtstag.
Depestre lebt seit rund vierzig Jahren im südfranzösischen Lézignan-Corbières. Dort wurde er an seinem 102. Geburtstag mit der Ehrenmedaille der Stadt ausgezeichnet. Der weiterhin literarisch aktive Dichter bezeichnete die kleine Geburtstagsgesellschaft als einen „Leuchtturm in der Nacht seiner 102 Jahre“.
Hier sieht man ihn auf einem Foto vor der Geburtstagstorte mit der „102“ darauf.
René Depestre gehört zu den bedeutendsten Stimmen der haitianischen und frankophonen Literatur. Sein von Revolution, Exil, Haiti, Erotik und einer Poetik des „réel merveilleux“ geprägtes Werk begleitet inzwischen mehr als acht Jahrzehnte Literaturgeschichte. Noch 2026 erhielt er den Prix Goncourt de la poésie.
Zu seinem 102. Geburtstag heute ein Gedicht aus der Jugend des Dichters.
(* 29. August 1924 in Jacmel, Haiti)
Für Gérard Chenet
Ich hier Bürger der Antillen zitternde Seele ich trachte die neuen Bastillen zu erstürmen. Ich bringe auf sonnendurchglühten Äckern die Ernte von Menschlichkeit ein ich frag das Vergangene entstelle was gegenwärtig bekränze was sein wird Sonne atmet mein ganzes Sein! Ich hier des fernen Afrikas Sohn Vorreiter verrückter Ideen. Das Licht suche ich und die Wahrheit suche ich und voll Liebe für meines Vaterlands Seele. Ich hier Schwarzer voll riesigen Hoffens mein Leben werf ich ins kosmische Wagnis des Dichtens alle Vulkane entfacht hab ich auf daß die neue Erde meines Denkens entzündet und gestürzt hab ich mit prachtvollem Putsch alle die nebelhaften Lehren der Kindheit. Ich hier Arbeiter ich spüre den Atem der Tollheit grollen in mir und ich fühle erzittern die Wut des Betrogenen und aller farbigen Menschheit Blut bringt meine dunklen Adern zum Platzen alle Rassen verschmolzen das hab ich in meinem lodernden Herzen. Ich hier Dichter Jüngling folg ich dem machtvollen Traum von Liebe und Freiheit.
Deutsch von Rainer Arnold aus: René Depestre, Aus dem Tagebuch eines Meerestieres. Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Fritz Rudolf Fries. Berlin: Volk und Welt, 1986, S. 9/11. Das Gedicht erschien zuerst in dem Band Étincelles (Funken), 1945.
A Gérard Chenet
Me voici citoyen des Antilles l'âme vibrante je vole à la conquête des bastilles nouvelles Je glane dans les champs ensoleillés des moissons d'humanité j'interroge le passé je mutile le présent j'enguirlande l'avenir tout mon être aspire au soleil! Me voici fils de l'Afrique lointaine partisan des folles équipées. Je cherche la lumière je cherche la vérité je suis amoureux de l'âme de ma patrie. Me voici nègre aux vastes espoirs pour lancer ma vie dans l'aventure cosmique du poème j'ai mobilisé tous les volcans que couvait la terre neuve de ma conscience et j'ai renversé par un pompeux coup d'état toutes les disciplines nuageuses de mon enfance. Me voici prolétaire je sens gronder en moi la respiration des foules je sens vibrer en moi la rage des exploités le sang de toute l'humanité noire fait éclater mes veines bleues j'ai fondu toutes les races dans mon cœur ardent. Me voici poète adolescent poursuivant un rêve immense d'amour et de liberté.
Ebd. S. 8/10
186 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 11. August 1883 in Colmar, Elsass; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien)
Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe dunkel vor dem trüben Licht
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, hostiengleich mir
zugewendet dein Gesicht.
Da du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert
»Ich muß fort« nur an die fernsten Tore meines Traums gereicht –
Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand, wie sie mit leichtem Griff
das weiße Hemd die Brüste niederstreicht...
Die Strümpfe... nun der Rock... Das Haar gerafft... schon bist du fremd,
für Tag und Welt geschmückt...
Ich öffne leis die Türe... küsse dich.... du nickst, schon fern, ein Lebewohl...
und bist entrückt.
Ich höre, schon im Bette wieder, wie dein sachter Schritt im Treppenhaus
verklingt,
Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und Sonne will herein.
Lärmen quillt auf.... Musik der Frühe ... sanft in Morgenträume eingesungen
schlaf ich ein.
Aus: Die schönsten Liebesgedichte aus sieben Jahrhunderten. Hamburg: Xenos, 1993, S. 526
247 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 31. Mai 1819 in West Hills, nahe Huntington auf Long Island; † 26. März 1892 in Camden, New Jersey)
Alles, was du sagst und tust, ist für Amerika verlockende Illusionen,
Du hast nichts von der Natur gelernt – von der Politik der Natur
hast du nichts über Weite, Geradlinigkeit, Unparteilichkeit gelernt,
Du hast nicht gesehen, daß nur solches zum Nutzen der Staaten ist,
Und daß alles, was geringer ist, früher oder später verschwinden
muß aus diesen Staaten.
Aus: Grasblätter, übersetzt von Jürgen Brôcan. München: Hanser, 2009, S. 343
Anm.: AN EINEN PRÄSIDENTEN (Erstveröffentlichung 1860). Adressat ist James Buchanan, Präsident von 1857-1861; Whitman verachtete und beschimpfte ihn wegen seiner toleranten Haltung gegenüber der Sklaverei.
All deine Taten und Worte sind für Amerika schwankende Fata Morgana,
Du hast nicht gelernt von der Natur – von der Weisheit der Natur hast du
nicht gelernt Großzügigkeit, Redlichkeit, Unparteilichkeit,
Du hast nicht gesehen, daß nur solche Gesinnung sich für
unsere Staaten gehört,
Und daß mindere Gesinnung früher oder später aus unserem
Volk sich hinwegheben muß.
Aus: Grashalme. In Auswahl neu übertragen von Elisabeth Serelman-Küchler u. Walther Küchler. Erlangen: Dipax-Verlag, 1947. 1.-5. Tsd., S. 228
ALL you are doing and saying is to America dangled
mirages,
You have not learned of Nature—of the politics of
Nature, you have not learned the great amplitude, rectitude, impartiality,
You have not seen that only such as they are for
These States,
And that what is less than they, must sooner or later
lift off from These States.
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