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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Die Sonne sagt nichts

LDL / Pier Zellin

1.Nahbell-Nebenpreis 2022: Liga der Leeren (LDL) für einen Essay von 2018 (siehe hier)


HEILIGES Q

das gras saftig grün
nebenan sterben menschen
die sonne sagt nichts

(2020)

Stromkästen und Strohrum

Meike Wanner aus Düsseldorf erhält den 4. Nahbellförderpreis (vgl. hier). Hier ein Gedicht.

Stromkästen und Strohrum 

Ich verabschiede die Wohnungstür
mit dem Schlüssel zur Welt
trete den Bürgersteig mit Füßen
der sich zieht
wie das Kaugummi
unter den Sohlen
die holen Meter um Meter ein und nicht
um den Tag zu ohrfeigen
aus
den Stromkästen flüstern die Sticker mir
geheime Botschaften
zu denen gehört auch
der mit dem Feuer
und die vielen, die ich nicht verstehe
die Alten und Abgepulten
und der der sagt
dass alles gut wird
neben "acab" und "die Welt ist abgeschrieben"
klingt das fast wie Satire
ich will dazu schreiben schreien
dass alles gut ist
solange wir es lassen
aber wer würde das schon hören?
die Menschen sicher nicht die sind doch
zu beschäftigt damit
halbleere Gläser Strohrum zu exen
(Wodka reicht ja längst nicht mehr)
der Stromkasten
trägt meine Worte, Sticker, Tinte
höchstens elektronisch davon und auch dann
nur an die
die sie hören wollen –

(2021)

Letzte Fragen

Hier und an den folgenden Tagen jeweils ein Gedicht der Preisträger der Nahbellpreise 2023 (siehe hier). Der Nahbellhauptpreis ging an René Oberholzer.

René Oberholzer

"Letzte Fragen" (2019)

Und wenn es eine letzte Frage
Im Universum noch gäbe
Würde ich sie
Mit dir teilen wollen
Und zwar so lange
Bis es eine neue
Letzte Antwort
Geben würde

Und wenn es keine letzte Frage
Im Universum mehr gäbe
Würde ich dich küssen
Auf 10 verschiedene Arten
Und zwar so lange
Bis es eine neue
Letzte Frage
Geben würde

23. NAHBELL-PREIS

„Je mehr die Digitalisierung unseren Alltag dort durchdringt, wo sie wegen der Arbeit oder sonstigen Gründen unerlässlich ist, desto mehr ist auch die Sehnsucht da, Sachen, die nicht zwingend am PC oder am Handy gemacht werden müssen, auch wieder analog zu machen, und dazu gehört auch das Lesen. Vermehrt wäre es auch begrüssenswert, wenn Personen, für die Geld kein Thema ist, Gedichte von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren in Zeitungen veröffentlichen oder als Werbung schalten würden wie ein Werbegeschenk an die Literatur.“
René Oberholzer, im Nahbellhauptpreis-Interview 2022


„Dass Lebenszeit mit Lyrikschreiben verplempert wird, würde ich grundsätzlich auch nicht so sehen und wohl auch entschieden dagegen argumentieren, würde mir das tatsächlich jemand vorwerfen. Mit Lyrik holt man im Gegenteil das Meiste aus einem sehr kurzen Zeitraum – und konserviert es! Außerdem liegt die Relevanz von Lyrik auch im Schreiben selbst. Wer schreibt, hat etwas zu sagen; Lyrik bietet eine Möglichkeit, das auf eine Art und Weise in Worte zu fassen, die im Alltag und im gesprochenen Wort nicht möglich wäre.“
Meike Wanner, im Nahbellförderpreis-Interview 2022

„Jetzt spürst du das Wachsen des Grashalms, das Aufgehen der Sonne, das Welken der Blätter, den Zerfall deiner Haut und Organe, das Sterben und das Geborenwerden. Jetzt BIST DU das Leben, du bist pure Wahrnehmung, ohne ein Zentrum in dir zu benötigen, das alles auf sich bezieht. Und du bist endlich kein Nazi mehr, auch kein Linksradikaler und auch kein Flüchtling, kein Präsident und kein Kapitalist – du bist einfach nur „da“ und begegnest der Gegenwart in ihrer totalen Gegenwärtigkeit, weil deine wahre Identität aus ihr und nichts anderem außer der Gegenwart in all ihren Aspekten selber besteht.“
LIGA DER LEEREN, im Nahbellnebenpreis-Essay 2022

31 PREISTRÄGER:INNEN IN 23 JAHREN – 2022 GEHT DER 23.NAHBELL-HAUPTPREIS (FÜR DAS LYRISCHE GESAMTWERK) AN RENÉ OBERHOLZER, DER 4.NAHBELL-FÖRDERPREIS (FÜR DAS NACHWUCHSTALENT) AN MEIKE WANNER UND DER 1.NAHBELL-NEBENPREIS (FÜR DEN UNERWARTETEN ESSAY) WIRD DER LIGA DER LEEREN (LDL) ZUGESPROCHEN!

G&GN-PRESSEMITTEILUNG @ POESIEPREIS.de / Der 23. Nahbellhauptpreis-Gewinner René Oberholzer stammt aus der Schweiz (nach Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd der zweite Schweizer Nahbeller) und ist mit der Veröffentlichung seines Gesamtwerkes noch längst nicht fertig, obwohl er bereits eine große Anzahl an Gedichten, die auch in Buchform erhältlich sind, im Laufe seines Lebens auf zahlreichen Bühnen performte. Die junge 4. Nahbellförderpreis-Gewinnerin Meike Wanner ist eine Düsseldorferin (nach A.J. WeigoniKarin Posth und Sigune Schnabel bereits die vierte nahbellende Düsseldorferin!) und hat ihr ganzes Leben noch vor sich, gewann aber bereits 2 Literaturpreise und wurde schon in mehreren Anthologien veröffentlicht. Trotz des gewaltigen Altersunterschiedes und der unterschiedlichen poetologischen Ansätze verbindet beide Preisträger viel mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Vergleicht man die beiden Interviews, mag man kaum glauben, dass sie sich nicht abgesprochen hätten, aber sie wussten de facto nichts voneinander! Als neue Kategorie wird außerdem 2022 erstmals der sogenannte NEBENPREIS verliehen, der sich nicht an Lyriker richtet, sondern an „unerwartete“ Essayisten. Mit ihrem psychophilosophischen „N.A.Z.I.-BRANDBRIEF“ hat die Liga der Leeren (LDL) bereits 2018 einen Nerv der Gesellschaft getroffen, der gerne verdrängt wird: die Frage nach einer politischen Haltung von „spirituell“ orientierten Menschen und den tabuisierten Gründen für Fanatismus aller Richtungen…


23.NAHBELL-HAUPTPREIS 2022

RENÉ OBERHOLZER

NAHBELLHAUPTPREIS-INTERVIEW „KEINE SCHLUSSHARMONIE: TURNING POINTS ALS SÜSS-SAURER DENKAUSLÖSER

Das vollständige Interview hier


AUSGEWÄHLTE ZITATE:

Jeder Text hat im besten Fall eine Seele und da muss man den richtigen Ton finden oder bewusst einsetzen, damit der Text seine Wirkung nicht schmälert, sondern noch ausbaut, aber das ist ein weites Feld. Man muss sich diesem Feld einfach bewusst sein. Und eines wollen ja alle, die auf die Bühne gehen: Sie wollen mit ihren Texten berühren, entweder das Herz, die Seele, das Lachzentrum, den Ekel oder die Freude, die Zuneigung oder die Abneigung, doch nur eines dürfen sie nicht: kalt lassen.

Ich hatte früher eher die Tendenz, die Gedichte zu komprimieren, zu verdichten im Sinne von zusammenpressen. Heute habe ich gemerkt, dass auch längere Gedichte, die weniger assoziativ und komprimiert sind, sondern mehr erzählend oder mäandrierend funktionieren, auch ihren Reiz haben. Dabei geht es heutzutage weniger um einen Knalleffekt, sondern um einen Überraschungseffekt, der im besten Fall noch mit einem Denkauslöser gekoppelt ist.

Vielfalt in den Formen, die sich aber keiner Reime bedienen, meine relativ grosse Bandbreite an Themen, die von der Liebe über die Gesellschaftskritik bis zum Tod reichen, meine oft nüchterne Sprache, meine Sprachspielereien, meine Inhalte, die oft wie kleine Geschichten daherkommen, meine Turning Points oder auch Pointen, die den Text oft süss-sauer erscheinen lassen oder in die eine oder andere Richtung drehen, und mein gnadenloser Blick, um auch unangenehme, zwischenmenschliche Themen zu verschriftlichen, die sich oft dem bürgerlichen Bedürfnis nach Schlussharmonie entziehen.


Die einen Themen im privaten Bereich erlebt man hautnah und werden textlich verarbeitet und andere Themen erlebt man nicht hautnah, aber sie kommen einem auch aus einer Distanz sehr nahe, weil sie etwas beinhalten, zu dem man sich äussern muss. Natürlich bin ich mir bewusst, dass man mit dem Schreiben einen Krieg nicht stoppen und die Welt nicht aus den Angeln heben kann, aber ein Gedicht kann im besten Fall Mut und Trost denen geben, die sich in einer ähnlichen Ohnmacht befinden.


4.NAHBELL-FÖRDERPREIS 2022

MEIKE WANNER

NAHBELLFÖRDERPREIS-INTERVIEW „DIE BEVORZUGUNG UNSCHÖNER BLICKWINKEL ALS BLEIBENDER EINDRUCK“

Das vollständige Interview hier


AUSGEWÄHLTE ZITATE:

Dass Lebenszeit mit Lyrikschreiben verplempert wird, würde ich grundsätzlich nicht so sehen und wohl auch entschieden dagegen argumentieren, würde mir das tatsächlich jemand vorwerfen. Mit Lyrik holt man im Gegenteil das Meiste aus einem sehr kurzen Zeitraum – und konserviert es!

Ein gelungenes Gedicht kann Emotionen erwecken und Probleme benennen, Denkanstöße geben, sogar zum Handeln bewegen, eine Sprache und Raum bieten und letztlich den Moment vollkommen einnehmen. In diesem Zusammenhang darf Lyrik genau das: auch unangenehm, kritisch und schwierig sein, weil genau dadurch diese Möglichkeiten entstehen. Daher denke ich auch, dass Lyrik durchaus etwas beeinflussen kann!


Es besteht auch kein Zwang zu schreiben; als ich damit anfing, war Lyrik zwar noch ein Mittel zum Zweck, um negativen Emotionen Raum zu geben. Mittlerweile bin ich aber längst darüber hinaus, brauche das nicht mehr und bevorzuge einfach diese unschönen Themen, Blickwinkel oder Beschreibungen.

Ein Gedicht ist dann fertig, wenn ich die Aussage so untergebracht habe, dass eine Dichte erzeugt wird – vor allem atmosphärisch und emotional. Bei einem gelungenen Gedicht spüre ich diese Dichte in Form eines bleibenden Eindrucks. Mittlerweile spiele ich lieber mit Satzbau und Zeilensprüngen, um den Fokus umzulenken, und verwende gern eine Wortwahl, die im ersten Moment unpassend oder auch irritierend wirken könnte; außerdem versuche ich das Gedicht entsprechend abzuschließen, sodass im Idealfall die aufgebaute Atmosphäre zum Ende hin gipfelt.

1.NAHBELL-NEBENPREIS 2022

LIGA DER LEEREN

NAHBELLNEBENPREIS-ESSAY VON 2018: „SPIRITUELLER N.A.Z.I.-BRANDBRIEF: N.ATURWUNDER A.STRONOMIE Z.ENBUDDHISMUS I.NTROSPEKTION“

Der vollständige Essay hier


AUSGEWÄHLTE ZITATE:

Rechtsradikale und Linksradikale haben einen gemeinsamen wunden Punkt, den sie sogar mit der politischen Mitte teilen. Sie alle sind Opfer der größten Zivilisationslüge, aufgrund derer die Menschheit sich lächerlich macht im Angesichte der essenziellen Erkenntnisse, die von Naturwundern, der Astronomie, dem Zenbuddhismus und der Introspektion ausgehen: des narzisstischen Aberglaubens an die ichverhaftete Identität des Individuums.


Nazis, Autonome, Bürger, Flüchtlinge, Präsidenten, Terroristen, Nudisten, Konservative, Anarchisten, Künstler, Philosophen, Pragmatiker, Freaks und Gurus – sie alle sind Anhänger derselben Sekte, die an die Existenz ihres Egos glaubt. Und dieses Ego, ganz gleich welcher Ausrichtung, verteidigt seine eigene Illusion, indem es für eine Ideologie kämpft, auf die es programmiert wurde.


Es wird immer von allen Ideologien genug Menschen geben, um die Beschäftigungstherapie des humanen Normalfanatismus fortzusetzen, solange die Selbstsoldaten nicht ansatzweise begreifen, dass ihr gesamter Glaubenskrieg auf einer Lüge fußt. Früher schien es ein Tabubruch zu sein, zu behaupten, es gäbe keinen Gott, aber heute besteht das viel größere Tabu darin, zu erkennen, dass der Erkennende selbst eine Illusion ist.

„Für das unerwartete Engagement und die komplexe journalistische Recherche unabhängig vom feuilletonistischen Zeitgeist und den Stiltrends der Medienlandschaft“

Zur Einführung des Nebenpreises


Aus „Der Abenteurer“

Walter Hasenclever 

(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)

Als ich noch ängstlich war und keinen kannte. 
Als keine Frau, kein Freund, kein Buch mich nannte. 
Als ich noch jung war, heiß und wild bemüht: 
Wie war ich dumm! Wie stark! Und wie verfrüht! 
Ich weiß nicht, ob es gut war mich zu ändern. 
Doch was ich sah und was ich tat, war gut. 
Von all dem Schwarm in flatternden Gewändern 
Bekränz ich deine Stirne, Lebensmut! 
Nur wir sind würdig, alles zu genießen. 
Die wir genießen, ohne Ziel und Norm, 
Und die wir, groß im Auseinanderfließen, 
Einst wieder wachsen: einsam und zur Form.

Aus: Walter Hasenclever: Der Jüngling. Leipzig: Kurt Wolff, Zweites bis viertes Tausend, 1913, S. 23

Zum Kongress „Hijacking Memory“

L&Poe Journal #02 | Betrachtung und Kritik

Gastkommentar von Oliver Tepel (Köln)

Eine neue antisemitische Strategie: Wer vom Holocaust spricht, soll ein Rechtsradikaler sein.
Es klingt unfassbar, war aber das Hauptthema des Kongresses ‚Hijacking Memory“, der kürzlich im Berliner Haus der Kulturen stattfand. Wie kann es zu solchen beklemmenden Thesen kommen? Das was man „Woke“ nennt, jene aktuelle Zusammenfassung der Weltsicht der studentischen Linken, ist keine Theorie und kann auch keine sein, denn sie strebt nicht nach Konsistenz, sondern nach Macht. Sie ist sich gewiss, die Welt zu verbessern, so sind junge Menschen, die mit der Welt hadern, so war man vielleicht selbst. Statt wirklicher Theorie nutzt man heute Sprachspiele: mittels sprachlicher Bilder will man neue Realitäten schaffen. Dennoch bedarf es natürlich der Begriffe. Die begriffliche Idee der Gerechtigkeit der Woken beruht etwa oft auf einer naturalisierten Identität, zum Beispiel dem der Rückgabe von Gebieten, welche die sogenannte „westliche Kultur“ von anderen, als wahrer und reiner und friedfertiger verstandenen Kulturen erobert hat. Tatsächlich ist es gut, wenn sich der Starke fragt, was mit welchen Mitteln erreicht wurde, wer gelitten hat und was an Gutmachung zu tun ist. Selbstkritik ist eine harte Aufgabe und mag auch Verzweiflung, wie den Wunsch, das zu Kritisierende von sich selbst abzugrenzen, mit sich bringen. „Wer war zuerst hier?“, so lautet eine Kernfrage des Wunsches nach Wiedergutmachung. In ihrem Hass auf die Juden kann die Woke Bewegung diese Frage aber nicht stellen, denn die Juden waren nunmal zuerst da, wo der Staat Israel ist. Also assoziieren sie, als Trick, Israel mit „dem Westen“, den die Woken, selbst Kinder des Westens und seiner Idee von Moral und Selbstkritik, ja so zu hassen vorgeben. Doch Selbsthass ist eben auch eine Form der Selbstliebe, der Idee, irgendwas mache man wohl lediglich falsch, da ja die eigene Größe und Gutheit nicht genügend gewürdigt wird. Man muss also besser werden! Aus diesem Denken der Selbstoptimierung und des sie begleitenden Hochmuts entsteht Hass, jener tiefe innere Ansporn der ganzen, ach so friedfertigen Woken. Bessere Menschen sein, schlechtere Menschen massregeln. Sie verstehen ihre Aggression hinter einer pädagogisierten Sprache zu verstecken. Just hier findet sich das Zentrum des Hasses der Woke-Genannten, denn hier funktioniert, was stets im Antisemitismus funktioniert: die Konstruktion des „Anderen“: die Juden sind wie wir (der Westen), aber sie sind auch anders (eben Juden). So werden sie zu dem Feind per se, ausgegrenzt aus dem Bereich der Selbstliebe. Jene benannte intellektuelle und moralistische Linke hasst die Juden so sehr, daß sie nun versucht, jede Erinnerung an den Holocaust mit dem, was sie „die Rechten“ nennen, in Verbindung zu bringen. Dieser Strategie war der Kongress „Hijacking Memory“ gewidmet. Sein Ziel: wer an den Holocaust erinnert, soll als Nazi gelten. Das gleicht Putins sprachlicher Strategie in seinem Eroberungskrieg gegen die Ukraine, doch es ist sogar in diesem Vergleich noch weit abscheulicher und bösartiger, es ist die an verlogener Grausamkeit kaum zu überbietende Idee, die Juden und die Nationalsozialisten hätten gemeinsame Sache gemacht, damit es heute Israel gibt. Die linken Antisemiten müssen solch einen Wahnsinn kolportieren, ihr beschriebener Hass (der die studentische Linke schon zu Zeiten des RAF-Terrors wie auch heute Allianzen mit jenen im Nahen Osten knüpfen ließ, welche die Juden ebenfalls hassen) treibt sie dazu an. Doch da gibt es eine einfache Tatsache, die zwar ihrer woken Argumentationsweise entspricht, aber dem, was sie erreichen wollen widerspricht: Die Juden waren zuerst da, es ist ihr Land.
Was stimmt: Nationalsozialisten sind in Deutschland weiterhin eine Gefahr für das jüdische Leben, der Anschlag von Halle machte dies wieder erschreckend deutlich. Die woken Intellektuellen werden keine Anschläge verüben, aber sie sind solidarisch mit jenen, welche die Juden aus Israel vertreiben wollen und sie sind mächtig, sie bestimmen medial und zusehends auch politisch, wie Israel wahrgenommen und bewertet wird. Eine große antisemitische Kampagne ist im Gang, bitte seien Sie wachsam, was die Verschiebung von Bewertungen und das finstere Raunen angeht!

Kommentare zum Kongress

der Freitag | Die Welt |

Scheiss / Perseus

Inua Ellams

FUCK / PERSEUS

Regarding the claim / some women enable sexual predators / consider power structures / consider Mount Olympus / a gleaming symbol / of aspiration / of masculinity / so toxic / when Poseidon raped the mortal maiden Medusa / in Athena’s smaller temple / Athena cursed its defilement / blamed Medusa / turned her scaly-skinned / snaked-headed / of such ugliness / to see her was to freeze the blood / to stone then Perseus comes along / all swashbuckling bastard / all gleamingshielded schmuck / to slay her / slice her / spear her swirling skull / and all the men cheered / and Poseidon stayed silent / his crime forgotten when Perseus won / And story by story / myth by myth / urban legend by urban legend / locker room talk by locker room talk / men make other men

SCHEISS / PERSEUS

Was die Behauptung angeht / manche Frauen würden Vergewaltiger anziehen / muss man sich nur die Machtstrukturen anschauen / muss man sich nur den Berg Olymp anschauen / ein strahlendes Symbol / des Verlangens / einer Männlichkeit / die so toxisch ist / dass Athena ihren kleineren Tempel verfluchte / nachdem Poseidon dort die schöne Sterbliche Medusa vergewaltigt hatte / Athena fand ihn geschändet / gab Medusa die Schuld / verwandelte sie in ein schuppenhäutiges / schlangenhäuptiges / Scheusal / wer sie erblickte dem erstarrte das Blut / zu Stein aber dann kam Perseus / ein Abenteurer und Arschloch / ein Schwachkopf mit strahlendem Schild / und schlachtete sie ab / schnetzelte sie / spießte ihren Schädel auf seinen Speer / und alle Männer jubelten / und Poseidon blieb stumm / sein Verbrechen mit Perseus‘ Sieg vergessen / Und Geschichte um Geschichte / Mythos um Mythos / moderne Legende um moderne Legende / Machospruch um Machospruch / machen Männer einander zu Männern

AUS DEM ENGLISCHEN VON FLORIAN WERNER

Aus: Kontinentaldrift. Das schwarze Europa. Hrsg. Fiston Mwanza Mujila. Heidelberg: Wunderhorn / Haus für Poesie, 2021, S. 116f

Endloses Gedicht

Jehuda Amichai 

(hebräisch יהודה עמיחי; ) (* 3. Mai 1924 in Würzburg; † 22. September 2000 in Jerusalem)

ENDLOSES GEDICHT

In einem modernen Museum 
eine alte Synagoge.
In der Synagoge 
ich.
In mir 
mein Herz.
In meinem Herzen 
ein Museum.
In dem Museum 
eine Synagoge,

in ihr 
ich, 
in mir 
mein Herz, 
in meinem Herzen 
ein Museum.

Deutsch von Anne Birkenhauer, aus: Jehuda Amichai: Offen Verschlossen Offen. Gedichte. Ausgewählt und m.e. Nachwort von Ariel Hirschfeld. Berlin: Suhrkamp / Jüdischer Verlag, 2019, S. 50

Henri Chopin 100

Henri Chopin 

(* 18. Juni 1922, heute vor 100 Jahren, in Paris; † 3. Januar 2008 in Dereham, Norfolk) 

Seite aus der Notation des Soundpoems sol air (1964). Was wie elektronische Musik klingt (Audio unten), wurde ausschließlich mit der Stimme des Autors auf Magnettonband erzeugt. Es besteht aus den Vokalen und Konsonanten der Worte sol, air und mit dem Mund erzeugten Geräuschen und Atmen.

Aus: Concrete Poetry. A World View. Edited and with an Introduction by Mary Ellen Solt. Bloomington, London: Indiana University Press, 1970

Damals

Damals war alles um Längen hochaufstrebender, reinster, leuchtendster, ahnungsvollster… aber die Banausen waren banausisch, die Stümper frech, und leben konnte man auch damals nicht davon:

Ferdinand von Saar 

(* 30. September 1833 in Wien; † 24. Juli 1906 in Wien-Döbling)

Die Lyrik

Ob auch ein überkluges Geschlecht
Dich belächelt als Unverstand;
Ob der banausische Schwarm,
Der in den Tempel der Kunst sich drängt,
Um bei des Altars heiliger Flamme
Mahlzeit zu halten,
Dir, weil du den Mann nicht nährst,
Hochmüthig den Rücken kehrt,
Indeß ein Heer frecher Stümper
Dich entweiht zu nichtigem Spiel:
Immer und ewig
Bleibst du, hochaufstrebende Lyrik,
Blüthe und Krone der Dichtkunst.

Denn überall sonst befehden sich Stoff und Form,
Und der Meister selbst,
Der den Zwiespalt zu lösen scheint,
In tiefster Brust empfindet er
Vor dem beendeten Werk
Vorwurfsvollen Mißklang
Des Unbewältigten.

Du aber, athmend reinster Empfindung Hauch,
Folgst in sanften Rhythmen
Willig dem Geist
Und lenkst ihn zuletzt,
Da du Worte hast für das Unsagbare,
Siegreich hinan zu ahnungsvollster Erkenntniß.
Und wie du der Freude Höhen
Als leuchtendste Rose schmückst,
Blühst du auch, schwermuthsvoll,
Als Passiflore hervor
Aus den Abgründen des Lebens.

Quelle:

Ferdinand von Saar: Gedichte, Heidelberg, (2) 1888, S. 105-108.

Permalink:

http://www.zeno.org/nid/20005568412

Begraben die tote Sprache

Ulrich Koch

VOR DEM KRIEG HATTE DIESES GEDICHT ZWEI EINWOHNER

Vor dem Krieg hatte dieses Gedicht zwei Einwohner.
Jetzt sind es drei.
Der Rest ist in die Wälder geflohen,
schläft in der Hocke und ernährt sich von den Parasiten
in den Kothaufen der Fluchttiere.
Wir duschen uns täglich im spärlichen Sonnenlicht,
das wässrig durch die zugewachsenen Kronen fällt.
Mit ausgeschlagenen Zähnen, Streichhölzern und Spinnfäden 
stellen wir steinzeitliche Äxte her, 
mit denen wir auf die Jagd nach langsamen Tieren gehen werden, 
sobald wir paarweise unter einem Laubblatt schlafen können,
und mit dem Gesicht nach unten begraben wir die Toten,
ihr Lächeln erinnert uns zu sehr an Kettenspuren.
Langsam trocknen die Blutspritzer in unseren Gesichtern.
Dein Haar sieht aus wie ein Fleischwolf.
Und erst die Schwarzmeerflotte Deiner Fingernägel.
Aber endlich treibe ich mein Promotionsvorhaben voran:
Warum nur hat bislang niemand vorher 
über die Kirchenfensterornamentik 
von Spinnennetzen geschrieben, ohne auf ihre bildliche Ähnlichkeit 
mit vergeblichen Fertilisierungstechniken 
in klaren Winternächten zurückzugreifen? 
Jetzt, spüren wir, ist unsere Zeit gekommen,
und wenn sie vorbei ist,
kehren wir ins verlassene Gedicht zurück, 
begraben die tote Sprache 
und führen einen Feiertag ein, 
unserem nackten Überleben zum Gedenken:
Eine Frau und ein Mann werden zu Freiwilligen gewählt, 
die Jüngste und der Älteste, sie 
trägt eine Ledermanschette an der Hand, 
weil sie den ganzen Tag mit der Etikettiermaschine 
Preisschilder auf Obst und Gemüse klebt. 
Er hat seine glücklichsten Tage
im Hospiz verbracht.
Mit Tassen aus hauchdünnem Porzellan 
schlagen sie einen hypnotischen Takt,
zu dem ein gemischter Chor aus einem Erdloch heraus 
für die Vögel singt,
damit sie wiederfinden ins Gedicht.

(Dieses Gedicht fand ich in einem sozialen Netzwerk und habe es mir vom Autor auserbeten)

Erklärung

Elisabeth Paulsen

(verh. Elisabeth FuhrmannElisabeth Fuhrmann-Paulsen, * 1879; † 1951)

ERKLÄRUNG

SIEH, ich bin fremd unter den Menschen.
Ungeschickt greife ich Hände 
und lasse sie wieder los, 
wenn sie kalt sind.

Ich bin gewohnt, mit Wind 
um die Wette zu laufen, 
und rauhe Lieder zu dichten, 
die nichts sind für den Haufen.

Wolle du mich nicht richten.
Ich bin unbedacht in Worten und Werken, 
weil ich stark bin 
und Vorsicht verachte.

Wenn du mein Herz wüßtest, 
das blieb, 
wie Gott es machte, 
du hättest mich lieb. —

Aus: Elisabeth Paulsen, Gedichte. Leipzig: Insel, 1913, S. 18

Dichterporträt

Roland Erb

DICHTERPORTRÄT

Ein Zeichner hat ihn so skizziert,
da fängt er bei den Hüften an,
ein schmaler Leib aus wenig Strichen,
die Schultern rund, der Hals steigt daraus auf,
das breite Kinn, um das sich eine Binde schlingt
breit weiß, und die verhüllt den Mund.
Bis dann die Augen und die Nase,
das Haar, so spärlich, grau, ihn zeigen wie bekannt.
Glutvoll die Augen, dicht die Brauen drüber, doch
stets irrt der Blick nach unten ab
zur Binde.
Die Binde weiß, des Ohnemund, des Sehers?
Die Binde, ihm zur Strafe angelegt?
Der Zeichner schweigt davon, der Dichter –

Auf der Krym

Oleksandr Oles'

(ukrainisch Олександр Олесь; * 23. November jul. / 5. Dezember 1878 greg. in Bilopillja, Gouvernement Charkow; † 22. Juli 1944 in Prag) 

Auf der Krym

In Wolken liegen stumm die Felsen ...
Die Wolken locken leise: Kommt, 
O Freunde, fliegt mit uns davon, 
Zu Ländern, frohen, sorglos hellen!
   In Wolken liegen stumm die Felsen ...

Die Wolken flogen still von hinnen ...
Und Tränen glänzten silberhell.
Und gleichwie Tränen stumm der Fels 
Ließ Steine bleigrau nieder rinnen.
   Die Wolken flogen still von hinnen ...

1906

Aus dem Ukrainischen von Mathilde Scharnagl-Sajuk, in: Europa erlesen. Krim. Hrsg. Annette Luisier und Sophie Schudel. Klagenfurt: Wieser, 2010, S. 271

Олександр Олесь

В КРИМУ (уривок)

Осріблені місяцем гори блищать,
Їм кедри і сосни казки шелестять,
І дивні пісні їм співають вітри,
Що нишком підслухали в моря з гори.

Осяяні місяцем, гори блищать,
Осріблені місяцем, сосни шумлять,
А море і сердиться й лає вітри,
Що нишком його підслухають з гори.

1906

Literatur

Karl Kraus 

(* 28. April 1874 in Gitschin / Jičín, Böhmen; † 12. Juni 1936 in Wien) 

Literatur

Weil er sich nicht geniert hat,
glaubt er, er sei ein Genie.
Weil er uns nicht amüsiert hat,
hält ers für Poesie.
Weil er einst onaniert hat,
wirds eine Autobiographie.

Aus: Karl Kraus: Gedichte (Schriften, Band 9). Hrsg. Christian Wagenknecht. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989, S. 387