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Namaste

L&Poe-Anthologie und Archiv

Aktuelles und Immerwährendes im Lyrikkalender und auf der Facebookseite der Lyrikzeitung (öffentlich). Außerdem: Jeden Tag um sechs ein Gedicht.

Hätte ich ein Fünkchen Glück

Theodor Däubler

(* 17. August 1876 in Triest, Österreich-Ungarn; † 13. Juni 1934 in St. Blasien, Schwarzwald)

Hätte ich ein Fünkchen Glück, wäre alles anders!
Wollte blauer Tauwind hold meine Segel schweelen,
Blitzte gleich durch mich der Geist eines kühnen Landers,
Und ich müßte nimmer mehr, mich ums Mehr zerquälen.

Wäre wenig anders nur: hatte ich ein Fünkchen Glück,
Träumt ich nicht voll Brunstgewalt in die nackte, kalte Nacht,
Denn ich fühlte mich im Weib, bis in meinen Grund zurück:
Würde je mein Graun getilgt, hätt ich keinen Sturm durchwacht!

Wüßte ich, warum ich fromm, daseinsscheu und seltsam bin,
Ahnte ich, weshalb um mich nirgends grünes Glück gedeiht,
Hätte dieses kleine Sein plötzlich schrecklich vielen Sinn!
Nirgends fände ich den Zweck und ich stürbe doch vor Leid.

Dennoch höre, Erde mich: ich bin auch ein Kind von dir!
Erde, ach, ich liebe dich. Liebe ist mein Erdensang.
Erde, liebe deinen Sohn, wie die Pflanze, wie das Tier!
Erde, warum bin ich hier liebesarm und totenbang?

Hätte ich ein Fünkchen Glück, hielt ich rein das Glück!
So ist oft mein Traumgesicht wild auf Lust erpicht.
Alles bleibt in mir Versuch. Nie gelingt ein Stück.
Sing ich das, so glaube ich, daß mein Herz mir bricht.

Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 22f Korrektur eines Druckfehlers im vierten Vers („immer“ statt „nimmer“) nach Theodor Däubler: Das Nordlicht. Teil 2, München; Leipzig, 1910, S. 454

Ich bin a Jid!

lzik Fefer

(auch Feffer, jiddisch איציק פֿעפֿער, russisch Ицик Фефер, Исаак Соломонович Фефер; geboren 10. September 1900 in Schpola, Gouvernement Kiew, Russisches Kaiserreich; gestorben 12. August 1952 in Moskau)

Er war ein bedeutender Dichter und ein frommer Kommunist. Stalin ließ ihn in New York für Unterstützung im Kampf gegen Hitler werben. „Im Juli 1943 wurden Michoels und das Präsidiumsmitglied Izik Fefer von der Kriegspropaganda-Behörde zu einer siebenmonatigen Reise in die USA, Mexiko, Kanada und England entsandt. Eine halbe Million Menschen besuchte die Massenversammlungen in 46 Städten. 45 Millionen Dollar wurden im Westen für die Rote Armee gesammelt.“ (Arno Lustiger). Nach dem Krieg brauchte er die Juden nicht mehr. Michoels, ein berühmter Schauspieler, wurde in einem vom Geheimdienst inszenierten Verkehrsunfall getötet – und mit einem Staatsakt geehrt. Bei den anderen war man weniger zimperlich. In der Nacht des 12. August 1952 ließ Stalin (dem auch Fefer Oden gewidmet hatte) führende jiddische Intellektuelle erschießen, unter ihnen Izik Fefer und weitere Dichter (man nennt es auch bitter die Nacht der toten Dichter). Hier eins seiner Gedichte.

Ich bin a jid!

Der Wein von uralten Geschlechtern
hat mich gestärkt auf Wanderschaft.
Die Folterpein von Menschenschächtern
hat nicht zerschlagen meine Kraft –
mein Volk, mein Glauben, alles was sich
in Freiheit ausformt und erblüht.
Noch unterm Schwerthieb schrie ich, daß ich
ein Jude bin – Ich bin a jid!

Kein Pharao, nicht Titus Heere,
noch Hamans Ränke seinerzeit
nahmen den Stolz mir. Meine Lehre
ruht in der Hand der Ewigkeit.
Mein Lebensmut ist nicht gebrochen
auf Scheiterhaufen vor Madrid.
Mein Ruf hallt zeitlos durch Epochen:
Ich bin a jid!

Ägypten hat in Stein geschlossen
mir meinen Leib. Ich hab mit Zorn
und Tränen braches Land begossen
und eine Sonne ward geborn.
Die Sonnenstrahln durchs Dunkel brachen,
wo sich mein Weg durch Diesteln zieht,
die stumm nach meinen Augen stachen,
Ich bin a jid!

Fast vierzig Jahre frühes Leben
bin ich geirrt im Wüstensand,
das hat mir Alterskraft gegeben,
Bar Kochbas Ruf ins Herz gebrannt.
Was ich auf Erden auch erleide,
den Starrsinn meiner Ahnen hüt‘
ich mehr als Gold, als Samt und Seide,
Ich bin a jid!

Was gilt mir Gold? Konnt es denn stillen,
als nirgendwo ein Obdach war,
mein Sehnen, meinen Geist und Willen?
Mehr Stärke gab mir Simsons Haar,
das Delila dem Recken raubte,
vor seinem Bronzeton verglüht,
was sich die Welt an Münzen klaubte:
Ich bin a jid!

Die Faltenstirn von Reb Akibe,
die Weisheit von Jesajas Wort
sie nährten meinen Durst – zu Liebe
und Haß zugleich. In mir lebt fort
der Schwung der Makkabäer-Helden
und ihr rebellisches Gemüt,
hört mich von den Schafotten melden:
Ich bin a jid!

Die Klugheit Salomos war meines
Wandererschicksals fester Halt,
das schiefe Lächeln Heinrich Heines
hab ich mit meinem Blut bezahlt.
Und wie Halevis Zauber klangen,
hab ich im Ohr und werd‘ s nicht müd‘,
vernichtet oft, doch nie vergangen:
Ich bin a jid!

Der Marktlärm, Amsterdamer Treiben
Spinoza hat es nicht gestört,
zur Straße hörn, heißt Mensch zu bleiben;
die Sonne Marxens auf der Erd‘
hat aufgefrischt und neu gerötet
mein altes Blut, ihr Rot durchzieht,
mein Feuer, das ihr niemals tötet –
Ich bin a jid!

Und meine Augen widerspiegeln
den Schein, die Stille und den Drang
vom Licht auf Vorderasiens Hügeln,
von Mendeles gebeugtem Gang,
den Schliff russischer Bajonette,
den Glanz der Ähren unterm Schnitt,
ich bin ein Sohn unsrer Sowjete –
Ich bin a jid!

Der Echohall in Haifas Hafen
schwingt nach in meiner Stimme Klang
dank unsichtbarer Telegraphen
durch Meer und Täler. Zu mir drang
der Puls von Buenos Aires‘ Plätzen,
und aus New York ein jiddisch‘ Lied
der Schauder vor Berlins Gesetzen
Ich bin a jid!

Ich will die Feindesschar verstreuen,
die mir schon grub ein Gräberfeld,
mich unter roten Fahnen freuen
des Lebens, einer neuen Welt,
will meine Weingärten bepflanzen
und selbst sein meines Glückes Schmied;
ich werd auf Hitlers Grab noch tanzen!
Ich bin a jid!

(gekürzt)

Übersetzt von Andrej Jendrusch

Aus: Mitzwat zekhor – das Gebot des Gedenkens. 6. Tage der jiddischen Kultur. Theater unterm Dach. Berlin, Januar 1992. Berlin, Bonn: Deutsche Unesco Kommission, 1991, S. 36f

Itzik Feffer reads his poem Ikh bin a yid – איך בין א ייד (der Vortrag ist auch eindrucksvoll, wenn man kein Jiddisch versteht – zumal viele Wörter den Deutschen bekannt vorkommen. Und wer genau hinhört, wird an den Namen von Stalin und Swerdlow merken, welche Strophen hier ausgelassen wurden.)

Auf unverständige Poeten

Auszug aus Benjamin Neukirchs ((* 27. März 1665 in Reisen, heute Rydzyna in Schlesien; † 15. August 1729 in Ansbach) gleichnamigem Gedicht

Hast du, Lysander, Witz, so folge meinem Rat:
Der ist der klügste Mann, der nichts geschrieben hat.
Laß einen Kirchenschwan Bär, Schaf und Rinder reimen,
Laß einen Bavius von Heldenthaten träumen,
Vertrag im Madrigal hirschfeldischen Verstand,
Erheb den Schäferton von Kärnth und Bayerland,
Und wenn ein Nordenhals mit rauher Kehle knastert,
So sprich, daß er den Weg zum Musenberge pflastert,
Und daß er doch dabei mehr süße Lieblichkeit
Als Hofmannswaldau kaum und Opitz ausgestreut.
Gieb alles willig zu und laß die blinden Schützen
Um ihren Lorbeerkranz mit eignem Lobe blitzen;
Inzwischen tröste dich bei deiner klugen Pein
Mit griechischer Vernunft und sittlichem Latein
Und trachte den Verstand der Alten zu ergründen,
So wirst du, was du suchst und was uns mangelt, finden.
Denn geh und werde klug und setze dich zur Ruh‘
Und sieh der Kinderlust mit Männeraugen zu,
So hast du, wenn du willst, bei täglich neuen Sachen
Papiere zum Toback und Zeug genug zum Lachen.
Doch wo das Dichtersalz dich in den Adern jückt
Und dich ein böser Geist aus deinem Zirkel rückt,
Der dich im Sprunge will zum Flötenritter schlagen,
So fang es endlich an mit halber Furcht zu wagen,
Versammle, wo du kannst, der Jugend alten Graus
Und pflanze Stück auf Stück und mach‘ ein Buch daraus;
Denn stirb, so glaubt die Welt, daß mehr mit dir verdorben,
Als am Homer Athen, Rom am Virgil gestorben.
Schau, dieses ist der Weg, der dir bisher gefehlt
Und dennoch deinen Geist auch nicht zu Tode quält.
Schieb andern Müh‘ und Schweiß in ihren Jammerbusen;
Ein ausgeführtes Werk ist nur für Bettelmusen,
Und der hat wahrlich mehr als mancher Fürst gethan,
Der seinen Unverstand mit Kunst verbergen kann.

Das ganze Gedicht hier

Ragnarök

Alfred Gong

(geboren 14. August 1920 in Czernowitz, Rumänien als Alfred Liquornik; gestorben 18. Oktober 1981 in New York City)

Ragnarök
Für Bodo Scheurig

Ach, wäre es Traum nur:
Das schlafende Blut an der Mauer
und dieses Fenster ohne Gesicht.
Am Fadenkreuz auf der Lauer
der Nickhaut frierendes Licht.

Ach, wäre es Wahn nur:
Ein Kindlein im Schlack auf den Knien.
Wo hat ihn wer das Beten gelehrt?
Hat nicht just sein Vater geschrien?,
von dem die Wehblume zehrt.

Ach, wäre es Lied nur:
Am Kar ein Mond ohne Gezeiten,
der trinkt aus einem Helm ohne Sinn.
Gegen den Flugsand heimatlos reiten
stumm drei Soldaten aus Zinn.

(1960)

Aus: Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina. Hrsg. Klaus Werner. Frankfurt/Main u. Leipzig: Insel, 1991, S. 150f

Nichts

Nikolaus Lenau

(* 13. August 1802 in Csatád, Königreich Ungarn; † 22. August 1850 in Oberdöbling)

Eitel nichts!

’s ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte!
Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern,
Ein wüstes Jagen ists von dem zum andern,
Und unterwegs verlieren wir die Kräfte.
Ja, könnte man zum letzten Erdenziele
Noch als derselbe frische Bursche kommen,
Wie man den ersten Anlauf hat genommen,
So möchte man noch lachen zu dem Spiele.
Doch trägt uns eine Macht von Stund zu Stund,
Wie’s Krüglein, das am Brunnenstein zersprang,
Und dessen Inhalt sickert auf den Grund,
So weit es ging, den ganzen Weg entlang.
Nun ist es leer; wer mag daraus noch trinken?
Und zu den andern Scherben muß es sinken.

(1844)

Zum Tage

Der Todestag der führenden jiddischen Schriftsteller? Der ist gar einfach zu behalten, bitte:

  • David Bergelsson – 1884 – 12.08.1952
  • David Hofstein – 1889 – 12.08.1952
  • Lejb Kwitko – 1890 – 12.08.1952
  • Perez Markisch – 1895 – 12.08.1952
  • Itzik Fefer – 1900 – 12.08.1952
    Lev Berinski (Mehr)

“Nacht der ermordeten Dichter” – das ist keine flammende Metapher aus einem Requiem, sondern ein trockener Begriff in der jiddischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und nicht nur diese fünf Hervorragenden wurden jene Nacht auf der Moskauer Lubjanka, in der schrecklichen KGB-Residenz, erschossen, und nicht nur am 12. August 1952, als zusammen mit diesen weltbekannten Schriftstellern auch der Literat Schmuel Persow seinen Tod fand. Etwas früher oder später wurden ermordet oder starben in Gefängnissen der große Prosaiker Der Nister (1884-1950); die Literaturwissenschaftler E. Spiwak (1890-1950) und Izhak Nusinow (1889-1951), der Dramatiker und theaterkundige Jeheskel Dobruschin (1883-1953), und allen voran – der in einer inszenierten Autohavarie getötete geniale Schauspieler Schlojme Michoels (1890-1948).

„Vor vierzig Jahren starb ein ganzes Reich der Kultur, als mit Genickschuß niedergestreckt wurden der 1900 in der Ukraine geborene Itzik Fefer, der ein Jahr ältere, ebenfalls aus der Ukraine stammende David Hofstein, der Dichter und Romancier aus Rußland Lejb Kwitko (geboren 1890), der 1895 in Wolhynien zur Welt gekommene Erzähler und Dramatiker Peretz Markisch und David Bergelson, Verfasser eines Dramas mit dem Titel „Mir.wiln lebn“ (Wir wollen leben), der an seinem 68. Geburtstag sterben mußte. Mit ihnen wurden in jener Nacht hingerichtet: mindestens neun andere Intellektuelle der sowjetjüdischen Kultur, Übersetzer(innen), Theaterleute, Ärzte. Auf dem von Stalin zu verantwortenden Totenschein stehen in drei Jahrzehnten die Namen von 238 jüdischen Schriftstellern, 106 Schauspielern, 87 Malern oder Bildhauern, 19 Musikern.

Wer zählt die Namenlosen? Deshalb sollten wir am 12. August, einem Trauertag der Literatur, auch an die Millionen Toten jiddischer Sprache denken, die das Feindespaar Hitler/Stalin in mörderischem Einvernehmen umgebracht hat. Vor dem Krieg sprachen in aller Welt mehr als zwölf Millionen Menschen die „Nah“- oder „Neben-Sprache des Deutschen“, wie die Sprachwissenschaftler das Jiddische nennen.“ (Rolf Michaelis, Die Zeit 14. August 1992)

Schon 15 Jahre zuvor gab es eine ähnliche Aktion gegen jüdische Intellektuelle aus Weißrußland, der unter Dutzenden Schriftstellern und anderen Persönlichkeiten auch der Schriftsteller Mosche Kulbak zum Opfer fiel. Die deutsche Wikipedia sagt: „Er starb 1940 in einem sibirischen Arbeitslager des GULAG.“ Die russische: Er wurde Ende Oktober 1937 als Volksfeind verurteilt und erschossen. Also sehen wir nach:

Polnische Wiki: „Während der Großen Säuberung wurde er 1937 Opfer stalinistischer Repressionen und nach seiner Verhaftung durch den NKWD wegen konterrevolutionärer Aktivitäten als „polnischer Spion“ inhaftiert. Erst aus den Unterlagen, die seine Tochter Raja 1989 erhielt, ging hervor, dass er am 29. Oktober 1937 erschossen wurde. Sein Körper ruht wahrscheinlich im Massengrab der Opfer des stalinistischen Terrors in Kuropatów (dem heutigen Vorort von Minsk). Im Dezember 1956 wurde er rehabilitiert: „ohne Grund für schuldig befunden“-“

Die weißrussische: „Er wurde 11. September verhaftet, … am 28. Oktober 1937 als „Mitglied der konterrevolutionären trotzkistischen Terrororganisation“ und wegen „Verbindung mit den polnischen Geheimdiensten“ zur Todesstrafe und Einziehung des Eigentums verurteilt. Er wurde in der Nacht von 29. zum 30. Oktober erschossen. Rehabilitiert durch das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR am 15. Dezember 1956.“

Hier ein Gedicht von ihm in der Übersetzung von Hubert Witt.

Verwandlung

Was ist Sterben, wenn wir sterben,
s ist ein Spiel mit bunten Scherben,
tauschbereit:
Freud für Grämen
im Leben –
s ist ein Nehmen
und Geben
in der Zeit.

Aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Leipzig: Reclam, 5. veränd. Aufl. 1993, S. 98

Du sollst nicht

Es sind Gebote, und wahrscheinlich mußte es gesagt werden. Aber es ist auch Poesie. Zum Schluß läuft alles aus dem Ruder.

#Parallelismus #Wiederholung #Extrem #Übersetzung #Spiel #Google #Hebräisch #Chinesisch #Englisch #Tadschikisch #Ruth

3. Mose 18

Luther 1912

6 Niemand soll sich zu seiner nächsten Blutsfreundin tun, ihre Blöße aufzudecken; denn ich bin der HERR. 7 Du sollst deines Vaters und deiner Mutter Blöße nicht aufdecken; es ist deine Mutter, darum sollst du ihre Blöße nicht aufdecken. 8 Du sollst deines Vaters Weibes Blöße nicht aufdecken; denn sie ist deines Vaters Blöße.
9 Du sollst deiner Schwester Blöße, die deines Vaters oder deiner Mutter Tochter ist, daheim oder draußen geboren, nicht aufdecken. 10 Du sollst die Blöße der Tochter deines Sohnes oder deiner Tochter nicht aufdecken; denn es ist deine Blöße. 11 Du sollst die Blöße der Tochter deines Vaters Weibes, die deinem Vater geboren ist und deine Schwester ist, nicht aufdecken. 12 Do sollst die Blöße der Schwester deines Vaters nicht aufdecken; denn es ist deines Vaters nächste Blutsfreundin. 13 Du sollst deiner Mutter Schwester Blöße nicht aufdecken; denn es ist deiner Mutter nächste Blutsfreundin. 14 Du sollst deines Vaters Bruders Blöße nicht aufdecken, daß du sein Weib nehmest; denn sie ist deine Base.
15 Du sollst deiner Schwiegertochter Blöße nicht aufdecken; denn es ist deines Sohnes Weib, darum sollst du ihre Blöße nicht aufdecken. 16 Du sollst deines Bruders Weibes Blöße nicht aufdecken; denn sie ist deines Bruders Blöße. 17 Du sollst eines Weibes samt ihrer Tochter Blöße nicht aufdecken noch ihres Sohnes Tochter oder ihrer Tochter Tochter nehmen, ihre Blöße aufzudecken; denn sie sind ihre nächsten Blutsfreundinnen, und es ist ein Frevel. 18 Du sollst auch deines Weibes Schwester nicht nehmen neben ihr, ihre Blöße aufzudecken, ihr zuwider, solange sie noch lebt.

Luther 1546

6 NJemand sol sich zu seiner nehesten Blutfreundin thun / jre Schambd zu blössen / Denn ich bin der HERR. 7 Du solt deines Vaters vnd deiner Mutter schambd nicht blössen / Es ist deine Mutter / darumb soltu jre schambd nicht blössen. 8 Du solt deines Vaters weibes schambd nicht blössen / denn es ist deines Vaters schambd. 9 Du solt deiner Schwester schambd / die deines Vaters oder deiner Mutter tochter ist / da heim oder draussen geborn / nicht blössen. 10 Du solt deines sons oder deiner Tochter tochter schambd nicht blössen denn es ist deine schambd. 11 Du solt der tochter deines Vaters weibs / die deinem Vater geborn ist / vnd deine schwester ist / schamd nicht blössen. 12 Du solt deines Vatern schwester schambd nicht blössen / denn es ist deines Vatern neheste Blutfreundin. 13 Du solt deiner Mutter schwester schambd nicht blössen / denn es ist deiner Mutter neheste Blutfreundin. 14 DV solt deines Vatern bruder schambd nicht blössen / das du sein Weib nemest / denn sie ist deine Wase. 15 Du solt deiner Schnur schambd nicht blössen / denn es ist deines Sons weib / darumb soltu jre schambd nicht blössen. 16 Du solt deines Bruders weibs schambd nicht blössen / Denn sie ist deines Bruders schambd. 17 Du solt deines Weibs sampt jr Tochter schambd nicht blössen / noch jrs Sons tochter oder Tochter tochter nemen / jre schambd zu blössen / denn es ist jre neheste Blutfreundin / vnd ist ein laster. 18 Du solt auch deines weibes Schwester nicht nemen neben jr jre schambd zublössen / jr zu wider / weil sie noch lebt.

Hebräisch (das ganze Kapitel incl. Verweisungen)

1 וַיְדַבֵּר יְהוָה אֶל־מֹשֶׁה לֵּאמֹר ׃ 2 דַּבֵּר אֶל־בְּנֵי יִשְׂרָאֵל וְאָמַרְתָּ אֲלֵהֶם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם ׃ 3 כְּמַעֲשֵׂה אֶרֶץ־מִצְרַיִם אֲשֶׁר יְשַׁבְתֶּם־בָּהּ לֹא תַעֲשׂוּ וּכְמַעֲשֵׂה אֶרֶץ־כְּנַעַן אֲשֶׁר אֲנִי מֵבִיא אֶתְכֶם שָׁמָּה לֹא תַעֲשׂוּ וּבְחֻקֹּתֵיהֶם לֹא תֵלֵכוּ ׃ (2 Mose 23.24) 4 אֶת־מִשְׁפָּטַי תַּעֲשׂוּ וְאֶת־חֻקֹּתַי תִּשְׁמְרוּ לָלֶכֶת בָּהֶם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם ׃ 5 וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־חֻקֹּתַי וְאֶת־מִשְׁפָּטַי אֲשֶׁר יַעֲשֶׂה אֹתָם הָאָדָם וָחַי בָּהֶם אֲנִי יְהוָה ׃ ס (Nehemia 9.29) (Hesekiel 20.11) 6 אִישׁ אִישׁ אֶל־כָּל־שְׁאֵר בְּשָׂרוֹ לֹא תִקְרְבוּ לְגַלּוֹת עֶרְוָה אֲנִי יְהוָה ׃ ס 7 עֶרְוַת אָבִיךָ וְעֶרְוַת אִמְּךָ לֹא תְגַלֵּה אִמְּךָ הִוא לֹא תְגַלֶּה עֶרְוָתָהּ ׃ ס 8 עֶרְוַת אֵשֶׁת־אָבִיךָ לֹא תְגַלֵּה עֶרְוַת אָבִיךָ הִוא ׃ ס (1 Mose 35.22) (5 Mose 27.20) 9 עֶרְוַת אֲחוֹתְךָ בַת־אָבִיךָ אוֹ בַת־אִמֶּךָ מוֹלֶדֶת בַּיִת אוֹ מוֹלֶדֶת חוּץ לֹא תְגַלֶּה עֶרְוָתָן ׃ ס (5 Mose 27.22) 10 עֶרְוַת בַּת־בִּנְךָ אוֹ בַת־בִּתְּךָ לֹא תְגַלֶּה עֶרְוָתָן כִּי עֶרְוָתְךָ הֵנָּה ׃ ס 11 עֶרְוַת בַּת־אֵשֶׁת אָבִיךָ מוֹלֶדֶת אָבִיךָ אֲחוֹתְךָ הִוא לֹא תְגַלֶּה עֶרְוָתָהּ ׃ ס 12 עֶרְוַת אֲחוֹת־אָבִיךָ לֹא תְגַלֵּה שְׁאֵר אָבִיךָ הִוא ׃ ס 13 עֶרְוַת אֲחוֹת־אִמְּךָ לֹא תְגַלֵּה כִּי־שְׁאֵר אִמְּךָ הִוא ׃ ס 14 עֶרְוַת אֲחִי־אָבִיךָ לֹא תְגַלֵּה אֶל־אִשְׁתּוֹ לֹא תִקְרָב דֹּדָתְךָ הִוא ׃ ס 15 עֶרְוַת כַּלָּתְךָ לֹא תְגַלֵּה אֵשֶׁת בִּנְךָ הִוא לֹא תְגַלֶּה עֶרְוָתָהּ ׃ ס (1 Mose 38.16) 16 עֶרְוַת אֵשֶׁת־אָחִיךָ לֹא תְגַלֵּה עֶרְוַת אָחִיךָ הִוא ׃ ס 17 עֶרְוַת אִשָּׁה וּבִתָּהּ לֹא תְגַלֵּה אֶת־בַּת־בְּנָהּ וְאֶת־בַּת־בִּתָּהּ לֹא תִקַּח לְגַלּוֹת עֶרְוָתָהּ שַׁאֲרָה הֵנָּה זִמָּה הִוא ׃ (5 Mose 27.23) 18 וְאִשָּׁה אֶל־אֲחֹתָהּ לֹא תִקָּח לִצְרֹר לְגַלּוֹת עֶרְוָתָהּ עָלֶיהָ בְּחַיֶּיהָ ׃ 19 וְאֶל־אִשָּׁה בְּנִדַּת טֻמְאָתָהּ לֹא תִקְרַב לְגַלּוֹת עֶרְוָתָהּ ׃ (3 Mose 15.24) (Hesekiel 18.6) (Hesekiel 22.10) 20 וְאֶל־אֵשֶׁת עֲמִיתְךָ לֹא־תִתֵּן שְׁכָבְתְּךָ לְזָרַע לְטָמְאָה־בָהּ ׃ (2 Samuel 11.4) 21 וּמִזַּרְעֲךָ לֹא־תִתֵּן לְהַעֲבִיר לַמֹּלֶךְ וְלֹא תְחַלֵּל אֶת־שֵׁם אֱלֹהֶיךָ אֲנִי יְהוָה ׃ (5 Mose 18.10) (2 Könige 21.6) (Psalm 106.37) (Jeremia 7.31) 22 וְאֶת־זָכָר לֹא תִשְׁכַּב מִשְׁכְּבֵי אִשָּׁה תּוֹעֵבָה הִוא ׃ (1 Mose 19.5) 23 וּבְכָל־בְּהֵמָה לֹא־תִתֵּן שְׁכָבְתְּךָ לְטָמְאָה־בָהּ וְאִשָּׁה לֹא־תַעֲמֹד לִפְנֵי בְהֵמָה לְרִבְעָהּ תֶּבֶל הוּא ׃ (2 Mose 22.18) 24 אַל־תִּטַּמְּאוּ בְּכָל־אֵלֶּה כִּי בְכָל־אֵלֶּה נִטְמְאוּ הַגּוֹיִם אֲשֶׁר־אֲנִי מְשַׁלֵּחַ מִפְּנֵיכֶם ׃ 25 וַתִּטְמָא הָאָרֶץ וָאֶפְקֹד עֲוֹנָהּ עָלֶיהָ וַתָּקִא הָאָרֶץ אֶת־יֹשְׁבֶיהָ ׃ 26 וּשְׁמַרְתֶּם אַתֶּם אֶת־חֻקֹּתַי וְאֶת־מִשְׁפָּטַי וְלֹא תַעֲשׂוּ מִכֹּל הַתּוֹעֵבֹת הָאֵלֶּה הָאֶזְרָח וְהַגֵּר הַגָּר בְּתוֹכְכֶם ׃ 27 כִּי אֶת־כָּל־הַתּוֹעֵבֹת הָאֵל עָשׂוּ אַנְשֵׁי־הָאָרֶץ אֲשֶׁר לִפְנֵיכֶם וַתִּטְמָא הָאָרֶץ ׃ 28 וְלֹא־תָקִיא הָאָרֶץ אֶתְכֶם בְּטַמַּאֲכֶם אֹתָהּ כַּאֲשֶׁר קָאָה אֶת־הַגּוֹי אֲשֶׁר לִפְנֵיכֶם ׃ 29 כִּי כָּל־אֲשֶׁר יַעֲשֶׂה מִכֹּל הַתּוֹעֵבוֹת הָאֵלֶּה וְנִכְרְתוּ הַנְּפָשׁוֹת הָעֹשֹׂת מִקֶּרֶב עַמָּם ׃ 30 וּשְׁמַרְתֶּם אֶת־מִשְׁמַרְתִּי לְבִלְתִּי עֲשׂוֹת מֵחֻקּוֹת הַתּוֹעֵבֹת אֲשֶׁר נַעֲשׂוּ לִפְנֵיכֶם וְלֹא תִטַּמְּאוּ בָּהֶם אֲנִי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם ׃ פ

Google Translate offenbart einige Probleme / Leerstellen / Zensur?, erfindet neue Wörter (Muttermutterland) und bleibt nicht frei von Überraschungen

6 Mann Mann L-cl-sar eigenes Fleisch nicht Tkrbo Lglot AroH Ich bin der HERR: S 7 Arot deines Vaters und Arot nicht Tglh Amc Amc nicht Tglh Aroth Hoa S. 8 Arot Ast-ABIC nicht Tglh Arot Ihr Vater Hoa S. 9 Arot Ahotc Bt-ABIC Ao Ao Bt-amc Muttermutterland außen Byte nicht Tglh Arotn: S. 10 Arot Bt-bnc Ao Bt-btc nicht Tglh Arotn Ci AROTC hnh: S. 11 Arot Bt-ast Ihr Vater verwandte Ihr Vater Deine Schwester ist unglaublich 1 2 Arot Ahot-ABIC nicht Tglh Fleisch deines Vaters Hoa S. 13 Arot Ahot-amc nicht Tglh Ci-sar Amc Hoa S. 14 Arot Ahi-ABIC nicht Tglh Al-asto nicht ddtc Hoa S. 15 Arot CLTC nicht Tglh bin ein Bnc Hoa Tkrb nicht Tglh Aroth S. 16 Arot Ast-AHIC nicht Tglh Arot dein Bruder Hoa S. 17 Arot Ash und Bth nicht Tglh At-BT-BNH und At-bt-BTH nicht Tkh Lglot Aroth kinswoman HNH ZMH Hoa 18 und dann ihre ganze Schwester A Tkh Ltzrr Lglot Aroth Alih Bhiih: und eine Frau alle aus Unbeliebt Es war ein Tierleben

Der deutsche Text von 1912 ins Chinesische und dann ins Englische übersetzt (zur sprachlichen kommt eine geografische Verwerfung)

6 No one does anything to the nearest blood friend, revealing her lower body; for I am the Lord. 7 You can’t reveal your parents‘ nakedness; this is your mother, so you should not reveal her lower body. 8 You must not reveal the nakedness of your father’s wife; for she is the nakedness of your father.
9 You must not reveal your sister’s naked body, this is the daughter of your father or mother, born in China or abroad. 10 You must not reveal the nakedness of your daughter’s daughter; for this is your nakedness. 11 You should not reveal the nakedness of your father’s wife’s daughter. Her father is your father and your sister. 12 Don’t show your father’s sister’s naked body; because this is your father’s next blood friend. 13 You must not reveal Ruth to your mother’s sister; for this is your mother’s next bloody lover. 14 You must not reveal the nakedness of your father’s brother, so that you can take his wife; because she is your base.
15 You must not reveal your nakedness to your wife; for this is the wife of your son, so you cannot reveal her lower body. 16 You must not reveal the nakedness of your brother; for she is the nakedness of your brother. 17 You must not reveal a woman’s naked body, the daughter’s naked body, and do not take her daughter’s daughter or daughter’s daughter, revealing her lower body; because they are their next blood friend, this is a kind of god . 18 While she is still alive, you can’t bring your wife’s sister to her side and expose her lower body to her.

Zum Schluß alles durch mehrere Sprachen geschüttelt und wieder verdeutscht:

6 Niemand tut etwas für einen engen Blutsfreund, der seinen Unterkörper offenbart, denn ich bin der Herr. 7 Du kannst die Nacktheit deiner Eltern nicht bloßstellen, das ist deine Mutter, also solltest du ihren Unterkörper nicht offenbaren. 8 Sie sollten die Nacktheit der Frau Ihres Vaters nicht bloßstellen. Weil er die Blöße deines Vaters ist.
9 Sie dürfen den nackten Körper Ihrer Schwester nicht preisgeben: Dies ist die Tochter Ihres Vaters oder Ihrer Mutter, die in China oder im Ausland geboren wurde. 10 Du darfst die Blöße deiner Tochter und deiner Tochter nicht offenbaren, denn dies ist deine Blöße. 11 Sie sollten die Nacktheit der Tochter der Frau Ihres Vaters nicht bloßstellen. Sein Vater ist dein Vater und deine Schwester. Sie sollten nicht die Nacktheit der Schwester Ihres Vaters zeigen, weil dies ein Freund des Blutes Ihres Vaters ist. 13 Sie sollten die Schwester Ruth Ihrer Mutter nicht preisgeben. Weil er ein verdammter Fan deiner Mutter ist. 14 Sie dürfen die Blöße des Bruders Ihres Vaters nicht offenbaren, damit er seine Frau nehmen kann. Weil er dein Fundament ist.
15 Sie sollten Ihren Unterkörper Ihrer Frau nicht offenbaren. Da dies die Frau Ihres Sohnes ist, können Sie seinen Unterkörper nicht preisgeben. 16 Du darfst den nackten Körper deines Bruders nicht offenbaren, denn er ist die Blöße deines Bruders. 17 Sie dürfen eine Frau nicht nackt zeigen, Sie dürfen ihren Unterkörper nicht zeigen, Sie dürfen die Tochter ihres Sohnes oder die Tochter ihrer Tochter nicht nehmen, um ihren Unterkörper zu zeigen. Weil sie ihr nächster Blutsfreund sind, ist dies ein Gott. 18 Wenn er noch am Leben ist, können Sie die Schwester Ihrer Frau nicht an ihre Seite bringen und den Unterkörper zeigen.

Anti-SterbLied

Sibylla Schwarz

(* 14. Februar alten, 24. Februar neuen Stils 1621 in Greifswald; † 31. Juli alten, 10. August neuen Stils 1638 ebenda)

Die Greifswalder Bürgermeistertochter Sibylla Schwarz starb heute vor 381 Jahren, 17 Jahre, 6 Monate und 17 Tage alt. In ihrer Heimat Pommern schrieb man den 31. Juli nach dem damals in den meisten evangelischen Ländern noch gültigen julianischen Kalender, für die kalendarisch progressiven Katholiken war es schon der 10. August. Laut Mitteilung Christoph Hagens, der ihre Leichenpredigt hielt, habe sie „kurtz vor jhrer decumbentz [Bettlägerigkeit] vnd Schwachheit / noch ein Buß= vnd ein SterbLied gemachet / vnd mit eigner Handt in ein Buch geschrieben“. Hier eins ihrer vier Kirchenlieder in der Originalfassung der Buchausgabe von 1650. Als einziges ihrer Lieder wurde es in einem Gesangbuch gedruckt, in der Altdorffischen Liedertafel, Ausgaben 1701 und 1718, unter Kranken-, Sterb- und Begräbnislieder.

Das Gedicht ist in sechszeiligen Strophen geschrieben. Strophen wurden nach damals verbreiteter Konvention nicht durch eine Leerzeile, sondern nur durch Einrückung der ersten Zeile markiert.

Seel: = Seligen
geil = wild, übermütig, hemmungslos
Englisches Geleide = Geleit durch Engel
Lottes Weib = Lots Weib, eine Frau aus der Bibel

Ein Lied.
gegen Jhren Seel:  Abschied. 
    
PFui / Pfui dich an du  schnöde Welt / 
du trübe Jammer=Schule / ¶
du Störefried / du Kummerfeld  / 
du rechter Satans=Buhle ! 
fahr hin / fahr hin / ich lasse dich /  
Gott / mein Erlöser  fordert mich.   
  Fahr hin mit deiner stoltzen Pracht / 
mit deinem geilen Hauffen /  
wie schwerlich wirstu Gottes Macht /  
und reiffem Zorn entlauffen /  
Fahr immer hin / Gott  ist bey mir / 
mein bleiben ist nicht mehr bey dihr.  
  Wer ist / der in dir Ruhe find  / 
der Bässerung verspüret  ?
Gott  Lob / mich / als ein seeligs Kind / 
die Allmacht Gottes  führet / 
da ich /  entbürdet aller Last / 
sol seyn ein wehrter Himmels=Gast. 
  Drümb  schwinge / dringe dich empor / 
du mein geplagtes Herze ! 
Auf / auf / gib keinem nicht das Ohr  / 
das Zagen macht und Schmerze ! 
wirf  alles frey auß deinem Sinn / 
was Welt und eitel ist / dahin. 
  Sieh da / des Jacobs Leiter  steht
schon Himmelwerts  erhoben / 
das Englische Geleide  geht / 
und bringt die Post vohn droben  :
Auf / auf / mit uns  in schneller Frist / 
der Zeiger außgelauffen  ist. 
  Kein Noht noch  Tod erschrecke dich / 
kein böses lass dir träumen ! 
da Lottes Weib sah hinter sich / 
mußt sie die Stette  räumen : ¶
drumb gehe frisch und frewdig fort 
den engen Weg zuhr Himmels=Pfort. 
  Den harten Todes=Kampf  tritt an / 
du meine liebe Seele / 
geh an die wehrte Himmels=bahn  / 
lass  deines Cörpers Höle / 
der wird gar bald zu seiner Zeit
dir nachzufolgen seyn bereit.
Das Geburts- und Sterbehaus in der Baderstraße im August 2019

Ode auf das Schachspiel

Der „größte Dichter Bayerns“ (er stammt aus dem Elsass). Ein deutscher Odendichter 100 Jahre vor Klopstock. Der deutsche Horaz. Pech für uns: er dichtete auf Latein. Wäre sein Werk in deutscher Sprache möglich gewesen? Hätte wäre wenn. Er heißt Jakob Balde (Johann Jacob Balde, * 3. Januar 1604 in Ensisheim, Elsass; † 9. August 1668 in Neuburg an der Donau). Herder hat ihn übersetzt und gelobt und jüngst hat ihn Christian Steinbacher umgedichtet (in der wunderbaren Zeitschrift Die Mütze #4, hrsg. Urs Engeler).

Hier sein Gedicht auf das Schachspiel (eine asklepiadeische Ode, von Johann Gottfried Herder metrisch nachgedichtet).

Das Schachspiel

Warum schlagen wir noch Bücher und Blätter auf?
Alle Lehre Sokrats über die Nichtigkeit
Unsres Erdegedrängs lehret im Spiel uns hier
Ein mit Puppen besetztes Brett.

Siehst du, Freund, wie das Glück Würden und Ämter teilt?
Wie’s die Plätze bestimmt? Wie sie im Wechsel sind?
Freund, so spielen auch wir selber ein Spiel des Glücks,
Ungleich, aber im Ausgang gleich.

Mächtig stehet ein Heer gegen das andere auf;
Hier Trojaner und hier tapferer Griechen Reih’n,
Stark mit Türmen verwacht. Mutige Ritter stehn
Bei den Türmen. Es schweigt das Heer.

Wartend schweiget das Feld: denn die Gebieter sind
Noch im Kampfe mit sich, sinnen Entwürfe. Furcht
Und die Ehre gebeut. Jetzo beginnt die Schlacht.
Arme Bauern, in euren Reih’n.

Schau, sie fallen dahin. Siehe, mit ihrem Blut
Wird der Lorbeer erkauft. Ihre Gefilde mäht,
Ihre Hütte beraubt jeder der Streitenden:
Sie nur haben die Schuld verübt.

Doch wer springet hervor? Listiger Springer, du ?
Aus der Mitte des Heers, über die Köpfe der
Kämpfer? Willst du zurück, Parther! Es hüte sïch
Vor dir Schwarzem das ganze Feld.

Und doch wünschet sich auch keiner den Tod von dir,
Narr und Läufer! Du hast eine beträchtliche
Zunft in unserer Welt; Narren und Läufern stehn
Häuser offen und Hof und Zelt.

Sieh, die Königin regt als Amazone sich,
Geht, wie ihr es beliebt; Damen ist viel erlaubt.
Vor ihr weichet hinweg Ritter und Elephant,
Bauer, Porus und Hannibal.

Alles weichet der Macht weiblicher Krieger, die
Viel begehren und viel wagen; sie kennen nicht
Das Zuviele. Die jetzt ihren Gemahl beschützt
Ist’s, die jetzo den Herrn verrät.

Schach dem Könige! Tritt, höchster Gebieter, selbst
Von dem Platze der Ruh! Traue die Majestät
Nicht Beamten allein, nicht der Gemahlin an!
Aber leider, es ist zu spät.

Schach dem Könige, Schach! – Siehe, geendet sind
Unsre Züge; du siehst Ritter und Bauer jetzt,
König, Springer und Narr hier in der Büchse Grab
Durch- und übereinander ruhn.

Also gehet die Welt: Liktor und Konsul geht
In die Büchse, der Held und der Besiegete.
Du vollführe dein Amt; spiele des Lebens Spiel,
Das ein Höherer durch dich spielt.

 

Der du bist im Exil

Horst Samson

GEBET

Der du bist im Exil,
Verschwiegen werde dein Name, dein Wille
Vergehe ungeschehen auf Erden wie im Himmel
Das tägliche Brot. Dein Reich
Verschimmele, wie Dein Körper, deine
Wörter sind schnell und schuldig, sie vergeben
Nichts wie auch wir dir nie vergeben.
Es treffe dich das Böse, wo immer
Du bist, und nehme dir alles – das Land
Und die Kraft und deine Herrlichkeit,
Das ewige Amen und die Sprache. Deine Gedärme
Sollen rosten, dein Hirn
Soll verglühen wie ein Komet im Nichts
Des Exils, wo auch du ein Niemand bist
Wie dein Name. Wie
Dein Name!

Aus: Horst Samson: Heimat als Versuchung. Das nackte Leben. Literarisches Lesebuch. Ludwigsburg: Pop, 2019 (2. erweiterte Ausgabe), S. 166

Der Stein

Von Joachim Ringelnatz

(* 7. August 1883 in Wurzen als Hans Gustav Bötticher; † 17. November 1934 in Berlin)

Ein kleines Steinchen rollte munter
Von einem hohen Berg herunter.

Und als es durch den Schnee so rollte,
Ward es viel größer als es wollte.

Da sprach der Stein mit stolzer Miene:
‚Jetzt bin ich eine Schneelawine‘.

Er riß im Rollen noch ein Haus
Und sieben große Bäume aus.

Dann rollte er ins Meer hinein,
Und dort versank der kleine Stein.

Papantscha Vielerlei

Christa Reinig

(* 6. August 1926 in Berlin; † 30. September 2008 in München)

Aus: PAPANTSCHA VIELERLEI

Ob nun das Christentum den Hinduismus oder der Hinduismus das Christentum beeinflußt haben mag, gleichviel, die Übereinstimmung ist oft frappierend:

Im Anfang war der Reim.
Da gingen
Johannes und die Jünger heim.
Sie konnten ihn nicht zwingen.
Frau Petrus sprach: Das ist auch nicht
Im Sinne meines Mannes.
Das Wort des Papstes hat Gewicht,
Und Prosa schrieb Johannes.

Nur Paulus dichtete nicht mehr in freien Rhythmen.
Er wurde Saulus und begann, sich dem Sonett zu widmen.

Aus: Christa Reinig: Sämtliche Gedichte. Düsseldorf: Eremiten, 1984, S. 200

offener ansatz

Flanzendörfer

(* 30. Dezember 1962 in Dresden-Oberpoyritz; † 4. August 1988 in Marienwerder),

Aus: Die Gestalt (1987)

Aus: flanzendörfer: unmöglich es leben. Berlin: Janus press, 1992, S. 101

Aus der Biografie (Quelle: Frank Lanzendörfer, Versensporn 16. Jena 2014):

Im Juni 1985 wird flanzendörfer von der Staatssicherheit „mit der Zielstellung der Prüfung der Voraussetzungen für eine inoffizielle Zusammenarbeit” kontaktiert; man gelangt zu dem Schluss, „dass er nicht über die notwendigen subjektiven Voraussetzungen“ verfügt; trotzdem weitere permanente Überwachung und „direkte Bearbeitung“ (Bedrohung, Haussuchung etc.). Anfang August 1985 Poetenseminar der FDJ in Schwerin, das er vorzeitig wieder verlässt. Am 10. November 1985 stellt flanzendörfer einen Ausreiseantrag, der abgelehnt wird. Im Winter 1985/86 zunächst intensive bildkünstlerische Arbeit; ab Februar 1986 wieder Hinwendung zur Literatur, zum Teil unter dem Einfluss von Musik und Drogen; Beiträge in inoffiziellen Zeitschriften wie u.s.w, schaden, Bizarre Städte oder Text-Grafik-Editionen wie Flugschutt und Die Mappe; Malaktionen, Performances, Super-8-Filme. Ab Ende 1987 zieht flanzendörfer sich immer öfter aus Berlin und in die totale Isolation zurück, vernichtet seine Arbeiten. 1988 mehrmaliges langes und radikales Fasten bis hin zu Halluzinationen. Am 5. August 1988 steigt er mithilfe einer selbstgebauten Konstruktion in einen Feuerwachtturm bei Marienwerder ein und springt in den Tod.

„Und nach seinem Tod lief Stasimann ‚Gröger‘ herum und erkundigte sich, z.B. bei Jansen, ob es in der Szene Gerüchte gäbe, Flanzendörfer habe sich wegen der Stasi umgebracht.“ (Peter Böthig in unmöglich es leben, S. 183)

Musik

René Schickele

(* 4. August 1883 in Oberehnheim im Elsass; † 31. Januar 1940 in Vence, Alpes-Maritimes)

Aus: René Schickele: Weiss und rot. Gedichte. Berlin: Cassirer, 1920

Autobiographie eines Feuerdiebs

Abdulwahab Al-Bayyati

(arabisch عبد الوهاب البياتي ; geboren 19. Dezember 1926 in Bagdad; gestorben 3. August 1999 in Damaskus)

Aus: Die Autobiographie eines Feuerdiebs

Die kahlköpfige Sprache setzte sich Stilistik und Rhetorik als Perücke auf
in königlichen Gemächern, im Zeitalter des Weltraums,
der Sternenschiffe und der Revolutionen,
und kleidete sich in Wortspiel und Vergleich.
Die verschnittenen Betteldichter in den Hauptstädten des Orients
robbten auf ihren Bäuchen durch die Käfige,
Flöhe und Moos gediehen auf ihren Gedichten,
und die Poeten des käuflichen Traums in den Elfenbeintürmen
übertünchten mit Puder und Creme die Blässe der Muse der Dichtkunst,
die auf dem Gipfel des Olymp vergreist.
Sie stahlen ihren welken Lorbeerkranz aus den Museen, den Mülltonnen, den Texten,
sie sammelten die herbstlichen Blätter von den Friedhöfen verblichener Poetik,
während die Eunuchendichter die Sklavenkönige in ihren Käfigen priesen.
Mit den Jahreszeiten kam der Feuerdieb,
brachte das Testament der Zeiten, der Ströme,
kam und sah,
wie er, beim Wettkampf der erschöpften Menschheit,
in der Glut der Erde, auf der er sich niederließ,
an den Sonnenmann dachte, an die Gitarrenfrau,
beide befreit von Ketten.
Er hat Einsicht in die Wogen der Geschichte und die Trauer der Generationen,
die Vögel, den Stein und die Toten.
Auf das Papyrus schreibt er die Namen der Fürstinnen von Buchara
und bringt des Meeres Testament der Kindheit, den Moscheen, den Märkten.
Er sagte, als er in seinem langen Mantel dastand
wie der ägyptische Obelisk, diese Palme an der Place de la Concorde:
«Kamst du durch das Fenster des Morgenrots in mein Herz?
Und wer gab dir das Recht, zu schlafen, aufzubrechen und zu suchen
nach den Grenzen in der Stadt der Liebe?»

Aus: Stefan Weidner: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Hrsg. u. übersetzt von Stefan Weidner. München: C.H. Beck, 2000, S. 69f