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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #03 Frühjahr 2023 | #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

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dieser wie auf frischen erdbeeren anbrechende

Gerhard Falkner

dieser wie auf frischen erdbeeren anbrechende 
morgen, diese mit süßem frühjahr verbackene
luft
      was hat die abgefuckte welt denn 
ihresgleichen, da wir dies jahrzehnt 
durchschreiten, in luxus verstrickt, in 
klangharte diagramme unter zutotnahme der 
regel, autistisch, zu einsamkeit ergrimmt 
bis in die fingerspitzen, erblindet wie krüge 
am staub enträtselter nachtlager 
dem digitalen grün sehr nah, seit sie, die 
rabenmutter natur, uns allesamt vor die tür 
ihrer wälder gesetzt

Aus: Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. gedichte und aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr. darmstadt und neuwied: luchterhand, 1981, S. 40

in achtfacher Centokraft

Etwas für oder an Ulf Stolterfoht also:

Konstantin Ames

Lebenslauf, erste, zweite, fünfte Fassung

Friedrich Hölderlin

(* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Württemberg; † 7. Juni 1843, heute vor 180 Jahren, in Tübingen)

Handschrift der „Kurzode“ bzw. epigrammatischen Strophe vom April 1798:

Lebenslauf.

Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog
    Schön ihn nieder; das Laid beugt ihn gewaltiger,
          So durchlauf ich des Lebens
                Bogen und kehre, woher ich kam.

Hölderlin

Gedruckt möglicherweise erst im November 1799 in Neuffers Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, auf das Jahr 1799.

Neufassung und Entwurf von 4 weiteren Strophen, April 1800:

Lebenslauf.
1-4 Hohem nahte sein Geist, aber aus Liebe mußt 
Er hernieder und bald hatte der Abgrund ihn. 
So durchflog er des Lebens 
Bahn, und kehrte woher er kam.

5-8 Aufwärts oder hinab! wehet in lezter Nacht 
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, 
Weht ein lebender Othem 
Nicht im untersten Orkus auch?

9-12 Diß erfuhr ich, denn oft wenn die Begegnungen 
Meiner Lieben mich einst, deine Gesänge mich  
In den Lüften des Maitags 
Rührten liebendes Bild

13.14 Wenn der Pfeile des Schiksaals 
Einer brennend mich traff sah ich den Gott oft nah

17-20 Nicht wie Meister auf Erden führen des ebnen Pfads 
Erziehen
daß für
alles danken lerne der 
Daß er lerne die Freiheit 
Aufzubrechen, wohin er will.

Textfassung in der Stuttgarter Ausgabe:

Lebenslauf

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
    All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
          Doch es kehret umsonst nicht
                Unser Bogen, woher er kommt.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
    Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
          Herrscht im schiefesten Orkus
                Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
    Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
          Daß ich wüßte, mit Vorsicht
                Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
          Und verstehe die Freiheit,
                Aufzubrechen, wohin er will.

Vorige Textstufen (Auswahl) nach der Frankfurter Ausgabe, Stroemfeld / Roter Stern, Bd. 20, 2008. Die Überschrift dieses Beitrags ist nicht wörtlich, sondern nur metaphorisch wahr.

Gedichte werden wieder gelesen, hört man

Margret Kreidl

Gedichte werden wieder gelesen, hört man: 
ein Gewitterhauch, Flügelschlag eines Schmetterlings.
Das Publikum hustet und hustet, lacht.
In sieben Zeilen wird sich die Welt verändern.
Coca Cola oder Red Bull, eins, null, eins.
Hebung, Senkung, Hebung: Auf, jetzt, ihr 
Tänzer im Schacht, schreit: Gute Nacht!

Aus: Margret Kreidl, Schlüssel zum Offenen. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2021, S. 9

El Silencio

Federico García Lorca

(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936 in Víznar nahe Granada)

Zum heutigen 125. Geburtstag des andalusischen Dichters Federico García Lorca ein Gedicht Lorcas samt zwei der „Einschreibungen und Irritationen“ des deutschen Dichters andalusischer Herkunft José F.A. Oliver.

EL SILENCIO

Oye, hijo mío, el silencio.
Es un silencio ondulado, 
un silencio,
donde resbalan valles y ecos 
y que inclinan las frentes 
hacia el suelo.
DIE STILLE

horch, mein sohn, die stille 
schweigt in wellen fort 
ein verinnern plötzlich 
in der tal und echo fallen 
und die jedes aufbegehren 
zu boden stürzt
DER STILLE

hör, mein sohn, die stille stranden 
sie verraunt ist wellenkünftig 
ein verstummen
aus dem hall und täler stürzen 
und das sich gesichter beugt 
der erde zugeborgen

Aus: Federico García Lorca: Sorpresa, unverhofft. Ausgewählte Gedichte 1918-1921. Einschreibungen und Irritationen von José F.A. Oliver. hochroth Berlin 2015, S. 14f.

Aus der Nachbemerkung Olivers:

Mit den hier vorgelegten Variationen will ich Öl ins Feuer gießen. Lorca sprach auch vom Feuer als er schrieb: „Yo tengo el fuego en mis manos. Yo lo entiendo y trabajo con él perfectamente, pero no puedo hablar de él sin literatura.“ Ich habe das Feuer in meinen Händen. Ich verstehe es und arbeite auf eine perfekte Art und Weise mit ihm, aber ich kann nichts darüber sagen – ohne Literatur. Diese Sätze Federicos greifen in meine: Das gesungene Wort hört nicht (immer) auf die Flamencogitarre, aber die Finger des Gitarrenspielers sehr wohl auf die Brüche derjenigen, die singen.

Ich weiß, eines Tages werde ich diese Einschreibungen erneut variieren.

A.a.O. S. 41

Sechszeilengedicht

Günter Bruno Fuchs 

(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)

Sechszeilengedicht
oder Nachwort des Herausgebers 
der Nonsens-Anthologie Die Meisengeige

Dies ist die erste Zeile.
Mit der zweiten beginnt mein Gedicht zu wachsen.
Wenn ich so weitermache, komme ich bald an den Schluß.
Die vierte Zeile hilft mir dabei. (Schönen Dank, vierte Zeile!)
Der Gerichtsvollzieher, sage ich noch, trägt seine Eier ins Kuckucksnest.
So, ich habe meine Arbeit getan und lege mich schlafen.

Aus: Günter Bruno Fuchs, Gedichte und kleine Prosa. München, Wien: Hanser, 1992, S. 294. Erstdruck in: Neues bilderreiches Poetarium, Nr. 1, Frankfurt/Main 1963. Die Anthologie Die Meisengeige erschien 1964.

Kiew

Dmitri Strozew

(Geboren 1963 in Minsk)

wer auf kiews hügeln steht
durch die lauten höfe geht
wer trennt vögeln gleich die nähte
reißt aus himmeln blank die angst
näht die hoffnung wie ein schneider
donnerkluft gewitterkleider
wer trennt vögeln gleich die nähte
näht ein kleid im wilden wind

27.06.2016

Aus dem Russischen von Andreas Weihe, aus: wespennest 183 / 2022, S. 5

Für die Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist heute keine Kardinaltugend. Warum aufmerksam sein, wenn sowieso alles überall und jederzeit verfügbar ist? Und wenn es nicht gefunden wird, beweist das nicht, dass es die Aufmerksamkeit nicht wert war? Ich google mich, also bin ich.

Seit Anfang des Jahres wird die Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ auf Betreiben einer anderen Zeitschrift nicht mehr ausgeliefert bzw. produziert. Inzwischen wäre das dritte Heft des Jahrgangs erschienen. Mit Entsetzen las ich damals, wie einige Dichterfreunde über Dinge wie Wettbewerbsrecht schwadronierten. Es interessiert sie einfach nicht, dachte ich, es ist ihnen egal. Man kann ja nicht alles lesen, eine weniger, was solls. Jemand sagte zu mir etwas über die Benachteiligung der Bayrischen Akademie. Sinn und Form ist die Zeitschrift der Berliner Akademie, ursprünglich der Akademie der Künste der DDR. Gegründet von Johannes R. Becher, der seine Genossen kannte und sich ein relativ unabhängiges Organ wünschte. Er bestellte Peter Huchel zum Chefredakteur. Nach Bechers Tod schlugen die Feldwebel der SED bald zu und setzten Huchel ab. Aber die Zeitschrift ging nicht unter. Menschenskind, denkt ihr, man könnte einfach eine Zeitschrift gründen, in München oder Dresden, und sie wird eine international beachtete Institution? Kaputtmachen ist einfacher. Denen sie am A…llerwertesten vorbeigeht, werden sie nicht vermissen.

Ich greife irgendeine Ausgabe aus dem Archiv auf der Suche nach einem Gedicht des Tages und werde auf Anhieb fündig. Im ersten Heft des Jahrgangs 1977 Gedichte von Agostinho Neto (mit einem Beitrag von Jorge Amado über den Autor) und Wilhelm Tkaczyk. Daneben Elias Canetti und Wolfgang Koeppen. Ich bleibe aber an einem anderen Text hängen. Jürgen Rennert schreibt über den 100. Jahrestag des Bukarester Jüdischen Staatstheaters und eröffnet den Beitrag mit einem Gedicht des jiddischen Dichters Israil Bercovici.

Israil Bercovici

(20. Dezember 1921 in Botoșani; gest. 15. Februar 1988 in Bukarest)

Schmerz

Ach, mich brannten schon im Leben 
alle Arten Schmerz und Leid:
Schmerz verwehrter Zweisamkeit, 
Schmerz, zu sehn, wie die von dir 
                  geglaubte und verehrte
Wahrheit sich vor dir ins Gegenteil 
                  verkehrte.
Schmerz, in einer Sprache, die erlosch, zu 
                 sagen und zu meinen
und dem liebsten Menschen dennoch 
                 unverständlich zu erscheinen.
Schmerz, der Wunsch, Gewichtiges zu tun 
für die Welt und lichtre Zeiten 
und doch ganz vernommen sein 
mit dem Wust von Nichtigkeiten.
Alle Arten Schmerz und Leid, 
aber eine übertrifft sie, 
macht mich weinen, rührt ans Wesen: 
ein Gedicht zu schreiben, ohne 
wen zu haben, es zu lesen.

Aus dem Jiddischen von Jürgen Rennert, in: Sinn und Form 1/1977, S. 196. Rennert liefert auch eine phonetische Umschrift des Originaltexts und einen Kommentar.

Wejtik

Ch'hob ojssgewejtikt schojn in lebn 
                    ale wejtikn und wejn:
fin sejn alejn, wen ss'wilt sich sejn in 
                    zwejen,
fin glojbn in an emess mitn gantzn lejb 
                    un lebn
un sen wi er in scheker wert farwandlt 
                    bej dejn lebn.
Fin weln rejdn in a schprach, a 
                    nischt-faranener
und blejbn far dem libsstn mentsch a
                    nischt farschtanener,
fin weln tin epess asojnss zu brengen
far der welt a lug a lichtikn 
un misn sein fartun gur 
mit an injon a nischt wichtikn.
Nor gresser fin di wejtikn di ale
                    is di wejtik,
wuss imschtand is mich zi machn wejnen, 
fin onschreibn a lid 
un ess nischt hobn wemen forzilejenen.*

Ebd. S. 206f.

*) forzilejenen: vorzulesen

Aus Rennerts Beitrag:

Aufmerksamkeit tut not und lohnt sich für beide Seiten, die aufeinander mehr angewiesen sind, als es abgetragene oder unabtragbar erscheinende Hypotheken vermuten lassen. Wenn in Bukarest, Warschau, Vilnius, Tschernowzy, Birobidshan heute noch in Jiddisch Theater gespielt wird, sollten wir es von hier aus nicht mit einer traditionspllegenden Touristenattraktion verwechseln.

Denn jene Theater spielen für ein lebendes, oft genug das Schlimmste überlebt habendes, jedoch nicht überlebtes Publikum. Salomo Birnbaum formulierte in seiner Studie «Die jiddische Sprache», was unter dem Aspekt jeder scheinbar zum Untergang verurteilten Sprache und Kultur größte Beachtung verdient: «Selbst wenn Jiddisch nur noch zwei oder drei Generationen zu leben hätte, so wäre das kein Grund, es weniger zu pflegen als wenn es hundert Generationen vor sich hätte, denn die Einzelmenschen der wenigen Generationen haben die gleichen Rechte wie die der vielen Generationen. Man vernachlässigt ein Gerät nicht, weil es in absehbarer Zeit ja doch gebrauchsunfähig sein wird.»

Vielleicht erklärt das bisher Gesagte, was mich an dem eingangs zitierten, von mir im Bemühen um größte inhaltliche Genauigkeit nachgedichteten Text Israil Bercovicis reizt und berührt. Und ich denke, es ist Zeit, der Nachdichtung eine – wenn auch unzulängliche – phonetische Umschrift des Originals nachzuschicken. Möge sie ahnen lassen, was das Jiddische vermag. Ihr kritischer Vergleich mit der Nachdichtung macht möglicherweise sichtbar, daß eine wortwörtliche Übertragung der kürzeste Weg gewesen wäre, um am Wesen der Sache, der Sprache, des Textes vorbeizureden und vorbeizuhören.

Israil Bercovici (1921-1988), jiddischer Dichter, Dramatiker und Kulturhistoriker. Langjähriger Chefdramaturg des Bukarester Jüdischen Staatstheaters. Mehrere Gedichtbände. 1976 „Hundert Jor jidisch Teater in Rumenie“. Starb vor Vollendung seines Hauptwerks – einer Universalgeschichte des Jiddischen Theaters.

War wie Jerusalem

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Salamanca ist nicht die Großstadt in Spanien, sondern ein Städtchen im US-Staat New York, und Seneca nicht der römische Philosoph, sondern ein Stamm der Irokesen: die Seneca Nation, die heute in einem „Reservat“ in ihrem eigenen Land lebt.

In »A Seneca Journal«, diesem Klassiker von 1978, knüpft der Dichter Jerome Rothenberg nahtlos an seinen Band »Poland/1931« an, in dem er den ethno-poetischen Blick auf die Geschichte der eigenen jüdischen Vorfahren gerichtet hatte. Schauplatz ist nun das kleine Eisenbahnstädtchen Salamanca im Allegany Reservat im Westen des Staates New York. Das Ehepaar Rothenberg war für ethnologische und poetische Studien hergezogen und in die Gemeinschaft der Seneca, eines der sechs Stämme der Irokesenliga, aufgenommen worden. In den Mythen und Erzählungen über Vernichtung und Vertreibung ihres Volkes erkennt Rothenberg die Schicksale der eigenen aus Osteuropa stammenden Familie wieder. Die Begegnung lasst ihn eine gemeinsame Vorstellungswelt entdecken, in der amerikanische Ureinwohner und jüdische Einwanderer zu Geschwistern werden.

Wie der in den Gedichten auftretende Baal Schem ist der vom Biber-Clan der Seneca adoptierte Rothenberg ein Wandelnder zwischen den Welten. Seine Gedichte beweisen die Lebendigkeit und das utopische Potential der Imagination.

Klappentext von Jerome Rothenberg: Seneca Journal (Moloko 2022)

Jerome Rothenberg

SALAMANCA EINE PROPHEZEIUNG

(1)
          eine Stadt auf 
          dem Rücken einer Schildkröte
          ein Langhaus
             /
          war wie Jerusalem
          deren Tempel ruhte 
          auf einem Wal

(2)
          ausgeschlossen aus allem eines
          zusammenzufügen

                                                                      Seneca Nation
                                                                      Salamanca, New York
                                                                      21.2.74
SALAMANCA A PROPHECY

(1)
          a city on 
          a turtle's back 
          a longhouse
             /
          was like Jerusalem
          's temple resting 
          on a whale

(2)
          impossible to bring it all 
          together

                                                                      Seneca Nation
                                                                      Salamanca, New York
                                                                      21.ii.74

Aus: A Seneca Journal (1978). Ein Seneca-Journal. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Felicitas Tax und Norbert Lange. Berlin: Moloko Print 128/2022

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SALAMANCA EINE PROPHEZEIUNG//(1)/eine Stadt auf /dem Rücken einer Schildkröte/ein Langhaus/ //war wie Jerusalem/deren Tempel ruhte /auf einem Wal//(2)/ausgeschlossen aus allem eines/zusammenzufügen//Seneca Nation/Salamanca, New York/21.2.74////

SALAMANCA A PROPHECY//(1)/a city on /a turtle’s back /a longhouse/ //was like Jerusalem/’s temple resting /on a whale//(2)/impossible to bring it all /together//Seneca Nation/Salamanca, New York/21.ii.74//

Ludwig Tieck 250

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Heute vor 250 Jahren wurde Ludwig Tieck geboren. Zum Anlass ein Zitat über den „König der Romantik“ und ein Scherz- (oder Schimpf-?)sonett aus dem Zyklus „Die Kunst der Sonette“.

 „Den Dichterischen war er zu kritisch, den Kritischen zu dichterisch, den Protestanten zu katholisch, den Katholiken zu protestantisch, den Aufgeklärten seiner Jugend zu religiös, den Frommen seines Alters zu aufgeklärt, den Liberalen galt er für servil, den Legitimen für einen Oppositionsmann.“

Rudolf Köpke

Ludwig Tieck 

(* 31. Mai 1773 in Berlin; † 28. April 1853 ebenda)

[Ein nett honett Sonett so nett zu drechseln]

Ein nett honett Sonett so nett zu drechseln
Ist nicht so leicht, ihr Kinderchen, das wett' ich,
Ihr nennt's Sonett, doch klingt es nicht sonettig,
Statt Haber füttert ihr den Gaul mit Hexeln.

Dergleichen Dinge muß man nicht verwechseln;
Ein Unterschied ist zwischen einen Rettig,
Und ritt' ich, rutsch' ich, rumpl' ich, oder rett' ich,
Auch Dichten, Dünnen, Singen, Krähen, Krächzeln.

Drum liegt im Hafen stille doch ein Weilchen,
Und lasset hier das kranke Schiff ausbessern,
Es zeigt mehr Leck' als Schiff in seiner Fläche:

Noch lecker wird es, ihr bezahlt die Zeche,
Doch dünkt uns lecker nicht ein einzig Zeilchen;
Nach lauem Wasser kann kein Mund je wässern.

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Ein nett honett Sonett so nett zu drechseln /Ist nicht so leicht, ihr Kinderchen, das wett‘ ich, /Ihr nennt’s Sonett, doch klingt es nicht sonettig, /Statt Haber füttert ihr den Gaul mit Hexeln. //Dergleichen Dinge muß man nicht verwechseln; /Ein Unterschied ist zwischen einen Rettig, /Und ritt‘ ich, rutsch‘ ich, rumpl‘ ich, oder rett‘ ich, /Auch Dichten, Dünnen, Singen, Krähen, Krächzeln. //Drum liegt im Hafen stille doch ein Weilchen, /Und lasset hier das kranke Schiff ausbessern, /Es zeigt mehr Leck‘ als Schiff in seiner Fläche: //Noch lecker wird es, ihr bezahlt die Zeche, /Doch dünkt uns lecker nicht ein einzig Zeilchen; /Nach lauem Wasser kann kein Mund je wässern.

Auf die Truhe sind Alligatoren gemalt

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Der Wunsch nach einem Zeitalter von Elefant:n

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das existiert bald nur noch 
in uns – der Wunsch

nach einem Zeitalter von Elefant:n
ihrem Ritual –

sich um ein sterbendes Herdenmitglied zu versammeln
es mit Rüsseln anstupsen

im Versuch, das Wesen aufzurichten 
wie ein Drehkreuz, Achse eines Planeten

den Leichnam schließlich mit Zweigen bedecken 
um wiederkehren zu können an diesen Punkt –

womöglich mit einer Jenseitsvorstellung

*

waren die Meilen, die du gereist bist, ein fairer Handel?
hast du dem Boden gegeben, was du ihm nahmst?

Aus: Rike Scheffler: Lava. Rituale. Berlin: kookbooks, 2023, S. 37

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das existiert bald nur noch /in uns – der Wunsch//nach einem Zeitalter von Elefant:n/ihrem Ritual –//sich um ein sterbendes Herdenmitglied zu versammeln/es mit Rüsseln anstupsen//im Versuch, das Wesen aufzurichten /wie ein Drehkreuz, Achse eines Planeten//den Leichnam schließlich mit Zweigen bedecken /um wiederkehren zu können an diesen Punkt –//womöglich mit einer Jenseitsvorstellung//*//waren die Meilen, die du gereist bist, ein fairer Handel?/hast du dem Boden gegeben, was du ihm nahmst?//

Liebe Gletscher

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Frühestes Wunder

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Das Wessobrunner Gebet

Das erfragt ich im volke als frühestes wunder.
Daß erde nicht war noch oben himmel 
Noch baum irgend noch berg nicht war 
Noch vom süden sonne nicht schien
Noch mond nicht leuchtte noch der meer-see.
Da nichts war an enden noch wenden.
Und da war der eine allmächtige Gott.
Der männer mildester. und da waren auch manche mit ihm.
Gute geister. und Gott, der heilige.

Übersetzung Hans Litten. Aus: Sinn und Form 1978/2, S. 228

Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
Dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum noh pereg ni uuas
ni [...] nohheinig noh sunna ni scein
noh mano ni liuhta noh der mareo seo

Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo
enti do uuas der eino almahtico cot
manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista enti cot heilac 

Hans Achim Litten (* 19. Juni 1903 in Halle (Saale); † 5. Februar 1938 im KZ Dachau) war ein deutscher Rechtsanwalt und Strafverteidiger. Insbesondere als Gegner des NS-Regimes und „Anwalt des Proletariats“ machte sich Hans Litten einen Namen. Er wurde 1933 verhaftet und starb 1938 im KZ Dachau. (Wikipedia)

Hans Litten schickte diese Übersetzung mit einem Kommentar in einem Brief aus dem KZ Lichtenburg an seine Mutter. Hier ein Teil des Kommentars.

„Ich halte das Wessobrunner Gebet nicht für die Bearbeitung eines Psalmes und überhaupt nicht für christlich, sondern für ein heidnisches Schöpfungsgedicht (was allerdings dem Aufzeichner nicht mehr bewußt war, der es als Einleitung eines in Prosa gehaltenen wirklichen Gebets in christlichem Sinne aufzeichnete).

Beweis: Die Zeile «Daß erde nicht war noch oben himmel» findet sich fast wörtlich in dem gegen 1000 auf Island aufgezeichneten Edda-Gedicht «Volusspa» (Der Seherin Schau) wieder. Das Wessobrunner Gebet ist um 800 aufgezeichnet, gegenseitige Beeinflussung also ausgeschlossen. Beide müssen also auf gemeinsamer Vorlage beruhen, die schon existiert haben muß, als zwischen Nord- und Westgermanen noch Sprachgemeinschaft bestand, also spätestens 400 nach Christus. Die Wendung «der eine allmächtige Gott» braucht nicht christlich gedeutet zu werden, sondern kann sich auf einen obersten Gott (im Gegensatz zu anderen weniger mächtigen) beziehen, und die Bezeichnung «der männer mildester» ist für den christlichen Gott undenkbar.“

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Das erfragt ich im volke als frühestes wunder. Daß erde nicht war noch oben himmel Noch baum irgend noch berg nicht war Noch vom süden sonne nicht schien Noch mond nicht leuchtte noch der meer-see. Da nichts war an enden noch wenden. Und da war der eine allmächtige Gott. Der männer mildester. und da waren auch manche mit ihm. Gute geister. und Gott, der heilige.

Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista Dat ero ni uuas noh ufhimil noh paum noh pereg ni uuas ni […] nohheinig noh sunna ni scein noh mano ni liuhta noh der mareo seo Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo enti do uuas der eino almahtico cot manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan cootlihhe geista enti cot heilac 

Politliterarisch

Konstantin Ames

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weiß die Zähne blitzen der Senatorin für Justiz
im Scheinwerferlicht boomt der Autofahrerpop

Anfang fang du doch an …

wie stolz sie ist auf ihren Warnwesternstaat us quo
nix da außer Plakate Warnweste Kleber für Proteste

Anfangsverdacht auf … upsi …

das sind echte unangespitzte Zähne keine Prothesen fies
Proseminaristen chicanieren 67 style kleine Versingung

total bescheuert Kaufleutekanzler total bescheuert
kein Gesinnungsstrafrecht eine Strafrechtsgesinnung

ärgerliche Leute werden abgeschaltet Zensur findet statt
Anfangsverdacht eines inkrementellen Staatsbackups

hüten möchte man diese jungen Leute aber auch vor dem
politliterarischen Schulblick z.B. dieses privilegierten Poems

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weiß die Zähne blitzen der Senatorin für Justiz/im Scheinwerferlicht boomt der Autofahrerpop//Anfang fang du doch an …//wie stolz sie ist auf ihren Warnwesternstaat us quo/nix da außer Plakate Warnweste Kleber für Proteste//Anfangsverdacht auf … upsi …//das sind echte unangespitzte Zähne keine Prothesen fies/Proseminaristen chicanieren 67 style kleine Versingung//total bescheuert Kaufleutekanzler total bescheuert/kein Gesinnungsstrafrecht eine Strafrechtsgesinnung//ärgerliche Leute werden abgeschaltet Zensur findet statt/Anfangsverdacht eines inkrementellen Staatsbackups//hüten möchte man diese jungen Leute aber auch vor dem/politliterarischen Schulblick z.B. dieses privilegierten Poems//