Schlagwort: Lyrikzeitung

Geborgn

Wenn man sich auch nur ein bißchen dafür interessiert, was man heute mit Sprache alles machen kann, dann sollte man sich Susanne Eules Gedichte anschauen. Wenn man sich aber dafür interessiert, was Sprache mit einem machen kann, dann muß man es sogar.

Die Dichtung, absurdes

Nach dem Phosphorgehalt der Knochen zu schließen
Aß die Dichtung englischer Zunge ziemlich viel Fisch.

Wir sind so ermüdet von Träumen

Wir sind so ermüdet von Träumen,
Erstanden in dämmernden Räumen,
Und gleiten wie Blätter von Bäumen,
Die sonnenverlassen sind.

Zwei Geburtstagsgedichte

als sie mich gebar
könnte heute die mutter
meine tochter sein

Wir gehen in den Wald und zeigen die Zähne

wir gehen in den Wald und zeigen die Zähne
wir zeigen sie den Wölfen, das ist klar
aber auch Mutter und Vater
wir zeigen sie einander
das ist ein Wackelkandidat, sagen sie
und machen das Licht aus

Befreie!

258 Wörter, 1 Minute Lesedauer. Heute vor einem Jahr ist die Saßnitzer Lyrikerin Irmgard Senf kurz nach ihrem 90. Geburtstag an den Folgen einer Operation gestorben. Sie hinterließ das Manuskript eines neuen Gedichtbandes, aus dem ich hier ein Gedicht vorstelle. Eine Eigenart ihrer poetischen… Continue Reading „Befreie!“

Carmina Burana

Wäre die ganze Welt mein,
vom Meer bis an den Rhein,
darauf wollte ich verzichten,
wenn der König von England
in meinen Armen läge.

«100 Jahre nach mir»

und alle MENSCHEN schlafen nachts
und fühlen die magischen Offenbarungen nicht
die in mir aus mir strahlen.

Anfassgedichte

Veranstaltet ein Treffen für ein Berührungsgedicht
irgendwo in der Ferne oder an einer fiktiven Adresse
an einem fiktiven Tag.

Ihr seid immer bei mir

Ihr seid immer
bei mir,
es gibt nie
einen Ort

für sich.

Wo sind wir her Wo gehn wir hin

Wo sind wir her
Wo gehn wir hin
Vom Mutterkuchenfressen
bis zum Fraß der Würmer
Die Spur dazwischen spült der Regen

liebhaberzählen

liebhaberzählen. MAX, SEBASTIAN, KAI
und zweimal ein CHRIS oder CHRISTOS,
dann alle jungen im zug, schliesslich
du selbst, denn du magst dich ja sehr.

Chin-chin, der Weg führt ins Mondgestein

Möglichkeit fünf
zielt auf die Kinderseele, obwohl die, laut Fritzchen,
bloß eine zugige, fingernagelgroße Immobilie. Bloß
paar Wände aus Blätterteig; da drinnen ist’s arg kalt.

Aber wollen wollte ich dich schon

Nie wollte ich mit dir
Umspannwerke fotografieren,
im „Salon des Amateurs“ feiern.
Auch wollte ich nicht
mein Collier
von Kiev Stingl
mit dir teilen

niemand gewinnt die Wahl

»eines ist klar, der bundeskanzler wird gay«, schrieb die FAZ
»queer«, korrigierte die TAZ