Startseite » Russisch

Archiv der Kategorie: Russisch

Im Netz seit 1.1.2001

L&Poe ’17-03

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. Heute mit: Hefter, Jeschke, Trump, Khider, Draesner, Orwell in Moskau und mehr. Weiter mit Shakespeare: Sonett 21 im Original und deutsch von Max Josef Wolf mit Anmerkungen. Viel Afrika! Im übrigen: 20. Jänner ist Lenztag und alle vier Jahre Inauguration day. Spruch der Woche: Hör auf zu leben, lies! Lesen!

Als Ganzes lesen    

Die Themen in dieser Ausgabe

[✺]

Das neue Gedicht

Martina Hefter

Auszug aus Die Halbtoten. Dramatische Dichtung

Der Igel da.

Was?

Er schaut so treuherzig.

Ich finde ja, er schaut kritisch.

Ich dachte erst, der Umriss des größten Igels wäre ein Feuer.

Doofe Avatare.

Ich hätt lieber was anderes gebastelt. Was Abstrakteres. Einen viereckigen belanglosen Raum.

Na da sitzt du doch tagaus tagein drin.

Gerade deswegen. Ich hätt gern ein Modell davon.

O Hybris.

Den belanglosen Raum kannst du herstellen, indem du ein kleines Fliegenpilzhäuschen auf das große klebst, und auf das kleinere noch kleineres.

Und dann noch ein kleineres.

Genau. Und noch eins. So lang, bis der kleinste Fetzen Buntpapier nicht mehr faktisch ist.

Bis ich da fertig bin, bin ich ja faktisch tot.

Tot bis du, wenn du belanglosen Raum gar nicht mehr definier kanns.

Schaut mal, ich hab mal schnell einen kleinen belanglosen Raum gebastelt. Einfach die vier Ecken eines Quadrats umgeschlagen, dann die Querseiten umgeklappt, einmal auf die andere Seite gedreht, die entstandenen Falzen an den eingeklappten Ecken rausgezogen, und dann in die Mitte ein Loch.

Wozu denn das Loch?

Damit Licht reinfällt.

Sehr schön. In der Zeit, die du da rumgebastelt hast, hast du trotzdem keinen Besuch bekommen. Da hättest du auch einen Igel basteln können.

Er hat ja eh kein Freund, die ihn besuch könnten. Alle längs tot.

Bei wem ist der belanglose Raum gerade?

Ich hab ihn! Hier, fang!

Hepp!

Gib!

Los, zu mir!

Da! Stülp ihn dir drüber!

Kuckuck!

Jetzt hört doch auf mit den Faxen. Ich will meinen Kako- Kaba- Kato-

Kakao.

Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin. Aus einem 2018 bei Kookbooks erscheinenden Buch.
[zurück]
[✺]

America I (Writers resist)

On Martin Luther King Jr. Day, some of America’s most celebrated authors gathered on the steps of the New York Public Library to protest Donald Trump’s attacks on freedom of speech.

Poet Laureate Robert Pinsky wrote a poem for the occasion, inspired by the battles against oppression of Gwendolyn Brooks and Polish poet Czesław Miłosz. “Now my fellow dissidents, we endure a moment of charismatic indecency. Charismatic indecency and sanctimonious falsehood beyond shame. Our polish grandfather Milosz and our African American grandmother Brooks endured worse than this. First fight then fiddle, she wrote,” read Pinsky from the poem.
read more
[zurück]
[✺]

Donald The Scot

Als ich es las, hielt ich es für Parodie und mußte lange nach Anzeichen dafür suchen. Aber es gab keine, alles war blutiger Ernst. „Ein von Schottland inspiriertes Gedicht für Trumps Inauguration“ hieß die Überschrift. Das Gedicht nennt Obama einen Tyrannen, dessen usurpierte Macht ihm von Held Domhnall (schottisch für Donald) aus den Klauen gerissen wird. Held Domhnall rettet auch die Frauen, die Schwarzen und die Einwanderer (natürlich die Richtigen, z.B. Schotten, nicht die mörderischen Horden aus der Hölle Mexiko. Leider keine Parodie! Mehr hier
[zurück]
[✺]

Amerika III

Mathias Jeschke

Inauguration

Mann TRUMP, geh mir FORD! Ich KENNEDY,
ich weiß, was für ein LINCOLN Typ du bist!
Was WILSON POLK wie du schon bewirken,
wer kauft denn schon den CARTER im BUSH!
FILMORE müsste ein ganz, ganz andrer her,
NIXON fetter GARFIELD im REAGAN wie du,
Ein Typ, sehr COOLIDGE und TAFT, ja, Mann,
das wäre HAYES, das ist TRUMAN! Nun aber:
Möge bloß der Höchste sich unsrer OBAMA!

mathiasjeschke.de
[zurück]
[✺]

Chamissopreis für Abbas Khider

Der Schriftsteller Abbas Khider erhält den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung (der 2017 zum letzten Mal vergeben wird). Mit diesem Preis wird sein bisheriges Gesamtwerk geehrt. Darin erweise sich Abbas Khider „als sprachsensibler Beobachter der Verzweiflung, Verstörtheit, Wut und Hoffnung junger Männer, die ihre Heimat verlassen müssen und Zuflucht in Europa suchen“, so die Begründung der Jury.

(…) Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad/Irak geboren. Aus politischen Gründen verfolgt, floh er 1996 aus dem Land. Vier Jahre lang zog er als illegaler Flüchtling durch Jordanien, Libyen und die Türkei. 2000 beantragte er in Deutschland Asyl, studierte in München und Potsdam Philosophie und Literaturwissenschaft. Heute lebt Abbas Khider in Berlin. Er veröffentlichte Gedichte in arabischer und in deutscher Sprache. Für seinen ersten Roman „Der falsche Inder“ (2008) erhielt er 2010 den Chamisso-Förderpreis. Mehr
[zurück]
[✺]

What is poetry?

Die Frankfurter Neue Presse berichtet über die erste Poetikvorlesung von Ulrike Draesner:

Und dann erging es ihr wohl ähnlich wie in dem Lyrikband „Subsong“ von 2014, einer sehr experimentellen Sprach- und Klang-erforschungsreise in Buchform. „What is poetry?“ heißt eine Gedichtüberschrift, ziemlich zum Schluss. Doch ausgerechnet unter diesem sehr theoretischen Titel wird Draesner so handlungsprall wie kaum je zuvor. Auf einmal nämlich, wenn alle Möglichkeiten ausgelotet und Grenzen immer wieder überschritten wurden, schießen Sprache, Laut, Satz und Handlung zusammen zur Geschichte. Dem Geheimnis auf die Spur zu kommen heißt immer auch: es als solches zu akzeptieren.

(…) In den nächsten Vorlesungen wird es weitergehen mit dem Roman, der Lyrik, der Übersetzung und dem Schreiben nach der Natur.

Campus Westend, Hörsaal 1, Frankfurt, bis 7. Februar, immer dienstags, 18.15 Uhr. Am 23. Januar liest Draesner um 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt

[zurück]
[✺]

Animal Farm I

Russischer Dichter Alexander Byvshev wird erneut wegen eines Gedichts zur Unterstützung der Ukraine angeklagt – unter sehr Orwellschen Umständen. (Sein russischer Wikieintrag ist mal vorsorglich verschwunden) Hier
[zurück]
[✺]

Animal Farm II: Welche Mitgliederliste?

L&Poe berichtete vergangene Woche, daß die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin, das russische PEN-Zentrum verlassen hat. Jetzt erklärt das PEN-Zentrum, Alexijewitsch sei nie Mitglied  gewesen. Außerdem hätten nur 10% der Mitglieder protestiert, 90% unterstützten die Politik des Zentrums. Lesen Sie hier
[zurück]
[✺]

Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #21: SO is it not with me as with that Muse, deutsch von Max Josef Wolff: Nicht jener Muse gleichet mein Gedicht. 

 

 Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

fullsizerender-37

[zurück]
[✺]

Gestorben
  • Am 14. Januar starb der portugiesische Architekt, Historiker, Essayist und Dichter Carlos Antero Ferreira (84)
  • Am 14. Nicolás del Hierro (82), spanischer Dichter (geb. 1934)
  • Am 15. der pakistanische Dichter Nasir al-Din Nasir Hunzai (100)
  • Am 16. der dominikanische Dichter und Schriftsteller Federico Jóvine Bermúdez (72)
  • Am 17. der polnische Dichter und Denker Marian Janusz Kawałko
  • Am. 18. der südafrikanisch-jamaikanische Schriftsteller Peter Abrahams (97). Abrahams wurde 1919 als Sohn eines Äthiopiers und einer Südafrikanerin mit afrikanischen und französischen Wurzeln geboren. Erste Texte und Gedichte erschienen in der Zeitung Bantu World. Er wurde wegen Landesverrats angeklagt und emigrierte nach England. Seit 1956 lebte er in Jamaika.
  • Am 18. der brasilianische Dichter und Herausgeber Toninho Mendes (geb. 1954)

[zurück]
[✺]

Neue Zeitschriften
  • Sinn und Form 1/2017. Wir aber haben viel nachzuholen. (Während populistische Politiker und Richter von aufgezwungener Völkermischung faseln.) Schwarze Literatur in Afrika und Amerika. Yves Bonnefoy. Elisabeth Borchers. Giorgos Seferis. Mopsa Sternheim. Alain Mabanckou. Hier
  • Ygdrasil. Journal of the Poetic Arts. January 2017. VOL XXV, Issue 1, Number 285 Editor: Klaus J. Gerken European Editor: Mois Benarroch. Contributing Editor: Jack R. Wesdorp. ISSN 1480-6401
    Gedichte von Holly Day, Shawn Chang, SIMON PERCHIK, Mark Young, Patricia Walsh, Changming Yuan, R. N. Taber, RD Larson
    Download

[zurück]
[✺]

Kurz gesagt
  • Das gegenwärtige Deutschland hat die Fremden akzeptiert; es war eine exemplarische Aktion, auch wenn sie riskant war, oder gerade weil sie in einer Zeit des religiösen und sonstigen Terrorismus so riskant war und ist. Eine große Rehabilitierung Deutschlands, eine große Frage für das Volk dieses Landes, das sich zurecht um die Zukunft sorgt. / Norman Manea: Exil und Kreativität. In: Sinn und Form 1/2017, S. 138
  • „Der Tod ist so alltäglich wie das Glas,/aus dem man, seinen Durst zu löschen, trinkt“ Hans Keilson, hier zu einer deutsch-niederländischen Ausgabe
  • Hör auf zu leben, lies! Mit dieser Maxime des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa war eine Besprechung in der Los Angeles Times überschrieben. / LAT 30.9.01
  • «Wie der große Schweizer Dichter Carl Spitteler, Literatur-Nobelpreisträger, sagte: das größte Glück ist es, Freunde zu finden, mit denen wir die Atemluft und das Schicksal teilen» – Sagte der chinesische Präsident Xi Jinping beim Staatsbesuch in der Schweiz. Spitteler ist der einzige Schweizer, der den Literaturnobelpreis erhalten hat (1919). Das Zitat von mir aus der französischen Quelle rückübersetzt, die Quelle konnte ich nicht auffinden. Im Internet kursiert ein Spruch, der dem nah kommt: «Menschen zu finden, die mit uns fühlen und empfinden, ist wohl das schönste Glück auf Erden.» (mglw. aus: „Prometheus und Epimetheus“, 1881) – Vielleicht aus dem Chinesischen rückübersetzt? Eine schöne Übersetzungs-Irrfahrt: Deutsch – Chinesisch – Französisch – Deutsch.

[✺]
[zurück]

Kurz berichtet
  • Jacob Polley bekommt den TS Eliot-Preis 2016 für „Jackself“, laut Jury “ein Feuerwerk von einem Buch” / Guardian
  • In Vietnam wurden sieben Literaturpreise für 2016 vergeben, darunter zwei für Lyriker. Nguyen Viet Chien: To Quoc Nhin Tu Bien (Homeland From the Sea); Y Phuong: Vu Khuc Tay (Tay Dances), Vietnamesisch und in der Sprache der ethnischen Minderheit der Tay / Mehr
  • Ganz im Zeichen der Lyrik steht das Wochenende von Freitag bis Sonntag, 27. bis 29. Januar in Basel. Mit einem abwechslungsreichen Programm, für das die Basler Lyrikgruppe (Rudolf Bussmann, Wolfram Malte Fues, Claudia Gabler, Rolf Herrmann, Simone Lappert und Kathy Zarnegin) verantwortlich zeichnet, soll den Besuchern Einblick in die aktuelle Vielfalt des Genres gegeben werden: Neben einem Abend mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller erwarten die Besucher ein Rundgang zum 100. Geburtstag des Basler Dichters Rainer Brambach und ein Workshop, in dem diese selbst dichterisch tätig werden können. / Mehr

[✺]
[zurück]

Meine Tweets der Woche

[✺]

Kalendarium 21.-27.1.

Kommenden Donnerstag ist Australia Day. Wieso werden so viele Fußballer am 26.1. geboren? Diese Woche Gedenktage für einen König, der im 18. Jahrhundert Homosexuelle vorm Tode rettete, sowie für Matthias Claudius, Joseph Scaliger,  John Donne, Rainer Brambach (100. Geburtstag), Jakob Michael Reinhold Lenz, Jesse Thoor, Derek Walcott, Ernst Blass, Wilhelm Klemm, Kaiser Hadrian, Peter Paul Zahl, Robert Burns, Dorothy Wordsworth, Eva Zeller, Wladimir Wyssozki, Gérard de Nerval und viele andere. Lesen Sie hier

[zurück]
[✺]

Rückblende L&Poe Oktober 2001

Thomas Kling und die Poeterey der Adenauer-Generation. Fundamentalisten schaffen es nicht und sind stolz darauf. Dank des Zaubers der Poesie darf das Wort auch in Volkes Munde immer wieder werden, was es bei Hafis von Haus aus war: fromm, frech und frei. Abu Nuwas (763 ca. 813) besang in höchst provokanter und heftiger Weise den Wein, der im Islam verboten ist, und die homosexuelle Liebe. Dafür wurde er ausgelöscht. Dies und viel mehr hier. Alle bisherigen Rückblenden hier.
[zurück]
[✺]

Zuguterletzt die wöchentliche Poetopie

des Berliner Schriftstellers Hansjürgen Bulkowski.

nach den schweren Stürmen ruht auf dem Boden ein leichter Schnee

Seit 2013 versendet Hansjürgen Bulkowski wöchentlich einen Aphorismus als Poetopie per eMail, 2013-16 sonntags in der Lyrikzeitung und von nun an jeden Freitag im L&Poe-Digest.

[zurück]

Animal Farm II: Welche Mitgliederliste?

L&Poe berichtete vergangene Woche, daß die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin, das russische PEN-Zentrum verlassen hat. Einer Organisation, die der Staatsmacht die Stiefel lecke, schrieb sie, wolle sie nicht mehr angehören. Inzwischen behauptet der russische PEN in einer Antwort auf amerikanische Kollegen, Alexijewitsch sei nie Mitglied in ihrem Club gewesen. Und erklärt, sich für Oleh Senzow einzusetzen sei sehr schwierig, weil er wegen „terroristischer Akte“ verurteilt wurde. Gegenüber dem Spiegel sagte die Autorin, die auf Russisch schreibt und dem PEN schon zu Sowjetzeiten angehörte:

Und nun wurde sogar erklärt, ich sei gar kein Mitglied des PEN gewesen, weil ich Weißrussin und Russophobin sei.

SPIEGEL ONLINE: Kein Mitglied?

Alexijewitsch: Ja, einfach lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange waren Sie dabei?

Alexijewitsch: Genau weiß ich es nicht mehr, aber seit den Perestroika-Jahren. Aus irgendwelchen Gründe bin ich vor vier oder fünf Jahren aus der Mitgliederliste verschwunden. Erst, als später jemand nachgefragt hat, wo ist Alexijewitsch geblieben, wurde ich wieder in die Liste aufgenommen – mit der Begründung, dass jemand mich zufällig gestrichen habe. Bizarr ist das.

Hier gibt es screenshots mit verschiedenen Stadien der Mitgliederliste. Orwell, übernehmen Sie!

Außer Alexijewitsch sind etwa 30 Autoren aus dem PEN ausgetreten. In dem Brief an die „lieben amerikanischen Freunde“ weist die Leitung darauf hin, daß nur 10% der Mitglieder protestierten – 90% hätten Vertrauen in die Politik des Clubs.

Animal Farm I

Russischer Dichter wird erneut wegen eines Gedichts zur Unterstützung der Ukraine angeklagt.

Am 17.1.2017 wurde das Haus von Alexander Byvshev in Komy (Oblast Oryol, Südwestrussland) durchsucht, und sein Computer zusammen mit zahlreichen Speichermedien beschlagnahmt.

Der Dichter war bereits 2015 wegen eines ähnlichen Gedichts zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden und verlor darauf hin seinen Job.

Eine bei der lokalen Universität bestellte „linguistische Analyse“ seines Gedichtes hatte damals ergeben, dass sich der „feindliche Charakter des Werks in Äußerungen zu russischen staatlichen Organen und Präsident Putin“ zeigen würde, so hieß es dort: „Keinen Fußbreit der Krim an Putins Tschekisten“. Außerdem würde das Gedicht Russen herabwürdigen, weil in diesem die auf die Krim einmarschierenden Soldaten als „Bande von Moskalen“ bezeichnet wurden.

Das angesehene russische Antirassismus-Zentrum „SOWA“ widersprach der Analyse, und wies darauf hin, dass sich das Schimpfwort in diesem Fall nicht gegen Russen als Ethnie, sondern gegen eine konkrete Aktivität richtete. Dieser Einwand wurde vom Richter jedoch mit dem Hinweis abgetan, die Analyse der Universität würde genügen.

Auch die Umstände des Verfahrens erinnerten an sowjetische Prozesse: Es wurden 40 Zeugen befragt, die sich durch das Gedicht angeblich beleidigt fühlten – sich aber auf Nachfrage an nicht eine einzige Zeile des Gedichts erinnern konnten.

Ein bedenklicher Nebenaspekt der Strafverfolgung zeigte sich daran, dass der russische Wikipedia-Eintrag des Dichters noch vor dem eigentlichen Urteil gelöscht, und bisher nicht wiederhergestellt wurde.

— Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe (KhPG)

Deutsch: Berliner Osteuropaexperten

Ausführlichere Meldung mit weiteren Linbks auf Englisch hier

L&Poe ’17-02

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In den nächsten Wochen werde ich Logo und Leitbegriffe und -motive der alten und neuen Lyrikzeitung erörtern: Digest, Poe, Pound, die tödliche Dosis und die Flöte. In der heutigen Ausgabe: Sanjosé, Kandinsky, Rilke, Rinck, Rumi, Shakespeare, Ingold, Jandl, Landt, Papenfuß, Zoff im russischen PEN-Club und manches andere. Lesen!

Als Ganzes lesen    

Die Themen in dieser Ausgabe

[✺]

Das neue Gedicht

Àxel Sanjosé

Die Zungen zucken
von den nichtgesagten Flüchen,
den vergessenen Lauten,
den Sümpfen der Vorfahren,
den Tälern, Buchten, Geröllwüsten.
Was für Chöre,
wie Natur aber mit Splittern,
hineingerufen in die Abende
oder das Rauschen,
Narben und Scherben,
ein Glossar der Herkunft:
Funde und Verluste.
Beim Zurückblicken Krümel für Vögel,
in unserem früheren Dialekt
bildeten wir die Vergangenheitsform
durch Halbieren der Wörter.

Dieses unveröffentlichte Gedicht stellte Àxel Sanjosé freundlicherweise zur Verfügung (Initialtext für ein Kooperationsprojekt mit Ayna Steigerwald).
[zurück]
[✺]

In Syrien

… steht nicht nur zur Debatte, wie Bürger noch einem Staat zugehörig sein können, der seine eigenen Städte bombardiert und damit an seinem eigenen Verfall arbeitet. / Über den syrischen Dichter Ra’id Wahsh hier
[zurück]
[✺]

Kandinsky 1 – Empfohlen von F. Ph. Ingold

Mit dem Band „Vergessenes Oval“ wird Kandinskys absurdistische Dichtung nun vollständig zugänglich gemacht. Das ist verdienstvoll und sollte Anlass zu einer umfassenden Würdigung des Malers als Wortkünstler sein. (…)  So sehr diese gravierenden Defizite zu bedauern sind, sie sollten das Interesse und das Vernügen an Kandinskys fabulösen Dichtwerken gleichwohl nicht trüben. Mehr

[zurück]
[✺]

Kandinsky 2 – Abgeraten von F. Ph. Ingold (?)

In der NZZ empfiehlt Felix Philipp Ingold die Lyrik Kandinskys, aber nicht unbedingt die Ausgabe, in der sie präsentiert wird.

Schreibt Perlentaucher. Aber stimmt das? Empfiehlt er etwa eine nichtvorhandene ideale Ausgabe? Stehen die Großverlage Schlange, um uns nach 90 und mehr Jahren unverzüglich das lyrische Werk des großen Malers zu präsentieren? Tun sie leider nicht. Alexander Graeff, Alexander Filyuta und das Verlagshaus Berlin haben uns dieses Werk zugänglich gemacht. Bitte unbedingt diese Ausgabe lesen. (Lesen Sie in der vorigen Nachricht, was Ingold wirklich gesagt hat).
[zurück]
[✺]

Irseer Pegasus

Kai Bleifuß erhält für seinen Text „Fünf Variationen auf das Unsagbare“ den Autorenpreis Irseer Pegasus. Der Jurypreis Irseer Pegasus geht an David Krause für Auszüge aus „Eine andere Brechung des Lichts“. Mehr
[zurück]
[✺]

Nature Writing

Marion Poschmann erhält den Deutschen Preis für Nature Writing. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird zum ersten Mal vom Verlag Matthes & Seitz Berlin in Kooperation mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) vergeben. Die Begründung der Jury hat es in sich. / Schreibt das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel
[zurück]
[✺]

In den „Duineser Elegien“

ist für mich der ganze Husserl, Heidegger, die frühe Existenzphilosophie drin. Rilke entwickelt hier eine Ontologie, die man auf das erste Hören hin nicht verstehen kann, aber auch nicht verstehen muss. Deshalb ist die Musik so wichtig. Es ist ja heute fast ein Zwang, alles verstehen zu müssen. Wir gehen einen anderen Weg. / Mehr
[zurück]
[✺]

Zum Festival Poetica 3

… in Köln spricht Michael Köhler mit Kuratorin Monika Rinck: „Ich würde sowohl einem uninformierten Gefühl wie auch einem komplett gefühllosen Gedanken misstrauen. Und das, was ein Gedicht eben zu einem Objekt von Interesse macht, ist, dass es beides verbindet, dass es eben die Relationen in den Blick rückt, mit denen man es zu tun hat.“ Mehr
[zurück]
[✺]

Rumi beyond our preconceptions

His books are also riddled with footnotes. Reading them requires some effort, and perhaps a desire to see beyond one’s preconceptions. That, after all, is the point of translation: to understand the foreign. As Keshavarz put it, translation is a reminder that “everything has a form, everything has culture and history. A Muslim can be like that, too.” / Mehr
[zurück]
[✺]

Krimi und Lyrik
  • Eine sehr britische Kritikerschlacht um die Krimiserie Sherlock geführt in Versen hier
  • Viel Jandl im Tatort hier

[zurück]
[✺]

Gestorben
  • Am 7.  der litauische Fotograf und Dichter Paulius Normantas
  • Am 8. die serbische Dichterin und Schriftstellerin Jovanka Nikolić (64)
  • Am 8. der spanische Schriftsteller José Ignacio Montoto (37)
  • Am 11. der amerikanische Dichter Conrad Hilberry (88)

[zurück]
[✺]

Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #20: A Womans face with natures owne hand painted, deutsch von Stefan George: Ein frauenantlitz das Natur selbsthändig Gemalt. Aus dem Kommentar:

„Quaint“ war damals ein Slangausdruck für das weibliche Geschlechtsorgan: „thou hast a womans heart but not a quaint“. Das Wortspiel erscheint nicht so fernliegend, da das Sonett ab V. 11 auf die Pointe des „hinzugefügten“ Teils hinausläuft. Nicht einmal George konnte das mitübersetzen. – Wer keine Fußnoten liest, liefert sich den Entscheidungen irgendwelcher Vordenker aus.

 Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

fullsizerender-35

[zurück]
[✺]

Chodassewitschs Prosa

Dieser Dichter, der größte unserer Zeit, ein literarischer Nachfahre Puschkins in der Linie Tjutschews, wird der Stolz der russischen Dichtung bleiben… Mehr
[zurück]
[✺]

Zoff im russischen PEN-Club

Inzwischen traten der Dichter Lew Rubinstein und die Autoren Aleksandr Ilitschewski und Boris Akunin aus der Organisation aus, vorgestern auch die Nobelpreisträgerin von 2015, Swetlana Alexijewitsch. Akunin warf dem PEN vor, daß er sich nicht für verfolgte Autoren einsetze und deshalb nichts mit der internationalen PEN-Organisation gemein habe. Mehr
[zurück]
[✺]

Neue Zeitschriften
  • Sprache im technischen Zeitalter 220: Matthias Göritz stellt ein Langgedicht von Chigozie Obioma aus Nigeria vor und zitiert in der Einleitung Hendrik Rost: „Ein politisches Gedicht ist auf jeden Fall ein Gedicht, das ich verstanden habe, wenn ich es lese.“ Vielleicht ist es das. Ich kam mir ein bißchen wie Brecht vor, als er die Gedichte von 400 feinsinnigen (bürgerlichen) Dichtern verwarf und stattdessen ein Gedicht aus einer Sportzeitung auszeichnete. Ich habe das Gedicht aus Nigeria, aus Biafra, 1968 und heute, auf einen Ritt durchgelesen und es hat mir etwas mitgeteilt, das mir wichtig war. Mehr
  • Risse Sonderheft 8/2016 featuring Jürgen Landt hier
  • Abwärts! 17/ 2016 – Was hat mich an den religiösen Schwärmern der frühen Neuzeit gereizt? Ich habe in ihnen – z.B. Quirinus Kuhlmann (…) – ein Äquivalent zu heutigen (gestrigen) Punks, Autonomen und sonstigen Sozialrebellen gesehen. Mich hat nie ihre Religiosität interessiert, Spiritualität ist mir brenne – sondern ihre Abgefahrenheit. (…) Kuhlmanns Kühlpsalter ist purer Rock’n’Roll. Mehr

[zurück]
[✺]

Kurz gesagt
  • Ich habe immer nur dann Gedichte geschrieben, wenn es mir seelisch sehr schlecht ging, wenn ich mit dem Gesicht an der Wand stand und in den Spiegel schauen musste. Sie werden verstehen, dass ich lieber Stücke schreibe. Da kann man sich hinter seinen Figuren verstecken. / Peter Turrini, Die Presse
  • Fellow Bay Area Beat poet Diane di Prima called David Meltzer “one of the secret treasures on our planet. Great poet, musician, comic; mystic unsurpassed, performer with few peers.” mehr

[zurück]
[✺]

Kurz berichtet
  • Der Günter-Eich-Preis 2017 für das Lebenswerk eines Hörspiel-Autors geht an Friederike Mayröcker / Leipziger Medienstiftung
  • Der Internationale Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma schreibt den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis aus (3.000,- €.) Mehr
  • Der Kunstraum Makroscope an der Friedrich-Ebert-Straße 48 stellt sämtliche Gedichte des Düsseldorfer Schriftstellers A.J. Weigoni unter dem Titel „Der Schuber“ vor. Am Samstag, 21. Januar, findet die Vorstellung des Schubers im Rahmen einer Ausstellung mit Holzschnitten des Neheimer Künstlers Haimo Hieronymus und dem Klangwerk „Unbehaust“ von Tom Täger (Mülheim) statt. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass 19.30 Uhr, Eintritt frei. / mehr

[zurück]
[✺]

Wiki Wiki

Warum zwei Wikis besser sind als ein Wiki (und drei besser als zwei) am Fallbeispiel hier erörtert.
[zurück]
[✺]

Kalendarium
  • Von Spenser bis zum Lenz-,  zum Inaugurations-, zum Flüchtlingstag mit vielen Namen und Links hier

[zurück]
[✺]

Meine Tweets der Woche
  •  „Harry Potter und die verwunschene Kunst, Artikel vor dem Kommentieren ganz durchzulesen“ 
  • „Translating Translating Apollinaire (Gallifreyan)“—(the poem „Zone“ by Guillaume Apollinaire, translated into the language of Dr. Who): 
  • We had a great News Conference at Trump Tower today. A couple of FAKE NEWS organizations were there but the people truly get what’s going on 
  • Säufer, schwächelnde Generale, Selbstdarsteller: Die USA haben schon manch skurrilen Präsidenten überstanden. 

[zurück]
[✺]

Rückblende L&Poe September 2001

Ernst Jandl macht einen Vorschlag wider die Hetzerei gegen Ausländer. Thomas Kling lebt und bringt den Müll runter. Horaz und Pound sind tot. Kontroverse Gedichte sind lebensgefährlich und die Schweizer kein poetisches Volk. Dies und viel mehr hier. Alle bisherigen Rückblenden hier.
[zurück]
[✺]

Zuguterletzt die wöchentliche Poetopie

des Berliner Schriftstellers Hansjürgen Bulkowski.

eine Zeitung verrät mehr Wirklichkeit als sie selbst mitteilen will

Seit 2013 versendet der Berliner Autor wöchentlich einen Aphorismus als Poetopie per eMail, 2013-16 sonntags in der Lyrikzeitung und von nun an jeden Freitag im L&Poe-Digest.

[zurück]

Zoff im russischen PEN

Prominente russischsprachige Autoren verlassen den PEN-Club aus Protest gegen den Ausschluß des Journalisten und Aktivisten Sergej Parchomenko. Parchomenko wurde ausgeschlossen wegen „provokativer Handlungen“. Er selber schrieb auf der Website des Senders Echo Moskwy, man habe ihn dafür bestrafen wollen, daß er das Russische PEN-Zentrum kritisiert habe, weil es sich nicht für den ukrainischen Filmemacher Oleh Senzow eingesetzt habe. Senzow, der von der Krim stammt, sitzt in einem russischen Gefängnis eine 20jährige Haftstrafe wegen „Vorbereitung terroristischer Akte“ ab. Senzow hatte gegen den Anschluß der Krim an Rußland protestiert, bestreitet aber die Vorwürfe. Die USA, die EU und Amnesty International hatten gegen Verhaftung, Prozeß und Verurteilung Senzows protestiert.

Am 10. Januar bestritt der russische PEN-Präsident Jewgeni Popow, daß es eine Spaltung der Organisation gebe. Es gebe 400 Mitglieder, aber „nur einen Parchomenko“.

Inzwischen traten der Dichter Lew Rubinstein und die Autoren Aleksandr Ilitschewski und Boris Akunin aus der Organisation aus, vorgestern auch die Nobelpreisträgerin von 2015, Swetlana Alexijewitsch. Akunin warf dem PEN vor, daß er sich nicht für verfolgte Autoren einsetze und deshalb nichts mit der internationalen PEN-Organisation gemein habe. / Radio Free Europe / Radio Liberty

Außerdem veröffentlichten die PEN-Mitglieder Maksim Amelin, Aleksandr Archangelski, Denis Dragunski, Timur Kibirow, Nikolai Kononow, Maija Kutscherskaja und andere eine Erklärung, in welcher die Entscheidung des Vorstands beschämend genannt und eine außerordentliche Dringlichkeitssitzung des PEN in Moskau gefordert wird. Eine Reihe anderer Autoren, darunter Wladimir Sorokin und Olga Romanowa, schlossen sich der Erklärung an. / Colta.ru

Kandinsky – empfohlen

Felix Philipp Ingold, in: NZZ 2017-01-12

„Die Blüten der Poesie sind überall verstreut“
Wassily Kandinsky als Wortkünstler 

Doppel- und Mehrfachbegabungen waren in der künstlerischen Moderne Russlands nichts Ungewöhnliches. Wladimir Majakowskij und Jelena Guro haben sich als Wort- und Bildkünstler einen Namen gemacht, Michail Matjuschin und Mikolajus Ciurlionis sind gleichermassen als Maler und Komponisten hervorgetreten. Noch vielfältiger waren die Talente, die Wassily Kandinsky für seine künstlerische Arbeit nutzen konnte: Als diplomierter Wirtschaftsjurist hatte er sich schon früh auch in andern Disziplinen kundig gemacht (Folkloristik, Philosophie), bevor er sich in den späten 1890er Jahren der Malerei zuwandte und gleichzeitig die Dichtung des zeitgenössischen russischen Symbolismus für sich entdeckte.

Bereits ab 1885 hatte Kandinsky auch selbst Gedichte geschrieben, zunächst in seiner Muttersprache, später dann ̶ zwischen Jahrhundertwende und Weltkrieg, als er in Bayern lebte ̶ vorzugsweise auf Deutsch. Bis in die 1930er Jahre blieb er als Dichter aktiv. „Die Blüten der Poesie“, so lautet einer seiner ersten Verse, „sind überall verstreut.“ Eine illustrierte Auswahl lyrischer Texte liess er 1912 unterm Titel „Klänge“ in München erscheinen, eine schmale Publikation, die nachmals bei Expressionisten und Dadaisten als Pionierleistung respektvollen Widerhall fand. In solchem Verständnis belobigte unter andern Hugo Ball den Maler Wassily Kandinsky im Zürcher Cabaret Voltaire (1917) als einen „Dichter unerreichter Verse“, der sich gleichermassen durch höchste Vitalität und höchste Spiritualität auszeichne.

Seit kurzem liegt nun, erstmals aus Kandinskys literarischem Nachlass ediert, der gesamte Restbestand seiner russisch- und deutschsprachigen Gedichte in Buchform vor, all jener Texte mithin, die nicht in die „Klänge“ eingegangen oder erst in spätern Jahren entstanden sind. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Prosagedichte oder knapp gefasste versifizierte Dialoge, die von Beginn an einen prägnanten Personalstil erkennen lassen. Im Vergleich mit den „Klängen“ sind die hier versammelten Dichtungen zumeist knapper gefasst, entschiedener pointiert, mehr dem Absurden zugewandt, vorab jedoch in weit höherem Mass lautspielerisch angelegt.

Bereits in den frühsten, noch russisch verfassten Texten erweist sich Kandinsky – zwanzig, dreissig Jahre vor Dada – als ein souveräner Wort- und Buchstabenakrobat, der Witz und Hintersinn frappant zusammenführt. So zum Beispiel in einem Sechszeiler, der aus lauter Wörtern mit dem Anfangsbuchstaben U gefügt ist. Daraus resultiert eine Klangqualität, die übersetzerisch naturgemäss nicht einzuholen ist. Doch auch wenn in der deutschen Fassung die Lautstruktur nicht adäquat zum Tragen kommt, tritt um so deutlicher Kandinskys lyrischer Nonsense hervor: „… Gans gluckste mit giftigem Essig … Schlange ass gegen Abend getöteten Guppy … Ungetüm schlug um sich mit engem Bügeleisen … Gasse erwürgte getrübt ein Hurra.“ Da scheint selbst die Unsinnspoesie des russischen Futurismus und des französischen Surrealismus vorweggenommen zu sein, zu deren Vorläufern Wassily Kandinsky sicherlich zu zählen ist ̶- etwa mit diesem frühen Kurzgedicht : „Von hier bis dort ist dreieinhalb. | Von dort bis hier vier und ein Achtel. | Autsch! Autsch! | Wozu die Sonne vermessen? | Von hüben bis drüben neunundsiebzig und drei Elftel.“

Mit dem Band „Vergessenes Oval“ wird Kandinskys absurdistische Dichtung nun vollständig zugänglich gemacht. Das ist verdienstvoll und sollte Anlass zu einer umfassenden Würdigung des Malers als Wortkünstler sein. Erschwert wird dies leider – abgesehen vom mikroskopischen Kleindruck grosser Textteile – durch diverse editorische Mängel, in erster Linie dadurch, dass die einzelnen Gedichte nicht datiert und deshalb werkgeschichtlich nicht verlässlich einzuordnen sind. Dass die Originaltexte der neuen deutschen Orthographie angepasst wurden, ist bei einer Archivpublikation schwerlich zu akzeptieren. Unklar bleibt die Quellenlage; auf allfällige Textvarianten wird nicht verwiesen; das Literaturverzeichnis lässt mancherlei Lücken offen, und das Buch muss letztlich ohne Inhaltsverzeichnis auskommen. So sehr diese gravierenden Defizite zu bedauern sind, sie sollten das Interesse und das Vernügen an Kandinskys fabulösen Dichtwerken gleichwohl nicht trüben.

Wassily Kandinsky, „Vergessenes Oval“. Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Alexander Graeff und Alexaner Filyuta. Illustriert von Christoph Vieweg. Verlagshaus Berlin (Edition ReVers #05), Berlin 2016; 99 Seiten.

L&Poe ’17-01

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431nur wer sich ändert bleibt sich treu. Mit dem 16. Jahr startet L&Poe als Wochen-Digest. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In den nächsten Wochen werde ich Logo und Leitbegriffe und -motive der alten und neuen Lyrikzeitung erörtern, ich beginne nächste Woche mit „Digest“. Für mich eine spannende (etymologische und Selbst-) Erkundung schon jetzt.

Die Themen in dieser Ausgabe

Nobelpreis 1966: Celan und Sachs? Oder keiner von beiden?

Nach 50 Jahren werden die Akten des Nobelpreiskomitees der Öffentlichkeit zugänglich. Daraus erfährt man jetzt, daß das Komitee Paul Celan für nicht preiswürdig hielt. Und einiges mehr. Hier.

Gute Nachrichten aus den Niederlanden

Wirtschaftlich mag das Goldene Zeitalter der Niederlande vorbei sein, doch literarisch ist es in vollem Gang. Das Land unterstützt seine Lyriker durch viele offizielle Positionen darin, sich als Chronist des öffentlichen Lebens zu engagieren. Neben dem Amt „Dichter des Vaterlands“ leisten sich auch Städte, Vereine, Universitäten und Fernsehstationen gern einen Hausdichter. / Mehr

Das neue Gedicht
verhaltenes lied

die hände in den taschen
         werde ich mich gewöhnen
an das schmutzige tageslicht
an das aschfarbene wasser
         wie die berge aufwachen
                 die spieler
im kaffeehaus
         wir werden uns küssen
mit dem nordwind
         werde ich mich gewöhnen
es gibt da einen trick
                   ich habe nie versucht
geige zu spielen

(nach orhan veli)

achim wagner

Mit freundlicher Genehmigung des Verf. aus: Achim Wagner: „zwischen grün und halb sechs“. 20 Improvisationen über türkische Poetiken des 20. und 21. Jahrhunderts. hochroth Berlin, 2017. Mit einem Nachwort von Norbert Lange.

Istanbul-Buch

Der in seinem „andalusischen Schwarzwalddorf“ im Kinzigtal lebende José F.A. Oliver konnte im Herbst 2013 in der kaiserlichen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya wohnen, rund 16 Kilometer vom Zentrum entfernt. José F.A. Oliver schreibt bereits damals: „Der Widerspruch wird vogelfrei. Kritik? Der Staat könnte beleidigt sein […]. Wer zweifelnd hinterfragt, ist hinderlich. Der schläft nicht nur auf Steinen, der wird im besten Falle totbesteuert. Ansonsten weggesperrt“. / Mehr

Antholo-logie

In dieser neuen Folge, die abwechselnd mit einer weiteren neuen Folge „Ex Libris“ erscheint (nächste Woche: Hadayatullah Hübsch), stelle ich, wie der Name besagt, Anthologien vor. Für den Anfang die erste Anthologie mit neuer Lyrik, die ich je gelesen habe. Es war in den Sixties, noch früher als für Gedichte interessierte ich mich für Musik – natürlich. Nun aber kamen Gedichte dazu. Die Stadt- und Kreisbibliothek Weißenfels, im Sterbehaus des Dichters Novalis, lieferte mir heißen Stoff.  Lesen Sie hier.

Bild: Fragment des Schutzumschlags (des ein paar Jahre später gekauften und eigenen Exemplars!)

img_4536

Mit dem Deutschlandradio sprach

der französische Dichter Alain Lance über seine Erinnerungen an die DDR – und an Iran. Mehr

Ubuweb

ist der beste Ort für Fundstücke im Netz, sagt Piqer Mascha Jacobs bei piqd. Mehr

Gestorben

Der englische Künstler, Kritiker und Schriftsteller John Berger starb am 2. Januar in Paris wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag. Hier zu Nachrufen.

Nicht der einzige Dichter, der in dem noch sehr kurzen Jahr starb. Die letzten Todesfälle des alten und ersten des neuen Jahrs hier. Mit einem Blick auf gewaltsame Tode.

Die Shakespeare-Leseecke

geht nach längerer Unterbrechung weiter mit Sonett #19: DEuouring time blunt thou the Lyons pawes, deutsch von Dorothea Tieck: Zeit, Würgerin, bezwing des Löwen Mut. Hier alle bisherigen Folgen

fullsizerender-34

Neue Zeitschriften
  • Merkur H. 1 mit Leonce Lupette
  • poet nr. 21. Literaturmagazin. Hg. Andreas Heidtmann. Leipzig (poetenladen) Herbst 2016. 252 S., 9.80 Euro. Besprochen von Alexandru Bulucz. „Die Rubrik Lyrik eröffnet der stille amerikanische Poet Keith Waldrop.“ Mehr
In der Siebenbürgischen Zeitung

Edith Ottschofski über den neuen Gedichtband von Werner Söllner

Werner Söllner: „Knochenmusik“. Gedichte. Mit einem Nachwort von Eva Demski, Edition Faust, Frankfurt am Main, 2015, 92 Seiten, gebunden, 18,00 Euro, ISBN 978-3-945400-19-7

Five British Poets to Watch in 2017

stellt die Huffington Post vor, es sind:

Rebecca Bird, Bryony Littlefair, Lorraine Mariner, Abegail Morley, Mel Pryor

Kurz gesagt
  • Zumal in der Lyrik sind Anfänge von eminenter Bedeutung – und, salopp gesagt, bisweilen schon die halbe Miete. (Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 2.1.)
  • »Hätte Ror Wolf nur 1000 Leser mehr, wäre die Welt ein besserer Ort«, behauptet Andreas Ammer völlig zurecht. / Facebook
  • Lovers of poetry have this consolation at least: when times get tough, the poetry gets better. Stalinism gave us Anna Akhmatova; The Troubles in Northern Ireland gave us Seamus Heaney. / Huffington Post
  • In which Rosmarie Waldrop, “who claims to be both poet and translator,” is made to be “a veritable nymphomaniac of narcissism.” | OmniVerse
  • German is the guttural brother of its somewhat truncated English sibling. This close proximity of German to English makes it much harder to translate. / Paul-Henri Campbell, Eleven Eleven
Kalendarium
  • Carl Sandburg, Andrej Bely, Jakob van Hoddis & Co. mit vielen Namen und Links hier
  • Drei Gedichte zum Dreikönigstag hier, hier und hier.
Meine Tweets der Woche
  • A Madagascan prime minister hatches a plan to murder postmodernism. ()
  • While in prison, the Ukrainian poet Irina Ratushinskaya wrote poems on bars of soap. After memorizing them, she washed them away…. (@christianbok)
  • John Berger gone. That is hard. He was an energy source in a depleted world. (@Jeanette Winterson)
Rückblende L&Poe August 2001

L&Poe ruft den Thomas-Kling-Monat aus. Auch Wolfgang Hilbig lebt und läßt sich zum 60. gratulieren. Beat Brechbühl bedauert, daß er die Alpen nicht rechtzeitig abgesägt hat. Die taz besucht Amerikas Ur-Avantgardist Charles Henri Ford (93). In Lana und Straßburg ist auch was los. Dies und viel mehr hier. Alle bisherigen Rückblenden hier.

Zuguterletzt die wöchentliche Poetopie

des Berliner Schriftstellers Hansjürgen Bulkowski.

so viel Gegenwart war noch nie

Bulkowski wurde 1938 in Berlin geboren. 1964 bis 1969 war er Bibliothekar an der Stadtbücherei Krefeld, seit 1969 freier Schriftsteller in Düsseldorf. Er veröffentlichte Kurzprosa, Lyrik, Essays, Übersetzungen und Hörspiele u.a. in der LCB-Reihe, der Reihe schritte des Wolfgang Fietkau Verlags sowie in Anthologien und Zeitschriften (Rowohlts Literaturmagazin, TintenfischSchreibheft, Litfaß, Sprache im technischen ZeitalterSignumneue deutsche literatur, Merkur). 1966–1977 Herausgeber von PRO, blätter für neue literatur (später PRO, ein schriftlicher Vorgang / PRO. Jahrbuch für Mitteilungssysteme), Avantgardistische Literatur- und Kunst-Zeitschrift. Krefeld, Düsseldorf. Seit 2013 versendet er wöchentlich einen Aphorismus als Poetopie per eMail, 2013-16 sonntags in der Lyrikzeitung und von nun an jeden Freitag im L&Poe-Digest.

L&Poe-Rückblende März 2001

Inger Christensen lebt und schreibt über Zweifel an der Dichtung

Ich bin keine Sterndeuterin, ich bin eher eine Handwerkerin. Die Dichtung ist ja auch nur eine Stimme unter den vielen Stimmen der Welt. Und sie ist auch kein Medium, das besonders geeignet ist, auf Probleme aufmerksam zu machen. Aber man kann ja hoffen, dass Dichtung vielleicht ein Gesamtgefühl der Zustände erfahrbar machen kann. Dann und wann hat man den Eindruck, dass aus den vielen Punkten der Vergangenheit, aus den vielen Schichten des Lebens heraus etwas ausgedrückt werden kann, wovon man kaum etwas weiß. Ich glaube vor allem, dass man gerade deswegen schreibt, weil die Unlesbarkeit der Welt vorhanden bleibt. Man schreibt weiter. Während des Schreibens denkt man, dass man etwas entdeckt hat, man denkt, alles wird klar werden. Aber eigentlich ist es ja so, dass man nur schreibt, weil man weiß, dass alles unlesbar ist und bleibt. Man liest die Welt, um weiter zu lesen, und dabei bleibt immer dieser Rest. Über die Zukunft der Menschheit dagegen lässt sich überhaupt nichts sagen. Aber in jedem Moment gibt es eine Konstellation von Gedanken und Ausdrücken, die den Einzelnen auf die Spur von etwas bringen kann, das der Zukunft eine Form gibt. SZ vom 15.03.2001 Münchner Kultur

Über die „dunkleren“ Traditionen des Literarischen März schrieb Michael Braun

Zu den dunkleren Traditionen des Leonce-und-Lena-Wettbewerbs, der ja dem Dichter-Nachwuchs gewidmet ist, gehört auch die Ignoranz der Vorjurys, die mit blamabler Beharrlichkeit die interessanten jungen Dichter dieser Jahre einfach übersahen. So konnte Thomas Kling, der diesmal als Ehrengast des „Literarischen März“ geladen war, in schöner Ironie den Darmstädter Mundartdichter Ernst Elias Niebergall paraphrasieren, um seine eigene Chancenlosigkeit in Erinnerung zu rufen: „Ich kumm in Darmstadt uff kahn grihne Ast“. / schreibt Michael Braun in der FR , 27.3.01

Entartet

Es begann mit einem Skandal. Im Juli 1960 veröffentlichte die FAZ eia wasser regnet schlaf, ein Gedicht der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Lyrikerin Elisabeth Borchers. Der Text, eine wunderbare, im Ton des Wiegenlieds gehaltene, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Imagination, die eine vermeintliche Begegnung mit einem „ertrunkenen Matrosen“ tatsächlich nur auf einer rein assoziativ arbeitenden Ebene anklingen lässt, erregte die Gemüter der Leser. Von einer „schizophren Stammelnden“ war die Rede, ja sogar einmal mehr von „entarteter Kunst“. / Christoph Schröder, FR 3.3.01

Deutschland als Wunderland für Lyrik

Als Lyrikerin seit ihrem 17. Lebensjahr – „in den wilden Jahren“ – und mit sechs Bändchen neben „fast sechs Romanen“ lobt die Isländerin Deutschland als das „Wunderland für Lyrik, das einzige Land, wo Lyrik verkaufbar ist“, ebenso wie später für das hier vorhandene Umweltbewusstsein. (sagt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir in der Fuldaer Zeitung 27.3.2001)

Ansichten zu „Matthias“ BAADER Holst

„Matthias“ BAADER Holst. Untergrundpoet, Punk, Anarchist, Vagant, Dadaist, radikaler Künstler, Rebell. Das alles irgendwie. Und das alles irgendwie nicht.
Ein sicherlich singulärer Vorfall, der eine Symbiose mit seinen Texten eingegangen war und sie als Klangform der eigenen Unangepasstheit unters Volk schlug. Ein performender Dichter mit asketischem Körper, ungezügeltem Intellekt und dem Machtapparat einer Sprache, die nicht leicht mit ihm zu teilen war. Den Kopf kahl rasiert wie einer, der das Äußere ganz von sich abschneiden will. Ein Nosferatu-Typ, auratisch, mit einer hohl klingenden, dunklen Orakelstimme. Eine wie der Dadaist Johannes Baader „charismatische Begnadung“. / scheinschlag , 24.3.01

Gestorben & vermeldet

Am 17. März ist in St. Petersburg der Dichter und Essayist Viktor Kriwulin im Alter von 56 Jahren gestorben. Die Stadt an der Newa war für Kriwulin mehr als nur Wohnort – er trat während der siebziger und achtziger Jahre als eine der wichtigsten Figuren im literarischen Untergrund von Leningrad auf; in den neunziger Jahren engagierte sich Kriwulin in der Petersburger Demokratiebewegung, der auch die 1998 ermordete Abgeordnete Galina Starowojtowa angehörte. Es mutet wie eine körperliche Metapher der stabilitas loci an, dass Kriwulin seit seiner frühen Kindheit an einer Knochenkrankheit litt und deshalb an Krücken gehen musste – als ob das Schicksal sicherstellen wollte, dass der Dichter seine Stadt nicht verlassen konnte.  / NZZ 20.3.01

Gestorben & nicht vermeldet

  • Am 6. März der sowjetrussische Dichter und Übersetzer Sergej Podelkow (88)
  • Am 9. März der israelische Dichter Reuven Ben-Yosef
  • Am 12. März der niederländische Botaniker, Dichter und Naturschützer Victor Westhoff (84)
  • Außerdem laut russischer Wikipedia mindestens 16 „Helden der Sowjetunion“

Wenn die DDR gesiegt hätte

In „Bilder und Zeiten“ erinnert sich Volker Braun an Kindheitslandschaften und die Zeiten, als er in der DDR sein „Trotzki“-Stück schrieb und von der Stasi überwacht wurde und entwirft dieses Szenario:

Man mußte sich nur vorstellen, daß er, der Lismus, in den Westen käme. Undenkbar war das nicht. — Zuerst die Währungsreform, das war der Köder, der Umtausch der DM in Mark. 1 : 5, zugleich wurden die Preise gesenkt, Wahnsinn, die Mieten. Ein ständiger Sommerregen aus dem Staatshaushalt. Die Konzerne (Kombinate) der Plankommission unterstellt, je genauer die Planung, desto härter trifft uns der Zufall. Die Arbeitsämter geschlossen, „keine Leute“ hieß es auf einmal in Bochum. Die entbehrlichen Professoren ins Neuland geschickt, für die Buschzulage, gefestigte Gewi-Dozenten missionierten das Grundlagenstudium. Von Schnitzler, reaktiviert, übernahm es, das Bayerische Fernsehen auf Linie zu bringen. „Die Zukunft sitzt“, wie der Dichter Kunze sagt, „am Tische“.
Natürlich wurde uns Ost-Überheblichkeit nachgesagt, wenn wir drüben die Demokratie einführten. Dem Westler nützt ja nun, in dem fortgeschrittenen System, seine Erfahrung wenig, er mußte erst lernen, richtig zu denken, sich anzustellen und zu warten. Während wir, so ins Recht gesetzt, endgültig verblödeten und ihre Dienstjahre annullierten, weil wir neue Persönlichkeiten erzogen. … Und ich vergaß mal meine kritischen Ambitionen; wohingegen sie ihre linke Vergangenheit auftrugen, die Studienräte und Redakteure. Joschka Straßenkämpfer. … Und sie erlebten einmal eine Revolution./ FAZ 10.3.01

Es gibt sie noch,

die wagemutigen Verleger, die Neues entdecken und jüngeren Talenten zum Durchbruch verhelfen, Verleger, denen Literatur und vor allem die anspruchsvolle Gattung Poetik persönlich noch etwas bedeuten. Urs Engeler ist einer von ihnen. Seit 1992 gibt er «Zwischen den Zeilen» heraus, eine «Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik», die sich in verhältnismässig kurzer Zeit durchsetzen konnte, weil sie es nicht allein beim Abdruck von Gedichten bewenden lässt, sondern die Autoren gleichzeitig auffordert, sich über ihr Geschaffenes essayistisch zu äussern. (…)

Leiderprobt

Elke Erb (*1938)) sei eine leiderprobte (schreibt der Berner „Bund“) Lyrikerin aus der ehemaligen DDR. Sie versteht es, Erlebnisse aus dem vorsprachlichen Raum zu holen und in Sprache umzusetzen. Sie geht auch sonst, immer wieder nachhakend, der Sache auf den Grund. Nicht alles ist sofort eingängig, einiges sträubt sich im Nachvollzug. Ihr Aufruf «leibhaft lesen», sich mit Seele und Leib in die Sprache, dieses «Puzzle-Gebilde», hinein zu begeben, ist ernst zu nehmen. Dass auch ein Autor, der viel über Sprache und ihre Möglichkeiten und Grenzen nachgedacht hat, bei Urs Engeler Aufnahme findet, belegt Hans-Jost Frey (*1933) mit seinen «Vier Veränderungen über Rhythmus». Es ist wohltuend, einem derart gründlichen und subtilen Denker und Formulierer zu begegnen. Alle vier Essays («Verszerfall», «Der Gang des Gedichts», «Vertonung», «Das Unsagbare») untersuchen in einer intensiven Auseinandersetzung das Phänomen Rhythmus. / Der Bund 3.3.01

Den Darmstädter Leonce und Lena-Wettbewerb für Nachwuchslyriker haben am  Samstag zwei Frauen gewonnen und dafür Lob und Kritik bekommen

Sabine Scho aus Hamburg und die Frankfurterin Silke Scheuermann  … teilen sich das Preisgeld von 15 000 Mark. Der Leonce und  Lena-Preis sei entgegen der Tradition geteilt worden, weil kein Autor herausgeragt  habe, sagte Jury-Moderator Wilfried Schoeller. Jedes der vorgetragenen Werke habe  Schwächen aufgewiesen. Einige Juroren hätten sogar erwogen, gar keinen Preis zu  verleihen. Die ausgezeichneten Lyriker hätten jedoch gute Anlagen und könnten ihren  Weg gehen. (dpa) Berliner Zeitung 26.3.01

Silke Scheuermann erhält ihn, so die Begründung der Jury, „in Anerkennung der Eigenständigkeit ihres Tonfalls, einer Melodik ironischer Melancholie, die genau gefügt ist und dennoch die Dinge fast wie beiläufig zu umfassen weiß“.

Und die Leonce-und-Lena-Preisträgerin Sabine Scho wird geehrt „für ein vielstimmiges, vielperspektivisches, hochkomplexes lyrisches Sprechen, das zeigt, was Lyrik zuallererst ist: ein schönes Spracherweiterungsprogramm. Auf bravouuröse Weise löst die Autorin die große alte Aufgabe der Dichtung, ein äußerst zufälliges in ein einzigartiges Leben zu verwandeln“.
Der Preis trifft zwei Dichterinnen, die während des Wettbewerbs auch durch die Art ihres Vortrags aufgefallen waren. Silke Scheuermann gab der Melodik ihrer Gedichte, die vom Wortklang ebenso getragen wird wie vom Rhythmus, durch ein tastendes Singen und hauchige Töne einen einzigartigen Reiz. Und Sabine Scho erinnerte in den eigenwilligen rhythmischen Setzungen, mit denen sie ihre rätselvollen Gedichte gliederte, an die raffinierte Vortragskunst Thomas Klings, der mit Sabine Scho einen Gedichtband herausgeben wird.

Die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise (je 5000 Mark) gehen an Hendrik Rost für „sachlich-zerebrale Lyrik“ und ein „poetisches Parlando“, das sich „lakonisch und ironisch“ gibt. An Mirko Bonné wird „die inhaltliche und sprachliche Engführung von Alltag und Pathos“ gelobt, Maik Lippert für den „plebejischen Mutterwitz eines hemdsärmeligen Barden“. Es wird nicht wenige Zuhörer geben, die an seiner Stelle lieber Anja Utler für ihre sehr präzisen, streng durchkomponierten lyrischen Miniaturen ausgezeichnet hätten. / Darmstädter Echo 26.3.01

L&Poe-Rückblende: Februar 2001

Walter Jens lebt und wäscht Angela Merkel den Kopf:

Frau Merkel, mit ihren von keiner Kenntnis getrübten Attacken gegen die 68er, möge nachlesen, was Marie Luise Kaschnitz , die Demonstrantin auf der Bockenheimer Straße, gegen brutale Polizeieinsätze aufbegehrend, in jener Zeit schrieb… / Der Spiegel 2.2.01

,,Mein Tod macht mich unsterblich“

Rose Ausländer gilt heute, zwölf Jahre nach ihrem Tod, als die populärste Dichterin in Deutschland. Weit mehr als 100 Bücher von ihr sind erschienen, sie erreichten eine Auflage von 800000 Exemplaren – eine im Bereich der Lyrik sensationell hohe Zahl. Und diese Zahl wird wohl weiter steigen, denn noch sind an die 800 Gedichte unveröffentlicht. / Thomas Schuberth-Roth, Frankenpost 22.2.01

Donnergrollen der Seel

Quirinus Kuhlmann, der reisende Ekstatiker und Lyriker wird 350 Jahre alt. Der am 25. Februar 1651 in Breslau geborene Quirin Kuhlmann war ein wandelnder Widerspruch. äußerst begabt und belesen, hat er als Kind erhebliche Sprachschwierigkeiten. Polterer, Stotterer oder stark entwicklungsverzögert – die Quellenlage schwankt. Der Widerspruch ist auch das Element von Kuhlmanns Nachwirkung geblieben. Von seinen gut vierzig Werken sind heute gerade einmal zwei im Handel, das Frühwerk der „Himmlischen Libesküsse“ und die beiden Bücher des „Kühlpsalters“, jener Gedichtsammlung also, die das Hauptwerk Kuhlmanns darstellt. …

Der Dichter des „Kühlpsalters“ war ein fahrender Schreiber, der sich nach einem Erleuchtungserlebnis auf eine Tour begab, die ihn durch Europa und Kleinasien bis hin nach Moskau führte. Kuhlmann wird in London, Paris und Amsterdam, in Genf und Lausanne, in Leiden, Edinburg und York von den höchsten Würdenträgern empfangen, aber er wird am Ende 1689 in Moskau nach monatelanger Folter zum einzigen deutschen Dichter, den man ob seiner Kunst verbrennt. / Dieter Kief, Berliner Zeitung 24.2.01

Gestorben und vermeldet im Januar:

Am 17. Gregory Corso (70), US-amerikanischer Dichter der Beat Generation

Clown prince of the Beat Generation who survived a tough New York childhood to become the friend and rival of Kerouac and Ginsberg. The Beat Generation has lost the last of its heroes. / The Times JANUARY 22 2001

Willi Winkler zum Tod des Schriftstellers Gregory Corso / Süddeutsche Zeitung 20.1.01

Im Februar:

Der spanische Dichter Jose Garcia Nieto, Träger des Cervantes-Literaturpreises, ist am Dienstag im Alter von 87 Jahren in einem Madrider Krankenhaus gestorben. Seine in Themen und Struktur konservative Lyrik wird als „Neoklassizismus“ der Zeit nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) beschrieben. Häufig wiederkehrende Motive sind Gott, Vaterland und Familie. / Süddeutsche 28.2.01

Gestorben und nicht vermeldet im Januar 2001:

Am 10. der türkische Schriftsteller und Dichter Necati Cumalı (79)

Am 28. der russisch-sowjetische Schriftsteller und Dichter Juri Magalif (82)

Im Februar:

Am 7. der italienische Dichter Ettore Asticelli (geb. 1942)

Am 11. der polnische Dichter und Literaturwissenschaftler Józef Bujnowski (90) und die litauische Dichterin Judita Vaičiūnaitė (63)

Am 14. der britische Dichter Alan Ross (78)

Am 19. der kasachische Dichter Kuandyk Schangitbajew (Қуандық Төлегенұлы Шаңғытбаев)

Polnischer Rimbaud

Rafael Wojaczek gehörte als zorniger junger Dichter zu jenen Literaten, denen, wie einst Lenz oder Kleist, in diesem Leben nicht zu helfen war, 26-jährig nahm er sich das Leben, sein Nachruhm gründet auf der dunklen Tragik des früh vollendeten Genies; kein Zufall, dass er als eine Art polnischer Rimbaud gilt.

Lech J. Majewski hat sich mit seinem 1999 entstandenen Spielfilm „Wojaczek“, den das Freiburger Kommunale Kino in der deutsch untertitelten polnischen Originalfassung als Film des Monats präsentiert, diesem abgründigen Berserker und Formenzertrümmerer gewidmet. Krzysztof Siwczyk spielt den Wojaczek als einen von seinem literarischen Werk Besessenen, als einen von Depressionen und Todesphantasien gezeichneten Autor, von seiner Mitwelt gefürchtet, geliebt und gehasst. Hier hat einer seine lyrische Sendung mit rigoroser Absolutheit ernstgenommen, dass darob alle Normalität im Umgang mit Menschen zuschanden wird. / Badische Zeitung 17.2.01

Über konsonantische Verwerfungen berichtet Gernot Wolfram:

Bei Ernst Jandl kann man als Deutsch Sprechender eine einfache und zugleich schwierige Lektion lernen: Es gibt zwei Uferseiten im Flussbett unserer Sprache, eine vokalische und eine konsonantische. Und in Zeiten politischer Brutalität wie in Zeiten persönlicher Erstarrung ist es das harte, schneidende konsonantische Ufer, zu dem der Mensch übersetzt. / Die Welt 14.2.01

Schließlich ein erfundener Grieche

Über einen „hoax“ berichtet die New Yorker Zeitschrift “ Lingua Franca“. Im vergangenen Oktober [2000] erschien in Kanada ein Buch mit dem Titel „Saracen Island: The Poetry of Andreas Karavis“. Die Kritik rühmte ihn als „Griechenlands modernen Homer“. Aber offenbar ist alles eine Mystifikation seines „Übersetzers“ und Exegeten David Solway.

Kandinskys Gedichte

„Links oben in der Ecke ein Pünktchen./ Rechts unten in der Ecke ein Pünktchen./ Und in der Mitte gar nichts./ Und gar nichts ist viel. Sehr viel – jedenfalls/ viel mehr als etwas.“ Wassily Kandinsky (1866 – 1944) könnte mit dem Prosagedicht „Leer“ durchaus ein eigenes Bild beschrieben haben. Er war eben nicht nur Maler, sondern auch Dichter. Während ihn die Dadaisten sehr schätzten, sind seine literarischen Qualitäten heute fast vergessen.

Zum 150. Geburtstag des Künstlers haben jetzt Alexander Graeff und Alexander Filyuta einen kleinen Band herausgegeben: „Vergessenes Oval“ (Verlagshaus Berlin), in dem sie Gedichte aus Kandinskys Nachlass veröffentlichen. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung

150. Geburtstag Wassily Kandinsky: Alexander Graeff stellt „Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass“ vor, 16. Dezember, 20 Uhr, Literatur Moths, Rumfordstraße 48

Wassily Kandinsky: Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlass: 1866 – 1944. Deutsch-Russisch. Hrsg. v. Alexander Graeff u. übers. v. Alexander Filyuta; Illustr. v. Christoph Vieweg. VERLAGSHAUS BERLIN (Edition Revers)  18,90 €

Letters from Ukraine

Auffällig ist, dass die Abwesenheit großer Erzählungen einhergeht mit dem Erblühen einer ukrainischen Lyrik, die sich nicht nur partiell, sondern auffallend flächendeckend auf den Krieg bezieht. Für Andruchowytsch trifft diese Beobachtung unter anderem auf den Band „Letters from Ukraine“ zu, eine Anthologie ukrainischer Dichter, für die er kürzlich das Vorwort schrieb. Viele der Autoren hätten in der jüngeren Vergangenheit selbst an der Front gekämpft und spiegelten in ihren Versen diese gleichermaßen universale wie epochenspezifische Erfahrung wider, sagt er. Darin geht es beispielsweise um die Schwierigkeit, ein Maschinengewehr zu bedienen, wenn man der Geliebten zu Hause gleichzeitig eine SMS als überfälliges Lebenszeichen schicken muss, und um die Ratlosigkeit einer Frau, die sich zu dieser Situation verhalten soll. Gerade in den Gedichten der weiblichen Autoren, allen voran Iryna Tsilyk, sieht Andruchowytsch starre literarische Traditionen aufbrechen, in denen Männer nur als Krieger und Frauen vorrangig als Mütter auftraten.

(…) Seit der Revolution gebe es unter den Literaten, einst aufgeteilt in eine ukrainischsprachige und eine russischsprachige Fraktion, ein gesteigertes Interesse für die andere Seite. Im Zuge dieses Ineinanderfließens, das einen Identitätswandel andeute, verfassten hochdekorierte russischsprachige Autoren neuerdings auch Gedichte auf Ukrainisch. Das trifft etwa auf Boris Chersonskij zu, einen berühmten Dichter aus Odessa. / Jonathan Horstmann, Süddeutsche Zeitung

Latinale

Donnerstag, 27. Oktober 2016
19h – animalPOESÍA. Offizielle Eröffnung.
Poetische Performance (sp./dt.)
Mit: Monika Rinck, Amaranta Caballero Prado, Maricela Guerrero, Ricardo Castillo
Moderation: Alexandra Ortiz Wallner
Ibero-Amerikanisches Institut, Potsdamer Str. 37, 10785 Berlin
EINTRITT FREI

Freitag, 28. Oktober 2016
11h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop PORTUGIESISCH
mit dem Autor Ricardo Domeneck und der Übersetzerin Christiane Quandt
a Livraria / Mondolibro, Torstraße 159, 10115 Berlin
INFORMATION: Quandt@christiane-quandt.de
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

11h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop RUSSISCH I
mit dem Autor Dmitri Dragilew und dem Übersetzer Hendrik Jackson
Villa Steglitz, Selerweg 17, 12169 Berlin
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

12h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop SPANISCH
mit der Autorin María Cecilia Barbetta und der Übersetzerin Rike Bolte
Bezirkszentralbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg | Pablo-Neruda-Bibliothek, Frankfurter Allee 14a, 10247 Berlin, Veranstaltungssaal (EG)
ANMELDUNG: rikebolte@yahoo.com
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

weitere Informationen auf der Homepage des STADTSPRACHEN-Festivals

Samstag, 29. Oktober 2016
11h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop ARABISCH
mit dem Autor Khenan Khadaj und der Übersetzerin Leila Chammaa
Salam Kultur- und Sportclub e.V., Buttmannstraße 9A, 13357 Berlin
ANMELDUNG bis 26. Oktober: lchammaa@gmx.de
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

16h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop RUSSISCH II
mit dem Autor Dmitri Dragilew und dem Übersetzer Hendrik Jackson
Villa Steglitz, Selerweg 17, 12169 Berlin
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

19.30h – stadtPOESIE. Ein Verskonzert (sp./dt./pt.) im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Mit: Érica Zíngano, Cristian Forte, Rafael Mantovani, Elsye Suquilanda und Luísa Nóbrega
Instituto Cervantes, Rosenstr. 18-19, 10178 Berlin
EINTRITT: 5/3 Euro
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

Sonntag, 30. Oktober 2016
20h – LatinaleLABOR.
Mit poetischen Einlagen von Gästen der Latinale und Dichter*innen aus Berlin und Überraschungsgast
Moderation: Diana Grothues
Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin
EINTRITT: 3 Euro, erste zehn Lesende des Offenen Mikrofons freier Eintritt
INFORMATION: Diana Grothues

Montag, 31. Oktober 2016
19.30h – El BUEN lugar. Der GUTE Ort (sp./dt.)
Mit: Mara Pastor, Elizabeth Torres, Amaranta Caballero Prado und Martín Gubbins
Moderation: Margarita Ruby
Instituto Cervantes, Rosenstr. 18-19, 10178 Berlin
EINTRITT: 5/3 Euro

In Osnabrück:
Mittwoch, 2. November 2016
18.30h – SONIDOSpoéticos. klangPOESIE (sp./dt.)
Mit: Amaranta Caballero Prado und Cristian Forte
Moderation: Alisa Farthmann
Literaturbüro Westniedersachsen, Am Ledenhof 3-5, 49074 Osnabrück
EINTRITT FREI

In Bremen:
Donnerstag, 3. November 2016
19.30h – Texte, Bilder, Töne Farben, Formen: Aktuelle LYRIK aus Lateinamerika (sp./dt.)
Mit: Martín Gubbins und Mara Pastor
Moderation: Regina Samson
Theatersaal Universität Bremen, Bibliothekstraße 1, 28359 Bremen
EINTRITT FREI

In Berlin:
Latinale-Ausklang
Montag, 12. Dezember 2016
19h – OperationTETRA-PACK. Literatur in vier Berliner Weltsprachen
Im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals.
Vielsprachige Lesung und russischer Tango
Mit: Hendrik Jackson, Dmitri Dragilew, María Cecilia Barbetta, Rike Bolte,
Ricardo Domeneck, Christiane Quandt, Kenan Khadaj und Leila Chammaa
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2, 13357 Berlín, Puttensaal
EINTRITT FREI
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

www.latinale.de

Eine Romantik, mit gängigen Wortwendungen, „normalen“ Reimen und Metren

Das Buch, dem legendären russischen Lyriker Dmitri Venevitinov (1805–1827) gewidmet, ist eine sehr erfreuliche Erscheinung. Denn ein Stückchen Oligarchengeld ist nicht für Yachten, Fußball-Klubs und Villen ausgegeben worden, sondern für die Kultur – in diesem Falle für die deutsche, weil Michail Prochorows Stiftung „Transcript“ die Bekanntschaft des deutschen Lesepublikums mit einer sehr interessanten Episode der russischen Kulturgeschichte sponserte. Seien wir gerecht, Prochorow hat auch im Inland große Verdienste – durch seine Unterstützung existiert seit 25 Jahren die beste russische philologische Zeitschrift, „Neue Literaturrundschau“, von Prochorows Schwester Irina geleitet. (…)

Die Gedichte in unserem Band sind in freier Nachdichtung von Hendrik Jackson vorgelegt. Sehr viele schöne Stellen, die vom lyrischen Talent Jacksons zeugen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die poetische Technik von Venevitinov eine ganz andere war – eine Romantik halt, mit gängigen Wortwendungen, „normalen“ Reimen und Metren und meist weniger originellen Bildern. Die Rohübersetzungen der Gedichte gibt es auch, man kann sie im Kommentarteil nachlesen. Aufsätze, Briefe – alles, was dieses kurze Leben an Spuren hinterlassen hat … / Oleg Jurjew, Frankfurter Rundschau

Dmitri Venevitinov: Flügel des Lebens. Lyrik, Prosa, Briefe: Gesammelte Werke. A. d. Russ. v. Hendrik Jackson u. Dorothea Trottenberg. Ripperger & Kremers, Berlin 2016. 264 S., 22,90 Euro.

Barto, Charms, Majakowski – Kinderbücher 1918 – 1938

Die Universität Princeton zeigt eine digitale Ausstellung von 46 sowjetischen Kinderbüchern der Jahre 1918 – 1938. Die Auswahl stammt aus der Cotsen Children’s Library und umfaßt Vers und Prosa, Malerei, Zeichnung, Fotomontage und in einzelnen Fällen typographische Experimente, wie sie typisch für die sowjetische Avantgarde der Zeit waren. 160 Bücher der riesigen Sammlung russischer Kinderbücher stehen digital zur Verfügung, darunter Bücher von Agnija Barto, Alexander Deineka, Wladimir Majakowski, Daniil Charms, Arkadi Gaidar, Samuil Marschak, Alexander Wwedenski, Alexej Krutschonych, Valentin Katajew, Jewgeni Schwarz, Viktor Schklowski und vielen anderen.

/ princeton.edu | citifox.ru

Gestorben

Die russische Dichterin Novella Matwejewa (russ. Нове́лла Никола́евна Матве́ева, engl. Novella Matveyeva; auch Matveeva) starb am Sonntag im Alter von 82 Jahren. Sie wurde 1934 im Leningrader Gebiet geboren. 1968 erschien auf Deutsch eine Auswahl in einem der ersten Hefte des legendären Poesiealbum, ausgewählt von Fritz Mierau, übersetzt von Sarah Kirsch und Eckhard Ulrich. Es ist das einzige ihrer Bücher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Auch Wolf Biermann, Nathalie Sinner, Rainer Kirsch und Annemarie Bostroem haben etwas von ihr übersetzt, mehr konnte ich nicht finden.

Wikipedia (russisch, englisch, ukrainisch, polnisch, tschechisch, ungarisch, vietnamesisch)

Lenta.ru / rosbalt.ru

Novella Matwejewa auf Deutsch
  • Novella Matwejewa. Poesiealbum 6. Hrsg. Fritz Mierau. Übers. Sarah Kirsch, Eckhard Ulrich. Berlin: Volk und Welt, 1968

In Anthologien:

  • mitternachtstrollexbus. neue sowjetische lyrik. Hrsg. Fritz Mierau. Berlin: Neues Leben, 1965. (2. 1967) Ü: S. Kirsch, Bostroem
  • Russische Songs. Texte und Noten. Hrsg. Rimma Kasakowa. Berlin: Volk und Welt, 1972 (Spektrum) Ü: S. Kirsch, R. Kirsch
  • Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. Hrsg. Efim Etkind. München: Piper, 1981. (3. 1987)
  • Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Nachdichtungen und Adaptionen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2011

In L&Poe

Und was war – ist längst vergessen
Und was kommt – kann keiner wissen

Всё, что было, — позабыла,
Всё, что будет, — позабудет.

Aus: Das Moldaumädchen (Ü Wolf Biermann)