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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Die Dichter

Alexander Blok

(Block; Александр Александрович Блок, * 16. November jul./ 28. November 1880 greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)

Die Dichter

Ein ödes Quartier war am Stadtrand entstanden
Auf versackendem sumpfigem Grund.
Hier wohnten die Dichter, und traf wer den andern.
Rann ein Spottlächeln ihm um den Mund.

Und mochte auch über dem traurigen Sumpf
Der erquickendste Sonnenschein laufen –
Das Mietervolk hockte den ganzen Tag dumpf
Und verbissen beim Schreiben und Saufen.

Im Suff aber schworen sie Freundschaft auf immer.
Schwadronierten schön zynisch und deftig.
Erbrachen im Klo. Schlichen still auf ihr Zimmer.
Und dort schrieben sie wieder geschäftig.

Sie krochen hervor wie verwilderte Köter,
Schauten sinnend aufs flammende Meer
Und schnalzend, mit Kennerblick, ganz Schwerenöter,
Jedem Weibergezöpf hinterher.

Sie schwelgten in Zukunftsmusik süß erhoben.
Schimpften einhellig auf die Verleger.
Beschluchzten das silberne Wölkchen hoch droben
Und das Blümelein drunten am Wege.

So lebten die Dichter. Freund Leser, verzeih:
Sicher denkst du, da warst du mehr nütze –
Mit deiner tagtäglichen Abstrampeiei,
Deiner kläglichen Spießbürgerpfütze?

Du irrst dich, mein Freund voller blinder Kritik!
Immerhin – für das Dichterherz gibt
Es Wölkchen und Zöpfe und Zukunftsmusik,
Was »zu hoch« dir zu schweben beliebt.

Mit dir und dem Eheweib bist zu zufrieden
Wie mit Rußlands Verfassung, du Wicht!
Doch wir – uns sind Weltschmerz und Weltsuff beschieden,
Und Verfassungen reichen uns nicht!

Und lieg ich am Zaun wie ein Köter verreckt,
Von der Erde zertreten, so ist
Es Gott, der mit Schnee meinen Leib sanft bedeckt,
Und der Sturm, der die Stirne mir küßt.

  1. Juli 1908

Deutsch von Ilse Tschörtner. In: Alexander Block: Ausgewählte Werke. Hrsg. Fritz Mierau. Bd. 1: Gedichte, Poeme. Berlin: Volk und Welt 1978, S. 174f

Александр Блок

ПОЭТЫ

За городом вырос пустынный квартал
На почве болотной и зыбкой.
Там жили поэты, – и каждый встречал
Другого надменной улыбкой.

Напрасно и день светозарный вставал
Над этим печальным болотом:
Его обитатель свой день посвящал
Вину и усердным работам.

Когда напивались, то в дружбе клялись,
Болтали цинично и пряно.
Под утро их рвало. Потом, запершись,
Работали тупо и рьяно.

Потом вылезали из будок, как псы,
Смотрели, как море горело.
И золотом каждой прохожей косы
Пленялись со знанием дела.

Разнежась, мечтали о веке златом,
Ругали издателей дружно.
И плакали горько над малым цветком,
Над маленькой тучкой жемчужной…

Так жили поэты. Читатель и друг!
Ты думаешь, может быть, – хуже
Твоих ежедневных бессильных потуг,
Твоей обывательской лужи?

Нет, милый читатель, мой критик слепой!
По крайности, есть у поэта
И косы, и тучки, и век золотой,
Тебе ж недоступно всё это!..

Ты будешь доволен собой и женой,
Своей конституцией куцой,
А вот у поэта – всемирный запой,
И мало ему конституций!

Пускай я умру под забором, как пес,
Пусть жизнь меня в землю втоптала, –
Я верю: то бог меня снегом занес,
То вьюга меня целовала!

24 июля 1908

Butterblumen und Gänseblümchen

Yosa Buson

(Yosa no Buson; Buson,  jap. 与謝 蕪村; * 1716 in Kema; † 17. Januar 1784 in Kyōto)




 

Aus: Yosa BUSON: Gesang vom Roß-Damm und ausgewählte Haiku. Aus dem japanischen Text übersetzt von Lia Frank und Tsutomu Itoh. Gifu (Japan): Seine Printing, 1989, S. 16f

Federico García Lorca 1

Federico García Lorca

(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. August 1936 auf dem Weg von Viznar nach Alfacar, Provinz Granada)

Landschaft mit urinierender Menschenmenge
(Battery-Place-Nocturne)

Sie blieben allein, die Männer:
und sahen dem Tempo der letzten Fahrradstaffel entgegen.
Sie blieben allein, die Frauen:
und warteten auf den Tod eines Jungen an Bord des japanischen Seglers.
Sie blieben alleine, Männer wie Frauen,
und träumten von den klaffenden Schnäbeln sterbender Vögel,
vom Stochern des spitzen Sonnenschirms
in der frisch zertretenen Kröte,
und es herrschte ein Schweigen mit tausend Ohren
und winzigen Wassermündern
in engen Schluchten, die dem wütenden
Ansturm des Monds widerstehn.
Der Junge auf dem Segler weinte und die Herzen brachen vor Angst,
weil es einen Zeugen gab und alle Dinge Totenwache hielten
und auch, weil aus dem himmelblauen Boden mit den schwarzen Spuren
immer noch dunkle Namen und Spucke und Nickel-Radios schrieen.
Es macht nichts, daß der Junge stumm wird, wenn man ihm die letzte Nadel setzt,
und daß die Brise in der Baumwollblüte unterliegt,
denn es gibt eine Totenwelt mit Matrosen, die endgültig sind,
die werden in den Arkaden auftauchen und euch hinter Bäumen gefrieren lassen.
Es nützt nichts, die Biegung zu suchen,
wo die Nacht ihre Reise vergißt,
und auf ein Schweigen zu lauern,
das frei von zerrissenen Kleidern, Schalen und Tränen ist,
wenn selbst das winzige Festmahl der Spinne genügt,
den ganzen Himmel aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Nichts hilft gegen das Wimmern auf dem japanischen Segler,
nichts hilft den Leuten im Zwielicht, die gegen die Ecken taumeln.
Das Feld beißt sich in den Schwanz, um all seine Wurzeln in einem Punkt zu vereinen,
und das Knäuel folgt im wilden Gras seiner unbefriedigten Sehnsucht nach Länge.
Der Mond! Die Polizisten. Die Sirenen der Überseedampfer!
Urinfassaden, Rauchfassaden, Anemonen, Gummihandschuhe.
Alles ist hin in der Nacht,
die über den Terrassen ihre Beine spreizt.
Alles ist hin in den lauwarmen Wasserstrahlen
eines schrecklichen, lautlosen Brunnens.
Oh Leute! Leichte Mädchen! Oh Soldaten!
Ihr werdet reisen müssen durch die Augen der Idioten,
durch freies Feld, erfüllt vom Zischen zahmer, geblendeter Kobras,
durch Landschaften voller Gräber, aus denen taufrische Äpfel wachsen,
damit das grenzenlose Licht erscheint,
das die Reichen hinter ihren Lupen fürchten
– der Duft eines einzigen Körpers mit zweifacher Neigung: Lilie und Ratte –
und damit diese Leute brennen, die fähig sind, rings um ein Wimmern zu urinieren,
ja, selbst auf die Kristalle, wo die Wellen, die nie wiederkommen, faßbar werden.

Übersetzung: Martin von Koppenfels

Aus: Federico García Lorca: Dichter in New York. Poeta en Nueva York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Martin von Koppenfels. Berlin: Suhrkamp 2019., S. 60ff

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.

Paisaje de la multitud que orina
(Nocturno de Battery Place)

Se quedaron solos:
aguardaban la velocidad de las últimas bicicletas.
Se quedaron solas:
esperaban la muerte de un niño en el velero japonés.
Se quedaron solos y solas,
soñando con los picos abiertos de los pájaros agonizantes,
con el agudo quitasol que pincha
al sapo recién aplastado,
bajo un silencio con mil orejas
y diminutas bocas de agua
en los desfiladeros que resisten
el ataque violento de la luna.
Lloraba el niño del velero y se quebraban los corazones
angustiados por el testigo y la vigilia de todas las cosas
y porque todavía en el suelo celeste de negras huellas
gritaban nombres oscuros, salivas y radios de níquel.
No importa que el niño calle cuando le clavan el último alfiler,
no importa la derrota de la brisa en la corola del algodón,
porque hay un mundo de la muerte con marineros definitivos
que se asomarán a los arcos y os helarán por detrás de los árboles.
Es inútil buscar el recodo
donde la noche olvida su viaje
y acechar un silencio que no tenga
trajes rotos y cáscaras y llanto,
porque tan sólo el diminuto banquete de la araña
basta para romper el equilibrio de todo el cielo.
No hay remedio para el gemido del velero japonés,
ni para estas gentes ocultas que tropiezan con las esquinas.
El campo se muerde la cola para unir las raíces en un punto
y el ovillo busca por la grama su ansia de longitud insatisfecha.
¡La luna! Los policías. ¡Las sirenas de los transatlánticos!
Fachadas de crin, de humo, anémonas; guantes de goma.
Todo está roto por la noche,
abierta de piernas sobre las terrazas.
Todo está roto por los tibios caños
de una terrible fuente silenciosa.
¡Oh gentes! ¡Oh mujercillas! ¡Oh soldados!
Será preciso viajar por los ojos de los idiotas,
campos libres donde silban las mansas cobras deslumbradas,
paisajes llenos de sepulcros que producen fresquísimas manzanas,
para que venga la luz desmedida
que temen los ricos detrás de sus lupas,
el olor de un solo cuerpo con la doble vertiente de lis y rata
y para que se quemen estas gentes que pueden orinar alrededor de un gemido
o en los cristales donde se comprenden las olas nunca repetidas.

„Wir schreien nach dem Kriege“

Alfred Walter Heymel gab die erlesene Zeitschrift „Die Insel“ heraus, er schrieb harmlose Chansons, Jugendstiliges, neckische Lieder vom Gott der Liebesraserei, Malaga und Malvasier und „Gierig junger Küsse Tausch, / Grausam junger Wollust Rausch.“ Doch machte ihn quasi der Tod zum Expressionisten. 1911 erschien in der Zeitschrift „Der Sturm“ ein typisch „expressionistischer“ Aufschrei – nicht gegen Unrecht und Krieg, sondern im Gegenteil: gegen den als tödlich langweilig empfundenen „Friedenreichtum“ seiner Zeit. Drei Jahre später war er, der sich wie viele freiwillig zum Kriegsdienst meldete, tot.

Alfred Walter Heymel

(* 6. März 1878 in Dresden; † 26. November 1914 in Berlin)

Eine Sehnsucht aus der Zeit

Aus sanfter Schwermut und der Liebe Trauer
Ermann ich mich; versuch mich zu ermannen,
Und kann doch Tod und Untergang nicht bannen
Wohin ich flüchten will, ragt Mauer auf an Mauer.

Grüb ich den Acker um, ein guter Bauer,
Dient im Schweiße, wüßte ich, von wannen
Dies alles kommt, und wüßte, wie von dannen
Ich kam aus Schmach und Schande, Scham und Schauer.

Es fehlt uns vielen Dienst und Ziel und Zwang,
Die allen nottun und so wenige wollen;
So schmachten wir in Freiheit sonder Siege.

Im Friedenreichtum wird uns tödlich bang.
Wir kennen Müssen nicht noch Können oder Sollen
Und sehnen uns, wir schreien nach dem Kriege.

Der Sturm 2 (1911/12) November 1911, S. 677. Hier nach: Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914-1918. Hrsg. Thomas Anz u. Joseph Vogl. München, Wien: Hanser, 1982, S. 11

Flehruf

Georg Kaiser

(* 25. November 1878 in Magdeburg; † 4. Juni 1945 in Ascona)

Flehruf

Nicht, mächt’ger Schöpfer, lasse so geschehn,
Wenn du zerfallne Formen wandelnd richtest.
Daß Mensch ich wieder. Dies mein Sterbeflehn,
Bevor du jetzt mich odemlos vernichtest.

Mach mich zum Baum, den bald der Beilhieb fällt.
Zur Ratte in dem gift’gen Maul der Schlange.
Zum Fuchs, der sich im Eisen heiser bellt.
Zum Lamm, verzuckend in des Wolfes Fange.

Mach mich zum Wurm, den jeder Schuh zertritt.
Zum Vogel mit zerbrochenem Gefieder.
Mach leiden mich, wie nie solch Wesen litt.
Laß so mich endlos sein. Nur Mensch nicht wieder.

Aus: Das Gedicht. Eine Sammlung von Benno von Wiese. Frankfurt/Main: 2. Aufl. Suhrkamp, 1984, S. 66

Schinderhannes

Heute ein böses Märchen von Guillaume Apollinaire, keine freundliche Räuberromantik. Es entstand kurz vor dem ersten Weltkrieg, in dem Apollinaire gegen die Deutschen kämpfte. Er starb einen Tag nach dem Waffenstillstand an der Spanischen Grippe (oder den Folgen der Kopfverletzung?).

Guillaume Apollinaire

(* 26. August 1880 in Rom; † 9. November 1918 in Paris)

SCHINDERHANNES

Für Marius-Ary Leblond

Im Wald, wo er die Rast befohlen,
liegt Schinderhannes mit der Schar.
Im Mai muß man vor Liebe johlen –
so lagern sie hier, Paar bei Paar.

Dem Jacob Born sitzt was im Blute:
er prüft, ob jeder Schuß auch trifft,
und zielt nach Benzels spitzem Hute –
der liest mit Fleiß die Heilge Schrift.

Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre –
und klagt, daß sie den Schlucken hat.
Dem Hannes ist ein Ton entfahren,
weil Schulz mit einem Zuber naht.

Er ruft (und seine Tränen fließen):
O Zuber mit dem duftgen Wein!
Wenn wir auch heut dran glauben müssen –
der Mai wird ausgetrunken sein!

Mamsell, herbei und gib dir Mühe!
Der Kräutlein gibts ein ganzes Schock.
aus Moselwein ist diese Brühe –
Prost, Räuberchen im Unterrock:

Frau Räuberin hat schief geladen:
sie will den Hanns, doch der hat Zeit:
Mit der Amour kanns Weile haben –
ein leckrer Bissen wär gescheit!

Denn heut, wenns dunkel wird am Rheine,
bring ich den reichen Juden um.
Hell glänzt, wenn harzge Fackeln scheinen,
als Gulden jede Maienblum!

So hält man Tafel rund im Kreise
und f. . .t und lacht beim Abendschmaus,
und wird ganz schwach, nach deutscher Weise,
und geht und bläst ein Leben aus.

Deutsch von Paul Celan, aus: Paul Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band 4: Übertragungen I. Übertragungen aus dem Französischen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1983, S. 786ff.

Schinderhannes

Dans la forêt avec sa bande
Schinderhannes s’est désarmé
Le brigand près de sa brigande
Hennit d’amour au joli mai

Benzel accroupi lit la Bible
Sans voir que son chapeau pointu
À plume d’aigle sert de cible
À Jacob Born le mal foutu

Juliette Blaesius qui rote
Fait semblant d’avoir le hoquet
Hannes pousse une fausse note
Quand Schulz vient portant un baquet

Et s’écrie en versant des larmes
Baquet plein de vin parfumé
Viennent aujourd’hui les gendarmes
Nous aurons bu le vin de mai

Allons Julia la mam’zelle
Bois avec nous ce clair bouillon
D’herbes et de vin de Moselle
Prosit Bandit en cotillon

Cette brigande est bientôt soûle
Et veut Hannes qui n’en veut pas
Pas d’amour maintenant ma poule
Sers-nous un bon petit repas

Il faut ce soir que j’assassine
Ce riche juif au bord du Rhin
Au clair de torches de résine
La fleur de mai c’est le florin

On mange alors toute la bande
Pète et rit pendant le dîner
Puis s’attendrit à l’allemande
Avant d’aller assassiner

Aus: Guillaume Apollinaire, Rhénanes, Alcools, 1913

Beiwort, Beilwort

Gedichte, das sind auch Geschenke — Geschenke an die Aufmerksamen. (Paul Celan, Brief an Hans Bender)

Zum 100. Geburtstag Paul Celans ein Geschenk aus dem Band „Die Niemandsrose“.

HUHEDIBLU

Schwer-, Schwer-, Schwer-
fälliges auf
Wortwegen und -schneisen.

Und – ja –
die Bälge der Feme-Poeten
lurchen und vespern* und wispern und vipern,
episteln.
Geunktes, aus
Hand- und Fingergekröse, darüber
schriftfern eines
Propheten Name spurt, als
An- und Bei- und Afterschrift, unterm
Datum des Nimmermenschtags im September -:

Wann,
wann blühen, wann,
wann blühen die, hühendiblüh,
huhediblu, ja sie, die September-
rosen?**

Hüh*** – on tue#… Ja, wann?

Wann, wannwann,
Wahnwann, ja Wahn, –
Bruder
Geblendeter, Bruder
Erloschen,## du liest,
dies hier, dies:
Dis-
parates -: Wann
blüht es, das Wann,
das Woher, das Wohin und was
und wer
sich aus- und an- und dahin- und zu sich lebt, den
Achsenton, Tellus, in seinem
vor Hell-
hörigkeit schwirrenden
Seelenohr, den
Achsenton tief
im Innern unsrer
sternrunden Wohnstatt Zerknirschung? Denn
sie bewegt sich, dennoch, im Herzsinn.

Den Ton, oh,
den Oh-Ton, ah,
das A und das O,
das Oh-diese-Galgen-schon-wieder, das Ah-es-gedeiht,

auf den alten
Alraunenfluren gedeiht es,
als schmucklos-schmückendes Beikraut,
als Beikraut, als Beiwort, als Beilwort,
adjektivisch, so gehn
sie dem Menschen zuleibe, Schatten,
vernimmt man, war
alles Dagegen –
Feiertagsnachtisch, nicht mehr, -:

Frugal,
kontemporan und gesetzlich
geht Schinderhannes zu Werk,
sozial und alibi-elbisch*, und
das Julchen, das Julchen:
daseinsfeist rülpst,###
rülpst es das Fallbeil los, – call it (hott!)***
love. §

Oh quand refleuriront, oh roses, vos septembres?**

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 160f

Einige Anmerkungen nach dem Kommentar von Barbara Wiedemann.

  • Das Gedicht entstand am 13. 9. 1962. Nicht jedes Hintergrundwissen mag hilfreich sein – das Gedicht „verdankt“ sich einem Missverständnis – an diesem Tag erhielt er eine Sendung Gedichte von Guntram Vesper, den er fälschlich für einen Sohn des Nazidichters Will Vesper hielt. Die Verben lurchen und vespern kommen aus dem Missverständnis – das Gedicht geht über den in diesem Fall irrigen Entstehungsanlass hinaus. Auch in seiner Polemik bleibt es biografisch (die Angriffe auf ihn und auch die „gutgemeinten“ Stimmen waren ja sehr real) und poetisch „wahr“. Gegenstand des Gedichts ist nicht Vesper, sondern das ihm immer noch unheimliche Land der Täter, trotz der Alibipreise, die ihm vergeben werden.

**) Septemberrosen: bezieht sich auf ein Gedicht von Paul Verlaine, das Celan übersetzt hatte, siehe auch letzte Zeile dieses Gedichts mit einer Paraphrase auf Verlaines Text, der oroginal in Celans Übersetzung lautete: „Wann blühen wieder die Septemberrosen?“ Celan zitiert und verwandelt, die letzte Zeile seines Gedichts heißt übersetzt: O wann werden, o Rosen, eure September wieder blühen? Im Kontext des Gedichts keine Herbstsentimentalität, sondern eine unheimliche (Wieder-)Bedrohung, man kann es alles in allem etwa so lesen: Oh, wann werden sie wieder zuschlagen? (Vgl. letzte Zeile des zweiten Abschnitts).

***) Hüh und Hott verwendet Celan mehrfach für „Die Geister rechts und links. Die Hü- und die Hott-Intellektuellen“.

#) on tue, frz. man tötet. Bezieht sich auf ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko mit dem Titel „Verlaine“. In einer früheren Fassung schrieb er es aus: on tue les poètes pour les citer, man tötet die Dichter, um sie dann zu zitieren.

##) versteckter Bezug auf die (jüdischen) Autoren Arnold Zweig und Ossip Mandelstam

###) Bezieht sich auf ein antideutsches Gedicht von Guillaume Apollinaire während des 1. Weltkrieges, das Celan übersetzt hat, daraus: „Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre (…) So hält man Tafel rund im Kreis / und f…t und lacht beim Abendschmaus, / und wird ganz schwach nach deutscher Weise, / und geht und bläst ein Leben aus.“

§) Call it love: Titel eines Gedichts von Hans Magnus Enzensberger (aus „Verteidigung der Wölfe“)

Wiedemanns Kommentar weist etliche weitere Anspielungen nach, aber man muss vielleicht nicht jeder Spur nachgehen. Lesen und wiederlesen hilft vielleicht mehr.

Die Kometen mit den Feuernasen

Georg Heym

(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)

UMBRA VITAE

Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
Und sehen auf die großen Himmelszeichen,
Wo die Kometen mit den Feuernasen
Um die gezackten Türme drohend schleichen.

Und alle Dächer sind voll Sternedeuter,
Die in den Himmel stecken große Röhren,
Und Zauberer, wachsend aus den Bodenlöchern,
Im Dunkel schräg, die ein Gestirn beschwören.

Selbstmörder gehen nachts in großen Horden,
Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen,
Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden,
Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.

Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile.
Die Haare fallen schon auf ihren Wegen.
Sie springen, daß sie sterben, und in Eile,
Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen,

Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere
Stehn um sie blind und stoßen mit dem Horne
ln ihren Bauch. Sie strecken alle Viere,
Begraben unter Salbei und dem Dorne.

Die Meere aber stocken, ln den Wogen
Die Schiffe hängen modernd und verdrossen,
Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen,
Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.

Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
Und bleiben ewig tot in ihrem Ende,
Und über die verfallnen Wege spreiten
Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.

Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben,
Und eben hat er noch ein Wort gesprochen,
Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben?
Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.

Schatten sind viele. Trübe und verborgen.
Und Träume, die an stummen Türen schleifen,
Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen,
Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.

Ende Oktober 1911

Aus: GEORG HEYM, UMBRA VITAE. NACHGELASSENE GEDICHTE. LEIPZIG: ROWOHLT 1912, S. 5f

Juli 2020 (Foto WJG)

Judenwelsch

Das Celanjahr neigt sich, der 100. Geburtstag naht. Heute ein weiteres Gedicht.

Judenwelsch, nachts

Ich gab, ich gab - als Stein kommt es zurück.
Es schwirrt.
es trifft.

  Im Eiterlicht, im Angesicht
  der Mörder, Hände: Schlaft ihr nicht?

  Sie treffen. Sie trafen.
  Wir schlafen, wir schlafen.

  Und jene - die 'andern'?

  Wir schlafen, wir wandern.

(20.5.1961)

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. Barbara Wiedemann. (suhrkamp taschenbuch 5105). Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 426
(Pariser Gedichtnachlaß 1948-1970, Zeitraum Niemandsrose)

Zwei Anmerkungen nach dem zitierten Band:

„Eiterlicht“: In der aktuellen „Zeit“ vom 19. Mai hatte Celan eine Rezension von Marcel Reich-Ranicki zu einem Buch von Walter Jens gelesen. Jens geht darin auf Celans Gedicht Matière de Bretagne (aus Sprachgitter) ein, dessen Anfang lautet: Ginsterlicht, gelb, die Hänge / eitern gen Himmel. Der eingerückte Teil des Gedichts bezieht sich u.a. auf Matière de Bretagne, die Hände und schlafen werden von dort übernommen. Jens geht in dem besprochenen Buch auf das Gedicht ein und weist darauf hin, dass „matière“ nicht nur Geschichte und Fabel bedeutet, sondern auch Eiter. Celan schrieb sofort einen Brief an Jens, in dem er sich bedankt, dass Jens (und nicht ihm) die Synonymie von matière und Eiter aufgefallen sei. – In der FAZ vom 20. Mai war Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht abgedruckt. Die Beziehung von Mörder, Hände und anders als die andern geht in sein Gedicht ein.
(Sicher, der Leser muss das nicht alles wissen und bemerken. Aber dafür gibt es ja kommentierte Ausgaben: im Einzelfall bremst die Kenntnis der Entstehungsumstände vielleicht allzu freischwebend spekulierende Interpretationen aus. Interpretieren kann man immer noch: später.)

In einer deutschen Stadt

Friedrich Wilhelm Wagner

(* 16. August 1892 Hennweiler/ Hunsrück, † 22. Juni 1931 Lungensanatorium Schömberg)

In einer deutschen Stadt

Hier haben die Frauen müde Münder
Und einen bescheidenen Blick.
Sie meinen: Dienen ist viel gesünder
Als ein großes Geschick.

Und die Männer haben dicke Bäuche
Und reden von Politik.
Und schwärmen für die alten Bräuche
Und suchen verbotenes Glück.

Und Kinder haben große Augen
Und verzweifeln an der Welt –
Sie sollen alle mal was taugen
Für König und Geld.

Aus: Friedrich Wilhelm Wagner: Versensporn 42. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2020, S. 6

Das Gedicht erschien zuerst in Die Aktion 15/1914.

Über den Nutzen des Glases

Die Dichtung ist das beste an Russland. Ihr Gründer: Der 1711 im hohen Norden Russlands in dem kleinen Dorf Mischaninskaja geborene Bergbaustudent Michail Wassiljewitsch Lomonossow … (Oleg Jurjew)

Michail Lomonossow

(Михаи́л Васи́льевич Ломоно́сов, Michail Vasil’evič Lomonosov; * 8.jul./ 19. November 1711 greg. in Mischaninskaja, Gouvernement Archangelgorod; † 4.jul./ 15. April 1765 greg. in Sankt Petersburg)

Aus: Brief über den Nutzen des Glases

An den wirklichen Kammerherrn
ihrer Kaiserlichen Hoheit
und Ritter der Orden des Heiligen
Alexander und der Heiligen Anna
seine Exzellenz Iwan Iwanowitsch Scbuwalow
von dem Kollegienrat und Professor
Michail Lomonossow
1752

Wie falsch, Schuwalow, jene von den Dingen denken,
die Mineralien mehr als Glase Achtung schenken
Mehr zwar sind sie an zauberischem Glanze reich,
doch ist an Nutzen es und Schönheit ihnen gleich …
Wir sehn es als ein Bild aufrichtigen Wesens an:
Der ist kein Schmeichler, den man leicht durchschauen kann.
Hat man den Trank gemischt, das Glas es uns erweist,
der Lüge Vorhang durch ein rein Gewissen reißt
Doch liegt denn etwa, Glas, darin Dein ganzes Lob,
daß Wein durch Dich zu größrer Süße sich erhob?
Niemals! Es ist der Anfang Deines Wertes nur,
den Meisterschaft Dir lieh vereint mit der Natur.

(…)

So geht das Glas als Perle, die der echten gleicht,
geliebt hin durch die Welt, so weit der Erdball reicht.
Mit ihr schmückt Steppenvolk sich in des Nordens Breiten,
der Araber am Strand der südlichen Gezeiten.
Fern in Amerika, so hört man, Wilde leben,
die edles Silber gern, das ihre Berge geben,
dem Kaufmann aus Europens Ländern überlassen;
sie handeln Perlen ein aus Glas in wahren Massen.
Darin sind weiser sie als wir, so wie mir dünkt,
daß sie sich des entledigen, was Unglück bringt.
Ihr Leben lang wird sie Erinnerung erfüllen,
wie ihre Väter man erschlug um Goldes willen.
O Böses ohne Maß! Kam denn der Mensch hierher
nach so viel Fährnissen auf unbekanntem Meer,
erfolgreich, diese schönen Küsten zu erreichen,
den Grenzen, die Natur ihm setzte, zu entweichen,
indem auf schwankendem Holz er um die Erde kreist,
daß er sich dann als Feind, als grimmiger, erweist?
In hundert Nöten bleibt er und Gefahren leben,
da er des Schicksals Willkür hilflos preisgegeben,
des Meeres Stürmen er aufs feste Land entflieht –
und plötzlich es mit Sturm des Krieges überzieht.
Da brennen schon die alten Königsstätten nieder;
dem Feind die Kronen und den Raben ihre Glieder!
Aus ihren goldnen Särgen wirft man die Gebeine
hinab in Gruben, faulen Leichen zum Vereine,
und niemals satt des Goldes die Tyrannen schneiden
Hände und Häupter ab, Ring, Kopfschmuck zu erbeuten.
Sie treiben dann den Rest hin zu der Berge Schlünden,
edles Metall zu schürfen in den tiefsten Gründen,
Bedrängnisse und Angst, die Fesseln, Hunger, Wunden,
drein mit der Arbeit die Tyrannen sie gebunden,
verhindern jene nun, die Gänge abzustützen,
sich vor der Erdenlast, die sie bedeckt, zu schützen.
Der Berg stürzt ein: In seinen Schoß begraben ruhn
die Unglückseligen, wahrhaft glücklich nun,
daß ihrer unmenschlichen Herrscher sie jetzt frei,
der Schmähungen, der Leiden und der Sklaverei …

Deutsch von Annemarie Rau. Aus: Altrussische Dichtung aus dem 11.-18. Jahrhundert. Aus dem Russischen hrsg. von Helmut Grasshoff. 3. Aufl. Leipzig: Reclam, 1977, S. 221-224

ПИСЬМО О ПОЛЬЗЕ СТЕКЛА
                    К Высокопревосходительному господину
                             Генералу-Поручику,
                действительному Ея Императорского Величества
                Камергеру, Московского Университета куратору
                 и орденов Белого Орла, Святаго Александра
              и Святыя Анны Кавалеру Ивану Ивановичу Шувалову,
                             писанное 1752 года

                     Неправо о вещах те думают, Шувалов,
                  Которые Стекло чтут ниже Минералов,
                  Приманчивым лучем блистающих в глаза:
                  Не меньше польза в нем, не меньше в нем краса.
                  Не редко я для той с Парнасских гор спускаюсь;
                  И ныне от нея на верьх их возвращаюсь,
                  Пою перед Тобой в восторге похвалу
                  Не камням дорогим, ни злату, но Стеклу.
                  И как я оное хваля воспоминаю,
                  Не ломкость лживого я счастья представляю.
                  Не должно тленности примером тое быть,
                  Чего и сильный огнь не может разрушить,
                  Других вещей земных конечный разделитель:
                  Стекло им рождено; огонь его родитель.

(...)

Так в бисере Стекло подобяся жемчугу,
                  Любимо по всему земному ходит кругу.
                  Им красится народ в полунощных степях,
                  Им красится Арап на южных берегах.
                  В Америке живут, мы чаем, простаки,
                  Что там драгой металл из сребреной реки
                  Дают Европскому купечеству охотно
                  И бисеру берут количество несчетно,
                  Но тем, я думаю, они разумне нас,
                  Что гонят от своих бедам причину глаз.
                  Им оны времена не будут ввек забвенны,
                  Как пали их отцы для злата побиенны.
                  О коль ужасно зло! На то ли человек
                  В незнаемых морях имел опасный бег,
                  На то ли, разрушив естественны пределы,
                  На утлом дереве обшел кругом свет целый,
                  За тем ли он сошел на красны берега,
                  Чтоб там себя явить свирепого врага?
                  По тягостном труде, снесенном на пучине,
                  Где предал он себя на произвол судьбине,
                  Едва на твердый путь от бурь избыть успел,
                  Военной бурей он внезапно зашумел.
                  Уже горят Царей там древние жилища;
                  Венцы врагам корысть, и плоть их вранам пища!
                  И кости предков их из золотых гробов
                  Чрез стены падают к смердящим трупам в ров!
                  С перстнями руки прочь и головы с убранством
                  Секут несытые и златом и тиранством.
                  Иных, свирепствуя, в средину гонят гор
                  Драгой металл изрыть из преглубоких нор.
                  Смятение и страх, оковы, глад и раны,
                  Что наложили им в работе их тираны,
                  Препятствовали им подземну хлябь крепить,
                  Чтоб тягота над ней могла недвижна быть.
                  Обрушилась гора: лежат в ней погребенны
                  Бесчастные! или поистине блаженны,
                  Что вдруг избегли все бесчеловечных рук,
                  Работы тяжкия, ругательства и мук!

(...)

Schwitters

Hans Reimann

(* 18. November 1889 in Leipzig; † 13. Juni 1969 in Schmalenbeck bei Hamburg)

Schwitters

Mit Vornamen heißt er Kurt, könnte aber auch Emil betitelt sein.
Er leitet an künstlerischem Unbemitteltsein.
Manchmal schwitterst er, manchmal nicht.
In der Finsternis leuchtet sein merzliches Licht.
Er kann, wenn er will, verrückte Bilder kleben.
Der Güter höchstes ist das Leben.
Nächstens schreibt er ein Vierteldutzend prima Dramen.
Ach, wir Armen! Amen.

Aus: Hans Reimann u.a.: DADA im Leipziger „Drachen“. Mit einem Nachwort von Karl Riha. Siegen: Universität-Gesamthochschule (Vergessene Autoren der Moderne), S. 13

Dichter(in) und Liebe

Ricarda Huch

(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus)

Zwei Liebesgedichte

Liebesreime XXXIV

Goldnes Liebchen, Sonne, Perle, Blume,
Und ihr Augen, liebe Weihnachtslichter!
Ja, wär‘ ich der Kaiser aller Dichter,
Dichtet‘ ich euch bald zu Ehr und Ruhme!
Soll mein Lied verklären dich auf Erden,
Nicht, wie jetzt, du meine Lieder weihn,
Müßtest du erst minder herrlich werden,
Oder ich ein größrer Dichter sein!

Aus:Gedichte von Ricarda Huch. Leipzig: Haessel, 1894, S. 225
Über Vertonungen

Dichterliebe.

Wär‘ ich Meister Rafael,
Malt‘ ich dich, wie er Madonnen,
Kämest nie mir vom Gestell,
Wärest immer mein Modell,
Aller Lieb‘ und Schönheit Bronnen,

Wär‘ ich Meister Phidias,
Formt‘ ich deine holden Glieder,
Käm‘ Apoll auch vom Parnaß
Voller Neid in mein Gelaß,
Dich nur schüf‘ ich immer wieder.

Wär‘ ich Meister Zebaoth,
Macht‘ ich dich zum Lieblingsengel;
Morgenrot und Abendrot
Dienten dir auf mein Gebot,
Und das Milchstraßengeschlängel.

Da ich nur ein Dichter bin,
Noch dazu ein unverlegter,
Droht Verlust dir statt Gewinn,
Tritt ein Bettler vor dich hin,
Und dein Herz von dannen trägt er.

Aus: Ebd. S. 18

Botschafter des Halos Paul Celan

Weiter im Celanjahr zwischen 50. Todes- (um den 20. April) und 100. Geburtstag (23. November). Ein Prosagedicht in rumänischer Sprache aus der Zeit bis Ende 1947, übersetzt von der Herausgeberin, sie schreibt darüber: „Die Übersetzungen der rumänischsprachigen Vers- und Prosagedichte (Hg.) (…) wollen Verständnishilfen geben, ohne poetischen Anspruch zu erheben“ (Die Gedichte, 2020, S. 615).

Partizan al absolutismului erotic, megaloman reticent chiar şi între scafandri, mesager, totodată, al halo-ului Paul Celan, nu evoc petrifiantele fizionomii ale naufragiului aerian decât la intervale de un deceniu (sau mai mult) şi nu patinez decât la o oră foarte târzie, pe un lac străjuit de uriaşa pădure a membrilor acefali ai Conspiraţiei Poetice Universale. E lesne de înţeles că pe-aici nu pătrunzi cu săgeţile focului vizibil. O imensă perdea de ametist disimulează, la liziera dinspre lume, existenţa acestei vegetaţii antropomorfe, dincolo de care încerc, selenic, un dans care să mă uimească. Nu am reuşit până acum şi, cu ochii mutaţi la tâmple, mă privesc din profil, aşteptând primăvara.

Als Anhänger des erotischen Absolutismus, als sogar unter Tauchern zurückhaltender Größenwahnsinniger und gleichzeitig als Botschafter des Halos Paul Celan, rufe ich die versteinernden Erscheinungen des Luftschiffbruchs nur alle zehn (oder mehr) Jahre hervor, und ich laufe nur zu sehr später Stunde Schlittschuh, auf einem See, der von dem riesigen Wald der hirnlosen Mitglieder der Welt-Dichter-Verschwörung bewacht wird. Es ist leicht einzusehen, daß man mit den Pfeilen von sichtbarem Feuer hier nicht durchdringt. Ein unendlich großer Amethyst-Vorhang verbirgt, an der Grenze zur Welt, die Existenz dieser menschengestaltigen Vegetation, jenseits derer ich, selenenhaft, einen Tanz versuche, der mich in Staunen versetzen soll. Bis jetzt ist es mir nicht gelungen, und mit den an die Schläfen gerückten Augen betrachte ich mich im Profil, den Frühling erwartend.

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp 2020 , S. 382

Das Gedicht entstand am 11. März 1947 in Bukarest. Erstdruck: Transilvania (Sibiu) H. 7 / 1982, S. 24. Laut Herausgeberinnenkommentar der einzige Text im Werk, in dem der Autor seinen eigenen Namen einbringt. „Des Luftschiffbruchs / Ich laufe … Schlittschuh“ ist möglicherweise eine Anspielung auf Jean Pauls Flegeljahre. Die „hirnlosen Mitglieder der Welt-Dichter-Verschwörung“ spielen auf den Surrealismus und möglicherweise auf die von Georges Bataille 1936 gegründete Zeitschrift Acéphale und die gleichnamige, ebenfalls von Bataille gegründete Geheimgesellschaft an.

O Jugend

Anna de Noailles

(* 15. November 1876 in Paris; † 30. April 1933 ebenda)

(COMTESSE MATHIEU DE NOAILLES)

JUGEND

O Jugend, eines Tages wirst du gehn, —
wirst gehn und hältst die Liebe in den Armen,
ich werde leiden, weinen, — du wirst gehn
und nichts in dir wird meiner sich erbarmen.

Mit dunklem Mund, mit schreigefüllten Blicken
will ich dich rufen, so von Schmerz bewegt,
daß bald der Tod, um meinen Ton zu sticken,
mein armes Herz in seine Hände legt.

O traurig schöne Liebe, ist es denkbar,
daß, die dich hielt in so getreuer Pflege
einst wandern wird auf dem verdorrten Wege,
wo deiner Füße Schatten nicht mehr sichtbar?

Wie kann ich ohne dich den Frühling schaun,
die Märzsonntage, die die Luft vergolden,
Drehorgelklang und Mengen in den Aun, —
die Glutmusik von Tristan und Isolden,

Wie kann ich ohne dich den Lärm der Fahrten,
der Züge Pfiff und lautes Rasen tragen, —
ganz wie in heimlich übervollen Tagen,
als deine Augen Länder offenbarten.

O Liebe, soll ich fern von dir die Ufer,
die feuchten Quais, weiß, überblaut betreten,
auf denen einstmals die verliebten Rufer
Leander — Hero zueinander spähten?

Dir fern, den Mond schaun, der in Zedern blüht,
die Wollust weißer Orientnächte sehn,
Vergangenheit im Herz daneben stehn,
wenn Phaedra und Hermione erglüht?

Indessen reifer Sommer Gluten breitet
ewig dir fern, in diesem Buche lesen,
wie Ronsard die Geliebte sich erlesen,
die lächelnd ihm aufs Ruhmeslager gleitet?

Und wenn der Herbst auf roten Buchenpfaden,
das Laub, — wo Rousseaus Liebste saß, — jetzt fegt, —
die Alte sein mit Spindel und mit Faden
die jungen Mädchen Schicksalskarten legt… ?

O daß der Tag kommt, der von dir mich stieß,
von deinen Träumen, Tränen, deinem Glück,
von Freude und von Liebe, — welch Geschick
für Jene, welche nichts ersehnt als dies!

(L’ombre des Jours, 1902)

Aus: Die lyrische Bewegung im gegenwärtigen Frankreich. Eine Auswahl von Otto und Erna Grautoff. jena: Eugen Diederichs, 1911, S. 28f

JEUNESSE

Pourtant tu t’en iras un jour de moi, Jeunesse,
Tu t’en iras, tenant l’Amour entre tes bras,
Je souffrirai, je pleurerai, tu t’en iras,
Jusqu’à ce que plus rien de toi ne m’apparaisse.

La bouche pleine d’ombre et les yeux pleins de cris,
Je te rappellerai d’une clameur si forte
Que, pour ne plus m’entendre appeler de la sorte,
La Mort entre ses mains prendra mon cœur meurtri.

Pauvre Amour, triste et beau, serait-ce bien possible
Que vous ayant aimé d’un si profond souci,
On pût encore marcher sur le chemin durci
Où l’ombre de vos pieds ne sera plus visible ? …

Revoir sans vous l’éveil douloureux du printemps,
Les dimanches de mars, l’orgue de Barbarie,
La foule heureuse, l’air doré, le jour qui crie,
La musique d’ardeur qu’Yseult dit à Tristan.

Sans vous, connaître encore le bruit sourd des voyages,
Le sifflement des trains, leur hâte et leur arrêt,
Comme au temps juvénile, abondant et secret
Où dans vos yeux clignés riaient des paysages.

Amour, loin de vos jeux revoir le bord des eaux
Où trempent azurés et blancs des quais de pierre,
Pareils à ceux qu’un jour, dans l’Hellas printanière,
Parcoururent Léandre et la belle Héro.

Voir sans vous, sous la lune assise au haut du cèdre,
La volupté des nuits laiteuses d’Orient,
Et souffrir, le passé au cœur se réveillant,
Les étourdissements d’Hermione et de Phèdre ;

Toujours privé de vous, feuilleter par hasard,
Tandis que l’âcre été répand son chaud malaise,
Ce livre où noblement la Cassandre française
Couche au linceul de gloire et sourit à Ronsard.

Et quand l’automne roux effeuille les charmilles
Où s’asseyait le soir l’amante de Rousseau,
Être une vieille, avec sa laine et son fuseau,
Qui s’irrite et qui jette un sort aux jeunes filles…

— Ah ! Jeunesse, qu’un jour vous ne soyez plus là,
Vous, vos rêves, vos pleurs, vos rires et vos roses,
Les Plaisirs et l’Amour vous tenant, — quelle chose,
Pour ceux qui n’ont vraiment désiré que cela…