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Namaste

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Archiv: viele tausend Nachrichten aus 20 Jahren. 2. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht. 3. Journal #1 (Morgensternfest)

e sg ibt i mm erm ehrd a vo n

Aus: Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante. Lyrik der siebziger/achtziger Jahre von Dichtern aus der DDR. Hrsg. Peter Geist. Leipzig: Reclam, 1991, S. 226

Schon primär Volkskunst

Raja Lubinetzki

(* 6. Dezember 1962 in Kropstädt)

ICH MACH schon primär Volkskunst 
weil du so in mir steckst
die klassiken verjessen sich drübber

ich bin doch jar ne deudtsch 
und hoch sitz ich hier in 
diesem kolten berlin und 
muß immer träumen von dir

un du sitzt dort im kaffee 
und soofst und ich versteh 
das alles nich was da mit 
mir los is

Aus: Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR. Hrsg. Uwe Kolbe, Lothar Trolle u. Bernd Wagner. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 85 (Zuerst 1984 in der Untergrundzeitschrift Mikado)

Lubinetzki ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines Studenten aus Kamerun. Nach einer Schriftsetzerlehre lebte sie in der Künstler- und Literatenszene am Prenzlauer Berg. 1987 stellte sie einen Ausreiseantrag und übersiedelte nach West-Berlin. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg.

https://de.wikipedia.org/wiki/Raja_Lubinetzki

VOM „P“ ZUM „L“, ODER: WIE MAN DIE PANDEMIE PRODUKTIV BEWÄLTIGT

VOM "P" ZUM "L", ODER: WIE MAN DIE PANDEMIE PRODUKTIV BEWÄLTIGT 
(ERSTVERÖFFENTLICHUNG)

Tom de Toys

"L"OCKDOWN-TO-EARTH
(in Gedenken an Peter Rech)*

nach nur einem monat
abstinenz von der routine
nur vage erinnerung
an die vertrautheit und
selbstverständlichkeit
der umgebung was früher
normal und gewollt war
bewirkt heute noch nicht
einmal nostalgie ICH
vermisse das meer und den
strand und die ausgangssperre
die permanenten inzidenzwerte
als unterhaltungsprogramm
gegen die langeweile
im homeoffice tag null
nach der pandemie ohne
quarantäne ohne die toten
ohne das ewige warten
geimpft und verschont
orientierungslos aber
leibhaftig vorhanden ein
geistloser geist in einem
mit insolvenzmarken
bekleideten körper
antiquarischer eleganz
sogar die zu großen schuhe
schon winterfest mitten im
aufkeimenden frühsommer
mit neuen und unbekannten
insekten vögeln eichhörnchen
autos und maskenpflicht als ob
wir die eigene totenmaske
benötigen um das gesicht
als das unsere zu bemerken
ich spüre die rückkehr
in diese verlassene stadt
mit gemischten gefühlen
meine bürgerliche ID ist
auf der berühmten strecke
geblieben die wohnung
gleicht einem feriendomizil
meine handlungen sind die
eines nachlassverwalters
wo ist dieser mensch den
man im spiegel erkannte
die augen und haare sind
ähnlich und doch stimmt
etwas nicht unter der maske
herrscht chaos verwirrung
unendlichkeit das getöse
der sterne und galaxien
rückt näher als der geruch
des grundlosen kaffees
ich werde nun nicht mehr
gebraucht bin ein mundtoter
hoffnungslos sehnsüchtiger
sitzengebliebener kandidat
einer reality show die sich
gesellschaft nennt dieses
jahrtausende alte open-air
livestream system mit
religionen konsumgütern
und täglichem wetterbericht
ein sich selbst generierendes
tröstungssystem das seine
eigene zukunft vorwegnimmt
bevor seine bewohner hinein
wachsen können die babys
schreien sich ihre unschuldige
kehle aus dem kokonartigen
miniaturleib ihre mütter
stopfen die kleinen mäuler
mit gummibärchen notdürftig
geduldet bevor matheformeln
und fremdsprachen das neuro-
nale giganetz erweitern dessen
mittelpunkt immer kurz dort
aufglimmt wo diese mystische
hintergrundstrahlung des uns
allzu bekannten universums
zu schwach wird um eine sinn-
haftigkeit zu erkennen die
letzte erleuchtung über das
leben an sich hat den umfang
einer bodenlosen schale
voller roter rosen die niemals
leer werden kann solange wir
an offenen gräbern atmen und
die regale mit spritzgebäck
und plastikkitsch füllen

Tom de Toys, 31.5.2021 (14-16h) @ http://www.slampoesie.de Teil 2: als Poetryclip für 2022 geplant!

Zum Autor: De Toys (*1968) erarbeitete während des Coronalockdowns 2020 das multimediale Buchprojekt „RU[H]R RÄTSEL“ (www.nahzone.de) und für das Schulministerium das didaktische PDF „LERN:LYRIK“ (www.schulgedichte.de), das sich über die neue Bildungsmediathek NRW für den Deutschunterricht abrufen lässt. Neuerdings präsentiert De Toys ausgewählte Poetryclips auf TikTok: https://www.tiktok.com/@poplyrik

*) Das „L“ im Gedichttitel bezieht sich auf eine Zeile im Gedicht „P“ von Peter Rech, das De Toys vor 12 Jahren anlässlich der LYRIKMAIL-Publikation rezitierte:

NACHRUF AUF PETER RECH  (21.5.1943 – 5.12.2019) @ https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/9-nahbellpreis-2008-peter-rech/

Pack deine Fußnoten ein

Ben Lerner

(Geboren 1979 in Topeka, Kansas)

»Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende
ist nah. Deine Vorhut Fluchtpunkte verflüchtigte sich
in der kritischen Nacht. Wir begegneten einer Theorie
des Gefieders mit Gefieder. Wir dezentrierten unsere Krawatten. Gib
diese Spenglersuiten auf, diesen geräumigen Raum, dies graue Warum.
Nie wieder werden deine Elefanten in die Botschaft scheißen.
Nie wieder wirst du in deinem zweitürigen Sportsarg durch Topeka kurven.
In memoriam werden wir die Gesetze, die du gebrochen hast, gebrochen lassen.«

Über Vision und Modernität im Zwanzigsten Jahrhundert schrieb meine Mutter 
»Hilfe.« Über die Geschichte des Strukturalismus schrieb mein Vater
»Bau dir ein Haus.« Über den Mittleren Westen von 1979 bis heute schrieb ich 
»Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende ist nah.« 

Ich wünschte, alle schwierigen Gedichte wären tief. 
Hupen Sie, wenn Sie wünschten, alle schwierigen Gedichte wären tief.

Deutsch von Steffen Popp, aus: Ben Lerner, die lichtenbergfiguren. Gedichte, zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Wiesbaden: luxbooks, 2011, S. 23

 ‘‘Gather your marginals, Mr. Specific.The end
is nigh. Your vanguard of vanishing points has vanished
in the critical night.We have encountered a theory
of plumage with plumage. We have decentered our ties. You must quit
these Spenglerian Suites, this roomy room, this gloomy Why.
Never again will your elephants shit in the embassy.
Never again will you cruise through Topeka in your sporty two-door coffin. 
In memoriam, we will leave the laws you’ve broken broken.”

On Vision and modernity in the twentieth Century, my mother wrote
“Help me.” On the history of structuralism my father wrote
“Settle down.” On the American Midwest from 1979 to the present, I wrote 
“Gather your marginals, Mr. Specific.The end is nigh.”

I wish all difficult poems were profound.
Honk if you wish all difficult poems were profound.

Der Zustand alleiniger Seligkeit

Mary Ruefle

(Geboren 1952 in McKeesport / Pennsylvania)

Der Zustand alleiniger Seligkeit

In diesem Zimmer 
sahen wir nackt aus. 
Ohne eine Theorie,
drei Eier in einer Schale. 
Stück für Stück
gaben wir die Hoffnung auf, 
je verstanden zu werden.
Wir gaben ein großes Leuchten von uns. 
Draußen vor dem Fenster 
langschwänzige Fasane,
sie fegten den verlassenen Rasen.
Stück für Stück
wurde dem von der Dämmerung 
gemalten Haus der Schatten entzogen. 
Mönche schossen die weißen Hasen 
im Morgendämmer, ein paar von ihnen 
liefen davon und niemals.
Auch ein paar Mönche.

Deutsch von Esther Kinsky. Aus: Schreibheft #97, August 2021, S. 19 (darin ein Dossier mit Beiträgen und Übersetzungen von Sonja vom Brocke, Esther Kinsky, Norbert Lange, Daniel Levin Becker, Mary Ruefle, Clemens J. Setz, Cecilia Tricker und Anja Utler. Außerdem Dossiers zu Lorine Niedecker und William Carlos Williams.

Christiane Grosz †

Christiane Grosz 

(* 7. Januar 1944 in Berlin, † 10. November 2021)

zu AGNUS DEI

für Herrn Nicanor Parra
in Verehrung

Sie fragten das Lamm Gottes
nach der Anzahl der Äpfel
im irdischen Paradies
zu recht. Ich hoffe, Sie erhielten Antwort
und haben die Zahl überprüft.

Sie baten das Lamm Gottes
um die Angabe der Uhrzeit
zu recht. Ich hoffe. Sie erhielten Antwort
und wissen inzwischen, wie spät es ist.

Sie forderten vom Lamm Gottes
die Wolle für einen Pullover
zu recht. Auch ich wünsche,
daß Sie nicht frieren!

Sie forderten für den heiligen Augenblick
des Beischlafs vom Lamm Gottes:
Laß mich jetzt in Ruhe bumsen.
Herr Parra verehrter ich glaube.
Sie waren nicht ganz bei der Sache.

19.5.89

Aus: Christiane Grosz, Die asoziale Taube. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 34

Völkergewissen

Ernst Toller 

(geboren am 1. Dezember 1893 in Samotschin, Provinz Posen; gestorben am 22. Mai 1939 in New York City)

ALP

Auf einer Stange morsch und faul
Hockt das Völkergewissen,
Um die Stange tanzen drei Kinderknochen,
Aus dem Leib einer jungen Mutter gebrochen,
Es blökt den Takt das Schaf bäh bäh.

Aus: Poesiealbum 132. Ernst Toller. Auswahl Richard Pietraß. Berlin: Neues Leben, 1978, S. 6

Der Soldat vielleicht

Otfried Krzyzanowski, um Soldat zu sein war er zu krank, für eine bürgerliche Existenz nicht tauglich oder nicht bereit, er lebte seine radikale Bohèmeexistenz in Wiener Kaffeehäusern, las Nietzsche, erbettelte ein karges Überleben. Über den Krieg schreiben kann vielleicht nur, wer nicht mit drin steckt. Kurz nach Kriegsende blieb er dem Kaffeehaus fern, er war in einem Wiener Krankenhaus gestorben, an oder mit Hunger, Grippe oder Tbc oder allem drein. Das Gedicht erschien 1919 in dem Band „Unser täglich Gift“.

Otfried Krzyzanowski

(25. Juni 1886 Starnberg – 30. November 1918 Wien)

Ästhetik des Kriegs

Nur der erschaut die schönen Berge wirklich,
Der keine Zeit hat, sie zu bewundern.
Die Soldaten im Süden, nicht die Touristen sehn
Die Dolomiten am besten.

Denn die Natur, ob sie schön oder grausam sei:
Für unsre leere Zeit ist sie nicht gemacht.
Und wirklich sieht den Krieg nur einer, der irgendwie
Keine Zeit für ihn hat.

Der Soldat vielleicht, wenn er daheim
Bei seinem Weibe ruht.

Dichter

Jeghische Tscharenz, der heute als bedeutendster armenischer Dichter des 20. Jahrhunderts gilt, wurde im Juni (laut deutschem Wiki) oder September 1937 (laut russischer Version) im Zuge der Stalinschen „Großen Säuberung“ verhaftet. Am 27. (Wiki deutsch) oder 29. (Wiki englisch) November 1937 kam er in NKWD-Haft in Jerewan unter bis heute unbekannten Umständen ums Leben. Unbekannt sind auch Ort und Umstände seines Begräbnisses. Die französische Wiki nennt aber einen Ort: „auf der linken Seite der Autobahn Jerewan-Etschmiadsin, neben der Schlucht des Flusses Hrazdan.“ Nach Stalins Tod wurde er rehabilitiert. Seine Manuskripte überlebten im Garten einer Freundin vergraben.

Jeghische Tscharenz

(armenisch Եղիշե Չարենց; traditionelle Schreibung Եղիշէ Չարենց; * 13. März 1897 in Kars, Russisches Reich, heute Türkei; † 27. November 1937 in Jerewan, UdSSR, heute Armenien)

DICHTER

Für mich wird das Schlechte gut,
Der farblose Alltag – ein zauberischer Traum;
Ich liebe alle Farben der Welt;
Die irdische Weite wie die unfaßbaren Sterne.

Und die geistlosen Lieder der Fußgänger,
Das Sausen der Fahrzeuge, den Weg der Straße –
Sie wandeln sich plötzlich in eine Erscheinung,
Die in der Seele des Dichters erträumt wurde.

Wenn ich die Lippen einer Frau küsse,
Lippen, die tausend Männer geküßt haben –
Glaube ich, daß es die Lippen der Schwester sind,
Einer Jungfrau – und daß sie noch rein sind.

Wer wird den Weg des Dichters verstehen ...
Wenn er auf den Straßen wandelt –
In seiner beflügelten, bestirnten Seele
Schwebt er weit auf zu den Sternen.

Wer wird verstehen, warum er
Die feuchten Lippen einer Frau küßt.
Und im selben Augenblick betet er
Vor dem Schatten der fernen Schwester.

Wer wird das Lied in seinem Herzen hören.
Das Lied eines wirren, gar irren Mannes.
Doch er wird lächeln im Sterben und sagen;
– Segen dir, Leben. Ein Wunder warst du ...

1916

Deutsch von Matthias Fritz, aus: Jeghische Tscharenz, Die Reisenden auf der Milchstraße. Berlin: SuKuLTuR, 2009, S. 5

Genug von wohlerzogener Lyrik

Manuel Bandeira 

(* 19. April 1886, Recife  PE; † 13. Oktober 1968, Rio de Janeiro)

Poetik

Ich habe genug von maßvoller Lyrik
Von wohlerzogener Lyrik
Von Staatsbeamtenlyrik mit Anwesenheitsliste Dienstzeit Protokoll
   und Einschmeichelei beim Herrn Direktor
Ich habe genug von Lyrik die innehält und im Wörterbuch die
   Bedeutung einer Vokabel nachprüft

Nieder mit den Puristen

Ich will alle Wörter vor allem die weltweiten Barbarismen
Alle Konstruktionen vor allem die syntaktischen Ausnahmen
Alle Rhythmen vor allem die unzählbaren

Ich habe genug von liebestrunkener Lyrik
Von politischer
Rachitischer
Syphilitischer
Von jeder Lyrik die vor allem kapituliert was nicht sie selbst ist

Denn das ist keine Lyrik
Sondern Buchhaltung Kosinustabelle Handbuch des vorbildlichen
   Liebhabers mit hundert Briefmodellen und verschiedenen Arten
   Frauen zu gefallen usw

Ich will lieber die Lyrik der Verrückten
Die Lyrik der Betrunkenen
Die schwierige treibende Lyrik der Betrunkenen
Die Lyrik der Shakespeareschen Clowns

– Ich will nichts mehr wissen von Lyrik die nicht Befreiung ist

1925

Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übers. von Curt Meyer-Clason. München: dtv, 1975, S. 10f

Poética

Estou farto do lirismo comedido
Do lirismo bem comportado
Do lirismo funcionário público com livro de ponto expediente 
protocolo e manifestações de apreço ao Sr. Diretor.
Estou farto do lirismo que pára e vai averiguar no dicionário o 
cunho vernáculo de um vocábulo.
Abaixo os puristas

Todas as palavras sobretudo os barbarismos universais
Todas as construções sobretudo as sintaxes de excepção
Todos os ritmos sobretudo os inumeráveis

Estou farto do lirismo namorador
Político
Raquítico
Sifilítico
De todo lirismo que capitula ao que quer que seja fora 
de si mesmo
De resto não é lirismo
Será contabilidade tabela de co-senos secretário 
do amante exemplar com cem modelos de cartas 
e as diferentes maneiras de agradar às mulheres, etc.

Quero antes o lirismo dos loucos
O lirismo dos bêbados
O lirismo difícil e pungente dos bêbedos
O lirismo dos clowns de Shakespeare

– Não quero mais saber do lirismo que não é libertação.

Bald wird mein junges Herz

Heute vor 80 Jahren, am 27. November 1941 werden mit dem „7. Osttransport“ vom Bahnhof Berlin-Grunewald mehr als tausend Juden nach Riga deportiert, darunter auch die Dichterin Ite Liebenthal. Sie werden drei Tage später im Wald von Rumbula bei Riga ermordet.

Ite Liebenthal 

(eigentlich Ida Liebenthal; geboren am 15. Januar 1886 in Berlin; ermordet am 30. November 1941 im Wald von Rumbula bei Riga)

Bald wird mein junges Herz ein alt Gesicht
im Spiegel sehn und wird es nicht begreifen,
daß wenig schnelle Jahre schon die Schicht
des weichen Schmelzes von den Zügen streifen.

Noch blühte nicht die Eine Liebe ab,
die ihre Äste weit in mir verzweigte.
Die unbemerkte Zeit entwich. Ich gab
nicht acht darauf, daß sich die Sonne neigte.

Und also ist nun sanfter Niedergang,
was Aufgang schien, und alles liegt dazwischen?
0 junges Herz! ein Blütenüberschwang,
um Morgenduft in Abendtraum zu mischen.

Aus: Ite Liebenthal. Versensporn 10. Jena: Edition Poesie tut gut, 2013, S. 12. Das Gedicht erschien in dem Band Gedichte, Jena: Lichtenstein, 1921.

Stolperstein, Hektorstraße 3, Berlin-Halensee. Foto: OTFW, Berlin.

František Listopad 100

František Listopad (eigtl. Jiří Synek), tschechischer Schriftsteller, Kritiker, Fernseh-, Theater- und Opernregisseur, geboren heute vor 100 Jahren in Prag. Ab 1941 im besetzten Böhmen untergetaucht. Vater, Großvater und Onkel werden Opfer der Deutschen. Gründet im Mai 1945 mit Freunden die Zeitung Mladá Fronta und gehörte dem gleichnamigen Dichterzirkel an. Studium in Prag. Bis 1947 vier Gedicht- und zwei Prosabände. Korrespondent in Paris, ab 1948 dort im Exil. Seit 1959 in Portugal. Professor für slawische Kultur und Anthropologie an der Technischen Universität Lissabon, Direktor der Theater- und Filmhochschule in Lissabon, inszeniert an europäischen Opern- und Theaterbühnen. Erst ab Dezember 1989 wird er wieder in seinem Heimatland gedruckt.

František Listopad

(* 26. November 1921 in Prag; † 1. Oktober 2017 in Lissabon) 

Ungesang mit Blumen

Der dritte Gesang wird nicht singen er wird sich nur erinnern wie er die Siebenbürger Zwetschken im großväterlichen evangelischen Garten vergißt Am Sonntag die weiße Kirche das Bethaus wohin wir in einer geborgten schwarzen Kutsche fuhren mit Rappen vom Herrn Bauer Wer jauchzte beim gemeinsamen Gebet Großvater František Großmutter Gabriela die kleine Růže Růžena und dann die Mutter (Mutter?) Marta geborene Poláková später Erbenová jetzt Synková zweite Frau meines Vaters Emil 
In der Realschule auf dem Strossmayer-Platz schrieen die Mitschüler ihm nach 
                  Emilfratz du Dreckspatz 
aber er glaubte nicht an Gott tolerierte ihn 
Fanny war die Schwester eines Pfarrers der böhmischen Brüderkirche ich hatte Angst sie anzufassen aber der südfranzösische Aufenthalt zwischen Provence und Cote d’Azur war stärker als unsere Scham und Sünde 
Billigeren Joghurt mit verfallenem Datum kaufen Die Kinder wuchsen zur Schönheit heran Der Sozialismus so nah und auch so fern Und schon ganz lädiert Die Alchimisten der Revolutionen sind gestorben Schweig Gast Schreiben verdirbt die Stille Absolute Worte sind ungeschriebene ungesagte Die Stille stören nur zu Mystikern gewendete Gärtner 
Golfspieler ohne Löcher 
Man fragte das Kind: wie sprechen die Fische?
Das Kind fing an Bartók zu singen
ein Jahrhundert lang ist die hundertblättrige Rose Rose
Ich gewann ein Pingpongturnier
gewann den Wettbewerb um das schönste Gedicht

über die Rose Dann begann ich alles zu verlieren
Wir erdichten die Leben ich und du

Wo sind die Schneeglöckchen

Deutsch von Eduard Schreiber, aus: Die Erde ist Kohle und Zitronen. Aus dem Tschechischen von Eduard Schreiber. Grafik Ludwig Kunderá. Berlin: Hochroth, 2014, S. 20-23

Der Regen

Jorge Luis Borges

(* 24. August 1899 in Buenos Aires; † 14. Juni 1986 in Genf)

Der Regen

Jäh ist der Abend hell geworden, denn
schon fällt der Regen in genauen Tropfen.
Fällt oder fiel. Zweifellos ist der Regen
etwas, was in Vergangenheit geschieht.

Der, der ihn fallen hört, gewinnt die Zeit
zurück, da ihm ein günstiges Geschick
die Blume namens Rose offenbarte
und diese sonderbare Farbe Rot.

Der Regen, der die Scheiben blendet, wird in
verlorenen Vorstädten die schwarzen Trauben
der Laube eines Patio erquicken,

der nicht mehr ist. Dieser benetzte Abend
bringt mir die Stimme, die ersehnte Stimme
meines Vaters, der heimkehrt und nicht tot ist.

Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs
- 138 -

Deutsch von Gisbert Haefs, aus: Natur! 100 Gedichte. Ausgewählt und mit einem Essay von John Burnside. München: Penguin, 2018, S. 138.

La lluvia

Bruscamente la tarde se ha aclarado 
Porque ya cae la lluvia minuciosa. 
Cae o cayó. La lluvia es una cosa 
Que sin duda sucede en el pasado. 

Quien la oye caer ha recobrado 
El tiempo en que la suerte venturosa 
Le reveló una flor llamada rosa 
Y el curioso color del colorado. 

Esta lluvia que ciega los cristales 
Alegrará en perdidos arrabales 
Las negras uvas de una parra en cierto 

Patio que ya no existe. La mojada 
Tarde me trae la voz, la voz deseada, 
De mi padre que vuelve y que no ha muerto.

Die Gesänge des Maldoror

Lautréamont

(Eigentlich Isidore Lucien Ducasse, * 4. April 1846 in Montevideo, Uruguay; † 24. November 1870 in Paris)

Erster Gesang, fünfte Strophe

Mein ganzes Leben lang sah ich die Menschen mit engen Schultern, ohne eine einzige Ausnahme, stupide und zahlreiche Taten vollbringen, sah sie ihresgleichen verdummen und die Seelen mit allen Mitteln verderben. Das Motiv ihrer Handlungen nennen sie: Ruhm. Bei solchem Anblick wollte ich lachen wie die anderen; aber das, seltsame Nachahmung, war unmöglich. Ich nahm ein Federmesser mit scharf geschliffener Klinge, und dort, wo die Lippen sich vereinigen, durchschnitt ich das Fleisch. Einen Augenblick lang glaubte ich mein Ziel erreicht In einem Spiegel betrachtete ich diesen durch eigenen Willen verletzten Mund! Es war ein Irrtum! Das Blut, das reichlich aus beiden Wunden floß, hinderte mich übrigens zu erkennen, ob dies wirklich das Lachen der anderen sei. Aber nach kurzen Vergleichen sah ich genau, daß mein Lachen dem der Menschen nicht glich, das heißt, ich lachte nicht. Ich sah die Menschen mit häßlichem Haupt und mit schrecklichen, tief in finsterer Höhle liegenden Augen, die Härte des Felsens, die Starre gegossenen Stahls, die Grausamkeit des Haifisches, die Arroganz der Jugend, die Raserei der Verbrecher, den Verrat der Heuchler, die ungewöhnlichsten Komödianten, die Charakterstärke der Priester und die höchste Verstellungskunst, die kältesten Wesen der Welten und des Himmels übertreffen; sah die Moralisten erlahmen, ihr Herz zu entdecken und unversöhnlichen Zorn von oben herabbeschwören. Ich habe sie alle auf einmal gesehen, bald die derbe Faust wider den Himmel erhoben wie die eines schon perversen Kindes wider die Mutter, wahrscheinlich von einem Dämon der Hölle getrieben, die Augen schwer von nagender Reue und Haß zugleich, in eisigem Schweigen verharren, nicht wagend, die ungeheuerlichen und undankbaren Gedanken, voller Ungerechtigkeit und Grauen, die ihr Herz verbarg, zu äußern, um bei dem Gott der Barmherzigkeit trauerndes Mitleid zu wecken; bald, zu jeder Stunde des Tages, von Kindheit auf bis zum höchsten Greisenalter, unglaubliche Flüche verbreitend, ohne Sinn für Gemeinschaft, wider alles, was atmet, wider sich selbst und die Vorsehung, Frauen und Kinder prostituieren und so die Leibesteile entehren, die der Scham geweiht sind. Da erheben die Meere ihre Fluten, reißen die Planken in ihre Schlünde hinab: Orkane und Erdbeben zerschmettern die Häuser; die Pest und vielerlei Krankheit lichten die betenden Familien. Aber die Menschen achten dessen nicht. Ich sah sie auch vor Scham erröten und erbleichen wegen ihres Wandels auf dieser Erde; selten jedoch. Stürme, Brüder der Orkane, bläuliches Firmament, dessen Schönheit ich nicht anerkenne, heuchlerisches Meer, Ebenbild meines Herzens, Erde, geheimnisvoller Schoß, Bewohner der Sphären, gesamtes Universum, Gott, der du es so herrlich geschaffen hast, dich rufe ich an: zeige mir einen Menschen, der gut ist!... Aber möge deine Gnade meine natürlichen Kräfte verzehnfachen; denn beim Anblick dieses Scheusals könnte ich vor Staunen sterben: man stirbt an weniger.

Aus dem Französischen von Ré Soupault. Aus: Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror. Überarbeitete Neuausgabe. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992 (6.-7. Tsd.), S. 12f

            J'ai vu, pendant toute ma vie, sans en excepter un seul, les hommes, aux épaules étroites, faire des actes stupides et nombreux, abrutir leurs semblables, et pervertir les âmes par tous les moyens. Ils appellent les motifs de leurs actions: la gloire. En voyant ces spectacles, j'ai voulu rire comme les autres; mais cela, étrange imitation, était impossible. J'ai pris un canif dont la lame avait un tranchant acéré, et me suis fendu les chairs aux endroits où se réunissent les lèvres. Un instant je crus mon but atteint. Je regardai dans un miroir cette bouche meurtrie par ma propre volonté! C'était une erreur! Le sang qui coulait avec abondance des deux blessures empêchait d'ailleurs de distinguer si c'était là vraiment le rire des autres. Mais, après quelques instants de comparaison, je vis bien que mon rire ne ressemblait pas à celui des humains, c'est-à-dire que je ne riais pas. J'ai vu des hommes, à la tête laide et aux yeux terribles enfoncés dans l'orbite obscur, surpasser la dureté du roc, la rigidité de l'acier fondu, la cruauté du requin, l'insolence de la jeunesse, la fureur insensée des criminels, les trahisons de l'hypocrite, les comédiens les plus extraordinaires, la puissance de caractère des prêtres, et les êtres les plus cachés au-dehors, les plus froids des mondes et du ciel; lasser les moralistes à découvrir leur coeur, et faire retomber sur eux la colère implacable d'en haut. Je les ai vus tous à la fois, tantôt, le poing le plus robuste dirigé vers le ciel, comme celui d'un enfant déjà pervers contre sa mère, probablement excités par quelque esprit de l'enfer, les yeux chargés d'un remords cuisant en même temps que haineux, dans un silence glacial, n'oser émettre les méditations vastes et ingrates que recelait leur sein, tant elles étaient pleines d'injustice et d'horreur, et attrister de compassion le Dieu de miséricorde; tantôt, à chaque moment du jour, depuis le commencement de l'enfance jusqu'à la fin de la vieillesse, en répandant des anathèmes incroyables, qui n'avaient pas le sens commun, contre tout ce qui respire, contre eux-mêmes et contre la providence, prostituer les femmes et les enfants, et déshonorer ainsi les parties du corps consacrées à la pudeur. Alors, les mers soulèvent leurs eaux, engloutissent dans leurs abîmes les planches; les ouragans, les tremblements de terre renversent les maisons, la perte, les maladies diverses déciment les familles priantes. Mais, les hommes ne s'en aperçoivent pas. Je les ai vus aussi rougissant, pâlissant de honte pour leur conduite sur cette terre; rarement. Tempêtes, soeurs des ouragans; firmament bleuâtre, dont je n'admets pas la beauté; mer hypocrite, image de mon coeur; terre, au sein mystérieux; habitants des sphères; univers entier; Dieu, qui l'as créé avec magnificence, c'est toi que j'invoque: montre-moi un homme qui soit bon!... Mais, que ta grâce décuple mes forces naturelles; car, au spectacle de ce monstre, je puis mourir d'étonnement; on meurt à moins.

Lockdown III

Richard Dove

Lockdown III Nicht mehr erotisch

Rainer Maria Rilke: Eros (1924)

Masken! Masken! Daß man Eros blende.
Wer erträgt sein strahlendes Gesicht,
wenn er wie die Sommersonnenwende
frühlingliches Vorspiel unterbricht.

Wie es unversehens im Geplauder
anders wird und ernsthaft... Etwas schrie...
Und er wirft den namenlosen Schauder
wie ein Tempelinnres über sie.

O verloren, plötzlich, o verloren!
Göttliche umarmen schnell.
Leben wand sich, Schicksal ward geboren.
Und im Innern weint ein Quell.

Covid

Masken! Masken! Dass uns Covid schone.
Wer erträgt sein krasses Nicht-Gesicht,
wenn er, präapokalyptisch, so’ne
Asche speit, den Frühling unterbricht.

Statt der Wesensschau sehn wir Klorollen,
die der Vordermann uns grad wegschnappt ..
Groß und namenlos ist das Wegwollen,
das in dieser Falle uns ertappt.

Horch, Pestglocke – hörst du das Gebimmel?
Liebste, komm, umarm mich gleich.
Kratzen wir Atlantis in den Himmel,
mit dir fall ich zeitlos weich.

Aus: Richard Dove: Unterwegs nach San Borondón. Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2020, S. 19