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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Claire an Ivan

Claire Goll

(* 29. Oktober 1890 in Nürnberg; † 30. Mai 1977 in Paris)

Ich erwarte unsren Tod
Wie ein Kind seine Ferien:

Wir werden ein Zwillingsgrab haben
Dein Regen wird der meine sein
Ein gleiches Klima wird unsre Herzen
Erblühen machen
Im vergoldeten Korb unsrer Rippen
Dasselbe Lächeln wird unsre Schädel zieren
Nie wieder werd ich allein
Sterne und Vögel hören müssen
Und die violetten Seufzer
Aus den Mäulchen der Orchideen
Niemand mehr wird unser Stelldichein stören!

Ich erwarte unsren Tod
Wie ein Kind seine Ferien

Aus: Ivan und Claire Goll: Zehntausend Morgenröten. Gedichte einer Liebe. Mit 4 Zeichnungen von Marc Chagall. Wiesbaden: Limes, 1954, S. 67

Noch

Ingeborg Bachmann

(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)

VERZICHT

Meine Haut trägt noch einen Atem,
meine Hand hält noch sein Geschlecht
mein Mund wölbt sich noch über Mitternacht
mein Begehr bist noch du
Was ist mein Begehr, wenn nicht du!

Ach wie gut, daß niemand weiß,
willst du mich elend machen,
so fang wieder an.

Aus: Poesiealbum 350: Ingeborg Bachmann. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2019, S. 27

Als sie

Alfred Grünewald

(* 17. März 1884 in Wien; † 9. September 1942 in Auschwitz)

Geheimnis

Als sie mich fragten, woher ich kam,
verriet ich keinem, von dir.
Und als sie mir sagten: »Du glühst wie in Scham«,
kühlt ich die Wangen mir.
Und als sie staunten: »Was macht dich so froh?«
tat ich dem Lächeln Gewalt.
Doch als sie raunten: »Was zitterst du so?«
sprach ich: »Die Nacht kommt bald.«

Aus: Poesiealbum 349. Alfred Grünewald. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2019, S. 4

Stadt

Oskar Kanehl

(* 5. Oktober 1888 in Berlin; † 28. Mai 1929 ebenda)

Die Stadt

I
Wie geile Tiere aneinander gedrängt,
steinerne Kasernen.
Aus einem Dachstuhl
steigt ängstlich und ungehörig
die Sonne.
Aufgespießt von einem Fabrikschornstein
und rußgeschändet
fällt sie zurück.
Maschinenlärmbetäubt
und stauberstickt
starben die Seelen
in Nacht.

II
Menschen wie Madengewimmel.
Ohne Schlaf. Eile! Eile!
Geschäft und Büro und Fabrik.
Hohle höhnende Augen,
brillenverdeckelt.
Fliegende Fleischlappen
an krüppligen Knochengerüsten.
Brustlose Frauen,
in Korsettpanzern hängend.
Schwangere.
Krankheit, Gier und Genuß.
Peststinkendes Elend.
Parfümierte Völlerei.
Verkommende Gotteskinder,
gehätschelte Abraummenschen.
Automobilhupen. Letzter
Schrei eines Überfahrenen.
Auflauf. Polizei.
Radfahrerklingeln.
Schnell vorüber. Ein Toter ist nichts.
Arbeit, Hunger.
Zerpreßte Lippen.
Hunger, Arbeit.
Ein Sperling am Pferdekot.
Geld! – Geld! – Geld!

III
Drehorgel.
zweiter Hof.
Frühe Verdorbenheit.
Mädchengesichter, spitz
und wie blaugewordene Milch;
mit dicken gierigen
Lippen, Blutspur im Schnee.
Knaben, noch schulpflichtig,
zu früh zu Arbeit gehetzt
und Verbrechen.
Drehorgel.
Schieber der Minderjährigen.
Pass auf, du – mir wird
– wenn Mutter kommt …!
Drehorgel
Bettelnder Aufblick.

IV
Auf dem Pflaster, drüber und drunter
eilen geschäftige
Triebwagenwunder.
Brückengewölbe sind wuchtig gespannt
über breite schmutzige Wasser:
eine eroberungskühne menschliche Hand.
Steil in den Himmel
sticht Schlot an Schlot
wie ein Kriegslager gegen Gott.
Zäh und gehärtet in langer Glut
beherrscht ein trotzig Gehirn
Menschenblut.

Aus: Oskar Kanehl: Die Dinge schreien. Gedichte.Greifswald: Wiecker Bote, 2015, S. 12f.

Das Gespenst

Paul Boldt

(* 31. Dezember 1885 in Christfelde, Westpreußen; † 16. März 1921 in Freiburg im Breisgau)

DAS GESPENST

Wie weiß der Sommer ist! Wie Menschenlachen,
Das alle Tage in der Stadt verschwenden.
Häuserspaliere wachsen hoch zu Wänden
Und Wolkenfelsen, die mich kleiner machen.

In tausend Straßen liege ich begraben.
Ich folge dir stets ohne mich zu wenden.
O hielte ich dein Antlitz in den Händen,
Das meine kranken Augen vor sich haben.

Ich küßte es. Es küßte mich im Bette–:
– Versprich, daß du mich morgen nicht mehr kennst!
– Bist du nachts fleischern und ein Taggespenst?

– Du locktest es ins Netz deiner Sonette.
– Junger Polyp, dein Mund ist eine Klette.
– Er wird dich beißen, wenn du ihn so nennst.
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Aus: Paul Boldt: Junge Pferde! Junge Pferde! Das Gesamtzwer. Mit einem Vorwort von Peter Härtling. Olten, Freiburg/Br.: Walter, 1979, S. 38

Rotdorn meiner Kinderjahre

Jedes Jahr im Mai fallen mir vier, nein drei Worte der Dichterin Eva Strittmatter ein, jedes Jahr wenn dem Rotdorn das Rot aufgeht, die Worte, es ist ein Vers, vier Trochäen:

Rotdorn meiner Kinderjahre

Jetzt lese ich das Gedicht nach, es ist fast ein wenig enttäuschend, aber der Anfang ist stark. Das muß ein Gedicht erst mal schaffen, mir, der jeden Tag Gedichte liest, jedes Jahr mindestens einmal einzufallen. Es gibt vielleicht ein paar bessere Gedichte von ihr (ich bin kein großer Fan und habe schon StudentInnen gegen mich aufgebracht, weil ich an einem Gedicht, das sie liebten, herumkrittelte). Aber nun: ROTDORN!

Eva Strittmatter

(* 8. Februar 1930 in Neuruppin; † 3. Januar 2011 in Berlin)

Rotdorn

Rotdorn meiner Kinderjahre
Unterm roten Rotdorndach
Bin ich ein und aus gegangen.
Und der Rotdorn ging mir nach.
Roter Rotdorn meiner Kindheit.
Straßenbaum der kleinen Stadt,
Die ich liebte, die mich liebte,
Die mich aufgezogen hat.

Aus: Eva Strittmatter, Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Berlin, Weimar: Aufbau, 1973, S. 12.

Rotdorn in der Falladastraße. Foto Gratz

Scribentisch

Zum Tag der kyrillischen Schrift (zumindest wie er in Bulgarien begangen wird) heute etwas nicht von einem bulgarischen Dichter, sondern von einem russischen. Bulgarisch, russisch, deutsch, was ist schon die Herkunft, geschweige die Staatsangehörigkeit, heute entscheidet die SCHRIFT. Valeri Scherstjanoi wurde am 3. September 1950 geboren, WO? Die deutsche Wikipedia sagt: „in Sagiz, Kasachische SSR, Sowjetunion“, die russische: „в советском концлагере в Казахстане“, „in einem sowjetischen Konzlager [russische Abkürzung] in Kasachstan“. Die russische Version sagt noch etwas über die Mutter: dass sie eine „unterdrückte Litauerin“ war (deshalb wohl das Lager).1979 (russische) oder Anfang der 80er (deutsche Wiki) übersiedelte er (deutsch) bzw. emigrierte (russisch) nach Deutschland (russisch) oder in die DDR (deutsch). Er schreibt seine Werke teils russisch, teils deutsch. Der Mündlichkeit (als Lautdichter und Performer) und Schriftlichkeit nach, also in Kernbereichen seiner künstlerischen Arbeit, sind es durchaus russische Laute und Buchstaben..

„Scribentisch“ nennt er einen Teil seiner Arbeit. 1990 erschien ein Buch: „das russische abc – scribentisch“. Schon auf dem Umschlag eine Grafik, ein Bild aus russischen Buchstaben, überwiegend das kyrillische „Alpha und Omega,“ der erste und letzte Buchstabe des russischen Azbuk (Alphabets), a und ja.

Das russische Alphabet wurde 1918 von 35 auf 32 Buchstaben reduziert – die emigrierten Schriftsteller wie Marina Zwetajewa oder Wladislaw Chodassewitsch benutzten also noch andere Buchstaben. Ein kirchenslawisches Wörterbuch von 1880 spricht sogar von 38-44 Buchstaben, einige davon hatten Zahlenwerte. Scherstjanoi verwendet für seine Scribentismen die alten Wörterbücher, aber auch die „Sternensprache“ des futuristischen Dichters Welemir Chlebnikow“ sowie „die pädagogischen ausarbeitungen von lev tolstoi, als er seine Bauernkinder unterrichtete“.

 

Hier eine Übung in Linksschreibung – sein großer Anreger Carlfriedrich Claus im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz nutzte bewußt die Energie, die entsteht, wenn ein Rechtshänder mit links schreibt.

Hier etwas über die zwei Buchstaben a und ja, zuerst in einer poetologischen oder poetischen Skizze aus diesem Buch, hier ist das Schriftbild wichtig, gebildet aus Schreibmaschine und Handschrift.

A und B sind die ersten zwei Buchstaben wie im Lateinischen, man spricht das wie As (stimmhaftes s) und Buka. As aber ist „ich“, und das russische Wort für ich besteht aus dem letzten Buchstaben des Asbuk, dem „Ja“, geschrieben wie ein spiegelverkehrtes großes R. Die drei Buchstaben für a, s stimmhaft und ja finden sich vielfach auf dem Titelbild.

Aus der Kombination az und ja aber entsteht das Wort „Asija“, Asien. Sehen Sie selbst:

Alle Schriftbilder aus: valeri scherstjanoi: das russische abc – scribentisch, Rothenberg: Gertraud Scholz Verlag, 1990.

Kleine Auswahl weiterer Bücher des Autors:

  • laute hören bilder zeichnen. gertraud scholz verlag 1991
  • Tango mit Kühen. Anthologie der russischen Lautpoesie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wien: edition selene, 1998
  • lauter scherben. Texte Zeichnungen Chronik. Books on Demand Norderstedt, 2008
  • Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Berlin: Matthes & Seitz, 2011
  • Alexei Krutschonych „Phonetik des Theaters“. Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.. Leipzig: Reinecke & Voß, 2011
  • partitions scribentiques. hochroth Paris 2013

Wir

Max Herrmann-Neiße

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Unserer Ohnmacht Grabgesang

Ob wir auch zürnen — wir vermögen nichts!
Und keine Schindel fällt um uns vom Dache;
wenn ich auch noch so spöttisch ihrer lache
und nehme sie zu Narren des Gedichts:

Sie ordnen mich wie eine fremde Sache
kühl in die Kästen ihres Weltgerichts,
sie zählen meines herben Angesichts
jedwedes Zucken in geheimer Rache.

Ob wir auch zürnen – wir sind stets besiegt!
Sie sielen sich gesättigter im Seichten
mit Glatzen, die der Henkersruhm beglänzte.

Wenn unser Leben unter Leid erliegt
und keucht in Krämpfen nach dem Nie-Erreichten,
so prangen unverwüstlich ihre Wänste.

In: Max Herrmann-Neiße, Schattenhafte Lockung. Gedichte 3. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1990 (2. Aufl.), S. 191

Mund ob Mund

Johannes R. Becher

(* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin)

MUND OB MUND

Mund ob Mund –
Deine Hand auf meiner Stirn –:
Geliebte was fiel noch schwer?!

Frieden wär.
Und Völker Umarmende sich.
Heiliger Bund.
Unsere Menschenschritte klirrten sehr.

Nichts das unmöglich wär.
Geliebteste in unserem Leib
Berg schwingt, glänzt Meer.
Der Mensch erblüht.
O Mann! O Weib!

Mit Eroberer-Fäusten stieß ich Stern auf Erden nieder.
So klebte nimmer Erde schwer.
Mit Eroberer-Fäusten Himmel erdennieder.
Da erschwebten selbst die Ärmsten, körperleer.

Landschaften, Paradiese kreisten.

Kaleidoskop. Und klar Gehirn.
Nichts das unmöglich wär.
Glück den Schwachen und Verwaisten.

Wie tönt ein Hund …

Mund ob Mund…

Mit Eroberer-Fäusten —

Deine Hand auf meiner Stirn.

Aus: Gedichte um Lotte

Aus: Becher und die Insel. Briefe und Dichtungen 1916-1954. Hrsg. Rolf Harder und Ilse Siebert. Leipzig: Insel, 1981, S. 172

„Dichtung der Naturvölker!“

Zum Welttag der kulturellen Vielfalt zwei Gedichte aus einer Sammlung, die im Sprachgebrauch der Zeit „Dichtungen der Naturvölker“ hieß. Terminologisch und begrifflich sozusagen nicht auf der „Höhe“ unserer Zeit, aber wieviel Material! Was für ein Entdecker- und Sammlergeist. Aus der Einleitung:

Zu den wenigen Gebieten der künstlerischen Weltproduktion, die bisher nur sehr selten beachtet worden sind, gehört die Dichtung der Naturvölker. Ganz im Gegensatz zur Plastik der Primitiven. Eine seltsame Laune des Schicksals hatte im Laufe der letzten Generationen der naturvölkischen Schnitzkunst einen starken Einfluß auf manche europäischen Maler und Plastiker eingeräumt. Und so sind denn auch weite Gebiete der figürlichen Plastik Afrikas, Ozeaniens, Amerikas mehr oder weniger eingehend untersucht worden. Nicht so die Dichtung der Naturvölker!
Dennoch ist die poetische Begabung der Naturvölker keineswegs geringer als ihr plastisches Talent. Wer die Gesänge und Gedichte der Primitiven kennt, ist vielleicht sogar geneigt, die Dokumente ihrer dichterischen Phantasie höher als die ihrer plastischen Schöpferkraft zu stellen. Freilich scheinen hier in der Plastik letzte Formulierungen, endgültige Prägungen geleistet zu sein, während die dichterische Produktion nicht so unmittelbar zu genießen und zu bewerten ist.
Gleichwohl: auch in dem Gebiet der lyrischen Dichtung hat der Naturmensch Werke geschaffen, mit denen er sich kühn in die Reihe der großen Lyriker stellen kann. Hier ist ihm eindeutiger als sonst der große Wurf gelungen, durch den sich jeder wahrhaft produktive Geist als solcher legitimiert: die Grenzen der Rasse, der Sprache, des Erdteils sind übersprungen, und mit begeistertem Wort findet er Gedanken und formuliert er Gefühle, die zum Innersten des Allmenschlichen gehören. Frömmigkeit, Liebe, Krieg und ihr tragisch dunkler Gegenspieler: Trauer und Schmerz, sie alle finden ihren Ausdruck.

KALTES HERZ
MODERNES LIED AUS HAWAII, SÜDSEE

Liebessehnsucht treibt mich zu dir,
Herz so kalt, so kalt!
Ganz erfroren bin ich
Durch die beißende Kälte.

Wie bitter kalt der Regen,
Bitter kalt der Strom, —
Ganz und gar durchfröstelt
Durch die beißende Kälte.

Woran denkst du, sprich?
Sollten du und ich
Uns nicht in die Arme schließen,
Um die Kälte abzuhalten?

Nach Nathaniel B. Emerson: „Unwritten literature of Hawaii“, im Smithson. Inst. Bur. Am.
Ethn., Bull. 38; Washington, 1909; S. 163.
Aus: Dichtungen der Naturvölker. Religiöse, magische und profane Lyrik. Gesammelt, gesichtet und in deutscher Sprache herausgegeben von Eckart v. Sydow. Wien: Phaidon, , 1935, S. 125

DER GOTTGLEICHE EUROPÄER
CAMMA, GABUN, WEST-AFRIKA

Im blauen Palast des tiefen Meeres
Wohnt ein seltsames Wesen.
Seine Haut ist weiß wie Salz,
Sein Haar lang und geflochten wie Seegras.
Es ist größer als die Fürsten der Erde.
Sein Kleid ist wie das von Fischen,
Fischen, die reizvoller sind als Vögel.
Sein Haus ist errichtet aus Messingstäben.
Sein Garten ist ein Wald von Tabakpflanzen.
Auf seinem Land sind weiße Perlen ausgestreut,
Wie Sandkörner auf dem Meeresstrand.

Nach W. W. Reade: „Savage Africa“, London, 1863; S. 228.
Aus: Ebd. S. l80.

Ich bin wie ein Baum in Blüte

Otokar Březina

(* 13. September 1868 in Počátky, Österreich-Ungarn; † 25. März 1929 in Jaroměřice nad Rokytnou)

Ich bin wie ein Baum in Blüte…

Ich bin wie ein Baum in Blüte, tönend von Bienen, Insekten: Lachen und Ruh;
Blut: Aufgang der Sonne, Tag badet verjüngt im feurigen Schein;
in den Korridoren des Lichts habe ich Düfte gebreitet für meiner Liebhaber Schuh‘
und in den Schoß der Frauen warf ich das Geheimnis der Nächte hinein.

Doch eifersüchtig, wenn ich nachts, matt von der Lenze Umatmung, im Schlummer denk’,
will ich nicht, daß du meine ätherischen Schwestern begehrst, die dich locken zum Tanz:
in Jahrtausenden häuft‘ ich Schätze, ein Königsgeschenk,
und jenen, die nichts zu fordern verstehen, geb’ ich es ganz.

Für sie ist die Grausamkeit meiner Liebe,
Ermattens Grabesnacht,
meiner Blicke Tiefe, so seltsam
wie Sternenbilder entfacht,
Kelch meiner Sekunden, wo der Ewigkeit Licht
wie Blut sicb ergießt,
und der Küsse Taumel
böse und süß.

Bin nicht wie die Schwestern: ewige Nacht
breitet sich rot hinter meinen Träumen aus,
mit der Hochzeitsfackel ob der Liebenden Haupt
anzünd’ ich das Haus:
Mit feuriger Sichel schnitt ich die Blüten, gesät von mir,
mit Flammen verjag’ ich, den ich lockte, der Vögel Zug;
doch die Seelen, harrend seit Jahrhunderten, kommen aus geheimnisvoller Nacht heran,
in tötlicber Stille auf rauschender Bahn,
ätherischer Falter funkelnder Flug,
die Fackeln umkreisend, entzündet von mir
um der Erde feurigen Bug.

Sklavin des Ewigen, Fürstin des Wahns, ich kenne der Masse tieferen Klang,
erster Sonne Pracht, Wolke des Tages, der sinkt;
ein Tränenstrom netzt meine herrlichen Wangen, entfließend der Wimper, die in Wollust sank,
in meinem Weinen spiegelt sich das Kreisen der Sterne, Musik der Nacbt in ihm sich aufschwingt:
denn Fluch der geheimen Schuld und die Zeit schluchzt in meinem Lachen bang
und in meinem, vom Lachen des Lichtes tränenden Weinen
Hoffnung der Wiederkehr klingt.

In: Ottokar [sic] Březina , Hymnen, Leipzig: Kurt Wolff, 1913, S. 13f. Nachdruck in: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu herausgegeben u.m.e. dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Frankfurt/Main: Scheffler, 1970, S. 34Sf

Hinter dem Sternenkopfe des Kometen

Heute vor 110 Jahren, 1910: Die Erde durchquert den Schweif des Halleyschen Kometen. Kurz zuvor hatten Astronomen darin das giftige Gas Dicyan entdeckt. »In Chicago dichteten Menschen Tür- und Fensterritzen mit Lappen ab. Aus Konstantinopel wurde berichtet, Tausende hätten in Nachthemden auf ihren Hausdächern gestanden. […] US-Kirchen hielten Gottesdienste rund um die Uhr ab, um das Schlimmste abzuwenden.« (Die Zeit 05-2010) »Während die wissenschaftlichen Beobachtungen, soweit heute bekannt wurde, meist nur negative Ergebnisse lieferten, hat das Volk besonders in den großen Städten den Durchgang in seiner Weise gefeiert, wobei Trinken und Skandal die Hauptsache waren […]« Sirius, Zeitschrift für populäre Astronomie, Juni 1910, S. 129.

Natürlich fand der Komet auch in Gedichte. Hier bei

Paul Boldt

(* 31. Dezember 1885 in Christfelde, Westpreußen; † 16. März 1921 in Freiburg im Breisgau)

Der Schnellzug

Es sprang am Walde auf in panischem Schrecke,
Die gelben Augen in die Nacht geschlagen. –
Die Weiche lärmt vom Hammerschlag der Wagen
Voll blanken Lärms, indes sie fern schon jagen

Im blinden Walde, lauert an der Strecke
Die Kurve wach. Es schwanken die Verdecke.
Wie Schneesturm rennt der D-Zug durch die Ecke,
Und tänzelnd wiegen sich die schweren Wagen.

Der Nebel liegt, ein Lava, auf den Städten
Und färbt den Herbsttag grün. Auf weiter Reise
Wandert der Zug entlang den Kupferdrähten.

Der Führer fühlt den Schlag der Triebradkreise
Hinter dem Sternenkopfe des Kometen,
Der zischend hinfällt über das Geleise.

In: Paul Boldt, Junge Pferde! Junge Pferde! Das Gesamtwerk. Lyrik, Prosa, Dokumente. Olten: Walter, 1979, S. 30. Erstveröffentlichung: Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 45 (6. Nov.)

Auch ein Galgenlied

Jakob van Hoddis

Postskriptum des Magiers:

Galgenlied

Das Ur-Ich und die Ich-Idee
Gingen selbander im grünen Klee:
Die Ichidee fiel hin ins Gras,
Das Ur-Ich wurde vor Schreck ganz blaß.
Da sprach das Ur- zur Ichidee:
»Was wandelst du im grünen Klee?«
Da sprach die Ichidee zum Ur-:
»Ich wandle nur auf deiner Spur.« –
Da, Freunde, hub sich große Not:
Ich schlug mich gegenseitig tot.

Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe. Hrsg. u. kommentiert von Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 63

Morgen des Philosophen

Jakob van Hoddis

Der Morgen des Philosophen

Er spricht: »Nicht ängstlich an Gestaden
Auf offnem Meere will ich baden
(Ha! der Vergleich ist ein gewagter!):
Ich werde frei vom Frohn der Zeiten
Zum kosmisch-schöpferischen schreiten.« –
(Kosmisch, sagt er.)
Er wandelt kühn um seinen Tisch, er wandelt schon die ganze Nacht
Wohl in dem gelben Lampenlicht
Das jetzt am blauen Tag zerbricht
(Die ganze Nacht hat er umgebracht!
So ein Kerl!)

Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe. Hrsg. u. kommentiert von Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 30

Zwei Fassungen

Jakob van Hoddis

(* 16. Mai 1887 in Berlin; ermordet 1942 in Sobibór, Generalgouvernement)

Nachlassfassung, Marbach

Varieté XI

Draußen

Die Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!
Vier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.
Ein Lackbeschuhter stellt der Schnepse nach …
Da polterts her – Ein langgedehnter Krach:
Der Donner!
Au!
Ist die Reklame plump,
Blitz!
Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mum-
pitz!
Das klingt ja ganz, als ob der dicke nackte
Weltgeist
Ganz vertrackte Katarakte im Tackte knackte.

Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe. Hrsg. u. kommentiert von Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 15

Sturm-Fassung (Erstdruck, Der Sturm Nr. 47, 21. Januar 1911)

Varieté X

Draußen

Die Sommernacht ist schwer nur zu ertragen!
Vier Herren gehn mit abgeknöpftem Kragen.
Ein Lackbeschuhter stelzt der Schnepse nach …
Da polterts her – Ein langgedehnter Krach:
Der Donner!
Au!
Ist die Reklame plump,
Blitz!
Ein feiner Mensch liebt nicht den lauten Mum-
pitz!
Das klingt ja ganz, als ob der dicke nackte
Weltgeist
Ganz vertrackte Katarakte im Tackte kackte.

Aus: Ebd. S. 20