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*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)
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657 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.
Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.
Die Verkündigung der Werte am Hindukusch
05.09.08
Es läuft auf Krieg zu, ihr wisst es ja auch.
Statt ein paar juvenile Modernisten zu enteignen,
lasst ihr sie laufen, die Feste bodenloser Ekstase
der aufrechten Angeber, denen die Gedanken ausgehen,
die Nahrung Maschinen opfern, das Heilige zu verhöhnen,
das Band der Kreatur durchzuschneiden –
denen alles egal ist, was nicht Regal ist,
die mit Chips laborieren, deinem Leben
Kontrolle einzupflanzen gleich nach der Geburt,
die Robotniks fördern und Schafe,
denen die Maske entgleitet, je mehr überwacht wird,
die mit Aktentaschen voller Geld hin und her laufen,
nicht sicher, wo der rettende Hort ist,
die keine Verantwortung spüren, nur shareholder value,
die nicht mehr denken, außer sie haben Spaß
und behalten ihr Privileg, die Andern zu verhöhnen,
und töten mit Napalm, nuklearen Sprengsätzen,
dümmlichen Floskeln, Sprüchen aus Wachs,
geilen Statements formloser Gier –
nennt es ruhig Demokratie, nennt es Konsumberatung!
Nennt es ‚Viel Spaß in den Ferien‘,
Traumschiff, Madonna oder einfach nur Weinhaus,
die Verkündigung der Werte am Hindukusch,
hetzt gegen das Volk, zu jung zu verstehn,
das dumpfe, abwartende, dem Zuversicht ausgeht
und Einsicht, es wird sich schon rächen,
es sei denn, ihr nehmt ihm die Kraft mit
Rabattmarken und Gewinncoupons,
eure geliftete Dürre ist nicht mehr wert
als die Haut der Schlange, die sie verlässt,
um nackt sich zum Sterben zu legen in den Kot
der Schamlosigkeit und hirnfreien Zone.
Ihr habt es vermasselt, ihr habt es verquasselt
im Glauben, Sprüche ließen es retten,
ihr seid keine Magier, ihr könnt keinem Strick
Atem einhauchen, aber ihr weicht nicht,
sucht stotternd nach neuen Phrasen
wie Gleitcreme, zu fest um zu rutschen,
zu weich, um zu haften.
Die Schönheit grenzenlosen Feierabends
wird heutzutage immer häufiger missverstanden.
Viele denken, eine Flasche Bier, ein Mädchen,
etwas Rundes in der Hand, im Geldbeutel
– und schon ist die Klimax erreicht.
Wimpernlose Traumfrau,
du ohne Brüste, nur Augen – Gesicht,
erscheinst du als Engel, als Erzengel vielleicht,
dann nenn keine Namen und flieg
wie du fliegst mit dem Hauch.
Ein Gedicht in Großbuchstaben will ich schreiben
wie ein archaisches Fundstück, denn ein Oder
gibt es für Lyrik nicht
Jahrtausende Platon – wie habt ihr – als eure Leitfigur –
ihn ruiniert, versteht ihr überhaupt?
„Kennen wir nun ein größeres Übel für den Staat
als dasjenige, welches ihn zerreißt und ihn zur Vielheit
macht anstatt zur Einheit? Oder ein größeres Gut
als das, welches ihn eng verbindet und zu einem macht?
Keines.
Je schneller wir von Gedankenhöllen
uns verabschieden, desto besser.
Vielleicht wäre Europa noch rettbar
vor geistiger Paralyse, Anrufe abzuhören,
Fingerabdrücke zu sammeln,
Sommerreisen zu Endzeitpreisen,
Gedanken zu zählen, zusammenzukleben zur Welt.
Aus: Kristian E. Kühn: Orgelreisen (Lyrik Edition Neun, 44). ISBN: 978-3-948999-44-5
32 Seiten, 125×190 mm, Fadenbindung, illustrierte, nummerierte und signierte Ausgabe
Normalausgabe (Broschur): 9 Euro
Vorzugsausgabe (Hardcover): 33 Euro
— limitiert auf 9 nummerierte und signierte Exemplare
mit Original-Linolschnitt von Steffen Büchner
(Sammlerexemplare ohne ISBN, außerhalb des Buchhandels)
Man spürt die Wellen des Wir in Kristian Kühns Orgelreisen, ganz nach dem Motto des Universalgelehrten Athanasius Kircher, mit dem das Titelgedicht einleitet: „in Einem alles“. Das Spiel auf einer solchen Weltenorgel eröffnet den Band, führt durch diese ganz eigene, phantastisch anmutende Welt, die aber eher aus Fluchtmomenten besteht, nicht aus Form und Ordnung, nicht aus Trost, die ohne Halt ist, den es ja auch im Leben nicht gibt. Folgerichtig tauchen mythische Figuren auf, etwa aus der griechischen Archaik. Schnell verschwinden sie wieder, wie Wellen, die in sich stürzen. Eine Verbindung gibt es zu jenen, die sie verstehen und darstellen können, Dichtern, Malern, Komponisten. Alles bewegt sich im Auf- und Untergang, hin zu einem mutigen Übergang in letzte, heutige Mythen, einem Wir, das nur zu gern aufhalten möchte, eine Rückkehr sucht. Bis dann im letzten Vers „Wie Zunder die Vorurteile, Verängstigungen abbrennen“. (Ebd.)
„Nur das Gebügelte hat Anspruch auf Nachwelt,
nicht der romantische Tropfen,
der jammernd sich weigert,
im Meer einzutauchen.“
Kristian E. Kühn
148 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Eva Strittmatter
(* 8. Februar 1930 in Neuruppin; † 3. Januar 2011 in Berlin)
ANALYSE 1
Als ich dreißig wurde, habe ich
Ein Fest für Freunde gegeben.
Jetzt werde ich ohne Reklame alt
Und analysiere mein Leben.
Zweiundvierzig: und was bleibt als Bodensatz
Zurück aus vergangenen Jahren?
Hat wohl die Welt von mir durch mich
Etwas für sich erfahren?
War ich ein Sender oder nur
Das Echo fremder Töne?
Hab ich geschrieben, weil ich muß,
Oder mich nur ans schöne
Gewerbe angehängt, weil es der Zufall brachte,
Daß mich ein Mann zu seiner Frau
Und literarisch machte?
Das meiste an uns ist geheim.
Die Wurzeln sind verborgen:
Seit dreißig Jahren schreibe ich,
Und nicht seit heut und morgen.
Ich schreibe, wie ich existiere:
Vegetativ. Ich treibe kein
Bedarfsgerechtes Kunstgewerbe.
Schreiben ist meine Form von Sein.
Aus: Eva Strittmatter: Sämtliche Gedichte. Berlin: Aufbau, 2006, S. 182f (Ursprünglich in ihrem zweiten Gedichtband „Mondschnee liegt auf den Wiesen“ (1975)
67 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Albert Vigoleis Thelen
(28. September 1903, Süchteln – 9. April 1989, Dülken)
Sprachgebabel
Als sie in den
Sprachen, die sie
sprachen,
sprachen,
und einander nicht verstanden,
weil sie in den falschen
Sprachen
sprachen,
sprachen andere,
die sich verstanden,
über diesen Unverstand, –
doch die kamen sich abhanden,
und so kehrte jeder
sprachlos heim
ins eigene
Sprachenland.
Aus: Albert Vigoleis Thelen: Im Gläs der Worte. Gedichte. Düsseldorf: Claassen 1979, S. 125
Martin Piekars Gedichte verbinden deutsche, polnische und englische Sprachpassagen mit experimenteller Typografie. In „livestream & leichen“ treffen gesellschaftliche Konflikte, digitale Technologien und poetische Stimmen aufeinander.
Martin Piekar
Aus: wasche mich nur noch mit abwasser


Aus: livestream & leichen. Gedichte: Martin Piekar. Illustrationen: Nina Kaun. Berlin: Verlagshaus Berlin, 2023 (Quartheft 87), S. 23f
ich singe für die, die
spiegelbleich das grinsen des scheiterns üben
ich singe, um uns allen zu beweisen, dass
wir am leben sind
Was als Spaziergang beginnt, entpuppt sich bald als Tour de Force, als Streitgespräch mit Bots, Bekannten, Liebhaber*innen – und Leichen. Martin Piekar lässt diejenigen sprechen, die am Rand unserer Gesellschaften sprachlos werden. Lässt sie Liebeshymnen anstimmen für diejenigen, die lieblos am Boden liegen gelassen werden. Ungelöste menschliche Konflikte – Herkunft, Beziehungen, Ungleichheiten – werden mit technischen Entwicklungen kontrastiert, die Lösungen anbieten, die eine neue Herrschaftsstruktur einläuten. Wie ein Chor aus griechischen Tragödien fordern Leichen genauso wie der lebendige digitale Livestream immer wieder das Gespräch mit der Vergangenheit und mit der Gegenwart.
168 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.
Oleg Jurjew
(Олег Александрович Юрьев; * 28. Juli 1959 in Leningrad; † 5. Juli 2018 in Frankfurt am Main)
***
Gott atmete aus – und Nebel glitt über den Spiegel Land
radial ausbreitend sein graues Silber ...
Die glatten Schatten begannen den Rand
rund zu umfließen, die eigenen Spuren tilgend.
Schatten tauscht Schatten, Nebel blättert um: Nebel.
Ein schwaches Grün sog in sich die Gegend.
Schon taute die letzte Schicht ...
Sein Antlitz kam auf der Scheibe in Sicht
... Ein Spiegelchen ja der Poet am Mund einer kranken Welt.
1984
Übersetzung: Elke Erb. Aus: Oleg Jurjew: Verse vom himmlischen Drucksatz. Hrsg. Daniel Jurjew und Olga Martynova. Nettetal: Elif Verlag, 2025, S. 52
Олег Юрьев
* * *
Бог выдохнул — и хмарь по зеркалу земли,
Кружно, серебро-серо разрастая...
Разглаженные тени потекли
По краешку кругом, следы свои съедая.
Менялась тень на тень, листалась мгла за мглой,
Всё прозелени лёгкой набиралось,
Истаивал уже последний слой...
Его лицо на диске показалось.
— Поэт есть зеркальце у рта больного мира —
1984
281 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.
Buchmesse und Antiquariat gehören zusammen. Ein kleiner Schatz. 1945 erschien im (Ost-)Berliner Aufbauverlag ein Buch des vier Jahre zuvor im Londoner Exil gestorbenen deutschen Dichters Max Herrmann-Neiße. Bis 1946 erschienen 3 Auflagen mit 45.000 Exemplaren.
Max Herrmann-Neiße,
(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941, heute vor 85 Jahren, in London)
NIEMALS WERDEN WIR DAZUGEHÖREN
Diese fremde Welt und ihr Gehabe,
was ihr Vorzug ist, und was ihr fehlt,
jeder Mangel, jede gute Gabe,
was sie zeigt, und was sie uns verhehlt,
kann im Augenblick uns wohl betören,
daß man sich als ihresgleichen glaubt,
seinen Anspruch fügsam niedrig schraubt –
dennoch wird man nie dazugehören!
Machst du dich vertraut mit Brauch und Sprache,
feierst ihre Feste wohlgesinnt:
plötzlich siehst du dich vor dem Gemache,
wo das Unzugängliche beginnt:
sein Geheimnis wirst du nie beschwören,
diese dunklen Tore schließen dicht.
Lächelte dir freundlich ein Gesicht —
dennoch wirst du nie dazugehören.
Mittags auf der Bank im Park, geborgen,
mit den andern hier in Friedlichkeit,
fühl ich mich zu Haus und ohne Sorgen,
es erfragt bei mir ein Kind die Zeit,
Liebespaare lassen sich nicht stören,
und ein Hündchen wagt mit mir ein Spiel –
ein Verbannter fordert ja nicht viel!
Dennoch darf ich nie dazugehören.
Einsam treiben wir von Land zu Lande,
überall der ungebetene Gast.
Einsam bleiben wir, der Heimat Schande
beugt den Rücken uns mit schwerer Last.
Teilnahmslos lauscht unsern Trauerchören
eine Welt, die unser Leid nicht faßt,
nicht, was unser Leben liebt und haßt,
niemals werden wir dazugehören.
Aus: Max Herrmann-Neiße, Heimatfern. Gedichte. Berlin: Aufbau, 1945, S. 10f
Das Gedicht wurde am 28.8.1936 geschrieben.
244 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Eine aktuelle Kolumne mit neuen Texten, Fundstücken und Wiederentdeckungen rund um die Leipziger Buchmesse.
Am 1. Mai erscheint beim Poetenladen Leipzig der neue Gedichtband von Jörg Schieke: „Chin-chin, der Weg führt ins Mondgestein“. Mit freundlicher Genehmigung hier eine Probe.
Formen der Belobigung
Möglichkeit eins: Pause außer der Reihe, besten-
falls Kurzurlaub hier vor Ort. Samstag auf Sonntag,
eine Nacht im Hotel mit wem Vertrauten im
Beisein von Ehering und Wanderpfad. Möglichkeit
zwo: Eine Tüte Importobst; Banane, Apfelsine
und Ananas. Jede Frucht von unterschiedlichem
Reifegrad, damit der Belobigte – dieser heißt
Fritzchen und wohnt bei den Witzen – länger was
davon hat. Damit er nicht gleich alles auf einmal
isst, runterschlingt, als hätte er nie geliebt. Möglich-
keit drei übersprungen, Möglichkeit vier: Höhensonne
in der Kammer der Besten. Die Pigmente vertilgen
das Licht, wie das Licht sonst die Motten kassiert,
einfriert. Der frische Teint schimmert samten
nussig bis tussig, tausendschön, und wird von
den Regulierungswahnis in ihrer Regulierungs-
wut gerade noch so gebändigt. Möglichkeit fünf
zielt auf die Kinderseele, obwohl die, laut Fritzchen,
bloß eine zugige, fingernagelgroße Immobilie. Bloß
paar Wände aus Blätterteig; da drinnen ist’s arg kalt.
„Wie Eines und Vieles in den Kunstwerken
ineinander sind, läßt an der Frage nach ihrer
Intensität sich fassen.“ Theodor W. Adorno,
Ästhetische Theorie
„Das unpersönliche Reflexivum erweist in der
Tat noch zu Zeiten der Ohnmacht wie der
Barbarei als Kulmination und integrales
Kriterium Kritischer Theorie sich.“ Eckhard
Henscheid, Wie Max Horkheimer einmal sogar
Adorno hereinlegte

111 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Zum Ausklingenlassen zwei kurze Ostergedichte.
Österlicher Kettenreim
Mein Vater kaufte sich ein Haus.
An dem Hause war ein Garten.
In dem Garten war ein Baum.
Auf dem Baum war ein Nest.
In dem Nest war ein Ei.
In dem Ei war ein Dotter.
Im Dotter war ein Osterhase,
der beißt dich in die Nase.
Volksgut
Trog, Trog Treier
Trog Trog Treier,
up Ostern ät wi Eier,
up Pingsten ät wi wittet Brot,
starw wi nich, so war wi grot.
Ostervers aus Holstein
Beide aus: https://ostern-feiern.de/kurze-ostergedichte.html
Das plattdeutsche exclusiv für Nichtmuttersprachler übersetzt:
Trog, Trog Treier,
zu Ostern essen wir Eier,
zu Pfingsten essen wir weißes Brot,
sterben wir nicht, so werden wir groß.
In der alten Kirche feierte man die ganze Woche von Palmarum bis O. (Osterwoche, Marterwoche), namentlich Gründonnerstag, Charfreitag u. Osterabend od. Großen Sabbath. Nun folgte das Fest selbst, welches 8 Tage lang mit täglichem Gottesdienst begangen, seit dem 11. Jahrh. aber die Feier auf 3 Tage, in neuester Zeit in den meisten Ländern auf 2 Tage beschränkt wurde. Die älteren Christen blieben die ganze Nacht vor dem Fest (Ostervigilie) beisammen, brachten dieselbe mit Gebet u. Administrirung des heiligen Abendmahls zu u. zündeten in der Kirche die große Osterkerze (Cereus paschalis) u. auf nahen Anhöhen ein Freudenfeuer (Osterfeuer) an. Von der Osterkerze wurde dann in den Häusern statt alles ausgelöschten Feuers neues angezündet. Vor Sonnenaufgang schöpfte man unter geheimnißvollem Stillschweigen aus einem nahen Flusse Wasser (Osterwasser, von welchem man glaubte, daß es den Körper vor Runzeln u. Flecken bewahre). Wenn man sich am Morgen des Festes begegnete, begrüßte man sich, wie noch jetzt in der Griechischen Kirche, unter einem Kusse (Osterkuß) mit dem Zuruf: Surrexit! (er ist auferstanden), u. der Erwiderung: Vere surrexit! (er ist wahrhaftig auferstanden). In den Kirchen wurden die Katechumenen getauft u. seit dem Lateranensischen Concil 1215 gesetzlich Abendmahl gehalten. Processionen zogen umher, Gefangene wurden begnadigt u. losgelassen, Sklaven freigegeben, die Bußzeit der Gefallenen endigte sich, man schickte sich gegenseitig Geschenke, bes. bunt bemalte u. mit Reimen beschriebene Eier (Ostereier), spendete den Armen Almosen u. gab sich, nach dem nun beendigten Quadragesimalfasten lauter Freude u. stattlichem Genusse hin (Osterfreude). Selbst in den Kirchen wurden Gastmähler gegeben u. die Geistlichen erzählten allerhand Märchen u. Schwänke, welche das Volk zum Lachen reizten (Ostergelächter, Risus paschalis; vgl. Öcolampadius De risu paschali, Bas. 1518, welcher erzählt, daß die Prediger in dieser Absicht auf den Kanzeln bald wie Kukuke gerufen, bald wie Gänse geschnattert hätten etc.). Die Festfeier wurde mit der Osteroctave, am Sonntag nach O. geschlossen. Schon bei der nächtlichen Feier der Ostervigilie kamen Unordnungen vor, weshalb bereits 305 das Concil in Illiberis den Weibspersonen die Theilnahme an derselben untersagte; andere Mißbräuche wurden durch die Reformation abgestellt. Die Ostervigilie u. die Osteroctave werden in der Katholischen Kirche gefeiert. Vgl. Piper, Geschichte des Osterfestes, noch 1845; Weitzel, Die Passahfeier, 1848; Hilgenfeld, Der Osterstreit, 1860.
Quelle: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 12. Altenburg 1861, S. 410-411. http://www.zeno.org/nid/20010568883

Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)
Ostergedicht Wenn die Schokolade keimt, Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen "Glockenklingen" sich auf "Lenzesschwingen" Endlich reimt, Und der Osterhase hinten auch schon preßt, Dann kommt bald das Osterfest. Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen Ostern naht auf Lenzesschwingen, - - - Dann mit jenen Dichterlingen Und mit deren jugendlichen Bräuten Draußen schwelgen mit berauschten Händen - - - Ach, das denk ich mir entsetzlich, Außerdem - - unter Umständen - Ungesetzlich. Aber morgens auf dem Frühstückstische Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische Eier. Und dann ganz hineingekniet! Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme Durch geheime Gänge und Gedärme In die Zukunft zieht, Und wie dankbar wir für solchen Segen Sein müssen. Ach, ich könnte alle Hennen küssen, Die so langgezogene Kugeln legen.
141 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Eduard Mörike
(* 8. September 1804 in Ludwigsburg, † 4. Juni 1875 in Stuttgart)
Zwei dichterischen Schwestern
von ihrem Oheim
[Mit einer Randzeichnung, auf welcher an der Stelle der
Endsilben ein Band herunterlief, durch dessen abwechselnde
Farben das Reim-Schema angedeutet war]
Heut lehr ich euch die Regel der Son- -.
Versucht gleich eins! Gewiß, es wird ge- -,
Vier Reime hübsch mit vieren zu versch- -,
Dann noch drei Paare, daß man vierzehn h- -.
Laßt demnach an der vielgeteilten K- -
Als Glied in Glied so einen Schlußring sp- -:
Das muß alsdann wie pures Gold erk- -;
Gewisse Herrn zwar hängen Klett an K- -.
Ein solcher findet meine schönen N- -
Bei diesem Muster. »Ah, Fräulein, Sie st- -!«
»O nein, Herr Graf, hier gilt es Silben z- -.«
»Wirklich! Doch wenn die Lauren selber d- -,
Was soll Petrarca?« - »Der mag Strümpfe str- -.
Eins wie das andre ist für schöne S- -.«
Aus: Deutsche Sonette. Hrsg. Hartmut Kircher. Stuttgart: Reclam, 1979, S. 221
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