Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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296 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Manchmal besteht eine literarische Sensation nicht in einem unbekannten Roman oder einem verschollenen Manuskript, sondern in einem einzigen Gedicht. Genau das ist der Fall bei „Sport“ von Carola Neher. Der Schriftsteller Hans-Christoph Buch entdeckte das Gedicht in einem Reprint der Zeitschrift „Die Dame“, den der Ullstein Verlag 1980 herausgab. Offenbar handelt es sich um die einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichtpublikation der berühmten Schauspielerin.
Carola Neher zählt zu den großen Bühnenstars der Weimarer Republik. Als Polly Peachum in Bertolt Brechts Dreigroschenoper wurde sie berühmt; ihr Bruder war der Bühnenbildner Caspar Neher, einer der engsten künstlerischen Weggefährten Brechts.
Sie floh vor den Nazis nach Moskau, aber dort geriet sie in die Netze des Stalinschen Terrors. „Ihr Mann wurde verhaftet, und sie störte die Sowjetjustiz mit Fragen nach seinem Verbleib, bis auch sie als Trotzkistin denunziert, verhört und gefoltert wurde.“ Sie unterschrieb kein Geständnis und lehnte es ab, nach Nazideutschland ausgeliefert zu werden. Sie starb im Juni 1942 „vermutlich an Typhus im Gefängnis Schwarzer Delphin von Sol-llezk, wo heute Serienmörder einsitzen.“ 1959 erhielt ihr Sohn eine „Rehabilitierungsbescheinigung“. Zitate in “ “ von Hans-Christoph Buch, der das Gedicht am 11. Juli in der Frankfurter Anthologie der FAZ veröffentlichte.
Carola Neher
(* 3. November 1900 in München; † 26. Juni 1942 in Sol-Ilezk, Sowjetunion)
Sport
Ich liebe den Sport
Tous les sports d'été et d'hiver
Eishockey
Eiscremesoda
Bob mit Bobby
Germans
Playing Golf in Germany
Und Polo in Brioni!
Ich ritt in Baden-Baden
Um fünf Uhr früh die Oos entlang
Ich fuhr einen kleinen Steyrwagen
In Wien zuschanden
Ich segelte auf dem Wannsee
Schwamm am Lido
Und bin sogar (wenn auch widerstrebend)
den Watzmann hinaufgeklettert.
Ich kann Spagat
Rad fahren
Rad schlagen.
Ich laufe gern Eis
Aber noch lieber: Gefahren.
Ich tanze
Black and White bottom
und manchem auf der Nase herum.
Ich spiele
Klavier
Poker
Wasserball
Erdball
Und Theater.
Ich habe etliche Herzen
Knock-out geschlagen.
Ski-heil!
262 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
William Butler Yeats
(* 13. Juni 1865 in Sandymount, County Dublin; † 28. Januar 1939 in Menton, Frankreich)
Und dann?
Den Schulfreunden war immer klar,
Der wird ein berühmter Mann;
Ihm auch, der nur die Arbeit sah
Bis in sein dreißigstes Jahr;
»Und dann? « sang Platons Geist, »und dann?«
Was er schrieb, las alle Welt,
Und es brachte irgendwann,
Abgesehen von gutem Geld,
Freunde, deren Freundschaft hält;
»Und dann? « sang Platons Geist, »und dann? «
All seine Träume wurden wahr,
Häuschen, Frau, Tochter, Sohnemann,
Pflaumenbäume, Kohl wuchs da,
Um ihn die Dichter-, Denkerschar;
»Und dann? « sang Platons Geist, »und dann? «
»Soweit das Werk« – dachte der Greis –
»Entsprechend meinem Kinderplan;
Läuft alles gegen Null, ich weiß,
Perfekt schließt sich der Kreis«;
Doch lauter sang der Geist: »Und dann? «
Deutsch von Marcel Beyer, aus: William Butler Yeats: Die Gedichte. Hrsg. Norbert Hummelt. München: Luchterhand, 2005, S. 339
What then?
His chosen comrades thought at school
He must grow a famous man;
He thought the same and lived by rule,
All his twenties crammed with toil;
'What then?' sang Plato's ghost. 'What then?'
Everything he wrote was read,
After certain years he won
Sufficient money for his need,
Friends that have been friends indeed;
'What then?' sang Plato's ghost. ' What then?'
All his happier dreams came true -
A small old house, wife, daughter, son,
Grounds where plum and cabbage grew,
poets and Wits about him drew;
'What then.?' sang Plato's ghost. 'What then?'
The work is done,' grown old he thought,
'According to my boyish plan;
Let the fools rage, I swerved in naught,
Something to perfection brought';
But louder sang that ghost, 'What then?'
282 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
„Ich bin des trocknen Tons nun satt / muss wieder recht den Teufel spielen“, sagt Mephisto. Et voilà!
Gestern vor 150 Jahren wurde der französischen Dichter und Maler Max Jacob geboren. Hier eine seiner Höllenvisionen (das Buch erschien zuerst 1924). Als Weggefährte von Pablo Picasso und Guillaume Apollinaire gehörte er zu den prägenden Gestalten der Pariser Avantgarde. Zugleich war er ein tief religiöser Autor, dessen Werk von Mystik, Visionen und existenziellen Fragen durchzogen ist.
Max Jacob
(* 12. Juli 1876 in Quimper; † 5. März 1944 im Sammellager Drancy)
ERMAHNUNG
Ihr, so schön, die ihr vorbeigeht! ihr so gut, die ihr mich liebt! ihr so groß, die man bewundert! Ich weine vor euch. Oh! ja! meine Augen werden sich mit Tränen füllen, und wenn ihr vorbeigegangen seid, werden meine Tränen nicht aufhören, da ich weiß, zu welchen Schlünden ihr wandert! ich kenne, besser als jeder andere, den, der euch beim Umweg auflauert!
EXHORTATION
Vous, si beaux, qui passez! vous si bons qui m’aimez! vous si grands qu’on admire! Je pleure à vous. Oh! oui! mes yeux se rempliront de larmes et quand vous aurez passé, mes larmes ne cesseront pas car je sais vers quels trous vous marchez! je connais, mieux que personne, celui qui vous guette au détour!
Deutsch von Una Pfau, aus: Max Jacob, Höllenvisionen. Französisch und Deutsch. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1985 (Bibliothek Suhrkamp), S. 63
Am 24. Februar 1944 wurde Max Jacob nach dem Besuch der Morgenmesse von der Gestapo verhaftet und in das Gefängnis von Orléans gebracht. Zuvor waren bereits sein Bruder, seine Schwester und ihr Ehemann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Jacob wurde später in das Sammellager Drancy gebracht. Jean Cocteau und Sacha Guitry hatten sich für eine Freilassung eingesetzt.
In Drancy starb Max Jacob am 5. März 1944 an einer Lungenentzündung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Jacob_(Malerdichter)
174 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Wie übersetzt man Emily Dickinson? Julia Langer entscheidet sich gegen Worttreue, für eine poetische Neuschöpfung. Tunis wird zu Kamtschatka, der Kolibri ein Farb- und Bewegungsrausch, der auf unsere erfroren geglaubte Jugend belebend wirkt – ein Dialog zwischen Original und deutscher Nachdichtung, 19. und 21. Jahrhundert.
Emily Dickinson
(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)
The Hummingbird
A Route of Evanescence
With a revolving Wheel –
A Resonance of Emerald –
A Rush of Cochineal –
And every Blossom on the Bush
Adjusts its tumbled Head –
The mail from Tunis, probably,
An easy Morning's Ride –
Der Kolibri
Mit fliegenden Fahnen
In funkelnder Tracht
Mit feuriger Verve
Entgegen – der Nacht
Und die Blüte unserer Jugend, die schon
Erfroren schien, richtet sich auf
Und erreicht in wenigen Stunden
Kamtschatka!
Aus: Nach langem Fieber. 10 Gedichte von Emily Dickinson. Deutsch von Julia Langer. Mit fünf Zeichnungen und einer Vignette von Eva Backofen. Erschienen als Serigrafie bei Reiner Slotta Rothahndruck, Berlin 2026
Hier aus der neusten Ausgabe der „abwärts!“, Nr. 59, Juni 2026, S. 35
129 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Samuel Kramer
In einem Atemzug ist zu wenig Platz. Unterzeichnen Sie jetzt
meine Petition für mehr Platz in öffentlichen Atemzügen.
Das wäre ein Anfang. Ich bin derweil eine Kerze.
Ich taxiere Sie schon länger aus der Ferne. Kann es sein, dass Sie
kaum noch aus Wahrheit bestehen? Diese hat 4 Aggregatzustände:
fest, füchtig und paradox. Brennt auch gut. Bestätigen Sie
Ihre Unterschrift nur noch mit einem Kuss. Das ist Kohle
auf den Lippen, aber nur für den Geschmack. Auf der Bildebene
bekäme die Botschaft Platzangst. Das Fundament sind deshalb
invertierte Farben. Mein weißer Mund trifft sich jetzt öffentlich
mit Ihrem. Gefällt mir. Teilen. Melden. Der Lüge und 16
weiteren Freunden gefällt das.
Aus: Samuel Kramer: endlich regen. Gedichte. (Band 30 der Neuen Sammlung). Schupfart: Engeler Verlage, 2025, S. 49
161 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Am 7. Juli 1956, vor 70 Jahren, starb der Dichter Gottfried Benn.
Menschen getroffen
Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie garnicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben −
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!
Ich habe Menschen getroffen, die
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.
Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.
Aus: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Mit einer Einführung herausgegeben von Bruno Hillebrand. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1988 (27.-30. Tsd.), S. 473
170 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Heute eine Erinnerung an die 1980er Jahre (Abt. Ost). Der Autor Peter Brasch ist der Sohn des Kulturfunktionärs Horst Brasch und der Bruder des berühmten, schon in der Bundesrepublik lebenden Thomas Brasch.
Status quo
Nach Hölderlin und W. Müller
Die junge Haut die verdirbt
im Schimmel der stählernen Sonnen
in Niemandes Land.
das alte Lied das stirbt
im Taumel der blauen Kolonnen
an Niemandes Strand.
Die alte Fahne die klirrt
im Wind an gefrorenen Masten
am neuen Bahnhof irrt
der Mann mit dem Leierkasten
Aus: Peter Brasch, Rückblenden am Morgen. Stücke Gedichte Prosa. (Reihe: Außer der Reihe). Hrsg. Gerhard Wolf. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 132
Biografie auf dem Rückumschlag:
Peter Brasch, geboren 1955 in Cottbus. 1974 Abitur in Karl-Marx-Stadt, bis 1976 Germanistik-Studium in Leipzig, Tätigkeiten u. a. als Packer Buchhändler, Kellner, Transportarbeiter. 1978 Regieassistent beim Rundfunk, 1980 freiberuflicher Autor, Regieversuche in Anklam und am Deutschen Theater, bei Platte und Rundfunk, 1986 bis 1989 Dramaturg und Regisseur beim Rundfunk. Seit 1989 wieder freiberuflich.
Peter Brasch starb 2001 in Berlin.
98 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Marcel Beyer
SCHREIBHAND
Nimm jetzt die schwere
Schreibhand aus dem
Nacken, Zeit für die
Daumenübungen, jetzt
setz dich hin. Setz dich,
so wie du immer
dagesessen hast, als
ob die Sprache dir
ein frisch gestärkter
Kragen sei. Das ist
nicht viel. Ist nichts.
Muß alles sein.
Man hört deine Gelenke
knacken. Du sagst,
wenn da nur keine
Kugelschreiberspuren
sind. Der Unterarm. Du
sagst, der Ellbogen
hat noch ein wenig
Spiel. Dein wollener
Nacken. Gestärkt.
Von unvertrautem Glanz.
Und schwer.
Und sauber abgemessen.
Aus: Marcel Beyer, Graphit. Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2014, S. 71
der Materialist unter den Lyrikern
(Suhrkamp)
255 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Carl Einstein
(* 26. April 1885 in Neuwied; † 3. Juli oder 5. Juli 1940 in Lestelle-Bétharram, Pau oder in Boeil-Bezing, Angaben nach dem deutschen Wiki)
Tod nach dem französischen Wiki: 5. Juli 1940 an der französisch-spanischen Grenze
nach dem englischen: 5. Juli 1940 Lestelle-Betharram
dem russischen: 3. Juli 1940, bei Pau
dem katalanischen: 5. Juli 1940, bei Pau
Heimkehr
Krieche der Erde
Krümm dich der Wolke.
Willst du das, Mann?
In Scherben zerrieben, zum Irrsinn gezerrt.
Endloser Wanderer, allein.
Tod läuft dich an,
Streut in rauchige Asche
Aufriss und Ruhm.
Junges leuchtet geehrt.
Jetzt nur Flecken, ein Wisch.
Dies alles.
Schwankst
Und streifst kaum
Gras, das die Hüfte umgrünt.
Keuche zum Himmel.
Knochen, Feigen und Sklaven
Hungert es uns.
Seele verloren,
lässt es den Leichnam dir taumeln.
Deinen Schatten schreckt staubiger Abend.
Anderer Muscheln,
verschmäht und zergart,
frisst er.
Schämen zerbricht dich.
Innen ermattet
wirst du des Knaben Erde verspüren.
Niemand grüsst.
Niemand ein Wort.
Nie ruft den Namen
Dir Stimme des Menschen.
Würge dir ein
Hungers Wege.
Aufwärts! da oben
klingende Türe.
Verhungert.
Himmel grüsst zart,
Bietet dir Kommen und Schluss.
[Aus «Die Aktion», Nr. 9/10, 1917] Hier aus Carola Giedion-Welcker: Anthologie der Abseitigen. Frankfurt/M.: Luchterhand Literaturverlag, 1990, S. 138. (Erstausgabe: Carola Giedion-Welcker: Poètes à l’Écart / Anthologie der Abseitigen, Bern-Bümpliz: Benteli, 1946)
Nach dem Sieg Francos im Spanischen Bürgerkrieg floh Einstein 1939 nach Paris. Einstein und seine zweite Frau kamen für eine Weile bei den Leiris unter. Als deutscher Staatsangehöriger im Frühjahr 1940 im Camp Bassens bei Bordeaux interniert und im Juni entlassen, nahm er sich nach der Niederlage Frankreichs das Leben. Er wurde auf dem Friedhof in Coarraze begraben.
304 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Eduard Escoffet
zweite transkription
nachdem sie den aufrechten gang erworben hatten, erfanden die menschen werkzeuge, um die macht der hände über die wirklichkeit zu verlängern. dann erfanden sie die sprache: so mussten sie nicht mehr aus der höhle, um die dinge zu berühren. sie erforschten weiter meere, länder und reiche, um jene welt zu sehen, die sie nicht mit bloßem blick sehen konnten: benennen, vermessen, kartographieren, registrieren, begrenzen… sehen, berühren und hören jenseits des eigenen körpers. und als die welt in daten eingeschlossen war, gaben sich die menschen mit großer hingabe dem rechnen hin. alles addieren, um die lästigkeit des erzählens zu umgehen. bis sie rechenmaschinen erfanden, um nie mehr aus der höhle zu müssen und tag und nacht zu umgehen.
segona transcripció
un cop alçats, els humans van inventar eines per allargar el poder de les mans sobre la realitat. després, van inventar el llenguatge: ja no havien de sortir de la cova per tocar les coses. van continuar explorant mars, terres i regnes per veure el món que no podien veure a simple vista: anomenar, mesurar, cartografiar, registrar, delimitar… veure-hi, tocar i escoltar més enllà del cos propi. i amb el món enclòs en dades, els humans es van lliurar amb desfici al càlcul. sumar-ho tot per evitar la feixuguesa de narrar. fins que van inventar màquines de càlcul per no haver de sortir mai més de la cova i evitar la nit i el dia.
Ausgewählt und aus dem Katalanischen übersetzt von Àxel Sanjosé in einem Dossier katalanischer Gegenwartslyrik in der Zeitschrift Park # 75, November 2023. Das Besondere an dieser Zusammenstellung war, dass die Gedichte dieser Auswahl nicht nur in den deutschen Fassungen, sondern auch im katalanischen Original Erstveröffentlichungen waren. Dieses Gedicht auf den Seiten 82 und 83.
Eduard Escoffet, geboren 1979, ist Lyriker und Performance-Künstler.
Tadeusz Borowski
(* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau)
Und dennoch, über verbissene Worte
wie über einen gerodeten Pfad
werd ich mich kämpfen, bis meine wahre
Dichtkunst sich wiedergefunden hat.
Als wär ich todkrank gewesen,
muß neu ich die Welt beginnen,
jede Gestalt neu erlernen,
neue Wortgefüge ersinnen.
Wer schreit nach diesem schrecklichen Krieg
Agitpropverse auf den Plätzen herum!
Ich werde ruhig und leise sprechen.
Ich überlebte. Die Toten sind stumm.
Mit den Augen geradeaus in die Welt sehn,
tief Atem holen mit der Brust
eines Menschen, der lang wie mit einem Freund
mit dem Tode zu leben gewußt.
Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 308
Tadeusz Borowski schrieb dieses Gedicht nach seiner Befreiung aus den deutschen Konzentrationslagern. Während des Zweiten Weltkriegs studierte er an der geheimen Warschauer Untergrunduniversität und veröffentlichte erste Gedichte. 1943 wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet und nach dem KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Später kam er in das KZ Dautmergen und schließlich in das KZ Dachau, wo er am 1. Mai 1945 befreit wurde. Die Erfahrung von Lagerhaft, Massenmord und Überleben prägte sein gesamtes literarisches Werk. 1951 nahm er sich im Alter von nur 28 Jahren, wenige Tage nach der Geburt seiner Tochter, das Leben.
216 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Wanda Coleman
(13. November 1946 Los Angeles – 22. November 2013 ebd.)
AMERIKANISCHES SONETT 5
die unechte kette plebejischer ereignisse
ist verrostet, verbeult und verstaubt
(hatdeinemamatanteaufdiepfannkuchendosegehauen?)
und berechnet, wer die meisten morde, die meisten
krebsbedingten todesfälle, die meisten in die anstalt
eingewiesenen männer, die meisten alleinstehenden weiblichen
haushaltsvorstände, die meisten eigentumsdelikte, die meisten
funktionell gestörten menschen, die meisten konsumenten von
dunklem rum für sich beanspruchen kann
die vor allem
mit der perfektionierung von fluchtplänen beschäftigt sind
see you later alligator
after while crocodile
nach dem dinner, spinner
Aus: Wanda Coleman, strände. warum sie mich kaltlassen. Ausgewählte Gedichte. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Terrance Hayes. Aus dem Englischen übersetzt von Esther Ghionda-Breger. Augsburg: MaroVerlag, 2021, S. 101
»Vielleicht war sie eine der besten Sonett-Lyrikerinnen Amerikas, aber sie wurde zu Lebzeiten nie als solche bejubelt, weil sie nicht nett war. Für viele war Wanda Coleman zu aufsässig, zu verzweifelt, zu widersprüchlich, zu widerspenstig und zu schwarz.«
The New York Times
Dieser Band versammelt mehr als 120 Gedichte von Wanda Coleman über historische Ereignisse und prägende Alltagserfahrungen, ihre Rolle als Frau und Mutter, als Schwarze und Lyrikerin in einem rassistischen Amerika.
Mit scharfer Zunge prangert sie strukturelle Ungleichheit, Armut und Hass in den USA an.
»Best Poetry of 2020«
The New York Times, The Irish Times, The Washington Post
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