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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Auf den Straßen Amsterdams

Elisabeth Alexander

(* 21. August 1922 in Linz am Rhein; † 17. Januar 2009 in Heidelberg)

Aus: Poesie als Auftrag: Festschrift für Alexander von Bormann. Hrsg. Dagmar Ottmann, Markus Symmank. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2001, S. 21

Wald

Maria Luise Weissmann
* 20. August 1899 in Schweinfurt; † 7. November 1929 in München
Wald

Die Toten meiner Jahrtausende
Sind auferstanden. Meines Vaters Blick
Ging über mich, es wandelte
Leicht die Nähe der erwachenden.

Im abend aber entschliefen sie
Plötzlich, aus ihren Augenhöhlen
Brachen Blumen, ihres Atems Stille griff
Nach meinem Herzen, eine blaue Hand.

Aus:
Maria Luise Weissmann: Ausgewählte Gedichte. Potsdam : Udo Degener Verlag, 2010 (edition grillenfänger 8).

Spitze Äpfel

Heute vor einem Jahr starb der Maler und Dichter K.O. Götz

Spitze Äpfel

Ein Apfel fällt und steigt empor
Begegnet einer Nadel
Am Horizont bei Tageslicht
Ein Riesenmesser rostet

Ein Apfelbaum zieht Nadeln an
Sie stechen nicht sie grünen
Sie blähn sich auf und fallen ab
Kein Messer nimmt sich ihrer an

Ein Apfel spitzt sich zu und rostet
Die andern gleiches tun
Sie schweben fern am Horizont
Und träumen von den Nadeln

Sie schlagen Wurzeln in der Luft
Und denken nicht ans Rosten
Das Messer schält sich selbst und grünt
Die spitzen Äpfel heulen

1951

Aus: K.O. Götz: Zungensprünge. Gedichte 1945-1991. Aachen: Rimbaud,  1992, S. 47

Brennende Sehnsucht dir ins Blut

Alma Johanna Koenig


Brennende Sehnsucht dir ins Blut,
brennenden Traum in deine Nacht!
Brennende Wollust‚ hochentfacht,
in deine Seele, die nun ruht:

Tröpfelndes Gift in deinen Trank,
fressende Krankheit dir ins Mark,
lähmender Zauber, urweltstark,
dich zu versehren, lebenslang!

Täglich dies Lustermüdetsein,
nächtlich Gesicht, das süß versucht,
stündlicher Selbstverdammnis Pein.

Ewig Verlangen, schlaff, verrucht,
all dieser Hölle Qualen dein,
die ich erleide, ich, die flucht!

Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 110

Alma Johanna Koenig (Pseudonym Johannes Herdan; * 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez)

Alles was wir gesagt haben

Gabeba Baderoon

Ein Gedicht, das man nicht übersetzen muss:

Aus: Gabeba Baderoon: The History of Intimacy. Poems. Kapstadt: Kwela Books, 2018

Gabeba Baderoon (* 21. Februar 1969 in Port Elizabeth, Südafrika) ist eine südafrikanische Dichterin und Wissenschaftlerin. Sie lebt in Kapstadt und Pennsylvania, wo sie Professorin für Frauenforschung und Afrikanische und Afroamerikanische Studien ist.

Kalter Augusttag

Kalter Augusttag

1.
Wir standen unter alten Riesenulmen,
An unsers Gartens Rand. Mein Arm umschlang
Die schlanke Hüfte dir. Es lag dein Haupt,
Das schöne, blasse, still an meiner Schulter.
Ein kalter Hauch drang uns entgegen; fröstelnd
Zogst fester du das Tuch um deinen Hals.
In grauer Luft, unübersehbar, lag
Der Wiesen grünes Flachland ausgebreitet.
Wie deutlich hörten wir den Jungen schelten
Auf seine Kühe, deutlich hör‘ ich noch
Dein fröhlich Lachen, als uns die gesunden,
Vom Winde hergetragnen Worte trafen.
Und eine Oede, nordisch unbehaglich,
Durchfror die Landschaft. Krähen stolperten,
Laut krächzend, über’n Garten. Schläfrig zog
Am Horizont die Mühle ihre Kreise.
Und doch! Es lag auf Wegen fern und nah
Der Sonnenschein, der Sonnenschein des Glücks.
Und langsam kehrten wir zurück ins Haus.

2.
Und wieder stand ich unter unsern Ulmen,
Doch nicht mit dir. Allein sah ich hinaus
In lichten Frühlingstag: Der Junge pfiff
Ein lustig Liedchen seinen Kühen; glänzend
Im Licht umkreisten Krähen hohe Bäume,
In blauer Luft schaut‘ ich am Horizont
Die Mühle schnell im Wind die Flügel drehn.
Und doch, ich sah nur graue Todesnebel,
Und teilnahmlos kehrt‘ ich zurück ins Haus.

In: Detlev von Liliencron: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig 1883

Amnesiefarben

Olga Orozco
* 17. März 1920 in Toay, La Pampa, Argentinien; † 15. August 1999 in Buenos Aires

Para este día

Reconozco esta hora.
Es esa que solía llegar enmascarada entre los pliegues de otras horas;
la que de pronto comenzaba a surgir como un oscuro arcángel detrás de la neblina
haciendo retroceder mis bosques encantados,
mis rituales de amor, mi fiesta en la indolencia,
con sólo trazar un signo en el silencio,
con sólo cortar el aire con su mano.
Esa, la de mirada como un vuelo de cuervo y pasos fantasmales,
que venía de lejos con su manto de viaje y las mejillas escarchadas,
y se iba bajando la cabeza, de nuevo hasta tan lejos
que yo buscaba en vano la huella del carruaje en el pasado.
Hora desencarnada,
color de amnesia como dibujada en el vacío del azogue,
igual que una traslúcida figura enviada desde un retablo del olvido.
¿Y era su propio heraldo,
el fondo que se asoma hasta la superficie de la copa,
la anunciación de dar a luz las sombras?
No supe descifrar su profecía,
ese susurro de aguas estancadas que destilan a veces los crepúsculos,
ni logré comprender el torbellino de plumas grises con que me aspiraba
desde un claro de ayer hasta un vago anfiteatro iluminado por lluvias y por lunas,
allá, entre los ventisqueros del irreconocible porvenir;
aquí, donde ahora se instala, maciza como el demonio del advenimiento,
en su sitial de honor en medio de la asamblea de otras horas, pálidas, transparentes,
y me dice que mis bosques son luces extinguidas y aves embalsamadas,
que mi amor era erróneo, como un espejo que se contempla en otro espejo,
que mi fiesta es un cielo replegado en el sudario de mis muertos.
Y se queda esta vez, sin bajar la cabeza.


Für diesen Tag

Ich erkenne diese Stunde wieder.
Es ist diese, die vermummt zu kommen pflegte zwischen den Faltungen
der anderen Stunden;
die plötzlich hervorzutreten begann wie ein dunkler Erzengel hinter dem leichten Nebel,
so dass meine verzauberten Wälder zurückwichen,
meine Liebesrituale, mein Fest in der Gleichgültigkeit,
durch bloßes Hinmalen eines Zeichens in der Stille
durch bloßes Schneiden der Luft mit ihrer Hand.
Diese da, die einen Blick hat wie ein Rabenflug und geisterhafte Schritte,
die von fern kam mit ihrem Reiseumhang und den Rauhreifwangen
und wegging, den Kopf senkend, erneut bis so fern,
dass ich vergebens die Spur des Gefährts in der Vergangenheit suchte.
Entfleischte Stunde,
amnesiefarben, wie ins Leere des Quecksilbers gezeichnet,
wie eine durchscheinende Gestalt, aus einem Altar des Vergessens hergesandt.
Und war sie ihr eigener Herold,
der Boden, der hervorschaut bis zur Oberfläche des Glases,
die Verkündigung, dass die Schatten ans Licht gebären werden?
Ich wusste ihre Prophezeihung nicht zu entziffern,
dieses Flüstern von stehenden Gewässern, das die Sonnenuntergänge manchmal
ausdünsten,
noch gelang es mir, den Wirbel grauer Federn zu begreifen, mit dem sie mich aufsog,
von einer Lichtung des Gestern hin zu einem vagen Amphitheater, beleuchtet von
Regen und Monden,
dort, zwischen den Windpässen der nicht wiederzuerkennenden Zukunft;
hier, wo sie sich jetzt einrichtet, massiv wie der Teufel der Herankunft,
auf ihrem Ehrensitz mitten in der Versammlung anderer – blasser, durchsichtiger –
Stunden,
und mir sagt, dass meine Wälder ausgelöschte Lichter sind und einbalsamierte Vögel,
dass meine Liebe ein Irrtum war wie ein Spiegel, der sich in einem anderen Spiegel
betrachtet,
dass mein Fest ein Himmel ist, zürückgefaltet in das Leichentuch meiner Toten.
Und sie bleibt dieses Mal, ohne den Kopf zu senken.

[Aus dem Spanischen v. Àxel Sanjosé]

Nearer, My God, to Thee

Sarah Fuller Flower Adams
* 22. Februar 1805 in Old Harlow, Essex; † 14. August 1848 in London

 

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
E’en though it be a cross that raiseth me;
Still all my song shall be nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
Though like the wanderer, the sun gone down,
Darkness be over me, my rest a stone;
Yet in my dreams I’d be nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
There let the way appear steps unto heav’n;
All that Thou sendest me in mercy giv’n;
Angels to beckon me nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
Then with my waking thoughts bright with Thy praise,
Out of my stony griefs Bethel I’ll raise;
So by my woes to be nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!
Or if on joyful wing, cleaving the sky,
Sun, moon, and stars forgot, upwards I fly,
Still all my song shall be, nearer, my God, to Thee,

Nearer, my God, to Thee, nearer to Thee!

 

Eines der bekanntesten christlichen Lieder im englischsprachigen Raum, angeblich von der Band auf der sinkenden Titanic als letztes Stück gespielt. Die anderen Werke der Autorin – teils ebenfalls mit christlichen, teils mit emanzipatorischen Inhalten – sind weitgehend vergessen.

 

Das Herz des Herbstes welkt schon

Bartomeu Rosselló-Pòrcel
* 13. August 1913 in Ciutat de Mallorca [auch: Palma]; † 5. Januar im Sanatori del Brull, (Provinz Barcelona)

A Mallorca, durant la guerra civil

Verdegen encara aquells camps
i duren aquelles arbredes
i damunt del mateix atzur
es retalles les meves muntanyes.
Allí les pedres invoquen sempre
la pluja difícil, la pluja blava
que ve de tu, cadena clara,
serra, plaer, claror meva!
Sóc avar de la llum que em resta dins els ulls
i que em fa tremolar quan et recordo!
Ara els jardins hi són com músiques
i em torben, em fatiguen com en un tedi lent.
El cor de la tardor ja s’hi marceix,
concertat amb fumeres delicades.
I les herbes es cremen a turons
de cacera, entre somnis de setembre
i boires entintades de capvespre.

Tota la meva vida es lliga a tu,
com en la nit les flames a la fosca.

 

An Mallorca, während des Bürgerkriegs

Noch grünen jene Felder
und bestehen jene Haine
und auf demselben Azur
zeichnen sich meine Berge ab.
Dort rufen die Steine immer
den seltenen Regen an, den blauen Regen,
der von dir kommt, helle Bergkette,
du meine Hochebene, Lust, Helligkeit!
Ich geize mit dem Licht, das mir in den Augen bleibt
und das mich beben lässt, wenn ich dich erinnere!
Jetzt liegen die Gärten dort wie Musikstücke
und verwirren mich, ermüden mich wie in quälendem Überdruss.
Das Herz des Herbstes welkt schon dort,
im Einklang mit zarten Rauchwolken.
Und die Gräser brennen in Haufen
für die Jagd, zwischen Septemberträumen
und abendgefärbten Nebelschwaden.

Mein ganzes Leben verbindet sich mit dir
wie nachts die Flammen mit der Dunkelheit.

[Aus dem Katalanischen: àxel sanjosé]

Und als wir voneinander schieden

Am Puschkin-Denkmal, bei den Stufen,
sind wir uns dann zuletzt begegnet.
Dies Moskau hatte unsre Köpfe
mit roten Sternen zugeregnet.
Und als wir voneinander schieden,
die Lippen zuckten ein »Mach’s gut«,
sahn wir: der bronzne Alexander
verbarg die Wunde und das Blut.

Das ist die erste Strophe des Gedichts »Perez Markisch« von Abraham Sutzkever, aus dem Jiddischen übersetzt von Hubert Witt (in: Abraham Sutzkever: Gesänge vom Meer des Todes. Zürich: Ammann Verlag 2009). Das vollständige Gedicht fand ich in planet lyrik.

Am 12. August 1952 wurden in der »Nacht der ermordeten Dichter« im Zuge einer der sog. stalinistischen Säuberungen zwölf jüdische Intellektuelle hingerichtet, darunter die jiddischen Schriftsteller David Bergelson, Itzik Feffer, David Hofstein, Leib Kwitko und Perez Markisch. Ich dachte, es würde ein Leichtes sein, im www ein Gedicht eines der Ermordeten zu finden. Es war aber nicht so. Die Schreibweise der Namen (Itzik/Itsik, Feffer/Fefer, David/Dovid, Leib/Leyb, Kwitko/Kvitko, Perez/Peretz etc.) schwankt (s. Lyrikkalender), aber Google berechnet das mit ein. Mein Ergebnis: es scheint kaum Online-Texte zu geben. Ich fand drei von vierzehn Strophen des Gedichts »Ikh bin a yid« von Feffer (s. Nr. 3 des verlinkten Dokuments, allerdings auf Jiddisch, dessen ich nicht mächtig bin:

Der vayn fun doyresdikn doyer
Hot mir geshtarkt in vanderveg,
Di beyze shverd fun payn un troyer
Hot nit farnikhtet mayn farmeg.
Mayn folk, mayn gloybn un mayn blien,
Zi hot mayn frayhayt nit geshmidt.
Fun unter shverd hob ikh geshrien:
Ikh bin a yid!

Der kluger kneytsh fun Reb Akive,
Di khokhme fun Yeshayes vort
Hobn gebert mayn dursht, mayn libe,
Un zi mit has tsunoyfgeport.
Der shvung fun makabeyer heldn,
Bar Kokhbas blut in maynem zidt,
Fun ale shtayers fleg ikh meldn:
Ikh bin a yid!

Un oyf tsepikenish di sonim,
Vos greytn kvorim shoyn far mir,
Vel ikh unter di fraye fonen
Nokh hobn nakhes on a shir.
Kh'vel mayne vayngertner farflantsn
Un fun mayn goyrl zayn der shmid,
Kh'vel nokh oyf di sonims keyver tantsn!
Ikh bin a yid!

Ein kurzer Blick in die Online-Kataloge der Deutschen Nationalbibliothek und der Bayerischen Staatsbibliothek bestätigt, dass es – zumindest im deutschsprachigen Raum – keine Bände der genannten Autoren gibt jenseits derjenigen, die zu ihren Lebzeiten (überwiegend in den 1910er bis 1930er Jahren) erschienen. Falls dem nicht so ist, bitte ich um Hinweis. [ich = für ein paar Tage stellvertretend: à. sanjosé]

Wörter für Uroma Oma Tochter

Róža Domašcyna

(* 11. August 1951 in Zerna, Landkreis Kamenz)

Cyklen

meine urgroßmutter, die bei weitem keine uroma war, 
sondern eine prawowka, sprach nur wendisch, wie sie es 
mir auf sorbisch erklärten

meine großmutter, die bei weitem keine oma und auch keine 
uroma war, sondern eine wowka und prawowka, sprach
nicht nur wendisch‚ wie sie es mir auf wendisch erklärte

meine mutter‚ die eine wowka und prawowka ist‚ dazu eine
oma und uroma, was keiner zu ihr sagt, spricht sorbisch,
wie sie es mir auf wendisch und deutsch erklärt

ich, die ich eine oma bin und selten wowka, spreche
wendisch—sorbisch, was ich hier auf deutsch erkläre

meine tochter, die längst noch keine oma ist und niemals
wowka sein will, spricht nur deutsch, was sie gern erklärt

meine enkelin, die eine wnutschka ist, spricht zu hause nur
deutsch, wie sie es mir auf sorbisch erklärt, was ja eigentlich
wendisch ist

Anmerkung: Bezeichnungen für Uroma, Oma, Tochter (in sorbischer, sorbisch-phonetischer und deutscher Sprache)

Aus: Róža Domašcyna: Feldlinien. Gedichte. Bucha bei Jena: quartus-Verlag (Edition Ornament), 2014, S. 6

Róža Domašcyna schreibt Sorbisch und Deutsch

Sterblied

Heute vor 380 Jahren, am 10. August 1638 – in Pommern schrieb man nach julianischem Kalender den 31. Juli – starb die Tochter des Greifswalder Bürgermeisters, Sibylla Schwarz, nicht einmal siebzehneinhalb Jahr alt. Hier ihr »Christliches Sterblied«.

Das Gedicht ist sangbar und in Strophen gegliedert (nach damaliger Sitte markiert sie die Strophen nicht durch Leerzeilen, sondern nur durch Einrückung des Strophenanfangs). Mindestens in der letzten Strophe zeigt die junge Dichterin, daß sie auch bei dem ernsten Thema auf der avançierten Klaviatür der allerneusten Dichtungsart spielen kann.

Ein Christliches Sterblied.

WJltu noch nicht Augen kriegen /
O du gantz verbößte Welt /
Da du doch siehst niederliegen
Manchen außgeübten Helt /
Da du doch offt siehst begraben /
Die es nicht gemeinet haben !
   Wie lang wiltu Wollust treiben ?
Wielang / meinstu / hastu Zeit ?
Jn der krancken Welt zu bleiben ?
Wielang liebstu Uppigkeit ?
Da doch einer nach dem andern
Muß auß disem Leben wandern.
   Ey / was hastu fur Gedancken /
Wan da so viel Leichen stehn ?
Wan da liegen so viel Krancken /
Die den Todt für Augen sehn ?
Wan die Götter dieser Erden
Selber auch begraben werden ? 
   Wirstu dich nicht eh bedencken /
Eh der warme Geist entweicht /
So wirstu dich ewig krencken /
Darümb / weil der Todt uns schleicht
Stündlich nach auff allen Seiten /
Soll man sich dazu bereiten.
   Gib mir Gott ein Sehlig Ende /
Führ mich durch des Todes Thal /
Nimb mich fest in deine Hende /
Kürtze mir des Todtes Qual /
Laß mein Hertze nicht verzagen
Für des Todes grimmen Plagen !
   Laß mir nach die schweren Sünde /
Gib mir deinen Frewdengeist /
Das ich Ruh der Sehlen finde !
Darüm bitt ich allermeist /
Laß mich auch ja nicht berauben /
Sondern mehr mir meinen Glauben !
   Hier mein Gott / hie schlag und plage !
Hier / HERR JEsu / reck undt streck !
Hier hier trenne / brenn undt jage !
Hier reiß / schmeiß / krenck / senck undt schreck !
Laß mich hier die Straffe spüren /
Die mir solte dort gebüren !

 

Frischgeschnittener Stern

José Lezama Lima
* 19. Dezember 1910 in Havanna; † 9. August 1976 ebenda

Ah, que tú escapes en el instante
en el que ya habías alcanzado tu definición mejor.
Ah, mi amiga, que tú no querías creer
las preguntas de esa estrella recién cortada,
que va mojando sus puntas en otra estrella enemiga.
Ah, si pudiera ser cierto que a la hora del baño,
cuando en una misma agua discursiva
se bañan el inmóvil paisaje y los animales más finos:
antílopes, serpientes de pasos breves, de pasos evaporados,
parecen entre sueños, sin ansias levantar
los más extensos cabellos y el agua más recordada.
Ah, mi amiga, si en el puro mármol de los adioses
hubieras dejado la estatua que nos podía acompañar,
pues el viento, el viento gracioso,
se extiende como un gato para dejarse definir.

Ach, dass du entkommst in dem Augenblick,
da du gerade deine beste Definition erreicht hattest.
Ach, meine Freundin, du wolltest ja nicht
die Fragen dieses frischgeschnittenen Sterns glauben,
der seine Spitzen in einem anderen feindlichen Stern nässt.
Ach, wenn es wahr sein könnte, dass zur Stunde des Bades,
wenn in einem einzigen diskursiven Wasser
die regungslose Landschaft und die feinsten Tiere baden:
Antilopen, Schlangen von kurzen Schritten, von verdunsteten Schritten,
in Träumen, ohne Hast zu heben scheinen
die weitreichendsten Haare und das meisterinnerte Wasser.
Ach, meine Freundin, wenn auf dem reinen Marmor der Abschiede
du die Statue gelassen hättest, die uns begleiten könnte,
denn der Wind, der anmutige Wind
breitet sich aus wie eine Katze, die sich definieren lassen will.

[Arbeitsübertragung: à.s.]

And not one will know

Sara Teasdale
* 8. August 1884 in St. Louis; † 29. Januar 1933 in New York City

There will come soft rains and the smell of the ground,
And swallows circling with their shimmering sound;

And frogs in the pools singing at night,
And wild plum-trees in tremulous white;

Robins will wear their feathery fire
Whistling their whims on a low fence-wire;

And not one will know of the war, not one
Will care at last when it is done.

Not one would mind, neither bird nor tree
If mankind perished utterly;

And Spring herself, when she woke at dawn,
Would scarcely know that we were gone.

 

Sanfter Regen wird kommen und der Geruch der Erde
Und Schwalben, die kreisen mit ihrem Schwirren;

Und Frösche in den Tümpeln mit Nachtgesang
Und wilde Pflaumenbäume in zitterndem Weiß;

Rotkehlchen werden ihr Federfeuer tragen
Und ihre Launen von den Zaundrähten pfeifen;

Und keines wird wissen vom Krieg, nicht eines
wird’s kümmern, wenn er sich ereignet;

Und keinen beträf’s, weder Vogel noch Baum,
stürbe die Menschheit gänzlich aus;

Und der Frühling selbst, erwacht er am Abend,
würde kaum bemerken, dass wir gegangen.

[Arbeitsübertragung: Àxel Sanjosé)

Zu zart für Gedanken

Über den Mystiker und Dichter Ibn Arabi sagt die deutsche Wikipedia:

Muhyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muhammad ibn ʿAlī Ibn ʿArabī al-Hātimī at-Tāʾī (arabisch محي الدين أبو عبد الله محمد بن علي بن عربي الحاتمي الطائي, DMG Muḥyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī Ibn ʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī; * 7. August 1165 in Murcia; verstorben am 16. November 1240 in Damaskus) war einer der bekanntesten Sufis. Er wird wegen seines großen Einflusses auf die allgemeine Entwicklung des Sufismus auch asch-schaich al-akbar („Der größte Meister“) bzw. latinisiert Magister Magnus genannt. Vielen gilt er als Advokat religiöser Toleranz.

Die englische Version des Weltlexikons hat andere Daten und Schreibweisen des Namens:

Ibn ʿArabi (26 July 1165 – 16 November 1240), full name Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī ibn Muḥammad ibnʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī, was born in southeast Spain.

Die spanische wieder ein bißchen anders:

Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn ʿAlī ibn Muḥammad ibnʿArabī al-Ḥātimī aṭ-Ṭāʾī (en árabe: أبو عبد الله محمد بن علي بن محمد بن عربي الحاتمي الطائي‎‎; Murcia, 28 de julio de 1165 – Damasco, 16 de noviembre de 12401​), más conocido como Ibn Arabi, Abenarabi y Ben Arabi, fue un místico sufí, filósofo, poeta, viajero y sabio musulmán andalusí. Sus importantes aportaciones en muchos de los campos de las diferentes ciencias religiosas islámicas le han valido el sobrenombre de Vivificador de la Religión (en árabe: محيي الدين, Muhyi al-Din) y el Más Grande de los Maestros (en árabe: الشيخ الأكبر, as-Sheij al-Akbar).

Und so weiter. Selbst die Lebensjahre scheinen zu schwanken – eine von mir benutzte deutsche Anthologie gibt sie mit 1160-1245 an.

Wie dem sei – heute oder an einem anderen Tag kann man seinen Geburtstag feiern. Er gilt als der größte islamische Mystiker und wird noch heute „von Marokko bis Malaysia bewundert“ – und warum nur dort? Der Namensteil al-Hatimi übrigens weist auf eine deutsche Spur. Er bedeutet, daß er aus dem Geschlecht des vorislamischen Dichterfürsten Hatim oder Hatem abstammt; und apropos Dichterfürst: in einem Gedicht versteckt sich Goethe per Reimspiel hinter dem Namen Hatems:

Du beschämst wie Morgenröte
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal spüret Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.

Aber jetzt das Geburtstagskind. Bei mystischen Dichtern weiß man ja nie so genau, meinen sie jetzt Wein? Oder Sex? Oder in Wirklichkeit irgendetwas Himmlisches? (Als wären Wein oder Sex nicht auch etwas Himmlisches…, naja. Zumindest wäre die Metapher und der Vergleich unverständlich, wenn nicht Dichter und Leser eine Ahnung von verschiedener Art Himmlischkeiten hätten.)

Ibn Arabi hat glühende Liebesgedichte geschrieben, und die Orthodoxen und Schriftgelehrten hielten den mystischen Gehalt nur für Tarnung. Also schrieb er ein ganzes Buch, Dolmetsch der Sehnsüchte, wo er in gelehrten Kommentaren erklärte, was Blume, Blitz oder Brust eigentlich bedeuten. Natürlich glaubte man ihm nicht. (Immerhin wurde er nicht hingerichtet wie andere Mystiker verschiedener Religionen).

Hier ein Gedicht daraus in zwei deutschen Fassungen. Die eine gibt nur die Gedichte und versucht die kunstvollen Verse wenigstens als Ahnung ins Deutsche zu bringen. (Klugerweise verzichtet sie auf den nur mühsam ins Deutsche zu übertragenden Reimschmuck und deutet den Kunstcharakter nur in reimlosen Jamben an). Die andere übersetzt die Verse in Prosa und gibt den vollständigen Kommentar dazu. Das Gedicht paßt auf eine Seite, der Kommentar braucht vier Seiten. Ich habe ihn aber hier weggelassen.

Aus: Das Wunder von al-Andalus. Die schönsten Gedichte aus dem Maurischen Spanien. Aus dem Arabischen und Hebräischen ins Deutsche übertragen und erläutert von Georg Bossong. München: C.H. Beck, 2005, S. 154

Aus: Ibn ‚Arabi: Urwolke und Welt. Mystischen Texte des Größten Meisters. Aus dem Arabischen übersetzt und herausgegeben von Alma Giese. München: C.H. Beck, 2002, S. 290