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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Anti-Majakowski

alex galper

ANTI-MAJAKOWSKI

Hört her!
Wenn ich meine Bücher
Auf eigene Kosten für das letzte Geld publiziere
Sie selbst durch die ganze Welt herumbuckle
Und an alle kostenlos verteile
Heißt das, dass es irgendjemand etwas nutzt?

Wenn man mir nicht glaubt und unterstellt,
Daran verdienen zu wollen
Wenn ich beim Zoll verhaftet
Und in die Abschiebehaft gesteckt werde
Auf aneinander gerückten Stühlen schlafe
Mit Licht ständig an und einer Kloschüssel am Kopf
Heißt das, dass da etwas dran ist?

Ich habe wohl nicht umsonst gelebt
Wenn in hundert Jahren nach meinem Tod
Ein Einheimischer aus Neuguinea, drauf und dran,
Einen Feind zu töten und zu verspeisen,
Mein Buch aufschlägt und sich doch lieber
Für Sex mit dem Gefangenen entscheidet
Und ihn am Ende entfesselt und sogar freilässt.

Aus: GAF. Der GAlaktische Futurist No. 13. Berlin: Propeller, 2017, S. 10

Sonett

Giovanni Boccaccio

( * 16. Juni 1313 in Certaldo oder Florenz; † 21. Dezember 1375 in Certaldo)

Auf den Tod Petrarcas

NUN trug es, edler Meister, dich empor
Ins Reich, in das noch sehnlich heim verlangen
Die Seelen, die auf trüber Erde bangen,
Bis Einlaß finden, die sich Gott erkor.

Nun bist du dort, wohin dich oft zuvor
Dein Sehnen um Lauretta trug, empfangen
Wo all mein Glück, Fiametta, hingegangen,
Weilst du mit ihr in Gottes Engelschor.

Nun mit Sennuccio, Cino und mit Dante
Gingst du unsterblich ein zur ewgen Ruh,
Schaust Dinge, wunderbar, uns unbekannte!

Du, der im Weltgetümniel Freund mich nannte
Zieh mich dir nach, der Seligkeit mich zu,
Sie zu erschaun, um die mein Herz entbrannte!

Aus: Italienische Sonette aus vier Jahrhunderten. Ausgewählt, übertragen u. m. e. Nachwort von Marie und Leo Lanckoroński. Krefeld: Scherpe, 1947, S. 63

Weinbergschnecke

Zum Geburtstag des Dichters Issa zwei Haiku über dasselbe Tier

Der Regenschauer –
Ob er wohl glücklich machte
Die Weinbergschnecke?

Aus: Haiku. Japanische Dreizeiler. Neue Folge Ausgewählt und aus dem Urtext übersetzt von Jan Ulenbrook. Stuttgart: Reclam, 1998, S. 59

Zum Abendmondschein
Ach, schreien dort im Schmortopf
Die Weinbergschnecken.

Ebd. S. 43

Kobayashi Issa (Issa ist der Vorname; jap. 小林 一茶; * 15. Juni 1763 in Kashiwabara, Provinz Shinano; † 5. Januar 1828 ebenda; bürgerlicher Name: 小林 信之 Kobayashi Nobuyuki, Kindheitsname: 小林 弥太郎 Kobayashi Yatarō)

In meinem Land

René Char

(* 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; † 19. Februar 1988 in Paris)

ES LEBE!

Dies Land ist nur ein Wunsch im Geist, ein Gegen-
Grab.

In meinem Land zieht man die zarten Beweise des Frühlings und die dürftig gekleideten Vögel den Fernzielen vor.

Die Wahrheit harrt der Morgenröte neben einer Kerze. Das Fensterglas ist trübe. Was kümmert’s den Wachsamen.

In meinem Land stellt man einem Erschütterten keine Frage.

Kein hämischer Schatten fällt auf das gekenterte Boot.

Halbes Willkommen kennt man in meinem Land nicht.

Man leiht nur, was man vermehrt zurückgeben kann.

Blätter, viele Blätter haben die Bäume meines Landes. Den Ästen steht’s frei, keine Früchte zu tragen.

Der Redlichkeit des Siegers traut man nicht.

In meinem Land sagt man Dank.

Übertragen von Gerd Henniger

Aus: René Char: Poesiealbum 74. Hrsg. Bernd Jentzsch. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 19

Umschlagvignette: Horst Sagert

Kuckuck springt

Wilhelm Runge

(* 13. Juni 1894 in Rützen/Schlesien, als gefallen gemeldet am 22. März 1918 bei Arras, Frankreich)

Kuckuck springt dem Walde auf die Schulter
seinem Ruf greift Sonne in das Haar
Kiesel rieseln
Zittern wiegt das Gras
Blumen plätschern Duft
und winken Schweigen
Stille neigt
ihr Auge lächelt
Traum

Aus: Der Sturm, Jg. 9, Number 1, 15. April 1918, S. 2

Die erste Liebe

Bulat Okudshawa (russisch Булат Шалвович Окуджава, georgisch ბულატ ოკუჯავა, wiss. Transliteration Bulat Šalvovič Okudžava; * 9. Mai 1924 in Moskau; † 12. Juni 1997 in Paris)

Ach, die erste Liebe –
macht das Herz mächtig schwach,
Und die zweite Liebe –
weint der ersten nur nach,
Doch die dritte Liebe –
schnell den Koffer gepackt,
schnell den Mantel gesackt,
und das Herz splitternackt.

Ach, der erste Krieg –
da ist keiner schuld,
Und beim zweiten Krieg –
da hat einer schuld,
Doch der dritte Krieg –
ist schon meine Schuld
ist ja meine Schuld,
meine Mordsgeduld.

Ach, der erste Verrat –
kann aus Schwäche geschehn,
Und der zweite Verrat –
will schon Orden sehn,
Doch beim dritten Verrat –
mußt du morden gehn,
selber morden gehn
– und das ist geschehn!

Ach, die erste Liebe –
macht das Herz mächtig schwach…

deutsch Wolf Biermann

А как первая любовь она сердце жжёт,
а вторая любовь она к первой льнёт,
ну, а третья любовь ключ дрожит в замке,
ключ дрожит в замке, чемодан в руке.

А как первая война да ничья вина,
а вторая война чья-нибудь вина,
а так третья война лишь моя вина,
а моя вина она всем видна.

А как первый обман на заре туман,
а второй обман закачался пьян,
а как третий обман он ночи темней,
он ночи темней, он войны страшней.

Wolf Biermanns Übersetzung ist stark, aber nicht wortgetreu. Vgl. diese Fassung)

Die antarktische Schule der Dichtung

David Wheatley

Die antarktische Schule der Dichtung

Die Abwesenheit eines jeglichen Autors
ist, aus historischer Perspektive,

die kleinste Sorge
der antarktischen Schule.

Lässt sich ihr typischer kühler Ton
im heutigen Klima aufrechterhalten?

Vermutlich nicht, obwohl
auf Altantarktisch

»brennender Eifer« so viel wie »dünnes Eis,
Achtung!« und »plitsch-platsch, haha!« heißt.

Die meisten traditionellen Versmaße
wurden nie ausprobiert, da zu komplex.

Preise werden öfters vergeben,
doch ihre Träger selten benachrichtigt.

Man verabscheut die südgeorgische Schule,
diese gilt als zu glamourös.

Täglich brechen Gedichte ab und treiben,
grob gesagt, auf Chile zu.

Solitäre sind Demagogen
und Demagogen sind Solitäre.

Die jährlichen Verkaufszahlen für Lyrik
bleiben konstant und fallen kein Stück.

Pinguine finden selten Erwähnung,
man fürchtet, das wäre zu naheliegend,

obwohl der Albatros, dort, wo er vorkommt,
als ein Symbol für den Pinguin gilt,

während der See-Elefant
für den Albatros steht.

Man legt viel Wert
auf die lokale Note,

vorausgesetzt,
sie wird nicht angeschlagen.

Wieder stürzt sich
ein Gletscher zu Tode,

wunderbar spritzt es
bei seinem Abgang.

Hätten Sie diese Type
vielleicht auch in Weiß?

Alle örtlichen Dialekte
kennen für Schnee

nur ein einziges Wort,
und dieses eine Wort ist »Schnee«.

Aus dern Englischen von Norbert Hummelt

Aus:Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung hersg. v. Federico Italiano u. Jan Wagner. München: Hanser, 2019, S. 97f

Kleinstadtpfingsten

Klabund

(* 4. November 1890 in Crossen an der Oder; † 14. August 1928 in Davos)

Kleinstadtpfingsten

Um eine schöne Pfingststimmung zu bewirken,
Stellt man in den kleinen Städten Birken
Vor die Tür. Und am Vorabend singen
Die Mädchen süßsonderbare Lieder, die den Sommer herbeizwingen
Sollen. Die Buben zwitschern auf ihren Kalmusstauden wie Nachtigallen.
Aber vor allen
Dingen vergesst
Nicht: wir feiern Pfingsten das Schützenfest.
In grasgrüner Uniform wie die Förster, mit Fahnen, Flöten, Pauken, und unter Applaus
Des Publikums, marschiert die Schützengilde (63 Mann) zum Schützenhaus.
Mein Vater ist Schützenmajor – er trägt einen Ehrendegen
Und muss an solchem Fest- und Ehrentage auch seinen Kronenorden vierter Klasse anlegen,
Sowie die hohenzollern-sigmaringsche Verdienstmedaille. –
Die Mädchen gehen alle schon in weißer Taille,
Und am Abend tanzt man im Schützenhaussaal bis zum Verrücktwerden …
Dann draußen unter den Bäumen … im Grase … von deinem Munde beglückt werden.
… Küsse … Musik von ferne … am Abendhimmel die Venus gleißt …
Und wir reden jauchzend irr mit fremden Zungen,
Unsere Herzen sind wie Blüten aufgesprungen,
Nieder fuhr durchs Dunkel wie ein Blitz singend der heilige Geist …

Pfingsgedichtchen

Joachim Ringelnatz

(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)

Pfingstbestellung

Ein Pfingstgedichtchen will heraus
Ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
Ins Neue, ins Grüne.

Wenn sich der Himmel grau bezieht,
Mich stört`s nicht im geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
Der merkt doch: Es ist Pfingsten.

Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,
Wie Hühner Eier legen,
Und gehe festlich und geschmückt —
Pfingstochse meinetwegen —
Dem Honorar entgegen.

Wiederhol es, hol es wieder

Gerard Manley Hopkins

(* 28. Juli 1844 in Stratford bei London; † 8. Juni 1889 in Dublin)

66. ‘Repeat that, repeat’

REPEAT that, repeat,
Cuckoo, bird, and open ear wells, heart-springs, delightfully sweet,
With a ballad, with a ballad, a rebound
Off trundled timber and scoops of the hillside ground, hollow hollow hollow ground:
The whole landscape flushes on a sudden at a sound.

From: Poems. 1918.

Deutsche Fassung von Felix Philipp Ingold:

Wiederhol es, hol es wieder,
Hol’s der Kuckuck, Vogel, mach, dass Ohren knospen, Herzen blühn – sing Gurrelieder,
Stimm Sang um Sang an, Hall und Widerhall
Von Holz, das rollt, Gerät, das gräbt am Berg, im Tal, der Erdgrund hohl und hohl der Hall:
Ein großer Klang ist plötzlich da, ist überall.

Aus: Zwischen den Zeilen 7-8, März 1996, S. 249

Prophetische Seele

Dorothy Parker

(* 22. August 1893 in Long Branch, New Jersey, USA; † 7. Juni 1967 in New York)

Prophetic Soul

Because your eyes are slant and slow,
Because your hair is sweet to touch,
My heart is high again; but oh,
I doubt if this will get me much.

Prophetische Seele

Weil deine Augen weit und wach,
Und weil dein Haar so süß bezwingt,
Hüpft mir erneut das Herz, doch ach,
Ich glaub nicht, dass mir das was bringt.

Deutsch von Ulrich Blumenbach

Aus: Dorothy Parker: Denn mein Herz ist frisch gebrochen. Gedichte Englisch/Deutsch. Zürich: Dörlemann, 2017, S. 100/101

Biographie

Wir werden geboren – unsere Eltern geben uns Brot und Kleid – unsere Lehrer drücken in unser Hirn Worte, Sprachen, Wissenschaften – irgend ein artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt – es entsteht eine Lücke in der Republik wo wir hineinpassen – unsere Freunde, Verwandte, Gönner setzen an und stoßen uns glücklich hinein – wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben – bis wir wenn’s noch so ordentlich geht abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen – das ist, meine Herren! ohne Ruhm zu melden unsere Biographie – und was bleibt nun der Mensch noch anders als eine vorzüglichkünstliche kleine Maschine, die in die große Maschine, die wir Welt, Weltbegebenheiten, Weltläufte nennen besser oder schlimmer hineinpaßt.

Kein Wunder, daß die Philosophen so philosophieren, wenn die Menschen so leben. Aber heißt das gelebt? heißt das seine Existenz gefühlt, seine selbstständige Existenz, den Funken von Gott?

Jakob Michael Reinhold Lenz, aus: Über Götz von Berlichingen (1775, Erstdruck 1901)

Wie mach ich es?

Jakob Michael Reinhold Lenz

(* 12. Januar/ 23. Januar 1751 in Seßwegen, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 24. Mai/ 4. Juni 1792 in Moskau)

Wie mach ich es? wo heb ich Berge aus
Mich ihr zu nähern? wer kommt mir zu Hülfe?
O wär ich leicht wie Zefir, wie ein Sylphe,
Ach oder dürft ich in ihr Haus
Unmerkbar leise wie die Maus!
O wär ein Zaubrer da, mich zu zerschneiden, spalten
Mich tausendartig zu gestalten:
Gönnt er mir nur das Glück ihr Angesicht zu sehn,
In tausend Tode wollt ich gehn.
Die schwarzen Augen, deren süßes Feuer
Zu Boden wirft, was ihnen naht, der Schleier
Des unbezwungnen Geistes, der von jedermann
Anbetung sich erzwingt, auch wer ihn haßen kann.
Das holde Mündchen, das so fein empfindet,
So zärtlich liebet, das schalkhafte Kinn
Gebildt von einer Huldgöttin.

Aus: Jakob Michael Reinhold Lenz: Gedichte, Berlin 1891, S. 158-159.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005249945

Heimat

Hans Aßmann Freiherr von Abschatz

(* 4. Februar 1646 in Breslau; † 22. April 1699 in Liegnitz)

Eine Landkarte

Ein Bürger dieser Welt lern auch die Welt erkennen/
Damit er iedes Land kan seine Heymat nennen.

Nur der Kuckuck

Basho

Mondnacht

Hito koe wa –
Tsuki ga naita ka?
Hototogisu!

Annähernd wörtliche Übersetzung:

Horch, ein Rufen –
Ruft nicht der Mond?
Nein, nur der Kuckuck!

Aus: Frühling Schwerter Frauen. Umdichtungen japanischer Lyrik mit einer Einführung in Geist und Geschichte der japanischen Literatur von Paul Lüth. Berlin: Paul Neff, 1942, S. 143

Coda

Leider traute der deutsche Umdichter Bashos Kunst nicht. Die „annähernd wörtliche“ Fassung steht nur im Anhang. Im Textteil (4. Buch: Begrenzung und Erfüllung. Die Ära Bascho) dichtet er um:

Mondnacht

Hinter den dunklen Bäumen ein Rufen. Hör zu!
Ist es der rote Mond, der so seltsam heut glänzt?
Oder ists nur der Kuckuck? Nun ist wieder Ruh.

Ebd. S. 123