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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Białoszewski 100

Und wieder ein 100. Geburtstag!

Miron Białoszewski 

(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda) 

KRIEGSMYTHEN

DREI

Die eine floh.
Die zweite floh.
Die dritte
verhakte sich in der Tür.

EINER

Hockte sich unter den Tisch 
und blieb verschont.

Deutsch von Dagmara Kraus. Aus: Miron Białoszewski, Wir Seesterne. Gedichte. Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus. Leipzig: Reinecke & Voß, 2012, S. 35f

MITY WOJENNE

TRZY

Jedna uciekła.
Druga uciekła. 
Trzecia 
zacięła się w drzwiach.

JEDEN

Ukucnął pod stół 
i ocalał.

Vasko Popa 100

Heute vor 100 Jahren wurde Vasko Popa geboren.

Vasko Popa 

(serbisch Васко Попа, geboren am 29. Juni 1922 in Grebenac; gestorben am 5. Januar 1991 in Belgrad) 

POESIESTUNDE

Wir sitzen auf der weiten Bank 
Unter dem Lenau-Denkmal

Wir küssen uns 
Und sprechen so nebenbei 
Über die Verse

Wir sprechen über die Verse 
Und küssen uns so nebenbei

Der Dichter schaut durch uns hindurch 
Durch die weiße Bank 
Durch die Kieselsteine des Pfads

Und schweigt so schön 
Mit seinen schönen kupfernen Lippen

Im Stadtpark von Vršac 
Lerne ich langsam 
Worauf es im Gedicht ankommt

Deutsch von Milo Dor, aus: Poesiealbum 203. Vasko Popa. Berlin: Neues Leben, 1984, S. 30f

Die Freiheit kommt nackt

Zum 100. Todestag des russischen Dichters Welimir Chlebnikow ein Gedicht in 3 Fassungen.

Welimir Chlebnikow 

(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan, heute Kalmückien; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod) 

Die Freiheit kommt unbekleidet, 
Blumen wirft sie dem Herzen zu,
Und wir sind, mit ihr ins Gleichschritt, 
im Gespräch mit dem Himmel per Du. 
Wir, die Krieger, trommeln mit barscher 
Hand auf die Schilde das Wort:
„Es werde das Volk unser Herrscher 
immer, immerdar, hier wie dort!“ 
Singen solln an den Fenstern die Mädchen 
zwischen Liedern von alter Schlacht 
über die der Sonne treu untertänige 
Volksselbstherrschermacht.

Deutsch von Elke Erb, aus: Welimir Chlebnikow, Ziehn wir mit Netzen die blinde Menschheit. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 71

DIE FREIHEIT KOMMT NACKT

Die Freiheit kommt strahlend und nackt, 
streut Blumen aufs Herz, immerzu.
Wir schreiten im rhythmischen Takt 
und stehn mit den Sternen auf Du.
Wir schlagen, uns bleibt keine Pause, 
den Schild und vernehmen den Schall. 
Das Volk soll der Herr sein im Hause, 
bei euch wie bei uns, überall.
Laßt singen die Mädchen beim Baden 
ein Lied von vergangener Zeit.
Wir bleiben, von eigenen Gnaden, 
das Volk, nun erwacht und befreit.

12. April 1917

Deutsch von Wilhelm Tkaczyk, aus: Welemir [sic!] Chlebnikow. Poesiealbum 107. Berlin: Neues Leben, 1976, S. 3

Свобода приходит нагая
Бросая на сердце цветы,
И мы с нею в ногу шагая,
Беседуем с небом на ты.
Мы воины смело ударим
Рукой по веселым щитам,
Да будет народ государем
Всегда, навсегда, здесь и там.
Пусть девы споют у оконца
Меж песень о древнем походе
О верноподданном Солнце,
Самодержавном народе.

1917

Grüne Melodie

Andreas Okopenko 

(* 15.März 1930 in Košice / Tschechoslowakei; † 27. Juni 2010 in Wien) 

Grüne Melodie

                                         ... grüne Melodie blaues Mädchen 
                                         weiß sind die Ferien.

Ich grüne in der Wiese des Jungdorfes 
Mein Hof ist gelb von Mädchen Getreiden 
Mein Mädchen ist gelb von Hof Getreiden 
Ich grüne im Getreide des Jungdorfes

Die Sonne geht den Weg zur Marktstadt 
Mein Mädchen geht den Weg zur Marktstadt 
Mein grünes Getreidemädchen mein grünes Wiesenmädchen 
Mein grünes Jungdorfmädchen geht den Weg zur Marktstadt

Die Marktplätze sind mit Kürbissen 
Die Kürbisse sind weißer Staub der Marktplätze 
Der weiße Staub der mittäglichen Marktplätze 
Der weiße Staub der Weg zum Haus zum Mädchen zum Garten

Ich grüne den Nachmittag im Mädchengarten 
Ich grüne nun schon im Mädchengarten 
Ein kühles Zimmer ein blaukariertes Tuch 
Ein Mittagskrug ein blaues Glas ein Wasser

Eine jüngere Schwester die eifrig das Grün der Kinder spielt 
Eine jüngere Schwester die fortgeht und uns allein läßt 
Das Kinderspiel das Wasser plätschert blau 
Mein Mädchen im abgesetzten kühlen Zimmer

Ich bin das kühle Zimmer ich bin im kühlen Zimmer 
Ich bin wo das Mädchen ist schließlich ich bin bei dem Mädchen 
Das Mädchen und das Wasser ich trinke das Wasser 
Der Krug ist das Zimmer er faßt uns beide

Eine Ameise kriecht über die lateinische Grammatik 
Ein Blatt ist zum Fenster hereingekommen 
Ein Tropfen Wasser ist über meinen Mund gelaufen 
Eine langsame kleine Uhr macht den Nachmittag aus Aluminium

Ich glänze silbern in der Sonne wie Aluminium 
Ich habe meine Uhr im Blumentopf in Erde eingegraben 
Mein Mädchen ist nicht der Käfer der über das Holz läuft 
Mein Mädchen liegt im Sommerkleid auf dem Fensterbrett

Auf dem Fensterbrett auf dem leichten Sessel dem lichten Kasten 
Dem Schatten dem Erinnern an die Sonne dem Nachmittag dem Garten 
Ich begreife den Kleinen gut, der Karten spielen geht 
Ich begreife die Kleine die in grüne Blätter ihre Finger hält

Ich weiß daß Pythagoras wichtig ist und Aristides und Caesar 
Ich rebelle auf gegen die eingebundene Schule 
Das schwarze Brett die Verordnung den Schularzt daß die Kreide trocken ist 
Daß das Tafeltuch feucht ist daß das Butterbrotpapier braun ist

Ich vergnüge die Ferien der Kinder der Kleinen der Käfer 
Das Wasser den blauen Spiegel den Sonnenbrand die Eisenbahn 
Den Hofhund den gelben, die kleine Brut die Fellbälle 
Die rote Masche der Katze, die Maus mit dem Speck in der Falle

Ich bin die Ferien ich bin das Grün 
Ich grüne auf der Wiese im Getreide 
Ich blaue im Zimmer des Mädchens 
Im Nachmittag, ich blaue im Mädchen.

Aus: Mein Gedicht ist die Welt II. Hrsg. Wolfgang Weyrauch. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 425f

Patrizia Cavalli †

Patrizia Cavalli

(* 17. April 1947 in Todi, Italien, † 21. Juni 2022 in Rom)

*** 

Se ora tu bussassi alla mia porta
e ti togliessi gli occhiali
e io togliessi i miei che sono uguali
e poi tu entrassi dentro la mia bocca
senza temere baci disuguali
e mi dicessi: «Amore mio,
ma che è successo?», sarebbe un pezzo
di teatro di successo.

© Einaudi
Aus: L'io singolare proprio mio. Turin: Einaudi, 1999


*** 

Würdest du jetzt an meine Tür klopfen
und deine Brille abnehmen 
und ich meine, die gleich ist 
und kämst du in meinen Mund 
ohne Furcht vor ungleichen Küssen 
und sagtest zu mir: »Liebste, 
was ist denn jetzt passiert?«, der Erfolg 
des Stücks wär garantiert.

Übersetzt von Piero Salabé
Aus: Patrizia Cavalli: Diese schönen Tage. Ausgewählte Gedichte 1974-2006. München: Carl Hanser (Edition Lyrik Kabinett), 2009

Glosse eines dichtenden Katers

Zum 200. Todestag von E.T.A. Hoffmann (* 24. Januar 1776 in Königsberg, Ostpreußen; † 25. Juni 1822 in Berlin) ein Gedicht des schreibenden Katers Murr (aus den Lebensansichten des Katers Murr). Es ist übrigens eine Glosse auf einen Text von Goethe, den Franz Schubert vertont hat (Goethe/Schubert siehe unten). Zunächst aber der dichtende Kater.

Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen,
Hör' ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art'ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft'ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann's beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr' ich über Mau'r und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Die Sonne sagt nichts

LDL / Pier Zellin

1.Nahbell-Nebenpreis 2022: Liga der Leeren (LDL) für einen Essay von 2018 (siehe hier)


HEILIGES Q

das gras saftig grün
nebenan sterben menschen
die sonne sagt nichts

(2020)

Stromkästen und Strohrum

Meike Wanner aus Düsseldorf erhält den 4. Nahbellförderpreis (vgl. hier). Hier ein Gedicht.

Stromkästen und Strohrum 

Ich verabschiede die Wohnungstür
mit dem Schlüssel zur Welt
trete den Bürgersteig mit Füßen
der sich zieht
wie das Kaugummi
unter den Sohlen
die holen Meter um Meter ein und nicht
um den Tag zu ohrfeigen
aus
den Stromkästen flüstern die Sticker mir
geheime Botschaften
zu denen gehört auch
der mit dem Feuer
und die vielen, die ich nicht verstehe
die Alten und Abgepulten
und der der sagt
dass alles gut wird
neben "acab" und "die Welt ist abgeschrieben"
klingt das fast wie Satire
ich will dazu schreiben schreien
dass alles gut ist
solange wir es lassen
aber wer würde das schon hören?
die Menschen sicher nicht die sind doch
zu beschäftigt damit
halbleere Gläser Strohrum zu exen
(Wodka reicht ja längst nicht mehr)
der Stromkasten
trägt meine Worte, Sticker, Tinte
höchstens elektronisch davon und auch dann
nur an die
die sie hören wollen –

(2021)

Letzte Fragen

Hier und an den folgenden Tagen jeweils ein Gedicht der Preisträger der Nahbellpreise 2023 (siehe hier). Der Nahbellhauptpreis ging an René Oberholzer.

René Oberholzer

"Letzte Fragen" (2019)

Und wenn es eine letzte Frage
Im Universum noch gäbe
Würde ich sie
Mit dir teilen wollen
Und zwar so lange
Bis es eine neue
Letzte Antwort
Geben würde

Und wenn es keine letzte Frage
Im Universum mehr gäbe
Würde ich dich küssen
Auf 10 verschiedene Arten
Und zwar so lange
Bis es eine neue
Letzte Frage
Geben würde

23. NAHBELL-PREIS

„Je mehr die Digitalisierung unseren Alltag dort durchdringt, wo sie wegen der Arbeit oder sonstigen Gründen unerlässlich ist, desto mehr ist auch die Sehnsucht da, Sachen, die nicht zwingend am PC oder am Handy gemacht werden müssen, auch wieder analog zu machen, und dazu gehört auch das Lesen. Vermehrt wäre es auch begrüssenswert, wenn Personen, für die Geld kein Thema ist, Gedichte von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren in Zeitungen veröffentlichen oder als Werbung schalten würden wie ein Werbegeschenk an die Literatur.“
René Oberholzer, im Nahbellhauptpreis-Interview 2022


„Dass Lebenszeit mit Lyrikschreiben verplempert wird, würde ich grundsätzlich auch nicht so sehen und wohl auch entschieden dagegen argumentieren, würde mir das tatsächlich jemand vorwerfen. Mit Lyrik holt man im Gegenteil das Meiste aus einem sehr kurzen Zeitraum – und konserviert es! Außerdem liegt die Relevanz von Lyrik auch im Schreiben selbst. Wer schreibt, hat etwas zu sagen; Lyrik bietet eine Möglichkeit, das auf eine Art und Weise in Worte zu fassen, die im Alltag und im gesprochenen Wort nicht möglich wäre.“
Meike Wanner, im Nahbellförderpreis-Interview 2022

„Jetzt spürst du das Wachsen des Grashalms, das Aufgehen der Sonne, das Welken der Blätter, den Zerfall deiner Haut und Organe, das Sterben und das Geborenwerden. Jetzt BIST DU das Leben, du bist pure Wahrnehmung, ohne ein Zentrum in dir zu benötigen, das alles auf sich bezieht. Und du bist endlich kein Nazi mehr, auch kein Linksradikaler und auch kein Flüchtling, kein Präsident und kein Kapitalist – du bist einfach nur „da“ und begegnest der Gegenwart in ihrer totalen Gegenwärtigkeit, weil deine wahre Identität aus ihr und nichts anderem außer der Gegenwart in all ihren Aspekten selber besteht.“
LIGA DER LEEREN, im Nahbellnebenpreis-Essay 2022

31 PREISTRÄGER:INNEN IN 23 JAHREN – 2022 GEHT DER 23.NAHBELL-HAUPTPREIS (FÜR DAS LYRISCHE GESAMTWERK) AN RENÉ OBERHOLZER, DER 4.NAHBELL-FÖRDERPREIS (FÜR DAS NACHWUCHSTALENT) AN MEIKE WANNER UND DER 1.NAHBELL-NEBENPREIS (FÜR DEN UNERWARTETEN ESSAY) WIRD DER LIGA DER LEEREN (LDL) ZUGESPROCHEN!

G&GN-PRESSEMITTEILUNG @ POESIEPREIS.de / Der 23. Nahbellhauptpreis-Gewinner René Oberholzer stammt aus der Schweiz (nach Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd der zweite Schweizer Nahbeller) und ist mit der Veröffentlichung seines Gesamtwerkes noch längst nicht fertig, obwohl er bereits eine große Anzahl an Gedichten, die auch in Buchform erhältlich sind, im Laufe seines Lebens auf zahlreichen Bühnen performte. Die junge 4. Nahbellförderpreis-Gewinnerin Meike Wanner ist eine Düsseldorferin (nach A.J. WeigoniKarin Posth und Sigune Schnabel bereits die vierte nahbellende Düsseldorferin!) und hat ihr ganzes Leben noch vor sich, gewann aber bereits 2 Literaturpreise und wurde schon in mehreren Anthologien veröffentlicht. Trotz des gewaltigen Altersunterschiedes und der unterschiedlichen poetologischen Ansätze verbindet beide Preisträger viel mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Vergleicht man die beiden Interviews, mag man kaum glauben, dass sie sich nicht abgesprochen hätten, aber sie wussten de facto nichts voneinander! Als neue Kategorie wird außerdem 2022 erstmals der sogenannte NEBENPREIS verliehen, der sich nicht an Lyriker richtet, sondern an „unerwartete“ Essayisten. Mit ihrem psychophilosophischen „N.A.Z.I.-BRANDBRIEF“ hat die Liga der Leeren (LDL) bereits 2018 einen Nerv der Gesellschaft getroffen, der gerne verdrängt wird: die Frage nach einer politischen Haltung von „spirituell“ orientierten Menschen und den tabuisierten Gründen für Fanatismus aller Richtungen…


23.NAHBELL-HAUPTPREIS 2022

RENÉ OBERHOLZER

NAHBELLHAUPTPREIS-INTERVIEW „KEINE SCHLUSSHARMONIE: TURNING POINTS ALS SÜSS-SAURER DENKAUSLÖSER

Das vollständige Interview hier


AUSGEWÄHLTE ZITATE:

Jeder Text hat im besten Fall eine Seele und da muss man den richtigen Ton finden oder bewusst einsetzen, damit der Text seine Wirkung nicht schmälert, sondern noch ausbaut, aber das ist ein weites Feld. Man muss sich diesem Feld einfach bewusst sein. Und eines wollen ja alle, die auf die Bühne gehen: Sie wollen mit ihren Texten berühren, entweder das Herz, die Seele, das Lachzentrum, den Ekel oder die Freude, die Zuneigung oder die Abneigung, doch nur eines dürfen sie nicht: kalt lassen.

Ich hatte früher eher die Tendenz, die Gedichte zu komprimieren, zu verdichten im Sinne von zusammenpressen. Heute habe ich gemerkt, dass auch längere Gedichte, die weniger assoziativ und komprimiert sind, sondern mehr erzählend oder mäandrierend funktionieren, auch ihren Reiz haben. Dabei geht es heutzutage weniger um einen Knalleffekt, sondern um einen Überraschungseffekt, der im besten Fall noch mit einem Denkauslöser gekoppelt ist.

Vielfalt in den Formen, die sich aber keiner Reime bedienen, meine relativ grosse Bandbreite an Themen, die von der Liebe über die Gesellschaftskritik bis zum Tod reichen, meine oft nüchterne Sprache, meine Sprachspielereien, meine Inhalte, die oft wie kleine Geschichten daherkommen, meine Turning Points oder auch Pointen, die den Text oft süss-sauer erscheinen lassen oder in die eine oder andere Richtung drehen, und mein gnadenloser Blick, um auch unangenehme, zwischenmenschliche Themen zu verschriftlichen, die sich oft dem bürgerlichen Bedürfnis nach Schlussharmonie entziehen.


Die einen Themen im privaten Bereich erlebt man hautnah und werden textlich verarbeitet und andere Themen erlebt man nicht hautnah, aber sie kommen einem auch aus einer Distanz sehr nahe, weil sie etwas beinhalten, zu dem man sich äussern muss. Natürlich bin ich mir bewusst, dass man mit dem Schreiben einen Krieg nicht stoppen und die Welt nicht aus den Angeln heben kann, aber ein Gedicht kann im besten Fall Mut und Trost denen geben, die sich in einer ähnlichen Ohnmacht befinden.


4.NAHBELL-FÖRDERPREIS 2022

MEIKE WANNER

NAHBELLFÖRDERPREIS-INTERVIEW „DIE BEVORZUGUNG UNSCHÖNER BLICKWINKEL ALS BLEIBENDER EINDRUCK“

Das vollständige Interview hier


AUSGEWÄHLTE ZITATE:

Dass Lebenszeit mit Lyrikschreiben verplempert wird, würde ich grundsätzlich nicht so sehen und wohl auch entschieden dagegen argumentieren, würde mir das tatsächlich jemand vorwerfen. Mit Lyrik holt man im Gegenteil das Meiste aus einem sehr kurzen Zeitraum – und konserviert es!

Ein gelungenes Gedicht kann Emotionen erwecken und Probleme benennen, Denkanstöße geben, sogar zum Handeln bewegen, eine Sprache und Raum bieten und letztlich den Moment vollkommen einnehmen. In diesem Zusammenhang darf Lyrik genau das: auch unangenehm, kritisch und schwierig sein, weil genau dadurch diese Möglichkeiten entstehen. Daher denke ich auch, dass Lyrik durchaus etwas beeinflussen kann!


Es besteht auch kein Zwang zu schreiben; als ich damit anfing, war Lyrik zwar noch ein Mittel zum Zweck, um negativen Emotionen Raum zu geben. Mittlerweile bin ich aber längst darüber hinaus, brauche das nicht mehr und bevorzuge einfach diese unschönen Themen, Blickwinkel oder Beschreibungen.

Ein Gedicht ist dann fertig, wenn ich die Aussage so untergebracht habe, dass eine Dichte erzeugt wird – vor allem atmosphärisch und emotional. Bei einem gelungenen Gedicht spüre ich diese Dichte in Form eines bleibenden Eindrucks. Mittlerweile spiele ich lieber mit Satzbau und Zeilensprüngen, um den Fokus umzulenken, und verwende gern eine Wortwahl, die im ersten Moment unpassend oder auch irritierend wirken könnte; außerdem versuche ich das Gedicht entsprechend abzuschließen, sodass im Idealfall die aufgebaute Atmosphäre zum Ende hin gipfelt.

1.NAHBELL-NEBENPREIS 2022

LIGA DER LEEREN

NAHBELLNEBENPREIS-ESSAY VON 2018: „SPIRITUELLER N.A.Z.I.-BRANDBRIEF: N.ATURWUNDER A.STRONOMIE Z.ENBUDDHISMUS I.NTROSPEKTION“

Der vollständige Essay hier


AUSGEWÄHLTE ZITATE:

Rechtsradikale und Linksradikale haben einen gemeinsamen wunden Punkt, den sie sogar mit der politischen Mitte teilen. Sie alle sind Opfer der größten Zivilisationslüge, aufgrund derer die Menschheit sich lächerlich macht im Angesichte der essenziellen Erkenntnisse, die von Naturwundern, der Astronomie, dem Zenbuddhismus und der Introspektion ausgehen: des narzisstischen Aberglaubens an die ichverhaftete Identität des Individuums.


Nazis, Autonome, Bürger, Flüchtlinge, Präsidenten, Terroristen, Nudisten, Konservative, Anarchisten, Künstler, Philosophen, Pragmatiker, Freaks und Gurus – sie alle sind Anhänger derselben Sekte, die an die Existenz ihres Egos glaubt. Und dieses Ego, ganz gleich welcher Ausrichtung, verteidigt seine eigene Illusion, indem es für eine Ideologie kämpft, auf die es programmiert wurde.


Es wird immer von allen Ideologien genug Menschen geben, um die Beschäftigungstherapie des humanen Normalfanatismus fortzusetzen, solange die Selbstsoldaten nicht ansatzweise begreifen, dass ihr gesamter Glaubenskrieg auf einer Lüge fußt. Früher schien es ein Tabubruch zu sein, zu behaupten, es gäbe keinen Gott, aber heute besteht das viel größere Tabu darin, zu erkennen, dass der Erkennende selbst eine Illusion ist.

„Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft“

Zur Einführung des Nebenpreises


Aus „Der Abenteurer“

Walter Hasenclever 

(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)

Als ich noch ängstlich war und keinen kannte. 
Als keine Frau, kein Freund, kein Buch mich nannte. 
Als ich noch jung war, heiß und wild bemüht: 
Wie war ich dumm! Wie stark! Und wie verfrüht! 
Ich weiß nicht, ob es gut war mich zu ändern. 
Doch was ich sah und was ich tat, war gut. 
Von all dem Schwarm in flatternden Gewändern 
Bekränz ich deine Stirne, Lebensmut! 
Nur wir sind würdig, alles zu genießen. 
Die wir genießen, ohne Ziel und Norm, 
Und die wir, groß im Auseinanderfließen, 
Einst wieder wachsen: einsam und zur Form.

Aus: Walter Hasenclever: Der Jüngling. Leipzig: Kurt Wolff, Zweites bis viertes Tausend, 1913, S. 23

Zum Kongress „Hijacking Memory“

L&Poe Journal #02 | Betrachtung und Kritik

Gastkommentar von Oliver Tepel (Köln)

Eine neue antisemitische Strategie: Wer vom Holocaust spricht, soll ein Rechtsradikaler sein.
Es klingt unfassbar, war aber das Hauptthema des Kongresses ‚Hijacking Memory“, der kürzlich im Berliner Haus der Kulturen stattfand. Wie kann es zu solchen beklemmenden Thesen kommen? Das was man „Woke“ nennt, jene aktuelle Zusammenfassung der Weltsicht der studentischen Linken, ist keine Theorie und kann auch keine sein, denn sie strebt nicht nach Konsistenz, sondern nach Macht. Sie ist sich gewiss, die Welt zu verbessern, so sind junge Menschen, die mit der Welt hadern, so war man vielleicht selbst. Statt wirklicher Theorie nutzt man heute Sprachspiele: mittels sprachlicher Bilder will man neue Realitäten schaffen. Dennoch bedarf es natürlich der Begriffe. Die begriffliche Idee der Gerechtigkeit der Woken beruht etwa oft auf einer naturalisierten Identität, zum Beispiel dem der Rückgabe von Gebieten, welche die sogenannte „westliche Kultur“ von anderen, als wahrer und reiner und friedfertiger verstandenen Kulturen erobert hat. Tatsächlich ist es gut, wenn sich der Starke fragt, was mit welchen Mitteln erreicht wurde, wer gelitten hat und was an Gutmachung zu tun ist. Selbstkritik ist eine harte Aufgabe und mag auch Verzweiflung, wie den Wunsch, das zu Kritisierende von sich selbst abzugrenzen, mit sich bringen. „Wer war zuerst hier?“, so lautet eine Kernfrage des Wunsches nach Wiedergutmachung. In ihrem Hass auf die Juden kann die Woke Bewegung diese Frage aber nicht stellen, denn die Juden waren nunmal zuerst da, wo der Staat Israel ist. Also assoziieren sie, als Trick, Israel mit „dem Westen“, den die Woken, selbst Kinder des Westens und seiner Idee von Moral und Selbstkritik, ja so zu hassen vorgeben. Doch Selbsthass ist eben auch eine Form der Selbstliebe, der Idee, irgendwas mache man wohl lediglich falsch, da ja die eigene Größe und Gutheit nicht genügend gewürdigt wird. Man muss also besser werden! Aus diesem Denken der Selbstoptimierung und des sie begleitenden Hochmuts entsteht Hass, jener tiefe innere Ansporn der ganzen, ach so friedfertigen Woken. Bessere Menschen sein, schlechtere Menschen massregeln. Sie verstehen ihre Aggression hinter einer pädagogisierten Sprache zu verstecken. Just hier findet sich das Zentrum des Hasses der Woke-Genannten, denn hier funktioniert, was stets im Antisemitismus funktioniert: die Konstruktion des „Anderen“: die Juden sind wie wir (der Westen), aber sie sind auch anders (eben Juden). So werden sie zu dem Feind per se, ausgegrenzt aus dem Bereich der Selbstliebe. Jene benannte intellektuelle und moralistische Linke hasst die Juden so sehr, daß sie nun versucht, jede Erinnerung an den Holocaust mit dem, was sie „die Rechten“ nennen, in Verbindung zu bringen. Dieser Strategie war der Kongress „Hijacking Memory“ gewidmet. Sein Ziel: wer an den Holocaust erinnert, soll als Nazi gelten. Das gleicht Putins sprachlicher Strategie in seinem Eroberungskrieg gegen die Ukraine, doch es ist sogar in diesem Vergleich noch weit abscheulicher und bösartiger, es ist die an verlogener Grausamkeit kaum zu überbietende Idee, die Juden und die Nationalsozialisten hätten gemeinsame Sache gemacht, damit es heute Israel gibt. Die linken Antisemiten müssen solch einen Wahnsinn kolportieren, ihr beschriebener Hass (der die studentische Linke schon zu Zeiten des RAF-Terrors wie auch heute Allianzen mit jenen im Nahen Osten knüpfen ließ, welche die Juden ebenfalls hassen) treibt sie dazu an. Doch da gibt es eine einfache Tatsache, die zwar ihrer woken Argumentationsweise entspricht, aber dem, was sie erreichen wollen widerspricht: Die Juden waren zuerst da, es ist ihr Land.
Was stimmt: Nationalsozialisten sind in Deutschland weiterhin eine Gefahr für das jüdische Leben, der Anschlag von Halle machte dies wieder erschreckend deutlich. Die woken Intellektuellen werden keine Anschläge verüben, aber sie sind solidarisch mit jenen, welche die Juden aus Israel vertreiben wollen und sie sind mächtig, sie bestimmen medial und zusehends auch politisch, wie Israel wahrgenommen und bewertet wird. Eine große antisemitische Kampagne ist im Gang, bitte seien Sie wachsam, was die Verschiebung von Bewertungen und das finstere Raunen angeht!

Kommentare zum Kongress

der Freitag | Die Welt |

Scheiss / Perseus

Inua Ellams

FUCK / PERSEUS

Regarding the claim / some women enable sexual predators / consider power structures / consider Mount Olympus / a gleaming symbol / of aspiration / of masculinity / so toxic / when Poseidon raped the mortal maiden Medusa / in Athena’s smaller temple / Athena cursed its defilement / blamed Medusa / turned her scaly-skinned / snaked-headed / of such ugliness / to see her was to freeze the blood / to stone then Perseus comes along / all swashbuckling bastard / all gleamingshielded schmuck / to slay her / slice her / spear her swirling skull / and all the men cheered / and Poseidon stayed silent / his crime forgotten when Perseus won / And story by story / myth by myth / urban legend by urban legend / locker room talk by locker room talk / men make other men

SCHEISS / PERSEUS

Was die Behauptung angeht / manche Frauen würden Vergewaltiger anziehen / muss man sich nur die Machtstrukturen anschauen / muss man sich nur den Berg Olymp anschauen / ein strahlendes Symbol / des Verlangens / einer Männlichkeit / die so toxisch ist / dass Athena ihren kleineren Tempel verfluchte / nachdem Poseidon dort die schöne Sterbliche Medusa vergewaltigt hatte / Athena fand ihn geschändet / gab Medusa die Schuld / verwandelte sie in ein schuppenhäutiges / schlangenhäuptiges / Scheusal / wer sie erblickte dem erstarrte das Blut / zu Stein aber dann kam Perseus / ein Abenteurer und Arschloch / ein Schwachkopf mit strahlendem Schild / und schlachtete sie ab / schnetzelte sie / spießte ihren Schädel auf seinen Speer / und alle Männer jubelten / und Poseidon blieb stumm / sein Verbrechen mit Perseus‘ Sieg vergessen / Und Geschichte um Geschichte / Mythos um Mythos / moderne Legende um moderne Legende / Machospruch um Machospruch / machen Männer einander zu Männern

AUS DEM ENGLISCHEN VON FLORIAN WERNER

Aus: Kontinentaldrift. Das schwarze Europa. Hrsg. Fiston Mwanza Mujila. Heidelberg: Wunderhorn / Haus für Poesie, 2021, S. 116f

Endloses Gedicht

Jehuda Amichai 

(hebräisch יהודה עמיחי; ) (* 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem)

ENDLOSES GEDICHT

In einem modernen Museum 
eine alte Synagoge.
In der Synagoge 
ich.
In mir 
mein Herz.
In meinem Herzen 
ein Museum.
In dem Museum 
eine Synagoge,

in ihr 
ich, 
in mir 
mein Herz, 
in meinem Herzen 
ein Museum.

Deutsch von Anne Birkenhauer, aus: Jehuda Amichai: Offen Verschlossen Offen. Gedichte. Ausgewählt und m.e. Nachwort von Ariel Hirschfeld. Berlin: Suhrkamp / Jüdischer Verlag, 2019, S. 50

Henri Chopin 100

Henri Chopin 

(* 18. Juni 1922, heute vor 100 Jahren, in Paris; † 3. Januar 2008 in Dereham, Norfolk) 

Seite aus der Notation des Soundpoems sol air (1964). Was wie elektronische Musik klingt (Audio unten), wurde ausschließlich mit der Stimme des Autors auf Magnettonband erzeugt. Es besteht aus den Vokalen und Konsonanten der Worte sol, air und mit dem Mund erzeugten Geräuschen und Atmen.

Aus: Concrete Poetry. A World View. Edited and with an Introduction by Mary Ellen Solt. Bloomington, London: Indiana University Press, 1970