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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Zum Gedenktag des Genozids an den Armeniern

Daniel Waruzhan

(* 20. April 1884 Brgnik, Westarmenien; in der Nacht vom 23. zum 24. April 1915 in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, verhaftet, am 26. August auf dem Weg in die „Verbannung“ in einer Schlucht bei der Stadt Çankırı ermordet)

Der Acker

Ich wünschte, dass Frieden wäre
Auf der östlichen Seite der Welt …
Nicht das Blut, sondern Schweiß sollte fließen
In der breiten Ader der Furche
Und wenn die Stimmen der Dörfer erklängen,
Sollte es hymnisch nur sein.

Ich wünschte, dass Fruchtbarkeit wäre
Auf der westlichen Seite der Welt …
Von jedem Sterne — Wellen ausstrahlten
Und sich Gold aus all dem Weizen ergösse.
Und wenn die Schafe auf dem Berge weideten,
Sollten da Gras und Blumen sein.

Ich wünschte, dass alles im Überfluss wäre
Auf der nördlichen Seite der Welt …
In dem goldnen Weizenmeer
Sollte für immer die Sense schwimmen.
Und wenn die Tore des Weizenspeichers sich öffneten,
Sollte es eine Freude sein.

Ich wünschte, dass Fruchtbarkeit wäre
Auf der südlichen Seite der Welt …
Der Honig im Bienenstock erblühte,
Der Wein in den Gläsern überflösse.
Und wenn die Bräute gute Brote backten,
Wäre dies wie ein Liebesgesang.

Deutsch von Thomas Rackwitz

Aus: Eine Handvoll Asche. Texte armenischer Autoren, Opfer des Genozids 1915. Oschersleben: dr. ziethen, 2015, S. 21

Silja Walter 100

Silja Walter

(* Cécile Walter am 23. April 1919 in Rickenbach bei Olten; † 31. Januar 2011 im Kloster Fahr)

TÄNZERIN

Der Tanz ist aus. Mein Herz ist süß wie Nüsse,
Und was ich denke, blüht mir aus der Haut.
Wenn ich jetzt sacht mir in die Knöchel bisse,
Sie röchen süßer als der Sud Melisse,
Der rot und klingend in der Kachel braut.

Sprich nicht von Tanz und nicht von Mond und Baum
Und ja nicht von der Seele, sprich jetzt nicht.
Mein Kleid hat einen riesenbreiten Saum,
Damit bedeck ich Füße und Gesicht
Und alles, was in diesem Abend kauert,
Aus jedem Flur herankriecht und mich mißt
Mit grauem Blick, sich duckt und mich belauert,
Mich gellend anfällt und mein Antlitz küßt.

Sprich nicht von Tanz und nicht von Stern und Traum
Und ja nicht von der Seele, laß uns schweigen.
Mein Kleid hat einen riesenbreiten Saum,
Drin ruht verwahrt der Dinge Sinn und Reigen.

Ich wollte Schnee sein, mitten im August,
Und langsam von den Rändern her vergehn,
Langsam mich selbst vergessen, ich hätt Lust,
Dabei mir selber singend zuzusehn.

Aus: Silja Walter: Gedichte (Die kleinen Bücher der Arche). Zürich: Arche, 1950, S. 33

Zufällige Gedanken bey dem Rath einiger Freunde

Christiana Büsching

(auch Christiane Büsching, geborene Polyxena Christiane Auguste Dilthey; * 11. Dezember 1728 in Köthen, Anhalt; † 22. April 1777 in Berlin)

Aus: Zufällige Gedanken bey dem Rath einiger Freunde, sich in mehreren Wissenschaften zu üben

Ja meine unschuldsvolle Lieder,
Die nur Natur und Trieb gezeugt,
Ihr stärket mein Vergnügen wieder,
Das andre Wissenschaft gebeugt;
Ihr könnt mich auch im Denken üben,
Wie mein Geschick mir angeschrieben.

So übet ferner meine Sinnen,
Und wenn ihr weiter glücklich seyd,
Auch andrer Beifal zu gewinnen,
Selbst wenn die Tadelsucht euch dreut:
So lasset davon iedes Zeichen
Zu eurer Besserung gereichen.

Sonst wart ihr meine stille Freude
Selbst Freunde sahen euch nicht oft;
Ich furchte mich vor keinem Neide
Auch hab ich auf kein Lob gehoft,
Blos zum Vergnügen meiner Seelen
Wolt ich der Dichtkunst Lust erwählen.

Aus: Der Jungfer Polyxenen Christianen Augusten Dilthey, Kaiserl. gekrönten Poetin, und Ehrenmitglieds der Königl. deutschen Geselschaft in Göttingen, Uebungen in der Dichtkunst. Halle: Carl Christian Kümmel, 1752, S. 119

Die Wahrheit ist von neuem geborn

Zu dem Leser dieser nachfolgenden Büchlein
Ulrich von Hutten

Die Wahrheit ist von neuem geborn,
  Und hat der Betrug sein Schein verlorn,
Des sey Gott jeder Lob und Ehr,
  Und acht nicht fürder Lügen mehr
Ja, sag ich, Wahrheit was verdruckt, (a)
  Ist wieder nun hervor geruckt.
Deß sollt man billig genießen Lohn,
  Die darzu haben Arbeit gethon.
Dann vielen es zu Nutz erschleußt,
  Wiewohl es manchen auch verdreußt,
Die faulen Pfaffen lobens nit,
  Darum ich jeden Frommen bitt,
Daß er gemeinen Nutz bedenk,
  Und kehr sich nicht an lose Schwänk,
Es ist doch je ein Papst nicht Gott,
  Denn auch ihm ist gewiß der Tod,
Ach, fromme Deutschen, halt ein Rath,
  Das nun so weit gegangen hat,
Daß's nicht geh wieder hinter sich,
  Mit Treuen hab's gefordert ich
Und b'gehr des anders keinen Genieß,
  Dann wo mir geschäh deshalb Verdrieß.
Daß man mit Hilf mich nicht verlaß,
  So will ich auch geloben das.
Von Wahrheit ich will nimmer lan, (b)
  Das soll mir bitten ab kein Mann;
Auch schafft zu stillen mich kein Wehr,
  Kein Bann, kein Acht, wie fast und sehr (c)
Man mich darmit zu schrecken meint,
  Wiewohl mein fromme Mutter weint,
Als ich die Sach hätt g'fangen an,
  Gott wöll sie trösten, es muss gahn, (d)
Und sollt es brechen auch vor'm End,
  Will's Gott, so mag's nicht werden gewend, (e)
  Darum will brauchen Füß und Händ. (f)

        Ich hab's gewagt.

(a) war unterdrückt
(b) lassen
(c) die Reichs-Acht (Ächtung) durch den Kaiser; fast: fest
(d) gehen
(e) abgewendet, verhindert, unterdrückt
(f) will ich gebrauchen

Aus: Gespräch-Büchlein  Herrn Ulrichs von Hutten (1521), in: Gedichte von Ulrich von Hutten und einigen seiner Zeitgenossen, hrsg. von Aloys Schreiber. Heidelberg: C.F. Winter, 1824, S. 4f

(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg in Schlüchtern; † 29. August 1523 auf der Ufenau im Zürichsee)

Das Herz ein befestigter Ort

Paul Celan

(* 23. November 1920 in Czernowitz, Rumänien; † vermutlich 20. April 1970 in Paris)

NACHMITTAG MIT ZIRKUS UND ZITADELLE

In Brest, vor den Flammenringen,
im Zelt, wo der Tiger sprang,
da hört ich dich, Endlichkeit, singen,
da sah ich dich, Mandelstamm.

Der Himmel hing über der Reede,
die Möve hing über dem Kran.
Das Endliche sang, das Stete, –
du, Kanonenboot, heißt „Baobab“.

Ich grüßte die Trikolore
mit einem russischen Wort –
Verloren war Unverloren,
das Herz ein befestigter Ort.

kultur

norbert c. kaser

(* 19. April 1947 in Brixen, Südtirol; † 21. August 1978 in Bruneck)

Aus: norbert c. kaser: gedichte (gesammelte werke band 1) Hrsg. Sigurd Paul Scheichl. Innsbruck: Haymon, 1988, S. 413

svp: Südtiroler Volkspartei

it.: Italiener

Hymne auf die schwarze Fassade am Rande der Nacht

Ludwig Meidner

(* 18. April 1884 in Bernstadt an der Weide, Schlesien; † 14. Mai 1966 in Darmstadt)

Hymne auf die schwarze Fassade am Rande der Nacht

Abendröte, windige, du enteilst? Ihr Türen, ihr schnarchenden Türen. Ihr Treppen, ihr Flure, ihr wilden, wilden Fenster. Blutbesudelte, treppauf, treppab. Keller und Boden, Tische und Hoden. Ihr Spinde, Flaschengehäuse und Kuckucksuhren. Gelächter der Hebammen. Aus den Kellerluken fromme Flüche. Aus den Fässern Groll und Hohn. Aus den Kammern eines Kindleins karger Ton . . .

Über alle Dächer rennt die Nacht. Flennt und lacht. Menschen, in euern Budiken, zerdrückt und zerschlissen. Wisperer in den tiefen Alkoven, zerbrechet das Schneckenhäuslein um euch . . . Bettelpack hinter Dächern. Hinter Fächern feile Dirnen. Hinter Stirnen, Firnen, Hirnen . . . Frohlockende, rötliche Nacht. Menschenluder, heraus aus eurer Trübsal! Blast die magern Backen auf und schlagt Alarm. Reveille aus euren Hintern. Ächzende Flüche der Kommoden. Der Grammophone Gurren. Der Bettgestelle Knurren. Gesang der Kakerlaken in Kabache und Kabuse!

Nacht, Nacht! wann erhebst du deine heißen Hände und entzündest die Bauten, die Balken, die bellenden Balkone?! Wann schreist du, Wanst, hell auf?!!

Aus: Ludwig Meidner: Septemberschrei. Hymnen / Gebete / Lästerungen. Mit vierzehn Steindrucken. Berlin: Paul Cassirer, 1920, S. 80

Aus den Sonetten an Ead

Anton Wildgans

(* 17. April 1881 in Wien; † 3. Mai 1932 in Mödling, Niederösterreich)

XXVIII.

Sie ist die Eine, die wie ein Magnet
Die Wünsche anzieht, daß sich nichts zerstreue.
Sie ist die Gestrige und immer Neue,
Die Ratende, die ohne Wink versteht.

Sie ist der Rausch, der sich bacchantisch dreht,
Nach dem es weder Jammer gibt noch Reue,
Sie ist die Dirnenhafte und die Treue,
Die rote Orgie und das Gebet.

Sie ist die Lust, durch die der Geist gesiebt,
Leicht wird und stark, die Gipfel zu erschweben –
Vielleicht nur einer fernen Stimme Beben,

Der Traum von etwas, das es niemals gibt,
Doch den geträumt zu haben und geliebt,
Erträglich machen könnte dieses Leben.

Aus: Anton Wildgans: Die Sonette an Ead. 1.-5. Tsd. Leipzig: Staackmann, 1913, 34

Notre Dame



Poesiealbum 147. Julian Przyboś. Berlin: Neues Leben, 1979, S. 13

Litteraten

Gustav Sack

(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)

Litteraten

Wie sich das spreizt und plusternd bläht,
wie sich das auf den Hacken dreht,
wie sich das neigt und artig schwänzelt
und zierlich umeinander tänzelt,
wie sich das streichelt und hofiert
und seine Stümpersätzchen schmiert,
als seien sie das Salz der Erden,
kann nicht genug verspottet werden;
und wenn sich das dann noch verbündet
und Dichterschutzverbände gründet –
das kann man nicht genug verachten!

In: Gustav Sack: Versensporn 35. Jena: Edition POESIE SCHMECKT GUT, 2019, S. 14

Erste Niederschrift

Erika Burkart

(* 8. Februar 1922 in Aarau; † 14. April 2010 in Muri AG)

Erste Niederschrift

Zwischen zwölf und eins in der Nacht
aus dem Bett gekrochen zum Schreibtisch
unter das Licht-Trapez an der Decke,
durch das man ausfliegen kann.
Ein Zettel, ein Bleistift. Die Nacht-Schrift,
kaum zu entziffern am Tag.

Oder beim Kochen: Drei Zeilen,
schubladisiert bei Schöpflöffel, Messern,
ergänzt in der Bahn.

Erwachen mit einem Satz,
wenn sich der Baum aus dem Nebel schält.
Wer schrieb das erste Wort in den Sand,
kratzte es in den Stein,
elementare Botschaft, verschüttet
in einem verwunschenen Berg?

Aus: Langsamer Satz. Zürich: Ammann Verlag, 2002

Österreich

Hans Adler

(* 13. April 1880 in Wien; † 11. November 1957 ebenda)

SONETT AUS ÖSTERREICH

(1909)

Bei uns zu Haus da weht ein lauer Wind,
Der macht Gehirn und Rückgrat zeitig weich.
Wir singen stolz: O du, mein Österreich!
Und zahlen Steuern, fromm und wohlgesinnt.

Was fehlt uns denn? Das Land ist schön und reich,
Der Wein ist gut, der durch die Kehle rinnt,
Und, Brüder, vor dem Strafgesetze sind
Wir ohne Unterschied der Sprache gleich.

Was draußen lebt und kämpft und blüht und drängt,
Wagt sich an unsern Dunstkreis nicht heran.
Der Sumpf ist tief und wehe dem, der denkt!

Wir glauben, daß ein guter Gott uns lenkt
Und daß uns schließlich nichts passieren kann;
Und unser Horizont ist schwarz verhängt.

Aus: Hans Adler: Erzählungen und Gedichte. (Randfiguren der Moderne). Hannover: Postskriptum, 1992, S. 55

Wasserstück

Christoph Arnold

(* 12. April 1627 in Hersbruck; † 30. Juni 1685 in Nürnberg)

Es fliessen die süssen hellgläsernen Wässer/
begrasen den Wasen/ verglasen die Fässer:
Erfrischen den Fischen die strudlende Flut/
                            die brudlende Strut.
Es rinnen die Brünnen/ die Wässerlein glatschen/
die flitschen und flatschen/ pfitschpfatschen und platschen:
Es wüthlet und mürmlet die lispelnde Quell
                            auß wisplender Zell.
Sie netzet und flötzet mit wunderanschauen ;
Es flinken und blinken die gleissenden Auen:
Es säuslet/ verkräuslet/ der schlirfende Zwang
                            den schlifrichten Gang.
Es rieseln in Kieseln die schwellenden Quellen/
Es güssen und gisten die quellenden Wellen ;
Sie rauschen und bauschen ; es wallet zum Fall
                            das Flutengelall.

Aus: M. Christof Arnolds Kunst-spiegel, darinnen die hochteutsche Sprach nach ihrem merckwürdigen Uhraltertuhm, ersprießlichen Wachstuhm und reich-völligen Eigentuhm auf fünfferlei Gestalten Denkzeitweis außgebildet. Nürnberg: Dümler, 1649, S. 34f

Lebensfeier

Carl Michael Bellman

Fredmans Lied Nr. 9 [16]

darinnen von Nektar, <Busen und anderen Herrlichkeiten die Rede ist


Deutsch von Peter Hacks. Ill. Werner Klemke. Aus: Carl Michael Bellman: Fredmans Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad. Leipzig: Reclam, 1978, S. 62ff

Babur

Zahiruddin Muhammad, auch Babur der Tiger genannt, Ur-Ur-Urenkel von Tamerlan, Begründer der Moguldynastie und erster Grossmogul von Indien, der auch ein bedeutender Dichter war (wenn auch hierzulande kaum bekannt).

Er wurde im gleichen Jahr wie Luther geboren, die digitalen Quellen vermelden unterschiedliche Daten

  • * 14. Februar1483 in Andischon, Ferghanatal, heute Usbekistan; † 26. Dezember 1530 in Agra, heute Indien (Wikipedia deutsch, englisch, französisch, russisch pp.)
  • 15. Februar (Wiki niederländisch)
  • 16. Februar (Wikipedia spanisch)
  • 23. Februar (Google deutsch)

Und weitere. Wie auch immer: Hier ein Gedicht des kaiserlichen Dichters:

„In seinen Erinnerungen berichtet Babur auch davon, daß er nach Überquerung des Passes auf einen Stein ein Gedicht ritzte …:

„Ich habe die Kunde vernommen, einst
habe Jamschid der Schöne
Solches auf einen Stein am Rand
eines Sprungquells verfaßt:
‚Viele haben [wie] wir einst die Luft
dieser Quelle geatmet.
Und wurden im Augenblick drauf
plötzlich vom Tod überrascht.
Mit Tapferkeit und mit Mut
haben die Welt wir erobert,
Aber wir haben sie nicht mitgenommen
ins Grab.“ (8)

Der tadzhikische Gelehrte Achror Muchtarov hat im Jahre 1953 den Inschriftenstein wiederentdeckt.

Babur überquerte den Obburdon offenbar häufiger. Erst im Sommer 1504 brach er aus Fergana nach Süden auf, zog hinab nach Afghanistan und weiter nach Indien. Babur starb 48jährig als Herrscher von Indien; seine Grabstätte aber liegt in Kabul.“

Aus: Archäologisches aus Ustrushana (Universität Halle)