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Archiv der Kategorie: Russisch

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Russische Avantgarde

Als Kuriere und Berichterstatter zwischen Dada Ost und Dada West waren damals Roman Jakobson, Sprachforscher und Dichtungstheoretiker, sowie der georgisch-russische Schriftkünstler Ilja Sdanewitsch unterwegs: Beide standen mit den interessierten Autoren in direktem Kontakt – Sdanewitsch vermittelte zwischen Tbilissi und Paris, Jakobson zwischen Moskau und Berlin (wo er im Juni 1920 die Dada-Messe besucht und Huelsenbecks Dada-Almanach entdeckt hatte).

Dem jungen Jakobson gehört im Übrigen das Verdienst, den Dadaismus in der Sowjetpresse erstmals (im Februar 1921) vorgestellt und gewürdigt zu haben. Sdanewitsch wiederum machte die Wortführer von Dada Paris als Erster mit den Pionierleistungen der russischen «Zukünftler», «Alogiker» und «Transmentalisten» bekannt und stellte die direkte Verbindung zur georgischen Avantgarde her, die unter der Bezeichnung «41°» (gemeint ist der Breitengrad der Stadt Tbilissi) firmierte und den Dadaismus sogleich als ihr westliches Pendant begrüsste.

Freilich konnte Dada für die russischen und georgischen Neuerer kein Vorbild sein, hatten sie doch dessen Forderungen und Errungenschaften um viele Jahre vorweggenommen: Bereits um 1912/13 gab es in Moskau, Petersburg und anderswo in Russland performative Lesungen, absurdes Theater, Unsinnspoesie aller Art, deregulierte Typografie und diverse Programme, die den «Tod der Kunst» und den «Triumph des Nichts» postulierten.

Im Vergleich damit waren die Dadaisten eher Nachzügler denn Vorreiter, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass sie die vorgängige russische Kunstrevolution nicht aus Prioritätsgründen ignoriert und verdrängt haben – sie ist ihnen ganz einfach entgangen. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Was Tzara und Picabia mit «Dadaglobe» als exklusive Pionierleistung avantgardistischer Westkunst dokumentieren wollten, hatten die Russen bereits vor dem Ersten Weltkrieg in allen künstlerischen Sparten vollumfänglich umgesetzt. (…)

Beispielhaft dafür sind die Nitschewoken, die ihren Gruppennamen in ironischer Anlehnung an die Bolschewiken gewählt haben, ihn aber bedeutungsmässig ins Gegenteil verkehrten: Während sich die Bolschewiken (von russisch «bolsche», d. h. «mehr») als siegreiche «Mehrheit» darstellten, bezogen sich die Nitschewoken (von russisch «nitschewo», d. h. «nichts» oder «ist doch egal!») mit ihrem Neologismus wörtlich auf das «Nichts» und kehrten damit auch ihren wegwerfenden Zynismus heraus – man könnte sie demnach zu deutsch als «Nullitäter», «Einerleier» oder «Nichtsianer» bezeichnen.

Ausserhalb Russlands haben die Nitschewoken ein erstes und einziges Mal bei Ilja Ehrenburg Erwähnung gefunden, der sie in seinem Buch über die zeitgenössischen europäischen Kunstbewegungen («Und sie bewegt sich doch», Berlin 1922) explizit als «Dada-Filiale» bezeichnete. Doch auch dieser autoritative Hinweis blieb damals unbeachtet. Erst seit kurzem sind die Dekrete von Dada Moskau in deutscher Sprache greifbar («Die Nichtsler», Edition Raute, Dresden 2015), derweil eine Übersetzung der poetischen Texte sowie deren Einordnung in die dadaistische Wortkunst noch immer ausstehen. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung

Nichtsler in Lyrikwiki

Siehe auch in: Abwärts! – Heft 13 (März 2016) Redaktion: Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde, Karsten Wildanger. Grafiken: Agnes Grambow.  Preis: 5,00 EUR

Aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde

Seit anderthalb Jahren kämpft Kapitän-Leutnant der ukrainischen Seestreitkräfte Maxim Musyka im ostukrainischen Kriegsgebiet Donbass. In Momenten der Ruhe entstehen in seinem Zelt „stille Schöpfungen“ – seine in Verse und Strophen gefassten Erlebnisse und Gefühle. Unter diesem Titel kam im Februar Musykas erster Gedichtband heraus. (…)

In der Nacht zum 11. Dezember [2013] initiierte er mit seinen Freunden eine Menschenkette zwischen den Protestierenden und der Kolonne junger Kadetten der Regierung. „Wir stellten uns mit unserem Rücken gegen die Kolonne, um ihnen zu zeigen, dass wir friedlich sind, gleichzeitig wollten wir vermeiden, dass aus der Menschenmenge in ihre Richtung geworfen wird. Die geringste Provokation hätte Blut zu Folge haben können. Sehr viel Blut. So standen wir sechs Stunden. Nach einiger Zeit haben die Kadetten ihre Schilder gesenkt, die Knüppel eingesteckt, die Helmscheiben nach oben geklappt. Wir unterhielten uns mit ihnen, legten ihnen Karton unter die Füße, damit sie nicht erfroren“, erzählte er in einem Zeitungsinterview.

(…) Erst im Krieg hat Musyka angefangen zu dichten. Seine Gedichte sagen das Unaussprechbare. Es ist eine Möglichkeit „auszuatmen“. Er schreibt, wenn nicht geschossen wird, in Momenten der Stille und nennt das Geschriebene „stille Schöpfungen“ oder „tichotworenija“ – ein russisches Wortspiel. Lässt man im Wort „Gedicht“ – „stichotworenije“ den ersten Buchstaben weg, so bekommt das Wort eine neue Bedeutung und wird zur „stillen Schöpfung“. (…)

Kämpfen muss er manchmal auch hinter der Front. Etwa, wenn ihm vorgeworfen wird, auf Russisch und damit in der Sprache der Okkupanten zu schreiben. Dann wird er emotional. „Mehrmals war ich drauf und dran, nur auf Ukrainisch zu schreiben, aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde“, erklärt Musyka. / Grigori Pyrlik, taz

Auf gehts

Moskau. Die Patriarchalische (also zunächst einmal: beim Patriarchen eingerichtete, L&Poe) Kommission für Familie, Schutz der Mutterschaft und Kindheit kümmert sich mit dem Segen des Präsidenten um den Schullehrplan in der Literatur.

Da würden die Schüler Werke wie „Über die Liebe“ von Anton Tschechow, „Fliederbusch“ von Alexander Kuprin und „Kaukasus“ von Iwan Bunin lesen, in denen die „freie Liebe besungen“ werde. In dem einen Fall tötet sich der betrogene Ehemann, in dem andern zerbricht die Familie, und [was das Allerschlimmste ist, L&Poe] im dritten folgt daraus gar nichts.

„Diese lebendigen künstlerischen Bilder sind eine Zeitbombe für unsere Kinder. Unser Ausschuss sollte mit den Vorschlägen bei der Bildungsabteilung vorstellig werden.“

Vor kurzem wurde berichtet, dass in Russland eine „Gesellschaft der russischen Literatur“ begründet wurde, die durch den Patriarchen von Moskau und ganz Russland Kyrill geleitet wird. „Vor ein paar Monaten hat sich unser Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin mit einem Vorschlag an mich gerichtet, eine Gesellschaft der russischen Literatur zu gründen und sie dann an die Arbeit zu führen“, sagte der Patriarch in einer Sitzung der Patriarchalischen Rates für Kultur.

„Wir sollten dafür sorgen, die Situation in unserer Schule radikal zu verbessern, unter anderem im Bereich der russischen Sprache und Literatur, indem wir professionelle Empfehlungen machen, vernünftige, überzeugende, im guten Sinn ideologiefreie“ – sagte der Patriarch. / The Insider (trotz des englischen Titels ein russisches Reportagemagazin)

Wie Erich Honecker schon sagte, „von Rußland lernen heißt siegen lernen“. Ich bin sicher, die Experten arbeiten schon zusammen, Geld und, naja, Ideen fließen. Umbau heißt auf Russisch Perestroika. Das Wort legt zunächst einmal gar nicht fest, in welche Richtung der Umbau erfolgt.

Ossip Mandelstam. A Performance

Am ADC in Genf würdigt „Ossip Mandelstam. A Performance“ den großen russischen Dichter.

Vier Menschen sitzen auf behelfsmäßigen Stühlen um einen Holztisch. Drei Tänzer, die gleich der Stimme von Ossip Mandelstam (1891-1938) Körper verleihen werden. Es spricht der Schauspieler Bruce Myers, dessen Karriere untrennbar mit dem Dramatiker Peter Brook verbunden ist.

Ossip Mandelstam. A performance ist eine Idee des Tänzers und Choreographen Ioannis Mandafounis. Eine physische Verlängerung jener Verse von 1909: «Que faire de ce corps qui m’a été donné/Si mien, si intime […]» «Man gab mir einen Körper, und was nun? / Mit ihm, dem meinen, einzigen – was tun?» « Дано мнe тeлочто мнe дeлать съ нимъ,/ Такимъ единымъ и такимъ моимъ?»

Die choreographische Antwort der drei Tänzer beweist, daß die dichterische Sprache zu berühren vermag, noch bevor sie eine Botschaft überbringt. / Maxime Maillard, Le Courrier http://www.lecourrier.ch/137185/la_poesie_avec_le_corps

Jusqu’au dimanche 13 mars, 20h30, sa 19h, di 18h, Salle des Eaux-Vives, 82-84 rue des Eaux-Vives, Genève. Loc: 022 320 06 06, www.adc-geneve.ch

Arthur Lourié Newsletter

Arthur Lourié Newsletter #4 März / March 2016

Liebe Freunde von Arthur Lourié

Wir gedenken heute der russischen Dichterin Anna Achmatowa, die vor 50 Jahren, am 5. März 1966, gestorben ist.

Achmatowa, die „Königin der russischen Literatur“, war eine enge Freundin (und auch lebenslang die Muse) des Komponisten Arthur Lourié.

Wir verfolgen zurzeit mit wachsender Besorgnis die politischen Entwicklungen zwischen Europa und Russland. Die verheerenden Versäumnisse und Fehler der westlichen Politik beunruhigen uns gleichermassen wie das Gebaren des wieder erwachten Autokratismus der russischen Führung.

Wir fragen uns: wie würde es einer sensiblen Dichterin wie Anna Achmatowa heute ergehen? Und welche Musik würde ein Arthur Lourié in der jetzigen Situation komponieren? Könnte er noch in Russland bleiben?

Auch wenn Musikalisches ganz eindeutig im Zentrum der Aktivitäten unserer Gesellschaft steht, weisen wir gerne darauf hin, dass unser Engagement immer auch vom Gedanken der Völkerverständigung getragen wird.

Mit friedlichen Grüssen

Ohne Titel 4

Arthur Lourié (1892 – 1966) war ein russischer Komponist der in St. Petersburg, Paris und New York lebte. Nach 1917 spielte er eine zentrale Rolle in der Neuorganisa­tion des sowjetischen Musiklebens, musste aber schon 1922 ins Exil. In Lourié’s Werk­ka­talog finden sich Symphonien, Opern, Vokal­werke, Kammermusik und Klavierstücke. In seiner Musik  wider­spiegeln sich seine Freundschaften zu berühmten Dichtern und futuri­sti­schen Künstlern des russischen Silbernen Zeitalters (unter ihnen Anna Achmatowa und Alexander Block), sowie der enge Kontakt zu Igor Stravinsky in Paris.

Der schwarze Gartenweg am Meer
Glänzt unterm Licht der gelben Laternen.
Ich bin ganz ruhig. Nur soll man nicht
Von ihm mir sprechen.
Du bist mein Freund, bist sanft und treu,
Wir werden gehn, uns küssen, altern…
Und leichte Monde überfliegen uns
Wie Schneekristalle.

  1. März 1914

Deutsch von Sarah Kirsch

Чернеет дорога приморского сада,
Желты и свежи фонари.
Я очень спокойная. Только не надо
Со мною о нем говорить.
Ты милый и верный, мы будем друзьями…
Гулять, целоваться, стареть…
И легкие месяцы будут над нами,
Как снежные звезды, лететь.

Nur einzel repressalie

Gut ein Jahr nach der Gefangennahme der ukrainischen Kampfpilotin Nadja Sawtschenko hat die Anklage in Russland, wohin sie verschleppt wurde, 23 Jahre Haft verlangt. Der russischsprachige Dichter, Blogger und Psychiater Boris Chersonski (Борис Херсонский) aus Odessa kommentiert, heute brauche man keine Massenrepressalien mehr, punktuelle genügten. So sei es „menschlicher“. Und ökonomischer.

Der deutschsorbische Dichter Kito Lorenc schrieb in den späten 80er Jahren, nach dem Verbot des sowjetischen Digest Sputnik in der DDR, deren Propagandasprüche zitierend:

bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel

Aus: Kito Lorenc: Gegen den großen Popanz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1990, unpaginierte Beilage

Wer ist der Beste?

Auf einer russischen Blogseite eine Umfrage nach dem Besten zeitgenössischen Dichter. Das Ergebnis ist noch nicht repräsentativ, die bislang 237 Teilnehmer stimmten für

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил)
60(7.3%)
Timur Kibirow (Кибиров Тимур)
37(4.5%)
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий)
34(4.1%)
Sergej Gandlewski (Гандлевский Сергей)
29(3.5%)
Igor Guberman (Губерман Игорь)
27(3.3%)
Bachyt Kenshejew (Кенжеев Бахыт)
26(3.2%)

Bisher abgeschlagen bekannte ältere Dichter wie

Alexander Kuschner (Кушнер Александр,79)
23(2.8%)
Jewgeni Jewtuschenko (Евтушенко Евгений, 84)
14(1.7%)
Fasil Iskander (Искандер Фазиль, 87)
11(1.3%)
Novella Matwejewa (Матвеева Новелла, 81)
10(1.2%)
Olshas Sulejmenow (Сулейменов Олжас, 79)
4(0.5%)

Neuer Zwischenstand bei 293 Teilnehmern:

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил) Wiki
65 ( 6.6 % )
Timur Kibirow (Кибиров Тимур) Wiki (nur russ. / ital.)
59 ( 6.0 % )
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий) Wiki (viele Sprachen, nur nicht deutsch)
47 ( 4.8 % )

Ich beobachte es weiter. (Die Plazierung ist nicht so wichtig, aber es ist immer gut, zu wissen, welche Dichter anderer Länder bei uns noch nicht einmal bekannt sind.)

The discussants should consider the work of a young Russian poet, Galina Rymbu

There is a lot of talk now, in the United States at least, about political poetry and even revolutionary poetry, and what these are, and how to write them. The discussants should consider the work of a young Russian poet, Galina Rymbu.

I first came across a poem of hers shortly after she posted it on LiveJournal, a social network popular in Russia, on February 27, 2014. It was the day that Russian troops started operating in Crimea, and several days after the victory of the Maidan Revolution in Kyiv and the tawdry close of the Sochi Olympics. Russian media fanned the flames of patriotic hysteria and the Kremlin was clearly going to exploit Maidan to crack down on domestic dissent.

It felt strange that a work of this artistic sophistication and power could be composed and posted on the Web simultaneously with the events it responded to. Its viewpoint was that of the minuscule and very young Russian Left—roughly the same political alignment as those of the poet-activist Kirill Medvedev and of Pussy Riot, to cite figures known to some Western readers. But the poetry was different. It was Big Poetry, very much grounded in tradition but also propelling it forward, into the terra incognita of the now. It’s been a while since I read a poem that felt so real.

That poem has since appeared in English translation by Jonathan Platt. It can be read here, the middle one, starting with “the dream is over, Lesbia, now it’s time for sorrow…” I want to talk about the Russian original a little, and then say a few things about the present publication of Rymbu’s work in Platt’s translation in Music & Literature. / Eugene Ostashevsky, Music & Literature

Galina Rymbu was born in 1990 in the city of Omsk (Siberia, Russia) and currently lives in St. Petersburg. She has published poems in the Russian Journals The New Literary Observer, Air, Sho, and in the Translit series. Her essays on cinema, literature, and sexuality have appeared on the internet portals Séance, Colta, and Milk and Honey. She is the author of the recently published collection Moving Space of the Revolution.

Eugene Ostashevsky is a poet and translator of Russian avant-garde and contemporary poetry. His edition of Alexander Vvedensky’s An Invitation for Me to Think won the 2014 National Translation Award from the American Literary Translators Association.

Dichtender „Che Guevara des Donbass“

Bei Indymedia das Porträt des Anführers der Brigade Prisrak (Gespenst) Alexej Mosgowoj, auch »Che Guevara des Donbass« genannt. (Zuletzt in Deutschland in den Nachrichten, als die Tageszeitung junge Welt zu ihrer Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz „Alexej Markow, Gründer und politischer Kommandeur der Kommunistischen Einheit der Brigade »Prisrak« im Donbass“ als zugeschalteten Teilnehmer präsentierte). Manchen gefällt es, den Krieg im Donbass als eine Art neuen Spanienkrieg zu sehen.

Kyrylo Tkachenko, der Verfasser des Beitrags,

war Mitbegründer und Co-Redakteur der ukrainischen Zeitschrift für Soziale Kritik »Spilne« und politischer Aktivist in der Free-Mumia-Bewegung. Während seines Studiums in München war Kyrylo mehrere Jahre lang in deutschen linken Zusammenhängen aktiv. Er publizierte als Autor u.a. im Unrast-Verlag und unterstützte zuletzt in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Arbeiterprojekte in der Ostukraine.

In der dritten Folge seines Artikels (von sechs) geht es um den Kommandeur, und der ist oder war auch Dichter. Hier ein Auszug:

In der Tat sah man Mosgowoj nicht selten mit einer Mütze á la Che Guevara auf dem Kopf. Dass er auch ab und zu eine Kosaken-Mütze anhatte oder gar mehrmals in der Uniform der konterevolutionären Weißen Garde posierte, störte seine linken Verklärer weniger.

Vor dem Beginn der russischen Besatzung war Mosgowoj ein Dichter. Ein wahnsinnig schlechter Dichter, nebenbei angemerkt, der offensichtlich krasse Probleme mit der russischen Sprache hatte. Umso interessanter sind die Gedichte in ihrer Naivität. Die Absicht des Verfassers war es offensichtlich, einen tiefen Einblick in seine erstaunliche Seele zu gewähren. Und so bedienen wir uns derselben.

Ein Lieblingsthema Mosgowojs war die Revolution und der Bürgerkrieg. Mosgowoj beweint die besiegten Weißgardisten und schreibt Trauriges über die konterevolutionären Kadetten und Kosaken. Indem Mosgowojs lyrisches Ich sich an den Panzerkreuzer Aurora wendet, dessen Schuss der Legende zufolge als Signal zur Oktoberrevolution diente, äußert es sich folgendermaßen:

Hallo du, Idol der roten Brühe,
das Pest rauskotzt.

[…]

Der letzte Schuss fiel,
Das Echo hört man bis heute.
Ohne viel Bedenken
Erklärte dein Kapitän Terror dem Lande!

[…]

Gedichte antikommunistischen Inhalts schrieb der künftige »Che Guevara des Donbass« sehr gerne. Dagegen sucht man bei Mosgowoj vergeblich nach Verklärung der UdSSR, antifaschistischen Motiven oder sonst etwas »Linkem«.

Wirklich spannend sind auch seine Dichtereien über Frauen: »Sie sind keine boshaften Wesen / Manchmal sind sie sogar zärtlich« usw. Voll cool sind auch seine Hymnen an Wodka: »Und Wodkalein, das ist doch ein Wunder! / Ein Zaubergetränk, ein Traum. / Du trinkst nicht? Dann bist du ein Langweiler / Denn Frauenschönheit ist darin [im Wodka]«. Und so weiter und so fort, eine ziemlich klischeehafte »russische Seele«, mit allem Drum und Dran.

Das einzige »Revolutionäre«, was man beim dichtenden »Che Guevara« finden kann, ist ein sonderbares Gedicht namens »Es ist Zeit, ein bisschen zu schießen« sowie eine Prophezeiung über sein eigenes Schicksal: »Es bleibt nur noch, das eigene Blut mit der Hölle zu verwachsen. / Dort für immer zu brennen ist mein sündiges Los«.

Vor der russischen Besatzung war Mosgowoj nichts weiter als eine komische und für den postsowjetischen Raum nicht untypische Gestalt, ohne Bedeutung und Einfluss. Doch seit dem Frühjahr 2014 änderte sich alles von Grund auf. Die ehemals harmlosen Witzfiguren schafften es auf einmal aus der Marginalität in die höchsten Kollaborateurs-Ämter. Sie wurden wichtig. Sie kamen an Waffen und Macht. Sie durften über Leben und Tod entscheiden.

Seit dem Frühjahr 2014 hatte auch unser Held keine Zeit mehr für Dichtung. Der ehemalige Berufssoldat Alexej Mosgowoj organisierte eine Mörder-Bande und begann, zu predigen. Er meinte, dass er »erst jetzt angefangen hat zu leben«.

In einem Interview bestätigte Mosgowoj, dass Prisrak keine Gefangenen nimmt. Er meinte auch, dass er gerade damit beschäftigt sei, drei Raketen des Typs Totschka-U zu kaufen (d.h. einen Sprengkopf mit über 160 Kilo Sprengstoff darin), um auf Kyiw »draufzuballern«.

Er erklärt auch seine Beweggründe: »Wie viele anderen Menschen in Neurussland kann ich nicht mit der Ideologie leben, die Kiew vom Westen aufgezwungen wird. Ich kann keine gleichgeschlechtlichen Ehen akzeptieren, keine Jugendgerichte, die es Eltern verbieten, ihre Kinder zu erziehen. Überhaupt hat man uns von unseren Wurzeln losgerissen. Und jetzt wird es uns verboten, wir selbst zu sein.«. Ansonsten kein Wort über Kommunismus oder Sozialismus. Nur Schimpferei über »Faschisten« und Versprechungen, »es bis nach Kiew zu schaffen«.

Interessanterweise verrät er im selben Interview, dass sich seiner Brigade bald »Antifaschisten aus Deutschland anschließen werden«.

Mandelstams Aktualität

Was ist heute noch aktuell an Mandelstam?

Er ist eine exemplarische Figur des von Totalitarismus und Diktatur geprägten 20. Jahrhunderts. Sein Beharren auf der Menschenwürde hat dieser Dichter der Weltkultur mit dem Leben bezahlt. Mandelstams Werk ist gerade heute wieder, angesichts nationalistischer Verblendung in Russland, Repression und Propaganda-Exzessen, von brennender Notwendigkeit. Aber die unerhörte Kraft seiner Bilder, die Musik seiner Gedichte, deren schiere Schönheit sind zeitlos. / Ralph Dutli im Gespräch it der Rhein-Neckar-Zeitung

Epitaph

Der Petersburger Kampfsportler und Gelegenheitsstuntman Leonid Uswjazow verbrachte zwanzig von seinen 58 Lebensjahren hinter Gittern, zehn wegen einer Gruppenvergewaltigung und zehn wegen Hehlerei und illegaler Devisengeschäfte. 1994 kam er bei einer Schießerei ums Leben. Seinen Grabstein ziert ein von ihm selbst vorsorglich gedichtetes Epitaph: „Hurra, jetzt bin ich endlich tot und schufte nicht mehr für die Weiber. Zum Schluss hab’ ich mein Ding gleich zwei Mal reingesteckt, nun fährt mich weg der Leichenwagen.“ In Russland erregen diese Zeilen und ihr Autor jetzt plötzlich große Aufmerksamkeit. Denn zwischen seinen Gefängnisgängen, also zwischen 1968 und 1982, war Uswjazow Judo-Trainer am Sportclub „Trud“. Nicht nur trainierte er dort Wladimir Putin, er verhalf dem jungen Sportler aus einer ärmlichen Familie zur Aufnahme an die begehrte juristische Fakultät der Leningrader Staatsuniversität. / Nikolai Klimenjuk (Klimeniouk), FAS 3.1.

Gestorben

Wie aus russisch- und englischsprachigen sozialen Netzwerken zu erfahren, starb die russische Dichterin Olga Tschugai (Ольга Чугай) am 22. Dezember in Moskau. Sie wurde 71 Jahre alt.

1964 nahm sie ein Studium an der Historischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität auf. Jedoch schloß sie es nicht ab, sondern beschloß, sich professionell mit Literatur zu beschäftigen. Gedichte hatte sie seit ihrer frühen Jugend geschrieben, ab 1965 veröffentlichte sie in Almanachen und Zeitschriften (Nowy Mir, Junost). Sie übersetzte Gedichte aus dem Englischen, Tschechischen und anderen Sprachen. 1977 bis 1990 leitete sie das „Labor des ersten Buches“ beim Moskauer Schriftstellerverband. Sie veröffentlichte die Gedichtsammlungen Судьба глины (Schicksal des Lehms. Мoskau: Советский писатель, 1982) und Светлые стороны тьмы (Die hellen Seiten der Finsternis, Мoskau, 1995) sowie die erste „Perestroika“-Anthologie Граждане ночи (Bürgernächte, Мoskau, 2 Bd., т. 1 в 1990, т. 2 в 1992).

Quelle: poesis.ru

Anscheinend gibt es keinen ihrer Texte auf Deutsch. Das folgende Gedicht, das sie als ihr bestes ansah, im Original und in englischer Übersetzung von Philip Nikolayev.

На красный свет, на соловьиный свист
разбойничий в лесу окоченелом
летит моя душа, расставшись с телом:
на зов последний: как последний лист.

А может быть, все бабочки на свет,
а может быть, и дети на опасность
летят вот так же, чувствуя неясно
последний миг, но видят только свет.

On a red light, toward a nightingale’s
Or highwayman’s hoot in a chilly coppice,
My soul, vacating thus this body’s office,
Flies like the last leaf on the last of calls.

And possibly, nightmoths toward the light,
And maybe, too, children toward some danger,
Fly, sensing in the same uncertain manner
The last moment, but seeing only light.

Zargrad

Eine wichtige Rolle bei der geistigen Aufrüstung Russlands spielte im russisch-türkischen Krieg von 1877/78 auch Fjodor Dostojewski. In seinem «Tagebuch eines Schriftstellers» gab der berühmte Romanautor seiner Überzeugung Ausdruck, dass «das Goldene Horn und Konstantinopel unser sein werden». Den Krieg selbst bezeichnete er als «reinigendes Gewitter», das die gesellschaftliche Solidarität zwischen der Bauernschaft und dem Adel in Russland stärken werde. Vorbereitet wurden Dostojewskis patriotische Ideen durch den Lyriker Fjodor Tjutschew, der 1850 in seiner «Weissagung» gedichtet hatte: «Und die alten Gewölbe der Hagia Sophia / und das erneuerte Byzanz / werden erneut den Altar Christi umfassen. / Fall vor ihm nieder, o russischer Zar / und auferstehe als Zar aller Slawen!»

Solch hochfahrende Visionen spielten eine wichtige Rolle bei der Entfesselung des Krimkriegs (1853–1856). Die russische Gesellschaft befand sich in einem patriotischen Taumel – man träumte von einer panslawischen Föderation unter russischer Führung. Einer der Wortführer dieses Programms war der erzkonservative Publizist Michail Pogodin, der das eroberte Konstantinopel sogar zur neuen russischen Hauptstadt machen wollte. Allerdings wurden seine Erwartungen bald enttäuscht: Russland unterlag schmählich in diesem Waffengang gegen das Osmanische Reich.

(…)

In der patriotischen Literatur ist der Traum vom russischen Konstantinopel auch heute noch nicht ganz ausgeträumt. Der Petersburger Erfolgsautor Pawel Krusanow veröffentlichte im Jahr 2000 seinen Roman «Der Biss des Engels», der in einem utopischen Russischen Reich mit der Hauptstadt Zargrad spielt – Zargrad ist die russische Bezeichnung für Byzanz. Im August 2001 publizierte er – gemeinsam mit dem Philosophen Alexander Sekazki – einen offenen Brief, in dem er zur Ausweitung des russischen Imperiums an seine «unsichtbaren Grenzen» aufrief: «Zargrad, Bosporus, Dardanellen.» / Ulrich M. Schmid, NZZ

Das Stalin-Epigramm („Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert“)

Nicht jedem gefällt der Lubjankajargon. Der Fernsehsender Doshd veröffentlicht auf seiner Facebookseite ein Foto, das Stalins „Sicherheitsorgane“ von dem Häftling Mandelstam machten, und das Gedicht, das zur ersten Verhaftung des Dichters führte, das sogenannte „Stalin-Epigramm“. Es ist die kürzere Version von 16 Zeilen – von dem Text gibt es eine schärfere Variante mit zwei zusätzlichen Zeilen, die Mandelstams Frau Nadeshda im Gedächtnis aufbewahrt hat.

Häftling Mandelstam

Häftling Mandelstam

Мы живём, под собою не чуя страны,
Наши речи за десять шагов не слышны,
А где хватит на полразговорца,
Там припомнят кремлёвского горца.
Его толстые пальцы, как черви, жирны,
А слова, как пудовые гири, верны,
Тараканьи смеются усища,
И сияют его голенища.

А вокруг него сброд тонкошеих вождей,
Он играет услугами полулюдей.
Кто свистит, кто мяучит, кто хнычет,
Он один лишь бабачит и тычет,
Как подкову, кует за указом указ:
Кому в пах, кому в лоб, кому в бровь, кому в глаз.
Что ни казнь у него – то малина
И широкая грудь осетина.

Hier die ersten beiden Verse in verschiedenen Varianten und anschließend die Verse 5-8 der längeren Fassung in der Übersetzung Ralph Dutlis (die ersten zwei davon fehlen in den meisten Übersetzungen).

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

(Kurt Lhotzky)

Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund,
Auf zehn Schritt nicht mehr hörbar, was er spricht, unser Mund,

(Ralph Dutli)

Our lives no longer feel ground under them
At ten paces you can’t hear our words.

(Clarence Brown and W. S. Merwin)

We live without feeling the country beneath us,
our speech at ten paces inaudible,

(David McDufff)

We live, deaf to the land beneath us,
Ten steps away no one hears our speeches,

(John Simkin)

Nous vivons sans sentir sous nos pieds de pays,
Et l’on ne parle plus que dans un chuchotis,

(François Kérel)

We live without feeling our country’s pulse,
We can’t hear ourselves, no one hears us,

(Ian Probstein)

Verse 5-8:

Nur zu hören vom Bergmenschen im Kreml, dem Knechter,
Vom Verderber der Seelen und Bauernabschlächter.

Seine Finger wie Maden so fett und so grau,
Seine Worte wie Zentnergewichte genau.

(Ralph Dutli)

Dutli merkt zu diesem Gedicht in dem Band „Mitternacht in Moskau. Die Moskauer Hefte“ (Ammann 1986 / S. Fischer 1990) an:

Vgl. zu diesem Gedicht die Erinnerungen der letzten Lebensgefährtin Boris Pasternaks, Olga Iwinskaja (deutsch 1978 unter dem Titel »Lara. Meine Zeit mit Pasternak«): »Ende April 1934 traf er  / Mandelstam / eines Abends Boris Leonidowitsch / Pasternak / auf dem Twerskoj-Boulevard und rezitierte ihm sein Gedicht /. . ./.  >Ich habe nichts gehört, und Sie haben nichts rezitiert<, sagte Boris Leonidowitsch. >Sie wissen, es gehen jetzt seltsame, schreckliche Dinge vor, Menschen verschwinden; ich fürchte, die Wände haben Ohren, vielleicht können auch die Pflastersteine hören und reden. Halten wir fest: Ich habe nichts gehört.< Auf die Frage, was Mandelstam zu diesem Gedicht veranlaßt habe, erklärte er, er hasse nichts so sehr wie den Faschismus, in welcher Form er auch auftrete.

PennSound link of Probstein reading this poem in Russian: MP3 
Ian Probstein über 3 englische Übersetzungen (mit Link zu weiteren Versionen)

Freie Pdf mit Übersetzungen Ilya Bernsteins ins Englische

Sowjetische Kantaten

Kürzlich wurde Sawjalow für sein neues Werk «Sowjetische Kantaten» mit dem Andrei-Bely-Preis in der Sparte Poesie geehrt. Die Preissumme besteht aus einem symbolischen Rubel, dazu wird aber immerhin eine Flasche Wodka und ein Apfel zur unmittelbaren Konsumation abgegeben.

Trotz ihrer kargen Ausstattung verfügt die Auszeichnung über beträchtliches Prestige. Die Liste der bisherigen Preisträger liest sich wie ein Who is who der russischen Literatur und Wissenschaft: Die Leningrader Untergrundlegende Wiktor Kriwulin, der Okkultist Juri Mamlejew und der Minimallyriker Gennadi Ajgi finden sich hier ebenso wie der Philosoph Boris Groys, der Kulturwissenschafter Michail Jampolski oder der Soziologe Boris Dubin.

Sergei Sawjalow wurde 1958 in Puschkin bei Leningrad geboren. In den achtziger Jahren gehörte er zu den aktiven Mitgliedern des nonkonformistischen Klubs 81, der damals eigene hektografierte Literaturzeitschriften herausgab. Sergei Sawjalow blickt heute selbstkritisch auf diese Zeit zurück, in der man den Sowjetkommunismus für alles Übel verantwortlich machte und das Ausland für ein märchenhaftes Paradies hielt.

Die nonkonformistischen Dichter schenkten der gesellschaftlichen Gegenwart wenig Aufmerksamkeit und versuchten, direkt an das Silberne Zeitalter der russischen Poesie nach der Jahrhundertwende anzuknüpfen.

(…)

Seine Dichtung beschäftigt sich vornehmlich mit tragischen Gegenständen: mit Stalins Grossem Terror, mit der Hungersnot während der Leningrader Blockade und mit dem Holocaust. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Typografie: Sawjalow setzt bewusst alte Schrifttypen, Grossschreibung, Kursivschrift und Flattersatz ein, um die verschiedenen Stimmen seiner Protagonisten zu unterscheiden. Wahrscheinlich muss man Sergei Sawjalow viel eher als Komponisten und nicht so sehr als Dichter bezeichnen. Seine «Sowjetischen Kantaten» hat er jedenfalls auf der Grundlage von Prokofjew- und Schostakowitsch-Oratorien zu einem Wortgesamtkunstwerk gefügt. / Ulrich M. Schmid, NZZ

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