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Archiv der Kategorie: Russisch

Im Netz seit 1.1.2001

Gerechtigkeit für Nikolai Gumiljow

Eine Petition an den Gouverneur von Sankt Petersburg fordert, das Andenken an den Dichter Nikolai Gumiljow in seiner Geburtsstadt Kronstadt zu bewahren. Im April 2016 waren 130 Jahre seit der Geburt des Dichters des Silbernen Zeitalters vergangen, im August vor 95 Jahren wurde er von den Bolschewiki auf Grund der Beschuldigung, an der „Kronstadter Meuterei“ beteiligt gewesen zu sein, erschossen. Aber in Kronstadt, wo es viele Denkmäler, Büsten, Plaketten gibt, kommt sein Name nicht vor. Im Jahr 2001 unterzeichnete Gouverneur Wladimir Jakowlew das Dekret № 1050 „Über die Errichtung einer Denkmal-Büste von N.S. Gumiljow“. Sie sollte zum 120. Geburtstag 2006 errichtet werden, ist aber nicht ausgeführt worden. Die Jahre vergingen, die Gouverneure und Leiter der regionalen Verwaltung wechselten, aber die Erinnerung an einen der prominentesten Söhne von Kronstadt wurde nicht verewigt. Das ist ein Verbrechen.

Im Namen der Redaktion der Zeitung „Kronstädter Bote“ Inna Shitov

Gumiljow in L&Poe

Norwegische Auszeichnung für Anzhelina Pololonskaya

Die russische Dichterin Anzhelina Polonskaya, die seit September 2015 in Frankfurt am Main als Gastautorin im Rahmen des Programms Frankfurt – Stadt der Zuflucht lebt, wird Anfang September im norwegischen Frederikstad den Literaturpreis Ord i Grenseland – Words on Borders Freedom Prize – erhalten. Die Auszeichnung wird jedes Jahr ausschließlich an verfolgte oder exilierte Autorinnen vergeben, deren literarisches Werk von ihrem Engagement für die Freiheit des Wortes künden. Die Auszeichnung wird auf dem internationalen Literaturfestival Ord i Grenseland in Gamlebyen, dem historischen Ortskern von Frederikstad, verliehen und ist mit $ 5.000 dotiert. Zu den letzten Preisträgerinnen gehörte die international bekannte türkische Autorin Aslı Erdoğan, die vor einigen Tagen in ihrer Heimat verhaftet wurde.

/ litprom

Dmitrij Venevitinov

Ein Gedicht von 1821

„Fröhlich treibt die laute Menge
immer mit dem Partyschwarm,
alle huldigen und drängen
auf die Bühne – ein Altar!
Ich komm ohne ihresgleichen,
ohne Drama, Lärm und Rausch
mit dem Schicksal sehr gut aus:
Songs und gute Freunde reichen.“

Wem das für ein Gedicht von 1821 zu salopp erscheint, findet im Anhang die wortgetreue Interlinear-Übersetzung. Als Lyriker deklinierte Venevitinov das ganze romantische Inventar durch: Freundschaftskult, Italiensehnsucht, den Freiheitskampf der Griechen, die Verehrung für Byron, natürlich fehlen auch romantische Ingredienzien wie die bemoosten Steine alter Ruinen nicht. Bei dem jungen Russen tritt neben das Lob des Leichtsinns die Gedankenschwere, Enthusiasmus und Lebenslust schlagen bisweilen um in Niedergeschlagenheit und Todesahnung. Romantisch ist auch der Rückgriff auf die eigene Geschichte im Gedicht „Nowgorod“, das die einst große Vergangenheit der mächtigen mittelalterlichen Republik Nowgorod beschwört. (…)

Nur 21 Jahre alt wurde der russische Dichter Dmitrij Venevitinov (1805–1827). Wie leidenschaftlich das junge Genie für Russlands Fortschritt und Zukunft eintrat, belegen seine erstmals auf Deutsch edierten Gesammelten Werke. / Brigitte van Kann, WDR

Die zitierte Strophe in der Ausgabe von 1862

Die zitierte Strophe in der Ausgabe von 1862

Dmitrij Venevitinov
Flügel des Lebens – Lyrik, Prosa, Briefe. Gesammelte Werke
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ilja Karenovics
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg und Hendrik Jackson
Ripperger & Kremers Verlag, 2016
264 Seiten
22,90 Euro

Imperiale Kultur

Ulrich Schmid blickt auf die russische Kulturszene, die mit ungeniert propagandistischen Machwerken das Land auf einen neoimperialen Kurs trimmt: „Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, wurde der syrische Präsident Bashar al-Asad im Januar 2012 für seinen „Widerstand gegen die westliche Expansion“ mit dem Preis „Imperiale Kultur“ ausgezeichnet. Hinter dieser Ehrung stehen der russische Schriftstellerverband, der russische Literaturfonds sowie orthodoxe Vereine.“ / Perlentaucher

Mandelstam in Heidelberg

Ralph Dutli zeichnet nun minuziös Mandelstams Aufenthalt in Heidelberg von November 1909 bis März 1910 nach. In dieser Zeit sind mit Sicherheit fünfzehn, vielleicht aber auch bis zu dreissig Gedichte entstanden.

Wer allerdings eine romantische Auseinandersetzung mit der Stadt am Neckar erwartet, muss mit einer Enttäuschung rechnen. Dafür ist die literarische Ausbeute umso grösser: Mandelstam verfügt schon in diesen frühen Gedichten über eine reife Stimme. Der unverkennbare Mandelstam-Sound zeigt sich in kühnen Metaphern: «Auf dunklen Himmel hingestickt / Stehn Mustern gleich die Trauerbäume. / Warum nur hoch, in höhere Räume / Erhebst du den erstaunten Blick?» / Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher Zeitung

Ralph Dutli: Mandelstam, Heidelberg. Gedichte und Briefe 1909–1910. Wallstein-Verlag, Göttingen 2016. 189 S., Fr. 28.90. Ossip Mandelstam: Bahnhofskonzert. Das Ossip-Mandelstam-Lesebuch. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 389 S., Fr. 17.90.

1929 in Warschau

«Ich bin nach Warschau gekommen», sagte der Schielende, «und will, dass du für mich einen Empfang organisierst. Du bist doch Melech Ravitch.» Das war im Januar des Jahres 1929. In Warschau lebten dreihunderttausend Juden, die elf jiddische Tageszeitungen lasen. Jüdische Schriftsteller gab es hier wie Sand am Meer. Unter ihnen waren auch Israel J. Singer und sein Bruder Isaac Bashevis. Trotzdem stand Ravitch auf und begrüsste den jungen Mann: «Du bist Manger», sagte er. «Ich werde den Empfang organisieren unter der Bedingung, dass du hier nicht die Moskauer Stückchen von Jessenin und Majakowski aufführst.»

Im Januar 1929 hatte Itzik Manger zwar noch keinen seiner Gedichtbände veröffentlicht, aber sein Ruf als genialer, volksnaher Lyriker und hinreissender Exeget der modernen jüdischen Literatur war ihm von Rumänien nach Polen vorausgeeilt. Bekannt war ausserdem, dass Manger persönlich schwierig war. Wenn er trank, wurde er ausfällig.

Es spricht für Ravitch, dass er seine Warnung in einen literarischen Vergleich packte, der Manger schmeicheln musste: Jessenin und Majakowski galten als die bedeutendsten russischen Dichter der Gegenwart. Doch Jessenin, so masslos dem Alkohol zugetan wie den Frauen, war schon seit vier Jahren tot. Im Rausch hatte er sich in einem St. Petersburger Hotel die Pulsadern aufgeschnitten, mit dem Blut ein Gedicht geschrieben und sich anschliessend erhängt. Er war dreissig Jahre alt. Manger war jetzt achtundzwanzig. Der Futurist Majakowski, der die Volksnähe seines Freundes Jessenin als konservativ gerügt hatte, schoss sich 1930 ins Herz. Aus Liebe, hiess es, aber wohl doch eher, weil ihm in Stalins Reich die Flügel gestutzt werden sollten. In Warschau begann die Lage der Juden 1929 heikel zu werden, und was man jetzt überhaupt nicht brauchen konnte, meinte Ravitch, waren Krawallmacher. / Susanne Klingenstein, Neue Zürcher Zeitung

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2016. 784 S., Fr. 58.90.

Kulturgeschichte des russischen Duells

Die Dichter anderer Nationen brechen auf der Bühne zusammen (Molière), erliegen der Cholera (Adam Mickiewicz), werden zu stark zur Ader gelassen (George Byron), ersticken an Gegenständen, die sie verschluckt haben (Tennessee Williams), oder werden von herabfallenden Ästen erschlagen (Ödön von Horváth). In Russland kommen die beiden wichtigsten romantischen Lyriker in einem Duell um – Alexander Puschkin ist siebenunddreissig Jahre alt, als er stirbt, Michail Lermontow siebenundzwanzig. Die literarische Relevanz des Duells ist in Russland also offensichtlich.

Felix Philipp Ingold hat es in einem fulminanten Buch unternommen, die Kulturgeschichte des Zweikampfs im Zarenreich nachzuzeichnen. (…)

Am 22. November 1909 schossen Nikolai Gumiljow und Maximilian Woloschin aufeinander – nicht ohne Seitenblick auf ihren Nachruhm wählten die Streithähne einen Ort nördlich von St. Petersburg, wo auch Puschkin gestorben war. Anlass des glimpflich ablaufenden Schusswechsels war Cerubina de Gabriac, eine angebliche exotische Meisterdichterin, die sich allerdings als literarische Mystifikation entpuppte. Als besonders erregbar erwies sich der esoterisch beflügelte Andrei Bely, der seine Dichterkollegen Waleri Brjussow und Alexander Blok wegen ästhetischer Meinungsverschiedenheiten in Duellforderungen verwickelte. In beiden Fällen kam es jedoch nicht zum Waffengang, sondern zu einem literarischen Turnier.  / Ulrich M. Schmid, NZZ 14.6.

Dichter gegen Stalin

An der Moskauer Metrostation „Lubjanka“ verhaftete die Miliz den Dichter Sergej Gandlewskij, nachdem er ein Stalinbild von der Wand abgerissen hatte. Das geschah am 23. Mai. Ein Mann kam dazu und fragte ihn, was er da tue. Er erklärte es ihm, und der Mann verschwand. Er ging weiter zum Bahnsteig, aber zwei Polizisten folgten ihm, begleitet von jenem Mann, der auf ihn zeigte: „Das ist er!“ Die Polizisten teilten ihm mit, daß sie ihn wegen eines Akts von Vandalismus und minderschwerem (wenn ich melkoje richtig übersetze) Huligantum mitnehmen würden.

Sergej Gandlewskij ist ein russischer Dichter, Prosaschreiber, Essayist und Übersetzer. Er wurde mit diversen Literaturpreisen geehrt, darunter „Antibooker“, „Nördliches Palmyra“, Apollon-Grigorjew-Preis, „Poet“. / Nowaja Gaseta

Der russisch-amerikanische Dichter Philip Nikolayev kommentiert:

GANDLEVSKY vs STALIN, or, Poetry against Political Evil

Russian poetry is alive and well. A couple of days ago the eminent poet Sergey Gandlevsky was arrested by police in Moscow after ripping off the wall and tearing up a portrait poster of Joseph Stalin at the Lubyanka Subway Station (the Federal Security Service — former KGB — headquarters are located next to it). Gandlevsky was later released when some friends interceded. The poet calls Stalin „a piece of shit and a murderer.“

Russische Avantgarde

Als Kuriere und Berichterstatter zwischen Dada Ost und Dada West waren damals Roman Jakobson, Sprachforscher und Dichtungstheoretiker, sowie der georgisch-russische Schriftkünstler Ilja Sdanewitsch unterwegs: Beide standen mit den interessierten Autoren in direktem Kontakt – Sdanewitsch vermittelte zwischen Tbilissi und Paris, Jakobson zwischen Moskau und Berlin (wo er im Juni 1920 die Dada-Messe besucht und Huelsenbecks Dada-Almanach entdeckt hatte).

Dem jungen Jakobson gehört im Übrigen das Verdienst, den Dadaismus in der Sowjetpresse erstmals (im Februar 1921) vorgestellt und gewürdigt zu haben. Sdanewitsch wiederum machte die Wortführer von Dada Paris als Erster mit den Pionierleistungen der russischen «Zukünftler», «Alogiker» und «Transmentalisten» bekannt und stellte die direkte Verbindung zur georgischen Avantgarde her, die unter der Bezeichnung «41°» (gemeint ist der Breitengrad der Stadt Tbilissi) firmierte und den Dadaismus sogleich als ihr westliches Pendant begrüsste.

Freilich konnte Dada für die russischen und georgischen Neuerer kein Vorbild sein, hatten sie doch dessen Forderungen und Errungenschaften um viele Jahre vorweggenommen: Bereits um 1912/13 gab es in Moskau, Petersburg und anderswo in Russland performative Lesungen, absurdes Theater, Unsinnspoesie aller Art, deregulierte Typografie und diverse Programme, die den «Tod der Kunst» und den «Triumph des Nichts» postulierten.

Im Vergleich damit waren die Dadaisten eher Nachzügler denn Vorreiter, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass sie die vorgängige russische Kunstrevolution nicht aus Prioritätsgründen ignoriert und verdrängt haben – sie ist ihnen ganz einfach entgangen. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Was Tzara und Picabia mit «Dadaglobe» als exklusive Pionierleistung avantgardistischer Westkunst dokumentieren wollten, hatten die Russen bereits vor dem Ersten Weltkrieg in allen künstlerischen Sparten vollumfänglich umgesetzt. (…)

Beispielhaft dafür sind die Nitschewoken, die ihren Gruppennamen in ironischer Anlehnung an die Bolschewiken gewählt haben, ihn aber bedeutungsmässig ins Gegenteil verkehrten: Während sich die Bolschewiken (von russisch «bolsche», d. h. «mehr») als siegreiche «Mehrheit» darstellten, bezogen sich die Nitschewoken (von russisch «nitschewo», d. h. «nichts» oder «ist doch egal!») mit ihrem Neologismus wörtlich auf das «Nichts» und kehrten damit auch ihren wegwerfenden Zynismus heraus – man könnte sie demnach zu deutsch als «Nullitäter», «Einerleier» oder «Nichtsianer» bezeichnen.

Ausserhalb Russlands haben die Nitschewoken ein erstes und einziges Mal bei Ilja Ehrenburg Erwähnung gefunden, der sie in seinem Buch über die zeitgenössischen europäischen Kunstbewegungen («Und sie bewegt sich doch», Berlin 1922) explizit als «Dada-Filiale» bezeichnete. Doch auch dieser autoritative Hinweis blieb damals unbeachtet. Erst seit kurzem sind die Dekrete von Dada Moskau in deutscher Sprache greifbar («Die Nichtsler», Edition Raute, Dresden 2015), derweil eine Übersetzung der poetischen Texte sowie deren Einordnung in die dadaistische Wortkunst noch immer ausstehen. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung

Nichtsler in Lyrikwiki

Siehe auch in: Abwärts! – Heft 13 (März 2016) Redaktion: Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde, Karsten Wildanger. Grafiken: Agnes Grambow.  Preis: 5,00 EUR

Aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde

Seit anderthalb Jahren kämpft Kapitän-Leutnant der ukrainischen Seestreitkräfte Maxim Musyka im ostukrainischen Kriegsgebiet Donbass. In Momenten der Ruhe entstehen in seinem Zelt „stille Schöpfungen“ – seine in Verse und Strophen gefassten Erlebnisse und Gefühle. Unter diesem Titel kam im Februar Musykas erster Gedichtband heraus. (…)

In der Nacht zum 11. Dezember [2013] initiierte er mit seinen Freunden eine Menschenkette zwischen den Protestierenden und der Kolonne junger Kadetten der Regierung. „Wir stellten uns mit unserem Rücken gegen die Kolonne, um ihnen zu zeigen, dass wir friedlich sind, gleichzeitig wollten wir vermeiden, dass aus der Menschenmenge in ihre Richtung geworfen wird. Die geringste Provokation hätte Blut zu Folge haben können. Sehr viel Blut. So standen wir sechs Stunden. Nach einiger Zeit haben die Kadetten ihre Schilder gesenkt, die Knüppel eingesteckt, die Helmscheiben nach oben geklappt. Wir unterhielten uns mit ihnen, legten ihnen Karton unter die Füße, damit sie nicht erfroren“, erzählte er in einem Zeitungsinterview.

(…) Erst im Krieg hat Musyka angefangen zu dichten. Seine Gedichte sagen das Unaussprechbare. Es ist eine Möglichkeit „auszuatmen“. Er schreibt, wenn nicht geschossen wird, in Momenten der Stille und nennt das Geschriebene „stille Schöpfungen“ oder „tichotworenija“ – ein russisches Wortspiel. Lässt man im Wort „Gedicht“ – „stichotworenije“ den ersten Buchstaben weg, so bekommt das Wort eine neue Bedeutung und wird zur „stillen Schöpfung“. (…)

Kämpfen muss er manchmal auch hinter der Front. Etwa, wenn ihm vorgeworfen wird, auf Russisch und damit in der Sprache der Okkupanten zu schreiben. Dann wird er emotional. „Mehrmals war ich drauf und dran, nur auf Ukrainisch zu schreiben, aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde“, erklärt Musyka. / Grigori Pyrlik, taz

Auf gehts

Moskau. Die Patriarchalische (also zunächst einmal: beim Patriarchen eingerichtete, L&Poe) Kommission für Familie, Schutz der Mutterschaft und Kindheit kümmert sich mit dem Segen des Präsidenten um den Schullehrplan in der Literatur.

Da würden die Schüler Werke wie „Über die Liebe“ von Anton Tschechow, „Fliederbusch“ von Alexander Kuprin und „Kaukasus“ von Iwan Bunin lesen, in denen die „freie Liebe besungen“ werde. In dem einen Fall tötet sich der betrogene Ehemann, in dem andern zerbricht die Familie, und [was das Allerschlimmste ist, L&Poe] im dritten folgt daraus gar nichts.

„Diese lebendigen künstlerischen Bilder sind eine Zeitbombe für unsere Kinder. Unser Ausschuss sollte mit den Vorschlägen bei der Bildungsabteilung vorstellig werden.“

Vor kurzem wurde berichtet, dass in Russland eine „Gesellschaft der russischen Literatur“ begründet wurde, die durch den Patriarchen von Moskau und ganz Russland Kyrill geleitet wird. „Vor ein paar Monaten hat sich unser Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin mit einem Vorschlag an mich gerichtet, eine Gesellschaft der russischen Literatur zu gründen und sie dann an die Arbeit zu führen“, sagte der Patriarch in einer Sitzung der Patriarchalischen Rates für Kultur.

„Wir sollten dafür sorgen, die Situation in unserer Schule radikal zu verbessern, unter anderem im Bereich der russischen Sprache und Literatur, indem wir professionelle Empfehlungen machen, vernünftige, überzeugende, im guten Sinn ideologiefreie“ – sagte der Patriarch. / The Insider (trotz des englischen Titels ein russisches Reportagemagazin)

Wie Erich Honecker schon sagte, „von Rußland lernen heißt siegen lernen“. Ich bin sicher, die Experten arbeiten schon zusammen, Geld und, naja, Ideen fließen. Umbau heißt auf Russisch Perestroika. Das Wort legt zunächst einmal gar nicht fest, in welche Richtung der Umbau erfolgt.

Ossip Mandelstam. A Performance

Am ADC in Genf würdigt „Ossip Mandelstam. A Performance“ den großen russischen Dichter.

Vier Menschen sitzen auf behelfsmäßigen Stühlen um einen Holztisch. Drei Tänzer, die gleich der Stimme von Ossip Mandelstam (1891-1938) Körper verleihen werden. Es spricht der Schauspieler Bruce Myers, dessen Karriere untrennbar mit dem Dramatiker Peter Brook verbunden ist.

Ossip Mandelstam. A performance ist eine Idee des Tänzers und Choreographen Ioannis Mandafounis. Eine physische Verlängerung jener Verse von 1909: «Que faire de ce corps qui m’a été donné/Si mien, si intime […]» «Man gab mir einen Körper, und was nun? / Mit ihm, dem meinen, einzigen – was tun?» « Дано мнe тeлочто мнe дeлать съ нимъ,/ Такимъ единымъ и такимъ моимъ?»

Die choreographische Antwort der drei Tänzer beweist, daß die dichterische Sprache zu berühren vermag, noch bevor sie eine Botschaft überbringt. / Maxime Maillard, Le Courrier http://www.lecourrier.ch/137185/la_poesie_avec_le_corps

Jusqu’au dimanche 13 mars, 20h30, sa 19h, di 18h, Salle des Eaux-Vives, 82-84 rue des Eaux-Vives, Genève. Loc: 022 320 06 06, www.adc-geneve.ch

Arthur Lourié Newsletter

Arthur Lourié Newsletter #4 März / March 2016

Liebe Freunde von Arthur Lourié

Wir gedenken heute der russischen Dichterin Anna Achmatowa, die vor 50 Jahren, am 5. März 1966, gestorben ist.

Achmatowa, die „Königin der russischen Literatur“, war eine enge Freundin (und auch lebenslang die Muse) des Komponisten Arthur Lourié.

Wir verfolgen zurzeit mit wachsender Besorgnis die politischen Entwicklungen zwischen Europa und Russland. Die verheerenden Versäumnisse und Fehler der westlichen Politik beunruhigen uns gleichermassen wie das Gebaren des wieder erwachten Autokratismus der russischen Führung.

Wir fragen uns: wie würde es einer sensiblen Dichterin wie Anna Achmatowa heute ergehen? Und welche Musik würde ein Arthur Lourié in der jetzigen Situation komponieren? Könnte er noch in Russland bleiben?

Auch wenn Musikalisches ganz eindeutig im Zentrum der Aktivitäten unserer Gesellschaft steht, weisen wir gerne darauf hin, dass unser Engagement immer auch vom Gedanken der Völkerverständigung getragen wird.

Mit friedlichen Grüssen

Ohne Titel 4

Arthur Lourié (1892 – 1966) war ein russischer Komponist der in St. Petersburg, Paris und New York lebte. Nach 1917 spielte er eine zentrale Rolle in der Neuorganisa­tion des sowjetischen Musiklebens, musste aber schon 1922 ins Exil. In Lourié’s Werk­ka­talog finden sich Symphonien, Opern, Vokal­werke, Kammermusik und Klavierstücke. In seiner Musik  wider­spiegeln sich seine Freundschaften zu berühmten Dichtern und futuri­sti­schen Künstlern des russischen Silbernen Zeitalters (unter ihnen Anna Achmatowa und Alexander Block), sowie der enge Kontakt zu Igor Stravinsky in Paris.

Der schwarze Gartenweg am Meer
Glänzt unterm Licht der gelben Laternen.
Ich bin ganz ruhig. Nur soll man nicht
Von ihm mir sprechen.
Du bist mein Freund, bist sanft und treu,
Wir werden gehn, uns küssen, altern…
Und leichte Monde überfliegen uns
Wie Schneekristalle.

  1. März 1914

Deutsch von Sarah Kirsch

Чернеет дорога приморского сада,
Желты и свежи фонари.
Я очень спокойная. Только не надо
Со мною о нем говорить.
Ты милый и верный, мы будем друзьями…
Гулять, целоваться, стареть…
И легкие месяцы будут над нами,
Как снежные звезды, лететь.

Nur einzel repressalie

Gut ein Jahr nach der Gefangennahme der ukrainischen Kampfpilotin Nadja Sawtschenko hat die Anklage in Russland, wohin sie verschleppt wurde, 23 Jahre Haft verlangt. Der russischsprachige Dichter, Blogger und Psychiater Boris Chersonski (Борис Херсонский) aus Odessa kommentiert, heute brauche man keine Massenrepressalien mehr, punktuelle genügten. So sei es „menschlicher“. Und ökonomischer.

Der deutschsorbische Dichter Kito Lorenc schrieb in den späten 80er Jahren, nach dem Verbot des sowjetischen Digest Sputnik in der DDR, deren Propagandasprüche zitierend:

bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel

Aus: Kito Lorenc: Gegen den großen Popanz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1990, unpaginierte Beilage

Wer ist der Beste?

Auf einer russischen Blogseite eine Umfrage nach dem Besten zeitgenössischen Dichter. Das Ergebnis ist noch nicht repräsentativ, die bislang 237 Teilnehmer stimmten für

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил)
60(7.3%)
Timur Kibirow (Кибиров Тимур)
37(4.5%)
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий)
34(4.1%)
Sergej Gandlewski (Гандлевский Сергей)
29(3.5%)
Igor Guberman (Губерман Игорь)
27(3.3%)
Bachyt Kenshejew (Кенжеев Бахыт)
26(3.2%)

Bisher abgeschlagen bekannte ältere Dichter wie

Alexander Kuschner (Кушнер Александр,79)
23(2.8%)
Jewgeni Jewtuschenko (Евтушенко Евгений, 84)
14(1.7%)
Fasil Iskander (Искандер Фазиль, 87)
11(1.3%)
Novella Matwejewa (Матвеева Новелла, 81)
10(1.2%)
Olshas Sulejmenow (Сулейменов Олжас, 79)
4(0.5%)

Neuer Zwischenstand bei 293 Teilnehmern:

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил) Wiki
65 ( 6.6 % )
Timur Kibirow (Кибиров Тимур) Wiki (nur russ. / ital.)
59 ( 6.0 % )
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий) Wiki (viele Sprachen, nur nicht deutsch)
47 ( 4.8 % )

Ich beobachte es weiter. (Die Plazierung ist nicht so wichtig, aber es ist immer gut, zu wissen, welche Dichter anderer Länder bei uns noch nicht einmal bekannt sind.)

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