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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Berthas Augen

Charles-Pierre Baudelaire

(* 9. April 1821 in Paris; † 31. August 1867 ebenda)

Berthas Augen

Den herrlichsten Augen seid ihr überlegen,
Ihr Augen meines Kindes, süß wie die Nacht
Entströmt euch der Güte milder Segen,
Ihr Augen, schenkt zaubrischen Dunkels Macht!

Ihr Augen, Geheimnisse, die ich verehre,
Ihr seid jenen magischen Grotten gleich,
Wo hinter der Schatten lethargischer Schwere
Vag schimmert verborgener Schätze Reich.

Mein Kind hat Augen, tief, weit und dunkel
Wie du, o Nacht, voll leuchtender Glut.
Glaube und Liebe brennt in ihrem Gefunkel,
Das, lüstern oder keusch, auf dem Grunde ruht.

Deutsch von Cajetan Freund, aus: Charles Baudelaire, Strandgut. Wiesbaden: Limes, 1947, S. 31

LES YEUX DE BERTHE


Vous pouvez mépriser les yeux les plus célèbres,
Beaux yeux de mon enfant, par où filtre et s’enfuit
Je ne sais quoi de bon, de doux comme la Nuit !
Beaux yeux, versez sur moi vos charmantes ténèbres !


Grands yeux de mon enfant, arcanes adorés,
Vous ressemblez beaucoup à ces grottes magiques
Où, derrière l’amas des ombres léthargiques,
Scintillent vaguement des trésors ignorés !


Mon enfant a des yeux obscurs, profonds et vastes,
Comme toi, Nuit immense, éclairés comme toi !
Leurs feux sont ces pensers d’Amour, mêlés de Foi,
Qui pétillent au fond, voluptueux ou chastes.

Les Épaves, à l’enseigne du Coq, 1866 (p. 67-68).

Huchelpreis für Judith Zander

Wie der Sender SWR gestern mitteilte, geht der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik an die 1980 in Anklam geborene und in Jüterbog lebende Lyrikerin Judith Zander.

Der Peter-Huchel-Preis wird in diesem Jahr zum 40. Mal verliehen. Aus diesem Anlass haben die beiden Preisstifter, der Südwestrundfunk und das Land Baden-Württemberg, das Preisgeld von bisher 10.000 Euro auf 15.000 Euro erhöht.

Verliehen wird der Preis am 3. April, dem Geburtstag Huchels, in Staufen i. Br.

(SWR)

L&Poe gratuliert sehr herzlich. Zum Anlass ein Gedicht aus dem prämierten Band im ländchen sommer im winter zur see.

vorlauf

die mittagswelt wird zugestellt
als ein leerer parkplatz das fade
gericht das der hilfskoch über mich
hält und waldfremde gesichter

in den lichtspielen erst des abends
werden die regeln des buhlens auf
deutsch gesagt wieder aktualisiert
wer nicht näher kommt verliert
einen tag auf der parkbank

die sphäre der sessel ist weiter im
stande gerückt in harmonik zunehmend ohr
an ohr so warfen wir
den film aus nichts
erfuhrst du über die aussichtslose
position die seglererfahrung empfiehlt
nichts zu tun alles
löst sich auf
von alleine

Aus: Judith Zander, im ländchen sommer im winter zur see. Gedichte. Mit Fotografien der Autorin. München: dtv, 2022, S. 20

Stopping by Woods

Heute vor 60 Jahren starb der US-amerikanische Lyriker Robert Frost.

Robert Frost 

(* 26. März 1874 in San Francisco; † 29. Januar 1963 in Boston)

STOPPING BY WOODS ON A SNOWY EVENING

Whose woods these are I think I know.
His house is in the village though;
He will not see me stopping here
To watch his woods fill up with snow.

My little horse must think it queer
To stop without a farmhouse near
Between the woods and frozen lake
The darkest evening of the year.

He gives his harness bells a shake
To ask if there is some mistake.
The only other sound’s the sweep
Of easy wind and downy flake.

The woods are lovely, dark and deep.
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

Nachdichtung von Georg von der Vring

BEI WÄLDERN AN EINEM SCHNEEABEND

Wem sind die Wälder rings im Kreis?
Sein Haus liegt fern im Dorf, ich weiß.
Er sieht mich nicht am Wald hier stehn,
ihn anzustarrn voll Schnee und Eis.

Mein kleiner Gaul denkt: Was geschehn?
Hier, wo kein Stall ist, stillzustehn,
bei Wäldern und gefrornem Pfad,
die schon im kargen Licht vergehn.

Sein Rütteln am Geschell besagt,
daß ihm der Schneewald nicht behagt.
Eintönig faucht in diese Ruh
ein eisiger Wind, der Flocken jagt.

Der Wald lockt: Komm, was zögerst du!
Doch sag ich Nein und schwör mir’s zu
und fahr noch weit, bevor ich ruh,
und fahr noch weit, bevor ich ruh.

Prosaübersetzung von Walter Schmiele

Wessen Wälder dies sind, glaube ich zu wissen. Sein Haus ist jedoch
im Dorf; er wird mich nicht hier halten und beobachten sehen wie
seine Wälder sich mit Schnee anfüllen.

Mein kleines Pferd muß es komisch finden, hier anzuhalten zwischen
den Wäldern und gefrorenem See am dunkelsten Abend im Jahr ohne
ein Bauernhaus in der Nähe.

Es schüttelt seine Geschirrglocken, wie um zu fragen, ob das ein
Irrtum sei. Der einzige andere Laut ist das Fegen leichten Windes und
flaumiger Flocken.

Die Wälder sind herrlich, dunkel und tief. Doch ich habe Versprechen
zu halten… Und meilenweit zu fahren ehe ich schlafe, und meilenweit
zu fahren ehe ich schlafe.

Aus: Poesie der Welt. Nordamerika. Auswahl, Prosaübersetzungen und Nachwort: Walter Schmiele. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag, 1984, S. 122f

Rose des Friedens

William Butler Yeats 

(* 13. Juni 1865 in Sandymount, County Dublin; † 28. Januar 1939 in Menton, Frankreich).

Der Frieden, den alle wollen. Beim Dichter steht er im Konjunktiv. Gott würde sagen, dass alles gut ist, und den Frieden zwischen Himmel und Hölle verkünden. Erdacht von einem Dichter im 19. Jahrhundert. Mal schaun, wie’s im 21. geht. (Da schlagen wir uns, I guess, darum, wer Himmel und wer Hölle ist.) Und nun Schluss mit garstigen Gedanken, ein schönes Gedicht her.

Die Rose des Friedens

Säh Michael einmal, bevor
Sich Himmel schlägt mit Hölle,
Hinab zu dir vom Himmelstor,
Vergäß er die Duelle.

Egal wär ihm das Paradies
Und Gottes Schlacht sogar,
Aus Sternen wände er gewiß
Dir einen Kranz ins Haar.

Wer säh, wie er sich neigt vor dir,
Hört, wie dich Sterne preisen,
Käm gleich ins göttliche Revier,
Folgte den sanften Weisen;

Gott hielte alle Schlachten an,
Aus wären die Duelle,
Den Rosenfrieden schlösse dann
Der Himmel mit der Hölle.
 

Aus dem Englischen von Christa Schuenke, aus: William Butler Yeats, Die Gedichte. Hrsg. Norbert Hummelt. Neu übersetzt von Marcel Beyer, Mirko Bonné, Gerhard Falkner, Norbert Hummelt, Christa Schuenke. München: Luchterhand, 2005, S. 43

(Ich bitte die Nachdichterin um Vergebung für die Missetat, das linksbündige Gedicht auf Mittelachse zu setzen. Unten sieht man, wie es sein muss.)

The Rose of Peace   

If Michael, leader of God’s host
When Heaven and Hell are met,
Look’d down on you from Heaven’s door-post
He would his deeds forget.

Brooding no more upon God’s wars
In his Divine homestead,
He would go weave out of the stars
A chaplet for your head.

And all folk seeing him bow down,
And white stars tell your praise,
Would come at last to God’s great town,
Led on by gentle ways;

And God would bid his warfare cease.
Saying all things were well;
And softly make a rosy peace,
A peace of Heaven with Hell.

Written in 1892 and published in The Countess Kathleen and Various Legends and Lyrics. Included in The Rose collection (1893).

Traurig

Petrus Akkordeon

ich bin traurig
bin es gerade
und gerade geworden
ich sah mir zu
wie ich mir zu sah
wie ich traurig
wurde

p.akkordeon
22012023 18:48

Mit Erlaubnis des Autors aus der Facebookgruppe pathogene poeme

Und sowas urteilt nun

John Förste

(* 26. Januar 1889 Mainz, † 21. März 1941 Berlin-Buch)

Dem Vorstand des Schutzverbandes
deutscher Schriftsteller gewidmet
Man denkt an Sauerkraut, Arteriosklerose,
An weiche Birnen, Troddel, Greisenblick,
An Wald- und Wiesenkitsch, an Pickeln im Genick.
— Und sowas urteilt nun! — mit Händen in der Hose.

Hier scheint der Geist bewegt in jener Sauce,
Die bärtigen Männern pralle Westen garantiert;
Durchschnitt marschiert! — zur Not genügt die Pose!
— Und sowas richtert nun, — daß Dir der Arm gefriert!

Kennst das Grauen, wenn schwammige Ziegenbärte
im Kreise ihre morschen Hälse heben?
Es dröhnt der Hinterbaß, verbeulte Brillen streben,
Und alsbald sabbert es, mit Kunstjefühl und Härte!

Du selbst wirst kaltgestellt und stehst allein.
Nichtmitglied! Außerhalb von arrivierten Kitschern,
Und schaust (teuflisch!) zur Nacht beim Läusezwitschern
Das ewige Bild vom Greis mit lahmem Bein.

Aus: John Förste, Versensporn 23. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 20f

Eva Zeller 100

Am 5. September vorigen Jahres starb die Schriftstellerin Eva Zeller im Alter von 99 Jahren. Begraben ist sie in Görzke im Fläming, ihr literarischer Nachlass wird in Marbach aufbewahrt.

Heute vor 100 Jahren wurde sie geboren. 

Eva Zeller

(* 25. Januar 1923 in Eberswalde; † 5. September 2022).

WORT

Trabant des Gedankens
Gedankenmond

Seine Oberfläche
bekannter als sein
schwankender Abstand von uns

Auch wenn Traumtänzer
Staub Fluß und Meer sagen
es bleibt reine Beschreibung

Staub Fluß und Meer
entsprechen nicht den Bildern
die wir meinen

(am wenigsten der
unbewegte Abgrund der
im Trockenen ertrinkt)

Nur der Leutseligkeit der Sprache
ist es zuzuschreiben
daß wir nicht verstummen

Aus: Neue Deutsche Hefte. Hrsg. Joachim Günther. Jahrgang 21 Heft 4 / 1974, S. 678

NOBELPREIS MIT 75

Tom de Toys, 13.1.2023

(* 24. Januar 1968 in Jülich-Nord; † 23. Januar 2069 in Eller-Süd)

Fürstliches Gedicht „NOBELPREIS MIT 75“ : IRONIE ODER DES SCHICKSALS?


„…was den Grad der Direktheit bestimmte, war die innere Notwendigkeit jedes einzelnen Gedichts…“
Michael Hamburger, 1969/1972 in: DIE DIALEKTIK DER MODERNEN LYRIK (VON BAUDELAIRE BIS ZUR KONKRETEN POESIE)

NOBELPREIS MIT 75
(inspiriert vom Film >I’M STILL HERE< von/mit Joaquin Phoenix 2008/2010)

© POEMiE™ @ G-GN.de

Erstveröffentlichung heute bei L&Poe, wird danach vom G&GN-INSTITUT (g-gn.de) übernommen.

Gebet der Senegalschützen

Für dieses Gedicht von Léopold Sédar Senghor muss man vielleicht wissen, dass der Autor in Westafrika geboren wurde, als es eine französische Kolonie war, und seine Hochschulbildung in Frankreich erhielt. Und dass Frankreich die Bewohner der Kolonien für seine Kriege rekrutierte. Senghor wurde Soldat der französischen Armee und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft (wo er beinahe erschossen worden wäre). Nach Erlangung der Unabhängigkeit seiner Heimat wurde er Präsident der Republik Senegal.

Als Dichter begründete er zusammen mit Aimé Césaire und anderen das Konzept der „Négritude“, laut Verlagswerbung „der politischen und geistigen Einigkeitsbewegung aller Afrikaner, die Sartre als »eine liebevolle Einstellung zur Welt« definiert. »Négritude«, wie Senghor und Césaire sie begreifen, ist der Versuch. die Werte afrikanischer Kultur zusammenzufassen und dem Schwarzen Afrika Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zurückzugeben.“

Über seine Poetik schreibt er:

»Lyrik ist Gesang, wenn nicht gar Musik. Ich bestehe darauf, daß das Gedicht nur vollendet ist, wenn es Gesang wird: Wort und Musik zugleich. Es ist Zeit, den Verfall der modernen Welt, vor allem der Dichtung, aufzuhalten. Die Dichtung muß wieder zu ihren Ursprüngen zurückfinden, zu den Zeiten, in denen sie gesungen und getanzt wurde, wie noch heute im schwarzen Afrika.“

(2. Umschlagseite der von mir benutzten Ausgabe, s.u.)

Worterklärungen aus dem Band:

Woi: Lied, Gedicht – entspricht genau der griechischen Ode

Kora: eine Art Harfe mit 16 oder 32 Saiten. Der Dyali (Dichter, Sänger) begleitet die große Ode oder das Preislied mit der Kora

Hinweis zur Übersetzung: Der deutsche Übersetzer Janheinz Jahn, der mit Senghor befreundet war, übersetzt „l’honneur catholique de l’homme“ (die katholische Ehre des Menschen) mit „die allgemeine Ehre des Menschen“.

Léopold Sédar Senghor 

(* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich) 

Gebet der Senegalschützen
(Woi für zwei Koras)
                                                 I

Herr, wenn ich dich anspreche, Dich der Du dunkele Gegenwart bist,
so nicht deshalb weil die Republik mich zum guten König meines Volkes
    ernannt hätte oder zum Deputierten der Vier Gemeinden.
Ich bin aufgewachsen in völlig afrikanischem Land, am Kreuzweg der Kasten,
    der Rassen, der Straßen
Und gegenwärtig bin ich Soldat zweiter Klasse unter den einfachsten aller
    Soldaten.
Du bist das Ohr für das kleinste Geflüster, Du hörst was man raunt des Nachts
    in den Hütten
Daß man die Gehörlose hergeschickt hat, die Rekrutierungsmaschine zur Ernte
    der hohen Köpfe
Du weißt es — und die Steppe wird still bis aufs schroffe Nein der freien Freiwilligen
Die ihren Gottkörper anboten, den Ruhm der Kampfbahn, für die allgemeine
    Ehre des Menschen.
Prière des Tirailleurs Sénégalais
(Woï pour deux kôras)
                                                 I

Seigneur! si je Te parle, Toi qui es l'Obscure Présence
Ce n'est pas que la République m’ait nommé bon roi de mon peuple 
    ou député des Quatre Communes.
J'ai poussé en plein pays d'Afrique, au carrefour des castes des races et des routes
Et je suis présentement soldat de deuxième classe parmi les humbles des soldats.
Toi qui es l'oreille des souffles minimes, qui entends les Chuchotements nocturnes 
    au-dedans des cases
Que l’on a lancé la Sourde, la machine à recruter dans la moisson des hautes têtes
Tu le sais — et la plaine docile se tait jusqu'au non abrupt des volontaires libres
Qui offraient leurs corps de dieux, gloire des stades, pour l’honneur catholique de l'homme.

Aus: Léopold Sédar Senghor: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte. Frz. u. dt. Hrsg. u. übersetzt von Janheinz Jahn. München: Hanser, 1963, S. 105

Zähne

Alfred Wolfenstein 

(* 28. Dezember 1883 in Halle; † 22. Januar 1945 in Paris) 

Zähne

Wenn wir sprechen, ragen stumm 
Zähne, stumm wie Tier und Erde — 
Über ihren Rücken streichen
Worte, herrisch abgewandt — 
Ungeduldig weiße Pferde, 
Klirrend meldet sich ihr Stand.

Knirschend flockt um sie ein Zeichen 
Wie ein Wunsch, erlöst zu werden — 
Seele auch und Flug zu sein!
Doch die Seele wünscht sie — Stein, 
Liebt die harten, schweigend bleichen, 
Mit der Erde wie ein Band.

Aus: Alfred Wolfenstein, Die Freundschaft. Neue Gedichte. Berlin: S. Fischer, 1917, S. 99

Deutsches Friedenslied

Eigentlich war ich auf der Suche nach dem Bauern-Astronomen Christoph Arnold (1650-1695). Der hatte sich autodidaktisch gebildet und auf seinem Bauernhof, den er bis zuletzt bewirtschaftete, ein kleines Observatorium gebaut, mit dem er am 15. August 1682 noch vor den Profis den Kometen entdeckte, den man später den Halleyschen nannte und der noch später sozusagen den Expressionismus einleitete.

In der Anthologie „Poetischer Hausschatz des deutschen Volkes. Vollständigste Sammlung deutscher Gedichte nach den Gattungen geordnet, begleitet von einer Einleitung, die Gesetze der Dichtkunst im Allgemeinen, so wie der einzelnen Abtheilungen insbesondere enthaltend…“ Hrsg. Oskar Ludwig Bernhard Wolff – 1. Aufl. 1836. 5. Aufl. Leipzig: Otto Wigand, 1843, fand ich seinen Namen:

Arnold, Christoph, geb. 1646, ein Bauer in Sommerfeld bei Leipzig, berühmt als Astronom, gest. 1695

A.a.O. S. 1146

Leider hat die über 1100 Seiten starke Anthologie kein Register, fast unmöglich, die über die vielen Kapitel des Buches verstreuten Gedichte zu finden. Das Unmögliche gelang mir doch, schon auf Seite 65 fand ich zwei Gedichte von Christoph Arnold. Leider aber sind sie nicht von ihm, sondern offensichtlich von einem Namensvetter und Dichter, der zwischen 1627 und 1685 lebte, der Herausgeber muss das verwechselt haben. Ich schließe das daraus, dass sich eins der Gedichte explizit auf den Friedensschluss bezieht, und da war unser Bauer noch gar nicht geboren oder nach anderen Angaben gerade mal 2 Jahre alt. Schade, ein Gedicht von diesem merk-würdigen Mann hätte ich gerne gefunden.

So aber ist das heutige Gedicht von einem anderen Christoph Arnold. Geboren am 12. April 1627 in Hersbruck, gestorben am 30. Juni  1685 in Nürnberg,  evangelischer Theologe,  Kirchenlieddichter und zugleich Dichter im Pegnesischen Blumenorden, ein veritabler Wortspieler. In diesen soeben gegründeten Orden wurde er nämlich 1645 mit gerade einmal 17 Jahren von Georg Philipp Harsdörffer als sechstes Mitglied aufgenommen, eine Art poetischer Ritterschlag. So scheint es zu passen, dass er 3 Jahre später dieses dichterkraftstrotzende Lied auf den gerade geschlossenen Frieden schrieb.

 Deutsches Friedenslied

 Freuet euch, maiet euch! Dichtet nun Lieder!
            Ihr Deutschen, ihr Brüder!
            Der Friede kommt wieder!
 Freuet euch, maiet euch! Dichtet nun Lieder!

 Euch soll der Sprachbaum jetzt Fülle bescheiden.
            Ja, Früchte zum Neiden
            In Frieden und Freuden
 Soll euch nun der Sprachbaum in Fülle bescheiden!

 Sehet, so nützt euch ein Dichter, ein Weiser.
            Wie blühen die Reiser
            Der geistigen Kaiser!
 Sehet, so nützt euch ein Dichter, ein Weiser.

 Laßt uns das Loben mit Lob auch beschließen,
            Laßt Honigthau fließen
            Zum Saiten-Versüßen!
 Laßt uns das Loben mit Lob auch beschließen!

A.a.O. S. 65

Lissabon

Gestern war der 100. Geburtstag des portugiesischen Dichters Eugénio de Andrade

(eigentlich José Fontinhas, * 19. Januar 1923 in Póvoa de Atalaia; † 13. Juni 2005 in Porto) 

Lissabon

Da sagt jemand bedächtig:
«Und Lissabon, weißt du. . . »
Ich weiß. Sie ist ein Mädchen,
mit bloßen Füßen und behende;
ein rascher frischer Wind
weht ihr durchs Haar,
und ein paar feine Falten
umlauern ihre Augen;
die Einsamkeit ist sichtlich
auf ihren Lippen, an den Fingern,
wenn sie hinuntersteigt
Stufen
um Stufen bis zum Fluss.

Ich weiß; und wusstest du es auch?

Deutsch von Maria de Fátima Mesquita-Sternal und Michael Sternal. Aus: Poemas Portugueses. Portugiesische Gedichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München: dtv, 1999 (dtv zweisprachig. 2. verbess. Aufl.), S. 167

Lisboa

Alguém diz com lentidão:
«Lisboa, sabes. .. »
Eu sei. É uma rapariga
descalça e leve,
um vento súbito e claro
nos cabelos,
algumas rugas finas,
a espreitar-lhe os olhos,
a solidão aberta
nos lábios e nos dedos,
descendo os degraus
e degraus
e degraus até ao rio.

Eu sei. E tu, sabias?

Vergessen

Franz Kugler 

(* 18. Januar 1808 in Stettin; † 18. März 1858 in Berlin)

An einen vergessenen Dichter

Sprich, warum stets du mir erscheinst,
Du armes, altermüdes Haupt?
Mich dünkt, fürwahr! du warest einst
Von grünem Lorbeer dicht umlaubt.

Wohl schwand des Frühlings Licht und Glanz,
Wohl hat gebrannt der Sommer heiß,
's ist Winter nun! und von dem Kranz
Blieb nur ein dürres Dornenreis.

Dein Name, als ein Knab' ich war,
Erklang in hellem, vollem Ton;
Wer heut ihn nennt, — er thut es gar
Kaum anders als mit bitterm Hohn.

Vergessen haben sie, — es flieht
Ihr Geist vor Bildern, die so werth, —
Vergessen, wie dein holdes Lied
Der Liebe Sprache sie gelehrt;

Vergessen, wie im heil'gen Streit
Die Brust bei deinem Liede schwoll;
Vergessen, wie im tiefsten Leid
Die Tröstung deinem Lied entquoll.

Doch wo noch Treu' im Herzen ist,
Blüht fort auch deines Namens Preis:
Und wenn du einst begraben bist,
Treibt neuen Sproß dein Lorbeerreis! 

Aus: Franz Kugler: Gedichte. Stuttgart: Cotta, 1840, S. 158f

Gegen den Strom

Jorge Guillén

(* 18. Januar 1893 in Valladolid; † 6. Februar 1984 in Málaga) 

GEGEN DEN STROM

Dieser harte Stein vergeht nicht.
Zart und flüchtig kehrt die Blume immer wieder.
Die Wellen schau ich an, bewundre sie,
die immer wiederkehren, weil sie auferstehn,
und halte mich an dies Gesicht und bleibe da.

Aus dem Spanischen von Hildegard Baumgardt. Aus: Jorge Guillén, Berufung zum Sein. Ausgewählte Gedichte (Spanisch-Deutsch). München: Heyne, 1979, S. 103 (Heyne-Lyrik: eine wunderbare Buchreihe, Weltlyrik in hoher Auflage im Taschenbuch, gab es damals noch).

A CONTRACORRIENTE

Esta muy dura piedra no se extingue.
Esa flor, tan precaria, siempre torna.
Mirando y admirando el oleaje,
Que siempre torna porque resucita,
Me apoyo en mi visión y permanezco.

Der Präsident blickt unentwegt ins Leere

Kurt Bartsch 

(* 10. Juli 1937 in Berlin; zählt trotzdem zur „Sächsischen Dichterschule“. 1980 Wechsel von Ost- nach Westberlin; † 17. Januar 2010 in Berlin) 

WELTMEISTERSCHAFTEN

Das Stadion ist gefüllt. Auf der Tribüne
Nimmt Platz der Präsident; sitzt da und winkt,
Und steht gleich wieder auf, denn jetzt erklingt
Die Hymne seines Lands, die textlich kühne.

Wenn sie verklungen ist, setzt er sich wieder,
Und muß erneut aufstehn, denn jetzt marschieren
Die Sportler ein, und alle spüren:
Das ist ein Anblick, der geht in die Glieder.

Dann fängt der Wettkampf an. Es fliegen Speere;
Bald ist der grüne Rasen ganz gespickt.
Im Hochsprung ist ein Weltrekord geglückt.
Der  Präsident blickt unentwegt ins Leere.

Ein Geher kommt ins Stadion. Sieggeschrei!
Er lächelt matt, biegt in die Zielgerade.
Da krampft sie sich zusammen, seine Wade.
Die andern Geher gehn an ihm vorbei.

Ein stiller Herr, den man für friedlich hielte,
Holt eine Schußwaffe aus dem Etui.
Die Läuferinnen gehn sofort ins Knie
Und laufen los, weil einer auf sie zielte.

Das war der Startschuß, doch er ging daneben.
Die Läuferinnen blieben unverletzt.
Der Präsident hingegen ist entsetzt:
Man will mir, denkt er, sogar hier ans Leben.

Die Stabhochspringer tropfen von der Latte,
Die jetzt in gnadenloser Höhe liegt.
Den Auserwählten, der sie überfliegt‚
Empfängt Applaus und eine Schaumstoffmatte.

Der Wettkampf dauert jetzt schon vier, fünf Stunden.
Ein Wind kommt auf und läßt die Fahnen wehn.
Die Schatten werden länger, und dann drehn
Die letzten Läufer ihre letzten Runden.

Die Sieger stehn bekränzt auf den Podesten
Zwei Goldmedaillen werden noch verhängt,
Bevor man allgemein zum Ausgang drängt.
Die Sonne steht schon ziemlich weit im Westen.

Der Lärm verebbt. Ein Kind pfeift auf dem Schlüssel.
Davon erwacht der Präsident und denkt,
Es sei soweit, er würde aufgehängt.
Dann leert das Stadion sich, die große Schüssel.

Wenn alle fort sind, kommt ein Herr und hebt
Pappteller auf, an denen Mostrich klebt.

Aus: Kurt Bartsch: Weihnacht ist und Wotan reitet. Märchenhafte Gedichte. Berlin (West): Rotbuch, 1985, S. 50f.