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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Wer ist Hussein Ali Mirza?

Auch die umfangreichsten Lexika haben ihre Grenzen. Der 22bändige Kindler kennt den Namen Hussein Ali Mirza nicht. Das Weltlexikon Wikipedia hat 5 Artikel bzw. 1 Artikel in 5 Sprachen zu diesem Namen (Google-Übersetzungen):

Persisch

از ویکی‌پدیا, دانشنامهٔ ازاد
حسين‌علی میرزا فرمانفرما
HosseinAliMirzaFarmanfarma.jpg. Herrscher von Fars
Sultanat (حكمراني بر فارس) 1214 ه‍.ق – 1250 ه‍.ق
زادة 1 زيل الحجه 1204 ه‍. ق
26. Juni 1789
امل, استان مازندران
starb am 16. Ramadan 1250 H. ق
16. Januar 1835 (45 Jahre)
Teheran, Iran

Englisch

Hossein Ali Mirza (Persian: حسین علی میرزا, romanized: Ḥosayn-ʿAlī Mīrzā; 26 August 1789 – 16 January 1835), a son of Fath-Ali Shah (r. 1797–1834), was the Governor of Fars and pretender to the throne of Qajar Iran.

Russisch

Хоссейн Али Мирза Фарманфарма (перс. حسین‌علی‌میرزا فرمانفرما ,1846 – 1799) – наследник династии Каджаров, пятый сын Фетх Али-шаха и Бадр Джахан Ханум, родился в деревне Дехнавар в провинции Фарс на юге Персии.

Hossein Ali Mirza Farmanfarma (persisch: حسين‌علی‌میرزا فرمانفرما, 1846 – 1799) – der Erbe der Qajar-Dynastie, der fünfte Sohn von Feth Ali Shah und Badr Jahan Khanum, wurde im Dorf Dekhnavar in der Provinz Fars in Südpersien geboren.

Aserbaidshanisch

Hüseynəli mirzə Qovanlı-Qacar (1788-1835) — İran şahzadəsi, vali.

Huseynali mirza Govanli-Qajar (1788-1835) – iranischer Prinz, Gouverneur.

Katalanisch

Husayn Ali Mirza conegut com a Farman Farma (1789 – 1835) fou príncep qajar de Pèrsia i xa a Xiraz i Isfahan (1834-1835)

Husayn Ali Mirza, bekannt als Farman Farma (1789-1835), war ein Qajar-Prinz von Persien und Schah in Shiraz und Isfahan (1834-1835)

Die Lebensdaten herausgezogen (nicht so viel Ehrfurcht vor dem Weltwissen bitte):

  • 26. Juni 1789 – 16. Januar 1835 (16. Ramadan 1250) (Persisch)
  • 26. August 1789 – 16. Januar 1835 (Englisch)
  • 1799-1846 (Russisch)
  • 1788-1835 (Aserbaidschanisch)
  • 1789-1835 (Katalanisch)

Ob das eine Person oder mehrere ist, kann ich so nicht eindeutig herausfinden. Und schon gar nicht, ob einer von diesen mit der von mir gesuchten Person identisch ist. Im „Divan der persischen Poesie“, herausgegeben von Julius Hart, Halle: Hendel, 1887, gibt es Gedichte von einem Hussein Ali Mirza, verdeutscht von Julius Altmann. Über den Autor heißt es da:

Geboren1814 zu Schiras, dessen Statthalter er später war. Ein naher Anverwandter des regierenden Herrscherhauses von Iran, nahm er im Staate eine hervorragende Stellung ein. Sein „Alkoran der Liebe“, in zehn „Suren-Kränze“ eingeteilt, enthält 1001 Lieder, welche einen zusammenhängenden Liebesroman bilden: Erwachen der Liebe, Werbung, Erhörung, Vermählung, Ehe, Tod der Geliebten und einen Anhang: „Buch der Dichtung.“

Carl Friedrich Julius Altmann (* 1. März 1814 in Potsdam; † 10. Juni 1873 ebenda) war ein deutscher Archivar, Philologe, Schriftsteller und Übersetzer. (Wikipedia deutsch). Unter seinen Schriften eben dieser „Alkoran der Liebe. Neu-iranische Dichtungen von Hussein-Ali-Mirza, den Deutschen gewidmet von Julius Altmann, 1861″. Über sein Schaffen steht da:

Nach Erlangung des Doktorgrades (17. Februar 1838 in Berlin) lebte Altmann von 1838 bis 1843 als Schriftsteller in Dorpat, Sankt Petersburg und Moskau, wo er unter anderem geografische, statistische und philologische Studien betrieb.

In klösterlichen und staatlichen Bibliotheken in Moskau, Kasan, Kiew, Nischni Nowgorod und St. Petersburg entnahm er Handschriften russische, baltische, finnische und arabische Volkslieder und Lyrik, die er dann übersetzte und in Deutschland veröffentlichte.

Ob authentisch oder Mystifikation, werde ich heute mehr nicht herausfinden. Hier ein Gedicht aus dem „Buch der Dichtung“.

Ein Bachessturz aus Schaumeskatarakten,
Entbrausend Felsen, kühnen, scharfgezackten,
Mit Wellen, pfeilesschnellen, lichtglanzhellen,
Die an die Ufer klettern wie Gazellen:
So wogt die Poesie, die ihre Schleusen
Eröffnet dem, der mit goldhellen Reusen
Der Verse lichte Perlen weiß zu fischen,
Und bunte Reimkorallen dreinzumischen.

A.a.O. S. 263

Bis du witzt, schwitzt, spitzt, schnitzt im Sinn

Johann Valentin Andreae 

(* 17. August 1586 in Herrenberg; † 27. Juni 1654 in Stuttgart) 

An den GrübIer

Ohn Kunst, ohn Müh, ohn Fleiß ich dicht,
Drum nit nach deinem Kopf mich richt,
Bis du witzt, schwitzt, spitzt, schnitzt im Sinn,
Hab ich angsetzt und fahr dahin.
Bis du guckst, buckst, schmuckst, druckst im Kopf,
Ist mir schon ausgeleert der Topf.
Bis du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn,
Ist mir schon abgehaspt der Zwirn.
Gfällst dir nu nit, wie ich ihm tu,
Mach's besser, nimm ein Jahr dazu !

Aus: DEUTSCHE DICHTUNG DES BAROCK. Hrsg. Edgar Hederer. München: Hanser, 1954, S. 224

Die letzte Frau

Rasha Habbal

(Geboren in Hama / Syrien, lebt in Trier)

Aus: Die letzte Frau

Die im Kleid schlief
diese Nacht
ihre Schuhe anbehielt
empfangsbereit lauerte.

Am Morgen schreibt sie:
Ich habe nicht gewartet.
Die Nacht verging schnell.
Deine Abwesenheit fiel gar nicht auf
als wärst du nie gewesen.
Ich habe in der Luft getanzt
die du freigelassen hast
habe Du-liebst—mich—du—liebst—mich—nicht gespielt
mit den Herzen meiner Liebhaber.
Das konntest du nicht sehen
meine Traurigkeit auch nicht.

Deutsch von Anke Bastrop und Filip Kaźmierczak, aus: Die letzte Frau. Gedichte von Rasha Habbal. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2021 (edition zwanzig), S. 14

Auf den Einfall der Kirchen zu St. Elisabeth

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau 

(getauft 25. Dezember 1616 in Breslau; † 18. April 1679 ebenda)

Maschinelle Texterkennung und Rekonstruktion

Texterkennung nach der Ausgabe: C. H. v. H. Deutsche Übersetzungen und Gedichte. Breßlau 1704 (urn:nbn:de:gbv:3:1-210933-p0573-7)

SAuf Den Sinfall Der Stirden
zu Elifaberly,
Sonet.
StartemRrachen brach Der?Bau DeszEr,tert ein /
Die 9 feiler gaben nach / Die 2alcfen muften biegen /
Die Zügel wolten fich nicht mebt zufammen fügen :
Es trennte Ralc oon RalcE/ und riß fich Gtein von Ctein/
Der Mauren Dole racht / Der füffen Srgeln Echein/
Die hieß ein 2ugenblicf in einen Rlumpen liegen :
Und was igund aus 2ngft mein bleicher Drund berefc)wiegen/
Duft abaethan/ zerfprengt/ und gant vertilget fern.
S menich! Dißift ein Slucy/ Dernach Dem Simmet Schmeckt/
Det Die(er Sy aus getilrt/ und Dein Semuth erwectt.
Es (pricht Der Seven S GOR9R: Du folt mich beffer ebien;
Die Ginde Fommt von Dit/Das Gel eitern Fommtoon
Und in Dein Sherse Gtein/ und Dein Semithetobt,
Go müffen Dich itund Die toDten Steine lebren.
Auf den Einfall der Kirchen
zu St. Elisabeth.
Sonnet.

MJt starckem Krachen brach der Bau des HErren ein /
Die Pfeiler gaben nach / die Balcken musten biegen /
Die Zügel wolten sich nicht mehr zusammen fügen:
Es trennte Kalck von Kalck und riß sich Stein von Stein /
Der Mauern hohe Pracht / der süssen Orgeln Schein /
Die hieß ein Augenblick in einem Klumpen liegen :
Und was itzund aus Angst mein bleicher Mund verschwiegen /
Must abgethan / zersprengt / und gantz vertilget seyn.
O Mensch ! diß ist ein Fluch / der nach dem Himmel schmeckt /
Der dieses Haus gerührt / und dein Gemüth erweckt.
Es spricht der Herren HERR : Du solst mich besser ehren ;
Die Sünde kommt von dir / das Scheitern kommt von GOTT.
Und ist dein Herze Stein / und dein Gemüthe todt /
So müssen dich itzund die toten Steine lehren.

Zügel: Ziegel

An Belinden

Johann Wolfgang Goethe

 An Belinden.

     Warum ziehst du mich unwiderstehlich,
Ach! in iene Pracht?
War ich guter Junge nicht so seelig
In der öden Nacht!
 
     Heimlich in mein Zimmerchen verschloßen,
Lag im Mondenschein,
Ganz von seinem Schauerlicht umfloßen –
Und ich dämmert ein.

     Träumte da von vollen goldnen Stunden,
Ungemischter Lust!
Ahndungsvoll hatt’ ich dein Bild empfunden
Tief in meiner Brust.

     Bin ich’s noch, den du bey so viel Lichtern
An dem Spieltisch hältst?
Oft so unerträglichen Gesichtern
Gegenüber stellst?
 
     Reizender ist mir des Frühlingsblüthe
Nun nicht auf der Flur;
Wo du Engel bist, ist Lieb und Güte,
Wo du bist, Natur. 

Text nach dem Erstdruck in der Zeitschrift von J. G. Jacobi: Iris, Zweyter Band; Düsseldorf: 1775; S. 240f

Buchantiquariat

Umberto Saba 

(* 9. März 1883 in Triest, Österreich-Ungarn; † 25. August 1957 in Gorizia, Italien)

LIBRERIA ANTIQUARIA

Morti chiedono a un morto libri morti.

Illusione non ho che mi conforti
in questo caro al buon Carletto nero
antro sofferto. Un tempo al mio pensiero
parve un rifugio, e agli orrori del tempo.
Ma quel tempo è passato oggi, e la vita
con lui, che amavo. E di sentirmi inerme
escluso piango come tu piangevi
quando eri ancora un bambino e perdevi
tra la folla la madre tua al mercato.

BUCHANTIQUARIAT

Tote fragen einen Toten nach Büchern von Toten.

Illusionen habe ich keine, die mich trösten
in dieser dunklen Höhle, die Carletto
so sehr liebt. Einst schien sie meinem Denken
Zuflucht, auch vor den Schrecken meiner Zeit.
Die Zeit ist nun vergangen und mit ihr
das Leben, das ich liebte. Wehrlos fühl ich mich
und ausgeschlossen und weine, wie du weintest,
als du noch ein Kind warst und du in der Menge
deine Mutter auf dem Markt verlorst.

Deutsch von Gerhard Kofler, aus: Umberto Saba, Canzoniere. Gedichte italienisch/ deutsch. Übersetzt von Gerhard Kofler, Christa Pock und Peter Rosei. Nachwort von Peter Rosei. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997, S. 200f

Agostinho Neto 100

Agostinho Neto war ein angolanischer Arzt, Dichter und Politiker. Die Portugiesen steckten ihn ins Gefängnis. Nach der Unabhängigkeit seines Landes war er von 1975 bis 1979 erster Staatspräsident. Er starb in Moskau, wurde von sowjetischen Fachleuten einbalsamiert und (in Angola) in ein Mausoleum verbracht wie Lenin in Moskau. Zu seinem gestrigen 100. Geburtstag ein Gedicht aus einem Buch, das 1977 in der DDR erschien.

Agostinho Neto 

(* 17. September 1922 in Catete, Kreis Ícolo e Bengo, Angola; † 10. September 1979 in Moskau)

Jenseits der Dichtung

Dort am Horizont
das Feuer 
und die schwarzen Silhouetten der Affenbrotbaume
mit hochgereckten Armen
In der Luft der grüne Geruch der verbrannten Palmen

Afrikanische Poesie

Auf der Landstraße
die Reihe der Bailundo-Lastträger
stöhnend unter der Last der Maniokkleie
Im Zimmer
das Mulattenmädchen mit zärtlichen Augen
retuschierend ihr Gesicht mit Rouge und mit Reispuder
Die Frau unter üppigen Tüchern schwingt ihre Hüften
Im Bett der schlaflose Mann denkt daran
Gabeln und Messer zu kaufen um zu essen am Tisch

Am Himmel der Widerschein des Feuers
und die Silhouette der schwarzen Batuque tanzenden Männer
mit hochgereckten Armen
In der Luft die heiße Melodie der Marimbas

Afrikanische Poesie

Und auf der Landstraße die Lastträger
im Zimmer das Mulattenmädchen
im Bett der schlaflose Mann

Die Glut verzehrt
verzehrt
die Horizonte der heißen Erde in Feuer.

Bailundo : Stamm (Red).

Deutsch von Heinz Czechowski. Aus: Agostinho Neto: Gedichte. Leipzig: Reclam, 1977, S. 30

Aktfoto

Günter Kunert 

(geboren am 6. März 1929 in Berlin; gestorben am 21. September 2019 in Kaisborstel)

Aktfoto

In den schwarzen Schattenspalten
verröchelt das Licht. Fruchtlosigkeit
birgt sich hinterm Kalk
blitzgeknipster Haut.
Die Technik kennt keine Scham
und betont Zoologisches: Lippen, schnappend,
lastendes Gehänge, Kugelhaftes, tiefgekerbt,
teils gebeugt und teils gestreckt.

Die Technik kennt nichts von dir
als Abbilder, die dich
nicht zeigen.

Aus: Günter Kunert, Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 12f

Altes Gedicht

Heiner Müller

(* 9. Januar 1929 in Eppendorf, Sachsen; † 30. Dezember 1995 in Berlin )

Altes Gedicht

Nachts beim Schwimmen über den See der Augenblick 
Der dich in Frage stellt Es gibt keinen anderen mehr 
Endlich die Wahrheit Daß du nur ein Zitat bist 
Aus einem Buch das du nicht geschrieben hast 
Dagegen kannst du lange anschreiben auf dein 
Ausbleichendes Farbband Der Text schlägt durch

Aus: Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 38. Dort ausführlich über die lange Entstehungsgeschichte des Gedichts zwischen Anfang der 50er und Ende der 80er Jahre. Die frühen Fassungen waren viel länger. Eine spätere Fassung (vermutlich 70er Jahre) ist überschrieben: AUFFINDUNG EINES ALTENS GEDICHTS NACH ZWANZIG JAHREN.

Versensporn 51: Wassyl Stus

Wassyl Stus 

(ukrainisch Василь Семенович Стус, wiss. Transliteration Vasyl‘ Semenovyč Stus; * 6. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 in Kutschino, Oblast Perm)

Zwischen Welt und Seele
ist eine Mauer gewachsen.
Spiele Verstecken,
damit dich niemand erkennt
im Dickicht der toten Erinnerungen,
der erstarrten Gedanken
und der Eisschollen der Gefühle.

Die Erfrierungen der Seele brennen, und
Unwille dämpft den Wunsch, 
einen Ausweg zu suchen
in der stetigen Angst, 
daß die Welt dich sehen 
und mit ihrem tödlichen Gewicht 
erdrücken könnte.

Der Wind bläst
die Seelen aus den Leibern,
knickt Bäume um 
und läßt die Gräser sinken,
schafft bunte Leere,
die sich in der Blüte erschöpft.

Siechtum überall!
Viele Schicksale verloren! 
Viele sind noch verschont, 
die der Tod sich 
auf die hohe Kante legt. 
Siechtum überall! 

Zwischen Welt und Seele
ist eine Mauer gewachsen.

Deutsch von Anna-Halja Horbatsch, aus: Versensporn 51. Wassyl Stus. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022, S. 19. Schon äußerlich sieht man den Unterschied zum darunterstehenden Original, das, soweit ich sehen kann, aus 18 reimlosen, ungefähr gleichlangen, rhythmisch organisierten Versen besteht. Die deutsche Fassung erstreckt sich auf 28 auf 5 Strophen eingeteilte Zeilen. Die erste Zeile, die am Schluß identisch wiederkehrt, ist im deutschen Text auf zwei Verse aufgeteilt. Unten die Biografie des ukrainischen Autors und Dissidenten, der vom sowjetischen Repressionsapparat ausgelöscht wurde.

Biografische Notiz aus dem Heft

Geboren am 6. Januar 1938 in Rachniwka. Von 1954 bis 1959 Student am Pädagogischen Institut von Stalino, anschließend Lehrer für ukrainische Sprache und Literatur, Militärdienst. Ab Ende März 1963 literarischer Redakteur der Zeitung Socjalisticeskij Donbass. Ab November Aspirantur am Literaturinstitut der Akademie der Wissenschaften in Kyjiw. Wegen Protests gegen die Inhaftierung ukrainischer Intellektueller wird er im September 1965 zwangsexmatrikuliert. 1965 vergeblicher Versuch, seinen ersten Gedichtband Kruhowert (Wirbel) zu veröffentlichen; auch die zweite Gedichtsammlung Symowi derewa (Winterbäume) wird abgelehnt, erscheint aber 1970 in Brüssel. Protest gegen das Wiedererstarken des Personenkults, die Politik der Russifizierung, die Beschränkung der Meinungsfreiheit. Am 12. Januar 1972 Verhaftung; Anklage wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“, Verurteilung zu fünf Jahren Lagerhaft und drei Jahren Verbannung; in verschiedenen Arbeitslagern von Mordowien. Am 11. Januar 1977 Verschickung nach Matrosowo (Magadan), den Ort seiner Verbannung. 1978 Aufnahme in den PEN-Klub. Im August 1979 Rückkehr nach Kyjiw. Anschluss an die Ukrainische Helsinki-Gruppe. Im Mai 1980 erneute Verhaftung; Verurteilung zu zehn Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung. Internierung in Kutschino (Perm 36). Am 28. August 1985 wird er wegen „Verletzung der Kleiderordnung“ mit Isolationshaft bestraft und protestiert dagegen mit einem Hungerstreik. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1985 stirbt Wassyl Stus in seiner Zelle, vermeintlich an Herzversagen.

http://www.poesieschmecktgut.de/versenspornstart.htm

Zwei Ergänzungen aus Wikipedia

„Während seiner Studien- und Armeezeit begann er zu schreiben und entdeckte Dichter wie Goethe oder Rilke für sich; er soll mehrere hundert Gedichte der beiden deutschen Dichter ins Ukrainische übertragen haben, sie sind durch Beschlagnahmung verschollen.“

„Er wurde auf dem Lagerfriedhof beerdigt; seiner Familie wurde eine Bestattung in der Heimat mit der Begründung verweigert, seine Haftzeit sei noch nicht abgelaufen.“

Der Schizophrene

Hugo Ball 

(* 22. Februar 1886 in Pirmasens; † 14. September 1927 in Sant’Abbondio-Gentilino, Schweiz)

Der Schizophrene

Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen
Bin ich – wie nennt ihr’s doch? – ein Schizophrene.
Ihr wollt, daß ich verschwinde von der Szene,
Um euren eigenen Anblick zu vergessen.

Ich aber werde eure Worte pressen
In des Sonettes dunkle Kantilene.
Es haben meine ätzenden Arsene
Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen.

Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer
Behüten euch mit einer sichern Mauer
Vor meinem Aberwitz und grellem Wahne.

Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer.
Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer
Und ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne.

(1923/24)

Aus: Hugo Ball, Gesammelte Gedichte. Zürich: Verlag der Arche, 1963, S. 37

Note to Pound

George Oppen

(* 24. April 1908 in New Rochelle, New York; † 7. Juli 1984 in Kalifornien) 

A note to Pound in heaven:

Only one mistake, Ezra:
You should have talked
to women
Eine Notiz an Pound im Himmel:

Nur ein Fehler, Ezra:
Du hättest mit Frauen reden sollen

Aus Mary Oppens Transkriptionen einiger später Aufzeichnungen ihres Mannes, Faksimile und Text in: Schwarzvers. George Oppens Dichtung der Negativität. Zusammengestellt von Rachel Blau DuPlessis. Mit Beiträgen und Übersetzungen von Lawrence S. Dembo, Rachel Blau DuPlessis, George Oppen und Stefan Ripplinger. Schreibheft 99 (August 2022), S. 104

Eva Zeller (1923-2022)

Im Alter von beinahe 100 Jahren starb die Schriftstellerin Eva Zeller, geb. Feldhaus, verh. Dirks (* 25. Januar 1923 in Eberswalde; † 5. September 2022).

Frauen bei Kriegsende

Wie haben wir schlafen können
als wir vor Hunger
nicht schlafen konnten
weil Brot sich in
Steine verwandelt

Wie haben wir atmen können
als Feuer und Schwefel
wir waren Zeugen
vom Himmel geregnet
wir haben gesehen

Eine jede von uns Lots Weib
– aber Lot war vermißt –
das sich umdreht da
unter dem Schuttberg
da das verkohlte

Salzsäulentempel wir
senkrecht auf dem
Geschleiften zu
bemeißelnde Grabsteine
lagen zuhauf

gehungert
geatmet
gesehen

Aus: Eva Zeller, Stellprobe. Gedichte. DVA Stuttgart 1989, S. 56, gefunden bei http://www.lyrikschadchen.de/html/zeller.html

Lied eines Schweizers an sein bewaffnetes Mädchen

Salomon Geßner

(* 1. April 1730 in Zürich; † 2. März 1788 ebenda)

Mein Herr.

Ich fühl ein Vergnügen nur halb, wann sie es nicht mitgeniessen; werden sie hier nicht ein Lied mit Vergnügen lesen, das ich vorgestern in einem Band von uralten, ohne sonderliche Wahl zusammen geschriebenen Geschichten und Liedern gefunden? Es schildert die Empfindungen, die vor etwa 400 Jahren ein junger Schweitzer gefühlt, da er sein Mädgen, oder seine Buhlschaft im Harnisch sahe. Sie müssen wissen, daß die Mädgen jener Zeiten, wann sich ein Feind an ihre Mauern wagte, Scherz und Spiel verliessen, sich mit Helm und Harnisch bedeckten, und bewafnet an der Männer Seite fochten. Bedenken sie doch, wie schön diß muß gelassen haben, wann ein Heer von Mädgen unter blankem Harnisch den kleinen Fuß Glieder-weis durch die Stadt fortsetzte; wär ich Feind gewesen, ich hätte allemahl mein Leben gewagt, ein Paar von diesen Heldinnen zu meinen Kriegs-Gefangenen zu machen, oder ich hätte mich willig als ihr Gefangener hingegeben. Doch hier ist das Lied:

1.
Wie seh ich, seh ich nicht mein Kind!
Was blendt mein zweifelnd Aug?
Ein zitterndes ein helles Licht,
Blitzt von dem blanken Helm.

2.
Ein weiß und rother Feder-Busch
Fliegt rauschend in der Luft,
Dein braunes Haar fließt aus dem Helm;
Und flieget mit dem Busch.

3.
Ein Harnsch deckt deinen weissen Leib,
Und deine zarte Brust,
O böser Harnsch, jetzt seh ich nicht,
Wie sie sanft schmachtend steigt.

4.
Doch froh! ich seh dein rundes Knie,
Den wohlgemachten Fuß,
Den sonst dem Aug ein langes Kleid
Bis auf die Erd entzog.

5.
Dem Engel der das Paradies
Vor dem bewachet hat,
Dem gleichest du mein schönstes Kind
In dieser blanken Tracht.

6.
Er drohte nur dem bösen Feind,
Und lacht dem Frommen zu.
Dein blaues Aug droht unserm Feind,
Und mir mir lacht es froh.

7.
Des frechen Feindes scharffer Pfeil
Zisch neben dir vorbey,
Dich treffe nur der sanfte Pfeil
Vom kleinen Liebes-Gott.

Ich hab es in unsre Sprach übersetzt, weil sie der Alten nicht mächtig sind; gefällt es ihnen nicht recht wohl, so geben sie der Ubersetzung Schuld.

Wie leben sie mit ihrem Mädgen? In wenig Tagen werd ich sie besuchen: Ihr braunes Aug soll mich dann wieder schalkhaft anlachen, wann ich ihr noch einmahl sage, daß ein Kuß von ihr mich ganze Tage froh macht. Leben sie wohl!

Quelle:

Salomon Gessner: Idyllen. Stuttgart 1973, S. 148-152.

Permalink:

http://www.zeno.org/nid/20004828119

Appendix 33

Anne Carson

(* 21. Juni 1950 in Toronto) 

Appendix 33 (a) über Metapher und Metonymie

Da die Frage aufgekommen ist, hier der Unterschied: Aufgefordert, auf das Wort Hütte zu reagieren, antworten einige Kinder aus einer Gruppe mit ein Häuschen, andere mit ist abgebrannt.

Appendix 33 (b) über Metapher und Metonymie

Jetzt, wo ich noch einmal darüber nachdenke, erhellt die Unterscheidung zwischen ein Häuschen und ist abgebrannt nichts über Metapher und Metonymie. Dafür enthüllt sie einiges über das Abenteuer des Denkens und seine Fragilität. An dem Tag, als ich beschloss, das mit der Metapher und der Metonymie ein für allemal kapieren zu wollen, ging ich in die Bibliothek, besorgte mir einen Stapel Bücher, las aus jedem einige Passagen und machte mir wild Notizen auf Papierschnipsel, um am folgenden Tag zu Hause meine Aufzeichnungen zu sortieren. Am folgenden Tag fand ich unter meinen mittlerweile zerfledderten und unverständlichen Notizen dieses mich seither verfolgende Urbild eines Häuschens, das vielleicht abgebrannt war, vielleicht auch nicht. Und obwohl ich mich an den Zusammenhang nicht mehr erinnern konnte, die Quelle zu notieren vergessen hatte und nicht begriff, was es für den Unterschied von Metapher und Metonymie bedeutete, rief mir das Häuschen zu, es nicht aufzugeben. Es bleibt ein sehr gutes Beispiel, nur wissen wir nicht wofür.

Deutsch von Marie Luise Knott, aus: Anne Carson, Albertine. 59 Liebesübungen + Appendices. Berlin: Matthes & Seitz, 2017, S. 39f.