Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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312 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Gedichte retten nicht das Klima und ändern nicht die Welt. Manchmal halten sie einen kleinen psychischen oder geschichtlichen Moment fest, dass wir ihn für ein paar Augenblicke sehen. Hier ein Gedicht eines vergessenen „proletarischen“ Dichters, der heute vor 125 Jahren geboren wurde. 1948 erschien im Ostberliner Dietz Verlag, der der offizielle Verlag der SED war und sonst die Dokumente der Parteitage und die Schriften von Marx, Engels und Lenin (anfangs auch Stalin) druckte, ein Gedichtband von Hans Lorbeer. Lorbeer war Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (1928). Die Nazis sperrten ihn ein, die Kommunisten schlossen ihn aus und nahmen ihn wieder auf. Am 8. Mai 1945 ernannte ihn die sowjetische Besatzungsmacht zum Bürgermeister seiner Stadt Piesteritz. In diesem Gedicht schildert er einen Moment aus der Bürgermeisterzeit – die Ankunft einer Flüchtlingsfamilie. Deutschland ist klein geworden … vom Osten kommen die Flüchtlinge. In der DDR-Literatur war das dann kein Thema mehr.
(* 15. August 1901 in Kleinwittenberg; † 7. September 1973 in Lutherstadt Wittenberg)
Kinder auf der Rathaustreppe
Der Vater und die Mutter sind
zum Bürgermeister gegangen.
Vier Kinder stehn im Sommerwind
mit winterbleichen Wangen.
Der Vater spricht, die Mutter weint,
der Bürgermeister beschwichtigt.
Die Kinder stehen eng vereint
und werden flüchtig besichtigt.
Der dicke Fleischer kommt und guckt
erschrocken und unzufrieden,
worauf er auf die Stufen spuckt:
– es ist kein Heil hinieden...
Die Frau vom Doktor Knobeloch,
sie macht einen kleinen Bogen;
vom Osten her da kommt ja doch
nur Ungeziefer gezogen...
Herr Schneider Fatz und Frau Helen,
die Krämer und Krämerinnen,
sie alle sehn die Kinder stehn
und rauschen schnell von hinnen.
Die Kinder stehen bang vereint.
Ach, Deutschland ist klein geworden,
klein auch sein Herze, wie es scheint,
man spürt es allerorten...
Die Kinder stehn in Leid und Not.
Mein Deutschland, du siehst sie stehen;
dein Krieg nahm ihnen Bett und Brot.
Sag, was soll nun geschehen - - - ?
Aus: Hans Lorbeer, Die Gitterharfe. Gedichte 1933-1945. Berlin: Dietz, 1948, S. 109f.
226 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Ein schmales Heft in der renommierten Reihe „Dichtung unserer Zeit“ des Limes Verlags – es war auch der Verlag Gottfried Benns – ist die erste Buchpublikation von gleich zwei jungen Lyrikern des Jahres 1956. Peter Rühmkorf wurde im Verlauf der nächsten Jahrzehnte einer der führenden Autoren der Bundesrepublik, während Werner Riegel noch im Jahr seines Buchdebüts im Alter von nur 32 Jahren starb. Sein schmales Werk beeinflusste dennoch eine ganze Generation von Dichtern. Gemeinsam mit Peter Rühmkorf begründete er die Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“ und wurde zu einer wichtigen Stimme der frühen Bundesrepublik. In seinen Gedichten reimt die Muse Kalliope auf sMG (schweres Maschinengewehr), Abenteuer auf Mündungsfeuer, Vers auf Geschlechtsverkehrs und Nausikaas auf Fraß.
Werner Riegel
(* 19. Januar 1925 in Danzig; † 11. Juli 1956 in Hamburg)
Seidiger Mohn und sMG,
Iris und Instinkt,
Wenn eine späte Kalliope
Unsere Story bringt.
Das jadefarbene Abenteuer
Das über uns fließt,
Wenn sich ins Mündungsfeuer
Unsere Seele ergießt.
Den Rauch von Lublin
Im Cerebrum –
Wann vergaßen wir ihn!
Aber der Wind schlägt um.
Was wollt ihr noch wissen?
Es hat keinen Zweck.
Ich reiße von euren fiesen Fressen
die Hoffnung weg.
Der Mond taucht schief
Aus Scheiße und Schund.
Schlürft den Aperitif
Mit schmerzlichem Mund.
Die letzten Fetzen Größe
Treiben an euch vorbei.
Nun tut das Sinngemäße
Und haut euch ins Heu.
Aus: Werner Riegel / Peter Rühmkorf: Heiße Lyrik. Wiesbaden: Limes, 1956 (Dichtung unserer Zeit Heft 6), S. 27
212 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
(* 20. März 1943 in Bronxdale, New York City)
Kälte
Das junge Mädchen ist unfähig, das Muster
Ihres gewohnten Denkens zu verändern,
Die Körperhaltung, mit der sie auf ein Gefühl
Der Traurigkeit reagiert, den Strom ihrer
Gedanken, während sie etwas sieht,
Den Gesichtsausdruck und so weiter;
Sie vergißt sich selbst, um sich ihrer Schmerzen
Im Nacken zu erinnern, um sich ihrer Probleme zu erinnern.
Ich habe das schon einmal bemerkt, als ich mich an mich in
Derselben Situation erinnerte, bis sie
Zum ersten Mal in mein Leben trat
Und sich erinnerte, hinaus in das offene Blick-
Feld gegangen zu sein mit Augen voll Tränen und Rauch,
Der langsam aus ihrem Mund kam.
Aus: Silver Screen : neue amerikanische Lyrik, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann. Köln : Kiepenheuer & Witsch, [1969], S. 104. Deutsch von Ralf-Rainer Rygulla.
Cold
The young girl is unable to change
The form of her habitual thinking,
The posture with which she corresponds to
A feeling of sadness, the flow of her
Thoughts in which she is looking,
The facial expression, and so on;
She forgets herself to remember her pain
In the neck, to remember her problems.
I've said this before, remembering myself in the same
Situation until she came
Into my life for the first time
Remembering herself walking out in the open field
Of vision with eyes full of tears and smoke
Slowly coming out of her mouth.
Ebd. S. 253
112 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
ach anna 5
ach anna womit soll ich dich vergleichen? vielleicht mit einem sommertag? – es ist zu früh für solche parallelen. vermutlich werden noch so manche stunden nachts wie tags recht kühl verstreichen.
siehst du die namen auf den stelen? man fügt ihnen gerne auch zahlen hinzu in einer zweiten zeile. das sind die koordinaten zwischen denen sich etwas ereignet. deine schönheit zum beispiel oder das plötzliche erblassen deiner haut.
solange wir atmen anna sind diese zeilen kaum von interesse. danach sind sie alles was bleibt.
Aus: nicolai kobus, hard cover. gedichte. Köln: Nyland, 2006, S. 84
Wenn Sie plötzlich an Shakespeare denken müssen, lesen Sie hier nach. Oder hier.
155 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Was unterwegs verloren geht
Am Ende sind alle müde & zufrieden, heißt es.
Ein wenig wird noch darüber geschwätzt, wie es denn ge=
Wesen wäre, hätte es tatsächlich schon gereicht, sich
Bloß zu bücken, um den entscheidenden Fund zu machen.
In einem Winkel steht ein Hutschpferd, gesprenkelt.
Ein Paar gläserne Schuhe, angefüllt mit alten Münzen, am
Regal, das die Feuchtigkeit ganz leicht verzogen hat.
Die Vagabundin starrt in die Runde. Dann wühlt sie sich durch
Allerhand Taschenkram & findet schließlich den
Violetten Lippenstift. Später wird sie sagen: „Mich flimmert
Das alles an." Ja, solche Fehler machen Freude.
Ein schwarzer Motorradhelm liegt in der Ecke am Boden.
Offenbar gehört er niemandem von den Anwesenden, scheint
Auch nicht wirklich vermißt zu werden. Übermorgen be=
Ginnt der von einigen nur belächelte Schnellkurs in
Handlesekunst. Aber wer weiß, was bis dahin noch passiert.
Aus: Erwin Einzinger, Die virtuelle Forelle. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2011, S. 127
44 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Kleiner Nachtrag zum Weltkatzentag (Internationaler Tag der Katze), der war am 8. August.
Sarah Kirsch
Gedichte also sind
Sonderbare kleine
Katzen denen gerade
Die Augen aufgehn.
Aus: sarah kirsch, sämtliche gedichte. München: Penguin, 2025, S. 494. Ursprünglich in dem Band „Schwanenliebe“ (2001).
458 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Noah und seine Familie besteigen die Arche
"Sie sprachen in Zeichen – mochten das trotzdem auch
Worte sein: des Unbehagens, des relativen Behagens, der
Sehnsucht –, eine Tiersprache."
R. Musil, Drei Frauen. Grigia, 1924
Ey, die nich, nur die Lungenatmer
hab ich gesagt und sieh zu, dass der
Bär da von der Brüstung wegkommt
Aber dalli. Und das Einhorn bleibt hier
jetzt guck nich so, kein Fabeltier, nicht
auf meinem Boot! Brauchst du das schriftlich?
*Arrgh* So verlaust kann doch kein Laffe sein
Ab dafür! *li-hii*, kann mal jemand die Kamel-
kacke wegmachen? Wo ist meine Liste? Oha
Da geht die Ziege vor Anker: Harakirispieß
Na super, gibt's gleich heut abend Geißbraten
und Bockbier, wenn schon Sintflut, dann richtig
Ja-ha, so seht ihr aus! Ich glaub, es hakt!
Ablegen um vier, damit das klar ist, mach
Dampf! Und deiner First Lady kannste auch
Stenographieren, mit dem Fummel bleibt die
unter Deck, wo sind wir denn? Das ist kein
Eroscenter mit Knallkabinen für Zuchtstiere
Kapiert! Was willst du mit der Grabbelkiste?
Zeig her! Künstlerbedarf? Das ist nicht dein
ernst? Pleinair? Du bist süß, sogar eine Basken-
Mütze! Aquarellpapier, Tinte und Wasserfarben
Da hat jemand mitgedacht! Ich glaub's ja nicht
und wie kriegst du das fixiert? Plastifiziert in
Schweinemagen? Unsere schwimmende Galerie
Ham, der Regattareporter zeigt Ihnen, wie es
wirklich war! Lebensecht laviert und in Farbe
Hin und wieder die Gattin nackt zwischen den
Animalen, auf Schafsfell, oder auch in Schweiß
beim Faschieren, appetitlich im Fleisch drapiert
Beschau, nicht zu bezahlen, aber, wenn es Ihnen gut
gefällt, mit Rahmen, gleich To Go für Sie abmontiert
unsere Kunden können nicht klagen, ganz unter uns
Er fertigt nach Ihrem Begehren, da bleibt kein Wunsch
offen, und, *pssst*, kennen Sie den Ursprung der Welt
ja, genau, der für den türkischen Diplomaten, der ging
Auf sein Konto, das ist jetzt nicht überzogen, aber sowas
kann man nur einmal malen, wenn sie verstehen, was ich
damit sagen will! *Zwinker* Er ist unser bestes Pferd *puff*
Ein Puhvogel *killekille*, unser Benjamin, der uns das Land
aufspürt, wo die prallen Zitronen wohnen, haut auch Nymphen
in Marmor, wenn Ihnen der Sinn nach was Haptischem steht
Danke, mach ruhig weiter, aber, wenn's dich nicht stört
ich geh inzwischen das Schiff beladen. Ich soll's ja nicht
wagen, ich weiß, aber, glaub mir, als ich dich damals hacke-
Dicht fand, war auch ich völlig verstört, es hätte nicht viel gefehlt
doch wie du so bloß vor dem Zelt gelegen, konnt ich mich nicht
mehr regen, und du gehst jetzt hin und rettest die Welt? Vergiss es!
Familie? Was ein erbärmliches Feld. Sollten wir wirklich über-
leben, dann trennen sich unsere Wege, die Hunde nehme ich mit
Und dir möchte ich nie mehr begegnen!
Aus: dreizehn+13 Gedichte, Herbst 2025, S. 145f
78 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Thomas Krüger
Tischlein deck dich, Tischlein deck dich. Tischlein, laß die Innereien derer, die nach Todesschreien dampfen, duften: Tischlein duck dich, duck dich unter haute cuisinnlich applizierten Spezereien; unter Leichen, schädelfreien, denen Hämatome prächtig Farbe leihen. Laß die Schwenker bunter Lätzchen, Tischlein-Denker, satt in Traumen Träume lesen. Zeige blaubeerrot Substanz, halb geronnen, Knüppeltanz- Gerichtetes, wo Kopf gewesen.
Aus: Thomas Krüger, Sonette an Donald Duck. Berlin: SuKuLTuR, 2012 (Schöner Lesen Nummer 111), S. 3
95 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Ron Winkler
Ich habe dich heute noch einmal genau durchgerechnet.
Viele Buchstaben kommen ein- oder zweimal vor.
Zum Beispiel das »r«, das ich sehr mag.
Es macht uns sehr westlich.
Deine Hebungen und Täler erinnern an solche Mittelgebirgskämme,
mit denen ich mich gern kämmen würde.
Ich stieg auf dein »t«, um einen besseren Überblick zu haben.
von dort aus sah ich die Datei deines versteckten zweiten Namens.
Dort belegt das »a« den Spitzenplatz.
Es hat gewonnen.
Ich lege ihm mein »o« zu Füßen.
Aus: Ron Winkler: Zuwendung in Zeichen. Postkarten. Berlin: Sukultur, 2025, S. 19
446 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
(* 6. August 1926, heute vor 100 Jahren, in Berlin; † 30. September 2008 in München)
Die ballade vom blutigen Bomme
hochverehrtes publikum
werft uns nicht die bude um
wenn wir albernes berichten
denn die albernsten geschichten
macht der liebe gott persönlich
ich verbleibe ganz gewöhnlich
wenn ich auf den tod vom Bomme
meinem Freund zu sprechen komme
möge Ihnen nie geschehn
was Sie hier in bildern sehn
zur beweisaufnahme hatte
man die blutige krawatte
keine spur mehr von der beute
auf dem flur sogar die leute
horchen was nach außen dringt
denn der angeklagte bringt
das gericht zum männchenmachen
und das publikum zum lachen
seht die herren vom gericht
schätzt man offensichtlich nicht
eisentür und eisenbett
dicht daneben das klosett
und der wärter freut sich sehr
kennt den mann von früher her
Bomme fühlt sich gleich zuhaus
ruht von seiner arbeit aus
auch ein reicher mann hat ruh
hält den sarg von innen zu
jetzt geht Bomme dieser mann
und sein reichtum nichts mehr an
sagt der wärter: grüß dich mann
laß dirs gut gehn – denk daran
wärter sieht auch mal vorbei
mach mir keine schererei
essen kriegst du nicht zu knapp
Bomme denn dein kopf muß ab
Bomme ist schon sehr gespannt
und malt männchen an die wand
nein hier hilft kein daumenfalten
Bomme muß den kopf hinhalten
Bomme ist noch nicht bereit
für abendmahl und ewigkeit
kommt der pastor und erzählt
wie sich ein verdammter quält
wie er große tränen weint
und sich wälzet – Bomme meint:
das ist alles intressant
und mir irgendwie bekannt
denn was weiß ein frommer christ
wie dem mann zumute ist
auf dem hof wird holz gehauen
Bomme hilft das fallbeil bauen
und er läßt sich dabei zeit
schließlich ist es doch soweit
daß es hoch und heilig ragt
Bomme sieht es an und sagt:
das ist schärfer als faschismus
und probiert den mechanismus
wenn die schwere klinge fällt
spürt er daß sie recht behält
aufstehn kurz vor morgengrauen
das schlägt Bomme ins verdauen
und da friert er – reibt die hände
konzentriert sich auf das ende
möchte gar nicht so sehr beten
lieber schnell aufs klo austreten
doch dann denkt er: einerlei
das geht sowieso vorbei
von zwei peinlichen verfahren
kann er eins am andern sparen
wäre mutter noch am leben
würde es auch tränen geben
aber so bleibt alles sachlich
Bomme wird ganz amtlich-fachlich
ausgestrichen aus der liste
und gelegt in eine kiste
nur ein sträfling seufzt dazwischen
denn er muß das blut aufwischen
bitte herrschaften verzeiht
solche unanständigkeit
doch wer meint das stück war gut
legt ein groschen in den hut
Aus: Christa Reinig, Sämtliche Gedichte. Mit einem Vorwort von Horst Bienek. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 43ff
(1922-1989)
Totenschein
Was war er von beruf?
Hühnerhirt im getreide
Und wann wurde er geboren?
Es war noch nicht dunkel
Die mutter aber war die mutter
und der vater wurde zerrissen
zwischen zwei schimmeln
Todesursache? Seit langem vernachlässigt
Erbittlich
Und dort wo kleine mädchen sich fürchten
die himmel und hölle springen
werden glocken erklingen
Viele male
1982
Aus dem Tschechischen von Reiner Kunze, aus: Die Prager Moderne. Erzählungen, Gedichte, Manifeste. Mit einer Einleitung von Milan Kundera. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Květoslav Chvatík. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991, S. 280f.
George Lezard
Ich will die Geschichte erzählen
Ich will die Geschichte meiner
indianischen Lebensweise erzählen -
wie ich lebe und die Gabe des Lebens und die
mir anvertrauten Rechte bewahre.
Die Nahrung, die uns gegeben wurde, war vielfältig.
Wild - alles, was auf vier Beinen geht:
es wurde uns gegeben.
Fisch - alles, was in den Gewässern schwimmt:
es wurde uns gegeben.
Geflügel - alles, was in der Luft fliegt:
es wurde uns gegeben.
Beeren - all die, die auf der Erde wachsen:
sie wurden uns gegeben.
Wurzeln - all die, die in der Erde wachsen:
sie wurden uns gegeben.
Von den hohen Bergen
durch die Flüsse
bis zum Ozean
fließt Wasser
und geht in den Kreislauf ein, um erneut zu fließen,
gibt Leben allen, die leben.
Die Sonne, der Mond
scheinen herab auf mich,
geben Leben und Licht.
Die Schöpfung...
ER schuf die Erde
und ließ mich oben auf ihr stehen.
ER sprach: «Nimm die Erde und übergib sie MIR.»
Wenn ich IHM die Erde übergebe,
wird ER die Erde richten nach seinem Ermessen.
Aus: Der Gesang des Schwarzen Bären. Lieder und Gedichte der Indianer. Zweisprachig (engl.- dt.). Herausgegeben und übersetzt von Werner Arens und Hans-Martin Braun. München: C.H. Beck, 1992, S. 85
Lezard, George (oder QUILCHINHIN SEWHILKIN, wie sein indianischer Name lautet), gehört zum Stamme der Okanagan. Er wurde 1886 geboren, lebte bei den Salish und war wahrscheinlich der letzte Schieferschnitzer in der alten Tradition der kanadischen Westküste. (Ebd. S. 321f)
Jörg Fauser
(16. Juli 1944 Bad Schwalbach, Taunus – 17. Juli 1987 München)
Eine Frau die kein Bier trinkt
Heute sind sie mir wieder sehr fern,
die großen Gedanken, die eindeutigen Erklärungen
über das Leben vor dem Tod und den Tod
vor dem Leben, alles was mir einfällt
ist diese Frau die kein Bier trinkt,
eine Frau die kein Bier trinkt
trinkt auch keinen Whisky, es ist natürlich
eine zarte Frau, aber sie darf trotzdem
einen fetten Hintern haben und eine leichte
Gastritis und ein goldenes Kettchen
am linken Fußgelenk und rasierte Achsel-
höhlen mit einem Tupfer billigem Parfüm, und
wenn sie ihre Strümpfe runterrollt gibt es
immer eine Laufmasche zu beklagen und
den Preis echter Krokodillederschuhe
und sie darf den zarten Schatten ihrer
Müdigkeit auf den Stuhl zu meiner Hose
legen wenn sie die Vorhänge schließt,
eine Frau die kein Bier trinkt
riecht nach Veilchenpastillen und Kindern
und Artischockenlikören, ihre weißen schweren
Brüste enthalten Arrakräusche und Milch-
märchen und Hinterhöfe mit süßem Schnee
und Flieder und Rosshaarsonnen,
Amselstädte, Taubenaufschnitt, Gewürzmühl-
asyle,
eine Frau die kein Bier trinkt
kostet mehr als drei Halbe,
einmal Bahamas oder Trinkerheilanstalt
und zurück, sie kostet dieses
Gedicht, sie zieht mich mit ruhigen Fingern
aus jedem Glas in das ich entwische, sie nimmt
den Most meiner Seele in ihren rosa Mund
und spült damit wie mit Zahnputzwasser
und ich reibe meine rote Säufernase an ihrem
zarten dicken Hintern und denke, es ist doch sehr
unwahrscheinlich dass Frauen die kein Bier trinken
einfach sterben sollen wie ich und der Rest
der Welt ...
21.8.1977
Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 184f.
Mychajl Semenko
(1892-1937)
MYSTISCHE MAGISTRALE
Ich warte dass der Abend sein Werk tut
wenn sich werbend die Profanierung der Stadt bemächtigt
wenn die Feuer entflammen und der Himmel verlischt
und in den Augen die festliche Beleuchtung aufblinkt
ich warte dass Wege zusammenfinden
Parallelen sich kreuzen und Spiralen zusammenlaufen
alle Wege und Richtungen brechen längst aus
alle Wege treffen sich in der mystischen Magistrale.
2.VI.1918. Kyjiw
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, aus: Mychajl Semenko, » Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?«. Gedichte und futuristische Skizzen. Herausgegeben von Serhij Zhadan und Claudia Dathe. Göttingen: Wallstein, 2026, S. 113.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – im Russischen Reich waren Publikationen in ukrainischer Sprache bis 1905 verboten – war allein schon das Schreiben auf Ukrainisch ein politischer Akt. Sich als Ukrainer zu bezeichnen, war eine politische Geste. Während Literaturen in Nationalstaaten oder Titularliteraturen in Imperien nicht eng an den gesellschaftlichen Kontext gebunden waren, sahen sich Literaturen von Völkern, die über keinen eigenen Staat verfügten, immer gezwungen, politisch zu agieren, politisch in Erscheinung zu treten. (…)
In knapp 25 Jahren durchlief Mychajl Semenko als Autor, Theoretiker und literarische Leitfigur einen außerordentlich intensiven, schwierigen und widersprüchlichen Weg, der ohne Weiteres für Biografien mehrerer Autoren reichen würde. Nun, er hat diese eine Biografie, und sie ist Teil der ukrainischen Literaturgeschichte. Nachdem er 1937 erschossen worden war, wurde er aus der literarischen Zirkulation gestrichen, ausgeblendet, vergessen.
Aus dem Nachwort von Serhij Zhadan, S. 8 / 18
126 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein)
Die Büchse der Pandora
Zu bestimmten Zeiten, das könnten die Zwölf Haydnischen Nächte sein, haben unsere Männer, von denen wir im Krach geschieden sind, gewisse Macht über uns. Das dürfen sie nie erfahren. Die möglichen glücklichen Konstellationen werden ihnen verborgen sein, weil sie dergleichen nie zu hoffen wagen und wir ihnen auch in sieben greifbaren Jahren merkwürdig fremd geblieben sind. Die Schrift hier wird ihr übriges tun. Sie an Tagen sicher machen, wo bei uns nichts zu holen ist. Sie werden immer zur falschen Zeit zum Telefonhörer greifen, und das bewirkt, daß wir unserer letzten Liebe wieder treu sind auf Jahre.
Aus: Sarah Kirsch, Sämtliche Gedichte. München: Penguin, 2025, S. 174
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