Schlagwort: deutsche Lyrik

Sprachenland

Als sie in den
Sprachen, die sie
sprachen,
sprachen,
und einander nicht verstanden,
weil sie in den falschen
Sprachen
sprachen,
sprachen andere,
die sich verstanden

Sollbruchstelle des Gedichts

Im Sommer Bienenschwärme des Verzichts
Auf windige Phrasendrescherei
Und dennoch Wärme des Lichts
Süßer Honig Effekthascherei
Im Winter Schattenspiele
Auch Gottgewolltheit bringt nichts
Der Sollbruchstellen sind viele

Niemals werden wir dazugehören

Mittags auf der Bank im Park, geborgen,
mit den andern hier in Friedlichkeit,
fühl ich mich zu Haus und ohne Sorgen,
es erfragt bei mir ein Kind die Zeit,
Liebespaare lassen sich nicht stören,
und ein Hündchen wagt mit mir ein Spiel –
ein Verbannter fordert ja nicht viel!
Dennoch darf ich nie dazugehören.

Chin-chin, der Weg führt ins Mondgestein

Möglichkeit fünf
zielt auf die Kinderseele, obwohl die, laut Fritzchen,
bloß eine zugige, fingernagelgroße Immobilie. Bloß
paar Wände aus Blätterteig; da drinnen ist’s arg kalt.

Wie sie sich giften, daß ich gut zu Fuß bin

Der wird hier Kanzler, der am krümmsten humpelt,
Und der dem Volk den Sand siebt, machts im Streckbett
Seltsam umwoben vom Singsang der Wechsler

Immer noch da, hellwach

Es gab nichts zu bereuen und
nichts zu bedauern. Und wenn
die nächsten Scharmützel
auf den Vulkanen begännen –
ich wäre dabei.

Du im Gehorchen und Befehlen schwach

Mit vierzig Jahren wardst du eingezogen
Zum Kriegsdienst noch. Man schrieb mit blauem Stift
Dir auf die nackte Brust, schwach eingebogen,
Wie einem Hammel, den das Schlachtlos trifft,
Roh eine Nummer auf, ’s ist nicht gelogen.
Ich löschte mühsam später erst die Schrift
Von meiner Haut, eh ich mit Pappkarton
Nach Vorschrift dir gefolgt zur Garnison.

An die Einwohnerschaft Berlins

Ihr lieben Leute lasst Euch sagen
Dass ich seit Jahren keine Wohnung hab.
Und die es lesen will ich fragen,
»Wer lässt mir einige Zimmer ab?«

Dieter Wellershoff 1925-2018

Wie die Dinge abhanden kommen
als seien sie nicht zugelassen.
Dies Glas ist ausgetrunken
die eisernen Rüstungen in den Vitrinen
sind leer.
Nichts scheint einfacher als
diese Vorstellung zu verlassen.

Die Weste

Doch wie in Adam schon Herr Haeckel war,
(zum Beispiel bloß), so steckt in diesem Reste
Brokat voll Silberblümlein wunderbar
schon heut der krause Übergang verborgen
vom Geist von gestern auf den Wanst von morgen.

Es ändert nichts

und ist doch bloß in meiner Rippenkammer

die Seele oder was darin gefangen,
die an dem Riegel rüttelt, und
nun läuft sie sich im Kreise wund,
obwohl sie weiß, sie wird nie raus gelangen.

Nach den Revolutionen

Mit auf dem Rücken verschränkten
Händen wandern sie, die Dichter
Über die Dünen und durchs Gebirg.
Und bedenken alles Überkommene
mit Spott

Musik der Frühe

Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und erste Sonne will herein.

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund …

Mit ’nem bißchen guten Willen geht’s schon

Der Mann trägt das Kind aus
und später noch zwei
Mit ’nem bißchen guten Willen
 geht’s schon