logo2a

Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Er legte sich zu mir

Róža Domašcyna

(* 11. August 1951 in Zerna, Landkreis Kamenz)

Er legte sich zu mir

am rande des marktes legte er sich zu mir
ich sagte habnichts so binnichts
er sagte trink den wein den man dir nachträgt
ich sagte wärm dich bei Vielhabens auf
doch er legte sich zu mir
denn ich besitze ein wort ohne ort
ein gedicht ohne gericht
eine schelle ohne elle
und ein schloß ohne schlüssel
dahin führt ein weg ohne steg
der ist unten gemauert und oben gemalt

er legte er sich zu mir
legte sich doch zu mir

Aus: Róža Domašcyna, stimmfaden. gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 2006, S. 25

Meine Mutter sagte

Athena Farrokhzad

Aus: Bleiweiß

Meine Mutter sagte: Im Schlaf deines Vaters werdet ihr zusammen hingerichtet
Im Traum deines Vaters bildet ihr eine Genealogie der Revolutionäre

Mein Vater sagte: Einen Löffel für die Henker
einen Löffel für die Befreier
einen Löffel für die hungernden Massen
Und einen Löffel für mich

Mein Vater sagte: Wer wird sprachlos in einem Gedicht über Sprache
Meine Großmutter sagte: Wer wird aufgedeckt in einem Gedicht über Begehren
Meine Mutter sagte: Wer wird verraten in einem Gedicht über Verrat

Aus: Athena Farrokhzad: Bleiweiß. Gedicht. Aus dem Schwedischen von Clara Sondermann. Berlin: Kookbooks, 2019

Leybold für Morgenstern

Zwei Gedenktage in einem: Hans Leybold (* 2. April 1892 in Frankfurt am Main; † 8. September 1914 in der Garnison Itzehoe) dichtet einen Nachruf auf Christian Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol).

Auch ein Nekrolog
für Christian Morgenstern

O Christian, wir glätten weinend unsre Bügelfalten:
auf Feuerleitern krochen wir mit dir in rhythmische Gerüste.
Mit dem Zement der Ironie ausfülltest du die Spalten
vermorschter Traditionen Mauer. O metaphysisches Gelüste.
O Huhn und Bahnhofshalle! Weit entfernte Latten!
Ihr Wiesel, Kiesel, mitten mang det Bachjeriesel!
Palmström, du ohngeschneuzter, den sie kastrieret hatten!
Genosse Korf, du nie banaler Wennschon — Stiesel!
(Verzeiht den Kitschton. Mich übermannte hier die Rührung:
Verzeih besonders du, Kollege Untermstriche:
schon hab ich in der harten Hand der Verse Führung
wieder; und komme mir auf meine Schliche.) —
Nun quäkt der Turmhahn geil auf Staackmanns Miste
sein Kikriki, und ist bald Ernst, bald Otto.
Verleger reißen sich die Haare aus, als ob das müßte,
und spielen mit der Perioden-Presse trotzdem Lotto.
O Christian: wie später Gotik wandgeklatschter Freske
(im spitzen Reigen härmender sebastianischer Figuren):
du paßtest nicht in unsren Krämerkram, du fleischgewordene Groteske;
nicht schmiegte sich dein edler Vollbart in die Schöße unsrer Huren!
Das Literatenleben, o du mein Christian, ist doch nicht besser
als das ärarische. (Sie dichten zur Musik von Walter Kollo!)
Wir tanzen zwischen Film und Feuilleton auf scharfem Messer …
Freu dich! Sei tot! Grüß mir, im Glanz geölter Locken, den Apollo!

Aus: Hans Leybold, „Gegen Zuständliches“. Glossen, Gedichte, Briefe. Hrsg. Eckhard Faul. Hannover: Postskriptum, 1989 (Randfiguren der Moderne), S. 49

Persisches Pärchen

Heute vor 15 Jahren starb der Dichter Thomas Kling. Hier ein Gedicht aus der Anthologie „Selbstzeugnisse. Sechsmal Gedichte“, die 1985 in der Eremitenpresse Düsseldorf erschien. Das Gedicht wurde 1986 in den ersten „eigentlichen“ eigenen Band „Erprobung herzstärkender Mittel“ aufgenommen.

PERSISCHES PÄRCHEN

der halbsichtbare handschenkel unterm
beiseitegeschobenen blumenkleid; aus
dem geb lümten ärmel die schenkelhand,
halbsichtbar. der halbgeöffnete hand
rücken mit haaren liegt auf der per
sischen innenseite ihres halbgeöffneten
schenkels, seine hand (nicht beiseite
geschoben) also in ihrer vollends g
öffneten schenkelfläche, in behaarungs
nähe. der gemeinsame blick. ihrer behaarten
äugen (geöffnet, braun): ihre persische
augenbetrachtung!
                 & das seismische zittern
des betrachters, nicht wahr, wie wespen
fleisch, wie welpen, auf der suche (fieber)
nach behaarten haaren, während das beben
des beiseitegeschobenen, geöffneten paars
letztendlich nicht verzeichenbar ist. und
flugs auf die sprachdüse oder -drüse des
betr ach ters gedrückt, die augenblicklich
(oder -scheinlich) die Interjektion ‘ah‘
absondert

Hunger

Anna Krommer

(* 31. März 1924  in Dolny Kubin, Tschechoslowakei)

Hunger
(London 1944)

Ich kann sie zählen und zählen,
doch die Münzen vermehren sich nicht.
Ich rieche Gerüche, die mich quälen
im kleinen Cafe, bei schwachem Licht.
Ich bin von allen vergessen.
Ich schweige, nur mein Magen stöhnt.
Überall sehe ich Menschen essen —
auch ich war so verwöhnt.
Der Kopf ist schwach,
die Straßen schwanken,
den langen Weg gehe ich zu Fuß.
Lichter tanzen, Glieder wanken.
Ein Künstlerleben ist doch kein Genuß.
An kalten Nächten möchte ich vergessen,
daß mich der Hunger grausam zwickt;
am Morgen weckt er mich indessen
in eine wohlbekannte Pein zurück.
Manchmal weine ich lang, doch leise —
dann kommt ein wenig Geld, ein wenig Glück.
Doch statt zu essen auf die beste Weise,
kauf ich mir Karten für Konzertmusik.

Aus: Anna Krommer: Staub von Städten. Ausgewählte Gedichte. Wien: Theodor Kramer Gesellschaft, 1995, S. 29

Komm Du

Hannah Höch

(* 1. November 1889 in Gotha; † 31. Mai 1978 in Berlin)

[Liebesgedicht für Raoul Hausmann]

Komm Du,
fange die blauen Bälle
meines Da-Seins –
sie blühten aus lebenden
Wiesen und rundeten im Sonnenofen
Du mußt nicht mit
dem Metermaß kommen. –
alle sind rund, und
die kunterbunten Flecken
malte meine Seele darauf.
Meine Seele, die einen roten
Teppich webt – auf dem
wir tanzen können,
wir,
zwei Wissende
wir,
zwei Lächelnde!

Aus: Hanne Bergius, Das Lachen DADAs. Die Berliner Dadaisten und ihre Aktionen. Gießen: anabas, 1993, S. 134

Seite aus: Das Lachen DADAs

Die Flucht nach Lesbos

Yvan Goll

(* 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; † 27. Februar 1950 bei Paris)

Aus: Tristan Torsi [d.i. Yvan Goll], Films. 1914

Der Herausgeber spricht:

Der Expressionismus ist keine neue Religion, die hier gegründet wird. Er ist schon längst das tägliche Brot der Malerei. Er ist eine Seelenfärbung, die (für die Techniker der Literatur) noch nicht chemisch analysiert war und daher keinen Namen hatte.

Expressionismus liegt in der Luft unserer Zeit, wie Romantik und Impressionismus die einzige Lebensmöglichkeit früherer Generationen waren.

Expressionismus entfernt sich streng von ihnen. Er verleugnet jene Kunstgattungen des l’art pour l’art, denn er ist weniger eine Kunstform als eine Erlebnisform. Im Goetheschen Sinn.

Expressionismus nähert sich der Klassik. Er hat mehr Gehirn als Gefühl, er ist mehr Extase als Traum. Und so ist er klassizistisch, ohne den Anspruch zu haben, je klassisch zu werden.

Aus: Yvan Goll, Die Lyrik in vier Bänden. i: Frühe Gedichte 1906-1930. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Glauert-Hesse im Auftrag der Fondation Yvan et Claire Goll, Saint-Die-des-Vosges. Berlin>: Argon, 1996, S. 9

Die Flucht nach Lesbos

Gold
War gerollt
In der Nacht,
Und beide, Clo und Gynn,
Tänzerin und Tänzerin,
Hatten getollt und hatten gelacht.

Aber morgens, von den Fräcken verlassen,
Fanden ihre blassen
Hände sich …
Morgen weinten Clo und Gynn,
Und sie flohen, Tauben im Winde,
Bis zur seligen Insel hin.

Und ihr nachtschwarzes Tanzgewand
Flatterte mit der Nacht über Land,
Dass sie nun standen wie rosa Wolken,
Dass sie Hände hielten wie Möwen,
Dass sie Hüften bauschten wie Wellen,
Dass sie Füsse trugen wie Muscheln,
Dass sie stiegen, morgengross,
Schoss an Schoss.

Ebd. S. 13

Das Gedicht

Anna Achmatowa

( * 11. Juni jul./ 23. Juni 1889 greg. in Bolschoi Fontan bei Odessa; † 5. März 1966 in Domodedowo bei Moskau)

Berufsgeheimnisse. 1. Das Gedicht

2

Was solln mir der Oden endloses Heer,
Der sanfte Klang verschlungener Elegien …
Ich sage: ins Gedicht gehört das Unerhörte,
Nicht wie’s bei den Leuten ist.

Und wüßten Sie, wie ohne jede Scham
Gedichte wachsen, und aus welchem Müll!
Wie durch das Zaunloch gelber Löwenzahn,
Wie Melde und Dill.

Ein ärgerlicher Ruf, frischer Geruch von Teer,
Geheimnisvoller Schimmel an der Wand …
Und unverschämt und zärtlich tönt der Vers,
Ihnen und mir zum Spaß.

  1. Januar 1940

Deutsch von Rainer Kirsch. Aus: Poesiealbum 240. Anna Achmatowa. Berlin: Neues Leben, 1987, S. 27

Fragmentarische Ode

Sappho

(* zwischen 630 und 612 v.u.Z.; † um 570  v.u.Z.)

Aber mir verschlägt’s schon den Atem, wenn ich
flüchtig nur dein Antlitz erblicke. Hilflos
duckt sich dann das Herz in der Brust zusammen
lähmende Schwere

überkommt die Zunge, und gleich beginnen
Fieberschauer unter der Haut zu rieseln.
Vor den Augen wird es wie Nacht, ein Dröhnen
füllt mir die Ohren,

kalter Schweiß bedeckt mich, die Glieder zittern,
bleicher wird die Wange, die Hand wird bleicher
als das Wintergras. Und ich denke sinkend,
dies sei das Ende.

Dennoch läßt sich alles ertragen, wenn nur . . .

Deutsch von Manfred Hausmann, aus: Sappho, LIEDER UND BRUCHSTÜCKE. Übertragen von Manfred Hausmann. [Das Gedicht. Blätter für die Dichtung]. Hamburg: Heinrich Ellermann, o.J. (1948), unpag.

Leichtes Extravagantenlied

Ferdinand Hardekopf

(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)

Wir Gespenster
(Leichtes Extravagantenlied)

Wir haben all unsere Lüste vergessen,
In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen;
Erleuchtete Tore locken uns sehr,
Doch die Angst ist gering — wir brauchen viel mehr.

Als Knaben sind wir ins Theater gegangen,
Nach gelben Actricen ging unser Verlangen;
Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft,
Der Bürger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft.

Für Haeckel-Vergnügungen dankten wir bestens,
Da flohen wir zitternd ins Café des Westens
Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hyänen,
Die scharren nach goldenen Löwenmähnen.

Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben:
Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben.
Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen,
In Cinémas suchen wir Grauen zu fressen.

Aus: Ferdinand Hardekopf, Lesestücke (Aktions-Bücher der Aeternisten). Berlin-Wilmersdorf: Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert), 1916, S. 6

Corona

Jun Er
CORONA

The virus sifts country by country.
Tests public trust & civilization,
tests civil spirit & responsibility,
tests dictatorship & democracy,
tests freedom and love.
This poison poised for destruction
should also belong to life.

March 10, 2020
Translated by Martin Winter, March 2020

Jun Er
CORONA

Das Virus siebt Land für Land,
prüft öffentliches Vertrauen, den Grad an Zivilisation,
das allgemeine Niveau, den Sinn für Verantwortung.
Es prüft Diktatur und Demokratie,
prüft Freiheit und Liebe.
Dieses Gift wird ausgelöscht werden
und sollte auch zum Leben gehören.

  1. März 2020
    Übersetzt von Martin Winter im März 2020

《冠状》

君儿

病毒一国一国地过筛子
检验公信力和文明程度
检验公民素质和责任心
检验专制与民主
检验自由与爱
这个注定将被消灭的毒
应该也属于生物

2020.3.10

Mehr hier

Aussicht

Friedrich Hölderlin

(* 20.März 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in Tübingen)

Aussicht

Der off’ne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh‘ des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Glanz des Tages mildern.
Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen.
Die prächtige Natur erheitert seine Tage,
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

D. 24. Merz 1871
Mit Unterthänigkeit
Scardanelli.

Dieses Gedicht aus Hölderlins Zeit im Tübinger Turm wurde zuerst in einem Nachruf auf Hölderlin von Friedrich Wilhelm Hackländer in der Kölnischen Zeitung vom 23. Juni 1843 gedruckt. 1870 erschien das Gedicht noch einmal in einem Artikel zu Hölderlins 100. Geburtstag mit einigen textlichen Abweichungen und der Behauptung, es bei einem Besuch im Mai 1843, also in den letzten Lebenswochen des Dichters, erhalten zu haben. 1983 erwarb das Literaturarchiv Marbach die Handschrift, vermutlich Hackländers, mit der Datierung: „Den 12 April 1842 / von Hölderlin, dem Unglüklichen geschrieben“.
In der Stuttgarter Ausgabe Friedrich Beißners lautet die fingierte Datierung Hölderlin-Scardanellis: 24. März 1671, was auf den zweiten Druck von 1870 zurückgeht und erst durch die Handschrift auf 1871 korrigiert wird.

Maria Luise Weißmann

Maria Luise Weißmann

(* 20. August 1899 in Schweinfurt, † 7. November 1929 in München)

Juni 1919

Die dunkle Frühe trägt mich schwer im Schoß,
Sterbend die mich gebar dem blassen Morgen;
Mit Heckenrosen werd ich langsam groß,
Berg muß mir seine blauen Schatten borgen,
Wenn Mittag mich in steiler Glut versehrt.
Zum Abend führt, von müder Last beschwert,
Bachüberwankend scheu das schmale Brett.
Stumm stürzen nachts die weißen Wände ein,
Die schwarzen Wälder schreiten um mein Bett.

Aus: Maria Luise Weißmann, Das frühe Fest. Gedichte. Pasing bei München: Bachmair, 1922, S. 12

Wilhelm Runge

Wilhelm Runge

(13. Juni 1894 Rützen, Schlesien – 22. März 1918 bei Arras, Frankreich)

Meine Augen wollen wandern
alle Wege
deines Leibes
doch schon auf dem Rücken deiner Hand
brechen sie zusammen
überall bist du ganz steil
unzugänglich
schüttelst Spott
übers Zagen meines Fußes
durch die wäldersamtne Haut
deines Blutes grollendes Gewitter
schleppt der Schwüle Zunge
lechzend
alle Vögel zwitschern schluchzend
ins Gefieder
Biene bin ich
all dein Blühen schweigt
und der Stirne offne Hand
ist verschlossen

Aus: Wilhelm Runge. Versensporn 5. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2012. 2. Aufl. 2016, S. 8f

An van Hoddis

Robert Jentzsch

(* 4. November 1890 in Königsberg; † 21. März 1918 in der Schlacht von Cambrai)

An Jacob van Hoddis

Wir lügen Spiel von wortgeblümtem Fühlen.
Und Liebe. Mit kaum wahrgenommnem Beben.
Und wenn die Abendgärten sich beleben,
Wandern wir auch, ein zärtlich Paar, im Kühlen.

Wenn wir zu den verborgnen Lieblings-Plätzen,
Moosbänken, tief im Walde, heimlich wandern,
So glauben wir – wie stolz auf solche Schätze –
Zwar kaum uns selbst, doch beinah schon dem andern.

Wenn sich bei Tisch Hand oder Kniee treffen.
Werden wir rot, wie wirklich im Verlieben.
Doch keines merkt, daß wir einander äffen,
Daß diese zwei sich nur im Schauspiel üben.

Denn wohl ist uns doch einzig im Café,
Wenn wir bei Vermouth, Mocca und den frischen
Pariser Waffeln in der Ecke sitzend,
Die Schweinchen-Verse des van Hoddis lesen.

Aus: Robert Jentzsch. Versensporn 29. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2017, S. 14