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Namaste

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Archiv: viele tausend Nachrichten aus 20 Jahren. 2. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht. 3. Journal #1 (Morgensternfest)

Frisches Liedlein

Die Kalender sind voll von AuTOREN und wenig INNEN. Ich suchte ein wenig, ob ich was Brauchbares bei Frida Schanz finden könnte, die am 17. Juni 1944 gestorben ist. Aber da war zuviel von des Hochwalds Schattengängen, Wolkenbanden und äthergetragenem Hauch. Also griff ich das erste beste nahegelegene Buch, es war „Georg Forsters Frische Teutsche Liedlein“ von 1539-1556 (Nachdruck 1903). Einfach in die Mitte greifen, passt scho!

Als Komponist / Textdichter ist angegeben: J. Schechinger. Es ist ganz kurz und jedenfalls schöner als alles, was ich vorher lustlos las.

ES wolt ein meydlein wasser holn über einem külen brunnen
ein weisses hembtlein het si an dardurch schin jr die sonnen.*

Aus: Georg Forsters Frische Teutsche Liedlein in fünf Teilen. Hrsg. M. Elizabeth Marriage. Halle/Saale: Niemeyer, 1903S. 90

*) Das Motiv gibt es da öfter, woanders scheint der Mond durch.

Katalog der Berge

Giovanni Boccaccio

(* 16. Juni 1313 in Certaldo oder Florenz; † 21. Dezember 1375 in Certaldo)

Kynthos und Kaukasus

(Rime 1, 63)

Kynthos und Kaukasus, Ida, Sigeion,
Libanon, Sena, Karmel und Menalos,
Olymp, Rifeus, Lilybaion, Athos,
Ismus und Hermon, Massico, Kithairon,

Ätna, Pachino, Peloro, Borïon,
Vesuv, Gauro, Balbo und Arakynthos,
Apennin, Alpen, Pyrenäen, Pindos,
Atlas, Hacho und Gibraltar und Kaulon

und andre Berge haben solche süßen
Schatten für ihre Schäfer nie gebreitet
wie jene von Miseno waren für mich:

In ihnen nämlich zeigt mir Amor sich
gnädig, Kühlung in mein Feuer zu gießen
und meinem Leid ein Ende zu bereiten.

Aus: Welt der Renaissance. Auagewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Berlin: Galiani, 2020, S. 47

LXIII

E Cinzio e Caucaso, Ida e Sigeo,
Libano, Sena, Carmelo ed Ermone,
Athos, Olimpo, Pindo e Citerone,
Aracinto, Menalo, Ismo e Rifeo,

Etna, Pachin, Peloro e Lilibeo,
Vesevo, Gauro, Massich’e Caulone,
Apennin, l’Alpi, Balbo e Borione,
Atlante, Abila, Calpe e Pireneo,

o qualunqu’altro monte, ombre giammai
ebber cotanto grate a’ lor pastori,
quant’a me furon quelle di Miseno:

nelle quai sì benigno Amor trovai,
che refrigerio diede a’ mia ardori
e ad ogni mia noia pose freno.

Bin Russe

Konstantin Balmont

(Константин Дмитриевич Бальмонт; * 3. Juni jul./ 15. Juni greg. 1867 auf dem Gut Gumnischtschi bei Wladimir; † 23. Dezember 1942 in Noisy-le-Grand bei Paris)

Bin Russe …

Bin Russe, ein blonder, ein roter,
Geboren, erwachsen im Licht.
Nicht nachts. Glaub mir! Schau, meine Locken,
Die glitzernde goldene Gischt.

Bin Russe, ein roter, ein blonder.
Mich zog es schon immer ans Meer.
Der Bernstein gefiel mir besonders.
Ich stellte auch Ketten für Schwenkfässer her.

Bin blond, bin ein Roter, ein Russe.
Ich kenne die Weisheit, den Wahn.
Ich geh auf dem einsamsten Fußweg,
Ich komme auf lichtvoller Bahn.

1929

Константин Бальмонт

Я русский…

Я русский, я русый, я рыжий.
Под солнцем рожден и возрос.
Не ночью. Не веришь? Гляди же
В волну золотистых волос.

Я русский, я рыжий, я русый.
От моря до моря ходил.
Низал я янтарные бусы,
Я звенья ковал для кадил.

Я рыжий, я русый, я русский.
Я знаю и мудрость и бред.
Иду я – тропинкою узкой,
Приду – как широкий рассвет.

Deutsch von Felix Philipp Ingold, in: Ders., „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russ.-Dt.. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 162f

Qu’il vive. Es lebe!

René Char

(geboren 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; gestorben 19. Februar 1988 in Paris)

ES LEBE!

Dies Land ist nur
ein Wunsch im Geist,
ein Gegen-Grab.

In meinem Land zieht man die zarten Beweise des Frühlings und die dürftig gekleideten Vögel den Fernzielen vor.

Die Wahrheit harrt der Morgenröte neben einer Kerze. Das Fensterglas ist trübe. Was kümmert’s den Wachsamen.

In meinem Land stellt man einem Erschütterten keine Frage.

Kein hämischer Schatten fällt auf das gekenterte Boot.

Halbes Willkommen kennt man in meinem Land nicht.

Man leiht nur, was man vermehrt zurückgeben kann.

Blätter, viele Blätter haben die Bäume meines Landes. Den Ästen steht’s frei, keine Früchte zu tragen.

Der Redlichkeit des Siegers traut man nicht.

In meinem Land sagt man Dank.

Übertragen von Gerd Henniger. Aus: Poesiealbum 74. René Char. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 19

 

 

 

 

 

 

 

Qu’il vive!

Ce pays n’est
qu’un vœu de l’esprit,
un contre-sépulcre.

Dans mon pays, les tendres preuves du printemps et les oiseaux mal habillés sont préférés aux buts lointains.

La vérité attend l’aurore à côté d’une bougie. Le verre de fenêtre est négligé. Qu’importe à l’attentif.

Dans mon pays, on ne questionne pas un homme ému.

Il n’y a pas d’ombre maligne sur la barque chavirée.

Bonjour à peine, est inconnu dans mon pays.

On n’emprunte que ce qui peut se rendre augmenté.

Il y a des feuilles, beaucoup de feuilles sur les arbres de mon pays. Les branches sont libres de n’avoir pas de fruits.

On ne croit pas à la bonne foi du vainqueur.

Dans mon pays, on remercie.

Das Gedicht auch in: René Char, Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1982 (darin zweisprachig)

Artmann zum 100.

Vor lauter Begeisterung über die türkischen Kurzgedichte habe ich gestern nicht auf den Plan geschaut und so verpasst, dass ich was zum 100. Geburtstag des österreichischen Dichters H.C. Artmann machen wollte. Schleunigst nachzuholen.

H. C. (Hans Carl) Artmann

(* 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee; † 4. Dezember 2000 in Wien)

ich bin die liebe mumie
und aus ägypten kumm i e,
o kindlein treibt es nicht zu arg,
sonst steig ich aus dem sarkopharg,
hol euch ins pyramidenland,
eilf meter unterm Wüstensand,
da habe ich mein trautes heim,
es ist mir süß wie honigseim,
dort, unter heißen winden,
wird keiner euch mehr finden,
o lauschet nur, mit trip und trap
husch ich die treppen auf und ab,
und hört ihrs einmal pochen,
so ists mein daumenknochen
an eurer zimmertür –
o kindlein, seht euch für!

Aus: H. C. Artmann: Wenn du in den Prater kommst. Hrsg. Richard Pietraß. Berlin: Volk und Welt, 1988, S. 123

Möwe

Und noch ein türkisches Kurzgedicht. Deutsch von Stan Lafleur.

Melih Cevdet Anday
Martı

Martı bir majesküldür
Küçük bir çocuğun yazdığı

**

Möwe

Die Möwe ist ein Großbuchstabe
von einem kleinen Kind geschrieben

Herein

Okay, wenig sagen.

Sabahettin Kudret Aksal

(* 25. April 1920, İstanbul – † 19. April 1993)

Der Gast

Es schellte
Herein kam
Der Kirschbaum.

Aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Annemarie Schimmel. 2. überarb. Aufl. Köln: Önel, 2002, S. 238

Sag wenig

Oktay Rifat

(* 10. Juni 1914 in Trabzon; † 18. April 1988 in Istanbul)

Poesie

Sag wenig
Kaum sichtbar dein Taschentuch
Halb gestopft deine Pfeife
Mach kleiner die kleinen Zettel
Unserer täglichen Poesie.

Şiir

Az söyle
Mendilin görünür görünmez
Pipon yan dolu
Küçük kâğıtlarını küçült
Gündelik şiirimizin

Aus dem Türkischen von Yüksel Pazarkaya. Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 259

Nacht-leuffer/ Hüffte-sohn/ Hoch-schreyer/ Lüfftenspringer/

In seiner „Poetery“ bezieht sich Martin Opitz mehrfach auf dem niederländischen Dichter Daniel Heinsius als Vorbild. In dem folgenden Ausschnitt bringt er ihn als Beispiel für eine Figur mit Komposita:

So Heinsius in dem Lobgetichte des Weingottes/ welches er auch zum theil von dem Ronsardt entlehnet:

Nacht-looper/ Heupe-soon/ Hooch-schreeuwer/ Groote-springer/
Goet-geuer/ Minne-vrient/ Hooft-breker/ Leeuwen-dwinger/
Hert-vanger/ Herßen-dief/ Tong-binder/ Schudde-dol/
Geest-roerder/ Waggel-voet/ Staet-kruijßer/ Altijet-vol.

Vnd nach meiner verdolmetschung:

Nacht-leuffer/ Hüffte-sohn/ Hoch-schreyer/ Lüfftenspringer/
Guet-geber/ Liebesfreundt/ Haupt-brecher/ Löwen-zwinger/
Hertz-fänger/ Hertzen-dieb/ Mund-binder/ Sinnen-toll/
Geist-rhürer/ wackel-fuß/ Stadt-kreischer/ Allzeit-voll.

Nach dem Opitz-Heinsiusschen Vorbild kann man schöne Schimpfwortkaskaden bilden, wie in diesem Gedicht:

Joachim Rachels
aus Lunden
Nach dem Originale verbesserte
und
mit einem neuen
Vorberichte
begleitete
Teutsche Satyrische
Gedichte.

Daraus ein Auszug als Gruß zum Geburtstag des Niederländers (den auch Sibylla Schwarz gelesen hat). Es ist eine Standpauke der Ehefrau für den von einer Zechtour heimkommenden Gatten (aber sie nennt ihn Hahnrey):

Sie wird nicht ferne seyn und dir den Segen sprechen
Zwo guter Stunden lang: Nun Schwelger, nun wolauf!
Bekömmt es dir auch wol? sauf, Schelm, sauf, Bettler, sauf,
Und morgen such das Thor. Verschwende deinen Kindern
Und mir und dir zugleich die Kleider von dem Hindern.
Ich Arme bin bemüht und fresse schimlich Brodt.
Du Hahnrey sauffest nur und weist von keiner Noth.
Juchschreyer, Schneideluft, Trotz-Märtel, Windverkaufer,
Weingurgel, Suchebier, zwey-drey-vier-Pegelsauffer,
Durchfresser, Pfeiffenheld, Toback-Rauch-Speichel-Maul,
Bey allen Zechen frisch, zu aller Arbeit faul.
O bittere Gedult, die dieser Mann muß tragen.
Ein solcher wird ein Spott und Sprichwort in Gelagen,
Ein Schimpf der gantzen Stadt. Heist, doch nur halb mit Recht,
Rotzlöffel, Windelvogt, Zuschnürer, Küchenknecht.

Auf halbem Weg

Robert Desnos

(* 4. Juli 1900 in Paris; † 8. Juni 1945 in Theresienstadt)

AUF HALBEM WEG

Es gibt einen bestimmten Moment im Ablauf der Zeit,
Da der Mensch genau die Mitte seines Lebens erreicht.
Den Bruchteil einer Sekunde,
Ein flüchtiges Bißchen Zeit, schneller als ein Blick,
Schneller als der Höhepunkt der Liebesseligkeit,
Schneller als das Licht.
Und der Mensch ist empfänglich für diesen Moment.

Lange Strecken zwischen dem Blätterwerk
Erstrecken sich zu dem Turm, in dem eine Dame schläft.
Deren Schönheit den Küssen widersteht, den Jahreszeiten,
Wie ein Stern dem Wind, wie ein Felsen den Klingen.

Ein bebendes Schiff reißt das Maul auf und sinkt.
Auf dem Wipfel eines Baumes flattert eine Fahne.
Eine gutfrisierte Frau, deren Strümpfe jedoch auf den Schuhen hängen.
Taucht an einer Straßenecke auf.
Aufgebracht, zitternd.
Mit der Hand eine uralte Lampe schützend, die qualmt.

Auch singt ein betrunkener Dockarbeiter im Winkel einer Brücke,
Auch beißt eine Geliebte ihrem Geliebten in die Lippen,
Auch fällt ein Rosenblatt auf ein leeres Bett,
Auch schlagen drei Standuhren die gleiche Stunde
In Abständen von wenigen Minuten,
Auch dreht sich ein Mann, der auf der Straße vorbeigeht, um.
Weil sein Vorname gerufen wurde,
Doch er ist es nicht, den diese Frau ruft.
Auch eröffnet ein Minister in festlicher Kleidung,
Unangenehm behindert durch den Hemdzipfel, der zwischen
Hose und Unterhose klemmt.
Ein Waisenhaus,
Auch fällt von einem Lastwagen, der mit höchster
Geschwindigkeit durch die nachtleeren Straßen saust.
Eine wundervolle Tomate, die in den Rinnstein rollt
Und die später weggefegt wird.
Auch bricht in der sechsten Etage eines Hauses Feuer aus.
Das im Herzen der Stadt still und unbekümmert vor sich hinbrennt.
Auch hört ein Mann ein Lied,
Das lange vergessen ist, und vergißt es von neuem.
Daneben viele Dinge,
Viele andere Dinge, die der Mensch genau in der Mitte seines Lebens sieht.
Viele andere Dinge spielen sich langsam ab im kürzesten
der kurzen Zeiträume auf Erden.
Er preßt das Geheimnis dieser Stunde aus, dieses Bruchteils einer Sekunde,
Doch er sagt: „Weg mit den finsteren Gedanken“,
Und er jagt die finsteren Gedanken fort.
Und was könnte er sagen.
Und was könnte er machen.
Was besser wäre?

Übertragen von Anneliese Hager

Aus: Poesiealbum 30. Robert Desnos. Berlin: Neues Leben, 1970, S. 18f

Ueberdrüssig bin ich nun, ich Mädchen

Siegfried Kapper

(* 21. März 1820 in Smíchov; † 7. Juni 1879 in Pisa)

Er könnte uns ein europäischer Held sein. Siegfried Kapper, geboren als Isaac Salomon Kapper, ein deutsch-tschechischer Schriftsteller, Übersetzer und Arzt. Ein deutscher und ein tschechischer Dichter in einer Zeit der erwachenden Nationalismen. Er war den Jungdeutschen und Jungböhmen verbunden. Er war der erste Jude, der ein Buch in tschechischer Sprache schrieb. Ein Tscheche, der sein Judentum nicht verleugnen wollte. Seine deutschen Texte wurden von Johannes Brahms und anderen Komponisten vertont. Er reiste durch halb Europa, schrieb Reiseberichte und sammelte Volkslieder der Serben, Kroaten, Slowaken, Böhmen und Mähren. Hier ein „mohammedanisches“ Lied aus dem Band „Die Gesänge der Serben“, 2. Teil. Leipzig: Brockhaus, 1852, S. 190. Ein Lied, das nicht jedem serbischen oder türkischen Nationalisten gefallen haben mag und auch uns noch überrascht.

Ueberdrüssig bin ich nun, ich Mädchen.

Mohamedanisch.

O ihr Höfe, möchtet ihr verfallen!
O du Halle, möchtest du verbrennen!
Ueberdrüssig bin ich nun, ich Mädchen,
So allein zu schlafen in den Kissen,
So nach rechts und links mich stets zu wenden,
Niemand rechts und Niemand links zur Seite,
Müd‘, in kalte Decken mich zu hüllen,
Und mit mir nur Sehnsucht und nur Herzleid!
Doch fürwahr, nicht länger bleib‘ ich einsam!
Müßt mein eignes Kleid dafür ich geben,
Will ich Roß und Falken mir doch kaufen,
Will nach Stambol, nach der Hauptstadt, reiten,
Will neun Jahre dienen dort dem Sultan,
Will neun Agaluke mir verdienen,
Pascha drauf in Sarajewo werden!
Wunderdinge will ich dann befehlen:
Einen Groschen soll ein Knabe kosten,
Eine Witwe – eine Hand voll Tabak,
Doch ein Mädchen tausend Golddukaten!

Elegie / Elegija

Alexander Puschkin

(Александр Серге́евич Пу́шкин, wiss. Transliteration Aleksandr Sergeevič Puškin; * 26. Mai jul./ 6. Juni 1799 greg. in Moskau; † 29. Januar jul./ 10. Februar 1837 greg. in Sankt Petersburg)

ELEGIE

Die längst verloschne Lust der tollen Tage
Quält wie ein Rausch nach einem Zechgelage.
Doch das vergangne Leid, das ich bewahr.
Wird stärker wie ein Wein mit jedem Jahr.
Mein Weg ist kalt. Mir kündet Müh und Sorgen
Das Nebelmeer des ungewissen Morgen.
Allein, ich will, o Freunde, nicht verscheiden.
Will leben, um zu denken und zu leiden!

Ich weiß, es wird der Freude reiner Kuß
Mich rühren zwischen Unruh und Verdruß,
Mich werden wieder Harmonien stillen.
Mir werden beim Gedichte Tränen quillen.
Und Liebe wird des Lebens dunkle Grenzen
Vielleicht, zum Abschied, lächelnd überglänzen.

Übertragen von Sigismund von Radecki

Aus: Poesiealbum 169. Alexander Puschkin. Ausgewählt von Eva Strittmatter. Berlin: Neues Leben, 1981, S. 25

Элегия

Безумных лет угасшее веселье
Мне тяжело, как смутное похмелье.
Но, как вино – печаль минувших дней
В моей душе чем старе, тем сильней.
Мой путь уныл. Сулит мне труд и горе
Грядущего волнуемое море.

Но ве хочу, о други, умирать;
Я жить хочу, чтоб мыслить и страдать;
И ведаю, мне будут наслажденья
Меж горестей, забот и треволненья:
Порой опять гармонией упьюсь.
Над вымыслом слезами обольюсь,
И может быть – на мой закат печальный
Блеснет любовь улыбкою прощальной.

1830

Elegie

Die erloschene Fröhlichkeit törichter Jahre / wird mir schwer wie ein trüber Katzenjammer. / Doch es ist wie beim Wein: je älter, desto stärker / in meinem Herzen der Gram vergangener Tage. / Trostlos ist mein Weg. Schwere Arbeit und Leid verheißt mir / der Zukunft unruhiges Meer.

Doch möchte ich, ihr Freunde, nicht sterben; / leben möchte ich, um zu denken und zu leiden; / und ich weiß, unter all dem Kummer, all den Sorgen und Aufregungen / werden mir noch Wonnen zuteil: / Bisweilen werde ich mich wieder an der Harmonie berauschen, / über etwas gut Erdachtem in Tränen ausbrechen, / und vielleicht wird bei meinem traurigen Fortgang / unter Abschiedslächeln die Liebe aufleuchten.

Übersetzt von Kay Borowsky. Aus: Alexander Puschkin, Gedichte. Russisch / Deutsch. Stuttgart: Reclam, 1998, S. 99

Was brauchst du?

In den frühen Jahren der Lyrikzeitung, es kann fast 20 Jahre her sein, meldete sich einmal eine Frau aus Wien, die Friederike Mayröcker regelmäßig besuchte und mir schrieb, sie würde ihr einmal in der Woche die neusten Meldungen der Lyrikzeitung vorlesen. Eine rührende Vorstellung. Gestern ist Friederike Mayröcker gestorben. Sie wurde 96 Jahre alt.

Friederike Mayröcker

(* 20. Dezember 1924 in Wien; † 4. Juni 2021 ebenda)

was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie grosz wie klein das Leben als Mensch
wie grosz wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie grosz wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

für Heinz Lunzer

Aus: Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte. 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 631

Friederike Mayröcker in der Lyrikzeitung

hohl form

Yaak Karsunke

(* 4. Juni 1934 in Berlin)

hohl form

»but the cup of white gold at Patara
Helen’s breasts gave that«
Ezra Pound

vermutlich gab
das weiße gold ihrer brust
der schale zu patara gestalt
& gab troja den tod
(gab den griechen den vorwand)

gab dem blinden Homer
atem für (mindestens)
fünfzehn gesänge
& dem verblendeten Pound
ein bild für zwei zeilen

:die fast so schön sind
wie Helenas brüste es waren –
– die patarische schale es ist –
& fast ebenso leer

Aus: Erotische Gedichte von Männern. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1987, S. 148

Aus: Ezra pound, Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse und Manfred Pfister, Zürich: Arche, 2012

Nach den Anmerkungen der Poundausgabe:

1 Und war ihre Tochter: Persephone, die Tochter der Demeter, Göttin des Getreides und der Fruchtbarkeit
4 Phlegethon: der feurige Fluss, Unterweltfluss
Ideogramme: kuan: regieren, tzu: Meister. Kuan Chu684-645 v. Chr.. chinesischer Staatsmann und Philosoph. Seine Schriften betonten die zentrale Rolle der Landwirtschaft
18: Patara: griech. Stadt in Kleinasien. Helena ist jene von Troja
20: gr. der Gott
40 Kuan: Tor, Gatter
42: Er schenkte der Nachwelt eine Stadt

Siebter, erster, zehnter Gang

Ein Gedicht zum Weltfahrradtag

Karl Mickel

(* 12. August 1935 in Dresden; † 20. Juni 2000 in Berlin)

Siebter, erster, zehnter Gang

7

Neulich sah ich vor mir einen Burschen
Aufm alten Rad, jedoch fünf Gänge
Ich fuhr heran, er sah mich kommen und
Trat ins Pedal, ich ruhig hinterher.
Der schuftete, der Oberkörper schwankte
Hätt ich ihn gesehn von vorn, ich hätte
Auf seiner Stirn den kalten Schweiß gesehn.
Dann trat ich an, nach einem Kilometer
Im siebten Gang, der war der günstigste
Zu groß nicht für den Antritt, nicht zu klein
Für hohes Tempo, vorsorglich geschaltet
Und zog vorbei. Ein Seitenblick belehrte
Mich über seine Jahre: zehn Jahre jünger
Mindestens, und ich bin fünfunddreißig.
Ich rollte aus, von ihm war nichts zu blicken
Ich schaltete auf meinen zehnten Gang
Der seinem fünften gleichkam, wartete
Bis er heran war, gab ihm eine Chance
Trat wieder an, er hielt nicht mit: im Windschatten!
Da war ich aber richtig stolz auf mich
All die Zigarren hatten nicht geschadet.

1

Und wo es ganz platt war
Niedrige Schonung und Fichten-Plantagen
Waren zwei Eichen
Aufgerichtet von der Natur
In langer Zeit
Die linke ein mächtiger Stumpf
In halber Höhe gesplittert
Und Äste um die ab’e Krone knotend
Die rechte ein mächtiger Baum
Kahl
Und ein Gegriesel nicht weiß aber körnig
Als Schnee auf dem Boden
Und locker der Sand unterm Schnee

10

Ab und zu fällt ein Blatt
Von rechts oben vorn nach links unten hinten
Das ist der Ort und die Zeit

Aus: Karl Mickel, Odysseus in Ithaka. Gedichte 1957-1974. Leipzig: Reclam, 1976, S. 118f