Übersetzung und Poesie

448 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Ich lese in der griechischen Anthologie und hänge an einem (auf Deutsch) etwas spröden Distichon. Ich lasse mir von KI den griechischen Originaltext inhaltlich übersetzen – und verstehe es eigentlich erst dann. Hier nacheinander: das Original (es ist entweder anonym oder einem Dichter Bianor zugeschrieben, der vor und nach dem Beginn unserer Zeitrechnung lebte), dann zwei deutsche Nachdichtungen von Philologen, Hermann Beckby bei Heimeran (West) und Dietrich Ebener bei Aufbau (Ost), meine beiden Gesamtausgaben der Anthologie, die Ostausgabe in 3 Bänden, die westliche sogar 4 (und zweisprachig). Beide übersetzen metrisch, d.h. in Distichen (Hexameter + Pentameter), wie man es in Deutschland seit Klopstock meistens macht. Anschließend die automatische Übersetzung.

Πάντα Χάρων ἄπληστε, τί τὸν νέον ἥρπασας αὕτως
Ἄτταλον; οὐ σὸς ἦν, κἂν θάνε γηραλέος;

Hermann Beckby: Anthologia Graeca. Band VII-VIII. Griechisch und Deutsch. (Band 2) München: Heimeran, 1957, S. 393:

Knabe Attalos

Unersättlicher Charon, was nahmst du so kalt uns den jungen
Attalos? War er nicht dein, wenn er im Alter noch starb?

Anonym oder Bianor

Dietrich Ebener in: Die Griechische Anthologie in drei Bänden. (Bibliothek der Antike). Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, Band 2, S. 181:

Niemals ersättlicher Charon, was raubtest du grausam den jungen 
Attalos? Starb er als Greis, war er dein Eigentum auch!

Unbekannter Dichter oder Bianor

KI:

Charon, du Unersättlicher, warum hast du den jungen Attalos so geraubt?
Er wäre doch auch dein gewesen, wenn er als Greis gestorben wäre.

Das ist kein Distichon (KI kann ziemlich gut übersetzen und manches noch, aber „dichten“ nicht so recht), dafür ist es verständlich und ohne sprachliche Verrenkungen.

Es gibt eine neuere Gesamtausgabe bei Hiersemann (falls sie fertig geworden ist, ich habe das nicht weiter verfolgt). Ich habe hier den ersten und dritten Band, der Bianor wäre im zweiten. Die wäre für meinen Zweck interessant, weil sie eben nicht metrisch übersetzt. Ich werde den Mitherausgeber Dirk Uwe Hansen fragen und um seine oder seiner Mitübersetzer Version bitten.

Ich habe aber doch noch einen Fund gemacht. In einer schönen englischen Auswahl altgriechischer Lyrik ist dieses Gedicht unter dem Namen Bianor enthalten in einer überraschenden Form. Ich sage zuvor noch, dass es keine philologische Ausgabe ist, sondern etwas für Poesieliebhaber, und dass sie die Texte nicht neu übersetzt, sondern aus dem Fundus von fast 500 Jahren Übersetzung ins Englische schöpft.

BIANOR (1st century BCE-1st century CE)
AP VII.671

O greedy ferryman of the Styx,
Will you never rest your oars?
He was sixteen. At sixty-six
Would he have been less yours?

Nachdichtung von James Michie (1927-2007), aus: Paul Quarrie (Hrsg.): Poems from Greek Antiquity. Everyman’s Library Pocket Poets. New York / London / Toronto: Alfred A. Knopf, 2020, S. 155

Wie schön! Wie poetisch! Soll man die englischsprachige Welt um ihre Übersetzungspraxis beneiden?

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