Schlagwort: Karl Mickel

L&Poe-Rückblende März 2002

Viel Lob und ein wenig Kritik auch im März 2002. – Aber zuvor über zwei Tote Karl Krolow „Die Gedichte, die er Tag für Tag schreibt“, liest man in Peter Härtlings schönem, sehr persönlichem Nachwort, „sind nicht mehr nur Gedichte, sie haben sich befreit von…

Postfaktisch 1994

Karl Mickel Das Beil von Wandsbek. Prolog. Gesprochen vom jüngsten Schauspieler des Hauses. Diese Historie ist von vorgestern – Vorgestern sagt ich? — aus dem Kambrium Oder Silur; wer will das wissen! —
 Die Eiszeit war noch Zukunft jedenfalls —: Damals regierte, raunen die…

Die Äquinoktien

(Fünftes saturnalisches Gedicht) Karl Mickel Die Äquinoktien In der Höhe in den Lüften Wetter auf einander krachen Und die Leiber in den Grüften Sieh! was sie für Sprünge machen. Ja, es schmettern Schädelknochen gegen dicke Eisenplatten Flüsse, Seen und Meere kochen In die Schiffe…

Saturnalische Gedichte

(Drittes saturnalisches Gedicht) Der dritte Tag meiner Saturnalien. Da ich an den beiden ersten jeweils ein passendes Gedicht hatte, von Mickel und Verlaine, heute wieder ein Mickel. Irgendwie kommen mir viele Gedichte des Berliner Sachsen, frühe wie späte, passend vor. Ein widersprüchliches Fest zu…

Pound—Kommentar

(Erstes saturnalisches Gedicht) Karl Mickel Pound—Kommentar 1 Es gab eine Zeit, sagt Pound Da die Historiker Lücken ließen in ihren Büchern Für das, was sie nicht wußten. 2 Das goldene Zeitalter, sagt Maurer War einmal wirklich. Ich hielt diesen Satz für brutal. 3 Ich…

Wochendigest 4

Poetry on the road Der 1978 auf Jamaika geborene und in England lebende Kei Miller kartografiert in seiner fein durchrhythmisierten Lyrik die Karibikinsel, die vielen als Paradies gelte, was jedoch „Bullshit“ sei. Mit warmem Timbre und brillanter Modulation unterstreicht er, wie die der mündliche…

Einsam auf der Säule

Die Wochen-ZEIT, deren Literaturredakteurin gern mitteilt, daß sie nichts von Lyrik verstünde, scheint dieselbe (die Lyrik, nicht die Redakteurin) retten zu wollen. Vor Jahren das politische Gedicht, bei dem sie achtbare und auch einige mir sehr liebe DichterInnen einlud, politische Gedichte zu schreiben (nur…

Stephan Hermlin 100

Andrée Leusink, geboren 1938 in Paris, überlebte den Holocaust in Verstecken und Lagern in Frankreich und der Schweiz, kam nach dem Krieg zu ihrem Vater Stephan Hermlin nach Berlin-Pankow, war dort von 1960 bis 1997 Lehrerin. Sie ist Mitglied in der VVN-BdA und in der…

54. Wirkungen einer Lyriklesung

Die Diskussion verlief in ungeheurer Erregung; der Korrespondent der Prawda stürzte am Schluß auf Hermlin zu und weinte; Klaus Völker, zurück in Westberlin, schickte ein Telegramm: das dichterische Antlitz Deutschlands hat sich über Nacht verändert. Das Wachbatallion wurde in Bereitschaft gesetzt und am Morgen…

81. Ode an die zwei Brötchen

B[ernhard] K[laus] Tragelehn Ode an die zwei Brötchen Für Ch.K. Sättigende! Billige! Fünf Pfennig das Stück. Ihr vom Erlös der leeren Milchflaschen Erschwinglichen! Ihr In der rauen Zeit vor Honorarempfang Treuen! Braune, knusprige, innen weiche und weiße! Erhaltend Zum Dichten den Dichter: Euch zu loben,…

62. „Hilfloses lyrisches Ich“

In der Besprechung des gesamten Gedichtbandes von Karl Mickel heißt es vom gleichen Professor unter der Überschrift „Hilfloses lyrisches Ich“ dann endgültig: Widerwärtig häuft sich Fäkal- und Sexualvokabular, wo Kraft und Saft nicht ideeller Substanz entspringen. (…) All die be- und verklemmten Gefühle können…

80. Wiedergefundenes Gedicht

In einer schlaflosen Juninacht beim Zwitschern Trillern Krähnen der Vögel, von wenigen Autos und einem Zug begleitet, fallen mir Zeilen aus einem Gedicht von E.E. Cummings ein now that,more nearest even than your fate and mine(or any truth beyond perceive) quivers this miracle of…

118. Zur Diskussion

Laut einem Entwurf zur Geschichte der deutschen Lyrik ist die Lyrik in der DDR von staatlichen Direktiven umstellt, die moderne Einflüsse als dekadent zurückweist und eine Reorientierung auf die Klassik und sozialkritische Traditionslinien der internationalen Literaturgeschichte umsetzt (Formalismusdebatte, „Forum“-Lyrikdebatte, Lyrikdebatte in „Sinn und Form“)…

67. Prüfen und Aufbrechen

Das Gedicht natürlich. Einzelgedicht, Zyklus, Buch, Reihe. Aber manchmal sind es kleinere Einheiten. Das Konzept Haltbare Zeilen verdanke ich einem Gedicht von Rainer Kirsch. „O flaumenleichte Zeit der dunklen Frühe“. „Wer Ohren hat zu sehen der wird schmecken.“ Die Zeile (oder ein Teil davon)…

67. Bleifuß

Ein Gedicht des Nobelpreisträgers – nein, nicht Grass – Winston Churchill sorgt für Medienaufmerksamkeit. Wie in jenem Fall ist es eher ein Medien- als ein Literaturereignis. (Wie schön wäre es, wenn Gedichte als Gedichte Schlagzeilen machten – ach, die DDR wollen wir nicht zurückwünschen,…