Schlagwort: deutsche Lyrik

Meine gewissen Rezepte

Lehrt eure Kinder das Füchsinneneinmaleins
Dreht die Blätter im Garten auf ihre Silberseite
Beredet euch mit dem Kauz

Henryk Bereska (1926-2005)

Gelbe Fische schwimmen zwischen Seetang,
Austern und Korallen;
über dem Rohrspalt steigt Gott Poseidon
mit dem Dreizack auf, vom Lift der
Warmluft aus dem Meer gehievt

Melancholie

Der tag war schön. und war doch nur geliehn.

Gegen die Dichteritis

242 Wörter, 1 Minute Lesedauer. Arno Holz  (* 26. April 1863 in Rastenburg, Ostpreußen; † 26. Oktober 1929 in Berlin) Die deutsche DichtkunstDie deutsche Dichtkunst schrieb notorischSich selber den Uriasbrief*,Seit das Gefühl ihr obligatorischUnd der Verstand nur facultativ. (*) Der „Uriasbrief“ ist eine Anspielung auf eine Episode aus dem Alten Testament (2.… Continue Reading „Gegen die Dichteritis“

Verrückt und jung

als alles und nichts noch möglich
und die Silbe »un« nicht bekannt war
kam jemand vorbei und sagte
Du bist nicht jung sondern verrückt

Aus dem Graben

116 Wörter, 1 Minute Lesedauer. Edlef Köppen (* 1. März 1893 in Genthin; † 21. Februar 1939 in Gießen) Lied aus dem GrabenDie Straßen großer Städte sind mein Traum.Die Mädchen, die dort nächtens Liebe jagen, die Mädchen, die sich geben ohne Fragen.Fahle Laternen. Rauchverquollener… Continue Reading „Aus dem Graben“

Wenn alles stirbt

Ich hab getrunken, getrunken, getrunken den Tau
deines Haars an dem rauchigen, endlosen Tag,
als die Nacht kam am Mittag, als kein Morgen mehr kam.

Einmal rief Thomas Kling mich an

Einmal rief Thomas Kling mich an, als ich in Berlin lebte,
auf Zeit in einem Raum mit aufblasbarem Bett
und Telefon, zweiter Hinterhof, lebendig begraben.

Sprachenland

Als sie in den
Sprachen, die sie
sprachen,
sprachen,
und einander nicht verstanden,
weil sie in den falschen
Sprachen
sprachen,
sprachen andere,
die sich verstanden

Sollbruchstelle des Gedichts

Im Sommer Bienenschwärme des Verzichts
Auf windige Phrasendrescherei
Und dennoch Wärme des Lichts
Süßer Honig Effekthascherei
Im Winter Schattenspiele
Auch Gottgewolltheit bringt nichts
Der Sollbruchstellen sind viele

Niemals werden wir dazugehören

Mittags auf der Bank im Park, geborgen,
mit den andern hier in Friedlichkeit,
fühl ich mich zu Haus und ohne Sorgen,
es erfragt bei mir ein Kind die Zeit,
Liebespaare lassen sich nicht stören,
und ein Hündchen wagt mit mir ein Spiel –
ein Verbannter fordert ja nicht viel!
Dennoch darf ich nie dazugehören.

Chin-chin, der Weg führt ins Mondgestein

Möglichkeit fünf
zielt auf die Kinderseele, obwohl die, laut Fritzchen,
bloß eine zugige, fingernagelgroße Immobilie. Bloß
paar Wände aus Blätterteig; da drinnen ist’s arg kalt.

Wie sie sich giften, daß ich gut zu Fuß bin

Der wird hier Kanzler, der am krümmsten humpelt,
Und der dem Volk den Sand siebt, machts im Streckbett
Seltsam umwoben vom Singsang der Wechsler

Immer noch da, hellwach

Es gab nichts zu bereuen und
nichts zu bedauern. Und wenn
die nächsten Scharmützel
auf den Vulkanen begännen –
ich wäre dabei.

Du im Gehorchen und Befehlen schwach

Mit vierzig Jahren wardst du eingezogen
Zum Kriegsdienst noch. Man schrieb mit blauem Stift
Dir auf die nackte Brust, schwach eingebogen,
Wie einem Hammel, den das Schlachtlos trifft,
Roh eine Nummer auf, ’s ist nicht gelogen.
Ich löschte mühsam später erst die Schrift
Von meiner Haut, eh ich mit Pappkarton
Nach Vorschrift dir gefolgt zur Garnison.