Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –
*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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216 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Wanda Coleman
(13. November 1946 Los Angeles – 22. November 2013 ebd.)
AMERIKANISCHES SONETT 5
die unechte kette plebejischer ereignisse
ist verrostet, verbeult und verstaubt
(hatdeinemamatanteaufdiepfannkuchendosegehauen?)
und berechnet, wer die meisten morde, die meisten
krebsbedingten todesfälle, die meisten in die anstalt
eingewiesenen männer, die meisten alleinstehenden weiblichen
haushaltsvorstände, die meisten eigentumsdelikte, die meisten
funktionell gestörten menschen, die meisten konsumenten von
dunklem rum für sich beanspruchen kann
die vor allem
mit der perfektionierung von fluchtplänen beschäftigt sind
see you later alligator
after while crocodile
nach dem dinner, spinner
Aus: Wanda Coleman, strände. warum sie mich kaltlassen. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Terrance Hayes. Aus dem Englischen übersetzt von Esther Ghionda-Breger. Augsburg: MaroVerlag, 2021, S. 101
»Vielleicht war sie eine der besten Sonett-Lyrikerinnen Amerikas, aber sie wurde zu Lebzeiten nie als solche bejubelt, weil sie nicht nett war. Für viele war Wanda Coleman zu aufsässig, zu verzweifelt, zu widersprüchlich, zu widerspenstig und zu schwarz.«
The New York Times
Dieser Band versammelt mehr als 120 Gedichte von Wanda Coleman über historische Ereignisse und prägende Alltagserfahrungen, ihre Rolle als Frau und Mutter, als Schwarze und Lyrikerin in einem rassistischen Amerika.
Mit scharfer Zunge prangert sie strukturelle Ungleichheit, Armut und Hass in den USA an.
»Best Poetry of 2020«
The New York Times, The Irish Times, The Washington Post
117 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Emily Artmann
Fuji
nie gesehen
schon gar nicht
erfasst
erhebst du dich
über träume
wirr oder unwirr
du bist die
gerade aufsicht
auf langes stehn
eine wiederholt
aufgegangene sonne
ein wiederholt
scheinender mond
der bedichtet
deine kontur geschärft
von generation
zu generation
Zum Gedenken an die viel zu früh verstorbene Emily Artmann
Aus: manuskripte 252 / 2026, S. 82
EMILY ARTMANN (1975-2026), Diplom an der Filmakademie in Wien. Filmschnitt von zahlreichen Dokumentarfilmen und eigene Filme, u. a. der wackel-atlas – sammeln und jagen mit H. C. Artmann, gemeinsam mit Katharina Copony. Bei Edition Thanhäuser erschienen zwei Gedichtbände, in einem mantel aus fischhaut (2021) und arboretum (2026).

179 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Antonio Machado
(* 26. Juli 1875 in Sevilla, Andalusien; † 22. Februar 1939 in Collioure, Frankreich)
Kleiner Spanier
Es gibt jetzt einen Spanier, der leben
will und zu leben beginnt
zwischen einem Spanien, das stirbt,
und einem anderen Spanien, das gähnt.
Kleiner Spanier, der du
auf die Welt kommst, behüt' dich Gott.
Eines der beiden Spanien
wird dir das Herz gefrieren lassen.
Aus Martin Franzbach: Die Hinwendung Spaniens zu Europa, Die generación del 98, Darmstadt: wbg, 1988. Hier im Journal „Lesart“ 2/ 2026, S. 47 in einer Besprechung von Paul Ingendaays Darstellung des spanischen Bürgerkriegs: Entscheidung in Spanien. Der große Kampf der Literatur 1936-1939. C. H. Beck, 2026. Anmerkung in der Zeitschrift:
»Españolito« von Antonio Machado aus »Proverbios y cantares« (Sprichwörter und Gesänge) in »Campos de Castilla«, 1912. Die Bezeichnung der »beiden Spanien« entspringt diesem Gedicht.
Españolito
Ya hay un español que quiere
vivir y a vivir empieza.
Entre una España que muere
y otra España que bosteza.
Españolito que vienes
al mundo te guarde Dios.
Una de las dos Españas
ha de helarte el corazón.
269 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
In der ersten Ausgabe des „allerletzten Revolverblattes von Prenzlauer Berg“, TorTour, veröffentlichte Bert Papenfuß seine Fassung eines Gedichts des russischen Futuristen Welimir Chlebnikow. Ich verzichte heute auf das Original. Vielleicht können wir uns darauf einigen: Seine Fassung möchte nicht das Gedicht erklären, sondern dieselbe Irritation hervorrufen wie das futuristische Original.
Welimir Chlebnikow
(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)
Das Volk erhob das höchste Zepter
Das Volk erhob das höchste Zepter,
Majestät stolziert durch die Straßen.
Das Volk ist aufgestanden, wie ersehnt.
Ein Palast, wie Cäsar, wund sich krümmend.
Breit gehüllt in meinen Zarenmantel,
Stürze ich die langsamen Stufen hinunter,
Doch der Ruf – Die Freiheit ist unser!
Ging wie ein Lauffeuer bis Wladiwostok.
Der Freiheit Lieder singen euch erneut!
Vom Pulver der Lieder ist der Plebs entflammt.
Umgeschmolzen zum Götzen der Freiheit
Der Zug der Flüchtlinge, dem ich entrannt.
Der geflügelte Geist des abendlichen Tempels
Schielt gußeisern auf die Maschinengewehre.
Wütende Scham der Kriegsgelüste –
Du, die Priesterin, zerreißt die Bande.
Was hab ich verbrochen? Des Volksbluts dunkle Gimpel
Warf ich um die lichterlohen Banner,
Die Freundin kleidend wie Girej
In die Garbe kosender Verkleinerung.
Des Fluches Tage! Schrecklicher Qualen schreckliches Gestöhn.
Doch hier – Rost, verdammt, und Schimmel! –
Erscheint in jedem Bauernrock mir Danton,
Hinter jedem Baum Cromwell.
Wieder abgedruckt in Bert Papenfuß, Ralph Gabriel (Hg.): Zwischen Mitte und Spitze. Abriß des allerletzten Revolverblattes in Prenzlauer Berg. Mit einem Echtzeittatsachenessay von Bert Papenfuß, vielen Abbildungen von verschiedenen, einem Textanhang und einer Bibliographie der Zeitschriften TorTour und Prenzlauer Berg Konnektör. Berlin: BASISDRUCK, 2015, S. 67. Die Zeitschrift erschien im November 2005.
Ein Kommentar dennoch. In der vorletzten Strophe habe ich „kreidend“ durch „kleidend“ ersetzt. Ich vermute, dass es sich um einen Druckfehler meiner Quelle handelt. Bei Chlebnikow steht ungefähr:
Was habe ich getan? Von des Volkes dunklem Blut
warf ich es zu den flammenden Bannern,
die Geliebte wie ein Giray kleidend (одевая)
in eine Garbe von Kosenamen.
Girej: Die Krimkhane aus dem Haus Giray erscheinen in der russischen Literatur – vor allem seit Puschkin – als orientalische Fürsten mit einem Harem, kostbaren Gewändern und einer poetisierten, exotischen Liebeskultur.
Chlebnikow stellt sich also vor wie ein orientalischer Fürst, der seine Geliebte schmückt. Aber womit? Nicht mit Seide oder Gold, sondern „mit Kosenamen“.
131 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Doris Kareva
Ich schlief den Schlaf der Mineralien,
schlief magmatief,
und sah ein Gesicht: der leuchtende Wind
erhob sich, drohend, hinter den Bergen.
Die Tage zerschmolzen zu einer einzigen Träne,
aus meiner Kehle stieg nur noch Lobgesang
Kristallfeuer, ewig verspielt veränderlich,
schwamm in meinem sich wandelnden Ich
Deutsche Fassung: Katja Lange-Müller, aus: Die Freiheit der Kartoffelkeime. Poesie aus Estland, edition die horen, hier aus: Vorläufig ist die Zeit – Esialgu on aeg. (Katalog). Ahrenshoop: Edition Hohes Ufer, 2015, S. 28
Ma magasin mineraalide und,
ma magasin nagu magma
ja nägin nägemust: helkiv tuul
tõusis, ähvardav, mägede taga.
Päevad sulasid kokku ainsaks pisaraks,
kurgust kerkis vaid kituselaul,
igimänglev erk leekkristall
mu muutlikus kujus ujus.
Doris Kareva, geboren 1958 in Tallinn, estnische Dichterin und Übersetzerin. Ihre Texte wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.
183 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Zum 100. Geburtstag der Dichterin
Ingeborg Bachmann
(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)
Ihr Worte
Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung
Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht's noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht's.
Es hellt nicht auf.
Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.
Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
– nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!
Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.
Laßt, sag ich, laßt.
Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos –
Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.
Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!
Aus: Ingeborg Bachmann: Sämtliche Gedichte. München Zürich: Piper, 1998 (8. Aufl.), S. 172f
Dieses Gedicht erschien zuerst 1961 in einem Sammelband des Suhrkamp Verlags zu Ehren von Nelly Sachs.
231 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Kersten Flenter
MACH DIE TÜR VON AUẞEN ZU
Zwei Rock’n’Roll Selbstmorde in einer Woche
Sind schon eine erwähnenswerte Quote
Einer beschäftigt die gesamte Presse
Über mehrere Wochen der andere
Bleibt eher eine Randnotiz
Und mir fällt ein Gedicht ein
Das mich mit vierzehn mal vor dem
Abgang bewahrt hat
Obwohl es von Reiner Kunze ist:
„Die letzte aller Türen
Doch nie hat man
An alle schon geklopft“
Schrieb er über Selbstmord nun
Hannelore Kohl und Herman Brood
Schlossen die Tür jetzt von außen zu
Still die eine
Stilvoll der andere
Vergessen wir Hannelore
Wie erbärmlich das alles ist
Wenn selbst die Katholiken
Schon den Königsweg gehen
Und Staus verursachen
Viel beruhigender dagegen
Der gute Herman
Ein Abgang mit Mumm:
Sich mit 53 Jahren
Vom Dach eines
Amsterdamer Hotels zu stürzen
Die Worte
Ich habe keine Lust mehr
Hinterlassen
Das ist großartig
Das ist Stil
Und Würde
Eine kurze Notiz nur Herman
In der Tageszeitung
Und doch denke ich an dich
Wie ich dich zuletzt sah
Neunzehnhundertachtundneunzig
Nach der Premiere deines Gedichtbandes
Gepaart mit einer Vernissage
Deiner Bilder
Liebes Blutbad
Hieß dein Tagebuch mit Gedichten
Und später sah ich dich
Wie immer voll mit
Amphetaminen und Schnaps
Einsam durch die Straßen Hannovers torkeln
Orientierungslos
Heimatlos
Wir wir alle es sind
Die letzte aller Türen
Wer klopft da schon
Noch an?
Aus: Kersten Flenter: Während des Wartens. 23 Gedichte. Hannover: edition roadhouse, 2003
824 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten und nach der Bücherverbrennung aus den Bibliotheken entfernt. Hasenclever ging daraufhin ins Exil nach Nizza. 1934 heiratete er dort Edith Schäfer. Am 27. September 1938 macht das Reichsministerium im deutschen Reichsanzeiger die „Ausbürgerung des Juden Walter Hasenclever“ bekannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ in Frankreich zweimal (u. a. im Fort Carré in Antibes) interniert. Nach der Niederlage Frankreichs nahm er sich in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1940 im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence mit einer Überdosis Veronal das Leben, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Sein Grab befindet sich in Aix-en-Provence auf dem Cimetière Saint-Pierre.
https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hasenclever
Zum Anlass habe ich seine Übersetzung eines Gedichts von Paul Verlaine ausgewählt und stelle das Original und eine annähernd wörtliche Übersetzung dazu.
Kaleidoskop
[1922, geschrieben 1914]
Nach Paul Verlaine
Irgendwo in einer Stadt im Traume
ist es so, als ob man schon gelebt:
einen Augenblick im schwanken Raume —
Sonne da im Nebel, der sich hebt!
Stimme vom Gehölz und Ruf vom Meer!
Wie ein Grund, auf dem du nicht erscheinst;
wie aus langem Schlaf die Wiederkehr
deiner Seele: und nicht mehr wie einst
sind die Dinge an dem magischen Orte,
wo des Abends Orgeln Tänze hämmern,
Katzen in Cafés auf Tischen dämmern,
und Musik durchzieht Gewölb und Pforte.
So beschwerend alles, daß man weint:
Tränen leis an Wangen und Geäder,
schluchzend Lachen im Geknirsch der Räder
und Beschwörung, daß der Tod erscheint;
altes Wort wie ein verwelkter Blumenstrauß!
Das Geräusch der Bälle grell und Schein von Lichtern,
Witwen drängen sich mit kupfernen Gesichtern,
Bäuerinnen, durch der Bummler Schwarm hinaus,
der da schwatzt mit Kindern, schlimmen Flüchen,
Greisen, wimperlos, von Flechte weiß geschalt,
während drüben in Uringerüchen
eine Volksbelustigung mit Fröschen knallt.
So als träumt man und erwacht des Trugs
und schläft wieder ein und träumt noch immer
von dem gleichen Flor, vom gleichen Schimmer;
Sommer, Gras und Seide eines Bienenflugs.
Aus: Walter Hasenclever: Gedichte Dramen Prosa. Unter Benutzung des Nachlasses herausgegeben und eingeleitet von Kurt Pinthus. Reinbek: Rowohlt, 1963, S. 92f
Paul Verlaine
KALÉIDOSCOPE
À Germain Nouveau
Dans une rue, au cœur d’une ville de rêve
Ce sera comme quand on a déjà vécu :
Un instant à la fois très vague et très aigu...
Ô ce soleil parmi la brume qui se lève !
Ô ce cri sur la mer, cette voix dans les bois !
Ce sera comme quand on ignore des causes ;
Un lent réveil après bien des métempsycoses :
Les choses seront plus les mêmes qu’autrefois
Dans cette rue, au cœur de la ville magique
Où des orgues moudront des gigues dans les soirs,
Où les cafés auront des chats sur les dressoirs
Et que traverseront des bandes de musique.
Ce sera si fatal qu’on en croira mourir :
Des larmes ruisselant douces le long des joues,
Des rires sanglotés dans le fracas des roues,
Des invocations à la mort de venir,
Des mots anciens comme un bouquet de fleurs fanées !
Les bruits aigres des bals publics arriveront,
Et des veuves avec du cuivre après leur front,
Paysannes, fendront la foule des traînées
Qui flânent là, causant avec d’affreux moutards
Et des vieux sans sourcils que la dartre enfarine,
Cependant qu’à deux pas, dans des senteurs d’urine,
Quelque fête publique enverra des pétards.
Ce sera comme quand on rêve et qu’on s’éveille,
Et que l’on se rendort et que l’on rêve encor
De la même féerie et du même décor,
L’été, dans l’herbe, au bruit moiré d’un vol d’abeille.
Textnahe Übersetzung (KI von mir bearbeitet)
Anmerkung: Hasenclevers Gedicht ist ziemlich treu und zugleich poetisch übersetzt. Diese Prosaübersetzung soll ihn nicht verbessern, sondern nur dem Vergleich mit dem Original dienen. (Und auch beim „wörtlichen“ Übersetzen muss man „dichten“.) Diskussion willkommen!
Kaleidoskop
Für Germain Nouveau
In einer Straße, im Herzen einer Traumstadt,
wird es sein wie als (ob) wir schon einmal gelebt haben:
ein Augenblick zugleich sehr vage und sehr scharf ...
O diese Sonne inmitten des aufsteigenden Nebels!
O dieser Schrei über dem Meer, diese Stimme im Wald!
Es wird sein wie als wir die Ursachen nicht kannten;
ein langsames Erwachen nach vielen Seelenwanderungen:
Die Dinge werden nicht mehr dieselben sein wie einst
in dieser Straße, im Herzen der magischen Stadt,
wo Orgeln abends Giguen spielen werden,
wo in Cafés Katzen auf den Theken sitzen
und Musikkapellen hindurchziehen.
Es wird so schicksalhaft sein, dass man zu sterben glaubt:
Tränen, sanft die Wangen hinabrinnend,
schluchzende Lacher im Krachen der Räder,
Beschwörungen, der Tod möge kommen,
alte Worte wie ein Strauß verwelkter Blumen!
Die grellen Geräusche öffentlicher Bälle werden herüberdringen,
und Witwen mit Kupfer auf der Stirn,
Bäuerinnen, werden die Menge der Dirnen durchschneiden,
die dort umherschlendern und mit abscheulichen Gören reden
und mit Alten ohne Augenbrauen, die von Schorf weiß bestäubt sind;
während zwei Schritte weiter, in Uringerüchen,
irgendein Volksfest Böller knallen läßt.
Es wird sein wie wenn man träumt und erwacht
und wieder einschläft und noch einmal träumt
von derselben Zauberwelt und derselben Szenerie,
im Sommer, im Gras, beim schillernden Summen eines Bienenflugs.
1.051 Wörter, 6 Minuten Lesedauer.
2 Nahbellpreise 2026: 3.Konzeptpreis (Projekt) & 3.Nebenpreis (Essay)
G&GN-INSTITUT – Düsseldorf, den 21.6.2026 / In diesem Jahr gibt es weder einen Nahbellhauptpreisträger für ein lyrisches Lebenswerk noch einen Nahbellförderpreisträger für einen Nachwuchslyriker. Stattdessen werden zwei spezielle Nahbellpreise vergeben: der 3.Konzeptpreis geht an den Duisburger Helmut Loeven (geb. 1949) für seine seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“ und der 3.Nebenpreis geht an Ulrich Jösting (geb. 1962) für seinen Essay „ES ANTWORTET SOFORT“ über die Nutzung von KI beim avancierten Schreiben. Die Urkundentexte begründen diese Entscheidungen als Ausdruck des Respekts vor der selbstehrlichen Beharrlichkeit der Preisträger. Im Detail: www.POESIEPREIS.de & www.KONZEPTPREIS.de
KONZEPTPREIS („Für das außergewöhnliche Engagement und die soziale alternative visionäre Resistenz gegenüber den freiheitsfeindlichen Tendenzen der marktbesessenen Zwänge des Kulturbetriebs“):
„Wo ich hantiere, ist die Grenze zwischen dem, was Satire ist und was Satire nicht ist, nicht definierbar. In meinem Blatt erscheinen seit Jahrzehnten auch Sach-Artikel, Kommentare, Analysen usw. Es geht mir um die Vielfalt der Gegensätze: Text & Bild, lang & kurz, historisch & aktuell, nachdenklich & apodiktisch, subjektiv & objektiv, theoretisch und alltäglich, ernst und unernst, klar und rätselhaft.“
Helmut Loeven, im Nahbellpreis-Interview: VERWEIGERUNG & VERNETZUNG
Helmut Loeven
Der Schatz im Silbersee
Winnetou hat kein Pferd mehr.
Irgendjemand hat ihm seins weggenommen.
Die Versicherung will dafür nicht aufkommen.
Old Shatterhand hat festgestellt,
dass es im ganzen Wilden Westen
kaum Regenschirme gibt.
Winnetous Schwester hat ein Geschäft für
Bastelbedarf auf der Wanheimer Straße.
Die vom Stamme der Apachen denken: Wir
hätten das Funkhaus in die Luft gesprengt.
Dabei waren wir das gar nicht.
(2017 – live am 11.6.2026 im SYNTOPIA, Duisburg, siehe YouTube)
Aus dem Nahbell-Interview mit Helmut Loeven:
„VERWEIGERUNG & VERNETZUNG“
G&GN: Du bekommst den Konzeptpreis für die von Dir seit 1968 herausgegebene Zeitschrift „DER METZGER“, denn mit diesem DinA4-Copy-Art-Machwerk sind viele Projekte verknüpft, so dass die Zeitschrift einen Anker darstellt, von dem aus man sich in die gesamte Loeven-Strömung stürzen kann! Wie lässt sich Kontinuität über fast 6 Jahrzehnte schaffen?
LOEVEN: Die innere Lähmung der Nachkriegszeit sollte überwunden werden, der aggressiven Spießbürgerlichkeit sollte etwas entgegengesetzt werden. (…) In der allerersten Phase, im Trubel der APO-Gruppen, regte sich Misstrauen, weil das Blatt von einer einzigen Person gestaltet wurde. (…) Dem Einzelkämpfer misstraute man grundsätzlich. Kollektivismus heißt: Wer am wenigsten beiträgt, will am meisten zu sagen haben – dann aber für nichts verantwortlich sein. (…) Nach anderthalb METZGER-Jahren bekam ich einen Brief von Josef Wintjes in Bottrop. Der hatte ein Unternehmen gegründet mit dem sperrigen Namen Nonkonformistisches literarisches Informationszentrum. (…) Bei der Ausweitung seines Versandangebots haben wir kooperiert und auch intensiv füreinander Werbung betrieben. Sowohl am Ulcus-Molle-Info, als auch am Impressum habe ich mich mit Beiträgen beteiligt. (…) Die Buchhandlung wird 2027 geschlossen. Der Buchhandel wird als Versand-Antiquariat fortgesetzt, für die Eigenproduktionen wird mehr Zeit zur Verfügung stehen, die Internet-Präsenz bleibt. Die Zeitschrift „DER METZGER“ wird sicherlich weiter erscheinen.
Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:
https://poesiepreis.jimdofree.com/konzeptpreis/03-metzger
NEBENPREIS („Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft“):
„Man kann vollkommen ohne KI schreiben und trotzdem klingen wie ein Algorithmus für literarische Bedeutsamkeit. (…) Können Autoren noch Literatur von literaturähnlichem Text unterscheiden? Können sie noch hören, wann ein Satz nur funktioniert und wann er notwendig ist?“
Ulrich Jösting, im Nahbellpreis-Essay: ES ANTWORTET SOFORT
@ https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting/es-antwortet-sofort/
Ulrich Jösting
atemzüge ohne richtung
abgeworbene glocken wachsen horizontal
blühen auf im schein der möglichkeiten
aus dem zahnfleisch der landschaft
ein pfeil aus milch durchbohrt das fensterlose auge darin
eine treppe aus cremeweißem papier stapelt sich ins ungesagte
neun uhren ächzen im schrank
ihre ziffern tropfen als lose blätter
auf das pelzige leuchten das sich in den wänden verliert
eine hand ohne gelenk schreibt mit salz
in den bodenlosen sand
ein wort das sich selbst nicht versteht
während zwischen den ausgebrannten monden
die städte schwimmen auf toten briefmarken
es ist ein tag wie ein abgerissener kalenderbogen
hinter dem rostigen horizont
schlägt ein herz aus asche
im takt mit den sirenen
die nicht wissen wovor sie warnen
die uhren haben sich in ihre zahnräder zurückgezogen
zwischen den zähnen wächst moos
das die sprache verschluckt
die namen der straßen sind nur noch abdrücke
im mund einer maschine
die trauer ein algorithmus der sich selbst überschreibt
während die bilder der verluste
zu bestimmten landschaften gerinnen
(Aus dem Gedichtband: „der träume strandgut“, BoD Verlag 2025)
Aus dem Nahbell-Interview mit Ulrich Jösting:
„DIE ENTMYSTIFIZIERUNG VON GENIALITÄT DANK KI“
G&GN: Obwohl sich Gedichtbände schlecht verkaufen, bemühen sich nur wenige Dichter, neue Leser oder auch Zuhörer bei Festivals zu akquirieren, indem sie die Neugier mit Textbeispielen wecken. Dieser Unterschied macht sich vielleicht jetzt in der Arbeit mit der KI bemerkbar?
JÖSTING: Wer seit Jahrzehnten kontinuierlich digital publiziert, hinterlässt einen enormen stilistischen Fußabdruck. Gerade bei Schreibenden mit einer sehr markanten Sprachbewegung, bestimmten Denkfiguren, Rhythmen und Obsessionen entsteht daraus ein relativ gut imitierbares Muster. (…) Dass ein erheblicher Teil dessen, was wir Stil nennen, aus wiederkehrenden Mustern besteht, mag verstören. (…) In mancher Hinsicht ist die Arbeit mit generativer KI auch unbefriedigend. Ihre Angebote sind überästhetisiert, klischeehaft, bedeutungssimulierend und voller scheinpoetischer Nebelschwaden. Gelegentlich entstehen aber bemerkenswerte Momente: einzelne Bilder, Formulierungen oder überraschende semantische Kollisionen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. (…) Interessant ist dabei oft weniger die konkrete Antwort der KI als die Gegenbewegung, die sie im eigenen Denken auslöst. Häufig entsteht der produktive Moment gerade im Widerspruch. (…) Die KI zwingt uns, genauer über Autorschaft nachzudenken. Nicht sakraler, sondern präziser in der Frage nach Verantwortung, Form, Entscheidung, Verfahren. (…) Die Frage lautet nicht mehr: War ich ganz allein? Sondern: Was habe ich aus dem gemacht, was mir entgegenkam? Welche Notwendigkeit hat es durchlaufen?
G&GN: Authentisch wird gemäß Deiner Ausführungen wohl immer das sein, was sich aus echter Notwendigkeit als richtig erweist, ganz gleich mit welchen Hilfsmitteln generiert, aber authentisch ist nicht unbedingt automatisch genial. Was aber empfinden wir als genial und warum?
JÖSTING: Genialität ist nicht Eigentum eines souveränen Subjekts, sondern der Moment, in dem sich etwas formuliert, das größer wirkt als die Absicht des Urhebers. Ein Satz, bei dem selbst der Autor erschrickt, nicht weil er ihn kontrolliert hätte, sondern gerade weil er ihn nicht vollständig kontrolliert. (…) Wenn ein experimenteller Lyriker und ein marktstrategischer Romancier dieselbe Anfrage an eine KI stellen, dann ist das zunächst vollkommen unspektakulär. Beide greifen auf ein ähnliches Materialangebot zu. Aber sie tun es mit vollkommen verschiedenen ästhetischen Interessen. Der eine sucht Widerstand, Störung, Abweichung, eine fremde Spannung im eigenen Sprachraum. Der andere sucht Plotlogik, Zielgruppenanschluss, Lesbarkeit, Verkaufbarkeit.
Das ausführliche Interview auf der Preisträgerseite:
https://poesiepreis.jimdofree.com/nebenpreis/03-ulrich-joesting
Peter Zemla
Einführung ins Aikylische
Man müsse in jedem Fall die Geschichte
des kleinen Landes mitdenken, dann erst
entwickele man ein Gespür für das Markige
seiner Sprache. Beispiel: Der kehlige Laut
ohne Vokal, in unseren Ohren nicht mehr
als ein Röcheln, bedeute Sich bäuchlings
auf den Rücken zu legen mit hinter dem
Kopf verschränkten Händen. Oder: Der
Grimmsche Satz Aber der Wolf fand sie
alle und verschluckte sie, außer das jüngste
in der Wanduhr heiße ganz einfach krok.
Aus Jahrbuch der Lyrik 2023. Hrsg. Matthias Kniep und Sonja vom Brocke. Frankfurt/Main: Schöffling, 2023, S. 181
Peter Zemla, geboren 1964, lebt in Bayreuth.
168 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Jochen Ziem
(* 5. April 1932 in Magdeburg; † 19. April 1994 in Berlin)
1
Meine ersten Texte sind jetzt gedruckt langsam werde
ich besser
2
Vor dem Spiegel übe ich Würde ich bereite mich auf
Besuch vor junge Dichter werden Versuche vorlegen ich
werde naja sagen
3
Ich studiere jetzt ruhige Gesten
4
Über die Preise der Akademien werde ich schmunzeln
na wenn schon ich habe es immer gewußt der Nobelpreis
riecht mir nach Pulver der Stalinpreis wurde zu spät
umbenannt
5
Ohnehin ist mein Ehrgeiz ganz anders gerichtet mit dem
Finger werde ich auf Frauen weisen können wie auf eine
Ware die ich haben will
Ich werde bald oben sein
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Mit einem Vorwort von Wolfgang Hädecke. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (ca. 1965), S. 479f
Wolfgang Hädecke studierte Germanistik an den Universitäten in Halle und Leipzig, wo er mit Uwe Johnson befreundet war. Er war Praktikant am Stadttheater in Greiz und beim Berliner Ensemble. 1956 verließ er die DDR und ging in die Bundesrepublik Deutschland.
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