Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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279 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
(* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, damals in Finnland, heute Roschtschino, Russland)
Wenn die Nacht naht
steh ich auf der Schwelle und lausche,
im Garten schwärmen die Sterne
und ich steh im Dunkel.
Horch, mit einem Klingen stürzte ein Stern!
Tritt nicht mit bloßen Füßen ins Gras;
mein Garten liegt voller Scherben.
© Klaus-Jürgen Liedtke / BuchKunst Kleinheinrich
Wenn die Nacht kommt,
stehe ich auf der Treppe, lauschend,
die Sterne schwärmen im Garten
und ich stehe im Dunkel.
Hör, ein Stern fiel mit einem Klang!
Geh nicht ins Gras mit nackten Füßen;
mein Garten liegt voller Scherben.
© Christiane Grosz, aus Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Hrsg. und mit einem Nachwort von Richard Pietraß. Leipzig: Reclam, 1990. Jetzt in der Frankfurter Anthologie der Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.10.2026
När natten kommer
står jag på trappan och lyssnar,
stjärnorna svärma i trädgården
och jag står i mörkret.
Hör, en stjärna föll med en klang!
Gå icke ut i gräset med bara fötter;
min trädgård är full av skärvor.
Zuerst in Edith Södergran: Dikter. Borgå: Holger Schildts Förlag, 1916, S. 37.
Södergran, die zuweilen glaubte, dass „Flammen aus“ ihr schlügen, sehnte sich nach „Sturm, Leiden und Schwangerschaft“, nach dem Dionysischen, wobei sie sich fragte, drei Jahre nach dem Erscheinen dieses Gedichts, ob nur Nietzsche diesen Weg zum Dionysischen einschlagen konnte. „Wenn ich Dionysos nicht singen kann, bin ich das unglücklichste aller Geschöpfe“, so in einem Brief an ihre Kritikerfreundin, die Dramatikerin Hagar Olsson. Von der sich selbst verzehrenden Flamme, als die sich Nietzsche sah, war in diesem Gedicht Södergrans ein Stern geworden, der sich im Fallen selbst zerschlug, aber immerhin ein einschneidendes Leuchtzeichen blieb.
Rüdiger Görner in FAZ 24.10.2026, S. 16
168 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(griechisch Κατερίνα Αγγελάκη-Ρουκ, * 22. Februar 1939 in Athen; † 21. Januar 2020ebenda)
Die Augen lieben es,
sich den kleinsten Falten
der sichtbaren Welt zu widmen,
während die Werkstatt im Inneren
die Bilder zu Engeln erklärt,
oder zu Abschiedskarten
mit Pinien darauf.
Die Augen reisen
festgeschraubt an den Körper,
mitgerissen von seiner Geschwindigkeit.
Sie widersetzen sich halbherzig,
aber folgen dann doch
und suchen andere neue Blicke,
bis allmählich auch das Gedicht
überzeugt wird
und beginnt,
sein neues Gesicht zu zeigen.
Wenn sie alt werden,
verweilen die Augen bei einer Wolke
in der Oberfläche einer Pfütze,
die glänzt
und sie fortführt
von der Schönheit der Landschaften
und den braunen Ebenen deiner Pupillen
an einen Ort,
an dem das Auge die Welt ist,
sieht und gesehen wird,
und es ist wie ein Spinnennetz,
das unter der Schädeldecke
schwebt.
Aus: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 21f
226 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Schnee bricht von meinen Wangen Damals schon
gefror mein Lachen wofür niemand etwas konnte
Denn ich war ein glückliches Kind
Ich träume nicht mehr Nicht einmal mehr von
Schnee Ich musste ja eines Tages von mir eilen
Und jetzt will ich deshalb nie wieder schlafen
Aber ich sehne mich nach mir Manchmal
Das kommt immer seltener vor Nur wenn Schnee
Von meinen Wangen abstürzt und sich ballt
In mir Und das ist nie Nie wieder das erste Mal
Dass jemand schlafwandelt in meiner Jahreszeit
Begraben unter meinem Schnee
Aus: Proto. Zeitschrift für Literatur 01. Identitäten, 2010, S. 28
Proto. Zeitschrift für Literatur. Düsseldorf Hamburg Salzburg: 2010. Herausgeber: Sascha Lück.
Astrid Kohlmeier, geboren 1983 in Graz, studierte Germanistik in Graz. Seit 2002 entstanden zahlreiche literarische Arbeiten in den Gattungen Epik, Lyrik, Dramatik, Libretto und Hörspiel. Ab 2002 fanden Lesungen von Kohlmeiers Texten unter anderem in Graz, Wien und Berlin statt. 2012 erhielt die Autorin das Österreichische Staatsstipendium für Literatur. 2015 erschien Kohlmeiers Gedichtband „Flüstere mir mein Meer glatt“ im INST Verlag. 2023 veröffentlichte der Wolf Verlag den Lyrikband „Zärtliche Risse“, 2025 folgte der Gedichtband „Dir zugeneigt“. Kohlmeiers Theatertexte und Bearbeitungen von Prosatexten werden an Bühnen in Österreich, Deutschland, Luxemburg und in der Schweiz aufgeführt. Astrid Kohlmeier ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und der IG Autorinnen Autoren.
83 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)
Als alles vorbei war Krieg und Frieden Mann und Frau Form und Inhalt Als die Sonne auf und untergegangen war samt Mond und Stern und den Musikalien des Himmels und der Erde Setzten wir uns und warteten auf das was kommt.
Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 614
(* 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)
Dully-Port
lieber Mann,
isn Ort –
alles dran!
Kommst vom Pott,
willst Amour –
nix Cocott,
nix auf Tour.
Suchste Schwof,
fragste rum –
Leute doof.
Gucken dumm.
Ziehste los,
denkste: klappt,
wirste bloß
wo geschnappt.
Finstn Inn
bei den Docks –
keine drin.
Bloß Gesocks.
Siehste black –
rauscht was rein!
Denkste: Mac,
haste Schwein!
Riechste Lenz,
denkste: fit,
kommtn Stenz,
nimmtse mit.
Isser fies –
ziehste Knief.
Kommt Police –
liegste schief.
Kriegste Knast –
sindse stur!
Pott verpaßt,
nix Amour!
Aus: Antianthologie. Gedichte in deutscher Sprache nach der Zahl ihrer Wörter geordnet von Franz Mon und Helmut Heißenbüttel. München: Hanser, 1973, S. 238f
116 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Später Tag im Oktober:
Zeit für Geisterseher.
Doch die Schwäne, von Osten nahend
die die Lüfte spalten
sind keine Spukgestalten.
Sie furchen den See
sie kreisen um eine dunkle Mitte.
Es ist einer zuviel
für das weiße Konzil.
Aus dem Kreis gedrängt
breitet er seine Flügel.
schon zu matt
sich emporzuschwingen.
Woher das Verlangen
nach Symmetrie?
Was treibt die Natur
hin zur Zahlenmagie?
Dann öffnet der Kreis sich
nimmt auch den Dreizehnten auf.
Und mit offenem Ende
folgt man nun
einer andern Legende.
Aus: Sinn und Form 5/2026, S. 686
Thomas Böhme, geboren 1955 in Leipzig, wo er auch lebt. Zuletzt erschien der Gedichtband „Orpheussplitter“ (2024) und „Weniger Herbst. Ährenlese & Nebelkerzen“ (2025)
390 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Schwalben kreisen am Himmel, die Sonne scheint, die Großmutter kocht. In „Jaskółki krążą“ verbindet Alexandra Begau deutsche und polnische Verse zu einem Gedicht über Kindheitserinnerungen, Zweisprachigkeit und sprachliche Zugehörigkeit. Aus sommerlicher Leichtigkeit entwickelt sich die Angst, den Klang der eigenen Stimme in einer Sprache zu vergessen.
Im Grunde wird jedes polnische Wort innerhalb des Gedichts auch auf Deutsch gesagt – die polnische Überschrift zwar erst zu Beginn der dritten Strophe: Die Schwalben kreisen. Deutsch und Polnisch wechseln einander ab, manchmal übersetzen sich die Verse gegenseitig, manchmal setzen sie einander fort. Die Sprachen sind nicht streng getrennt. Sie begegnen sich in einem gemeinsamen poetischen Raum. In vielen Wiederholungen wird nahezu dasselbe gesagt, doch mit unterschiedlichen Klängen und Rhythmen – sie rufen möglicherweise unterschiedliche Erinnerungen hervor. Die Übersetzung stellt eine Verbindung her, ohne die beiden Sprachen vollständig gleichzusetzen. Ohne Zungenbrüche wird das kaum abgehen.
Jaskółki krążą
Nichts bewegt sich
und doch
bewegt sich alles
Hängt in der Schwebe
in einem unsichtbaren
Dazwischen
Nicht ganz gewesen
Nicht ganz jetzt
Nicht ganz wird
Und niemand weiß
in welche Richtung
man mehr Weite erblicken kann
Die Schwalben kreisen im Himmel
Jaskółki krążą po niebie
Jaskółki krążą po niebie
i słońce świeci
und die Sonne scheint
scheint und
słońce świeci i
babcia gotuje obiad
Oma kocht zu Mittag
jaskółki krążą po niebie
a my kupujemy gumę
do żucia w Żabce
und wir kaufen
Kaugummi im Kiosk
i słońce świeci
Es ist Sommer
Jest lato
Jest łatwo
Es ist leicht
Nichts bewegt sich
und doch
bewegt sich alles
Hängt in der Schwebe
in einem unsichtbaren
Dazwischen
Hat sich meine Sprache verdreht
im Zischen von ż, cz und ź
Hat sich der Klang verknotet
im Schwänzchen von ę und ą
Hat sich gestoßen an den weichen
Tönen, die aus dem Gaumen
über die Zunge springen
Nichts fürchte ich mehr,
als zu vergessen, wie meine
Stimme in dieser Sprache klingt
Aus: BELLA triste #75. Zeitschrift für junge Literatur, Sommer 2026, S. 118f
ALEXANDRA BEGAU (sie/ihr) wurde 1994 in Hildesheim geboren, weil ihre polnische Mutter und ihr deutscher Vater sich dort verliebten. Sie studierte Psychologie in Braunschweig, Bielefeld und Krakau und lebt seit ihrer Promotion in Dortmund. Sie schreibt Lyrik und Prosa als Teil des Schreibkollektivs Drama Streichfett. Veröffentlicht wurden ihre Texte unter anderem im absolutzine und Schliff. Gemeinsam mit Jan Giessmann entwickelt sie Audio-Performances und szenische Lesungen.
95 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Man kennt die Venus von Milo, aber hier geht es um die Maus von und zu Milo.
(* 2. April 1891 in Brühl, Rheinland; † 1. April 1976 in Paris)
ihr häutchen war zu kalt
ihr söckelchen zu alt
ihr hohes lied zu tief
ihr hemdchen saß zu schief
ihr kindchen war zu schwer
ihr körperbau zu leer
Aus: Max Ernst, Die Schriften. Hrsg. Gabriele Wix. Mit einem Nachwort von Marcel Beyer. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 2022, S. 133 (Zuerst in: Paramythen, Köln 1967)
77 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Später nach dem Flohmarkt trafen wir den un-
zuverlässigen Erzähler und denk dir, was er sagte,
morgen werdet ihr schreien. Wir lachten, und das
tun wir auch jetzt noch, während wir uns anschau-
en und keiner der Erste sein möchte.
Aus: VERSschmuggel. Poesie aus Belarus und Deutschland. Ein Projekt des Haus für Poesie. Heidelberg: Wunderhorn, 2022, S. 75 (auch von diesem Gedicht gibt es dort eine belarussische Version des Gedichts, sie ist von Uladzimir Liankievič)
156 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
ich trage küsse mit u in mir
die ich an dich u in dich l
egen will du kannst die küss
e in dir auf mich an mich u
in mich legen ich kann mein
e küsse tragen an alle orte d
ieser welt wo u wann du d
ort sein wirst dort unter ste
rnen die zu dieser welt zu d
ir u mir gehören die leucht
en damit menschen küsse un
ter ihnen tauschen an auf u
ineinander legen bis dort ka
nn ich meine küsse tragen u
m sie an dich u auf dich u in
dich zu legen u dort kanns
t du deine küsse auf mich a
n mich u in mich legen
Aus: VERSschmuggel. Poesie aus Belarus und Deutschland. Ein Projekt des Haus für Poesie. Heidelberg: Wunderhorn, 2022, S. 146 (In dem Buch findet sich zusätzlich eine belarussische Version des Gedichts von Maryja Martysievič)
Hinweis: Die trickreiche CSS-Lösung für den strengen Blocksatz dieses Gedichts scheint nicht auf dem Smartphone zu funktionieren. Deshalb hier noch zusätzlich das Druckbild.

165 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Heute stand ich an der Rolltreppe
ohne mich am Handlauf festzuhalten.
Heute hab ich beim Rückweg
den Bus nicht genommen
und bin vier Haltestellen gegangen.
Heute überquerte ich die Straße
ohne zu stocken.
Ich setzte den Fuß auf den Bordstein
und hab den anderen nachgezogen.
Heute bin ich ohne Umwege
die kurze Strecke gegangen.
Heute trug ich beim Gehen
einen Kaffeebecher in der Hand
und hab im Gehen noch
den Rucksackgurt übergestreift.
Heute bin ich die Treppenstufen
hochgegangen
mit einem Fuß pro Treppenstufe
ein Fuß nach dem anderen.
Heute sind all diese Wunder geschehen
all diese Geschenke
die ich bewusst wahrnahm
und ich hatte Tränen in den Augen.
Ein solches Weinen wünsche ich allen.
Heute sind all diese Wunder geschehen
und ganz viele Wunder
habe ich gar nicht wahrgenommen
weil ich sie schon immer
wie ganz selbstverständlich
kann.
Aus: Ah, ein Herz, verstehe. Gedichte von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren. Hrsg. von Jakob Leiner. Berlin: Quintus, 2024, S. 225f
wieviele kinder haben sie eigentlich? - sieben zwei von der ersten frau zwei von der zweiten frau zwei von der dritten frau und eins ein ganz kleins von mir selber
(In: dingfest, Bd. 5) © Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
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