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Archiv der Kategorie: Russisch

Im Netz seit 1.1.2001

Latinale

Donnerstag, 27. Oktober 2016
19h – animalPOESÍA. Offizielle Eröffnung.
Poetische Performance (sp./dt.)
Mit: Monika Rinck, Amaranta Caballero Prado, Maricela Guerrero, Ricardo Castillo
Moderation: Alexandra Ortiz Wallner
Ibero-Amerikanisches Institut, Potsdamer Str. 37, 10785 Berlin
EINTRITT FREI

Freitag, 28. Oktober 2016
11h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop PORTUGIESISCH
mit dem Autor Ricardo Domeneck und der Übersetzerin Christiane Quandt
a Livraria / Mondolibro, Torstraße 159, 10115 Berlin
INFORMATION: Quandt@christiane-quandt.de
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

11h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop RUSSISCH I
mit dem Autor Dmitri Dragilew und dem Übersetzer Hendrik Jackson
Villa Steglitz, Selerweg 17, 12169 Berlin
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

12h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop SPANISCH
mit der Autorin María Cecilia Barbetta und der Übersetzerin Rike Bolte
Bezirkszentralbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg | Pablo-Neruda-Bibliothek, Frankfurter Allee 14a, 10247 Berlin, Veranstaltungssaal (EG)
ANMELDUNG: rikebolte@yahoo.com
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

weitere Informationen auf der Homepage des STADTSPRACHEN-Festivals

Samstag, 29. Oktober 2016
11h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop ARABISCH
mit dem Autor Khenan Khadaj und der Übersetzerin Leila Chammaa
Salam Kultur- und Sportclub e.V., Buttmannstraße 9A, 13357 Berlin
ANMELDUNG bis 26. Oktober: lchammaa@gmx.de
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

16h – Operation TETRA-PACK im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Übersetzungsworkshop RUSSISCH II
mit dem Autor Dmitri Dragilew und dem Übersetzer Hendrik Jackson
Villa Steglitz, Selerweg 17, 12169 Berlin
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

19.30h – stadtPOESIE. Ein Verskonzert (sp./dt./pt.) im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals
Mit: Érica Zíngano, Cristian Forte, Rafael Mantovani, Elsye Suquilanda und Luísa Nóbrega
Instituto Cervantes, Rosenstr. 18-19, 10178 Berlin
EINTRITT: 5/3 Euro
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

Sonntag, 30. Oktober 2016
20h – LatinaleLABOR.
Mit poetischen Einlagen von Gästen der Latinale und Dichter*innen aus Berlin und Überraschungsgast
Moderation: Diana Grothues
Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin
EINTRITT: 3 Euro, erste zehn Lesende des Offenen Mikrofons freier Eintritt
INFORMATION: Diana Grothues

Montag, 31. Oktober 2016
19.30h – El BUEN lugar. Der GUTE Ort (sp./dt.)
Mit: Mara Pastor, Elizabeth Torres, Amaranta Caballero Prado und Martín Gubbins
Moderation: Margarita Ruby
Instituto Cervantes, Rosenstr. 18-19, 10178 Berlin
EINTRITT: 5/3 Euro

In Osnabrück:
Mittwoch, 2. November 2016
18.30h – SONIDOSpoéticos. klangPOESIE (sp./dt.)
Mit: Amaranta Caballero Prado und Cristian Forte
Moderation: Alisa Farthmann
Literaturbüro Westniedersachsen, Am Ledenhof 3-5, 49074 Osnabrück
EINTRITT FREI

In Bremen:
Donnerstag, 3. November 2016
19.30h – Texte, Bilder, Töne Farben, Formen: Aktuelle LYRIK aus Lateinamerika (sp./dt.)
Mit: Martín Gubbins und Mara Pastor
Moderation: Regina Samson
Theatersaal Universität Bremen, Bibliothekstraße 1, 28359 Bremen
EINTRITT FREI

In Berlin:
Latinale-Ausklang
Montag, 12. Dezember 2016
19h – OperationTETRA-PACK. Literatur in vier Berliner Weltsprachen
Im Rahmen des Stadtsprachen-Festivals.
Vielsprachige Lesung und russischer Tango
Mit: Hendrik Jackson, Dmitri Dragilew, María Cecilia Barbetta, Rike Bolte,
Ricardo Domeneck, Christiane Quandt, Kenan Khadaj und Leila Chammaa
Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Str. 2, 13357 Berlín, Puttensaal
EINTRITT FREI
Eine Veranstaltung gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

www.latinale.de

Eine Romantik, mit gängigen Wortwendungen, „normalen“ Reimen und Metren

Das Buch, dem legendären russischen Lyriker Dmitri Venevitinov (1805–1827) gewidmet, ist eine sehr erfreuliche Erscheinung. Denn ein Stückchen Oligarchengeld ist nicht für Yachten, Fußball-Klubs und Villen ausgegeben worden, sondern für die Kultur – in diesem Falle für die deutsche, weil Michail Prochorows Stiftung „Transcript“ die Bekanntschaft des deutschen Lesepublikums mit einer sehr interessanten Episode der russischen Kulturgeschichte sponserte. Seien wir gerecht, Prochorow hat auch im Inland große Verdienste – durch seine Unterstützung existiert seit 25 Jahren die beste russische philologische Zeitschrift, „Neue Literaturrundschau“, von Prochorows Schwester Irina geleitet. (…)

Die Gedichte in unserem Band sind in freier Nachdichtung von Hendrik Jackson vorgelegt. Sehr viele schöne Stellen, die vom lyrischen Talent Jacksons zeugen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die poetische Technik von Venevitinov eine ganz andere war – eine Romantik halt, mit gängigen Wortwendungen, „normalen“ Reimen und Metren und meist weniger originellen Bildern. Die Rohübersetzungen der Gedichte gibt es auch, man kann sie im Kommentarteil nachlesen. Aufsätze, Briefe – alles, was dieses kurze Leben an Spuren hinterlassen hat … / Oleg Jurjew, Frankfurter Rundschau

Dmitri Venevitinov: Flügel des Lebens. Lyrik, Prosa, Briefe: Gesammelte Werke. A. d. Russ. v. Hendrik Jackson u. Dorothea Trottenberg. Ripperger & Kremers, Berlin 2016. 264 S., 22,90 Euro.

Barto, Charms, Majakowski – Kinderbücher 1918 – 1938

Die Universität Princeton zeigt eine digitale Ausstellung von 46 sowjetischen Kinderbüchern der Jahre 1918 – 1938. Die Auswahl stammt aus der Cotsen Children’s Library und umfaßt Vers und Prosa, Malerei, Zeichnung, Fotomontage und in einzelnen Fällen typographische Experimente, wie sie typisch für die sowjetische Avantgarde der Zeit waren. 160 Bücher der riesigen Sammlung russischer Kinderbücher stehen digital zur Verfügung, darunter Bücher von Agnija Barto, Alexander Deineka, Wladimir Majakowski, Daniil Charms, Arkadi Gaidar, Samuil Marschak, Alexander Wwedenski, Alexej Krutschonych, Valentin Katajew, Jewgeni Schwarz, Viktor Schklowski und vielen anderen.

/ princeton.edu | citifox.ru

Gestorben

Die russische Dichterin Novella Matwejewa (russ. Нове́лла Никола́евна Матве́ева, engl. Novella Matveyeva; auch Matveeva) starb am Sonntag im Alter von 82 Jahren. Sie wurde 1934 im Leningrader Gebiet geboren. 1968 erschien auf Deutsch eine Auswahl in einem der ersten Hefte des legendären Poesiealbum, ausgewählt von Fritz Mierau, übersetzt von Sarah Kirsch und Eckhard Ulrich. Es ist das einzige ihrer Bücher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Auch Wolf Biermann, Nathalie Sinner, Rainer Kirsch und Annemarie Bostroem haben etwas von ihr übersetzt, mehr konnte ich nicht finden.

Wikipedia (russisch, englisch, ukrainisch, polnisch, tschechisch, ungarisch, vietnamesisch)

Lenta.ru / rosbalt.ru

Novella Matwejewa auf Deutsch
  • Novella Matwejewa. Poesiealbum 6. Hrsg. Fritz Mierau. Übers. Sarah Kirsch, Eckhard Ulrich. Berlin: Volk und Welt, 1968

In Anthologien:

  • mitternachtstrollexbus. neue sowjetische lyrik. Hrsg. Fritz Mierau. Berlin: Neues Leben, 1965. (2. 1967) Ü: S. Kirsch, Bostroem
  • Russische Songs. Texte und Noten. Hrsg. Rimma Kasakowa. Berlin: Volk und Welt, 1972 (Spektrum) Ü: S. Kirsch, R. Kirsch
  • Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. Hrsg. Efim Etkind. München: Piper, 1981. (3. 1987)
  • Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Nachdichtungen und Adaptionen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2011

In L&Poe

Und was war – ist längst vergessen
Und was kommt – kann keiner wissen

Всё, что было, — позабыла,
Всё, что будет, — позабудет.

Aus: Das Moldaumädchen (Ü Wolf Biermann)

Aufzeichnungen aus dem Abseits

Felix Philipp Ingold zu seiner Neuübersetzung von Fjodor Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ (Dörlemann Verlag, Zürich 2016).

Im Unterschied zu früheren Eindeutschungen wurde vorrangig auf die sprachliche beziehungsweise stilistische Eigenart der „Aufzeichnungen“ geachtet, um der ungewöhnlichen Rhetorik des Erzählers optimal gerecht zu werden. Dazu gehört nicht nur die Ausdifferenzierung gesprochener und geschriebener, eigener und fremder sowie direkter und indirekter Rede, sondern auch die Wiedergabe der zwischen krudem Alltagsjargon, hochtrabender Intellektualität und hysterischer Selbstanklage ständig schwankenden stilistischen Register. Syntax und Rhythmus sollten mit all ihren Irregularitäten ‒ Defekten, Flüchtigkeiten, gewollten (oder auch ungewollten) Bruchstellen und Wiederholungen – möglichst authentisch erhalten werden. Auch die relative Unschärfe beziehungsweise die uneinheitliche Verwendung zentraler Begriffe in den Bedeutungsbereichen Verstand/Vernunft und Bewusstsein/Wahrnehmung/Erkenntnis wurden beibehalten. Übernommen wurden ausserdem die Besonderheiten von Dostojewskijs Interpunktion, die für die Akzentuierung und Rhythmisierung der polyphonen Rede bestimmend ist.

Im Deutschen kennt man den Text bisher mehrheitlich als „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ oder „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“. Die erste Übersetzung erschien 1897 unter dem willkürlich abgeänderten Titel „Aus dem Dunkel der Grossstadt“ (Aufzeichnungen eines Paradoxen) und 1923 folgte, fast ebenso willkürlich, „Die Stimme aus dem Untergrund“ (Aus den Papieren eines Untergrundmenschen). Mit den „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ lag allerdings schon früher – im Rahmen der populären Piperschen Werkausgabe (1906-1919) ‒ eine Titelfassung vor, die nachmals für weitere deutsche Übersetzungen verwendet und entsprechend häufig zitiert wurde. In der umfangreichen Sekundärliteratur zu Dostojewskij hat sich keine klare Präferenz herausgebildet – „Kellerloch“ und „Untergrund“ sind noch heute gleichermassen akzeptiert, ebenso die Bezeichnung des anonymen Ich-Erzählers als „Kellerlochmensch“ beziehungsweise „Untergrundmensch“.

Wenn hier nun mit den „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ ein neuer, bisher nicht verwendeter Titel eingeführt wird, ist dies begriffskritisch wie folgt zu erklären und zu rechtfertigen. Wohl bezeichnet das Wort podpol’e eine Örtlichkeit, die „unter“ (pod) dem „Boden“ (pol) gelegen ist, doch ist der Begriff im Russischen durchweg politisch konnotiert, steht also generell für einen geheimen, einen versteckten Ort, der – wie im Deutschen – „Untergrund“ genannt wird und an dem sich in aller Regel nicht Einzelpersonen, sondern „untergetauchte“ Kampf- oder Diskussionsgruppen zusammenfinden; das davon abgeleitete Eigenschaftswort (podpol’nyj) bedeutet denn auch nichts anderes als „illegal“ (vorab „anarchistisch“, „revolutionär“) oder ganz einfach „verboten“.

Als „Untergrund“ lässt sich der Aufenthaltsort von Dostojewskijs Ich-Erzähler also nicht bezeichnen. Denn dieser haust – völlig legal ‒ in einer schäbigen Mietwohnung am Stadtrand Petersburgs und hat mit der dissidenten oder kriminellen Szene nichts zu schaffen. Auch liegt seine Wohnung (wie aus dem Text hervorgeht) keineswegs „unter dem Boden“, also im Soussol oder Kellergeschoss, vielmehr scheint es sich um das Hochparterre zu handeln, so dass von „Kellerloch“ keine Rede sein kann. Es ist kaum nachvollziehbar, dass und weshalb der Protagonist, der als Kanzleibeamter und Uniformträger einen eigenen Hausdiener beschäftigt, in den meisten bisherigen Übersetzungen und Analysen der „Aufzeichnungen“ in einem unterirdischen Verlies verortet wird – er richtet sich nicht in einer Unterwelt ein, um mit Gleichgesinnten eine wie immer geartete, auf gesellschaftspolitischen Wandel angelegte Opposition zu bilden, vielmehr vertritt und rechtfertigt er eine radikal egozentrische Gegenwelt, die jeglicher System- und Normbildung, jeglichem common sense, jeder Konvention und jedem Kompromiss abgeneigt ist.

„Untergrund“ und „Kellerloch“ sollen in dieser Neuausgabe der „Aufzeichnungen“ durch den allgemeiner geltenden Begriff des Abseits ersetzt werden. Es handelt sich dabei um einen selbstgewählten abgelegenen Aufenthaltsort, einen Ort des Rückzugs wie auch der Selbstbesinnung, der bei seinem Bewohner gleichermassen soziale Distanzierung (oder Inkompetenz) und individuelle Überheblichkeit vermuten lässt. Der Erzähler wird damit von falschen politischen Konnotationen befreit, er ist kein regimefeindlicher Verschwörer oder Untergrundkämpfer, sondern ein ebenso konsequenter wie exzentrischer Einzelgänger, ein Querdenker und Provokateur, man könnte auch sagen – ein typischer, nirgendwo behauster Intellektueller, der (wie er selbst eingesteht) unentwegt „spricht und spricht und spricht“, sich aber zu keinerlei produktiver Tätigkeit von gesellschaftlichem oder wirtschaftlichem Nutzen aufraffen kann. Die „Aufzeichnungen aus dem Abseits“ sind das beredte, noch heute gültige Zeugnis dafür.

Gerechtigkeit für Nikolai Gumiljow

Eine Petition an den Gouverneur von Sankt Petersburg fordert, das Andenken an den Dichter Nikolai Gumiljow in seiner Geburtsstadt Kronstadt zu bewahren. Im April 2016 waren 130 Jahre seit der Geburt des Dichters des Silbernen Zeitalters vergangen, im August vor 95 Jahren wurde er von den Bolschewiki auf Grund der Beschuldigung, an der „Kronstadter Meuterei“ beteiligt gewesen zu sein, erschossen. Aber in Kronstadt, wo es viele Denkmäler, Büsten, Plaketten gibt, kommt sein Name nicht vor. Im Jahr 2001 unterzeichnete Gouverneur Wladimir Jakowlew das Dekret № 1050 „Über die Errichtung einer Denkmal-Büste von N.S. Gumiljow“. Sie sollte zum 120. Geburtstag 2006 errichtet werden, ist aber nicht ausgeführt worden. Die Jahre vergingen, die Gouverneure und Leiter der regionalen Verwaltung wechselten, aber die Erinnerung an einen der prominentesten Söhne von Kronstadt wurde nicht verewigt. Das ist ein Verbrechen.

Im Namen der Redaktion der Zeitung „Kronstädter Bote“ Inna Shitov

Gumiljow in L&Poe

Norwegische Auszeichnung für Anzhelina Pololonskaya

Die russische Dichterin Anzhelina Polonskaya, die seit September 2015 in Frankfurt am Main als Gastautorin im Rahmen des Programms Frankfurt – Stadt der Zuflucht lebt, wird Anfang September im norwegischen Frederikstad den Literaturpreis Ord i Grenseland – Words on Borders Freedom Prize – erhalten. Die Auszeichnung wird jedes Jahr ausschließlich an verfolgte oder exilierte Autorinnen vergeben, deren literarisches Werk von ihrem Engagement für die Freiheit des Wortes künden. Die Auszeichnung wird auf dem internationalen Literaturfestival Ord i Grenseland in Gamlebyen, dem historischen Ortskern von Frederikstad, verliehen und ist mit $ 5.000 dotiert. Zu den letzten Preisträgerinnen gehörte die international bekannte türkische Autorin Aslı Erdoğan, die vor einigen Tagen in ihrer Heimat verhaftet wurde.

/ litprom

Dmitrij Venevitinov

Ein Gedicht von 1821

„Fröhlich treibt die laute Menge
immer mit dem Partyschwarm,
alle huldigen und drängen
auf die Bühne – ein Altar!
Ich komm ohne ihresgleichen,
ohne Drama, Lärm und Rausch
mit dem Schicksal sehr gut aus:
Songs und gute Freunde reichen.“

Wem das für ein Gedicht von 1821 zu salopp erscheint, findet im Anhang die wortgetreue Interlinear-Übersetzung. Als Lyriker deklinierte Venevitinov das ganze romantische Inventar durch: Freundschaftskult, Italiensehnsucht, den Freiheitskampf der Griechen, die Verehrung für Byron, natürlich fehlen auch romantische Ingredienzien wie die bemoosten Steine alter Ruinen nicht. Bei dem jungen Russen tritt neben das Lob des Leichtsinns die Gedankenschwere, Enthusiasmus und Lebenslust schlagen bisweilen um in Niedergeschlagenheit und Todesahnung. Romantisch ist auch der Rückgriff auf die eigene Geschichte im Gedicht „Nowgorod“, das die einst große Vergangenheit der mächtigen mittelalterlichen Republik Nowgorod beschwört. (…)

Nur 21 Jahre alt wurde der russische Dichter Dmitrij Venevitinov (1805–1827). Wie leidenschaftlich das junge Genie für Russlands Fortschritt und Zukunft eintrat, belegen seine erstmals auf Deutsch edierten Gesammelten Werke. / Brigitte van Kann, WDR

Die zitierte Strophe in der Ausgabe von 1862

Die zitierte Strophe in der Ausgabe von 1862

Dmitrij Venevitinov
Flügel des Lebens – Lyrik, Prosa, Briefe. Gesammelte Werke
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ilja Karenovics
Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg und Hendrik Jackson
Ripperger & Kremers Verlag, 2016
264 Seiten
22,90 Euro

Imperiale Kultur

Ulrich Schmid blickt auf die russische Kulturszene, die mit ungeniert propagandistischen Machwerken das Land auf einen neoimperialen Kurs trimmt: „Weitgehend unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, wurde der syrische Präsident Bashar al-Asad im Januar 2012 für seinen „Widerstand gegen die westliche Expansion“ mit dem Preis „Imperiale Kultur“ ausgezeichnet. Hinter dieser Ehrung stehen der russische Schriftstellerverband, der russische Literaturfonds sowie orthodoxe Vereine.“ / Perlentaucher

Mandelstam in Heidelberg

Ralph Dutli zeichnet nun minuziös Mandelstams Aufenthalt in Heidelberg von November 1909 bis März 1910 nach. In dieser Zeit sind mit Sicherheit fünfzehn, vielleicht aber auch bis zu dreissig Gedichte entstanden.

Wer allerdings eine romantische Auseinandersetzung mit der Stadt am Neckar erwartet, muss mit einer Enttäuschung rechnen. Dafür ist die literarische Ausbeute umso grösser: Mandelstam verfügt schon in diesen frühen Gedichten über eine reife Stimme. Der unverkennbare Mandelstam-Sound zeigt sich in kühnen Metaphern: «Auf dunklen Himmel hingestickt / Stehn Mustern gleich die Trauerbäume. / Warum nur hoch, in höhere Räume / Erhebst du den erstaunten Blick?» / Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher Zeitung

Ralph Dutli: Mandelstam, Heidelberg. Gedichte und Briefe 1909–1910. Wallstein-Verlag, Göttingen 2016. 189 S., Fr. 28.90. Ossip Mandelstam: Bahnhofskonzert. Das Ossip-Mandelstam-Lesebuch. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015. 389 S., Fr. 17.90.

1929 in Warschau

«Ich bin nach Warschau gekommen», sagte der Schielende, «und will, dass du für mich einen Empfang organisierst. Du bist doch Melech Ravitch.» Das war im Januar des Jahres 1929. In Warschau lebten dreihunderttausend Juden, die elf jiddische Tageszeitungen lasen. Jüdische Schriftsteller gab es hier wie Sand am Meer. Unter ihnen waren auch Israel J. Singer und sein Bruder Isaac Bashevis. Trotzdem stand Ravitch auf und begrüsste den jungen Mann: «Du bist Manger», sagte er. «Ich werde den Empfang organisieren unter der Bedingung, dass du hier nicht die Moskauer Stückchen von Jessenin und Majakowski aufführst.»

Im Januar 1929 hatte Itzik Manger zwar noch keinen seiner Gedichtbände veröffentlicht, aber sein Ruf als genialer, volksnaher Lyriker und hinreissender Exeget der modernen jüdischen Literatur war ihm von Rumänien nach Polen vorausgeeilt. Bekannt war ausserdem, dass Manger persönlich schwierig war. Wenn er trank, wurde er ausfällig.

Es spricht für Ravitch, dass er seine Warnung in einen literarischen Vergleich packte, der Manger schmeicheln musste: Jessenin und Majakowski galten als die bedeutendsten russischen Dichter der Gegenwart. Doch Jessenin, so masslos dem Alkohol zugetan wie den Frauen, war schon seit vier Jahren tot. Im Rausch hatte er sich in einem St. Petersburger Hotel die Pulsadern aufgeschnitten, mit dem Blut ein Gedicht geschrieben und sich anschliessend erhängt. Er war dreissig Jahre alt. Manger war jetzt achtundzwanzig. Der Futurist Majakowski, der die Volksnähe seines Freundes Jessenin als konservativ gerügt hatte, schoss sich 1930 ins Herz. Aus Liebe, hiess es, aber wohl doch eher, weil ihm in Stalins Reich die Flügel gestutzt werden sollten. In Warschau begann die Lage der Juden 1929 heikel zu werden, und was man jetzt überhaupt nicht brauchen konnte, meinte Ravitch, waren Krawallmacher. / Susanne Klingenstein, Neue Zürcher Zeitung

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2016. 784 S., Fr. 58.90.

Kulturgeschichte des russischen Duells

Die Dichter anderer Nationen brechen auf der Bühne zusammen (Molière), erliegen der Cholera (Adam Mickiewicz), werden zu stark zur Ader gelassen (George Byron), ersticken an Gegenständen, die sie verschluckt haben (Tennessee Williams), oder werden von herabfallenden Ästen erschlagen (Ödön von Horváth). In Russland kommen die beiden wichtigsten romantischen Lyriker in einem Duell um – Alexander Puschkin ist siebenunddreissig Jahre alt, als er stirbt, Michail Lermontow siebenundzwanzig. Die literarische Relevanz des Duells ist in Russland also offensichtlich.

Felix Philipp Ingold hat es in einem fulminanten Buch unternommen, die Kulturgeschichte des Zweikampfs im Zarenreich nachzuzeichnen. (…)

Am 22. November 1909 schossen Nikolai Gumiljow und Maximilian Woloschin aufeinander – nicht ohne Seitenblick auf ihren Nachruhm wählten die Streithähne einen Ort nördlich von St. Petersburg, wo auch Puschkin gestorben war. Anlass des glimpflich ablaufenden Schusswechsels war Cerubina de Gabriac, eine angebliche exotische Meisterdichterin, die sich allerdings als literarische Mystifikation entpuppte. Als besonders erregbar erwies sich der esoterisch beflügelte Andrei Bely, der seine Dichterkollegen Waleri Brjussow und Alexander Blok wegen ästhetischer Meinungsverschiedenheiten in Duellforderungen verwickelte. In beiden Fällen kam es jedoch nicht zum Waffengang, sondern zu einem literarischen Turnier.  / Ulrich M. Schmid, NZZ 14.6.

Dichter gegen Stalin

An der Moskauer Metrostation „Lubjanka“ verhaftete die Miliz den Dichter Sergej Gandlewskij, nachdem er ein Stalinbild von der Wand abgerissen hatte. Das geschah am 23. Mai. Ein Mann kam dazu und fragte ihn, was er da tue. Er erklärte es ihm, und der Mann verschwand. Er ging weiter zum Bahnsteig, aber zwei Polizisten folgten ihm, begleitet von jenem Mann, der auf ihn zeigte: „Das ist er!“ Die Polizisten teilten ihm mit, daß sie ihn wegen eines Akts von Vandalismus und minderschwerem (wenn ich melkoje richtig übersetze) Huligantum mitnehmen würden.

Sergej Gandlewskij ist ein russischer Dichter, Prosaschreiber, Essayist und Übersetzer. Er wurde mit diversen Literaturpreisen geehrt, darunter „Antibooker“, „Nördliches Palmyra“, Apollon-Grigorjew-Preis, „Poet“. / Nowaja Gaseta

Der russisch-amerikanische Dichter Philip Nikolayev kommentiert:

GANDLEVSKY vs STALIN, or, Poetry against Political Evil

Russian poetry is alive and well. A couple of days ago the eminent poet Sergey Gandlevsky was arrested by police in Moscow after ripping off the wall and tearing up a portrait poster of Joseph Stalin at the Lubyanka Subway Station (the Federal Security Service — former KGB — headquarters are located next to it). Gandlevsky was later released when some friends interceded. The poet calls Stalin „a piece of shit and a murderer.“

Russische Avantgarde

Als Kuriere und Berichterstatter zwischen Dada Ost und Dada West waren damals Roman Jakobson, Sprachforscher und Dichtungstheoretiker, sowie der georgisch-russische Schriftkünstler Ilja Sdanewitsch unterwegs: Beide standen mit den interessierten Autoren in direktem Kontakt – Sdanewitsch vermittelte zwischen Tbilissi und Paris, Jakobson zwischen Moskau und Berlin (wo er im Juni 1920 die Dada-Messe besucht und Huelsenbecks Dada-Almanach entdeckt hatte).

Dem jungen Jakobson gehört im Übrigen das Verdienst, den Dadaismus in der Sowjetpresse erstmals (im Februar 1921) vorgestellt und gewürdigt zu haben. Sdanewitsch wiederum machte die Wortführer von Dada Paris als Erster mit den Pionierleistungen der russischen «Zukünftler», «Alogiker» und «Transmentalisten» bekannt und stellte die direkte Verbindung zur georgischen Avantgarde her, die unter der Bezeichnung «41°» (gemeint ist der Breitengrad der Stadt Tbilissi) firmierte und den Dadaismus sogleich als ihr westliches Pendant begrüsste.

Freilich konnte Dada für die russischen und georgischen Neuerer kein Vorbild sein, hatten sie doch dessen Forderungen und Errungenschaften um viele Jahre vorweggenommen: Bereits um 1912/13 gab es in Moskau, Petersburg und anderswo in Russland performative Lesungen, absurdes Theater, Unsinnspoesie aller Art, deregulierte Typografie und diverse Programme, die den «Tod der Kunst» und den «Triumph des Nichts» postulierten.

Im Vergleich damit waren die Dadaisten eher Nachzügler denn Vorreiter, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass sie die vorgängige russische Kunstrevolution nicht aus Prioritätsgründen ignoriert und verdrängt haben – sie ist ihnen ganz einfach entgangen. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Was Tzara und Picabia mit «Dadaglobe» als exklusive Pionierleistung avantgardistischer Westkunst dokumentieren wollten, hatten die Russen bereits vor dem Ersten Weltkrieg in allen künstlerischen Sparten vollumfänglich umgesetzt. (…)

Beispielhaft dafür sind die Nitschewoken, die ihren Gruppennamen in ironischer Anlehnung an die Bolschewiken gewählt haben, ihn aber bedeutungsmässig ins Gegenteil verkehrten: Während sich die Bolschewiken (von russisch «bolsche», d. h. «mehr») als siegreiche «Mehrheit» darstellten, bezogen sich die Nitschewoken (von russisch «nitschewo», d. h. «nichts» oder «ist doch egal!») mit ihrem Neologismus wörtlich auf das «Nichts» und kehrten damit auch ihren wegwerfenden Zynismus heraus – man könnte sie demnach zu deutsch als «Nullitäter», «Einerleier» oder «Nichtsianer» bezeichnen.

Ausserhalb Russlands haben die Nitschewoken ein erstes und einziges Mal bei Ilja Ehrenburg Erwähnung gefunden, der sie in seinem Buch über die zeitgenössischen europäischen Kunstbewegungen («Und sie bewegt sich doch», Berlin 1922) explizit als «Dada-Filiale» bezeichnete. Doch auch dieser autoritative Hinweis blieb damals unbeachtet. Erst seit kurzem sind die Dekrete von Dada Moskau in deutscher Sprache greifbar («Die Nichtsler», Edition Raute, Dresden 2015), derweil eine Übersetzung der poetischen Texte sowie deren Einordnung in die dadaistische Wortkunst noch immer ausstehen. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung

Nichtsler in Lyrikwiki

Siehe auch in: Abwärts! – Heft 13 (März 2016) Redaktion: Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde, Karsten Wildanger. Grafiken: Agnes Grambow.  Preis: 5,00 EUR

Aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde

Seit anderthalb Jahren kämpft Kapitän-Leutnant der ukrainischen Seestreitkräfte Maxim Musyka im ostukrainischen Kriegsgebiet Donbass. In Momenten der Ruhe entstehen in seinem Zelt „stille Schöpfungen“ – seine in Verse und Strophen gefassten Erlebnisse und Gefühle. Unter diesem Titel kam im Februar Musykas erster Gedichtband heraus. (…)

In der Nacht zum 11. Dezember [2013] initiierte er mit seinen Freunden eine Menschenkette zwischen den Protestierenden und der Kolonne junger Kadetten der Regierung. „Wir stellten uns mit unserem Rücken gegen die Kolonne, um ihnen zu zeigen, dass wir friedlich sind, gleichzeitig wollten wir vermeiden, dass aus der Menschenmenge in ihre Richtung geworfen wird. Die geringste Provokation hätte Blut zu Folge haben können. Sehr viel Blut. So standen wir sechs Stunden. Nach einiger Zeit haben die Kadetten ihre Schilder gesenkt, die Knüppel eingesteckt, die Helmscheiben nach oben geklappt. Wir unterhielten uns mit ihnen, legten ihnen Karton unter die Füße, damit sie nicht erfroren“, erzählte er in einem Zeitungsinterview.

(…) Erst im Krieg hat Musyka angefangen zu dichten. Seine Gedichte sagen das Unaussprechbare. Es ist eine Möglichkeit „auszuatmen“. Er schreibt, wenn nicht geschossen wird, in Momenten der Stille und nennt das Geschriebene „stille Schöpfungen“ oder „tichotworenija“ – ein russisches Wortspiel. Lässt man im Wort „Gedicht“ – „stichotworenije“ den ersten Buchstaben weg, so bekommt das Wort eine neue Bedeutung und wird zur „stillen Schöpfung“. (…)

Kämpfen muss er manchmal auch hinter der Front. Etwa, wenn ihm vorgeworfen wird, auf Russisch und damit in der Sprache der Okkupanten zu schreiben. Dann wird er emotional. „Mehrmals war ich drauf und dran, nur auf Ukrainisch zu schreiben, aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde“, erklärt Musyka. / Grigori Pyrlik, taz