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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Irrsinniger Herbst

Roland Erb

DIE OKTOBERFRÜHE

Irrsinniger Herbst, du gehst
Straßen voll Laub und Blut:
Dunstiges Weichbild, du siehst
Dämmerung ringsum in Glut.

Einsame Taube, die hüpft
über Fliesen, knirschender Schrei.
Henkersmahlzeit, das Korn
bricht wie Dornen entzwei.

Nahender Winter, Tauben
hocken versteckt im Haus.
Irrsinniger Herbst, der nächste
bläst ihre Federn hinaus.

Aus: Roland Erb: DIE STILLE DES TAIFUNS. Gedichte. Berlin/Weimar: Aufbau, 1981, S. 10

Denke, schreibe, dichte

Yitzhak Laor

(יצחק לאור)
(* 11. April 1948 in Pardes Hanna-Karkur, Bezirk Haifa)

Dichten

Der Tote starb im Sommer und das Gedicht
entstand im Winter und auch Frühling
und Herbst zogen vorüber mehr als einmal
doch ich schreib es wieder
und wieder: Der Tote starb im Sommer
und das Gedicht entstand im Winter.
Ich schreib Gedichte um
nicht zunichte zu werden
und was tu ich wenn ich nicht schreib
und wie kommt es dass ich nicht zunichte werd
trotz alledem? Vielleicht weil
Dichten eine Art Gehen und Stehnbleiben ist
(Manchmal wart ich auf den Bus
an der Haltestelle und wenn er nicht kommt ergreift mich
Unruhe und ich geh bis zur nächsten Station
warte wieder, gehe
wieder, bleib stehn, verpasse, verspäte mich
langsam, eilig) Ich schreibe weil ich
zunichte werde, bin an jenen Punkten Dichter
an denen ich nicht schreibe, nicht gehe
nicht einmal sitze. Wo im großen Raum
ist der Punkt an dem ich (mich
nicht zunichte werdend denke, schreibe, dichte)

Aus: Aus: Yitzhak Laor, Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Berlin: Matthes & Seitz, 2018, S. 105

100 Jahre Menschheitsdämmerung

Am 2. Januar 2018 beschloss ich, in der hauptsächlich dem Kalender verpflichteten L&Poe-Anthologie im ganzen Jahr vorwiegend Gedichte von Frauen zu veröffentlichen. Das ist nicht leicht, wenn man den Lyrikkalender (s. hier und hier) verfolgt, der fast jeden Tag bedeutende Männer verzeichnet, aber meist nur wenige Frauen. Beispiel morgen: von 21 gelisteten Autoren ist gerade eine Frau, übermorgen von 15 zwei Frauen usw.

Das Vorhaben gelang. Wohl mehr als zwei Drittel der Beiträge stammten von Frauen. (Wahr ist auch, es ist niemand, Männ- od. Weiblein, aufgefallen – nun ja, außer Àxel Sanjosé, der mein Projekt tatkräftig unterstützt, wofür ich an dieser Stelle herzlich danke!).

Was also liegt näher, als wieder einmal ein ganzes Jahr einem Thema zu widmen, wenn es eh keineN stört. 2010 ist der hundertste Jahrestag der Anthologie Menschheitsdämmerung, die als Symphonie jüngster Dichtung begann und zum Dokument des Expressionismus wurde. Die L&Poe-Anthologie wird 2020 vorwiegend expressionistische Gedichte veröffentlichen, jeden Tag eins, Frauen und Männer, Ausländer und Deutsche. Der Expressionismus war eine deutsche und zugleich sehr internationale Bewegung, seine Verlage und Zeitschriften veröffentlichten außer deutschsprachigen auch italienische, tschechische, polnische oder serbische Dichtung. Ich werde meine Quellen sichten, bitte hier aber auch um Unterstützung. Wer kennt im deutschen Sprachraum wenig bekannte DichterInnen und Gedichte, deutsche oder ins Deutsche übersetzte und auch bisher nicht übersetzte? Wer möchte helfen, eine bunte vielsprachige Anthologie von 366 dem Expressionismus verpflichteten oder verwandten Gedichten zusammenzustellen? Nachfragen und Vorschläge gern an gratzhgw@gmail.com.

Ich werd noch verrückt

Ein rätselhaftes mittelenglisches Gedicht. Es steht in einem Manuskript des späten 13. Jahrhunderts, das ansonsten juristischen Kram enthält.

Foweles in the frith,        
The fisses in the flod,      
And I mon waxe wod.          
Mulch sorw I walke with       
For beste of bon and blod.
  1. Foweles: Fowls = Vögel, frith wohl = Wald, „Forst“
  2. fisses = Fische, flod = Fluss
  3. mon: muss? werde? waxe = „wachsen“ wie der Mond wächst, werden, wod = verrückt
  4. Mulch = Much, viel; andere Lesart: Sulch, wie dt. solch = such, sorw = Sorge, sorrow
  5. beste: entweder Biest oder best, bon = bone, Gebein

Text aus: Luria/ Hoffman: Middle English Lyrics. A Norton Critical Edition. New York, London: Norton, 1974, S. 7

Eine Übersetzung in modernes Englisch aus dem Netz:

Birds in the wood,
The fish in the river,
And I must go mad.
Such sorrow I walk with
For best of bone and blood.

Ich übersetze mit Silbenzählung* und Anklängen statt Reimen eine der möglichen Schichten:

Die Vögel in dem Forst,
Die Fische in dem Fluss,
Und ich werd noch verrückt.
So wandl ich Sorgen voll
um Tiere aus Fleisch und Blut.

Ist das ein früher Tierschützer? Ein romantisch Trauernder (weil die Tiere ihren Platz haben, er aber nicht)? Ein frommer Bibelleser? „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.“ (Matthäus 8, 20) Und ich werd noch verrückt.

(Ich bin natürlich nicht ich.Man sieht es daran, dass ich die Tierschützerversion übersetzt habe.)

*Das Original sind reine Sechssilbler, Foweles sind 3 Silben, in der letzten Zeile wird e vor folgendem Vokal elidiert: best‘ of. So in meiner Übersetzung: Tier‘ aus.

Des Herzens dunkle Stille

Miquel Costa i Llobera
(* 10. März 1854; † 16. Oktober 1922)

DINS UN JARDÍ SENYORIAL

Plau-me avançar per un jardí desert
quan creix l’ombra dels arbres gegantina,
vegent sota el ramatge que s’inclina
com lluny blaveja l’horitzó entrobert,

vegent muntanyes de contorn incert,
i en la pols d’or amb que la llum declina
daurada vagament qualque ruïna
dins la planura que en la mar es perd …

Plau-me veure de marbres rodejat
l’estany, on neden sobre l’aigua pura
bells cignes de plomatge immaculat.

I plau-me omplir la quietud obscura
de mon cor, amb la triple majestat
de la història, de l’art i la natura.

In einem herrschaftlichen Garten

Mir taugt’s zu wandeln in verlassnem Garten,
wenn riesig wächst der Schatten jedes Baums
und unter dem sich neigenden Geäst
ich einen Spalt des Horizonts seh blauen,

und Berge seh mit undeutlichem Umriss
und in dem goldnen Staub des späten Lichts
manch Ruine, die in vagem Gold verschwimmt
auf der zum Meer sich hinneigenden Landschaft.

Mir taugt’s zu sehen, ganz umringt von Marmor,
den Teich und Schwäne, die auf klarem Wasser
schwimmen mit makellosem Federkleid.

Auch taugt es mir, des Herzens dunkle Stille
zu füllen mit der dreifach edlen Hochheit,
bestehend aus Geschichte, Kunst, Natur.

(Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé)

Schläfrig beide, Hirt und Schaf

Friedrich Nietzsche

(* 15. Oktober 1844 – † 25. August 1900)

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Solang

Garcilaso de la Vega
(* 6. Februar 1503; † 14. Oktober 1536)

Soneto XXIII

En tanto que de rosa y de azucena
se muestra la color en vuestro gesto
y que vuestro mirar ardiente, honesto,
con clara luz la tempestad serena,

y en tanto que el cabello, que en la vena
del oro se escogió, con vuelo presto
por el hermoso cuello blanco, enhiesto,
el viento mueve, esparce y desordena:

coged de vuestra alegre primavera
el dulce fruto antes que el tiempo airado
cubra de nieve la hermosa cumbre.

Marchitará la rosa el viento helado,
todo lo mudará la edad ligera
por no hacer mudanza en su costumbre.

Sonett XXIII

Solang als Rose und als weiße Lilie
die Farbe sich auf Eurem Antlitz zeigt
und Euer brennender, stets keuscher Blick
mit hellem, klarem Licht den Sturm besänftigt

und solang Euer Haar, das goldner Ader
ward entnommen, mit seinem raschem Flug
am schönen weißen, wohlgestalten Hals
der Wind bewegt, ausbreitet und verwirbelt:

So lang noch pflückt von Eurem heit’ren Lenz
die süße Frucht, bevor die Zeit, erzürnt,
mit Schnee bedeckt den anmutigen Gipfel.

Die Rose lässt der Eiswind welken bald,
das flücht’ge Alter ändert alles ganz,
um ja am eignen Brauch nichts zu verändern.

(aus dem Spanischen v. Àxel Sanjosé)

 

Gott gibt die Stimmgabel ab

Paul Celan

ICH TRINK WEIN aus zwei Gläsern
und zackere an
der Königszäsur
wie Jener
am Pindar,

Gott gibt die Stimmgabel ab
als einer der kleinen
Gerechten,

aus der Lostrommel fällt
unser Deut.

»Das Verb zackern des Gedichts, vom mittelhochdeutschen ›zacker (zi achere/ze acker) gên‹, erinnert an das Schreiben Hofrat Gernings von 1805, in dem er von Hölderlin berichtet: ›Hölderlin, der immer halb verrückt ist, zackert auch am Pindar‹ – was in Celans Exemplar mit dreifacher Anstreichung versehen ist.

[…]

Neben dem Verweis auf Hölderlin durch die Worte ›zackern‹ und Pindar – Böschenstein nennt auch die Königszäsur – ist in diesem Gedicht über das Vokabular auch ein jüdischer Hintergrund erkennbar. Zudem ist es eines der (wenigen) Gedichte, in denen Gott als ein Subjekt des Gedichts direkt genannt wird. Die zwei Gläser deuten in dieser Lesart eine Trennung an und auf die Trennung der göttlichen Einheit hin. Ich trink Wein – die Menge ist hier wohl eher zweitrangig, hinter einer deutlich demonstrierten, und auf den ersten Blick ungewöhnlichen, Trennung – aus zwei Gläsern. Der Entstehungstag des Gedichts, der 29.11.1969, war ein Samstag, ein Schabbat. An einer Zäsur zu zackern, einer Trennlinie, bedeutet also zunächst möglicherweise die Scheidung des Festtags vom Alltag. Es ist die Königszäsur, an der das lyrische Ich ›zackert‹. Der Gott des Alten Testaments, der seinem Volk befahl den Schabbat zu heiligen, nennt sich König, melech. Wein aus zwei Gläsern zu trinken, bedeutet am Schabbat, zuerst den Kiddusch(Heiligungs)-Becher, also ein Glas zum Eingang, und dann den Hawdalah(Scheidungs)-Becher zum Ausgang des Feiertages rituell zu trinken.«

Aus:
Irene Fußl: Geschenke an Aufmerksame. Hebräische Intertextualität und mystische Weltauffassung in der Lyrik Paul Celans. Tübingen, Max Niemeyer Verlag 2008

Tantalussisch

Anna Louisa Karsch

(* 1. Dezember 1722 in Hammer bei Schwiebus; † 12. Oktober 1791 in Berlin)

An eine Freundin

Dies Tantalussische Verlangen,
Der heiße Fieberdurst in mir
Ist nun, dem Himmel Dank! vergangen.
Nun, meine Freundin! kann ichs Dir
Wohl sagen froh und unverholen,
Nun glüht mir Tag und Nacht der Mund
Nicht mehr wie angeflammte Kohlen,
Seitdem mir Milon hat befohlen:
„Bleib ruhig, bleib gesund –
Sonst kränkst du mich“ –
Er sprachs, und läßt mich denken:
Ihn, meinen Wunsch, mein Augenmerk,
Ihn, meinen Abgott! nicht zu kränken,
That die Natur ein Wunderwerk

Aus: Gedichte, 1792, Neuausgabe mit einer Biographie der Autorin. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2015

[Ich, Itzik]

Yitzhak Laor

[Ich, Itzik]

Nachts, Regen, wir gingen durch die Straßen der besetzten Stadt
Ausgangssperre. Vorneweg einer vom Geheimdienst, verantwortlich für den Offizier
der verantwortlich für uns, wir verantwortlich für den Informanten unter einer
Decke mit zwei Löchern für die Augen (wir werden leben,
ewig leben, der Todesengel ist in unsrer Hand) doch die Stimme ist
immer Jakobs Stimme: Hier spricht die Stimme der Jüdischen
Kampforganisation. Wer bist du? Ich bin Mordechaj
Anielewicz, und wer bist du? Ich bin Mordechaj Anielewicz,
und wer bist du? Ich bin Mordechaj Anielewicz

1990

Aus: Yitzhak Laor, Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Berlin: Matthes & Seitz, 2018, S. 63

Mordechaj Anielewicz (geboren 1919 in Wyszków, Polen; gestorben am 8. Mai 1943 in Warschau) war ein polnisch-jüdischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus im von Deutschland besetzten Polen während des Zweiten Weltkriegs. (Wikipedia)

ein reiches

Konrad Bayer

(* 17. Dezember 1932 in Wien; † 10. Oktober 1964 ebenda)

dann bin ich gestorben

ich wurde geboren
am 17. august
bald wurde ich grösser
doch war’s mir nicht bewusst
ich lernte auch sprechen
und bausteine brechen
dann bin ich gestorben
am 17. august
ein jahr nur ein jahr nur
hat mir gott geschenkt
doch war es ein reiches
wenn man es recht bedenkt

Aus: Konrad Bayer: Sämtliche Werke. Hrsg. Gerhard Rühm. Überarb. Neuaufl. Wien: ÖBV Klett-Cotta, 1996, S. 91

Aus: Bulletin D

Johannes Theodor Baargeld

(Zentrodada, * 9. Oktober 1892 als Alfred Ferdinand Gruenwald in Stettin; † 18. August 1927 am Mont Blanc)

Ahehe: Cezanne ist chewing-gum. Der Grunewald verdaut van Goghs gelbes Gebiss. Van Gogh roch aus dem Mund und ist tot. Eljen dada!

Behehe: Die Phallustrade der Expressionisten erschöpft den Lezithinvorrat der gesamten bebauten wie bekannten Bauchrinde. Die Bauchbinde der Patti ist beigesetzt. Die Leichenbeschauer Dr. Rudolf Steiners traten der internationalen Assoziation DADA (iadede) bei. Eviva dada!

Cehehe: incasso cassa picasso. Citoyen pablo picasso verteilt sein abgeschlossenes oeuvre an die Witwen Madrids. Nunmehr sind die Witwen in der Lage, einen Kursus in schwedischer Massage zu nehmen, um da …. picasso Umdada?

Dehehe: Der Zahnrat war ein Weib. Der Expressionismus ist eine Hautbinde mit Nabelschnurcharakter. Meldung: Bindehaut intakt.

Ehehe: Es kann deshalb Prof. Oskar Kokoschka heutzutag mit Sicherheit als Erfinder des automechanischen Blutegels „Selbsthilfe“ angesprochen werden. Et Propopo, et Propopos!

Fehehe: Hasenclevert in weißer Tennishose! Hasenclevers, vereinigt euch! Da, ut dem dada.

Gehehe: Am Unterleib der Gesellschaft wächst die Kunst. Die Kunst wächst in den Unterleib. Das Geheimnis des Oberleibes ist sein unterer Leib. Die Kunst ist revolutionär bis zum Unterleib. Die Gesellschaft hat sich den Expressionismus eingeführt, a = o = expr = Unterleib = hämorrhoidalsuppositorium.

Hahehe: Die expressionistischen Dichter dichten, weil die expressionistischen Nichtdichter nicht schweigen. Himmel Höll und Klotzkapöll – Dreifach lyrisches Gebröll – Däublerbrillatine sternt – Lichtschachtwerfel ganz entfernt – Becher erdrubinern lernt, dada.

[…]

(1919)

Aus: Johannes Theodor Baargeld: Lyrik und Prosa des Zentrodada. Steinmeier Verlag Nördlingen, 2001

Fragt uns aus

Hans Sahl

(* 20. Mai 1902 in Dresden; † 27. April 1993 in Tübingen)

Die Letzten

Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.
Wir tragen den Zettelkasten
mit den Steckbriefen unserer Freunde
wie einen Bauchladen vor uns her.
Forschungsinstitute bewerben sich
um Wäscherechnungen Verschollener,
Museen bewahren die Stichworte unserer Agonie
wie Reliquien unter Glas auf.
Wir, die wir unsre Zeit vertrödelten,
aus begreiflichen Gründen,
sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden.
Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.
Unser bester Kunde ist das
schlechte Gewissen der Nachwelt.
Greift zu, bedient euch.
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.

Aus: Hans Sahl. Ein Leseheft. Luchterhand 2008

An mich

Else Lasker-Schüler

(geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld, heute Stadtteil von Wuppertal; gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem)

AN MICH

Meine Dichtungen, deklamiert, verstimmen die Klaviatür meines Herzens. Wenn es noch Kinder wären, die auf meinen Reimen tastend meinetwegen klimperten. (Bitte nicht weitersagen!) Ich sitze noch heute sitzengeblieben auf der untersten Bank der Schulklasse, wie einst … Doch mit spätem versunkenem Herzen: 1000 und 2-jährig, dem Märchen über den Kopf gewachsen.

Ich schweife umher! Mein Kopf fliegt fort wie ein Vogel, liebe Mutter. Meine Freiheit soll mir niemand rauben,– sterb ich am Wegrand wo, liebe Mutter, kommst du und trägst mich hinauf zum blauen Himmel. Ich weiß, dich rührte mein einsames Schweben und das spielende Ticktack meines und meines teuren Kindes Herzen.

Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. München: Kösel, 1984 (3. Aufl.) S. 215

Liebeslied

Chaim Nachman Bialik

„(hebräisch חיים נחמן ביאליק, vereinzelt auch: Chaim Nachum Bialik; geboren 9. Januar 1873 im Dorf Radi, in der Nähe von Schitomir, Russisches Kaiserreich [heute Ukraine]; gestorben 4. Juli 1934 in Wien) war ein jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Er ist einer der einflussreichsten hebräischen Dichter und wird in Israel als Nationaldichter angesehen.“ Wikipedia

BIRG MICH UNTER DEINEN SCHWINGEN

BIRG mich unter deinen Schwingen!
Willst mir Mutter, Schwester sein?
Und dein Schoß mir Nest und Zuflucht
Flehender, verirrter Pein?

In des Dämmerns frommer Stunde
Offenbart mein Leiden sich.
Sagt man: In der Welt ist Jugend —
Wo ist meine Jugend, sprich?

Und noch ein Geheimnis höre!
Brannt’ mein Herz bis an den Grund!
Sagt man: In der Welt ist Liebe —
Was ist Liebe? — Tu’s mir kund!

Sterne haben mir gelogen,
Schwand auch dieser Traum des Lichts.
Und ist alles nun verzogen —
Blieb mir nichts. —

Birg mich unter deinen Schwingen!
Willst mir Mutter, Schwester sein?
Und dein Schoß mir Nest und Zuflucht
Flehender, verirrter Pein?

Aus: Chaim Nachman Bialik, Ausgewählte Gedichte. Deutsche Übertragung von Ernst Müller. Wien und Leipzig: Rowohlt, 1922, 2. Aufl., 4.-6. Tsd S. 125