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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Haben wir nicht etwas uns zu fragen?

Rosa Rübsaamen

(* 24. April 1853 in Haardt an der Sieg, heute Weidenau, seit 1975 Stadt Siegen, †  22. September 1922 in Hillnhütten bei Siegen)

Haben wir nicht etwas uns zu fragen?

Eine ferne Uhr hebt an zu schlagen
Haben wir nicht etwas uns zu fragen?

Von den Bergen kommen kalte Winde,
trugen schon hinweg den Duft der Linde,

Und die rote Rose wird indessen
ihres holden Sommertraums vergessen.

Doch die Sonne glüht noch! Ich und du —
glücksberauscht schließ’ ich die Augen zu —

Stehn noch mitten in dem Flammenschein!
Und ich träume in den Herbst hinein

Noch vom Sommer! Träume, träume! Doch
ich vergaß die Uhr — horch, schlägt sie noch?

Wollen wir die ungefragten Fragen
in die stumme Winteröde tragen?

Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 15

Rübsamen, Frl. Rosa, Haardt a. d. Sieg, geboren den 24. April (?) in Haardt a. d. Sieg. Sie schreibt Gedichte und pflegt in ihren Poesieen den westfälischen Dialekt.
Aus:
Pataky, Sophie: Lexikon deutscher Frauen der Feder Bd. 2. Berlin, 1898., S. 210.

Dichterwettstreit

Publius Vergilius Maro, kurz Vergil

(* 15. Oktober 70 v. Chr. bei Mantua; † 21. September 19 v. Chr. in Brindisi)

Ein antiker Dichterwettstreit der Hirten Korydon und Thyrsis. Schiedsrichter ist der Kuhhirt Daphnis

Aus der 3. Tenzone

Korydon:

Geliebte Nymphen, hört mich an:
Laßt mich entweder Lieder singen,
Wie meinem Codrus sie gelingen,
Der wie Apoll fast dichten kann
Doch wenn die Lieder nicht gelangen
Nicht alles können alle wir —
Wird meine schrille Flöte hier
An dieser heil’gen Eiche hangen.

Thyrsis:

Arkadierhirten, schmücket mich
Mit Dichterefeu, daß vor Neide
Dem Codrus birst das Eingeweide,
Sieht er mich wachsen über sich.
Wenn ich mit Lob euch überlade,
Mehr als euch selbst gefällig dünkt,
Um meine Stirn’ ein Heilkraut schlingt,
Daß böse Zunge mir nicht schade.

Aus: Römerlyrik. In deutsche Verse übertragen von J.M. Stowasser. Heidelberg: Carl Winter o.J. (1909). 206

Kulturaustreibung

Sarah Barbieux

(* 1958 Paris, lebt in Kanada)

Kulturaustreibung
Für „muro kako“ Ron Lee

Man nahm mir die Kultur
Man nahm mir meine Sprache,
Jetzt bin ich im Aufbruch
Und nichts ist meine Sache.

Wir sollten uns schämen.
Uns selber verbergen;
»Weltbürgerin«‚
Das konnte nichts werden!

Ich ging nach woanders
Um besser zu leben,
Um nicht zu betrügen
Das habt Ihr vergessen.

Wie ein fehlendes Glied
Hänge ich an der Kette
Des Rätsels … Ach, wenn ich
Doch eine Oma hätte,

Die mir die Reime beibringt,
Die unsre Ahnen kannten.
Ihr Kinder, nein, vergesst nicht
Die Verse der Vorfahren.

Aus dem Französischen von Christian Filips und Aurélie Maurin

Aus: Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti. Gedichte versammelt und ediert von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki. Hrsg. Christian Döring. Berlin: AB – Die andere Bibliothek, 2018, S. 335

Gewänder Jerusalems

Im Gedenken an den Lyriker Ulrich Schacht

(* 9. März 1951 Zuchthaus Hoheneck, Stollberg im Erzgebirge; † 16. September 2018 in Förslöv, Schweden)

Gewänder Jerusalems

Wenn das Licht
sinkt taucht die Stadt auf
dem Berg in ein Kupferbad Haine
und Kuppeln schimmern bis Wind
Staub aufwirbelt der öde
Kreis vor den Toren
jeglichen Glanz

dämpft Kühle legt
sich auf heiße Quader an
Davids Zinnen brechen sich
Schatten noch fällt kein
Schnee aber die
Freunde reden

davon: Immer
sagen sie liegt dieser
Ort nahe am
Himmel. So.
Oder so.

6.1.1986

Aus: Ulrich Schacht: Lanzen im Eis. Gedichte. Stuttgart: DVA, 1990, S. 99

Marp

Monika Rinck

Aus den Gedichten von Frau und Marp

Mehr in Mütze #20 (Hier)

 

Schwarzes Loch

Katerina Chandrinou

Puritanismus

Irgendwo im Zentrum meines Bettes ist ein schwarzes Loch‚
das führt ins Mittelalter.
Fällst du hinein, triffst du greise Rechtsgelehrte mit schwarzen Talaren,
die Nacht und Tag arbeiten in hohen Büchersälen.
Neben einer Kerze bemühen sie sich,
aufgehobene Regelwerke und Verordnungen wieder in Kraft zu setzen,
die ]ahrhunderte lang der Welt das Lächeln raubten.

Aus: Wo man spazieren gehen kann und es Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland ausgewählt und übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voss, 2018, S. 29

Mien Modersprak

Alwine Wuthenow

(* 16. September 1820 in Neuenkirchen bei Greifswald; † 8. Januar 1908 in Greifswald)

Mien Modersprak

Ik kann ´t nich hochdütsch seggen,
Wat mi in´n Bussen sitt;
Dat is man halwes Snacken,
Dat Best will doch nich mit.

Dat bliwt mi ümmer sitten
Deip unner up den Grund,
Und kümm ´t uk halw tau Höchten,
So smölt ´t mi in den Mund.

Ne, von dat hochdütsch Wesen,
Dor seggt mi gor nicks vör!
Ik bliew doarin doch ümmer
Man as en dämlich Gör.

Wat plattdütsch ik dau seggen,
Dat hett All Hand und Faut,
Un klingt dat ok wat knullig,
So ist ´t ok just so gaud.

Ik gah in ehr so düchtig,
As stünn mi sünst nicks an,
Fäul mi in ehr so säker,
En hel´ un ganzen Mann.

Mi is ´t as künn mien Hergott
Mi beter so vestahn,
As würd min Bidd so neger
Em an dat Hart ‚ran gahn.

Un wenn ´k in mienen Würden
Den Herrn willkamen bün,
Denn kann ´t Jug recht uk wesen,
Un Jug uk gaud naug sin.

Aus: Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren, Greifswald, 1896, S. 35 f.

En por Wür‘

Wür‘: Plural von Wuurd, Wort
Bussen: Busen
knullig: vielleicht knuffig? (derb, grob)
fäul: fühl
hel: heil, unbeschädigt
Bidd: Bitte, Gebet
neger: näher
em: ihm
Jug: Euch
uk: auch
naug: genug

Das männliche Geschlechte

Christiana Mariana von Ziegler

(* 28. Juni 1695 in Leipzig; † 1. Mai 1760 in Frankfurt an der Oder)

Das männliche Geschlechte, im Namen einiger Frauenzimmer besungen.

(1739)

Du Weltgepriesenes Geschlechte,
Du in dich selbst verliebte Schaar,
Prahlst allzusehr mit deinem Rechte,
Das Adams erster Vorzug war.
Doch soll ich deinen Werth besingen,
Der dir auch wirklich zugehört;
So wird mein Lied ganz anders klingen,
Als das, womit man dich verehrt.

Ihr rühmt das günstige Geschicke,
Das euch zu ganzen Menschen macht;
Und wißt in einem Augenblicke
Worauf wir nimmermehr gedacht.
Allein; wenn wir euch recht betrachten,
So seyd ihr schwächer als ein Weib.
Ihr müßt oft unsre Klugheit pachten,
Noch weiter als zum Zeitvertreib.

Kommt her, und tretet vor den Spiegel:
Und sprechet selbst, wie seht ihr aus?
Der Bär, der Löwe, Luchs, und Igel
Sieht bey euch überall heraus.
Vergebt, ich muß die Namen nennen,
Wodurch man eure Sitten zeigt.
Ihr mögt euch selber wohl nicht kennen,
Weil man von euren Fehlern schweigt.

Seht doch, wie ihr vor Eifer schäumet,
Wenns nicht nach eurem Kopfe geht.
O Himmel, was ist da versäumet,
Wenn man nicht gleich zu Diensten steht!
Ihr flucht mit fürchterlicher Stimme,
Als kämt ihr aus des Pluto Kluft.
Und wer entgehet euren Grimme,
Wenn ihr das Haus zusammen ruft?

So bald der Eifer sich geleget,
Wird aus dem Bär ein stilles Schaaf,
Das weiter keinen Streit erreget:
Es überläßt sich Ruh und Schlaf.
Habt ihr geirrt, heists kein Vergehen:
Die Weiber sind an allem Schuld.
Wer sie muß immer um sich sehen.
Dem reisset endlich die Geduld.

Zu dem, wenn euch der Wahn bethöret,
Das andern eure Frau gefällt;
Wie wird nicht eure Ruh gestöret,
Wenn sichs gleich nicht also verhält!
Ihr sucht euch schon an dem zu rächen,
Der sie nur in der Ferne kennt,
Und das ohn alles Wiedersprechen,
Wenn man nur seinen Namen nennt.

Die Frau wird euch vergebens fragen,
Ob ihr sie mit Bestande liebt?
Das schwache Werkzeug soll nicht klagen,
Wenn man ihm Speis und Kleidung giebt.
Geniessen andre ihr Vermögen,
Weil ihr Geliebter gerne nascht;
So kommts von seinem eignen Seegen,
Wenn sie ihn bey der Lust erhascht.

Er gönnt ihr wohl ein gut Gerichte,
Wenn er mit andern Freunden schmaust:
Allein kein freundliches Gesichte,
Weil er in Rausche lermt und braust.
Vermißt er den Ducatenbeutel,
Und denkt an das verlohrne Geld,
So hält er dieses nicht vor eitel,
Da ist er erst ein schwacher Held.

Manch frommes Weib bekommt zur Ehe
Den grösten Geizhalß von der Welt.
Da findet sie die sieben Wehe,
Daß jeder Tag etwas behält.
Bey seinen neidischen Geberden
Sieht er ganz blaß und mager aus.
Es ist nichts häßlichers auf Erden,
Als dieser Mann in seinem Haus.

Der Hochmuth stellt uns feine Seelen
Im männlichen Geschlechte dar.
Der Ehrgeiz läßt sich nicht verhelen,
Sie folgen ihm, auch mit Gefahr.
Doch straft man nicht die Ehrbegierde,
Nach der ein Weiser sich bestrebt;
Die ist des Menschen gröste Zierde,
Wenn er dabey vernünftig lebt.

Die, welche sich nur selbst erheben,
Die gerne groß und vornehm sind,
Nach allen Ehrenämtern streben,
Da doch den Kopf nichts füllt als Wind:
Die keine Wissenschaften kennen,
Und dringen sich in Würden ein,
Die kann man wohl mit Namen nennen,
Daß sie der Thorheit Kinder seyn.

Die Männer müssen doch gestehen,
Daß sie wie wir, auch Menschen sind.
Daß sie auch auf zwey Beinen gehen;
Und daß sich manche Schwachheit findt.
Sie trinken, schlafen, essen, wachen.
Nur dieses ist der Unterscheid,
Sie bleiben Herr in allen Sachen,
Und was wir thun, heißt Schuldigkeit.

Der Mann muß seine Frau ernähren,
Die Kinder, und das Hausgesind.
Er dient der Welt mit weisen Lehren,
So, wie sie vorgeschrieben sind.
Das Weib darf seinen Witz nicht zeigen:
Die Vorsicht hat es ausgedacht,
Es soll in der Gemeine schweigen;
Sonst würdet ihr oft ausgelacht.

Ihr klugen Männer schweigt nur stille:
Entdecket unsre Fehler nicht.
Denn es ist selbst nicht unser Wille,
Daß euch die Schwachheit wiederspricht.
Trag eines nur des andern Mängel,
So habt ihr schon genug gethan,
Denn Menschen sind fürwahr nicht Engel,
An denen man nichts tadeln kann.

Schüchternheit

Agnès Armengol i Altayó, auch bekannt als Agnès Armengol de Badia

(* Sabadell, etwa 1852 – † 30. Januar 1934)

Aus: Catalanische Troubadoure der Gegenwart : Verdeutscht mit einer Uebersicht der catalanischen Literature eingeleitet von Johannes Fastenrath. Leipzig: Carl Reissner, 1890, S. 8f

Blaustrumpf

Marie von Ebner-Eschenbach

(* 13. September 1830 auf Schloss Zdislawitz bei Kremsier in Mähren als Marie Dubský von Třebomyslice; † 12. März 1916 in Wien)

Sankt Peter und der Blaustrumpf

Ein Weiblein klopft an’s Himmelsthor,
Sankt Peter öffnet, guckt hervor:
– »Wer bist denn du?« – »Ein Strumpf, o Herr …«
Sie stockt, und milde mahnet er:
»Mein Kind, erkläre dich genauer,
Was für ein Strumpf?« »Vergieb – ein blauer.«
Er aber grollt: »Man trifft die Sorte
Nicht häufig hier an unsrer Pforte.
Seid samt und sonders freie Geister,
Der Teufel ist gar oft nicht dreister,
Geh hin! er dürfte von dir wissen,
Der liebe Herrgott kann dich missen.«
– »Das glaub ich wohl – doch ich nicht Ihn,
O Heilger, wolle noch verziehn!«
Sie wagt es, sein Gewand zu fassen,
Hat auf die Knie sich sinken lassen:
»Du starker Hort, verstoß mich nicht,
Laß blicken mich in’s Angesicht
Des Ewgen, den ich stets gesucht.«
– »In welcher Weise, ward gebucht;
Man strebt ihm nach, wie’s vorgeschrieben,
Du bist uns fern und fremd geblieben.«
Das Weib blickt flehend zu ihm auf:
»Wär dir bekannt mein Lebenslauf,
Du wüßtest, daß in selgen Stunden
Ich meinen Herrn und Gott gefunden.«
Der Pförtner stutzt: »Allwo? – Sprich klar!«
– »Daselbst, wo ich zu Hause war,
(Mein Handwerk brachte das mit sich)
Im Menschenherzen. Wunderlich
War dort der Höchste wohl umgeben;
Oft blieb von seines Lichtes Weben
Ein glimmend Fünklein übrig nur
Und führte doch auf Gottes Spur.
Ob er sich nun auf dem Altare
Den Frommen reicher offenbare –
Das zu entscheiden ist dein Amt:
Bin ich erlöst? bin ich verdammt?«
Sankt Peter zu derselben Frist
Etwas verlegen worden ist,
Dacht eine gute Weile nach,
Nahm endlich doch das Wort. Er sprach
Und rückt dabei den Heilgenschein:
»Besprich es drin – ich laß dich ein.«

Fliehen

Konfuzius XIV. 39. Der Meister sprach: Unter tugendhaften Männern gibt es solche, die alle Welt fliehen, wieder andere, die ein bestimmtes Land fliehen, wieder andere, die beleidigenden Verhaltens wegen fliehen und schließlich solche, die schimpflicher Worte wegen fliehen.

Konfuzius: Gespräche des Meisters Kung (Lun Yü). Deutsch von Ernst Schwarz. München: dtv, 1985, S. 103

Code Poem

Da ich von Hannah Weiner keine Texte auf Deutsch gefunden habe, hier ein Code poem aus

Poems for the Millennium. Volume Two.From Postwar to Millennium. Edited by Jerome Rothenberg & Pierre Joris. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, 1998 (Book of Modern & Postmodern Poetry)

„wo ich jetzt bin kommt keiner mehr vorbei“

Helga M. Novak

wie erschlagen

wie erschlagen von der Hetze wundgestoßen
arg zersplittert sind meine Schalen
kein Bugstall mehr kein Faden und kein Reif
getroffen bin ich flüchtig abgegangen
und ohne Nachsuche gelaufen in die Irre
das Unterholz hat meine Decke zerrissen
wo ich jetzt bin kommt keiner mehr vorbei
habe gezeichnet und mache die letzten Gänge
zu spät noch einen Fangschuß zu erbitten von dir
Die Wilde Jagd ist eine Wilde Ehe
mein Warten auf den großen grauen Jäger

Aus: Helga M. Novak: wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Frankfurt/Main: Schöffling, 2005, S. 200

Aber Psst!

Vor ein paar Jahren saß ich auf dem Fußweg (also an einem Tisch dortselbst) vor einem New Yorker Bistro. Eine vorbeigehende Dame blieb stehn und sprach zu mir: „Ich weiß nicht, wer Sie sind, but you have a wonderful beard“. Mir lag auf der Zunge, mit Emily Dickinsoin zu antworten: „I’m nobody – who are you? Are you nobody too?“ Aber ich fürchtete sie zu irritieren.

Jedenfalls heute mehrere deutsche Nachbildungen jener Strophe.

Ich bin niemand – wer bist du?
Gleichfalls niemand? – Dann Glück zu!
Dann sind wir ein Paar – Halt dicht!
Schau: die andern woll‘n uns nicht.

Aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 50

Ich bin Niemand! Wer bist du?
Noch ein Niemand mehr dazu?
Schon sind wir ein Paar im Land!
Still, sonst werden wir verbannt!

Deutsch von Lola Gruenthal aus: Emily Dickinson: Guten Morgen, Mitternacht. Gedichte und Briefe. Zweisprachig. Zürich: Diogenes, 1977, S. 23

Ich bin Niemand! Wer bist du?
Bist auch – Niemand – du?
Dann sind wir zwei ein Paar?
Sag nichts – Zeitung – Gefahr!

Deutsch von Gertrud Liepe aus: Emily Dickinson: Gedichte. Englisch und Deutsch. Stuttgart: Reclam, 1970, S. 45

Niemand bin ich! Und du?
Ein Niemand – noch dazu?
Dann sind wir zwei im Land!
Still! Gleich wird man bekannt!

Deutsch von Gunhild Kübler aus: Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. München: Hanser, 2015, S. 215

Und im Original:

I’m Nobody! Who are you?
Are you – Nobody – too?
Then there’s a pair of us!
Don’t tell! they’d advertise – you know!

Ich versuchs auch mal ausm Handgelenk. Ich nehme den Paarreim raus, warum? Dickinson arbeitet oft mit fast versteckten Halbreimen, z.B. Auslautreim. Door reimt auf air, sun auf morn, grass auf face, broad auf bread, glow auf through, time auf thumb, die Beispiele sind Legion. Wo es sich aufdrängt/anbietet, dann auch mal be auf me oder wide auf beside oder you auf too, aber das eher selten. Sonst wechselt der Reim auch mal von Vers zwei + vier auf eins + drei, oder bleibt ganz weg. Kurz, auf wenige Dichter paßt der Reim von Karl Kraus so gut wie auf Dickinson: Der Reim ist nur der Sprache Gunst / nicht nebenher noch eine Kunst.

Der Zauber dieses Gedichts beruht trotzdem auf dem platten reinen Paarreim you/too. Er ist nicht ins Deutsche übertragbar, der Versuch führt zu Krampf wie in den meisten der hier vorgestellten Übertragungen.

In den acht Versen dieses Gedichts ist es so:

you – too – us – know
somebody – frog – June – Bog

Zwei reine Reime, aber wie beiläufig, mal Paarreim, dann Kreuzreim. (Man kann auch too / know als Halbreim auffassen, sie benutzt oft Auslautreime, die auf einen beliebigen Vokal gehen, alle Vokale gelten gleich: low – typify, glow – now, way – sea, see – eye, bow – now, go – too…) Eine Fundgrube für Reimstudien nebenbei!

Wenn es nur verkrampft geht, warum nicht erst mal ganz weglassen? Ich plaziere beiläufig eine andere Art Halbreim, die Assonanz, auf Verse drei und vier (und gleich noch einen Schlagreim-Halbreim in Vers vier, begünstigt durch die Sprechpause zwischen den Wörtern: psst / sonst. Nicht ideal, ideale Lösungen gibt es nicht (bessere sind natürlich immer möglich).

Ich bin Niemand! Und du?
Bist du auch – Niemand?
Dann sind wir schon zwei!
Aber psst!  – sonst – plaudern sie gleich.

ach es ist alles zuschanden

Helga M. Novak

(* 8. September 1935 in Berlin-Köpenick; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin)

Sommerzeit

Sommerzeit
die Hähne schrein zur selben Zeit
Winterzeit
die Sauen schrein zur selben Zeit
ach es ist alles zuschanden
die Freiheit die ich habe
ist keine
ich werde verrückt
weil ich es bin
und ich werde rasend
von meinen Rasereien
ach es ist alles zuschanden
Sommerzeit
ich werde den Mund nochmal vollnehmen
Winterzeit
den Mund voller Sand
warum entdeckt denn keiner
die Schönheit meines Verfalls?

Aus: Helga M. Novak: wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Frankfurt/Main: Schöffling, 2005, S. 202