Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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518 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.
Pierre Reverdy
(* 13. September 1889 in Narbonne; † 17. Juni 1960 in der Abtei Saint-Pierre bei Solesmes)
Ein Schweigen das lügt
Warte warte
sanftmütig im Qualm der Fackeln
entfesselten Atems den der Sturm skandiert
Körner voll Lebens treiben über den Boden
und füllen nach und nach die Radspuren
Es schreit der Wind er wechselt die Richtung
im verzweifelten Lauf der eroberten Geschicke
Schwarz oder weiß
aber auf der Stirn ist er rot
Im Inneren des Himmels wo die Schmiede geheizt wird
warte auf den Augenblick deinen Knebel zu winden
Auch zum Beißen ist der Mund gemacht
zu geifern und den Schweiß zu trinken der Furchen zieht
zum Lachen zum Lügen
deine Befreiung zu singen
Rosig und frisch wie eine Wunde
war er schöner als vorher
aber er wußte nicht mehr was sagen
Aus dem Französischen von Max Hölzer, aus: Pierre Reverdy: Quellen des Windes. Gedichte aus den Jahren 1915 – 1948. München: Kösel-Verlag, 1970, S. 111
Le Silence qui ment
Attends attends
Placide dans la fumée des torches
Le souffle déchaîné que rythme la tourmente
Une traînée de grains pleins de vie sur le sol
Comble peu à peu les ornières
Il crie le vent qui change ses ressorts
Dans la course éperdue des destinées conquises
Noir ou blanc
Mais il est rouge au front
A l'intérieur du ciel où l'on chauffe la forge
Attends le moments de tordre ton bâillon
La bouche est faite aussi pour mordre
Pour baver et boire la sueur qui creuse des sillons
Pour rire pour mentir
Pour chanter ta délivrance
Rose et fraîche comme une cicatrice
Elle était plus belle qu'avant
Mais elle ne savait plus quoi dire
Ebd. S. 110
Pierre Reverdy
Die Funktion der Poesie (Auszug)
Gibt es auf der ganzen Welt ein Wort, das bedeutungsvoller wäre, von dem ein stärkerer Zauber ausginge, als das Wort Poesie? Gibt es, andererseits, ein zweites Wort, das leichter als dieses verspottet und verkannt – so häufig verwendet und so schlecht definiert würde? Für gewöhnlich dient das Wort, dienen die Worte, dazu, die Dinge zu definieren, zu bedeuten – sie von ihrem Gewicht zu befreien, sie durch den Geist leicht, beweglich und geschmeidig zu machen. Was aber die Dichtung angeht, könnte es scheinen, als hätte man dem Ding das aufgebürdet, was Sache des Wortes wäre. Man sagt, dies oder jenes Ding sei poetisch. Man glaubt, einander zu verstehen. Aber rasch gewahrt man, daß man sich schon nicht mehr so gut versteht, sobald man sich anschickt, genauer zu bestimmen, weshalb und inwiefern dies oder jenes poetisch ist oder nicht. Und zwar vielleicht bloß darum, weil man das, was man bezeichnen möchte, dort unterbringt, wo es sich nicht befindet.
Die Poesie ist nicht in den Dingen – so wie Farbe und Duft in der Rose sind und von ihr ausgehen –, sie ist im Menschen, und nirgends sonst, und der Mensch legt sie in die Dinge, wenn er sich ihrer bedient, um sich auszudrücken. Sie ist ein Bedürfnis und ein Vermögen, eine Notwendigkeit für den Menschen – eine jener Notwendigkeiten, die über sein Schicksal entscheiden. Sie ist eine eigene Art des Empfindens und Denkens.
Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, ebd. S. 128
Urs Allemann
psälmchen
mir fällt das hirn raus, mach ich ohne weiter
mich kratzts nicht dass mal schluss ist mit
dem jawozuler, dem warumerich
mein ist das wort pantoffeltierchen – hopsla
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2024, S. 204
189 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Karl Kraus
(* 28. April 1874 in Jičín, Böhmen, damals Österreich-Ungarn; † 12. Juni 1936, heute vor 90 Jahren, in Wien)
KOMPETENZ VOR DER SPRACHE Ja, die Sprache beherrscht unser Herr, der Kommis. Ihm ist sie zur Hand und mich zwingt sie aufs Knie. Sie ist seine Magd und er geht mit ihr um, und ich bin ihr Diener und mich macht sie stumm. Was hör' ich? Wer vor einem Bild sich nicht traut zu sprechen, wird vor dem Gedichte laut? Das macht, er selbst kann nicht malen, doch sprechen, drum kann er sich gleich an dem Sprachwerk rächen. Wenn einer vor Symphonieen zwar schweigt, so weiß er doch, wie so ein Dichter geigt! Das macht, er kann selber sprechen, nicht geigen, drum wird er einmal es dem Dichter zeigen. Man sollte die Kompetenzen vermehren, die sprechenden Esel auch singen lehren, und die Umgangsmusik durch die Kunst noch ergänzen, die Kleider mit Farben anzutrenzen. Die Frage »Wie gehts?« sei gemalt, sei gesungen, zur Not sei sie gar in Gips noch gelungen. Daß vor keiner der Künste verstumme, nein nie, der die Sprache beherrscht, unser Herr, der Kommis! Aus: Karl Kraus, Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989 (Schriften, Band 9), S. 151
202 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Zum 80. Geburtstag des Lyrikers Richard Pietraß sein Gedicht auf das Geburtsjahr 1946.
Richard Pietraß
(* 11. Juni 1946 in Lichtenstein (Sachsen))
1946
Im Stichjahr meiner Geburt
War die Welt nicht heil
Meinem gejagten Vater
Brannte das Hinterteil
Meine brave Mutter
Hat mich hungernd getragen
Ihre wortlose Güte
Ist nie zu Buche geschlagen
Den Geschwistern dreien
Bin ich Mitesser gewesen
Sie werden mir verzeihen
Wenn sie die Zeilen lesen
Der Himmel lag in Scherben
Noch Gott gebrachs an Leim
In Asche gingen die Erben
Und suchten die Wälder heim
Wer einen Schuppen gefunden
Genoß die ärmliche Lust
Die Mütter zählten die Stunden
In der milchleeren Brust
Im Strichjahr meiner Geburt
War die Welt nicht heil
Daß sie es wenig wurde
Trag ich geringes Teil
Aus: Richard Pietraß: Notausgang. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1980, S. 47
Heute wird der Dichter, Übersetzer und Herausgeber Richard Pietraß achtzig Jahre alt. Seit den 1970er Jahren gehört er zu den prägenden Stimmen der deutschsprachigen Lyrik. Besondere Bedeutung gewann Richard Pietraß auch als Entdecker und Förderer anderer Autorinnen und Autoren. Als Herausgeber (Poesiealbum, Temperamente), Anthologist und Gesprächspartner hat er die deutschsprachige Lyrik über Jahrzehnte mitgestaltet und zahlreichen Stimmen Öffentlichkeit verschafft.
Lieber Richard, alles Gute zum 80. Geburtstag! Sto lat!
221 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
LJ Jeschke
Letztes süßes Stückle
1
Wenn ich Stress habe
Fällt es mir leicht
Zu vergessen
Was mich glücklich macht.
Mit vergessen meine ich nicht nur
Dass ich vergesse
Was mich mal glücklich gemacht hat
Sondern auch, dass ich vergesse
Das zu tun
Was mich glücklich machen könnte
Zum Beispiel, dass ich einen Körper habe.
Und laufen gehen könnte. Es geht nicht.
Ich gehe nicht.
Zum Beispiel, dass ich einen Körper habe.
Und mich auf den Sessel setzen und lesen könnte
Und lesen könnte
Während der Geschirrspüler läuft.
Was wäre das für ein Moment???
Wenn weder ich
Noch ein anderer Mensch auf der Welt
Arbeiten müsste!
2
Nicht nur leben wir in Endzeiten
Jetzt auch noch das:
Guck, dort hinten taumelt
Das letzte süße Stückle dieser Welt
Unangebissen und unerreichbar
Ins ferne, weite Universum.
2024
Aus: LJ Jeschke: 1*er schreibt sich in den Abgrund. Sammlung der Gedichte. hochroth München, 2026, S. 48
LJ Jeschke ist Lyriker*in und Übersetzer*in und lebt in München. Bei hochroth München erschien zuletzt deren Band Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen (2019), der in die Lyrik-Empfehlungen aufgenommen sowie mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. Dey schreibt auf Deutsch und auf Englisch.
Veröffentlichungen
96 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Susanne Eules
WO
Wo könnten wir geborgen sein?
José F. A. Oliver, Finnischer Wintervorrat
kønnten wir
geborgn sein
im herzkam
merruch im
schweigver
weiss --
im stockn
des pen
dels in ner
reichung
des handlosn
ziffernblatts
Aus: Susanne Eules: Ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags. gedichte. Hamburg: Fixpoetry, 2012, S. 26
Wenn man sich auch nur ein bißchen dafür interessiert, was man heute mit Sprache alles machen kann, dann sollte man sich Susanne Eules Gedichte anschauen. Wenn man sich aber dafür interessiert, was Sprache mit einem machen kann, dann muß man es sogar.
Ulf Stolterfoht
276 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Fred von Zollikofer
(4.1.1898 Hamburg – 11.7.1937 Berlin)
MÜDER GLANZ DER FRÜHEN TAGE I.
Wir sind so blaß von Gedanken,
Den sündhaft lächelnden kranken,
Und sind wie die sterbenden Ranken
An herbstlichen Lauben im Wind.
Wir sind so ermüdet von Träumen,
Erstanden in dämmernden Räumen,
Und gleiten wie Blätter von Bäumen,
Die sonnenverlassen sind.
Wir schreiten zart in den Schatten,
Den traurig glänzenden, matten,
Die jung wir empfangen hatten:
Durch irdisches, hilflos, ein Kind.
Aus: Poesiealbum 397. Fred von Zollikofer. Auswahl: Martin A. Völker. Bilder von Ludwig Meidner. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 3
Fred von Zollikofer wurde am 4. Januar 1898 in Hamburg geboren. Sein Vater war ein »Militär«, die Mutter stammte aus einer Berliner Kaufmannsfamilie, wo er aufwuchs. Als Kürassierleutnant überlebte er den 1. Weltkrieg. Nach dem Krieg entfaltete er ein reiches Musenleben als Kritiker, Übersetzer und Herausgeber. Die Morbidität Berlins und das Idyllische neben dem Rauhen und Häßlichen bannten seine Fantasie; dieser wilden Mischung widmete er sein dichterisches Schreiben. Mit seinen Lyrikbänden Die frühen Tage (1921) und Über Maschinen das Licht (1928) zählte Zollikofer zu den aufstrebenden Dichtern und wichtigsten Talenten seiner Generation. Zollikofers Texte durchleuchten jenes urbane Leben, das Ludwig Meidner in seinen Bildern bannte. Die neuen Medien Radio und Film faszinierten Zollikofer, er gehörte zum »Kreis der Zwölf«, der ab 1929 in Hamburg neue Literaturformate für den Hörfunk erprobte. Die Autoren kannten sich durch die Anthologie Junge deutsche Lyrik (1928). (…) Nach 1933 stand er den Nationalsozialisten ablehnend gegenüber, was er mit seinem Leben bezahlte: Er wurde 1936 ins Gefängnis in Spandau und Berlin-Moabit inhaftiert, wo man den Dichter an Tuberkulose infiziert entließ. Qualvoll beendete die Krankheit am 11. Juli 1937 sein Leben.
(Ebd.)
193 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Heinz Czechowski
(Geb. 7.2.1935 Dresden, gest. 21. Oktober 2009 Frankfurt/Main)
Gesang des Deutschen
Du Land des hohen ernsteren Genius!
Du Land der Liebe! Bin ich der deine schon,
Oft zürnt ich weinend, daß du immer
Blöde die eigene Seele leugnest.
Hölderlin
Die zehntausend Leute, die
Gedichte schreiben und
Sich für Lyriker halten
In Deutschland gibt es
Überall Anlässe
Für Gedichte
Butzenscheiben- und
Fachwerkstädte,
Rheinpanoramen
Neuengamme und Buchenwald,
Dresden und Weimar,
Die Elbe, die Oder
Oder den Reichstag, den
Bundestag, oder
Die Tage, die gezählt sind
Wir sind ein großartiges
Volk und eine Nation
Vom Rhein bis zur Oder
Unsere Nachbarn lieben
Uns nicht, und das
Aus gutem Grund
Die BRD, die DDR, das
Wiedervereinigte Deutschland,
Österreich inbegriffen:
Ein Blick genügt,
Um zu begreifen, daß
Der Gesang des Deutschen
Ein Irrtum
Hölderlins
War
Aus: Poesiealbum 395. Heinz Czechowski. Auswahl Hans-Dieter Schütt. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2025, S. 10f
(Zum Preis von €5 oder CHF6 im guten Buchhandel oder beim Verlag)
Poesiealbum, gegründet 1967, ist noch immer eine Gelegenheit, für wenig Geld gute Gedichte zu lesen, ob als Erstbegegnung oder zum Wiederlesen. Im Jahrgang 2025 gab es nach Czechowski: Gerhard Rühm, Fred von Zollikofer und Roland Erb.
260 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
In den Büchern sind die Gedichte aufbewahrt und versteckt. Jeder, der eins liest, erweckt es zum Leben, je nachdem für ein paar Minuten, Stunden, Tage. Man könnte daraus eine umgekehrte Geschichte zu Arno Schmidts Tina oder über die Unsterblichkeit erzählen.
Lilith Tiefenbacher
DA HAUT DER VATER MIT SEINEN TRAURIGEN KNOCHEN
EIN LAND IN DIE WAND
schau wie schön es ist, sagt er, und fletscht die Zähne
wir tun's ihm nach
wir gehen in den Wald und zeigen die Zähne
wir zeigen sie den Wölfen, das ist klar
aber auch Mutter und Vater
wir zeigen sie einander
das ist ein Wackelkandidat, sagen sie
und machen das Licht aus
Zeit schlafen zu gehen
doch auf dem Herd brennt die Milch durch
und auf der anderen Seite der Wand
wimmert immer jemand im Schlaf
reime ich meinem Bruder
einen Vorwand gegen den Krieg
den wir nicht gesehen
nur ausgetragen haben unter den Tischen
sind wir nassgeworden und kalt.
ich schüttle die Bettdecke
ich schiebe die Füße durchs Bett
ich schließe die Fenster
morgen ist ein neuer Tag, sage ich
und meine die Wälder
Gewässer, Geschichten
da fällt der Schnee auf ein Land
das nicht ganz in der Mitte nicht ganz am Rand
das ein Loch ist, das stopft der Schnee
da tragen uns die Wölfe auf ihren Köpfen in den Schlaf
da sehen wir ein Kind, das folgt den Flüssen
folgt dem Wind, das sieht dir ähnlich
murmelt mein Bruder
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2024, S. 32
Lilith Tiefenbacher, geboren 1993, lebt in Berlin
259 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Zum 100. Geburtstag von Allen Ginsberg ein Gedicht im Original und in zwei deutschen Fassungen.
Allen Ginsberg
(* 3. Juni 1926 in Paterson, New Jersey; † 5. April 1997 in New York)
On Burroughs' Work
The method must be purest meat
and no symbolic dressing,
actual visions & actual prisons
as seen then and now.
Prisons and visions presented
with rare descriptions
corresponding exactly to those
of Alcatraz and Rose.
A naked lunch is natural to us,
we eat reality sandwiches.
But allegories are so much lettuce.
Don't hide the madness.
San Jose, 1954
Zu Burroughs' Werk
Methode: nichts als schieres Fleisch
ohne symbolische Soße,
echte Gesichte & echte Gefängnisse
gesehn wie einst und jetzt.
Gefängnisse und'Gesichte geboten
in Beschreibungen ohnegleichen,
die Alcatraz und der Rose
ganz genau entsprechen.
Ein nackter Lunch ist uns natürlich,
wir essen Wirklichkeits-Schnitten.
Bloß Allegorien sind soviel Grünzeug.
Verdeckt nicht den Wahnsinn.
San Jose 1954
Deutsch von Bernd Samland, aus: Allen Ginsberg, Jukebox Elegien. Gedichte aus einem Vierteljahrhundert. 1953-1978. München: Heyne, 1983 (zuvor bei Hanser 1981), S. 11
Zu Burroughs Werk
Die Zubereitung sei das reinste Fleisch
und nicht mariniert in Symbolik,
echte Erkenntnis & echtes Gefängnis,
damals offenbar wie heute.
Gefängnis und Erkenntnis schildern
als blutige Präsentationen
entsprechen exakt denen
von Alcatraz und Rose.
Ein Nacktmahl ist unsrer Natur gemäß,
wir essen Brot mit Realität belegt.
Allegorien bilden so viel Blattsalat.
Verdeck nicht den Wahn.
San José, 1954
Deutsch von Georg Leß, aus: Allen Ginsberg, Lyrik. Poetry. Zweisprachige Ausgabe. Herausgegeben von Michael Kellner. Blumenbar (Marke der Aufbau Verlage). Berlin: Aufbau, 2022. (Übersetzung der Ausgabe The Essential Ginsberg, 2015), S. 29
448 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.
Ich lese in der griechischen Anthologie und hänge an einem (auf Deutsch) etwas spröden Distichon. Ich lasse mir von KI den griechischen Originaltext inhaltlich übersetzen – und verstehe es eigentlich erst dann. Hier nacheinander: das Original (es ist entweder anonym oder einem Dichter Bianor zugeschrieben, der vor und nach dem Beginn unserer Zeitrechnung lebte), dann zwei deutsche Nachdichtungen von Philologen, Hermann Beckby bei Heimeran (West) und Dietrich Ebener bei Aufbau (Ost), meine beiden Gesamtausgaben der Anthologie, die Ostausgabe in 3 Bänden, die westliche sogar 4 (und zweisprachig). Beide übersetzen metrisch, d.h. in Distichen (Hexameter + Pentameter), wie man es in Deutschland seit Klopstock meistens macht. Anschließend die automatische Übersetzung.
Πάντα Χάρων ἄπληστε, τί τὸν νέον ἥρπασας αὕτως
Ἄτταλον; οὐ σὸς ἦν, κἂν θάνε γηραλέος;
Hermann Beckby: Anthologia Graeca. Band VII-VIII. Griechisch und Deutsch. (Band 2) München: Heimeran, 1957, S. 393:
Knabe Attalos
Unersättlicher Charon, was nahmst du so kalt uns den jungen
Attalos? War er nicht dein, wenn er im Alter noch starb?
Anonym oder Bianor
Dietrich Ebener in: Die Griechische Anthologie in drei Bänden. (Bibliothek der Antike). Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, Band 2, S. 181:
Niemals ersättlicher Charon, was raubtest du grausam den jungen
Attalos? Starb er als Greis, war er dein Eigentum auch!
Unbekannter Dichter oder Bianor
KI:
Charon, du Unersättlicher, warum hast du den jungen Attalos so geraubt?
Er wäre doch auch dein gewesen, wenn er als Greis gestorben wäre.
Das ist kein Distichon (KI kann ziemlich gut übersetzen und manches noch, aber „dichten“ nicht so recht), dafür ist es verständlich und ohne sprachliche Verrenkungen.
Es gibt eine neuere Gesamtausgabe bei Hiersemann (falls sie fertig geworden ist, ich habe das nicht weiter verfolgt). Ich habe hier den ersten und dritten Band, der Bianor wäre im zweiten. Die wäre für meinen Zweck interessant, weil sie eben nicht metrisch übersetzt. Ich werde den Mitherausgeber Dirk Uwe Hansen fragen und um seine oder seiner Mitübersetzer Version bitten.
Ich habe aber doch noch einen Fund gemacht. In einer schönen englischen Auswahl altgriechischer Lyrik ist dieses Gedicht unter dem Namen Bianor enthalten in einer überraschenden Form. Ich sage zuvor noch, dass es keine philologische Ausgabe ist, sondern etwas für Poesieliebhaber, und dass sie die Texte nicht neu übersetzt, sondern aus dem Fundus von fast 500 Jahren Übersetzung ins Englische schöpft.
BIANOR (1st century BCE-1st century CE)
AP VII.671
O greedy ferryman of the Styx,
Will you never rest your oars?
He was sixteen. At sixty-six
Would he have been less yours?
Nachdichtung von James Michie (1927-2007), aus: Paul Quarrie (Hrsg.): Poems from Greek Antiquity. Everyman’s Library Pocket Poets. New York / London / Toronto: Alfred A. Knopf, 2020, S. 155
Wie schön! Wie poetisch! Soll man die englischsprachige Welt um ihre Übersetzungspraxis beneiden?
208 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Cecilia Álvarez
(Geboren 1955 in La Palma)
STUMMER REGEN
Keine Musik enthält der Regen mehr,
er fällt nur
lärmend und anhaltend
und sickert kalt durch meine Füße,
die schon alleine sind.
Mit seinem Schritt verwehen Worte
und Erinnerung,
ich höre nur
das Getöse der Tropfen
und keine Stimme
die die Andenken zerreißen,
keine Hand
die die abgenutzten Vorhänge entfernt
aus der Zeit.
Es ist Wasser, nur Wasser,
Es ist stummer Regen
Der mich durchnässt, aber nicht benetzt
noch nicht einmal mir singt.
Übersetzung von Sofia Porscha, aus: Un día habrá una isla. Eines Tages wird es eine Insel geben. Veintitrés poetas canarios. Dreiundzwanzig kanarische Dichterinnen und Dichter. Poemas • Gedichte. Übersetzt von / traducido por Barbara Krüger de Quevedo, Margit Streblow, Sofia Porscha y José Pablo Quevedo. Hg./ed. María Gutiérrez, Antonio Arroyo Silva. Tübingen: Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2025, S. 153
LLUVIA MUDA
Ya no tiene música la lluvia,
sólo cae
ruidosa y persistente
y escapa fría entre mis pies,
que ya están solos.
Se lleva a su paso palabras
y memoria,
sólo escucho
el estruendo de las gotas
y ninguna voz
rasgando los recuerdos,
ninguna mano
que aparte los ajados visillos
del tiempo.
Es agua, sólo agua,
es lluvia muda
que cala, pero no me moja
ni me canta.
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