logo2a

Namaste*

Willkommen bei Lyrikzeitung & Poetry News!. Sie finden hier 1. Tageszeitung: Jeden Tag um sechs ein Gedicht 2. Journal #04 – 2025 | #03 – 2023 | #02 – 2022) | #01 (Morgensternfest, 2021), 3. Archiv: viele tausend Nachrichten seit dem 1. Januar 2001.
– 15.000 Artikel, 2500 Abonnenten, 3 Millionen Klicks für Poesie –

*) Der Begriff setzt sich zusammen aus den Silben nama (verbeugen), as (ich) und té (du). Übersetzen lässt sich Namasté also mit „Verbeugung zu dir“ oder „Ich verbeuge mich vor dir“. Damit drückt man Ehrerbietung aus und erkennt die Anwesenheit des Gegenübers dankbar an. (Google)

Sie können uns bei WordPress abonnieren (siehe rechts).

Kälte

212 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Gerard Malanga 

(* 20. März 1943 in Bronxdale, New York City)

Kälte

Das junge Mädchen ist unfähig, das Muster
Ihres gewohnten Denkens zu verändern,
Die Körperhaltung, mit der sie auf ein Gefühl
Der Traurigkeit reagiert, den Strom ihrer
Gedanken, während sie etwas sieht,
Den Gesichtsausdruck und so weiter;
Sie vergißt sich selbst, um sich ihrer Schmerzen
Im Nacken zu erinnern, um sich ihrer Probleme zu erinnern.
Ich habe das schon einmal bemerkt, als ich mich an mich in
Derselben Situation erinnerte, bis sie
Zum ersten Mal in mein Leben trat
Und sich erinnerte, hinaus in das offene Blick-
Feld gegangen zu sein mit Augen voll Tränen und Rauch,
Der langsam aus ihrem Mund kam.

Aus: Silver Screen : neue amerikanische Lyrik, herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann. Köln : Kiepenheuer & Witsch, [1969], S. 104. Deutsch von Ralf-Rainer Rygulla.

Cold

The young girl is unable to change
The form of her habitual thinking,
The posture with which she corresponds to
A feeling of sadness, the flow of her
Thoughts in which she is looking,
The facial expression, and so on;
She forgets herself to remember her pain
In the neck, to remember her problems.
I've said this before, remembering myself in the same
Situation until she came
Into my life for the first time
Remembering herself walking out in the open field
Of vision with eyes full of tears and smoke
Slowly coming out of her mouth.

Ebd. S. 253

es ist zu früh für solche parallelen

112 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Nicolai Kobus

ach anna 5

ach anna womit soll ich dich vergleichen? vielleicht mit einem sommertag? – es ist zu früh für solche parallelen. vermutlich werden noch so manche stunden nachts wie tags recht kühl verstreichen.

siehst du die namen auf den stelen? man fügt ihnen gerne auch zahlen hinzu in einer zweiten zeile. das sind die koordinaten zwischen denen sich etwas ereignet. deine schönheit zum beispiel oder das plötzliche erblassen deiner haut.

solange wir atmen anna sind diese zeilen kaum von interesse. danach sind sie alles was bleibt.

Aus: nicolai kobus, hard cover. gedichte. Köln: Nyland, 2006, S. 84

Wenn Sie plötzlich an Shakespeare denken müssen, lesen Sie hier nach. Oder hier.

Mich flimmert das alles an

155 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Erwin Einzinger

Was unterwegs verloren geht

Am Ende sind alle müde & zufrieden, heißt es.
Ein wenig wird noch darüber geschwätzt, wie es denn ge=
Wesen wäre, hätte es tatsächlich schon gereicht, sich
Bloß zu bücken, um den entscheidenden Fund zu machen.
In einem Winkel steht ein Hutschpferd, gesprenkelt.
Ein Paar gläserne Schuhe, angefüllt mit alten Münzen, am
Regal, das die Feuchtigkeit ganz leicht verzogen hat.

Die Vagabundin starrt in die Runde. Dann wühlt sie sich durch
Allerhand Taschenkram & findet schließlich den
Violetten Lippenstift. Später wird sie sagen: „Mich flimmert
Das alles an." Ja, solche Fehler machen Freude.
Ein schwarzer Motorradhelm liegt in der Ecke am Boden.
Offenbar gehört er niemandem von den Anwesenden, scheint
Auch nicht wirklich vermißt zu werden. Übermorgen be=
Ginnt der von einigen nur belächelte Schnellkurs in
Handlesekunst. Aber wer weiß, was bis dahin noch passiert.

Aus: Erwin Einzinger, Die virtuelle Forelle. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2011, S. 127

Kleine Katzen

44 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Kleiner Nachtrag zum Weltkatzentag (Internationaler Tag der Katze), der war am 8. August.

Sarah Kirsch

Ohne Titel

Gedichte also sind 
Sonderbare kleine
Katzen denen gerade
Die Augen aufgehn.

Aus: sarah kirsch, sämtliche gedichte. München: Penguin, 2025, S. 494. Ursprünglich in dem Band „Schwanenliebe“ (2001).

Noah und Familie

458 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Sabine Scho
Noah und seine Familie besteigen die Arche

"Sie sprachen in Zeichen – mochten das trotzdem auch
Worte sein: des Unbehagens, des relativen Behagens, der
Sehnsucht –, eine Tiersprache."
R. Musil, Drei Frauen. Grigia, 1924

Ey, die nich, nur die Lungenatmer
hab ich gesagt und sieh zu, dass der
Bär da von der Brüstung wegkommt

Aber dalli. Und das Einhorn bleibt hier
jetzt guck nich so, kein Fabeltier, nicht
auf meinem Boot! Brauchst du das schriftlich?

*Arrgh* So verlaust kann doch kein Laffe sein
Ab dafür! *li-hii*, kann mal jemand die Kamel-
kacke wegmachen? Wo ist meine Liste? Oha

Da geht die Ziege vor Anker: Harakirispieß
Na super, gibt's gleich heut abend Geißbraten
und Bockbier, wenn schon Sintflut, dann richtig

Ja-ha, so seht ihr aus! Ich glaub, es hakt!
Ablegen um vier, damit das klar ist, mach
Dampf! Und deiner First Lady kannste auch

Stenographieren, mit dem Fummel bleibt die
unter Deck, wo sind wir denn? Das ist kein
Eroscenter mit Knallkabinen für Zuchtstiere

Kapiert! Was willst du mit der Grabbelkiste?
Zeig her! Künstlerbedarf? Das ist nicht dein
ernst? Pleinair? Du bist süß, sogar eine Basken-

Mütze! Aquarellpapier, Tinte und Wasserfarben
Da hat jemand mitgedacht! Ich glaub's ja nicht
und wie kriegst du das fixiert? Plastifiziert in

Schweinemagen? Unsere schwimmende Galerie
Ham, der Regattareporter zeigt Ihnen, wie es
wirklich war! Lebensecht laviert und in Farbe

Hin und wieder die Gattin nackt zwischen den
Animalen, auf Schafsfell, oder auch in Schweiß
beim Faschieren, appetitlich im Fleisch drapiert

Beschau, nicht zu bezahlen, aber, wenn es Ihnen gut
gefällt, mit Rahmen, gleich To Go für Sie abmontiert
unsere Kunden können nicht klagen, ganz unter uns

Er fertigt nach Ihrem Begehren, da bleibt kein Wunsch
offen, und, *pssst*, kennen Sie den Ursprung der Welt
ja, genau, der für den türkischen Diplomaten, der ging

Auf sein Konto, das ist jetzt nicht überzogen, aber sowas
kann man nur einmal malen, wenn sie verstehen, was ich
damit sagen will! *Zwinker* Er ist unser bestes Pferd *puff*

Ein Puhvogel *killekille*, unser Benjamin, der uns das Land
aufspürt, wo die prallen Zitronen wohnen, haut auch Nymphen
in Marmor, wenn Ihnen der Sinn nach was Haptischem steht

Danke, mach ruhig weiter, aber, wenn's dich nicht stört
ich geh inzwischen das Schiff beladen. Ich soll's ja nicht
wagen, ich weiß, aber, glaub mir, als ich dich damals hacke-

Dicht fand, war auch ich völlig verstört, es hätte nicht viel gefehlt
doch wie du so bloß vor dem Zelt gelegen, konnt ich mich nicht
mehr regen, und du gehst jetzt hin und rettest die Welt? Vergiss es!

Familie? Was ein erbärmliches Feld. Sollten wir wirklich über-
leben, dann trennen sich unsere Wege, die Hunde nehme ich mit
Und dir möchte ich nie mehr begegnen!

Aus: dreizehn+13 Gedichte, Herbst 2025, S. 145f

Tischlein duck dich

78 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Thomas Krüger

Sonette an Donald Duck I

Tischlein deck dich, Tischlein deck dich.
Tischlein, laß die Innereien 
derer, die nach Todesschreien 
dampfen, duften: Tischlein duck dich,

duck dich unter haute cuisinnlich 
applizierten Spezereien;
unter Leichen, schädelfreien, 
denen Hämatome prächtig

Farbe leihen. Laß die Schwenker 
bunter Lätzchen, Tischlein-Denker, 
satt in Traumen Träume lesen.

Zeige blaubeerrot Substanz, 
halb geronnen, Knüppeltanz-
Gerichtetes, wo Kopf gewesen.

Aus: Thomas Krüger, Sonette an Donald Duck. Berlin: SuKuLTuR, 2012 (Schöner Lesen Nummer 111), S. 3

Genau durchgerechnet

95 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ron Winkler

Ich habe dich heute noch einmal genau durchgerechnet.
Viele Buchstaben kommen ein- oder zweimal vor.
Zum Beispiel das »r«, das ich sehr mag.
Es macht uns sehr westlich.
Deine Hebungen und Täler erinnern an solche Mittelgebirgskämme,
mit denen ich mich gern kämmen würde.
Ich stieg auf dein »t«, um einen besseren Überblick zu haben.
von dort aus sah ich die Datei deines versteckten zweiten Namens.
Dort belegt das »a« den Spitzenplatz.
Es hat gewonnen.
Ich lege ihm mein »o« zu Füßen.

Aus: Ron Winkler: Zuwendung in Zeichen. Postkarten. Berlin: Sukultur, 2025, S. 19

Christa Reinig 100

446 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Christa Reinig

(* 6. August 1926, heute vor 100 Jahren, in Berlin; † 30. September 2008 in München) 

Die ballade vom blutigen Bomme

hochverehrtes publikum
werft uns nicht die bude um
wenn wir albernes berichten
denn die albernsten geschichten
macht der liebe gott persönlich
ich verbleibe ganz gewöhnlich
wenn ich auf den tod vom Bomme
meinem Freund zu sprechen komme

möge Ihnen nie geschehn
was Sie hier in bildern sehn

zur beweisaufnahme hatte
man die blutige krawatte
keine spur mehr von der beute
auf dem flur sogar die leute
horchen was nach außen dringt
denn der angeklagte bringt
das gericht zum männchenmachen
und das publikum zum lachen

seht die herren vom gericht
schätzt man offensichtlich nicht

eisentür und eisenbett
dicht daneben das klosett
und der wärter freut sich sehr
kennt den mann von früher her
Bomme fühlt sich gleich zuhaus
ruht von seiner arbeit aus
auch ein reicher mann hat ruh
hält den sarg von innen zu

jetzt geht Bomme dieser mann
und sein reichtum nichts mehr an

sagt der wärter: grüß dich mann
laß dirs gut gehn – denk daran
wärter sieht auch mal vorbei
mach mir keine schererei
essen kriegst du nicht zu knapp
Bomme denn dein kopf muß ab
Bomme ist schon sehr gespannt
und malt männchen an die wand

nein hier hilft kein daumenfalten
Bomme muß den kopf hinhalten

Bomme ist noch nicht bereit
für abendmahl und ewigkeit
kommt der pastor und erzählt
wie sich ein verdammter quält
wie er große tränen weint
und sich wälzet – Bomme meint:
das ist alles intressant
und mir irgendwie bekannt

denn was weiß ein frommer christ
wie dem mann zumute ist

auf dem hof wird holz gehauen
Bomme hilft das fallbeil bauen
und er läßt sich dabei zeit
schließlich ist es doch soweit
daß es hoch und heilig ragt
Bomme sieht es an und sagt:
das ist schärfer als faschismus
und probiert den mechanismus

wenn die schwere klinge fällt
spürt er daß sie recht behält

aufstehn kurz vor morgengrauen
das schlägt Bomme ins verdauen
und da friert er – reibt die hände
konzentriert sich auf das ende
möchte gar nicht so sehr beten
lieber schnell aufs klo austreten
doch dann denkt er: einerlei
das geht sowieso vorbei

von zwei peinlichen verfahren
kann er eins am andern sparen

wäre mutter noch am leben
würde es auch tränen geben
aber so bleibt alles sachlich
Bomme wird ganz amtlich-fachlich
ausgestrichen aus der liste
und gelegt in eine kiste
nur ein sträfling seufzt dazwischen
denn er muß das blut aufwischen

bitte herrschaften verzeiht
solche unanständigkeit

doch wer meint das stück war gut
legt ein groschen in den hut

Aus: Christa Reinig, Sämtliche Gedichte. Mit einem Vorwort von Horst Bienek. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 43ff

Prager Fragebogen

Jan Skácel

(1922-1989)

Totenschein

Was war er von beruf?
Hühnerhirt im getreide
Und wann wurde er geboren?
Es war noch nicht dunkel

Die mutter aber war die mutter
und der vater wurde zerrissen
zwischen zwei schimmeln

Todesursache? Seit langem vernachlässigt
Erbittlich
Und dort wo kleine mädchen sich fürchten
die himmel und hölle springen
werden glocken erklingen

Viele male

1982

Aus dem Tschechischen von Reiner Kunze, aus: Die Prager Moderne. Erzählungen, Gedichte, Manifeste. Mit einer Einleitung von Milan Kundera. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Květoslav Chvatík. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991, S. 280f.

Geschichte meiner indianischen Lebensweise

George Lezard

Ich will die Geschichte erzählen

Ich will die Geschichte meiner
indianischen Lebensweise erzählen -
wie ich lebe und die Gabe des Lebens und die
mir anvertrauten Rechte bewahre.
Die Nahrung, die uns gegeben wurde, war vielfältig.
Wild - alles, was auf vier Beinen geht:
es wurde uns gegeben.
Fisch - alles, was in den Gewässern schwimmt:
es wurde uns gegeben.
Geflügel - alles, was in der Luft fliegt:
es wurde uns gegeben.
Beeren - all die, die auf der Erde wachsen:
sie wurden uns gegeben.
Wurzeln - all die, die in der Erde wachsen:
sie wurden uns gegeben.
Von den hohen Bergen
durch die Flüsse
bis zum Ozean
fließt Wasser
und geht in den Kreislauf ein, um erneut zu fließen,
gibt Leben allen, die leben.
Die Sonne, der Mond
scheinen herab auf mich,
geben Leben und Licht.
Die Schöpfung...
ER schuf die Erde
und ließ mich oben auf ihr stehen.
ER sprach: «Nimm die Erde und übergib sie MIR.»
Wenn ich IHM die Erde übergebe,
wird ER die Erde richten nach seinem Ermessen.

Aus: Der Gesang des Schwarzen Bären. Lieder und Gedichte der Indianer. Zweisprachig (engl.- dt.). Herausgegeben und übersetzt von Werner Arens und Hans-Martin Braun. München: C.H. Beck, 1992, S. 85

Lezard, George (oder QUILCHINHIN SEWHILKIN, wie sein indianischer Name lautet), gehört zum Stamme der Okanagan. Er wurde 1886 geboren, lebte bei den Salish und war wahrscheinlich der letzte Schieferschnitzer in der alten Tradition der kanadischen Westküste. (Ebd. S. 321f)

Eine Frau die kein Bier trinkt

Jörg Fauser

(16. Juli 1944 Bad Schwalbach, Taunus – 17. Juli 1987 München)

Eine Frau die kein Bier trinkt

Heute sind sie mir wieder sehr fern,
die großen Gedanken, die eindeutigen Erklärungen
über das Leben vor dem Tod und den Tod
vor dem Leben, alles was mir einfällt
ist diese Frau die kein Bier trinkt,

eine Frau die kein Bier trinkt
trinkt auch keinen Whisky, es ist natürlich
eine zarte Frau, aber sie darf trotzdem
einen fetten Hintern haben und eine leichte
Gastritis und ein goldenes Kettchen
am linken Fußgelenk und rasierte Achsel-
höhlen mit einem Tupfer billigem Parfüm, und
wenn sie ihre Strümpfe runterrollt gibt es
immer eine Laufmasche zu beklagen und
den Preis echter Krokodillederschuhe
und sie darf den zarten Schatten ihrer
Müdigkeit auf den Stuhl zu meiner Hose
legen wenn sie die Vorhänge schließt,
eine Frau die kein Bier trinkt
riecht nach Veilchenpastillen und Kindern
und Artischockenlikören, ihre weißen schweren
Brüste enthalten Arrakräusche und Milch-
märchen und Hinterhöfe mit süßem Schnee
und Flieder und Rosshaarsonnen,
Amselstädte, Taubenaufschnitt, Gewürzmühl-
asyle,

eine Frau die kein Bier trinkt
kostet mehr als drei Halbe,
einmal Bahamas oder Trinkerheilanstalt
und zurück, sie kostet dieses
Gedicht, sie zieht mich mit ruhigen Fingern
aus jedem Glas in das ich entwische, sie nimmt
den Most meiner Seele in ihren rosa Mund
und spült damit wie mit Zahnputzwasser
und ich reibe meine rote Säufernase an ihrem
zarten dicken Hintern und denke, es ist doch sehr
unwahrscheinlich dass Frauen die kein Bier trinken
einfach sterben sollen wie ich und der Rest
der Welt ...

21.8.1977

Aus: Jörg Fauser, Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte. Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk. Zürich: Diogenes, 2019, S. 184f.

Mystische Magistrale

Mychajl Semenko

(1892-1937)

MYSTISCHE MAGISTRALE

Ich warte dass der Abend sein Werk tut
wenn sich werbend die Profanierung der Stadt bemächtigt
wenn die Feuer entflammen und der Himmel verlischt
und in den Augen die festliche Beleuchtung aufblinkt

ich warte dass Wege zusammenfinden
Parallelen sich kreuzen und Spiralen zusammenlaufen
alle Wege und Richtungen brechen längst aus
alle Wege treffen sich in der mystischen Magistrale.

2.VI.1918. Kyjiw

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, aus: Mychajl Semenko, » Wer will mich hindern, die Welt zu verkehren?«. Gedichte und futuristische Skizzen. Herausgegeben von Serhij Zhadan und Claudia Dathe. Göttingen: Wallstein, 2026, S. 113.

 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – im Russischen Reich waren Publikationen in ukrainischer Sprache bis 1905 verboten – war allein schon das Schreiben auf Ukrainisch ein politischer Akt. Sich als Ukrainer zu bezeichnen, war eine politische Geste. Während Literaturen in Nationalstaaten oder Titularliteraturen in Imperien nicht eng an den gesellschaftlichen Kontext gebunden waren, sahen sich Literaturen von Völkern, die über keinen eigenen Staat verfügten, immer gezwungen, politisch zu agieren, politisch in Erscheinung zu treten. (…)

 In knapp 25 Jahren durchlief Mychajl Semenko als Autor, Theo­retiker und literarische Leitfigur einen außerordentlich intensiven, schwierigen und widersprüchlichen Weg, der ohne Weiteres für Biografien mehrerer Autoren reichen würde. Nun, er hat diese eine Biografie, und sie ist Teil der ukrainischen Literaturgeschichte. Nachdem er 1937 erschossen worden war, wurde er aus der literarischen Zirkulation gestrichen, ausgeblendet, vergessen.

Aus dem Nachwort von Serhij Zhadan, S. 8 / 18

Das dürfen sie nie erfahren

126 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Sarah Kirsch

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein) 

Die Büchse der Pandora

Zu bestimmten Zeiten, das könnten die Zwölf Haydnischen Nächte sein, haben unsere Männer, von denen wir im Krach geschieden sind, gewisse Macht über uns. Das dürfen sie nie erfahren. Die möglichen glücklichen Konstellationen werden ihnen verborgen sein, weil sie dergleichen nie zu hoffen wagen und wir ihnen auch in sieben greifbaren Jahren merkwürdig fremd geblieben sind. Die Schrift hier wird ihr übriges tun. Sie an Tagen sicher machen, wo bei uns nichts zu holen ist. Sie werden immer zur falschen Zeit zum Telefonhörer greifen, und das bewirkt, daß wir unserer letzten Liebe wieder treu sind auf Jahre.

Aus: Sarah Kirsch, Sämtliche Gedichte. München: Penguin, 2025, S. 174

Wie übersetzt man ein Gedicht, das fast nur aus Grammatik besteht?

530 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Manchmal umfasst ein Gedicht nur vier Zeilen – und öffnet dennoch einen weiten Raum für Interpretation. So verhält es sich mit „Elegy as the Four Seasons“ der amerikanischen Lyrikerin Katie Peterson, erschienen 2025 in der Paris Review. Der Text wirkt zunächst schlicht, fast wie ein Kindervers oder ein Sprachspiel. Doch gerade seine äußerste Reduktion macht ihn zu einer Herausforderung für Leserinnen, Leser – und Übersetzer.

Bereits der Titel ist vieldeutig. Bedeutet „Elegy as the Four Seasons“ eine Elegie als die vier Jahreszeiteneine Elegie in Gestalt der vier Jahreszeiten oder eine Elegie nach Art der vier Jahreszeiten? Das kleine Wort as trägt den ganzen Text. Es kann Gleichsetzung, Vergleich oder Erscheinungsform bedeuten. Jede deutsche Übersetzung entscheidet sich zwangsläufig für eine dieser Möglichkeiten und schließt andere aus.

Ähnlich verhält es sich mit den vier Versen. Grammatisch sind sie denkbar einfach, semantisch jedoch überraschend offen. „Summer is never“ beschreibt keinen Sommer, sondern macht aus ihm eine Zeitform des Ausbleibens. „Fall is again“ lässt den Herbst zur Wiederkehr werden. „Winter is forever“ verbindet den Winter mit Ewigkeit, während „Spring is when“ den Satz absichtlich unvollendet lässt. Der Frühling ist kein Zustand, sondern ein Zeitpunkt – allerdings ohne den erwarteten Nachsatz. Das Gedicht endet mit einer offenen grammatischen Konstruktion.

Gerade deshalb ist jede Übersetzung bereits eine Interpretation. Soll der lakonische Ton erhalten bleiben, selbst wenn das Deutsche sperriger klingt? Oder darf die Übersetzung poetischer werden und Reime oder Rhythmen entwickeln? Zwischen „Der Frühling ist dann“, „Frühling lässt sich Zeit“ oder „Der Frühling ist, wenn“ liegen unterschiedliche poetische Konzepte. Keine Fassung ist endgültig richtig; jede macht einen anderen Aspekt des Originals sichtbar.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Qualität dieses Gedichts. Es erzählt nichts und beschreibt fast nichts. Stattdessen macht es erfahrbar, wie Sprache Bedeutung erzeugt – und wie Übersetzung diesen Prozess fortsetzt. Der Übersetzer transportiert nicht einfach einen fertigen Sinn, sondern eröffnet einen neuen Möglichkeitsraum.

Deshalb ist die Einladung zum Mitübersetzen mehr als ein spielerischer Einfall. Sie macht sichtbar, dass Lyrik im Dialog entsteht: zwischen Original und Übersetzung, zwischen Autorin und Lesern, zwischen verschiedenen Sprachen und ihren Möglichkeiten. Gerade ein so kurzes Gedicht zeigt, dass Übersetzen selbst eine Form des Dichtens sein kann.

Welche Version, die Basisversion A oder die Alternativen, ggf. welche Kombination von Titel und Text (wie 1-A, 3-C usw.) bevorzugen Sie? Oder finden Sie eine eigene Fassung? Ich bin ganz Ohr.

Katie Peterson

Elegy as the Four Seasons

Summer is never
Fall is again
Winter is forever
Spring is when

Aus: The Paris Review, Issue 253, Fall 2025, S. 178

Elegie in Gestalt der vier Jahreszeiten

Sommer ist nie
Herbst steht bereit
Winter endet nie
Frühling lässt sich Zeit

Titelalternativen

1 Elegie als die vier Jahreszeiten
2 Elegie der vier Jahreszeiten
3 Elegie nach Art der vier Jahreszeiten
4 Elegie: die vier Jahreszeiten
5 Elegie in Gestalt der vier Jahreszeiten


Alternative Übersetzungen

B

Der Sommer ist niemals.
Der Herbst ist wieder.
Der Winter ist für immer.
Der Frühling ist dann.

C

Der Sommer kommt nie.
Der Herbst kehrt wieder.
Der Winter währt ewig.
Der Frühling ist, wenn.

D

Der Sommer ist nie
der Herbst ist bereit
der Winter eh und je
der Frühling immer weit

← Zurück

Vielen Dank für deine Antwort. ✨

Wähle mehrere Optionen(erforderlich)

Oder Ihre eigene Version im Kommentar?

Sandra Trojan 1980-2026

236 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ihre Gedichte leuchten. Beim Wiederlesen nach 15 Jahren springt mich aus jedem etwas an. Wenn ich in Bienen spreche, in Birnen. Ein Bienentanz, und damit meine ich: Bienentanz. Wenn der Abend kommt und sich die Schlange durchs Kürbisbeet windet. Wenn ich blinzle, wird der Horizont ganz flach. Wie viele Knochen im menschlichen Körper? Genug, einen Archäologen glücklich zu machen. Am Tag dreizehn Berührungen der Frau, fünf dem Mann. Ich sage Birne, du sagst Birne. Der Boden ein Beinhaus voll schlafender Füße, & bloß der Fuchsschwanzdocht in meiner Metahöhle leitet noch das Licht. Du bist über den Dielenboden geschlittert, drehtest dich um die blanken Knöchel so schutzlos, ich konnte nicht mehr.

Oder 

Contortio

Sich nicht um Verbindungen kümmern –
kein Schmerz, wenn sich Bänder
zu Kordeln drehen und Schultern
aus ihren Sockeln springen. Spielt
das Akkordeon aus Rippen und Haut
klopfen Fersen am Hinterkopf an
kratzen Zehen Schorf von der Wange.
Ein kleiner Schubs und schon rutscht
die Lawine gestapelter Schindeln
ist beim Mikado der Nächste am Zug.

Ein Karton im Regal bewahrt Bilder auf –
jeden Abend, wenn Muskeln das Fleisch
zum Nachinnenbiegen drängen und
Kamerablitze jede Windung einfangen
wird so ein Bild zwischen Haut
und hautenges Trikot gesteckt
um den Körper daran zu erinnern
wohin die Knochen einmal gehörten.

Aus: Sandra Trojan, Um uns arm zu machen. Gedichte. Leipzig: poetenladen, 2009, S. 27

Am 6. März ist Sandra Trojan in Albuñol in Spanien gestorben, 46 Jahre alt.