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Bisherige Ausgaben 2017

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Lyrikzeitung als Wochenzeitung erscheint wieder am Freitag, 30. Juni. Bis dahin jeden Tag um sechs: ein Gedicht.

grashupfer

Welimir Chlebnikow

grashupfer

rasch war der goldschrieb gefluttert
tupfig sehr ädrigst verbostelt
da lupfte der hupfer den bauchkorb
verbarg er die binsige rupfe
tschiribombös profelurte kikieglitz
o schwansam
teich auf!

(Deutsch von Oskar Pastior)

Flügelchend mit dem Goldbrief
aus feinstem Faserwerk,
packte das Heupferdchen seinen Wanst korbvoll
mit Ufernem: Schilfen und Gräsern
Pinj, pinj, pinj! pardauzte die Roßpappel.
O schwanings.
O aufschein!

(Deutsch von Paul Celan)

Grasshopper

Glitter-letter wing-winker
gossamer grasshopper
packs his belly-basket
with credo-meadow grass.
Zin! Zin! Zin! sings
the raucous racket-bird!
Swan-white wonder!
Brighter, brighter, bright!

(Translated by Paul Schmidt)

Кузнечик

Крылышкуя золотописьмом
Тончайших жил,
Кузнечик в кузов пуза уложил
Прибрежных много трав и вер.
„Пинь, пинь, пинь!“ – тарарахнул зинзивер.
О, лебедиво!
О, озари!

1908 – 1909

Transkribiert:

(z = stimmhaftes s wie Sonne, sh = stimmhaftes sch wie Journal, ch wie in ach)

Kuznetschik

Krylyschkuja zolotopismom
Tontschajschich shil,
Kuznetschik w kuzow puza uloshil
Pribreshnych mnogo traw i wer.
„Pinj, pinj, pinj!“ – tarachnul zinziwer.
O, lebediwo!
O, ozari!

Am 28. Juni 1922 starb der russische Dichter Welimir Chlebnikow

In einer dunklen Nacht 2

Àxel Sanjosé hat das Lied des Heiligen Johann vom Kreuz / San Juan de la Cruz (Fassung siehe hier) neu übersetzt. Er schreibt dazu:

die vorgehensweise:
so viel an semantischen und syntaktischen strukturen wie möglich erhalten

die gebundenheit (im spanischen: silbenzahl und reim) durch entsprechend natürliche mittel im deutschen andeuten: jamben und alternanz von weiblichen und männlichen kadenzen, assonanz wenn möglich (auch erweiterte assonanz, z.b. hohe vs. tiefe vokale oder vordere vs. hintere)

hier die strophenform der »lira« (drei siebensilber und zwei elfsilber in der konstellation 7-11-7-7-11) auf versfüße übertragen: 3-5-3-3-5 jamben. der reim läuft aber a-b-a-b-b, was man in der übertragung natürlich weniger merkt. entscheidend jedoch ist die kurz-lang-rhythmik.

entscheidend ist für mich, dass ein gefühl vom originären text rüberkommt.

Hier seine Fassung.



Jedes Gedicht, das je einer schrieb

Fräulein Charlotte Brown, Bibliothekarin, schnappt über

Von Felix Jung

Heute habe ich beschlossen
Jedes Gedicht zu lesen, das je einer schrieb
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Ich weiß, es ist sehr egoistisch,

zu lesen. Jedes Gedicht, das je einer schrieb
hat seine guten Vorsätze. Ich weiß,
Ich weiß, es ist sehr egoistisch.
Ich möchte das glauben. Poesie

hat ihre guten Vorsätze. Ich weiß,
Gedichte lesen hilft nicht wirklich.
Ich möchte glauben, daß Poesie-
Bücher die Antwort sind. Ich beginne

Zu lesen. Poesie hilft nicht wirklich
In der kurzen Geschichte unserer Zivilisation.
Bücher sind die Antwort. Ich beginne
Heute, hab ich beschlossen.

(Deutsche Fassung Michael Gratz)

Miss Charlotte Brown, Librarian, Goes Mad

Today, I have decided
to read every poem ever written
in the short history of our civilization.
I know it is a selfish thing

to read. Every poem ever written
has its good intentions. I know,
I know, it is a selfish thing.
I want to believe that. Poetry

has its good intentions. I know
reading poems can’t help much.
I want to believe that poetry
books have the answer. I’ll start

reading. Poems can’t help much
in the short history of our civilization.
Books have the answer. I’ll start
today. I have decided.

Felix Jung

Es ist ein Pantoum – eine malayische Gedichtform, von Franzosen (u.a. Victor Hugo und Charles Baudelaire) und Briten bzw. Amerikanern (neuerdings auch ein paar Deutschen, wie Oskar Pastior) adaptiert. Unter den (Reim-)-Spielformen (Sonett, Sestine, Villanelle etc.) vielleicht die extremste.

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9 3 10 1

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Keine Delikatessen

Ingeborg Bachmann

Nichts mehr gefällt mir.

Soll ich
 eine Metapher ausstaffieren
 mit einer Mandelblüte?
 die Syntax kreuzigen
 auf einen Lichteffekt?
 Wer wird sich den Schädel zerbrechen
 über so überflüssige Dinge –

Ich habe ein Einsehen gelernt
 mit den Worten,
 die da sind
 (für die unterste Klasse)

Hunger
      Schande
             Tränen
 und
                   Finsternis.

Aus dem Gedicht Keine Delikatessen. Es entstand vermutlich 1963 und wurde 1968 in der Zeitschrift Kursbuch erstveröffentlicht.

Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren.

Johann vom Kreuz

San Juan de la Cruz, Johann vom Kreuz war einer der größten spanischen Mystiker, und auch seine Gedichte sind bis heute berühmt, wie dieses wunderbare Lied. Mir scheint, auch die deutsche Fassung bewahrt etwas von seinem Zauber.

1726 wurde er heiliggesprochen. Er ist einer der offiziell anerkannten Kirchenlehrer.
Sein Geburtsdatum ist nicht überliefert, weil die Taufregister verbrannt sind. Der 24. Juni wird manchmal angegeben, aber es könnt auch eine Überlagerung mit dem Johannistag sein, dem Geburtsdatum Johannes des Täufers. (24.Juni) 1542 – 14. Dezember 1591.

LIEDER DER SEELE

In einer Nacht im Dunkeln
mir heimlich des Geliebten Kuß zu holen,
im Herzen hell ein Funkeln,
hab ich auf leisen Sohlen
aus meines Hauses Schlaf mich fortgestohlen.

Unkenntlich und im Dunkeln
mich schleichend über alte Treppenbohlen
im Herzen hell ein Funkeln,
im Dunkeln hab verhohlen
aus meines Hauses Schlaf ich mich gestohlen

In einer Nacht voll Glücke
stahl ich hinaus mich, da mich keiner kannte,
schaut weder vor noch rücke,
und nur ein Feuer brannte,
das Liebe mir ins Herz als Führer sandte.

Mein Führer war das Feuer,
das mir so sicher wie des Mittags Helle
verriet, wo mein Getreuer
an heimlich trauter Stelle
zu süßem Zwiegespräch sich mir geselle.

O Nacht, wie hast du traulich,
o Nacht, die schöner als der helle Morgen,
o Nacht, wie hast beschaulich
in ihm du mich geborgen,
durch ihn zu leben und durch ihn zu sorgen!

An meinem Herzen ruhte
er reglos schlummernd wie auf weichem Pfuhle,
mir aber war zumute,
als wenn ich Gott erfühle;
weich in den Zedern fächelte die Kühle.

Ein Wind kam von der Mauer,
sein Haar im Spiel an meine Brust zu drücken:
da rieselte ein Schauer
mir wohlig in den Rücken,
Und meine Sinne schwanden in Verzücken.

Entrückt war ich in Weiten
und ließ mein Haupt an seine Schulter sinken,
ließ fallen mich und gleiten,
und kann nicht satt mich trinken,
indes im Zwielicht weiß die Lilien winken.

Aus: Gedichte der Spanier. Zweisprachig. Eingeleitet, hrsg. u. übertragen von Rudolf Grossmann. Bd.1: Vom Mittelalter bis zum Barock. Leipzig: Dieterich’sche Verlagshandlung, o.J. (1948), 259-261

Achmatowas «Testament»

Zum Geburtstag von Anna Achmatowa (11. Juni 1889 alten / 23. Juni 1889 neuen Stils) 3 kleine Stücke aus ihrem letzten Werk, Drama? Poem? Lyrik? Von allem etwas. Es heißt „Enuma elisch“, ihr „Testament“. Auf Russisch erst kurz vor Ende der Sowjetunion erschienen, die deutsche (zweisprachige) Ausgabe mit der Übersetzung von Alexander Nitzberg 2005 bei Urs Engeler Editor. Da die Splitter hier unverbunden sind, nummeriere ich sie.

[1]

Für die Interpretation des eingeschobenen Zitats:

Den Hals zu schützen, hab ich keinen Schal …

erhielten vier Personen die Doktorwürde, worüber sich die Putzfrau Nastja taktlos äußerte: «Derjenige, der es geschrieben hat, besaß nicht mal einen Lumpen, und diese Klugscheißer hier kleiden ihre Fotzen in Pelzmäntel». Ich dagegen bemerke mit einem «der Sache angemessenen Stolz» die Entwicklung unserer Literaturwissenschaft.

[2]

«Die Große Beichte»

Den Ruf genoß ich als Symbol
für tausend Missetaten:
– Ich hab die Lebenden sehr wohl,
die Toten — nie verraten.

[3]

Einleitung

Ich will verheimlichen Geschlecht und Alter,
Hautfarbe, Konfession, wann ich geboren
und alles, was sich sonst verbergen läßt.
Nur Unbegabung läßt sich nicht verhüllen
und etwas andres noch, das übrige
verhüllt soviel ihr wollt.

Oberdada

Ich besitze von ihm vier Hefte der Siegener Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“, ein Bändchen der famosen Nautilus-Bücherei und eine Ausgabe der „Schriften, Manifeste, Flugblätter, Billets, Werke und Taten“  des „Oberdada“ Johannes Baader. Nichts davon würde ohne Kleinverlage und Enthusiasten existieren. Verlagswesen und Betrieb sind mit Wichtigerem beschäftigt.

„Baader war Dada vor Dada, während Dada und nach Dada.“ Heute vor 132 Jahren wurde er in Stuttgart geboren. Hier drei Beispiele aus jeder dieser drei Zeitzonen.

Vor

Eines der ersten 394 Gedichte des Neuen Jahres (1897)

Ich werde sie aus ihren Angeln heben,
die ganze Welt mit ihrem Zwerggeschlecht,
denn jener feste Punkt ist mir gegeben
und auch des Hebels Arm liegt mir zurecht!

Während

1924

Nach

 

Weltgericht Nürnberg. 28. Februar 1946, Donnerstag

Quellen:

Vor: Johannes Baader: Oberdada. Schriften, Manifeste, Flugblätter, Billets, Werke und Taten. Hrsg. Hanne Bergius, Norbert Miller und Karl Riha. Lahn-Gießen: Anabas, 1977

Während: Johannes Baader: Das Oberdada. Die Geschichte einer Bewegung von Zürich bis Zürich. Siegen: Vergessene Autoren der Moderne XXXI. Hrsg. Franz-Josef Weber und Karl Riha, 1987 (Zuerst: Berlin 1924)

Nach: Johannes Baader: Weltgericht Nürnberg. Siegen: Vergessene Autoren der Moderne LVIII, 1993. Hrsg. Karl Riha.

Nahbellpreis 2017: A.J. Weigoni

G&GN-INSTITUT DDORF-ELLER SÜD, 21.6.2017 / Der Nahbellpreis geht dieses Jahr an den Düsseldorfer VerDichter A.J. Weigoni. Der höchstdotierte Literaturpreis der Welt wird damit zum 18. Mal verliehen. In den ersten Antworten des noch laufenden Nahbell-Interviews DER LANGE ATEM: WEIGONIS „VORLASS“-(WIEDER)BEAT(MUNG) gibt Weigoni über literaturhistorische Zusammenhänge der Lyrikszene Auskunft:

„Lesungen fanden beispielsweise in den neuen Jugendhäusern oder den Teestuben der evangelischen Gemeinden statt. Dies war die Zeit der so genannten Neuen Innerlichkeit, nicht die Lyrik, die ich präferierte. Die Frage nach Echtheit in dieser Form von Subjektivität erwies sich als Scheinproblem, das sich in ein berechtigtes Nichts auflöste, als der Punk nach Glaubwürdigkeit fragte. Ich bevorzugte die Free-Jazz-Szene in Wuppertal und die Performer in der Düsseldorfer Kunstakademie, oder dem Ratinger Hof, unvergessen die Konzerte von Pere Ubu und Wire. Im Lauf dieser Auseinandersetzung fragte ich mich: Warum gibt es eigentlich keinen erweiterten Literaturbegriff?“

Der Preisverleiher Tom de Toys fragt ihn weiter:

„deine rede vom Jargon der Uneigentlichkeit erinnert mich an einen anderen großartigen deutschen dichter: Ernst Meister! er wird vom literaturestablishment gerne als hermetisch bezeichnet, ist aber bei genauerem hinsehen so ziemlich das gegenteil: offenbarend! das problem liegt woanders: um einen Ernst Meister inhaltlich existenziell nachvollziehen zu können anstatt dem poetischen glitzern und funkeln seiner wortdiamanten zu erliegen oder sie andersherum als nichtssagend abzutun, weil man nicht hinter ihre minimalistische kulisse zu schauen vermag, muss man selber den mystischen tiefgang der seele erlebt haben: erst dann wird die einfache, klare, direkte sprache zum höhenflug des bewusstseins! vielleicht ist das der grund für dein heimliches, fast tabuisiertes prestige in der szene? (…) ich glaube, ich ahne, ich vermute, die ganzen vereinsmeier der schnöselliteratur, ‚tschuldigung: gegenwartslyrik, wissen alle, daß du über relevantes allzu relevantes schreibst, aber du bist damit weder ein trendsetter für den warholschen 5-minuten-ruhm einer slambühne noch lässt du dich stilistisch vom betriebssystem vereinnahmen – sondern bist auf eine unangenehm, mir sehr sympathische weise viel zeitgemäßer, viel kritischer, analytischer und visionärer als der konservative lyrikbetrieb es erlaubt!“

Lesen Sie das komplette Interview auf der Homepage des Preises:

www.POESIEPREIS.de (diese Domain leitet 1 Jahr lang exklusiv auf die Nahbell-Präsentation des amtierenden Preisträgers)

Hungertuch und Nahbellpreis

Aus einem Beitrag von Matthias Hagedorn

Im deutschsprachigen Raum wird an jedem Tag mindestens ein Literaturpreis verliehen. Auszeichnungen und Preise ähneln – Billy Wilder zufolge – Hämorrhoiden, “früher oder später bekommt sie jedes Arschloch.” Und in den weitaus meisten Fällen sind es die Jurys, die sich für ihren Geschmack auszeichnen. Im Rheinland beruft man sich dagegen auf die lässige Tradition von Christian Dietrich Grabbe und stellt den komödiantischen Widerpart zu einem Literaturbetrieb dar, der über wenig Selbstironie verfügt. Im Jahr 2001 wurde mit dem Hungertuch vom rheinischen Kunstförderer Ulrich Peters ein Künstlerpreis gestiftet, der sich auf den Katholizismus beruft. Der sogenannte Nahbellpreis wurde bereits ein Jahr zuvor lanciert vom unermüdlichen Organisator, Photographen und Lyrik-Performer Tom de Toys, es ist ein Kofferwort, das die Begriffe Nähe, Gebell und Nabel mit sich trägt.

Lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz

Die Gefahr für die Entscheidungsfreiheit der Literaturinteressierten und ihrem kulturellen Horizont wird durch die Bildung von Filterblasen behindert, in denen Leser nur noch konsumieren, was das Feuilleton ihnen vorschreibt und sie nie mit wirklich Neuem konfrontiert werden. Der Nahbellpreis würdigt: “Lebenswerke und öffentliches Engagement von Poeten, die ansonsten in Vergessenheit zu geraten drohen oder im laufenden Literaturbetrieb zu wenig Aufmerksamkeit erhalten”. Gemäß dem Urkundentext sind lebenslängliche Unbestechlichkeit sowie stilistische Zeitgeistresistenz ausschlaggebend, um Interesse zu wecken. Bisherige Preisträger sind u.a. die Fragmenttexterin Angelika Janz, die “Rampensau” Stan Lafleur und HEL, der Archäologe des analogen Alltags. Diese Autoren haben es nicht nötig, ihre Wahrnehmungen mit der Creme salbender Schönheit zu tunen. Ihre Wahrnehmung ist brennscharf, sie haben ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.

Aufrecht und aufrichtig beschreiben Nahbell-Preisträger wie Kai Pohl und Clemens Schittko eine Welt, die von Vereinzelungstendenz, Krieg, Armut, Ignoranz der herrschenden Klasse und Artensterben bestimmt ist. Hadayatullah Hübsch durchstreifte mit spähendem Jägerblick erbarmungslos die Städte, als wären sie die Wildnis. Es handelt sich bei den Veröffentlichungen nahezu aller Nahbell-Preisträger um eine hoch kognitive Poetik, die urbane Alltagserfahrung destilliert, auf Gelassenheit heruntergeschaltet und zuweilen das Gezeigte staubtrocken vorträgt. Der Nahbellpreis wird seit dem Jahre 2000 alljährlich am 21. Juni als alternativer Lyrik-Nobelpreis verliehen und ist mit 10 Millionen Euro der höchstdotierte Literaturpreis. Das Preisgeld konnte allerdings bis heute mangels Sponsoren noch nicht ausgeschüttet werden konnte. / Mehr bei KuNo

Lesen Sie direkt hierunter das Gedicht des Tages: ein Porträt des Dichters Grabbe von seinem Kollegen Wulf Kirsten („bespiene dichter also rezensierte“)

„bespiene bücher, also rezensierte“

Von Wulf Kirsten (geboren am 21. Juni 1934 in Klipphausen bei Meißen) ein Porträtgedicht aus dem Jahr 1972: 

Grabbe

bohnenspiel im zuchthaus, ein galliger scherz.
die lues logierte in der Goldenen Gans.
läppisches Lippe, zänkisches weib.
zum auditeur geschlagen,
eine satire auf podagrabeinen.
soldaten vereidigt
in unterhosen, dienstfrack und schwarzer krawatte
(nackt um den hals).
der mensch zum affen verschnürt.
in die intrigen der theaterwelt eingesehen.
genie der mißerfolge, unflätige tiraden.
trinkwut. der mißratene leib
in trister hinterstube eingespundet.
unterm verwanzten bett dintenfaß,
pißpott und rumflasche,
ein rest schierer rum.
bespiene bücher, also rezensierte,
ironisch hinter den sorgenstuhl geworfen.
„leck müi mol ins ees!“
der ziegelbrennersprache tiefere bedeutung:
zu langjährigem Detmold verurteilt.

Aus: Wulf Kirsten: Der Bleibaum. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1977, S. 94

Erbsen enthülsen

Urszula Kozioł

Die Frauen — ich denke an die mit hängenden Brüsten,
Frauen wie Känguruhweibchen —
mit gierigen Händen enthülsen sie die Erbsen,
drohend dem Himmel mit den Füßen in der Erde.

Die Männer teilen die Globen, wie wir Brot teilen,
unfruchtbar ist ihr Teilen, das sich wandelt in Blut.
Von Angst überwuchert, suchen sie Sicherheit im Alkohol
und sind hart durch die Angst — flüstert die Frau,
Erbsen enthülsend — und damit wird alles ein Ende nehmen.

(Der Mann schlägt mit der Faust auf den Tisch und mit dem
Kopf gegen den Tisch)

Aus dem Polnischen von Christiane Grosz

Aus dem Gedicht Erbsen enthülsen, in: Urszula Kozioł, Im Rhythmus der Sonne. Gedichte. Berlin: Volk und Welt („Weiße Lyrikreihe“), 1983, S. 23

Urszula Kozioł wurde am 20. Juni 1931 im Dorf Rakówka im Südosten Polens geboren.

Pascal

Heute kein Dichter, aber ein großer Denker. Blaise Pascal, geboren am 19. Juni 1623 in Clairmont (Auvergne), gestorben am 19. August 1662 in Paris. Er war Mathematiker, Physiker, Erfinder, Philosoph, Moralist und Theologe. Seine Bücher wurden bewundert und gefürchtet und sogar verboten und verbrannt. Nietzsche bewunderte ihn ebenso wie, ganz anderes Fach, Johannes R. Becher. Der brachte das Kunststück fertig, in der dogmatischen und atheistischen DDR der 50er Jahre, er war ein führender SED-Kulturfunktionär und, wie er selber wußte, in einer Schaffenskrise, in einem „Tagebuch 1950“ und weiteren publizistischen Bänden dem französischen Theologen eine Hauptrolle zu geben. Zwei Zitate von vielen, hier aus dem „Tagebuch 1950“:

Von der Rettung des Glaubens

Pascal versucht, den Glauben zu retten. In der Art, wie er ihn zu retten versucht, verliert er ihn rettungslos. In der Art, wie er für den Glauben streitet, streitet er wider ihn, in der Art, wie er die Ungläubigen zu widerlegen versucht, legt er selbst den Glauben ab. „Was ist der Mensch in der Unendlichkeit?, fragt er, und er anerkennt nur diejenigen, die „stöhnend suchen“. Er macht sich selbst zum Beispiel seines Satzes: „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen.“ Und er schreibt Sätze wie: „Atheismus ist ein Zeichen eines starken Geistes, aber nur bis zu einem gewissen Grade“, und: „Wenn man die Wahrheit einer Sache nicht kennt, dann ist es gut, daß es einen verbreiteten Irrtum gibt…“ (Um seine Ketzereien anzubringen, ist er mitunter genötigt, sich tiefer als jeder andere vor dem Glauben zu verneigen.)

(S. 67)

Die richtige Stelle

„Wenn man zu jung ist, urteilt man nicht richtig; ist man zu alt, desgleichen. Wenn man nicht genug an eine Sache denkt, wenn man zuviel an sie denkt, versteift man sich darauf und
vernarrt sich in sie. Wenn man sein Werk unmittelbar, nachdem man es fertiggestellt hat, betrachtet, ist man noch ganz davon eingenommen. Betrachtet man es aber zu lange danach, hat man keinen Zugang mehr dazu. So verhält es sich mit Gemälden, wenn man sie aus zu großer Entfernung oder zu sehr aus der Nähe betrachtet. Nur ein unendlich kleiner Punkt ist die richtige Stelle, die anderen sind zu nahe, zu weit, zu hoch, zu niedrig. In der Malkunst gibt ihn die Perspektive an. Aber in der Wahrheitslehre und Moral — wer will ihn da angeben?”

Blaise Pascal

Diese Stelle Pascals korrespondiert mit einer Äußerung Goethes: „Ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt finde, von dem sich vieles ableiten läßt, oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und mir entgegenträgt, da ich dann im Bemühen und Empfangen vorsichtig und treu zu Werke gehe.“ Darauf also, auf die Auffindung dieses prägnanten Punktes vor allem kommt es an, das muß man unseren jungen Schriftstellern und sich selber immer wieder von neuem vorhalten, und viel nutzloses Herumexperimentieren kommt daher, daß man sich nicht leidenschaftlich und intensiv genug diesen prägnanten Punkt erarbeitet. Dieser prägnante Punkt ist eigentlich der Standpunkt, der uns gleichermaßen Überblick, Rückschau und Detailerkenntnis vermittelt, der uns in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft blicken läßt und uns gleichermaßen den Blick öffnet und uns die Möglichkeit gibt, auf den Grund der Dinge zu blicken.

Zur Auffindung dieses prägnanten Punktes bei der Vornahme einer Arbeit oder während ihrer Herausarbeitung genügt es nicht, wenn der Künstler sich auf irgendeinen Einfall oder gar eine Intuition verläßt, sondern man muß sich gewisse Kenntnisse inzwischen angeeignet haben und sich erkenntnismäßig immer weiter vervollkommnen, um einen für die Gestaltung günstigeren Standort zu gewinnen.

628f

Aus: Johannes R. Becher: Auf andere Art so große Hoffnung. Tagebuch 1950. Eintragungen 1951 (Gesammelt Werke 12). Berlin und Weimar: Aufbau, 1969

Sie nahmen

Marina Zwetajewa

Aus: GEDICHTE AN BÖHMEN

6

SIE NAHMEN

Die Tschechen traten auf die Deutschen zu und spuckten…
(Vgl. Märzzeitungen 1939)

Sie nahmen schnell und mit Großmannsmut:
Sie nahmen den Berg und was unter ihm ruht,
Sie nahmen die Kohle, sie nahmen den Stahl,
Sie nahmen das Blei, und sie nahmen Kristall.

Sie nahmen den Zucker, sie nahmen den Klee,
Sie nahmen die Ferne, sie nahmen die Näh,
Sie nahmen den Westen, sie nahmen den Nord,
Sie nahmen den Süden und Osten fort.

Sie nahmen den Honig, sie nahmen das Bad,
Sie nahmen das Heu, und sie nahmen den Grat,
Sie nahmen das irdische Eden, jedoch:
Sie nahmen kampflos den Kampf uns noch!

Sie nahmen Geschütz, und sie nahmen Geschoß,
Sie nahmen uns Erze und Freund und Genoss‘ –
Wir haben noch Spucke, und die ist für sie:
Uns ganz zu entwaffnen, das schaffen sie nie.

  1. Mai 1939

Deutsch von Karl Mickel

Aus: Sternenflug und Apfelblüte. Russische Lyrik von 1917-1962. Berlin: Kultur und Fortschritt, 1962

Die Dichterin Marina Zwetajewa, die die deutsche Sprache und Poesie liebte, schrieb dieses Gedicht nach der Einverleibung der Tschechoslowakei durch Deutschland. Am 18. Juni 1939 kehrt sie aus dem Exil in die Sowjetunion zurück. Die Schwester ist im Arbeitslager, am 27. August wird die Tochter, am 7. November der Mann Sergej Efron verhaftet. 1941 erhängt sie sich. Im gleichen Jahr wird ihr Mann erschossen.

Die sa-umnische Sprache

Die sa-umnische Sprache erlaubt, die Worte entsprechend einer bestimmten phonetischen oder einer anderen Aufgabe zu zerbröckeln. Das Wort wird biegsam, schmelzbar, schmiedbar und dehnbar.

Filmische Konstruktion der Phrase.

Wenn aus einem Satz unbrauchbare Worte, konstruktiv betrachtet, entfernt sind, oder eine grammatikalische Komposition zu Gunsten einer schnelleren Geschwindigkeit gebrochen wird, – die Bilder springen, der Verstand bleibt hinter der Phantasie und der Handlung zurück, Film – Gestalt.

Die Verschiebungskonstruktion des Wortes. Wenn einige Buchstaben aus der ausgequetschten Wortmitte entfernt oder umgestellt sind. Film, Worte, die sa-umnische Sprache.

Film ist За-У[zau]. Sprache strebt danach, international zu sein, wie das Film-Theater selbst, – nicht weniger!

Der Futurist Alexei Krutschonych wurde am 9. Februar alten / 21. Februar 1886 neuen Stils in Olewsk, Gouvernement Cherson in der Ukraine geboren. Er stab am 17. Juni 1968 in Moskau.

Zitat aus: Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi. Leipzig: Reinecke & Voß 2011, S. 4

Elfriede Gerstl

urlaub im kopf

ich hol mir nicht angina
         in indochina
ich will die zöpfe der madegassen
         nicht nah zum anfassen
ich seh das alles gern – fern
spar nerven zeit und geld
und hock mit meinen idiosynkrasien
still in wien

In: elfriede gerstl: alle tage gedichte. schaustücke. hörstücke. Wien, München: Deuticke, 1999, S. 43

Die Autorin Elfriede Gerstl wurde am 16. Juni 1932 in Wien geboren. Sie starb am 9. April 2009. Eine fünfbändige Werkausgabe ist bei Droschl erschienen.