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Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #02 Frühjahr 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Annemarie Bostroem 100

Annemarie Bostroem wurde heute vor 100 Jahren geboren. Ihr Gedichtband „Terzinen des Herzens“ gefiel den Ideologen in der Ostzone und der späteren DDR nicht, wohl aber den Lesern (sensationelle 100.000 verkaufte Exemplare). Sie hat (mit Hilfe von Interlinearversionen) aus vielen Sprachen, darunter Russisch, Polnisch, Tschechisch, Serbokroatisch, Englisch, Armenisch und Hindi, übersetzt – insgesamt 100.000 Zeilen, lese ich. Hier zum Fest ein Gedicht aus den „Terzinen des Herzens“.

Annemarie Bostroem 

(* 24. Mai 1922 in Leipzig; † 9. September 2015 in Berlin) 

O dass es Augen wie die Deinen gibt
und Hände, die so viel zu schenken wissen!
Mir ist, als hätte ich noch nie geliebt,

als öffnete sich unter Deinen Küssen
die Aussicht in ein nie geschautes Land.
Ich musste Dich ein Leben lang vermissen

und weiß es nicht mehr, was ich je empfand
für andere, und wie ich lachen konnte
und weinen, Liebster, eh ich Dich gekannt,

bevor ich mich in Deinem Feuer sonnte
und sich der Strahl in meine Seele stahl,
der ihren Grund bis heute noch verschonte …

Mir ist, als liebte ich zum ersten Mal.

Neuausgabe Boppard : Edition Razamba, 2015 / Boppard : Verl. Razamba Ebbertz, 2012 (mit Nachwort von Nora Gomringer)

die sonnenblume

Ceija Stojka 

(Margarete Horvath-Stojka, * 23. Mai 1933 in Kraubath an der Mur, Steiermark; † 28. Januar 2013 in Wien) 

e kamesgi luludschi – die sonnenblume

die sonnenblume ist die blume des rom.
sie gibt nahrung, sie ist leben. 
und die frauen schmücken sich mit ihr.
sie hat die farbe der sonne.
als kinder haben wir im frühling ihre zarten, 
gelben blätter gegessen und im herbst ihre kerne. 
sie war wichtig für den rom.
wichtiger als die rose, 
weil die rose uns zum weinen bringt.
aber die sonnenblume bringt uns zum lachen.

Aus: Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti. Gedichte versammelt und ediert von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2018, S. 71

Die stalinistische Epoche

Zbyněk Havlíček

(22. Mai 1922 in Jilemnice, heute vor 100 Jahren – 7. Januar 1969 in Prag), tschechischer Dichter, Literaturtheoretiker, Psychoanalytiker und Übersetzer

Die stalinistische Epoche

»Ich weiß sehr wohl, daß solch intime Prozesse auf einen hinzustoßenden Herrn, der zuschaut 
beziehungsweise assistiert, äußerst bezaubernd wirken, besonders – an dieser Stelle will ich ganz offen 
sprechen – wenn ich selbst mich zu solchen Gelegenheiten sehr bequem anziehe. Wohlan, es schadet nicht – 
selbstverständlich verlange ich absolute Selbstbeherrschung von den Mädchen.«

                                                     Aus dem Brief einer Sadistin

Wenn ein elastischer Rohrstock oder eine kleine Peitsche 
In memoriam der Geschichte zuschlägt 
Blättert der Kopf eines weiblichen Zöglings zwischen deinen Schenkeln 
Unartig in den Bibliotheken 
In der Hirnrinde der Städte 
Der Kopf eines weiblichen Zöglings zwischen deinen Schenkeln 
Die Beine in absoluter Ruhe nie übereinandergeschlagen 
Absätze aus Eis mit geangelten Sternen
Beginnen gen Island zu laufen 
Wenn du den Ursprung des Kusses 
In der Müdigkeit der Mineralienwelt wiederholen läßt 
In irgendeiner Altamira des Schlafs 
Wenn du die Figuren sozialer Tänze wiederholen läßt 
Stalinistische Reihenübungen 
Schön und militaristisch 
Wenn du meinen Kopf böhmischer Dörfer 
In memoriam der Geschichte aufschlagen läßt 
Singe ich ein altes Lied aus der Zeit der Inquisition 
Als ich zur »Irrenanstalt« ging 
Die Apfelbäume blühten als ich zur »Irrenanstalt« ging

[1951]

Übersetzt von Dominique Fliegler, Martin Hrádek, Tereza Uteseny, aus: Höhlen tief im Wörterbuch. Tschechische Lyrik der letzten Jahrzehnte. Ausgewählt u. kommentiert von Urs Heftrich und Michael Špirit. München: Dt. Verl.-Anst., 2006, S. 134f

Die brennenden Schober

Emile Verhaeren 

(* 21. Mai 1855 in Sint-Amands bei Antwerpen; † 27. November 1916 in Rouen) 

DIE BRENNENDEN SCHOBER (Auszug)

Glut in des Abends Tiefe die Ebene hellt. 
Aufspringend Sturmgeläut bellt und gellt, 
Stößt wund sich am starrenden Firmament; 
                 – Ein Schober brennt!

Die Menge, in Wegschleusen drängend, heult! 
Die Menge, durchs Dorf sich zwängend, heult! 
Ein Hund in der Hofenge heult und heult!
                 – Ein Schober brennt!

Die Flamme rasselt und prasselt und malmt. 
Entreißt sich flatternde Fetzen, verqualmt, 
Aufzüngelnd grell in gewundenen Schleifen, 
Verweht sie in rasend gepeitschten Schweifen. 
Ganz plötzlich listig dann eingerollt,
                 Sie in sich sinkt –
                 Doch hoch wieder springt 
Sie, Schmutz bald, bald wieder lauteres Gold.

Da plötzlich ein anderer Schober, entzündet. 
Ein Flammenbündel, sich jenem verbündet,
                 Wirft hoch die langen
                 Schwefelschlangen!
Und siehe: die Feuer wandern und wandern 
Als Schein von einem Hofe zum andern, 
Und in die Fenster düstere Glut 
Hinrinnt wie rotes geronnenes Blut.
                 – Ein Schober brennt!

Deutsch von Max Rieple, aus: Das französische Gedicht des 19. und 20. Jahrhunderts. Französisch-Deutsch. München: Goldmann, o.J. (Goldmanns Gewlbe Taschenbücher Band 965), S. 139

LES MEULES QUI BRÛLENT (Extrait)

La plaine, au fond des soirs s’est allumée, 
Et les tocsins cassent leurs bonds de sons,
           Aux quatre murs de l’horizon.
                   – Une meule qui brûle!

Par les sillages des chemins, la foule,
Par les sillages des villages, la foule houle 
Et dans les cours, les chiens de garde ululent 
                   – Une meule qui brûle!

La flamme ronfle et casse et broie, 
S’arrache des haillons qu’elle déploie, 
           Ou sinueuse et virgulente 
S’enroule en chevelure ardente ou lente, 
Puis s’apaise soudain et se détache 
Et ruse et se dérobe – ou rebondit encor:
Et, voici, clairs, de la boue et de l’or.
– Quand brusquement une autre meule au loin s’allume!

Elle est immense – et comme un trousseau rouge 
           Qu’on agite de sulfureux serpents, 
Les feux — ils sont passants sur les arpents 
Et les fermes et les hameaux, où bouge,
           De vitre à vitre, un caillot rouge.
                   – Une meule qui brûle!

Kuno Raeber 100

Kuno Raeber 

(*  20. Mai 1922 in Klingnau; † 28. Januar 1992 in Basel)

Warten

Kannst du nicht warten, bis das
Grab über dir einstürzt,
was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten, bis dir 
der Ball hart gegen die Brust stößt,
was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten, bis dir 
das Kind mit dem schmutzigen Finger
erstaunt übers Kinn streicht,
was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten aufs feuchte
Frühjahr, auf Kinder, auf Spiele, die dich zufällig
befreien, was klopfst du, was schreist du?
Kannst du nicht warten?

(1962)

Aus: Kuno Raeber: Lyrik (Werke in 5 Bänden, Band 5). München, Wien: Nagel & Kimche im Hanser Verlag, 2002, S. 165

Aus „Herzblut“

Ada Christen

(* 6. März 1839 in Wien; † 19. Mai 1901 in Inzersdorf)

»Dein Vers hat nicht das rechte Maaß,«
So will man mich verweisen,
»An Fluß und Glätte fehlt es ihm« –
Und wie sie's sonst noch heißen.

Sie zählen an den Fingern ab,
Verbessern wohl zehnmal wieder;
Ich leg' die Hand auf mein blutendes Herz:
Was das sagt, schreib' ich nieder.

Quelle:
Ada Christen: Lieder einer Verlorenen, Hamburg (2. Aufl.) 1869, S. 20f
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004651839

heavy metal/makarenko

Vor 60 Jahren, am 17. Mai 1962, wurde Matthias Holst geboren, der sich als Autor/Performer „Matthias“ BAADER Holst nannte. Er wurde nur 28 Jahre alt. Er schrieb, textete, sang und performte in Halle und Ostberlin. Auf dem Rücktitel des von Tom Riebe herausgegebenen Bandes „hinter mauern lauern wir auf uns“ steht über ihn:

Wenn der Wunsch nach angstfreiem geistigen Leben so gewachsen ist, dass er den Raum einnimmt, den sonst Resignation, Furcht oder Zaudern ausfüllen, dann kann eine unverwechselbare Literatur entstehen, die nicht die Anbetung von Schönheit, sondern das Anschreiben gegen den Zerfall des Subjekts zum Ziel hat. Die Texte von „Matthias“ BAADER Holst sind Überlebensrationen, sie sind Auffanglager und Archen für alles Diskriminierte und Ausgestoßene. Das einzigartig Rauschhafte, Schrille und Bedrohliche, das zutiefst Verstörende und doch hochgradig Bezaubernde seiner Wortkaskaden, Metapherngestöber und Assoziationsgeschwader, die ihnen eingeschriebene Verwüstung jeglicher Gewissheit und Ordnung – all dies lässt die Texte … auch heute noch unvermindert lebendig und aktuell erscheinen.

Matthias“ BAADER Holst 

(* 17. Mai 1962 in Quedlinburg; † 30. Juni 1990 in Berlin) 

heavy metal/makarenko

acht jahre nach unserer gemeinsamen inhaftierung (hauptquartier golgatha-makarenko: gelitten gestorben auferstanden in den toten eines brennenden kaufhauses: des banats im jahr der panzer und barrikaden an meinem 6. geburtstag dem beginn eines u-boot kriegs zwischen mir und meiner seele der gesellschaft und dem einzelnen im verlies der familie) brach elvira mortadella ein in mein leben war die günderrode einer flasche grubenfusel zum einheitlichen verkaufspreis von 1,17 m eh wir einfuhren uns eingruben die stellung wechselten im sturz: auf den müllhalden der geschichte weiter halstücher trugen feten feierten unterm strich im traum: giftskandale eines sommers der torero werden will und aufgrund von todesangst als kfz-schlosser ausblutet ein bettnässer in carmens armen den hyänen betören: lamborghinis der mohr und die raben von london für eine bigband batistas und die „märchen aus 1001 nacht“ für de sades hyperion hält der sich verliebt in elvira mortadella diese heiraten will aber seinen ahnenpaß vergessen hat: im exil und wir trugen keine mütze im schulhaus unsre kahlgeschorenen köpfe leuchteten jedem freier einer unangemeldeten säuberung: heim

Aus: „Matthias“ BAADER Holst: hinter mauern lauern wir auf uns. Hrsg. Tom Riebe. Halle: Hasenverlag, 2010, S. 37

Lesetabu: Ulysses 1.3

L&Poe Journal #02 – Tabu

Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre

Der zweite

Kapitel 1, der 3. Abschnitt

Das Rasieren nimmt viel Raum im ersten Kapitel ein. Wahrscheinlich das erste Mal in der westlichen Literatur (sage ich, ohne es beweisen zu können) wird diese Alltagshandlung derart liebevoll und detailgetreu beschrieben. Vor ein paar Wochen fragte jemand auf dem Wissensnetzwerk Quora, wie man sich am besten auf die Lektüre des Ulysses vorbereiten sollte. Ich wollte ihm antworten, bin aber dann davon abgekommen. Ich hätte ihm ungefähr gesagt: am besten gar nicht vorbereiten. Auf keinen Fall vorher die Biografie des Autors lesen und auch keine Interpretationen oder Handreichungen. Die sind für Anglistikstudenten und Schüler von Leistungskursen gut, wenn sie einen Vortrag halten müssen, aber sonst? Oder wenn man den Roman zum drittenmal lesen will, kann ja noch kommen. Wenn man das vorher liest, kann man sich das Lesen eigentlich gleich sparen, und das geschieht ja wohl auch oft. Susan Sontag meinte überhaupt, mal hemdsärmlig zusammengefasst, Interpretation sei dazu da, die Begegnung mit dem Text zu ersetzen. (Da gibt es ja jetzt diese App, die vielbeschäftigten Leuten die kurze Zusammenfassung von (Sach-)Büchern gibt, damit sie wissen, worum es geht und darüber reden können, ohne es zu lesen. Gibt es bei Belletristik und Dichtung schon längst, heißt Sekundärliteratur.)

Nichts vorher lesen, Papier und Stift danebenlegen und einfach abwarten, was passiert. Hilfreich kann sein, nach jeder Seite ganz knapp aufzuschreiben, wovon sie handelt. Da würde etwa für das 1. Kapitel stehen:

7: Buck Mulligan legt Rasierzeug zurecht und redet dabei.

8: Stephen Dedalus kommt dazu und beobachtet Mulligan. Sie sprechen über Haines, den dritten Bewohner des Turms. Rasieren beginnt.

9: Mulligan rasiert sich und leiht sich das schmutzige Taschentuch Stephens aus. Weiter geht: Reden über Haines, Monologe Mulligans.

10: Weiter geht die Rasur. Sie reden über den Tod von Stephens Mutter und schauen auf das Meer.

11: Rasiert sich weiter, reden weiter.

12: Sie reden über den zerbrochenen Spiegel des Dienstmädchens, er rasiert sich.

13: Reden, rasieren.

14: Sie reden. Stephen hat Probleme mit Mulligans ruppiger Art.

15: Haines ruft von unten. Mulligan geht runter und fordert Stephen auf, mitzukommen.

16: Innerer Monolog Stephens über seine Mutter.

17: Mulligan ruft noch einmal zu Stephen: Frühstück ist fertig. Reden über Geld.

18: Stephen geht runter und nimmt das Rasierzeug mit.

19: Frühstück. Die Milchfrau kommt gleich.

20: Sie essen und reden.

21: Milchfrau bringt die Milch.

22: Sie plaudern mit der Frau.

23: Mulligan will die Milch bezahlen, aber er ist blank.

24: Sie reden über das Waschen und das Geld.

25: Sie bereiten sich auf einen. Spaziergang am Meer vor.

26: Sie gehen nach draußen.

27: Sie reden über Hamlet.

28: Mulligan trägt ein Gedicht vor.

29: Stephen und Haines reden über Gott und rauchen.

30: Weiter über Gott.

31: Über Gott und Vaterland. Männer an der Klippe.

32: Im Meer ein Bekannter Mulligans. Sie plaudern.

33: Mulligan und Haines baden im Meer. Stephen geht zurück, sie verabreden sich für später.

Das ist das ganze erste Kapitel. Rasieren, Frühstück, Spaziergang zum Strand und das Reden und die Gedanken dabei.

Nach Joyce‘ eigenem Kapitelschema ist der Titel des Kapitels: Telemachos, Schauplatz der Turm, die Zeit 8 Uhr, die „Kunst“ die Theologie. „Erklärungsbedürftig“ daran wäre nur der Titel. Diese Titel sind wahrscheinlich so etwas wie ein Bauplan des Romans, die 18 Kapitel in Parallele zu den (23!) Gesängen der Odyssee. Ich mag die Parallele nicht ausreizen, nur die vage Idee, dass der Kapitelheld in Beziehung zu Stephen Dedalus gesetzt wird, die Gemeinsamkeit wäre der Konflikt mit der Mutter (die bei Homer den Freiern ausgesetzt ist / sie gewähren lässt). Eine Interpretation müsste dann hier ansetzen, aber im Moment brauche ich sie gar nicht. Die Reise (durch den 16. Juni 1904 in Dublin) beginnt hier.

Wird fortgesetzt

Chinesisches Motiv

Der chinesisch-amerikanische Künstler und Dichter Walasse Ting starb heute vor 12 Jahren. Ich besitze eins seiner Bücher mit sehr freien Übersetzungen klassischer chinesischer Gedichte, ich mag es sehr. Der Untertitel des Buches sagt: „63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting“. Sie muten ein bisschen wie wörtliche Übersetzungen der fremdartigen Sprache in einer Art Pidgin English an. Das heutige Gedicht ist von Chen Tzu Ang (656-698), andere Schreibweisen des Namens sind Tschön Dsi-ang, Tschen Dsi-ang, Tschën Dsï-ang, Ch’ên Tzu-ang; man findet auch andere Angaben für das Todesjahr. Ich bin nicht zu 100 % sicher, dass es sich um dasselbe Gedicht handelt wie in der deutschen Übertragung, es gibt aber sehr starke Indizien. Also 2 Gedichte oder 2 Fassungen. Interessant finde ich sie beide, aber die Fassung von Walasse Ting spricht mich direkter an, heutiger.

Chen Tzu Ang

I

Behind me
No ancient people

Facing me
No future men

I stand mountain

Look big sky

Alone

Aus: Chinese moonlight. 63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting. Mit 4 Siegeln und 4 doppelseitigen Farblithographien von Walasse Ting. [American Distributor:] New York, Wittenborn, [1967], S. 26

Tschen Dsi-ang

Als ich den Turm von Yodschou bestieg

Ich sah sie nicht mehr, die Weisen vor mir,
noch seh ich die Weisen künftiger Zeit.
Unendlich das All! – Allein wein ich hier
Tränen unendlicher Traurigkeit.

Aus: Chrysanthemen im Spiegel. Klassische chinesische Dichtungen. Aus dem Chinesischen übertragen und nachgedichtet von Ernst Schwarz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1976, S. 88

Warnung

Desanka Maksimović 

(Десанка Максимовић; * 16. Mai 1898 in Rabrovica bei Valjevo; † 11. Februar 1993 in Belgrad) 

Warnung

Höre, ich sage dir mein Geheimnis: 
Laß mich niemals allein, 
wenn Musik erklingt.

Sonst kann es geschehen, 
daß mir fremde Augen, 
gewöhnliche Augen, 
mild und tief erscheinen.

Sonst werde ich noch 
in Tönen versinken, 
doch um nicht zu ertrinken, 
die Hand jedem hinstrecken.

Sonst kann es geschehen, 
daß mir flüchtige Liebe, 
eine Eintagsliebe, 
schön und leicht erscheint.

Sonst gebe ich einem 
in dieser wundervollen Stunde 
von dem schönsten Geheimnis Kunde, 
wie sehr ich dich liebe.

Oh, laß mich niemals allein, 
wenn Musik erklingt. 
Sonst kann es geschehen, 
daß draußen im Wald meine Tränen wieder rinnen 
aus Quellen, die von selber entstehen, 
sonst kann es geschehen, ein Schmetterling 
schreibt mit schwarzen Flügeln ins trübe Wasser, 
was man manchmal nicht zu sagen wagt.

Sonst wird es mir in der Dunkelheit scheinen, 
daß einer singt und mit Bitterkraut 
in die alte Wunde des Herzens dringt.
Oh, laß mich niemals allein, 
niemals allein, 
wenn Musik erklingt.

Deutsch von Astrid Philippsen, aus: Desanka Maksimović, Der Schlangenbräutigam. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1982, S. 16f

Notfalls Mikroskope

Emily Dickinson

(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda) 

202

“Faith” is a fine invention
For Gentlemen who see!
But Microscopes are prudent
In an Emergency!

Der "Glaube" ward erfunden
Für Den der sehen kann!
Doch notfalls setzt die Vorsicht
Mikroskope ein!

Deutsch von Gunhild Kübler, aus: Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser, 2015, S. 171

Prolog

Viktor Dyk

(* 31. Dezember 1877 in Pšovka bei Mělník; † 14. Mai 1931 auf der Adriainsel Lopud, Jugoslawien)

Prolog

Sohn einer finstren Generation 
war ich, die mit sich und der Welt entzweit. 
Irgendein Vers berichtet noch davon:
„Nur einen Tag des Glücks kennt meine Jugendzeit!“

Ich litt ob dieses Dunkels. Nun schluchzt laut 
nach Jahren auf das überhörte Weinen.
Eh wir uns umgesehn und aufgeschaut, 
mocht größer uns die Erde wohl erscheinen.

Ach, nimmermehr zurück ins Leben leitet, 
was man versäumt und was verflog wie Spreu.
– Wenn auf dem Hang der Tod die Gräser schneidet, 
sei wenigstens das eine: Duft von Heu. –

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Ludvík Kundera und Franz Fühmann. Berlin: Volk und Welt (2., verbess. Aufl.), 1966, S. 66

Prolog 

Syn generace byl jsem zachmuřené, 
jež se sebou i světem boj svůj svádí. 
Verš čísi všechno žalně připomene: 
„Jen jedenkrát jsem šťasten byl v svém mládí.“ 

A trpěl jsem a týral pro tu chmuru. 
Po letech pláč se přeslechnutý slyší. 
Než když jsme kolem hleděli a vzhůru, 
zem’ byla větší, nebe bylo vyšší! 

A v život nikdo více nepřivleče, 
co propaseno a co pokoseno. — 
Ta s kosou trávu z rodných luk když seče, 
ať aspoň voní na okamžik seno ! 

DYK, Viktor a JELÍNEK, Hanuš. Básně: [výbor]. V Praze: Družstevní práce, 1933. s. 350

Lesetabu: Ulysses 1.2

L&Poe Journal #02 – Tabu

Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre hier

Kapitel 1, der 2. Abschnitt

(Das Buch ist in 18 Kapitel eingeteilt, die nicht weiter untergliedert sind. „Abschnitt“ bezieht sich hier nur auf mein eigenes langsames Voranschreiten im Lesetagebuch. Der 1. Abschnitt bezog sich fast allein auf die erste Seite; noch 1077 liegen vor mir, ich muss mich sputen. Ich merke schon, Ulysses lesen ist leichter als darüber Tagebuch führen.)

Die Protagonisten sind belesen und witzig. Buck Mulligan betrachtet Stephens „Rotzfahne“ (the bard’s noserag) und spottet sogleich über Stephen und die irischen Dichter insgesamt. Die Farbe des benutzten Taschentuchs nennt er rotzgrün, snotgreen: „eine neue Kunstfarbe für unsere irischen Poeten“. „Kann man fast schmecken, was?“ Dann geht er nach draußen, und sofort liefert ihm der Anblick der See eine neue Assoziation, ja einen Dreiklang seines immensen literarischen Gedächtnisses mit der sichtbaren Welt um ihn herum und dem laufenden Gespräch.

Mein Gott, sagte er still. Ist die See nicht genau was Algy sie nennt: eine liebe graue Mutter? Die rotzgrüne See. Die skrotumzusammenziehende See. Epi oinopa ponton. Ah, Dedalus, die Griechen! Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. Thalatta! Thalatta! Sie ist unsere große liebe Mutter. Komm her und sieh.

(Wollschläger 9)

Algy ist die witzig-vertrauliche Anrede an den englischen Dichter Swinburne: Algernon Charles Swinburne. Da braucht man die Randbemerkung der gelehrten Suhrkampausgabe. Die „graue liebe Mutter“ sei eine Anspielung auf zwei Zeilen in Swinburnes Gedicht „The Triumph of Time“. Allerdings braucht man dann eine gute Bibliothek zur Hand (oder das Internet), um die zwei Zeilen zu lesen. Hier die betreffende Strophe (die betreffenden Zeilen fett):

The low downs lean to the sea; the stream,
One loose thin pulseless tremulous vein,
Rapid and vivid and dumb as a dream,
Works downward, sick of the sun and the rain;
No wind is rough with the rank rare flowers;
The sweet sea, mother of loves and hours,
Shudders and shines as the grey winds gleam,
Turning her smile to a fugitive pain.

„Algy“ Swinburne nennt die See gar nicht „graue liebe Mutter“. Bei ihm ist die „süße See“ die Mutter der Liebschaften (loves) und der (Schäfer-?)Stunden, grau sind nur die Winde, die die See aufwühlen.

Dass Mulligan ungenau zitiert, kann man auf Lücken in der (trotz allem blendenden) Gedächtniskraft der Figur zurückführen oder auch auf Absicht – der Figur oder/und des Autors. Zunächst weiter zur Gedächtnis- und Assoziationsstärke. Mulligan kommt vom schmutzigen Taschentuch des Poeten (das er nebenbei ausleiht, sorgfältig säubert und benutzt) über die Farbe (rotzgrün) auf die irischen Dichter, zu denen die Farbe passe (unausgesprochen bleibt, ob wegen ihrer Armut oder ihrer armen Dichtkunst); dann findet er die graugrüne Farbe in der Irischen See vor der Haustür wieder – sie befinden sich im Martello-Turm südlich der Dublin Bay (von dem mir Google sagt, während ich diese Zeilen schreibe: vorübergehend geschlossen. Lesen im 21. Jahrhundert.)

Ich sehe im Original nach: bei Joyce steht bloß „a great sweet mother“. Da hat der deutsche Übersetzer ein bisschen nachgeholfen. Mulligan beruft sich auf Swinburne, aber die Bilder der rotzgrünen See in der Farbe der irischen Dichter sind ganz sein eigen. Er ist kein verlässlicher Erzähler. Er hat seine eigene Agenda. Ohnehin reicht sein Gedächtnis weiter zurück als auf die irischen oder englischen Poeten. Er liest Swinburne mit den (blinden) Augen Homers, bei dem mehrmals die Formulierung „die weindunkle See“ vorkommt, Epi oinopa ponton. Ich bin nicht Mulligan, ich lese das in den Randbemerkungen der Suhrkampausgabe (Hallo, Immanuel!). Danke, ich liebe solche Spiele, die mir Futter geben. Voß vereinfacht das zu „über das dunkle Meer“, das wäre zu wenig Futter für den Iren. Er muss schon das Original lesen. Thalatta, Thalatta. [Das wäre ein weiterer Faden.] Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. (Sein Spott über die irischen Poeten scheint auch daher zu rühren, dass sie nicht die Originale lesen. Ich muss mal aufpassen, ob der Faden wiederaufgenommen wird. Der Faden der Geduld.)

Das ist eine schöne Stelle, hier macht mein Tagebuch schon wieder eine Pause.

Die ältesten spanischen Gedichte

sind nicht die Verse der Trobadors. Sie wurden erst 1948 wiederentdeckt, der Name dieser Gattung volkssprachlicher, eigentlich „makkaronischer“ Dichtung (d.h. Dichtung in mehreren Sprachen) ist Jarcha (spanisch) oder Chardscha. Es scheint sich um die ältesten volkssprachlichen Gedichte in einer romanischen Sprache überhaupt zu handeln, das älteste bekannte datiert von 1042, ein halbes Jahrhundert vor dem „ersten Trobador“ Wilhelm von Aquitanien, dessen „Lied aus reinem nichts“ auch in der deutschen Gegenwartsdichtung bekannt wurde (Thomas Kling, Raoul Schrott, Norbert Lange). Diese Texte sind in arabischer Schrift überliefert, ja sie gehören im Grunde zur arabischen Dichtung – es sind die Schlussverse eines Muwaschschah-Gedichts.

„Die Jarchas sind die ersten überlieferten Ansätze der volkssprachlichen Lyrik, geschrieben in einer Mischung von Arabisch (im Folgenden hervorgehoben durch Kursivschrift) und mozarabischem Spanisch, d.h der Sprachform, die von den im Maurengebiet lebenden Christen und Juden gesprochen wurde. Die »jarchas« (wörtl: Gürtel) fungierten als Refrains innerhalb längerer, in klassischem Arabisch geschriebener Gedichte, den »muwassahas«, und sind ein beredtes Zeugnis für die »convivencia«, das Zusammenleben der drei Kulturen im iberischen Mittelalter.“ (aus: Literatura española. De las Jarchas al siglo XXI. Antología. Hrsg. Hans-Jörg u. Mercedes Neuschäfer (Fremdsprachentexte). Stuttgart Reclam, 2005, S. 11).

Die Anthologie gibt folgenden „Original“text (kursiv ist Arabisch):

Mió sidi Ibrahim, 
ya nuemne dolye, 
vente mib 
de nojte.
In non, si non queris, 
iréme tib:
garme a ob 
legarte.

„Original“ ist freilich etwas übertrieben. Erstens sind es arabische Schriftzeichen, die kann man transkribieren, aber die arabische Schrift hat zweitens keine Zeichen für Vokale. Damit ist sie eigentlich ungeeignet für eine vokalreiche Sprache wie das Spanische, und der Text wird fast unleserlich:

bn sydy ’br’hym
y’ nw’mn dig
b'nt myb
dy nht
’n nwn šnwn k’rš
yrym tyb
grmy ’wb
lgrt

Der Text hat auf Arabisch keine Bedeutung, deshalb hat es so lange gedauert, bis die Texte entziffert (wiederentdeckt) wurden. Die Lesarten sind auch in der Forschung umstritten. Die genannte Anthologie gibt folgende Fassung in modernem Spanisch:

Señor mío Ibrahim, / oh nombre dulce, / vente a mí / de noche. / Si no – si no quieres / iréme a tí: / dime en dónde / encontrarte.

Auf Deutsch etwa:

Mein Herr Ibrahim,
o süßer Name!
Komm zu mir
bei Nacht.
Wenn nicht – wenn du nicht willst,
werde ich zu dir gehen.
Sag mir, wo
ich dich treffen kann.

L&Poe Journal #02

Frühjahr 2022

In dieser Ausgabe: UKRAINE: Wikyrtschak | Ames | Witte | NEUE TEXTE (Igel | Peters | Genschel | Becker | Struzyk | Endres | Hefter | Hoffmann) | ALTER TEXT | DOSSIER ANGELIKA JANZ 1: Delta | Fragmenttexte | Das Un | Sekunde | worte | BETRACHTUNG UND KRITIK: Skiba: Das Authentische lehne ich ab | Ames: Der arme Poet und sein Schatten | Reinecke: Über Haltung und Versgrammatik | TABU Wendetabu | Lesetabu 1: Spuren | Lesetabu 2: Ulysses | Editionstabu |

UKRAINE | УКРАЇНА

Iryna Wikyrtschak

  • Du bist eine Dichterin, sagen sie
ich schreibe dieses gedicht nichtmal
in der sprache der opfer
obwohl ich sollte
denn sie sind es, die antworten suchen,
und ich bin es nicht, die sie kennt.

Konstantin Ames

  • Komm doch
Putin, wehrhafter als dt. Lyrik, die Kiew jetzt tapfer hält.
Pootin, du und ich, wir wissen es, dass du nichts hast.
  • Türlicht
Mariupol Mariupol sein lassen
Mund auf weit weiter : fehlt :
Wehrstachel wird sich einfinden

Georg Witte

  • Gastkommentar: Das ZWAR- und ABER-Spiel
ZWAR ist die Ukraine eine Nation, ABER keine richtige.
ZWAR ist die Ukraine europäisch, ABER nicht richtig.
ZWAR sind wir für territoriale Integrität, ABER die Krim ist doch eigentlich russisch.
ZWAR sind wir für Sanktionen, ABER wir schaden uns selbst.

NEUE TEXTE

Jayne-Ann Igel

  • Kerben
diese busfahrt mit mutter nach w., nächtliche fahrt mit lichtern, trügt mich 
die erinnerung oder hat sie im kurhaus übernachtet und mich tags darauf 
in einem bett hinterlassen, an dessen fußende
  • Fernersucht
das meer ist dort, wo immer du suchst, im überschreiten alter küstenverläufe, 
hier in der niemandslandbucht, steigst über kalk, der irgendeinmal muschelmund, 
  • Von schatten verlorene straßen alleen
Sind wir steinsmomente, die früchte uns eingetrieben, nur rum und 
rumgefahren um die langen bärte der vorfahren
  • Scherenschnitt
hier lief kein film, man traf sich stets zur selben stunde, mittags wie 
in der frühe, das hatte etwas von trotz, in der stablosen zelle –

Silke Peters

  • Frauentag
Frauentag. Schreiben verändert die Wahrnehmung, ist eine heftige Trance. Bilder 
verschmelzen bei über eintausend Grad im Lagerfeuer.

Mara Genschel

  • Ich weiß nicht
Ich weiß nicht.
Nachts schriebinne ich sie alle an.
Erst nachts stand, wie lieb ins Regal gestellt:
(ich/nichts Gebrauchte Kartons.)
Ich les nichts, Simone, und

Kerstin Becker

  • Flaum
der Brustkorb hob und senkte sich fiebrig schnell als
wär der Leibhaftige hinter ihr her, die Sonde quer
übers Gesicht
  • Minne
siehst du die Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an
  • Übung in Blindheit und Taubheit
fort hier kein Wort wir
suchen so lang schon
im Daumenlutschen Trost

Brigitte Struzyk

  • Cursdorf
Die Müllabfuhr heißt hier Ernst
Sie fährt vor den Wolken den Berg hoch
An den Wiesen vorbei
Vorbei an dem Duft von
Pestwurz und Augentrost
Ehrenpreis und Dost
  • Ach, altes Ach
Und geschwärzt hat sich schon
Alles Weiße im Wind
Kerzengrade wird Nacht
In den Schnee geweht
  • Schanzengraben
Wo sich die Wiesenseiten senkten
Dass jach ein Tal entstand mit alten Apfelbäumen
Den Hang hoch frühlings Veilchenwiesen
Und in den Weiden Kletternester
  • Steinbacher Stunden
Das große Fleisch wankt auf mich zu
Und wirft den Springinsfeld so hoch,
dass er die Schweine pfeifen hört
  • Für Anna Achmatowa
Es legen sich die vordiktierten Zeilen
Aufs reine Weiß.
bis alles schwebt-
  • Für H.
Kommt! Ins Offene!
Auf den Balkon!
Oder ans Fenster!
Legt Hand auf Hand!
Lasst sie gewaschen sein!
Klatscht in die Hände!
  • Friedliche Revolution
Und am  Neunten, am Abend,
kam von drei Worten ein Wind auf.
Die Blätter fielen, der Baum stand stramm,
ja, am Abend stürzte er um.

Martina Hefter

  • 2019
Die Karl-Heine-Straße ist eine breite, quirlige Straße.
Ich mach bei einem Kuchenbasar mit, Flohmarkt
im Westwerk. 
Ich kann das Sternbild Pegasus vom Sternbild Großer Wagen unterscheiden. 
Ich bin eine Roboter
man hat mich mit den Daten eines Sterns programmirt

Odile Endres

  • ausschnitte aus den traumtagebüchern vom rand der welt
barken in den traumkanälen, wunschgetrieben. parabelbögen, traumtänzer. 
über geweben aus schatten und glanz. vielfarbige glasblütendelirien
  • Fu-ku-shi-ma
fu-ku-shi-ma, poetryvideo von odile endres
  • Dichterinhaus
  • Aus der Sibylla-Serie
gleichgültig gegen den grauen greifswalder   
Himmel liebtest du die stadt & die fretowschen felder
Wälder das paradies in dem diana ritt zur jagd dort wo    
Amor seine pfeile schoss in deine glasreinen reime

Anna Hoffmann

  • Der Ophelia Club
an aller augen nagt hunger 
die potemkinsche jungfrau erscheint 
nicht pünktlich zum abendbrot 

DOSSIER: ANGELIKA JANZ (1)

Delta

Sie will sich beobachtet fühlen. Sie bewegt sich gerne im Schnittpunkt der 
drei Fenster ihres Raumes. Sie spielt, als wolle sie etwas verbergen. 
Sie möchte Gegenstand einer Empörung werden, die die Bewohner 
aller gegenüberliegenden Häuser erfasst.

Fragmenttexte

Mit Verlaaaaubb
wirkmächtig heftig
Lügen die Menschen weil

Das Un

Unterwegs suchten wir
– erfüllt von der Lust zu überschreiben – 
andere Begleiter der Sprachbeherrschung

Sekunde

und während ich dies aufschreibe, läuft die graue Katze leise über die 
Tasten und verwirrt mein Geschriebenes, zärtlich und vorsichtig

Prosa, Haut

Wie du dichtest bist
du um den Stein gewunden wie
mir graut.

worte

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ALTER TEXT

nn

BETRACHTUNG UND KRITIK

Dirk Skiba

„AUTHENTISCH LEHNE ICH AB!“
Dirk Skiba über seine Dichterporträts – Konstantin Ames sprach mit dem Fotografen am 19.07.2021

Konstantin Ames

Schreiben kann man angeblich auch nicht lernen, und doch gibt es 
Literaturinstitute im deutschsprachigen Raum. Und vielgelesene 
Alumni.  Und niemand weiß besser, was ein Verriss für Schreibende bedeutet, als 

Bertram Reinecke

Der Autor schreibt: „Der Fortsetzungsessay „Über Haltung und Versgrammatik“ erläutert anhand von Aspekten der Grammatik und Syntax mein generatives Textverständnis. Ihm liegt die Beobachtung zugrunde, dass der deutliche Ausweis des Materialcharakters meiner Montagen stets aufs Neue LeserInnen verunsichert und von einer engagierten Lektüre abhält. Während die ersten Kapitel anhand von Streitfällen in der Bewertung von Interpretationen und Übersetzungslösungen zeigt, wie man Verständnis über Texte gewinnt, indem man sich fragt, wie wurde der erzielte Eindruck aus dem Arrangement des Materials gewonnen, rücken die hinteren Teile immer stärker die Frage ins Zentrum, wie ich aus den von mir verwendeten Materialien Texte erarbeite.“

Die Fortsetzungen erfolgen im Abstand von 3 Tagen in Einzelbeiträgen, die nach Abschluss in einem Beitrag zusammengefasst werden. Bisher erschienen

  1. Über Haltung und Versgrammatik

TABU

Wendetabu

Der Rumäne. Wenn man monatelang „Nieder mit dem Kommunismus“ gerufen hat, wundert man sich hier. Will nun ins Ausland gehen, weil es mit diesem Volk keinen Zweck hat.

Lesetabu 1: Spuren

Es sind Substantive, Verben, Adjektive und Adverbien, poetische Allerleiworte 
(Herbst, Wind, Geäst) sind dabei, aber auch sperrigere (Laubgardinen, Monatsraten, Tuerei, Geld).

Lesetabu 2: Ulysses

Der Roman ist, was mir beim Lesen passiert. Je mehr Abschweifen, umso mehr 
passiert. Nicht mehr wissen, sondern mehr erleben. Das ist der Plan.

Editionstabu

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neuste-28-01 Kopie.docx
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