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Archiv der Kategorie: Russisch

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Mandelstam in Heidelberg

Ralph Dutli zeichnet nun minuziös Mandelstams Aufenthalt in Heidelberg von November 1909 bis März 1910 nach. In dieser Zeit sind mit Sicherheit fünfzehn, vielleicht aber auch bis zu dreissig Gedichte entstanden.

Wer allerdings eine romantische Auseinandersetzung mit der Stadt am Neckar erwartet, muss mit einer Enttäuschung rechnen. Dafür ist die literarische Ausbeute umso grösser: Mandelstam verfügt schon in diesen frühen Gedichten über eine reife Stimme. Der unverkennbare Mandelstam-Sound zeigt sich in kühnen Metaphern: «Auf dunklen Himmel hingestickt / Stehn Mustern gleich die Trauerbäume. / Warum nur hoch, in höhere Räume / Erhebst du den erstaunten Blick?» / Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher Zeitung

Ralph Dutli: Mandelstam, Heidelberg. Gedichte und Briefe 1909–1910. Wallstein-Verlag, Göttingen 2016. 189 S., Fr. 28.90. Ossip Mandelstam: Bahnhofskonzert. Das Ossip-Mandelstam-Lesebuch. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 389 S., Fr. 17.90.

1929 in Warschau

«Ich bin nach Warschau gekommen», sagte der Schielende, «und will, dass du für mich einen Empfang organisierst. Du bist doch Melech Ravitch.» Das war im Januar des Jahres 1929. In Warschau lebten dreihunderttausend Juden, die elf jiddische Tageszeitungen lasen. Jüdische Schriftsteller gab es hier wie Sand am Meer. Unter ihnen waren auch Israel J. Singer und sein Bruder Isaac Bashevis. Trotzdem stand Ravitch auf und begrüsste den jungen Mann: «Du bist Manger», sagte er. «Ich werde den Empfang organisieren unter der Bedingung, dass du hier nicht die Moskauer Stückchen von Jessenin und Majakowski aufführst.»

Im Januar 1929 hatte Itzik Manger zwar noch keinen seiner Gedichtbände veröffentlicht, aber sein Ruf als genialer, volksnaher Lyriker und hinreissender Exeget der modernen jüdischen Literatur war ihm von Rumänien nach Polen vorausgeeilt. Bekannt war ausserdem, dass Manger persönlich schwierig war. Wenn er trank, wurde er ausfällig.

Es spricht für Ravitch, dass er seine Warnung in einen literarischen Vergleich packte, der Manger schmeicheln musste: Jessenin und Majakowski galten als die bedeutendsten russischen Dichter der Gegenwart. Doch Jessenin, so masslos dem Alkohol zugetan wie den Frauen, war schon seit vier Jahren tot. Im Rausch hatte er sich in einem St. Petersburger Hotel die Pulsadern aufgeschnitten, mit dem Blut ein Gedicht geschrieben und sich anschliessend erhängt. Er war dreissig Jahre alt. Manger war jetzt achtundzwanzig. Der Futurist Majakowski, der die Volksnähe seines Freundes Jessenin als konservativ gerügt hatte, schoss sich 1930 ins Herz. Aus Liebe, hiess es, aber wohl doch eher, weil ihm in Stalins Reich die Flügel gestutzt werden sollten. In Warschau begann die Lage der Juden 1929 heikel zu werden, und was man jetzt überhaupt nicht brauchen konnte, meinte Ravitch, waren Krawallmacher. / Susanne Klingenstein, Neue Zürcher Zeitung

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2016. 784 S., Fr. 58.90.

Kulturgeschichte des russischen Duells

Die Dichter anderer Nationen brechen auf der Bühne zusammen (Molière), erliegen der Cholera (Adam Mickiewicz), werden zu stark zur Ader gelassen (George Byron), ersticken an Gegenständen, die sie verschluckt haben (Tennessee Williams), oder werden von herabfallenden Ästen erschlagen (Ödön von Horváth). In Russland kommen die beiden wichtigsten romantischen Lyriker in einem Duell um – Alexander Puschkin ist siebenunddreissig Jahre alt, als er stirbt, Michail Lermontow siebenundzwanzig. Die literarische Relevanz des Duells ist in Russland also offensichtlich.

Felix Philipp Ingold hat es in einem fulminanten Buch unternommen, die Kulturgeschichte des Zweikampfs im Zarenreich nachzuzeichnen. (…)

Am 22. November 1909 schossen Nikolai Gumiljow und Maximilian Woloschin aufeinander – nicht ohne Seitenblick auf ihren Nachruhm wählten die Streithähne einen Ort nördlich von St. Petersburg, wo auch Puschkin gestorben war. Anlass des glimpflich ablaufenden Schusswechsels war Cerubina de Gabriac, eine angebliche exotische Meisterdichterin, die sich allerdings als literarische Mystifikation entpuppte. Als besonders erregbar erwies sich der esoterisch beflügelte Andrei Bely, der seine Dichterkollegen Waleri Brjussow und Alexander Blok wegen ästhetischer Meinungsverschiedenheiten in Duellforderungen verwickelte. In beiden Fällen kam es jedoch nicht zum Waffengang, sondern zu einem literarischen Turnier.  / Ulrich M. Schmid, NZZ 14.6.

Dichter gegen Stalin

An der Moskauer Metrostation „Lubjanka“ verhaftete die Miliz den Dichter Sergej Gandlewskij, nachdem er ein Stalinbild von der Wand abgerissen hatte. Das geschah am 23. Mai. Ein Mann kam dazu und fragte ihn, was er da tue. Er erklärte es ihm, und der Mann verschwand. Er ging weiter zum Bahnsteig, aber zwei Polizisten folgten ihm, begleitet von jenem Mann, der auf ihn zeigte: „Das ist er!“ Die Polizisten teilten ihm mit, daß sie ihn wegen eines Akts von Vandalismus und minderschwerem (wenn ich melkoje richtig übersetze) Huligantum mitnehmen würden.

Sergej Gandlewskij ist ein russischer Dichter, Prosaschreiber, Essayist und Übersetzer. Er wurde mit diversen Literaturpreisen geehrt, darunter „Antibooker“, „Nördliches Palmyra“, Apollon-Grigorjew-Preis, „Poet“. / Nowaja Gaseta

Der russisch-amerikanische Dichter Philip Nikolayev kommentiert:

GANDLEVSKY vs STALIN, or, Poetry against Political Evil

Russian poetry is alive and well. A couple of days ago the eminent poet Sergey Gandlevsky was arrested by police in Moscow after ripping off the wall and tearing up a portrait poster of Joseph Stalin at the Lubyanka Subway Station (the Federal Security Service — former KGB — headquarters are located next to it). Gandlevsky was later released when some friends interceded. The poet calls Stalin „a piece of shit and a murderer.“

Russische Avantgarde

Als Kuriere und Berichterstatter zwischen Dada Ost und Dada West waren damals Roman Jakobson, Sprachforscher und Dichtungstheoretiker, sowie der georgisch-russische Schriftkünstler Ilja Sdanewitsch unterwegs: Beide standen mit den interessierten Autoren in direktem Kontakt – Sdanewitsch vermittelte zwischen Tbilissi und Paris, Jakobson zwischen Moskau und Berlin (wo er im Juni 1920 die Dada-Messe besucht und Huelsenbecks Dada-Almanach entdeckt hatte).

Dem jungen Jakobson gehört im Übrigen das Verdienst, den Dadaismus in der Sowjetpresse erstmals (im Februar 1921) vorgestellt und gewürdigt zu haben. Sdanewitsch wiederum machte die Wortführer von Dada Paris als Erster mit den Pionierleistungen der russischen «Zukünftler», «Alogiker» und «Transmentalisten» bekannt und stellte die direkte Verbindung zur georgischen Avantgarde her, die unter der Bezeichnung «41°» (gemeint ist der Breitengrad der Stadt Tbilissi) firmierte und den Dadaismus sogleich als ihr westliches Pendant begrüsste.

Freilich konnte Dada für die russischen und georgischen Neuerer kein Vorbild sein, hatten sie doch dessen Forderungen und Errungenschaften um viele Jahre vorweggenommen: Bereits um 1912/13 gab es in Moskau, Petersburg und anderswo in Russland performative Lesungen, absurdes Theater, Unsinnspoesie aller Art, deregulierte Typografie und diverse Programme, die den «Tod der Kunst» und den «Triumph des Nichts» postulierten.

Im Vergleich damit waren die Dadaisten eher Nachzügler denn Vorreiter, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass sie die vorgängige russische Kunstrevolution nicht aus Prioritätsgründen ignoriert und verdrängt haben – sie ist ihnen ganz einfach entgangen. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Was Tzara und Picabia mit «Dadaglobe» als exklusive Pionierleistung avantgardistischer Westkunst dokumentieren wollten, hatten die Russen bereits vor dem Ersten Weltkrieg in allen künstlerischen Sparten vollumfänglich umgesetzt. (…)

Beispielhaft dafür sind die Nitschewoken, die ihren Gruppennamen in ironischer Anlehnung an die Bolschewiken gewählt haben, ihn aber bedeutungsmässig ins Gegenteil verkehrten: Während sich die Bolschewiken (von russisch «bolsche», d. h. «mehr») als siegreiche «Mehrheit» darstellten, bezogen sich die Nitschewoken (von russisch «nitschewo», d. h. «nichts» oder «ist doch egal!») mit ihrem Neologismus wörtlich auf das «Nichts» und kehrten damit auch ihren wegwerfenden Zynismus heraus – man könnte sie demnach zu deutsch als «Nullitäter», «Einerleier» oder «Nichtsianer» bezeichnen.

Ausserhalb Russlands haben die Nitschewoken ein erstes und einziges Mal bei Ilja Ehrenburg Erwähnung gefunden, der sie in seinem Buch über die zeitgenössischen europäischen Kunstbewegungen («Und sie bewegt sich doch», Berlin 1922) explizit als «Dada-Filiale» bezeichnete. Doch auch dieser autoritative Hinweis blieb damals unbeachtet. Erst seit kurzem sind die Dekrete von Dada Moskau in deutscher Sprache greifbar («Die Nichtsler», Edition Raute, Dresden 2015), derweil eine Übersetzung der poetischen Texte sowie deren Einordnung in die dadaistische Wortkunst noch immer ausstehen. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung

Nichtsler in Lyrikwiki

Siehe auch in: Abwärts! – Heft 13 (März 2016) Redaktion: Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde, Karsten Wildanger. Grafiken: Agnes Grambow.  Preis: 5,00 EUR

Aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde

Seit anderthalb Jahren kämpft Kapitän-Leutnant der ukrainischen Seestreitkräfte Maxim Musyka im ostukrainischen Kriegsgebiet Donbass. In Momenten der Ruhe entstehen in seinem Zelt „stille Schöpfungen“ – seine in Verse und Strophen gefassten Erlebnisse und Gefühle. Unter diesem Titel kam im Februar Musykas erster Gedichtband heraus. (…)

In der Nacht zum 11. Dezember [2013] initiierte er mit seinen Freunden eine Menschenkette zwischen den Protestierenden und der Kolonne junger Kadetten der Regierung. „Wir stellten uns mit unserem Rücken gegen die Kolonne, um ihnen zu zeigen, dass wir friedlich sind, gleichzeitig wollten wir vermeiden, dass aus der Menschenmenge in ihre Richtung geworfen wird. Die geringste Provokation hätte Blut zu Folge haben können. Sehr viel Blut. So standen wir sechs Stunden. Nach einiger Zeit haben die Kadetten ihre Schilder gesenkt, die Knüppel eingesteckt, die Helmscheiben nach oben geklappt. Wir unterhielten uns mit ihnen, legten ihnen Karton unter die Füße, damit sie nicht erfroren“, erzählte er in einem Zeitungsinterview.

(…) Erst im Krieg hat Musyka angefangen zu dichten. Seine Gedichte sagen das Unaussprechbare. Es ist eine Möglichkeit „auszuatmen“. Er schreibt, wenn nicht geschossen wird, in Momenten der Stille und nennt das Geschriebene „stille Schöpfungen“ oder „tichotworenija“ – ein russisches Wortspiel. Lässt man im Wort „Gedicht“ – „stichotworenije“ den ersten Buchstaben weg, so bekommt das Wort eine neue Bedeutung und wird zur „stillen Schöpfung“. (…)

Kämpfen muss er manchmal auch hinter der Front. Etwa, wenn ihm vorgeworfen wird, auf Russisch und damit in der Sprache der Okkupanten zu schreiben. Dann wird er emotional. „Mehrmals war ich drauf und dran, nur auf Ukrainisch zu schreiben, aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde“, erklärt Musyka. / Grigori Pyrlik, taz

Auf gehts

Moskau. Die Patriarchalische (also zunächst einmal: beim Patriarchen eingerichtete, L&Poe) Kommission für Familie, Schutz der Mutterschaft und Kindheit kümmert sich mit dem Segen des Präsidenten um den Schullehrplan in der Literatur.

Da würden die Schüler Werke wie „Über die Liebe“ von Anton Tschechow, „Fliederbusch“ von Alexander Kuprin und „Kaukasus“ von Iwan Bunin lesen, in denen die „freie Liebe besungen“ werde. In dem einen Fall tötet sich der betrogene Ehemann, in dem andern zerbricht die Familie, und [was das Allerschlimmste ist, L&Poe] im dritten folgt daraus gar nichts.

„Diese lebendigen künstlerischen Bilder sind eine Zeitbombe für unsere Kinder. Unser Ausschuss sollte mit den Vorschlägen bei der Bildungsabteilung vorstellig werden.“

Vor kurzem wurde berichtet, dass in Russland eine „Gesellschaft der russischen Literatur“ begründet wurde, die durch den Patriarchen von Moskau und ganz Russland Kyrill geleitet wird. „Vor ein paar Monaten hat sich unser Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin mit einem Vorschlag an mich gerichtet, eine Gesellschaft der russischen Literatur zu gründen und sie dann an die Arbeit zu führen“, sagte der Patriarch in einer Sitzung der Patriarchalischen Rates für Kultur.

„Wir sollten dafür sorgen, die Situation in unserer Schule radikal zu verbessern, unter anderem im Bereich der russischen Sprache und Literatur, indem wir professionelle Empfehlungen machen, vernünftige, überzeugende, im guten Sinn ideologiefreie“ – sagte der Patriarch. / The Insider (trotz des englischen Titels ein russisches Reportagemagazin)

Wie Erich Honecker schon sagte, „von Rußland lernen heißt siegen lernen“. Ich bin sicher, die Experten arbeiten schon zusammen, Geld und, naja, Ideen fließen. Umbau heißt auf Russisch Perestroika. Das Wort legt zunächst einmal gar nicht fest, in welche Richtung der Umbau erfolgt.

Ossip Mandelstam. A Performance

Am ADC in Genf würdigt „Ossip Mandelstam. A Performance“ den großen russischen Dichter.

Vier Menschen sitzen auf behelfsmäßigen Stühlen um einen Holztisch. Drei Tänzer, die gleich der Stimme von Ossip Mandelstam (1891-1938) Körper verleihen werden. Es spricht der Schauspieler Bruce Myers, dessen Karriere untrennbar mit dem Dramatiker Peter Brook verbunden ist.

Ossip Mandelstam. A performance ist eine Idee des Tänzers und Choreographen Ioannis Mandafounis. Eine physische Verlängerung jener Verse von 1909: «Que faire de ce corps qui m’a été donné/Si mien, si intime […]» «Man gab mir einen Körper, und was nun? / Mit ihm, dem meinen, einzigen – was tun?» « Дано мнe тeлочто мнe дeлать съ нимъ,/ Такимъ единымъ и такимъ моимъ?»

Die choreographische Antwort der drei Tänzer beweist, daß die dichterische Sprache zu berühren vermag, noch bevor sie eine Botschaft überbringt. / Maxime Maillard, Le Courrier http://www.lecourrier.ch/137185/la_poesie_avec_le_corps

Jusqu’au dimanche 13 mars, 20h30, sa 19h, di 18h, Salle des Eaux-Vives, 82-84 rue des Eaux-Vives, Genève. Loc: 022 320 06 06, www.adc-geneve.ch

Arthur Lourié Newsletter

Arthur Lourié Newsletter #4 März / March 2016

Liebe Freunde von Arthur Lourié

Wir gedenken heute der russischen Dichterin Anna Achmatowa, die vor 50 Jahren, am 5. März 1966, gestorben ist.

Achmatowa, die „Königin der russischen Literatur“, war eine enge Freundin (und auch lebenslang die Muse) des Komponisten Arthur Lourié.

Wir verfolgen zurzeit mit wachsender Besorgnis die politischen Entwicklungen zwischen Europa und Russland. Die verheerenden Versäumnisse und Fehler der westlichen Politik beunruhigen uns gleichermassen wie das Gebaren des wieder erwachten Autokratismus der russischen Führung.

Wir fragen uns: wie würde es einer sensiblen Dichterin wie Anna Achmatowa heute ergehen? Und welche Musik würde ein Arthur Lourié in der jetzigen Situation komponieren? Könnte er noch in Russland bleiben?

Auch wenn Musikalisches ganz eindeutig im Zentrum der Aktivitäten unserer Gesellschaft steht, weisen wir gerne darauf hin, dass unser Engagement immer auch vom Gedanken der Völkerverständigung getragen wird.

Mit friedlichen Grüssen

Ohne Titel 4

Arthur Lourié (1892 – 1966) war ein russischer Komponist der in St. Petersburg, Paris und New York lebte. Nach 1917 spielte er eine zentrale Rolle in der Neuorganisa­tion des sowjetischen Musiklebens, musste aber schon 1922 ins Exil. In Lourié’s Werk­ka­talog finden sich Symphonien, Opern, Vokal­werke, Kammermusik und Klavierstücke. In seiner Musik  wider­spiegeln sich seine Freundschaften zu berühmten Dichtern und futuri­sti­schen Künstlern des russischen Silbernen Zeitalters (unter ihnen Anna Achmatowa und Alexander Block), sowie der enge Kontakt zu Igor Stravinsky in Paris.

Der schwarze Gartenweg am Meer
Glänzt unterm Licht der gelben Laternen.
Ich bin ganz ruhig. Nur soll man nicht
Von ihm mir sprechen.
Du bist mein Freund, bist sanft und treu,
Wir werden gehn, uns küssen, altern…
Und leichte Monde überfliegen uns
Wie Schneekristalle.

  1. März 1914

Deutsch von Sarah Kirsch

Чернеет дорога приморского сада,
Желты и свежи фонари.
Я очень спокойная. Только не надо
Со мною о нем говорить.
Ты милый и верный, мы будем друзьями…
Гулять, целоваться, стареть…
И легкие месяцы будут над нами,
Как снежные звезды, лететь.

Nur einzel repressalie

Gut ein Jahr nach der Gefangennahme der ukrainischen Kampfpilotin Nadja Sawtschenko hat die Anklage in Russland, wohin sie verschleppt wurde, 23 Jahre Haft verlangt. Der russischsprachige Dichter, Blogger und Psychiater Boris Chersonski (Борис Херсонский) aus Odessa kommentiert, heute brauche man keine Massenrepressalien mehr, punktuelle genügten. So sei es „menschlicher“. Und ökonomischer.

Der deutschsorbische Dichter Kito Lorenc schrieb in den späten 80er Jahren, nach dem Verbot des sowjetischen Digest Sputnik in der DDR, deren Propagandasprüche zitierend:

bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel

Aus: Kito Lorenc: Gegen den großen Popanz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1990, unpaginierte Beilage

Wer ist der Beste?

Auf einer russischen Blogseite eine Umfrage nach dem Besten zeitgenössischen Dichter. Das Ergebnis ist noch nicht repräsentativ, die bislang 237 Teilnehmer stimmten für

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил)
60(7.3%)
Timur Kibirow (Кибиров Тимур)
37(4.5%)
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий)
34(4.1%)
Sergej Gandlewski (Гандлевский Сергей)
29(3.5%)
Igor Guberman (Губерман Игорь)
27(3.3%)
Bachyt Kenshejew (Кенжеев Бахыт)
26(3.2%)

Bisher abgeschlagen bekannte ältere Dichter wie

Alexander Kuschner (Кушнер Александр,79)
23(2.8%)
Jewgeni Jewtuschenko (Евтушенко Евгений, 84)
14(1.7%)
Fasil Iskander (Искандер Фазиль, 87)
11(1.3%)
Novella Matwejewa (Матвеева Новелла, 81)
10(1.2%)
Olshas Sulejmenow (Сулейменов Олжас, 79)
4(0.5%)

Neuer Zwischenstand bei 293 Teilnehmern:

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил) Wiki
65 ( 6.6 % )
Timur Kibirow (Кибиров Тимур) Wiki (nur russ. / ital.)
59 ( 6.0 % )
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий) Wiki (viele Sprachen, nur nicht deutsch)
47 ( 4.8 % )

Ich beobachte es weiter. (Die Plazierung ist nicht so wichtig, aber es ist immer gut, zu wissen, welche Dichter anderer Länder bei uns noch nicht einmal bekannt sind.)

The discussants should consider the work of a young Russian poet, Galina Rymbu

There is a lot of talk now, in the United States at least, about political poetry and even revolutionary poetry, and what these are, and how to write them. The discussants should consider the work of a young Russian poet, Galina Rymbu.

I first came across a poem of hers shortly after she posted it on LiveJournal, a social network popular in Russia, on February 27, 2014. It was the day that Russian troops started operating in Crimea, and several days after the victory of the Maidan Revolution in Kyiv and the tawdry close of the Sochi Olympics. Russian media fanned the flames of patriotic hysteria and the Kremlin was clearly going to exploit Maidan to crack down on domestic dissent.

It felt strange that a work of this artistic sophistication and power could be composed and posted on the Web simultaneously with the events it responded to. Its viewpoint was that of the minuscule and very young Russian Left—roughly the same political alignment as those of the poet-activist Kirill Medvedev and of Pussy Riot, to cite figures known to some Western readers. But the poetry was different. It was Big Poetry, very much grounded in tradition but also propelling it forward, into the terra incognita of the now. It’s been a while since I read a poem that felt so real.

That poem has since appeared in English translation by Jonathan Platt. It can be read here, the middle one, starting with “the dream is over, Lesbia, now it’s time for sorrow…” I want to talk about the Russian original a little, and then say a few things about the present publication of Rymbu’s work in Platt’s translation in Music & Literature. / Eugene Ostashevsky, Music & Literature

Galina Rymbu was born in 1990 in the city of Omsk (Siberia, Russia) and currently lives in St. Petersburg. She has published poems in the Russian Journals The New Literary Observer, Air, Sho, and in the Translit series. Her essays on cinema, literature, and sexuality have appeared on the internet portals Séance, Colta, and Milk and Honey. She is the author of the recently published collection Moving Space of the Revolution.

Eugene Ostashevsky is a poet and translator of Russian avant-garde and contemporary poetry. His edition of Alexander Vvedensky’s An Invitation for Me to Think won the 2014 National Translation Award from the American Literary Translators Association.

Dichtender „Che Guevara des Donbass“

Bei Indymedia das Porträt des Anführers der Brigade Prisrak (Gespenst) Alexej Mosgowoj, auch »Che Guevara des Donbass« genannt. (Zuletzt in Deutschland in den Nachrichten, als die Tageszeitung junge Welt zu ihrer Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz „Alexej Markow, Gründer und politischer Kommandeur der Kommunistischen Einheit der Brigade »Prisrak« im Donbass“ als zugeschalteten Teilnehmer präsentierte). Manchen gefällt es, den Krieg im Donbass als eine Art neuen Spanienkrieg zu sehen.

Kyrylo Tkachenko, der Verfasser des Beitrags,

war Mitbegründer und Co-Redakteur der ukrainischen Zeitschrift für Soziale Kritik »Spilne« und politischer Aktivist in der Free-Mumia-Bewegung. Während seines Studiums in München war Kyrylo mehrere Jahre lang in deutschen linken Zusammenhängen aktiv. Er publizierte als Autor u.a. im Unrast-Verlag und unterstützte zuletzt in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Arbeiterprojekte in der Ostukraine.

In der dritten Folge seines Artikels (von sechs) geht es um den Kommandeur, und der ist oder war auch Dichter. Hier ein Auszug:

In der Tat sah man Mosgowoj nicht selten mit einer Mütze á la Che Guevara auf dem Kopf. Dass er auch ab und zu eine Kosaken-Mütze anhatte oder gar mehrmals in der Uniform der konterevolutionären Weißen Garde posierte, störte seine linken Verklärer weniger.

Vor dem Beginn der russischen Besatzung war Mosgowoj ein Dichter. Ein wahnsinnig schlechter Dichter, nebenbei angemerkt, der offensichtlich krasse Probleme mit der russischen Sprache hatte. Umso interessanter sind die Gedichte in ihrer Naivität. Die Absicht des Verfassers war es offensichtlich, einen tiefen Einblick in seine erstaunliche Seele zu gewähren. Und so bedienen wir uns derselben.

Ein Lieblingsthema Mosgowojs war die Revolution und der Bürgerkrieg. Mosgowoj beweint die besiegten Weißgardisten und schreibt Trauriges über die konterevolutionären Kadetten und Kosaken. Indem Mosgowojs lyrisches Ich sich an den Panzerkreuzer Aurora wendet, dessen Schuss der Legende zufolge als Signal zur Oktoberrevolution diente, äußert es sich folgendermaßen:

Hallo du, Idol der roten Brühe,
das Pest rauskotzt.

[…]

Der letzte Schuss fiel,
Das Echo hört man bis heute.
Ohne viel Bedenken
Erklärte dein Kapitän Terror dem Lande!

[…]

Gedichte antikommunistischen Inhalts schrieb der künftige »Che Guevara des Donbass« sehr gerne. Dagegen sucht man bei Mosgowoj vergeblich nach Verklärung der UdSSR, antifaschistischen Motiven oder sonst etwas »Linkem«.

Wirklich spannend sind auch seine Dichtereien über Frauen: »Sie sind keine boshaften Wesen / Manchmal sind sie sogar zärtlich« usw. Voll cool sind auch seine Hymnen an Wodka: »Und Wodkalein, das ist doch ein Wunder! / Ein Zaubergetränk, ein Traum. / Du trinkst nicht? Dann bist du ein Langweiler / Denn Frauenschönheit ist darin [im Wodka]«. Und so weiter und so fort, eine ziemlich klischeehafte »russische Seele«, mit allem Drum und Dran.

Das einzige »Revolutionäre«, was man beim dichtenden »Che Guevara« finden kann, ist ein sonderbares Gedicht namens »Es ist Zeit, ein bisschen zu schießen« sowie eine Prophezeiung über sein eigenes Schicksal: »Es bleibt nur noch, das eigene Blut mit der Hölle zu verwachsen. / Dort für immer zu brennen ist mein sündiges Los«.

Vor der russischen Besatzung war Mosgowoj nichts weiter als eine komische und für den postsowjetischen Raum nicht untypische Gestalt, ohne Bedeutung und Einfluss. Doch seit dem Frühjahr 2014 änderte sich alles von Grund auf. Die ehemals harmlosen Witzfiguren schafften es auf einmal aus der Marginalität in die höchsten Kollaborateurs-Ämter. Sie wurden wichtig. Sie kamen an Waffen und Macht. Sie durften über Leben und Tod entscheiden.

Seit dem Frühjahr 2014 hatte auch unser Held keine Zeit mehr für Dichtung. Der ehemalige Berufssoldat Alexej Mosgowoj organisierte eine Mörder-Bande und begann, zu predigen. Er meinte, dass er »erst jetzt angefangen hat zu leben«.

In einem Interview bestätigte Mosgowoj, dass Prisrak keine Gefangenen nimmt. Er meinte auch, dass er gerade damit beschäftigt sei, drei Raketen des Typs Totschka-U zu kaufen (d.h. einen Sprengkopf mit über 160 Kilo Sprengstoff darin), um auf Kyiw »draufzuballern«.

Er erklärt auch seine Beweggründe: »Wie viele anderen Menschen in Neurussland kann ich nicht mit der Ideologie leben, die Kiew vom Westen aufgezwungen wird. Ich kann keine gleichgeschlechtlichen Ehen akzeptieren, keine Jugendgerichte, die es Eltern verbieten, ihre Kinder zu erziehen. Überhaupt hat man uns von unseren Wurzeln losgerissen. Und jetzt wird es uns verboten, wir selbst zu sein.«. Ansonsten kein Wort über Kommunismus oder Sozialismus. Nur Schimpferei über »Faschisten« und Versprechungen, »es bis nach Kiew zu schaffen«.

Interessanterweise verrät er im selben Interview, dass sich seiner Brigade bald »Antifaschisten aus Deutschland anschließen werden«.

Mandelstams Aktualität

Was ist heute noch aktuell an Mandelstam?

Er ist eine exemplarische Figur des von Totalitarismus und Diktatur geprägten 20. Jahrhunderts. Sein Beharren auf der Menschenwürde hat dieser Dichter der Weltkultur mit dem Leben bezahlt. Mandelstams Werk ist gerade heute wieder, angesichts nationalistischer Verblendung in Russland, Repression und Propaganda-Exzessen, von brennender Notwendigkeit. Aber die unerhörte Kraft seiner Bilder, die Musik seiner Gedichte, deren schiere Schönheit sind zeitlos. / Ralph Dutli im Gespräch it der Rhein-Neckar-Zeitung

Epitaph

Der Petersburger Kampfsportler und Gelegenheitsstuntman Leonid Uswjazow verbrachte zwanzig von seinen 58 Lebensjahren hinter Gittern, zehn wegen einer Gruppenvergewaltigung und zehn wegen Hehlerei und illegaler Devisengeschäfte. 1994 kam er bei einer Schießerei ums Leben. Seinen Grabstein ziert ein von ihm selbst vorsorglich gedichtetes Epitaph: „Hurra, jetzt bin ich endlich tot und schufte nicht mehr für die Weiber. Zum Schluss hab’ ich mein Ding gleich zwei Mal reingesteckt, nun fährt mich weg der Leichenwagen.“ In Russland erregen diese Zeilen und ihr Autor jetzt plötzlich große Aufmerksamkeit. Denn zwischen seinen Gefängnisgängen, also zwischen 1968 und 1982, war Uswjazow Judo-Trainer am Sportclub „Trud“. Nicht nur trainierte er dort Wladimir Putin, er verhalf dem jungen Sportler aus einer ärmlichen Familie zur Aufnahme an die begehrte juristische Fakultät der Leningrader Staatsuniversität. / Nikolai Klimenjuk (Klimeniouk), FAS 3.1.

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