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Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Unter dem Schlagwort Meine Anthologie können Sie alle Tagesgedichte aufrufen.

From: Inferno 6

Dante Alighieri: Inferno

Translated by MARY JO BANG

Canto VI

When I come to, after fainting
From the intense distress of hearing the story
Of two I now felt I knew and felt close to,

I look around and see more torments
And more tormented; on all sides, I see nothing but
Regardless of where I turn and look.

I‘m in the third circle of hell and under assault by rain—
Cold, heavy, odious, and always.
The continual downpour never varies.

Enormous hailstones, sewer water, and snow,
Mix with the soaking rain and add more weight to it.
The ground reeks.

Savage and bestial Cerberus, three-headed freak,
Barks like a Doberman—through each of his three throats—
Over those who are forced to wallow in the slop.

Red eyes, filthy bilious whiskers, swollen belly;
With his claws, he excoriates the ghosts–
Then rips their skin off and quarters them.

The rain makes the poor unfortunates howl like dogs;
They continually turn from side to side,
Uselessly trying to protect themselves from the onslaught.

When Cerberus, that vicious creature, caught sight of us,
He opened his mouths, curled his lips, and showed his fangs.
Every muscle in his body rippled in response.

My teacher reached down several times
And grabbed huge fistfuls of mud and threw them
Into the creature‘s three ravenous gullets.

Just as any hungry canine will set up a racket until knick
Knack, paddy whack, it gets a doggy bone–then snaps it up
And settles down, totally absorbed, to gnaw it clean–

So Cerberus, his demonic faces contorted with chewing,
Quieted, which gave a few seconds of relief to the ghosts
Who were so undone by his barking they wished they were deaf.

We were walking on the ghosts who were stunned
By the deadening rain. Beneath our feet,
They were bodiless, yet seemed to have dimension.

From: Dante Alighieri: Inferno. Translated by MARY JO BANG. Illustrations by Henrik Drescher. Minneapolis: Graywolf Press, 2012, p. 63 f

Hölle 6, 1-12 metrisch

Hier einige metrische Übersetzungen der ersten 4 Terzinen des sechsten Gesangs von Dantes Hölle

Karl Streckfuß (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):

Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß[66]
Vor Mitleid um die Zwei, das so mich quälte,
Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß,

Erblickt’ ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad,
Zum Geh’n und Schau’n sich Fuß und Auge wählte.

Dies war der dritte Kreis, den ich betrat,[67]
In ew’gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat.

Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß;
Stark qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen.

66: VI. 1 – 3. Dante beschreibt nicht, wie er vom zweiten Kreise in den dritten gekommen, wahrscheinlich um anzudeuten, daß er auch nach seinem Erwachen von der Ohnmacht sich noch zu tief erschüttert gefunden habe, als daß er auf den Weg Achtung hätte geben sollen. Erst die neuen Strafen ziehen seine Aufmerksamkeit auf sich.
67. Hier im dritten Kreise finden wir die Schlemmer, ewigem Regen ausgesetzt, der nichts erzeugt, als ekelhaften Schmutz, in welchem sie versinken. Erheben sie sich auch einen Augenblick, doch fallen sie bald wieder zurück, und zwar zuerst mit dem Haupte, dem Sitze der geistigen Kraft, welche durch wüßte Schwelgerei unterdrückt und zu Boden gezogen wird. (V. 91–93.)

Aus: Dante Alighieris Göttliche Komödie. Übersetzt und erläutert von Karl Streckfuß. Mit berichtigter Übertragung und völlig umgearbeiteter Erklärung neu herausgegeben von Dr. Rudolf Pfleiderer. Leipzig: Philipp Reclam jun., 1876

Otto Gildemeister (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):

Als wiederkam die Kraft, die mir entschwand,
Weil mich der Jammer, wie ich euch erzählte,
Um jene beiden Schwäger überwand,
Erblickt‘ ich neue Qualen und Gequälte.
Wohin ich schritt, umgaben Foltern mich,
Was ich für Ziel und Augenmerk auch wählte.
Im dritten Kreis, des Regens, wandert‘ ich,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
An Maß und Art stets unveränderlich.
Durch finstre Lüfte, die sich nimmer klären,
Stürzen sich Hagel, Schnee und trüber Guß;
Die Erde stinkt, darauf sie sich entleeren.

Aus: Dantes Göttliche Komödie. Übersetzt von Otto Gildemeister mit sämtlichen Illustrationen von Gustav Doré. Emil Vollmer Verlag, o.J., S. 76 (Zuerst 1888)

Josef Kohler (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):

Nun kehrte das Bewußtsein zögernd wieder,
Das mir geraubt des Mitleids schwer Gebot,
Und neue Kraft erfaßte meine Glieder.

Ich spähte rings; doch überall nur Not
Erschaut mein Blick; – wohin ich mich auch wende,
Nur Seufzerqualen, Leid und ew’gen Tod.

Schon sind wir in dem dritten Schmerzgelände;
Ein Regen träuft, die Luft ist fieberkrank,
Ein Fluch ringsum ohn‘ Anfang und ohn‘ Ende.

Vom dunklen Himmel ewig sinkt und sank
Ein schwarzes Wasser, stechend gleich dem Feuer,
Und auf dem Boden gährt ein wild Gestank.

Aus: Josef KOHLER, Dantes heilige Reise. Freie Nachdichtung der Divina Commedia von J[osef] Kohler. Inferno. Berlin, Köln, Leipzig: Albert Ahn, 1902. S. 32

Wilhelm G. Hertz (Terzinen mit alternierend männl. und weibl. Reimen):

Als wieder zur Besinnung ich erwacht,
Die mir geraubt das Mitleid mit den beiden,
Das mich vor Trauer ganz verwirrt gemacht,

Erblickt ich neue Leidende und Leiden;
Auf allen Seiten werden sie geplackt,
Gleichviel, wohin wir drehen, spähen, schreiten.

Im dritten Kreise strömt, ein Katarakt,
Der Regen nieder, kalt, im monotonen
Ununterbrochenen, argen, gleichen Takt.

Da sich ergießt durch diese finsteren Zonen
Des Hagels, Schnees und schmutzigen Wassers Fluß,
So stinkt die Erde in den Sumpfregionen.

Aus: Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Aus dem Italienischen von Wilhelm G. Hertz. München: dtv, 1978, 9. Aufl. 1997, S. 29 [zuerst 1955]

Im dritten Kreis

Der Anfang des 6. Gesangs des Inferno aus Dantes Comedia in der Prosafassung von Georg Peter Landmann (kursiv sein Kommentar):

Bei der wiederkehr meiner sinne, die sich verschlossen hatten vor dem leid der beiden verwandten, als die trauer mich ganz betäubte, sehe ich neue qualen und neue gequäIte rings um mich, wohin ich auch mich bewege, wohin ich mich wende, wohin ich spähe. Ich bin im dritten kreis, dem des regens, der ewig und verflucht, kalt und schwer fällt, unveränderlich nach maass und art. Grober hagel, trübes wasser und schnee ergiesst sich durch die finstre luft; die erde stinkt, die das aufnimmt. Cerberus, das grausame und sonderbare vieh, bellt hündisch aus drei rachen über dem dort versenkten volk. Mit roten augen, fettem, schwarzem bart, dickem bauch und krallenpfoten zerkratzt und schindet und zerfetzt er die geister. Der regen lässt sie heulen wie hunde; mit ihrer einen flanke schirmen sie die andere, und oft drehn sie sich, die unglückseligen weltkinder.

Als Cerberus, das grosse untier, uns bemerkte, riss er die mäuler auf und zeigte uns die hauer; kein glied an ihm, das nicht gebebt hätte. Und mein führer spreizte seine hände, ergriff erde und mit vollen fäusten warf er sie in die lechzenden röhren. Wie ein hund bellend giert und sich beruhigt, sobald er futter beisst, weil er nur ringt und sich abmüht es zu verschlingen, so taten die dreckigen schnauzen des dämons Cerberus, der die seelen so durchdröhnt, dass sie am liebsten taub wären. Wir schritten über die schatten, die der schwere regen niederwirft, und setzten unsere sohlen auf ihre menschengleiche nichtigkeit.

Sie lagen allesamt auf dem boden ausser einem, der sich rasch zum sitzen hob, sobald er uns vor sich vorübergehen sah. „Du da, den man durch diese hölle schleppt, sagte er mir, erkenne mich, wenn du kannst; du warst schon am leben bei meinem ableben.“ Und ich zu ihm: „Deine bedrängnis entzieht dich vielleicht meinem sinn; mir ist nicht, dass ich dich je gesehen hätte. Aber sag mir wer du bist, der du an so einen schreckensort verwiesen bist und zu solcher strafe – vielleicht sind andre schwerer, doch ist gewiss keine so widerlich.“ Und er zu mir: „Deine stadt, die so voll haders ist, dass der sack schon überquillt, beherbergte mich im heitern leben. Ihr bürger nanntet mich Ciacco. Für die zerstörende schuld des gaumens siehst du mich hier im regen bersten. Und ich bin nicht die einzige trauernde Seele: denn diese alle hier stehn in gleicher pein für gleiche schuld.“ Mehr sprach er nicht.

Dieser Ciacco – sein spottname „das schweinchen“ – war ein geistvoller mensch, wohl auch verfasser von gedichten, der sich zu allen schmausereien gern einladen liess oder selber einlud. Nun büsst er bei den schlemmern, denen als teufel mit sinnreichem bezug der dreimäulige Cerberus zugordnet ist.

Aus: Dante Alighieri: Die Divina Commedia. In deutsche Prosa übersetzt und erläutert von Georg Peter Landmann. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1997 (2. Aufl. 1998), S. 19

Gluttons

Im dritten Kreis der Hölle, den Dante mit seinem Führer Vergil im sechsten Gesang erreicht, werden die Gefräßigen bestraft. Ihre Seelen liegen im Eisregen auf dem Boden und werden vom Höllenhund Kerberos gequält.Mit einigen Versionen des sechsten Gesangs beende ich meine kleine Danteserie.

Der New Yorker Künstler David Fox zeichnete eine Danteserie. Mit seiner freundlichen Genehmigung hier vier Variationen zum Thema glutton (Vielfraß, Fresser).

 

 

Sonett um die Freunde und Freundinnen zu versammeln

Dante

Sonett 1

Du, Guido, Lappo auch und ich, wie sehr
  Wünscht' ich, daß uns ein Zauberer geschwinde
  Zu Schiffe brächte, das bei jedem Winde
  Nach unsrem, meinem Wunsch durchführ' das Meer.
 So daß kein Sturm, kein böses Ungefähr
  Des Schiffleins Lauf zu hemmen Kräfte finde,
  Daß einer wie der andre Lust empfinde,
  Nach engerem Bund noch wüchse das Begehr;
 Daß Hanna dann und Bice und mit ihnen
  Noch jene, der das dritte Zehnt beschieden,
  Der gute Zauberer zu uns versetzte,
Und nichts als Minnetändeln uns ergetzte,
  Und daß die Frauen allesamt zufrieden
  So, wie wir, denk' ich, dann uns selbst erschienen.

Aus: Dantes lyrische Gedichte. Neu übertragen und herausgegeben von Albert Ritter. Mit 4 Vollbildern in Kupferdruck [von Dante Gabriel Rossetti]. Berlin: Gustav Grosser, 1921 (2.-6. Tsd.), S. 53

Guido: Guido Cavalcanti und seine Freundin Johanna
Bice: Beatrice, Dantes Liebe
Lappo: unbekannt

DANTE A GUIDO CAVALCANTI

Guido, i’ vorrei che tu e Lapo ed io
fossimo presi per incantamento
e messi in un vasel, ch’ad ogni vento
per mare andasse al voler vostro e mio;

sì che fortuna od altro tempo rio
non ci potesse dare impedimento,
anzi, vivendo sempre in un talento,
di stare insieme crescesse ’l disio.

E monna Vanna e monna Lagia poi
con quella ch’è sul numer de le trenta
con noi ponesse il buono incantatore:

e quivi ragionar sempre d’amore,
e ciascuna di lor fosse contenta,
sì come i’ credo che saremmo noi.

Muttersprache

SØREN KIERKEGAARD
(1813-1855)

Glücklich macht mich das Gefühl, an meine Muttersprache gebunden zu sein, gebunden, wie es vielleicht nur wenige sind, gebunden wie Adam es an Eva gewesen, weil da ein anderes Weib nicht war, gebunden, weil es mir unmöglich gewesen ist, eine andre Sprache sprechen zu lernen, und ich daher der Versuchung durchaus enthoben bin, wider die angeborene Sprache stolz und vornehm zu tun, aber auch dessen froh, daß ich an eine Muttersprache gebunden bin, welche innerer Ursprünglichkeit ist, wo sie die Seele ausweitet und wollüstig im Ohre tönt mit ihrem süßen Klang; eine Muttersprache, welche nicht in dem schwierigen Gedanken sich verfangend stöhnt, und eben deshalb glaubt wohl der und jener, sie könne diesen nicht ausdrücken, weil sie die Schwierigkeit, indem sie sie ausdrückt, leicht macht; eine Muttersprache, welche nicht angestrengt keucht und ächzt, wenn Sie vor dem Unaussprechlichen steht, sondern damit sich zu schaffen macht in Scherz und in Ernst, bis es ausgesprochen ist; eine Sprache, welche nicht in der Ferne sucht, was nahe liegt, oder unten in der Tiefe sucht, was gerade bei der Hand liegt, weil sie in einem glücklichen Verhältnis zu ihrem Gegenstande aus- und eingeht gleich einer Elfe,und den Gegenstand an den Tag bringt, so wie ein Kind die glückliche Bemerkung, ohne es recht zu wissen; eine Sprache, die heftig und bewegt ist, jedesmal, wenn der rechte Liebhaber es versteht, der Sprache weibliche Leidenschaft zu entflammen, selbstbewußt und sieghaft im Gedankenstreit‚ jedesmal,wenn der rechte Herr und Gebieter sie anzuführen weiß, geschmeidig wie ein Ringer, jedesmal, wenn der rechte Denker sie nicht losläßt; eine Sprache, welche, auch wenn sie an vereinzelter Stelle arm scheint, es doch nicht ist, sondern nur gering geachtet wie eine bescheidene Liebende, die doch den höchsten Wert hat und vor allem nicht verschandelt ist; eine Sprache, welche nicht ohne Ausdruck ist für das große, das Entscheidende, das Auffallende, jedoch eine anmutige, eine zierliche, eine glückselige Vorliebe hat für den Zwischengedanken und den Nebenbegriff und das Beiwort, und das Flüstern der Stimmung, und das Raunen des Übergangs, und die Innigkeit der Beugung und die verborgene Üppigkeit des heimlichen Wohlseins; eine Sprache, welche Scherz fast besser versteht als Ernst: eine Muttersprache, welche ihre Kinder fesselt mit einer Fessel, welche ‚leicht zu tragen ist — ja! aber schwer zu brechen‘.

Søren Kierkegaard: Stadien auf dem Lebenswege (1845)
Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A.Reitzels Boghandel, 1978, S. 223/225

Zwei Hostien auf meiner Zunge

ALICJA RYBAŁKO


 

Die polnische Sprache ist voller RascheIn
Die litauische voller Zischeln.
Wie die Schlange auf trocknen Blättern
zwei Hostien auf meiner Zunge.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall


Język polski jest pełen szelestów,
Iitewski zaś – pełen syków.
Jak żmija na suchych liściach –
dwie hostie na moim języku.

 

Aus: Das Unsichtbare lieben. Neue polnische Lyrik. Anthologie. Herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski. Mit einem Vorwort von Adam Zagajewski. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Renate Schmidgall, Roswitha Matwin-Buschmann und Joanna Manc. Köln: Kirsten Gutke Verlag, 1998, S. 162/163

Zauberspruch

Sarah Kirsch

Keiner hat mich verlassen

Keiner hat mich verlassen
Keiner ein Haus mir gezeigt
Keiner einen Stein aufgehoben
Erschlagen wollte mich keiner
Alle reden mir zu

Aus: Sarah Kirsch: Zaubersprüche, Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1972

Seismologie

ALICJA RYBAŁKO

Seismologie

Zuerst fliegen die Minderheiten weg.
Dann beginnt die Intelligenz zu flattern.
Schließlich bricht das Volk zum Flug auf.
Als letztes erwacht die Regierung.

In der Regel erst nach dem Erdbeben.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

Seismologia

Najpierw odlatują mniejszości.
Potem zaczyna trzepotać inteligencja.
Wreszcie naród zrywa sie da lotu.
Ostatni budzi się rząd.

Zwykle bywa już po trzęsieniu ziemi.

Aus: Das Unsichtbare lieben. Neue polnische Lyrik. Anthologie. Herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski. Mit einem Vorwort von Adam Zagajewski. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Renate Schmidgall, Roswitha Matwin-Buschmann und Joanna Manc. Köln: Kirsten Gutke Verlag, 1998, S. 164/165

Seicht

Spruch 54 aus der Hávamál (aus der Lieder-Edda)

Seichter See; seichte Meeresdünung.
Seicht ist vieler Menschen Verstand.
Nicht jeder Mann wurde klug geboren.
In zwei Hälften zerfällt die Welt.

Deutsch von Walter Baumgartner

Lítilla sanda
lítilla sæva
lítil eru geð guma
því at allir menn
urðut jafnspakir
hálf er öld hvar

? [of small sands,]
? [of small seas,]
Small are the minds of men,
because all men
have not turned out equally wise,
? mankind is everywhere halved. (Quelle)

Dichter in dürftiger Zeit

IBN BAQI

Ich armer Dichter, der, wo keine Kunstliebhaber
Und keine Kenner sind, das Volk um Beifall fleht!
Die Reime nur beweinen den verlassenen Araber
In einer Welt, die kein Arabisch mehr versteht.

Aus: Der arabische Liebesdiwan. Lyrik des Morgenlandes. Frankfurt/Main: Goldmann, 1986, [Hrsg./Übers. Janheinz Jahn], S. 136

Ibn Baqi oder Abu Bakr Yahya Ibn Muhammad Ibn Abd al-Rahman Ibn Baqi (gestorben 1145 oder 1150) war ein arabischer Dichter der almoravidischen Zeit aus Córdoba oder Toledo in Andalusien. Die Almoraviden waren eine Berberdynastie aus dem heutigen Mauretanien und Marokko. 1086 kamen sie auf Bitten der andalusischen Emirate den arabischen Andalusiern gegen die Rückeroberung (Reconquista) Spaniens zu Hilfe. Sie besiegten den spanischen König – und blieben, das heißt sie eroberten die von kultureller Toleranz und Blüte geprägten andalusischen Staaten und setzten einen rigorosen glaubensstrengen und puritanischen Islam durch.

 

Schmach der Wissenschaft

Ibn Hazm

Als man seine Bücher verbrannte

Verbrennt nur die Papiere! Die Gedanken
Sind feuerfest.
Was ich erkannt, kommt dadurch nicht ins Wanken‚
Daß ihr den Geist mit falschen Maßen meßt.

Allüberall, wohin mich Pferde tragen,
Ziehn die Gedanken mit mir auf und ab.
Sie gehn mit mir zu Bett nach mühevollen Tagen,
Und sterb ich, nehm ich sie mit ins Grab.

Doch dies Autodafé der Pergamente
Ist dumm und eine Schmach der Wissenschaft.
Stützt eure Meinungen durch Argumente!
Dann wird sich zeigen, wo der Irrtum klafft.

Ihr sitzt zu Unrecht auf dem Richterstuhle
Und seid von euren Zielen weit entfernt.
Ihr geht am besten auf die Fibelschule,
Daß ihr erst mal die Anfangsgründe lernt.

Aus: Der arabische Liebesdiwan. Lyrik des Morgenlandes. Frankfurt/Main: Goldmann, 1986, [Hrsg./Übers. Janheinz Jahn], S. 136

Der Titel ist irreführend – hat den ein Praktikant geschrieben? Sogar „Abendland“ wäre richtiger, denn diese Gedichte entstanden im arabischen Andalusien, im äußersten Westen (= Maghreb) des damaligen arabischen Kulturkreises.

Ibn Hazm (Abū Muhammad ʿAlī ibn Ahmad Ibn Hazm az-Zāhirī al-Andalusī, arabisch أبو محمد علي بن أحمد ابن حزم الظاهري الأندلسي, Abū Muḥammad ʿAlī ibn Aḥmad Ibn Ḥazm aẓ-Ẓāhirī al-Andalusī) wurde am 7. November 994 in Córdoba geboren; er starb am 16. August 1064 auf dem Gut Casa Montija bei Niebla. Er war ein arabischer Dichter und Universalgelehrter im Kalifat von Córdoba. Seine Familie war wohl westgotischer Abstammung.

„Da er aber Anhänger der muslimischen Rechtsschule der Zahiriten war, erhielt er in der Großen Moschee Lehrverbot und wurde auch später deshalb immer wieder vertrieben. In Sevilla wurden sogar seine Werke verbrannt. Ein weiterer Grund für seine mehrmalige Verbannung war seine angeblich pro-umayyadische Gesinnung, die in den Taifa-Königreichen verdächtig war. Nachdem er zeitweise Wesir unter dem umayyadischen Kalifen Abd ar-Rahman V. (1023–1024) gewesen war, zog er sich aus der Politik zurück.“ (Wikipedia)

 

Und die Charlotte Liebt ihre Austern

Richard Weiner.

Jean Baptiste Chardin

Dies ist mein Tisch,
Dies meine Hausschuh,
Dies ist mein Glas,
Dies ist mein Kännchen.

Dies meine Etagere,
Dies meine Pfeife,
Dose für Zucker,
Großvaters Erbstück.

Dies ist mein Eßzimmer,
Dies meine Ecke,
Dies ist mein Hund,
Dies meine Katze.

Hier ist mein Wegdewood,
Dort ist mein Sevres.
Das lustige Bildchen,
Fragos Geschenk.

Bläuliche Schalen
Hab‘ ich sehr gern.
Blumen im Fenster
Liebe ich sehr.

Fuchsien aber
Seh ich am liebsten.
Meine Charlotte
Liebet den Flieder.

Täglich um elfe
Frühstücken wir.
Abends um achte
Deckt man zu Tisch.

Esse am liebsten
Spargel mit Sauce,
Wildbret auf Pfeffer,
Erdbeer mit Creme.

Und die Charlotte
Liebt ihre Austern,
Hühnchen auf Schwammerln,
Hummerragout.

Gut ist’s zu Hause,
Sehr gut zu Hause.
Dies meine Ecke,
Dies meine Hausschuh.

Glattes Email
Glanzüberquillt.
Dies ist mein Weib.
Dies ist mein Bild.

Keine Parodie auf Günter Eichs „Inventur“, sondern das Urbild. Dieses Gedicht des tschechischen Schiftstellers Richard Weiner erschien 1916 in der Reihe „Die Aktions-Lyrik“ im Band „Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie“. Sehr wahrscheinlich kannte Eich das Gedicht. Ich weiß nicht, ob die Anleihe bewußt war oder ob Jahrzehnte später eine irgendwann gelesene Form fernwirkte. Ich halte nichts von der manchmal geäußerten Meinung, erst Eich habe der Form den „ihr entsprechenden“ Inhalt gefunden. Beide Gedichte können für sich stehen.

Richard Weiner wurde am 6. November 1884 in Písek geboren und starb am 3. Januar 1937 in Prag.

Auswahl deutscher Ausgaben

  • Květoslav Chvatík (Hrsg.): Die Prager Moderne. Erzählungen, Gedichte, Manifeste. 1. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-40397-4.
  • Der Bader. Eine Poetik. Friedenauer Presse, Berlin 1991, ISBN 3-921592-67-4.
  • Der gleichgültige Zuschauer. Erzählungen. 1. Auflage. Reclam, Leipzig 1992, ISBN 337901429X.
  • Kreuzungen des Lebens. Erzählungen, Essays, Feuilletons, Briefe. DVA, München 2005, ISBN 978-3-421-05253-7.
Hörspieladaption

In Froschpfuhl all das Volk verbannt, Das seinen Meister je verkannt.

Johann Wolfgang Goethe
Erklärung eines alten Holzschnittes vorstellend

Hans Sachsens poetische Sendung

In seiner Werkstatt Sonntags früh
Steht unser treuer Meister hie:
Sein schmutzig Schurzfell abgelegt,
Einen saubern Feierwams er trägt,
Läßt Pechdraht, Hammer und Kneipe rasten,
Die Ahl steckt an den Arbeitskasten;
Er ruht nun auch am siebnten Tag
Von manchem Zug und manchem Schlag.

Wie er die Frühlings-Sonne spürt,
Die Ruh ihm neue Arbeit gebiert:
Er fühlt, daß er eine kleine Welt
In seinem Gehirne brütend hält,
Daß die fängt an zu wirken und leben,
Daß er sie gerne möcht von sich geben.

Er hätt ein Auge treu und klug
Und wär auch liebevoll genug,
Zu schauen manches klar und rein
Und wieder alles zu machen sein;
Hätt auch eine Zunge, die sich ergoß
Und leicht und fein in Worte floß;
Des täten die Musen sich erfreun,
Wollten ihn zum Meistersänger weihn.

Da tritt herein ein junges Weib,
Mit voller Brust und rundem Leib;
Kräftig sie auf den Füßen steht,
Grad, edel vor sich hin sie geht,
Ohne mit Schlepp und Steiß zu schwänzen,
Oder mit den Augen herum zu scharlenzen.
Sie trägt einen Maßstab in ihrer Hand,
Ihr Gürtel ist ein gülden Band,
Hätt auf dem Haupt einen Kornähr-Kranz,
Ihr Auge war lichten Tages Glanz;
Man nennt sie tätig Ehrbarkeit,
Sonst auch Großmut, Rechtfertigkeit.

Die tritt mit gutem Gruß herein;
Er drob nicht mag verwundert sein;
Denn wie sie ist, so gut und schön,
Meint er, er hätt sie lang gesehn.

Die spricht: »Ich hab dich auserlesen
Vor vielen in dem Weltwirrwesen,
Daß du sollst haben klare Sinnen,
Nichts Ungeschicklichs magst beginnen.
Wenn andre durcheinander rennen,
Sollst das mit treuem Blick erkennen;
Wenn andre bärmlich sich beklagen,
Sollst schwankweis deine Sach fürtragen;
Sollst halten über Ehr und Recht,
In allem Ding sein schlicht und schlecht;
Frummkeit und Tugend bieder preisen,
Das Böse mit seinem Namen heißen.
Nichts verlindert und nichts verwitzelt,
Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt;
Sondern die Welt soll vor dir stehn,
Wie Albrecht Dürer sie hat gesehn:
Ihr festes Leben und Männlichkeit,
Ihre innre Kraft und Ständigkeit.
Der Natur-Genius an der Hand
Soll dich führen durch alle Land,
Soll dir zeigen alles Leben,
Der Menschen wunderliches Weben,
Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben,
Schieben, Reißen, Drängen und Reiben;
Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert,
Der Ameishauf durcheinander kollert;
Mag dir aber bei allem geschehn,
Als tätst in einen Zauberkasten sehn.
Schreib das dem Menschenvolk auf Erden,
Obs ihm möcht eine Witzung werden.«
Da macht sie ihm ein Fenster auf,
Zeigt ihm draußen viel bunten Hauf,
Unter dem Himmel allerlei Wesen,
Wie ihrs mögt in seinen Schriften lesen.

Wie nun der liebe Meister sich
An der Natur freut wunniglich,
Da seht ihr an der andern Seiten
Ein altes Weiblein zu ihm gleiten;
Man nennet sie Historia,
Mythologia, Fabula;
Sie schleppt mit keichend-wankenden Schritten
Eine große Tafel, in Holz geschnitten:
Darauf seht ihr mit weiten Ärmeln und Falten
Gott Vater Kinderlehre halten,
Adam, Eva, Paradies und Schlang,
Sodom und Gomorras Untergang,
Könnt auch die zwölf durchlauchtigen Frauen
Da in einem Ehren-Spiegel schauen;
Dann allerlei Blutdurst, Frevel und Mord,
Der Zwölf Tyrannen Schandenport,
Auch allerlei Lehr und gute Weis,
Könnt sehn Sankt Peter mit der Geiß,
Über der Welt Regiment unzufrieden,
Von unserm Herrn zurecht beschieden.
Auch war bemalt der weite Raum
Ihres Kleids und Schlepps und auch der Saum
Mit weltlich Tugend- und Laster-Geschicht.

Unser Meister das alles ersicht
Und freut sich dessen wundersam,
Denn es dient wohl in seinen Kram.
Von wannen er sich eignet sehr
Gut Exempel und gute Lehr,
Erzählt das eben fix und treu,
Als wär er selbst geseyn dabei.
Sein Geist war ganz dahin gebannt,
Er hätt kein Auge davon verwandt,
Hätt er nicht hinter seinem Rucken
Hören mit Klappern und Schellen spucken.

Da tät er einen Narren spüren
Mit Bocks- und Affensprüngen hofieren
Und ihm mit Schwank und Narreteiden
Ein lustig Zwischenspiel bereiten.
Schleppt hinter sich an einer Leinen
Alle Narren, groß und kleinen,
Dick und hager, gestreckt und krumb,
Allzu witzig und allzu dumb.
Mit einem großen Farrenschwanz
Regiert er sie wie ein’n Affentanz:
Bespöttet eines jeden Fürm,
Treibt sie ins Bad, schneidt ihnen die Würm
Und führt gar bitter viel Beschwerden,
Daß ihrer doch nicht wollen wenger werden.

Wie er sich sieht so um und um,
Kehrt ihm das fast den Kopf herum:
Wie er wollt Worte zu allem finden?
Wie er möcht so viel Schwall verbinden?
Wie er möcht immer mutig bleiben,
So fort zu singen und zu schreiben?
Da steigt auf einer Wolke Saum
Herein zu’s Oberfensters Raum
Die Muse, heilig anzuschauen,
Wie ein Bild unsrer lieben Frauen.
Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit
Immer kräftig wirkender Wahrheit.

Sie spricht: »Ich komm, um dich zu weihn,
Nimm meinen Segen und Gedeihn!
Ein heilig Feuer, das in dir ruht,
Schlag aus in hohe lichte Glut!
Doch daß das Leben, das dich treibt,
Immer bei holden Kräften bleibt,
Hab ich deinem innern Wesen
Nahrung und Balsam auserlesen,
Daß deine Seel sei wonnereich,
Einer Knospe im Taue gleich.«

Da zeigt sie ihm hinter seinem Haus
Heimlich zur Hintertür hinaus,
In dem eng umzäunten Garten
Ein holdes Mägdlein sitzend warten
Am Bächlein, beim Holunderstrauch;
Mit abgesenktem Haupt und Aug
Sitzt’s unter einem Apfelbaum
Und spürt die Welt rings um sich kaum,
Hat Rosen in ihren Schoß gepflückt
Und bindet ein Kränzlein gar geschickt,
Mit hellen Knospen und Blättern drein:
Für wen mag wohl das Kränzel sein?
So sitzt sie in sich selbst geneigt,
In Hoffnungsfülle ihr Busen steigt;
Ihr Wesen ist so ahndevoll,
Weiß nicht, was sie sich wünschen soll,
Und unter vieler Grillen Lauf
Steigt wohl einmal ein Seufzer auf.

Warum ist deine Stirn so trüb?
Das, was dich dränget, süße Lieb,
Ist volle Wonn und Seligkeit;
Die dir in Einem ist bereit,
Der manches Schicksal wirrevoll
An deinem Auge sich lindern soll;
Der durch manch wunniglichen Kuß
Wiedergeboren werden muß.
Wie er den schlanken Leib umfaßt,
Von aller Mühe findet Rast,
Wie er ins runde Ärmlein sinkt,
Neue Lebenstag‘ und Kräfte trinkt;
Und dir kehrt süßes Jugendglück,
Deine Schalkheit kehret dir zurück.
Mit Necken und manchen Schelmereien
Wirst ihn bald nagen, bald erfreuen.
So wird die Liebe nimmer alt,
Und wird der Dichter nimmer kalt!

Weil er so heimlich glücklich lebt,
Da droben in den Wolken schwebt
Ein Eichkranz, ewig jung belaubt,
Den setzt die Nachwelt ihm aufs Haupt;
In Froschpfuhl all das Volk verbannt,
Das seinen Meister je verkannt.

Das Gedicht entstand Anfang 1776 und wurde schon im April in der Zeitschrift Teutscher Merkur gedruckt,

Der Holzschnitt ist wahrscheinlich fiktiv. Hier ein zeitgenössisches Bildnis von Hans Sachs

Hans Sachs, Holzschnitt von Michael Ostendorfer (1545)

Ihr quatscht darüber, ohne es zu kennen

Thomas Brasch

IHR QUATSCHT DARÜBER, OHNE ES ZU KENNEN
Ihr verdammt es,
das was ich Nichts nenne.
Weil mir besseres Wort fehlt.
Ihr nennt Nihilisten Idioten,
weil ihr keine seid.
Ihr nennt sie dumm, nicht denkend
Aha!
Na und?
Woran denkt ihr?
An Honig, Weiber, Betten, Arbeit.
Ich auch!
Und an nichts denk ich,
an das,
was ihr vergeßt,
was in leeren Schränken ist
und mich überrascht,
an das,
was in verpaßten Gelegenheiten ist,
was mir die Stirn zerfrißt,
was mich erinnert,
an die Lampe, die keine ist
an das Lied, das keiner singt
Ich lebe, überrascht, daß ich lebe,
ich lebe voll, saugend
aber die Hauptsache
vergeß ich nicht,
ihr Idioten!

Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 424 (Erstdruck)

Das Gedicht entstand wahrscheinlich Anfang der 60er Jahre.