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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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Fünfmal dasselbe Gedicht – oder fünf verschiedene Gedichte?

524 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

„Flower not flower / Fog not fog“: Vor rund 1200 Jahren schrieb der chinesische Dichter Bai Juyi ein Gedicht von gerade einmal 26 Schriftzeichen.

Walasse Ting macht daraus eine radikal knappe englische Nachdichtung. Albert Ehrenstein erzählt von einer geheimnisvollen Frau. Ernst Schwarz gestaltet ein gereimtes Liebesgedicht. Thomas O. Höllmann lässt dagegen offen, wer oder was überhaupt erscheint und verschwindet.

Heute in der Lyrikzeitung: das chinesische Original und vier sehr unterschiedliche Übertragungen. Viel Material zum Nachdenken über manches, nicht zuletzt die Frage, ob man Gedichte übersetzen kann. Ist es noch dasselbe Gedicht? Was bleibt von einem Gedicht, wenn es die Sprache wechselt? Und was kommt hinzu? Gibt es richtige und falsche Übersetzungen? Wie viel vom Gedicht entsteht erst im Kopf des Übersetzers? Kann eine Nachdichtung dem Original treuer sein als eine wörtliche Übersetzung? Kann man etwas übersetzen, ohne es zugleich zu interpretieren? – Auch die Namensformen unterscheiden sich. Es ist immer ein und derselbe Dichter, hier steht über der jeweiligen Überschrift der Name in der Form der Quelle.

Bai Juyi

(白居易, 772–846), in älteren Umschriften auch Po Chü-i oder Po Chu Yi.

白居易 — 花非花

花非花,
霧非霧。
夜半來,
天明去。
來如春夢幾多時?
去似朝雲無覓處。

Po Chu Yi

FLOWER NOT FLOWER

      Flower not flower
Fog not fog
Midnight come
Early morning gone
Come as spring dream
Moment
Gone as morning cloud
Where?

Aus: Chinese moonlight. 63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting. Mit 4 Siegeln und 4 doppelseitigen Farblithographien von Walasse Ting. [American Distributor:] New York, Wittenborn, [1967], S. 26

PO TSCHÜ

Sie

Sie ist eine Blume und doch keine Blüte, 
Sie ist ein Nebel und doch ein Licht.
Mitternachts sucht sie mich,
Ums Frührot entwischt ihr Duftgesicht.
Naht sie — mein kurzer Frühlingstraum,
Enteilt sie — mein Morgen schwand.

Aus: Ich bin der unnütze Dichter, verloren in kranker Welt. Nachdichtungen aus dem Chinesischen von Albert Ehrenstein. Berlin: Friedenauer Presse 1970, 2. Aufl. 1984, S. 11

Bai Dschü-i

Wenn sie auch keine Blume war

Wenn sie auch keine Blume war, 
sie war wie Blumen schön –
und zarter als ein Nebelhauch,
wenn sanft die Nebel wehn.
Sie kam zu mir um Mitternacht,
verließ mich in der Früh –
kam flüchtig wie ein Hauch von Glück,
ein Frühlingstraum war sie –
flog wie ein Morgenwölkchen fort –
Und sehnst du es zurück –
dann suchs – nur sag, an welchem Ort –
Du findest es doch nie ...

Deutsch von Ernst Schwarz, aus: Von den müßigen Gefühlen. Chinesische Liebesgedichte. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer, 1978, S. 62

Bo Juyi

Nächtliche Gedanken

Blühend, wenn auch keine Blumen, 
schemenhaft, doch nicht in Schwaden,
erscheinen sie um Mitternacht,
entschwinden dann im Dämmerlicht:
flüchtig wie ein Frühlingstraum,
ziellos wie die Morgenwolken.

Anmerkung des Übersetzers: Der Titel wurde sinngemäß ergänzt; in der chinesischen Vorlage wiederholt er nur die erste Zeile. Der Autor lässt offen, wer das Subjekt des Gedichts ist; auch sind Singular und Plural gleichermaßen möglich. Nach Auffassung mancher Übersetzer geht es um den nächtlichen Besuch einer Frau, doch gibt es dafür im Text keinerlei Anhaltspunkte.

Deutsch von Thomas O. Höllmann, aus: Erwartung & Melancholie. Sechzig Gedichte aus dem alten China, herausgegeben und übersetzt von Thomas O. Höllmann. Schupfart: Engeler, 2022, S. 31

Dionysos singen

279 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Edith Södergran

(* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, damals in Finnland, heute Roschtschino, Russland)

Die Sterne


Wenn die Nacht naht
steh ich auf der Schwelle und lausche,
im Garten schwärmen die Sterne
und ich steh im Dunkel.
Horch, mit einem Klingen stürzte ein Stern!
Tritt nicht mit bloßen Füßen ins Gras;
mein Garten liegt voller Scherben.

© Klaus-Jürgen Liedtke / BuchKunst Kleinheinrich

Die Sterne

Wenn die Nacht kommt, 
stehe ich auf der Treppe, lauschend,
die Sterne schwärmen im Garten
und ich stehe im Dunkel.
Hör, ein Stern fiel mit einem Klang!
Geh nicht ins Gras mit nackten Füßen;
mein Garten liegt voller Scherben.

© Christiane Grosz, aus Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Hrsg. und mit einem Nachwort von Richard Pietraß. Leipzig: Reclam, 1990. Jetzt in der Frankfurter Anthologie der Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.10.2026

STJÄRNORNA

När natten kommer
står jag på trappan och lyssnar,
stjärnorna svärma i trädgården
och jag står i mörkret.
Hör, en stjärna föll med en klang!
Gå icke ut i gräset med bara fötter;
min trädgård är full av skärvor.

Zuerst in Edith Södergran: Dikter. Borgå: Holger Schildts Förlag, 1916, S. 37.

Södergran, die zuweilen glaubte, dass „Flammen aus“ ihr schlügen, sehnte sich nach „Sturm, Leiden und Schwangerschaft“, nach dem Dionysischen, wobei sie sich fragte, drei Jahre nach dem Erscheinen dieses Gedichts, ob nur Nietzsche diesen Weg zum Dionysischen einschlagen konnte. „Wenn ich Dionysos nicht singen kann, bin ich das unglücklichste aller Geschöpfe“, so in einem Brief an ihre Kritikerfreundin, die Dramatikerin Hagar Olsson. Von der sich selbst verzehrenden Flamme, als die sich Nietzsche sah, war in diesem Gedicht Södergrans ein Stern geworden, der sich im Fallen selbst zerschlug, aber immerhin ein einschneidendes Leuchtzeichen blieb.

Rüdiger Görner in FAZ 24.10.2026, S. 16

Das Urteil

83 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Thomas Rosenlöcher

(* 29. Juli 1947 in Dresden; † 13. April 2022 in Kreischa)

Der Bote

Was kann der Verurteilte anderes tun, 
als aufstehn, in die Küche gehn,
einen Schluck Wasser nehmen,
beim Blick in die Zeitung das Urteil
nochmals bestätigt finden,
hinaus aus dem Fenster sehn,
wo oben über die Kreuzung
bei Rot ein Fahrzeug herangeprescht kommt,
genau vor der Tür hält. Ein Kerl
herausspringt und aufgeregt winkt.
Aufschub bis ans Lebensende.

Aus: Thomas Rosenlöcher, Die Dresdner Kunstausübung. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996, S. 60

Geschichten von Augen

168 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Katerina Angelaki-Rooke

(griechisch Κατερίνα Αγγελάκη-Ρουκ, * 22. Februar 1939 in Athen; † 21. Januar 2020ebenda)

GESCHICHTEN VON AUGEN

Die Augen lieben es,
sich den kleinsten Falten
der sichtbaren Welt zu widmen,
während die Werkstatt im Inneren
die Bilder zu Engeln erklärt,
oder zu Abschiedskarten
mit Pinien darauf.

Die Augen reisen
festgeschraubt an den Körper,
mitgerissen von seiner Geschwindigkeit.
Sie widersetzen sich halbherzig,
aber folgen dann doch
und suchen andere neue Blicke,
bis allmählich auch das Gedicht
überzeugt wird
und beginnt,
sein neues Gesicht zu zeigen.

Wenn sie alt werden,
verweilen die Augen bei einer Wolke
in der Oberfläche einer Pfütze,
die glänzt
und sie fortführt
von der Schönheit der Landschaften
und den braunen Ebenen deiner Pupillen
an einen Ort,

an dem das Auge die Welt ist,
sieht und gesehen wird,
und es ist wie ein Spinnennetz,
das unter der Schädeldecke
schwebt.

Aus: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 21f

Schnee

226 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Astrid Kohlmeier

Das melancholische Kind

Schnee bricht von meinen Wangen Damals schon
gefror mein Lachen wofür niemand etwas konnte
Denn ich war ein glückliches Kind

Ich träume nicht mehr Nicht einmal mehr von
Schnee Ich musste ja eines Tages von mir eilen
Und jetzt will ich deshalb nie wieder schlafen

Aber ich sehne mich nach mir Manchmal
Das kommt immer seltener vor Nur wenn Schnee
Von meinen Wangen abstürzt und sich ballt

In mir Und das ist nie Nie wieder das erste Mal
Dass jemand schlafwandelt in meiner Jahreszeit
Begraben unter meinem Schnee

Aus: Proto. Zeitschrift für Literatur 01. Identitäten, 2010, S. 28

Proto. Zeitschrift für Literatur. Düsseldorf Hamburg Salzburg: 2010. Herausgeber: Sascha Lück.

Astrid Kohlmeier, geboren 1983 in Graz, studierte Germanistik in Graz. Seit 2002 entstanden zahlreiche literarische Arbeiten in den Gattungen Epik, Lyrik, Dramatik, Libretto und Hörspiel. Ab 2002 fanden Lesungen von Kohlmeiers Texten unter anderem in Graz, Wien und Berlin statt. 2012 erhielt die Autorin das Österreichische Staatsstipendium für Literatur. 2015 erschien Kohlmeiers Gedichtband „Flüstere mir mein Meer glatt“ im INST Verlag. 2023 veröffentlichte der Wolf Verlag den Lyrikband „Zärtliche Risse“, 2025 folgte der Gedichtband „Dir zugeneigt“. Kohlmeiers Theatertexte und Bearbeitungen von Prosatexten werden an Bühnen in Österreich, Deutschland, Luxemburg und in der Schweiz aufgeführt. Astrid Kohlmeier ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und der IG Autorinnen Autoren.

das was kommt

83 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Elisabeth Borchers

(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)

Zukünftiges

Als alles vorbei war 
Krieg und Frieden
Mann und Frau 
Form und Inhalt

Als die Sonne auf und 
untergegangen war 
samt Mond und Stern und 
den Musikalien des Himmels 
und der Erde

Setzten wir uns 
und warteten 
auf das 
was kommt.

Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 614

Leute doof

Fritz Graßhoff

(* 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)

Dully-Port

Dully-Port 
lieber Mann,
isn Ort –
alles dran!

Kommst vom Pott,
willst Amour –
nix Cocott,
nix auf Tour.

Suchste Schwof,
fragste rum –
Leute doof.
Gucken dumm.

Ziehste los,
denkste: klappt,
wirste bloß
wo geschnappt.

Finstn Inn
bei den Docks –
keine drin.
Bloß Gesocks.

Siehste black –
rauscht was rein!
Denkste: Mac,
haste Schwein!

Riechste Lenz,
denkste: fit,
kommtn Stenz,
nimmtse mit.

Isser fies –
ziehste Knief.
Kommt Police –
liegste schief.

Kriegste Knast –
sindse stur!
Pott verpaßt,
nix Amour!

Aus: Antianthologie. Gedichte in deutscher Sprache nach der Zahl ihrer Wörter geordnet von Franz Mon und Helmut Heißenbüttel. München: Hanser, 1973, S. 238f

auf wiedersehen

217 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ilse Kilic

vom „auf wiedersehen“ sagen

ich kann oft nur 
zögernd
„auf wiedersehen" sagen
als wäre „auf wiedersehen"
ein versprechen, dass es
ein wiedersehen geben würde,

als fürchtete ich mich,
etwas zu versprechen,
von dem ich nicht weiß,
ob ich es einhalten kann.
und das weiß man ja nie.
wenn man „auf wiedersehen" sagt.

weil es mir schwer fällt,
„auf wiedersehen" zu sagen,
bleibe ich am biertisch oft
sehr lange sitzen. ich gehe nicht
als letzte, aber sehr spät, dann,
wenn die sperrstunde anbricht,

da haben schon viele andere
„auf wiedersehen" gesagt,
manche sogar „bis bald"
oder „bis zum nächsten mal".
ich beneidete sie, als wüssten sie
mehr als ich von der zukunft.

ich sage gern ciao,
oder bahbah, was in etwa bye bye heißt.
aber manchmal, vielleicht gedankenlos,
vielleicht auch aus trotz,
posaune ichs raus, beim bäcker zum beispiel
oder bei meiner ärztin: auf wiedersehen,

das klingt ganz gut,
fast so, als könnte ich die zukunft beschwören
auf dass es sie gäbe mit mir und für mich.
auf wiedersehen ist ja auch nur ein gruß und ein wunsch,
fromm oder nicht, grundsätzlich
jedenfalls möglich. ich irre mich nicht.

auf wiedersehen!

Aus: und kein Gedicht will Abschied von dir nehmen. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Markus Peters, Sabine Schiffner, Amir Shaheen. Weilerswist: Ralf Liebe, 2024, S. 157f

4 Herbsthaiku

118 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Buson

(Yosa Buson oder Yosa no Buson (与謝 蕪村; * 1716 in Kema, heute zu Ōsaka; † 17. Januar 1784 in Kyōto)

   Asagiri ya 
e ni kaku yume no
hito-dôri

Morgennebel – ein Bild
gewordener Traum – die Menschen
tasten sich durch...

Asagiri ya
kuize utsu oto
tô-tô-tari

Im Morgennebel
werden Pfähle eingerammt:
Es stampft und dröhnt!

Kabe-donari
mono-goto tsukasu
yosamu kana

Wand an Wand mit meinem Nachbarn:
Was kramt er bloß herum –
bei dieser Nachtkälte!

Hitori kite
hitori wo tou ya
aki no kure

Da kam jemand,
besuchte einen einsamen anderen –
Herbstabend ...

Aus: Buson, Dichterlandschaften. Eine Anthologie. Aus dem Japanischen übertragen sowie mit einer Einführung und Annotationen versehen von G. S. Dombrady. Mainz: Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, 1992, S. 250, 253, 254

Später Tag im Oktober

116 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Thomas Böhme

DREIZEHN SCHWÄNE

Später Tag im Oktober:
Zeit für Geisterseher.
Doch die Schwäne, von Osten nahend
die die Lüfte spalten
sind keine Spukgestalten.

Sie furchen den See
sie kreisen um eine dunkle Mitte.
Es ist einer zuviel
für das weiße Konzil.

Aus dem Kreis gedrängt
breitet er seine Flügel.
schon zu matt
sich emporzuschwingen.

Woher das Verlangen
nach Symmetrie?
Was treibt die Natur
hin zur Zahlenmagie?

Dann öffnet der Kreis sich
nimmt auch den Dreizehnten auf.
Und mit offenem Ende
folgt man nun
einer andern Legende.

Aus: Sinn und Form 5/2026, S. 686

Thomas Böhme, geboren 1955 in Leipzig, wo er auch lebt. Zuletzt erschien der Gedichtband „Orpheussplitter“ (2024) und „Weniger Herbst. Ährenlese & Nebelkerzen“ (2025)

Hat sich meine Sprache verdreht

390 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Schwalben kreisen am Himmel, die Sonne scheint, die Großmutter kocht. In „Jaskółki krążą“ verbindet Alexandra Begau deutsche und polnische Verse zu einem Gedicht über Kindheitserinnerungen, Zweisprachigkeit und sprachliche Zugehörigkeit. Aus sommerlicher Leichtigkeit entwickelt sich die Angst, den Klang der eigenen Stimme in einer Sprache zu vergessen.

Im Grunde wird jedes polnische Wort innerhalb des Gedichts auch auf Deutsch gesagt – die polnische Überschrift zwar erst zu Beginn der dritten Strophe: Die Schwalben kreisen. Deutsch und Polnisch wechseln einander ab, manchmal übersetzen sich die Verse gegenseitig, manchmal setzen sie einander fort. Die Sprachen sind nicht streng getrennt. Sie begegnen sich in einem gemeinsamen poetischen Raum. In vielen Wiederholungen wird nahezu dasselbe gesagt, doch mit unterschiedlichen Klängen und Rhythmen – sie rufen möglicherweise unterschiedliche Erinnerungen hervor. Die Übersetzung stellt eine Verbindung her, ohne die beiden Sprachen vollständig gleichzusetzen. Ohne Zungenbrüche wird das kaum abgehen.

Alexandra Begau

Jaskółki krążą

Nichts bewegt sich
und doch
bewegt sich alles
Hängt in der Schwebe
in einem unsichtbaren
Dazwischen

Nicht ganz gewesen
Nicht ganz jetzt
Nicht ganz wird
Und niemand weiß
in welche Richtung
man mehr Weite erblicken kann

Die Schwalben kreisen im Himmel
Jaskółki krążą po niebie

Jaskółki krążą po niebie
i s
łońce świeci
und die Sonne scheint

scheint und
słońce świeci i
babcia gotuje obiad
Oma kocht zu Mittag

jaskółki krążą po niebie
a my kupujemy gumę
do żucia w Żabce

und wir kaufen
Kaugummi im Kiosk

i słońce świeci

Es ist Sommer
Jest lato
Jest
łatwo
Es ist leicht

Nichts bewegt sich
und doch
bewegt sich alles
Hängt in der Schwebe
in einem unsichtbaren
Dazwischen

Hat sich meine Sprache verdreht
im Zischen von ż, cz und ź
Hat sich der Klang verknotet
im Schwänzchen von ę und ą
Hat sich gestoßen an den weichen
Tönen, die aus dem Gaumen
über die Zunge springen
Nichts fürchte ich mehr,
als zu vergessen, wie meine
Stimme in dieser Sprache klingt

Aus: BELLA triste #75. Zeitschrift für junge Literatur, Sommer 2026, S. 118f

ALEXANDRA BEGAU (sie/ihr) wurde 1994 in Hildesheim geboren, weil ihre polnische Mutter und ihr deutscher Vater sich dort verliebten. Sie studierte Psychologie in Braunschweig, Bielefeld und Krakau und lebt seit ihrer Promotion in Dortmund. Sie schreibt Lyrik und Prosa als Teil des Schreibkollektivs Drama Streichfett. Veröffentlicht wurden ihre Texte unter anderem im absolutzine und Schliff. Gemeinsam mit Jan Giessmann entwickelt sie Audio-Performances und szenische Lesungen.

Maus zu Milo

95 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Man kennt die Venus von Milo, aber hier geht es um die Maus von und zu Milo.

Max Ernst

(* 2. April 1891 in Brühl, Rheinland; † 1. April 1976 in Paris)

das märchen von der maus zu milo

ihr häutchen war zu kalt
ihr söckelchen zu alt
ihr hohes lied zu tief
ihr hemdchen saß zu schief
ihr kindchen war zu schwer
ihr körperbau zu leer

Aus: Max Ernst, Die Schriften. Hrsg. Gabriele Wix. Mit einem Nachwort von Marcel Beyer. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 2022, S. 133 (Zuerst in: Paramythen, Köln 1967)

Morgen werdet ihr schreien

77 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Jonis Hartmann

FEILSCHEN

Später nach dem Flohmarkt trafen wir den un-
zuverlässigen Erzähler und denk dir, was er sagte,
morgen werdet ihr schreien. Wir lachten, und das
tun wir auch jetzt noch, während wir uns anschau-
en und keiner der Erste sein möchte.

Aus: VERSschmuggel. Poesie aus Belarus und Deutschland. Ein Projekt des Haus für Poesie. Heidelberg: Wunderhorn, 2022, S. 75 (auch von diesem Gedicht gibt es dort eine belarussische Version des Gedichts, sie ist von Uladzimir Liankievič)

Liebesgedicht mit zerschnittenen Wörtern

156 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Özlem Özgül Dündar

ICH TRAGE KÜSSE

ich trage küsse mit u in mir
die ich an dich u in dich l
egen will du kannst die küss
e in dir auf mich an mich u
in mich legen ich kann mein
e küsse tragen an alle orte d
ieser welt wo u wann du d
ort sein wirst dort unter ste
rnen die zu dieser welt zu d
ir u mir gehören die leucht
en damit menschen küsse un
ter ihnen tauschen an auf u
ineinander legen bis dort ka
nn ich meine küsse tragen u
m sie an dich u auf dich u in
dich zu legen u dort kanns
t du deine küsse auf mich a

n mich u in mich legen

Aus: VERSschmuggel. Poesie aus Belarus und Deutschland. Ein Projekt des Haus für Poesie. Heidelberg: Wunderhorn, 2022, S. 146 (In dem Buch findet sich zusätzlich eine belarussische Version des Gedichts von Maryja Martysievič)

Hinweis: Die trickreiche CSS-Lösung für den strengen Blocksatz dieses Gedichts scheint nicht auf dem Smartphone zu funktionieren. Deshalb hier noch zusätzlich das Druckbild.

All diese Wunder

165 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Safiye Can

An der Rolltreppe

Heute stand ich an der Rolltreppe 
ohne mich am Handlauf festzuhalten.

Heute hab ich beim Rückweg
den Bus nicht genommen
und bin vier Haltestellen gegangen.

Heute überquerte ich die Straße
ohne zu stocken.
Ich setzte den Fuß auf den Bordstein
und hab den anderen nachgezogen.

Heute bin ich ohne Umwege
die kurze Strecke gegangen.

Heute trug ich beim Gehen
einen Kaffeebecher in der Hand
und hab im Gehen noch
den Rucksackgurt übergestreift.

Heute bin ich die Treppenstufen
hochgegangen
mit einem Fuß pro Treppenstufe
ein Fuß nach dem anderen.

Heute sind all diese Wunder geschehen
all diese Geschenke
die ich bewusst wahrnahm
und ich hatte Tränen in den Augen.
Ein solches Weinen wünsche ich allen.

Heute sind all diese Wunder geschehen
und ganz viele Wunder
habe ich gar nicht wahrgenommen
weil ich sie schon immer
wie ganz selbstverständlich
kann.

Aus: Ah, ein Herz, verstehe. Gedichte von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren. Hrsg. von Jakob Leiner. Berlin: Quintus, 2024, S. 225f