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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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Anti-Jazz, schreiben sie

466 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

LnPoe-Messelese #15 · Florian Bissig

Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.

Anti-Jazz, schreiben sie

Allerheiligen
einundsechzig
im Village Vanguard

Verachtung des Publikums, schreiben sie

es beginnt mit dem Summen
einer
was ist’s
eine Oud, oder
eine Tanpura
die metallisch
schnarrt und vibriert
eine reine Quinte
ein Geflirr von Tönen

Obertöne neurotischen Zwangs, schreiben sie

ein Riff am Bass
zwei Bässe
ein Riff
eine Quinte
Quinte zum Intro
Quinte als Begleitung
Quinte für ein Stück

Anti-Jazz, schreiben sie

heute für zehn Minuten
morgen für dreizehn
Sonntag für fünfzehn
ein G und ein D
zwei Töne
eine Quinte
ein Song

musikalischer Nonsens, schreiben sie

Yeah!
Trane ist zufrieden
mit dem Groove
von India
dem Bordun-Tun
seiner Gruppe

Angriff aufs Wesen des Jazz, schreiben sie

Trane steigt ein
Dolphy steigt ein
das Sopransax
im tiefsten Register
die Bassklarinette
im oberen Register
hier treffen sie sich
zur Quinte

Bewegung ohne Fortschritt, schreiben sie

ein Thema
eine Quinte
vereinigt mit den Bässen
mit McCoy an den Tasten
während Elvin trommelt
als wär er zu zweit

Weg in die Anarchie, schreiben sie

und aus der Ruhe
des Borduns
fliegt Tranes Stimme
empor
in Höhen unkenntlich
flink und behend

ein wütender junger Tenor, schreiben sie

zwitschernd und singend
beschwingt und beseelt
sehnend und trillernd
wild und begeistert

epileptische Ausbrüche der Leidenschaft, schreiben sie

rufend und suchend
schreiend und jubelnd
kreischend und preisend

ein Klang wie ein Hundegebell, schreiben sie

und schliesslich
sinkt die Stimme ab
in näselnde Tiefen
zur Gruppe zurück
zum Bordun zurück
zur Quinte zurück
ins Thema
ins Riff
in den Zweiklang mit Dolphy
in den Vielklang der Gruppe
in den Austausch im Vanguard

Kauderwelsch, schreiben sie

in die Feier
des grossen
des schönen
Universums
in dem wir leben

nihilistischer Exzess, schreiben sie

des prächtigen
allumfassenden

Florian Bissig (* 12. Juli 1979 in Kilchberg ZH) ist ein Schweizer Anglist, Kulturjournalist und literarischer Übersetzer.

Zuletzt erschien

Spielen, was ist. Gedichte zu Coltrane. Verlag die brotsuppe, Biel 2026, ISBN 978-3-03867-119-0. Das heutige Gedicht steht auf den Seiten 47-52.

Informationen auf der Seite des Verlages

John Coltrane (1926-1967) revolutionierte den Jazz innert weniger Jahre gleich mehrmals. Die Wirkung des afroamerikanischen Saxophonisten ist bis heute, sechs Jahrzehnte nach seinem frühen Tod, prägend: durch seine Kompositionen, Improvisationen, seinen Ton, und durch seine Hingabe und Haltung. Anlässlich seines 100. Geburtstags schreibt sich der Lyriker Florian Bissig dem Leben und Werk John Coltranes entlang und begleitet den Jahrhundertmusiker bei seinem rastlosen Suchen und Schaffen. Er folgt ihm in seiner technischen, künstlerischen und spirituellen Entwicklung, vom Brotjob in der Rhythm-n-Blues-Band über die Engagements bei Miles Davis und Thelonious Monk bis in die Fülle avantgardistischer Werke der letzten Lebensjahre. Der Vielfalt des musikalischen Schaffens stellt der Dichter eine Vielfalt literarischer Formen entgegen und widmet sich nebst den Aufnahmen und Kompositionen auch Coltranes Lebensweg, seinen Äusserungen und seiner Wirkung auf Hörer, Künstler und Gesellschaft.

https://diebrotsuppe.ch/publikationen/alle-titel/spielen-was-ist

Maria nimmt Gestalt an

209 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

LnPoe-Messelese #14 · Olaf Wisch

Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.

Maybe Mary

                                für Ottilie

die wilde, bunte, irre Göttin
die keinen Bedarf hat
an Bedürftigen, an ungebetenen Seelen
aber im Vorübergehn gern
den einen oder anderen Kuss gewährt
sie will nicht mehr
sie gibt nicht mehr
weder unten noch oben;

sie ist die Himmelskönigin
sie schert sich nicht darum
wer den Platz beansprucht
zu ihrer Rechten
sie legt das blaue Kleid ab, die Krone
verjagt die süßen Engel, fällt
kippt auf den Boden unter ihren Füßen
geht durch die Straßen Jerusalems

mit leichten Schritten, voller Trauer

Aus: Olaf Wisch, Maria nimmt Gestalt an. Leipzig: Anderort – Verlag für Lyrik, 2025 

Das Buch ist im Februar 2025 als Debut des Autors erschienen und wurde in diesem Jahr auf der Messe mit dem Verlagsprogramm des anderort-Verlages präsentiert. Christine Hoba schreibt dazu: „Heilige, Sünderinnen, Gottesmütter, Künstlerinnen, frisch Geborene (als Frau), Dichterinnen (vergessene, verehrte, verstorbene, suizidierte, luzide, mystische, verlachte) – der Lyriker Olaf Wisch macht sich in diesen Gedichten auf, Maria, weg von ihrer patriarchalen Überformung, Gestalt annehmen zu lassen.“ 

Olaf Wisch wurde 1973 in Wittenberg geboren, lebt und arbeitet in Halle (Saale). Im Juli 2026 erhält er den Klopstock-Förderpreis des Landes Sachsen-Anhalt für sein lyrisches Debut. 

J. H. Prynne †

Zum Tod des britischen Dichters J. H. Prynne teilt Norbert Lange eine unveröffentlichte freie Nachdichtung aus The White Stones (1969) – einem Schlüsselwerk der internationalen Avantgarde-Lyrik. Ein dichterischer Gruß an einen der konsequentesten Autoren der letzten sechzig Jahre.

Gedicht „Flughafengedicht: Überlebensethik“ von J. H. Prynne in freier deutscher Nachdichtung von Norbert Lange. Der Text entfaltet eine komplexe Bildwelt aus Flug, Wüste und Herz als Metaphern für Bewusstsein, Risiko und Liebe und stammt aus dem Kontext des Bandes „The White Stones“ (1969).

J. H. Prynne (Jeremy Halvard Prynne, 24. Juni 1936 in London; † 22 April 2026) war einer der bedeutendsten britischen Dichter der Gegenwart und eine zentrale Figur der sogenannten Cambridge Poetry.

Er studierte in Cambridge, wo er später viele Jahre als Bibliothekar am Gonville and Caius College arbeitete und Generationen von Dichterinnen und Dichtern prägte. Sein Werk gilt als besonders anspruchsvoll und vielschichtig: geprägt von dichter Sprachreflexion, wissenschaftlichen und philosophischen Bezügen sowie einer radikal präzisen Aufmerksamkeit für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.

Mit seinem Band „The White Stones“ (1969) wurde Prynne international bekannt; das Buch gilt heute als eines der einflussreichsten Werke der englischsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg entwickelte er eine Poetik von großer Konsequenz und Eigenständigkeit, die weit über Großbritannien hinaus wirkte und zahlreiche Autorinnen und Autoren beeinflusste.

Sein Werk steht exemplarisch für eine experimentelle, intellektuell herausfordernde Lyrik, die Sprache nicht nur als Ausdruck, sondern als Erkenntnisinstrument begreift.

Einmal rief Thomas Kling mich an

175 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Hendrik Rost

Requiem

Einmal rief Thomas Kling mich an, als ich in Berlin lebte,
auf Zeit in einem Raum mit aufblasbarem Bett
und Telefon, zweiter Hinterhof, lebendig begraben.
Keine Ahnung, woher er die Nummer hatte. Mensch,
ich muss mit dir reden, dröhnte der Meister. Und redete.
Ich nickte, ein Kind, das magisch denkt.

Er war es leibhaftig, ich kannte die Stimme –
ich hatte ihn einmal lesen erlebt: Er saß beim Buchhändler
verdeckt von einem Stapel Wälzer am Verkaufstisch
und skandierte mit Verve seine Verse.
Immer wieder drehte er die Augen auf Weiß.
Nach einer Stunde fuhr er hoch: Alles Ärsche, zischte er,

die verstehen mich nicht. Und hatte Recht.
Ich kam nicht dazu, irgendwas zu sagen
oder zu fragen, wie es ihm geht, wo er ist. Kling:
Ich beobachte, was du so machst. Dann legte er auf.
So schweigt er, wie er spricht mit Menschenstimme.
Was hatte er gesagt? Nimm deine Zunge und geh.

Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 156

Kassandro

288 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Albrecht Haushofer

(* 7. Januar 1903 in München; ermordet 23. April 1945 in Berlin)

In der letzten Nacht nationalsozialistischer Herrschaft wurden vierzehn Häftlinge des Berliner Lehrter-Straße-Gefängnisses aus ihren Zellen geholt mit der Versicherung, daß sie frei seien, daß ihre Entlassung jedoch noch in der Prinz-Albrecht-Straße bestätigt werden müsse, wohin sie sogleich gebracht würden. Als die vierzehn Ausgesonderten das Gefängnisportal durchschritten hatten, wurden sie von einer ebenso starken schwarzuniformierten Bewachungsmannschaft übernommen.

Nur wenige Schritte wurden die Gefangenen in der Frühlingsnacht geführt, während sie die befreienden Schüsse der Sieger aus nächster Nähe hörten, — dann wurden sie alle durch Genickschuß niedergestreckt.

Als man die Toten auffand, war einer unter ihnen, der ein Heft mit Gedichten in seiner Hand hielt. Es war Albrecht Haushofer. Der ihn so fand, war sein eigener Bruder, selbst nun aus der Haft befreit. Die Verse, die er aus des Toten Händen nahm, trugen die Überschrift: „Moabiter Sonette“.

Gefesselt, in der Einsamkeit seiner Zelle, hatte Albrecht Haushofer achtzig Gedichte geschrieben. Mit dem letzten Wissen der Todesnähe durchwandert hier ein ungewöhnlich tiefer und umfassender Geist noch einmal die inneren Stationen seines Daseins.

Albrecht Haushofer: Moabiter Sonette. Berlin: Lothar Blanvalet, 1946, S. 91

KASSANDRO

Kassandro hat man mich im Amt genannt,
weil ich, der Seherin von Troja gleich,
die ganze Todesnot von Volk und Reich
durch bittre Jahre schon vorausgekannt.

So sehr man sonst mein hohes Wissen pries,
von meinem Warnen wollte keiner hören,
sie zürnten, weil ich wagte, sie zu stören,
wenn ich beschwörend in die Zukunft wies.

Mit vollen Segeln jagten sie das Boot
im Sturm hinein in klippenreiche Sunde,
mit Jubelton verfrühter Siegeskunde –

nun scheitern sie – und wir. In letzter Not
versuchter Griff zum Steuer ist mißlungen. –
Jetzt warten wir, bis uns die See verschlungen.

Ebd. S. 69

was soll sich auch dadurch groß ändern

206 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Die Nummer 251 der manuskripte flattert ins Haus, darin Texte von Barbara Frischmuth, Tom Schulz, Sarah Kuratle, Daniel Jurjew, Dana Ranga, Slata Roschal, Ulrike Draesner, ein Dossier zum 80. Geburtstag von Ilma Rakusa und noch viel mehr. Hier aus dem Heft ein Beitrag von Bertram Reinecke.

Bertram Reinecke

IX

Ja was soll sich auch dadurch groß ändern dass jemand deinen Wikipediaeintrag redigiert: War ein deutscher Dichter und eine Jahreszahl einträgt?

So schnell kannst du gar nicht schauen, wie die Schneise die einer reißt, sich wieder schließt, Kinder deren Arme sich mit den Armen der Älteren trauernd zusammenschließen, damit der Tod rasch verhüllt wird, ein Dickicht, das hinter einem federnd zusammenschlägt.

Allenfalls bleibt ein Eintrag im säuberlich geführten Terminbuch der Stationsschwester, kurz mag es die Katze verstören, wenn man dich polternd herausrollt, aber Ruckzuck ist der Raum angefüllt mit neuen Generationen.

Und Facebook ist auch ohne dich voll schlechter Nachrichten, dafür braucht es dich nicht, im Kleiderschrank herrscht Stille und in der Stille geigt eine Motte über dem geschlossenen Notebook wie das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht…

man lässt nur so viel ungelesen zurück –

Aus: manuskripte. weiter schreiben, 251/2026, S. 112

L&Poe gratuliert

William Totok 

(* 21. April 1951, heute vor 75 Jahren, in Comloșu Mare, deutsch Groß-Komlosch, Rumänien, lebt in Berlin) 

erlebnisse 2

kaum 20
eine junge arbeiterin
besucht mich
ihr schweiß
ist mir wohlbekannt
wir lieben uns
wir haben uns nichts besonderes zu erzählen
eine nacht lang
ja sage ich
ja sagt sie
sie weiß daß ich gedichte schreibe
wozu meint sie
deshalb sage ich
sie küßt mich
pink floyd sage ich
ja sagt sie
ich habe keine andere musik
nein sagt sie
ja sage ich
schon gut sagt sie
ja sagt sie
wir lieben uns
ja sage ich
es beginnt zu dämmern
ja sagt sie
schon gut
ja sage ich
es dämmert
ja sagt sie

(1979)

Aus: Der Herbst stöbert in den Blättern. Deutschsprachige Lyrik aus Rumänien. Hrsg. Peter Motzan. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 148

Haifische kommen vorbei

153 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Michel Leiris 

(* 20. April 1901, heute vor 125 Jahren, in Paris; † 30. September 1990)

Zeitkreis

Halsschmuck untermeerisch
der geruch in zeiten der regime pflanzt sich fort in
wellenlängen wiederholungen von farben
über wiederholungen von kilometern
Löscht alkohol zu meinen händen und allen anschein
und mein kopf wird das faß sein
scherbe der intelligenz mit blut bespritzt die handteller
von einem kleinen marodeur gefallen vom himmel
genannt Ludwig und das alter 14einhalbjährig

Haifische kommen vorbei und kommen zurück
sie wittern den hinterhalt
schrecklichen hinterhalt der häuser
der fensterklappen fallbeile
Die Selbstentleibten letzter tage mit den Heiligen
vergangener tage
verrotten irgendwo
dort unten in Amerika
da ist steinsalz die krönung und höhere kost als der frost
und der himmel ist nichts als ein frost

(1926)

Deutsch von Wolfgang Hilbig, aus: SURREALISMUS IN PARIS 1919-1939. Ein Lesebuch. Mit Abbildungen. Herausgegeben und mit einem Essay von Karlheinz Barck. Leipzig: Verlag Philipp Reclam jun., 1986, S. 354

Was in mir tobt bin ich

91 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Kerstin Preiwuß

Die Windsbraut schläft in mir.
Ein schaukelndes Embryo in jeder Ohrmuschel.
Wie beruhigt mich dass sie sich bewegt.
Ich bin gut aufgehoben egal was in mir tobt.
Die Windsbraut hat sich in mein Ohr gelegt.
Übers Jahr ist es umgekehrt.
Der Wind schläft draußen mit mir.
Der Wind ist draußen.
Ich bin allein.
So klingt Verlassenheit.
Ich weiß dass das ein Mythos ist.
Was in mir tobt bin ich.

Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 156

Tausend Jahre

91 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ludwig Fels

(* 27. November 1946 in Treuchtlingen; † 11. Januar 2021 in Wien) 

Für die nächsten tausend Jahre

Essen die Kinder die Vögel
fangen den kalten Wind
küssen die Tiere die Toten
weint die Sonne sich blind.
Trinken die Kinder den Tau
fallen die Himmel ins Meer
singen die Fische wie Engel
träumend das Licht so blau.
Schlafen die Kinder in Trauer
in Einsamkeit, Nacht und Schmerz
schmelzen die eisernen Wolken
wohnt ihnen der Tod im Herz.

Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 204

ich aber küsse heute schon

114 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

LnPoe-Messelese #13 · Charlotte van der Mele

Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.

subversiver champagner

die königin des morgigen mittags
trinkt an einer theke in texas
angewidert alternativlosen bourbon

derweil arrangiert der präsident des präsens
einem hausengel gleich die welt

und die konterrevolution wechselt die seiten

das wort verbrenner gewinnt neue bedeutung
angesichts von e-autos an straßenrändern

behördenmitarbeiter*innen schenken sich
weiße rosen vor gerichten
richter*innen tragen an
erwartungen

ich aber küsse heute schon
der königin champagner auf die lippen
hart feiern wir das kommende präteritum

Aus Charlotte van der Mele: ein vollgültiger tiger. gedichte 2024/ 2025. Leipzig: Anderort, 2025, S. 76

https://charlottevandermele.org

Die Verkündigung der Werte am Hindukusch

657 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.

LnPoe-Messelese #12 · Kristian Kühn

Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.

Die Verkündigung der Werte am Hindukusch 
05.09.08

Es läuft auf Krieg zu, ihr wisst es ja auch.
Statt ein paar juvenile Modernisten zu enteignen,
lasst ihr sie laufen, die Feste bodenloser Ekstase
der aufrechten Angeber, denen die Gedanken ausgehen,
die Nahrung Maschinen opfern, das Heilige zu verhöhnen,
das Band der Kreatur durchzuschneiden –
denen alles egal ist, was nicht Regal ist,
die mit Chips laborieren, deinem Leben
Kontrolle einzupflanzen gleich nach der Geburt,
die Robotniks fördern und Schafe,
denen die Maske entgleitet, je mehr überwacht wird,
die mit Aktentaschen voller Geld hin und her laufen,
nicht sicher, wo der rettende Hort ist,
die keine Verantwortung spüren, nur shareholder value,
die nicht mehr denken, außer sie haben Spaß
und behalten ihr Privileg, die Andern zu verhöhnen,
und töten mit Napalm, nuklearen Sprengsätzen,
dümmlichen Floskeln, Sprüchen aus Wachs,
geilen Statements formloser Gier –
nennt es ruhig Demokratie, nennt es Konsumberatung!
Nennt es ‚Viel Spaß in den Ferien‘,
Traumschiff, Madonna oder einfach nur Weinhaus,
die Verkündigung der Werte am Hindukusch,
hetzt gegen das Volk, zu jung zu verstehn,
das dumpfe, abwartende, dem Zuversicht ausgeht
und Einsicht, es wird sich schon rächen,
es sei denn, ihr nehmt ihm die Kraft mit
Rabattmarken und Gewinncoupons,
eure geliftete Dürre ist nicht mehr wert
als die Haut der Schlange, die sie verlässt,
um nackt sich zum Sterben zu legen in den Kot
der Schamlosigkeit und hirnfreien Zone.
Ihr habt es vermasselt, ihr habt es verquasselt
im Glauben, Sprüche ließen es retten,
ihr seid keine Magier, ihr könnt keinem Strick
Atem einhauchen, aber ihr weicht nicht,
sucht stotternd nach neuen Phrasen
wie Gleitcreme, zu fest um zu rutschen,
zu weich, um zu haften.

Die Schönheit grenzenlosen Feierabends
wird heutzutage immer häufiger missverstanden.
Viele denken, eine Flasche Bier, ein Mädchen,
etwas Rundes in der Hand, im Geldbeutel
– und schon ist die Klimax erreicht.

Wimpernlose Traumfrau,
du ohne Brüste, nur Augen – Gesicht,
erscheinst du als Engel, als Erzengel vielleicht,
dann nenn keine Namen und flieg
wie du fliegst mit dem Hauch.

Ein Gedicht in Großbuchstaben will ich schreiben
wie ein archaisches Fundstück, denn ein Oder
gibt es für Lyrik nicht

Jahrtausende Platon – wie habt ihr – als eure Leitfigur –
ihn ruiniert, versteht ihr überhaupt?
„Kennen wir nun ein größeres Übel für den Staat
als dasjenige, welches ihn zerreißt und ihn zur Vielheit
macht anstatt zur Einheit? Oder ein größeres Gut
als das, welches ihn eng verbindet und zu einem macht?
Keines.


Je schneller wir von Gedankenhöllen
uns verabschieden, desto besser.
Vielleicht wäre Europa noch rettbar
vor geistiger Paralyse, Anrufe abzuhören,
Fingerabdrücke zu sammeln,
Sommerreisen zu Endzeitpreisen,
Gedanken zu zählen, zusammenzukleben zur Welt.

Aus: Kristian E. Kühn: Orgelreisen (Lyrik Edition Neun, 44). ISBN: 978-3-948999-44-5
32 Seiten, 125×190 mm, Fadenbindung, illustrierte, nummerierte und signierte Ausgabe
Normalausgabe (Broschur): 9 Euro 
Vorzugsausgabe (Hardcover): 33 Euro
— limitiert auf 9 nummerierte und signierte Exemplare
mit Original-Linolschnitt von Steffen Büchner
(Sammlerexemplare ohne ISBN, außerhalb des Buchhandels)

Man spürt die Wellen des Wir in Kristian Kühns Orgelreisen, ganz nach dem Motto des Universalgelehrten Athanasius Kircher, mit dem das Titelgedicht einleitet: „in Einem alles“. Das Spiel auf einer solchen Weltenorgel eröffnet den Band, führt durch diese ganz eigene, phantastisch anmutende Welt, die aber eher aus Fluchtmomenten besteht, nicht aus Form und Ordnung, nicht aus Trost, die ohne Halt ist, den es ja auch im Leben nicht gibt. Folgerichtig tauchen mythische Figuren auf, etwa aus der griechischen Archaik. Schnell verschwinden sie wieder, wie Wellen, die in sich stürzen. Eine Verbindung gibt es zu jenen, die sie verstehen und darstellen können, Dichtern, Malern, Komponisten. Alles bewegt sich im Auf- und Untergang, hin zu einem mutigen Übergang in letzte, heutige Mythen, einem Wir, das nur zu gern aufhalten möchte, eine Rückkehr sucht. Bis dann im letzten Vers „Wie Zunder die Vorurteile, Verängstigungen abbrennen“. (Ebd.)

„Nur das Gebügelte hat Anspruch auf Nachwelt,
nicht der romantische Tropfen, 
der jammernd sich weigert, 
im Meer einzutauchen.“

Kristian E. Kühn

Vegetativ

148 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Eva Strittmatter

(* 8. Februar 1930 in Neuruppin; † 3. Januar 2011 in Berlin)

ANALYSE 1

Als ich dreißig wurde, habe ich
Ein Fest für Freunde gegeben.
Jetzt werde ich ohne Reklame alt
Und analysiere mein Leben.
Zweiundvierzig: und was bleibt als Bodensatz
Zurück aus vergangenen Jahren?
Hat wohl die Welt von mir durch mich
Etwas für sich erfahren?
War ich ein Sender oder nur
Das Echo fremder Töne?
Hab ich geschrieben, weil ich muß,
Oder mich nur ans schöne
Gewerbe angehängt, weil es der Zufall brachte,
Daß mich ein Mann zu seiner Frau
Und literarisch machte?
Das meiste an uns ist geheim.
Die Wurzeln sind verborgen:
Seit dreißig Jahren schreibe ich,
Und nicht seit heut und morgen.
Ich schreibe, wie ich existiere:
Vegetativ. Ich treibe kein
Bedarfsgerechtes Kunstgewerbe.
Schreiben ist meine Form von Sein.

Aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. Berlin: Aufbau, 2006, S. 182f (Ursprünglich in ihrem zweiten Gedichtband „Mondschnee liegt auf den Wiesen“ (1975)

Sprachenland

67 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Albert Vigoleis Thelen

(28. September 1903, Süchteln – 9. April 1989, Dülken)

Sprachgebabel

Als sie in den
Sprachen, die sie
sprachen,
sprachen,
und einander nicht verstanden,
weil sie in den falschen
Sprachen
sprachen,
sprachen andere,
die sich verstanden,
über diesen Unverstand, –
doch die kamen sich abhanden,
und so kehrte jeder
sprachlos heim
ins eigene
Sprachenland.

Aus: Albert Vigoleis Thelen: Im Gläs der Worte. Gedichte. Düsseldorf: Claassen 1979, S. 125

livestream & leichen

Martin Piekars Gedichte verbinden deutsche, polnische und englische Sprachpassagen mit experimenteller Typografie. In „livestream & leichen“ treffen gesellschaftliche Konflikte, digitale Technologien und poetische Stimmen aufeinander.

Martin Piekar

Aus: wasche mich nur noch mit abwasser

Typografisch gestaltete Gedichtseite von Martin Piekar mit groß gesetztem Text „hörst du die vögel zwitschern & die bienen summen?“.
Gedichtseite von Martin Piekar mit Passagen in Deutsch, Polnisch und Englisch sowie typografischen Zeilenumbrüchen.

Aus: livestream & leichen. Gedichte: Martin Piekar. Illustrationen: Nina Kaun. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2023 (Quartheft 87), S. 23f

ich singe für die, die
spiegelbleich das grinsen des scheiterns üben
ich singe, um uns allen zu beweisen, dass
wir am leben sind

Was als Spaziergang beginnt, entpuppt sich bald als Tour de Force, als Streitgespräch mit Bots, Bekannten, Liebhaber*innen – und Leichen. Martin Piekar lässt diejenigen sprechen, die am Rand unserer Gesellschaften sprachlos werden. Lässt sie Liebeshymnen anstimmen für diejenigen, die lieblos am Boden liegen gelassen werden. Ungelöste menschliche Konflikte – Herkunft, Beziehungen, Ungleichheiten – werden mit technischen Entwicklungen kontrastiert, die Lösungen anbieten, die eine neue Herrschaftsstruktur einläuten. Wie ein Chor aus griechischen Tragödien fordern Leichen genauso wie der lebendige digitale Livestream immer wieder das Gespräch mit der Vergangenheit und mit der Gegenwart.