Startseite » Beitrag verschlagwortet mit 'Mea: Liebesfest'

Schlagwort-Archive: Mea: Liebesfest

Im Netz seit 1.1.2001

49. Süße sanfte Töterin

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor kurzem begonnenen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.*

Ausgewählt von Michael Gratz im Auftrag von Norbert Lange.

Heinrich von Morungen, da ist man rechtlich auf der sicheren Seite. Der Minnesänger starb vor beinahe 800 Jahren in Leipzig. Kein Erbe und kein Anwalt verbietet das Abschreiben.

Ich schwanke, nehme ich das Taglied oder das kleine mit der sanften süßen Töterin? Ich nehme beides.

Vil süeziu senftiu toeterinne

Vil süeziu senftiu toeterinne,
war umbe welt ir toeten mir den lîp,
und ich iuch sô herzeclîchen minne,
zwâre vrouwe, vür elliu wîp?
Waenent ir, ob ir mich toetet,
daz ich iuch iemer mêr beschouwe?
nein, iuwer minne hât mich des ernoetet,
daz iuwer sêle ist mîner sêle vrouwe.
sol mir hie niht guot geschehen
von iuwerm werden lîbe,
sô muoz mîn sêle iu des verjehen,
dazs iuwerre sêle dienet dort als einem reinen wîbe.

In möglichst wörtlicher Rohübersetzung (Wörtlichkeit wichtiger als „richtiges“ Verstehen):

Viel süße sanfte Töterin
warum wollt ihr mir den Leib töten,
wo ich euch so herzlich liebe,
wahrhaftig, Frau, mehr als alle Frauen?
Glaubt ihr, wenn ihr mich tötet,
daß ich euch nicht mehr anschauen kann?
Nein, meine Liebe zu euch hat mich dazu gebracht (genötigt),
daß eure Seele meiner Seele Herrin ist.
Soll mir hier nicht Recht geschehen
von euerm werten Leibe,
so wird meine Seele euch versichern,
daß sie dort eurer Seele dienen wird wie einem reinen Weib (einer unbefleckten Jungfrau).

Owê, sol aber mir iemer mê

1
Owê, —
Sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
Der trouc diu ougen mîn.
ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn.
Dô tagte ez.
2
‚Owê —
Sol aber er iemer mê
den morgen hie betagen?
als uns diu naht engê,
daz wir niht durfen klagen:
‚Owê, nu ist ez tac,‘
als er mit klage pflac,
dô er jungest bî mir lac.
Dô tagte ez.‘
3
Owê, —
Si kuste âne zal
in dem slâfe mich.
dô vielen hin ze tal
ir trehene nider sich.
Iedoch getrôste ich sie,
daz sî ir weinen lie
und mich al umbevie.
Dô tagte ez.
4
‚0wê,-
Daz er sô dicke sich
bî mir ersehen hât!
als er endahte mich,
sô wolt er sunder wât
Mîn arme schouwen blôz.
ez was ein wunder grôz,
daz in des nie verdrôz.
Dô tagte ez.

1
O weh, –
wird mir jemals wieder
durch die Nacht leuchten
ihr wohlgebauter Leib?
Der trog meine Augen.
Ich glaubte, es wäre
des hellen Mondes Schein.
Da tagte es.
2
„O weh –
wird er jemals wieder
den Morgen hier erleben?
Daß uns die Nacht vergeh
ohne daß wir klagen müßten:
‚O weh, nun ist es Tag‘,
wie er wehklagend tat,
als jüngst er bei mir lag.“
Da tagte es.
3
O weh, –
sie küßte ungezählt,
in jenem Schlafe mich.
Da fielen zum Boden
ihre Tränen nieder.
Doch tröstete ich sie,
so daß sie zu weinen aufhörte
und mich umarmte.
Da tagte es.
4
„O weh, –
daß er sich so oft
an mir sattgesehen hat!
Als er mich aufdeckte,
wollte er ohne Kleidung
mich Arme* nackt beschauen.
Es war ein Wunder groß,
daß ihm das nie zu viel wurde.“
Da tagte es.

*) Eigentlich mîn arme, meine Arme. Einige Forscher nehmen „mich Arme“ an, andere bestreiten es.

83. Schwere Kost

Die Gedichte des jüdischen Lyrikers Paul Celan (1920-1970) sind schwere Kost

wieso quälen sie sich nur so? Wer keinen Saumagen verträgt, kann ja was Leichteres essen, bloß mal metaphorisch. Natürlich paßt das nicht auf Celan; schon weil er Jude ist…

sind schwere Kost: Seine berühmte „Todesfuge“ thematisiert den Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten.

Ach so, deshalb. Wir dachten schon, die Gedichte sind so schwer. Es ist nur das unangenehme Thema. Irgendwie schwermütig:

Seine Lyrik hat die Schwermut eines Menschen, der seine Eltern im Holocaust verlor und als Zwangsarbeiter in rumänischen Arbeitslagern war.

(Nein, ich kommentiere jetzt nicht alles in diesem Gesülze. Alles nicht!) Es gibt ja auch ein bißchen Licht:

Doch wer Celan oft und aufmerksam liest, entdeckt in seinen Versen nicht nur Leid, sondern auch Liebe.

Ja ja, schön! Auch andere quälen sich und werden dafür belohnt:

Der Schauspieler Ben Becker hat dies getan: Er vertiefte sich in Celans Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“, erkundete dessen Vita bis in die Liebesbriefe Ingeborg Bachmanns. Herausgekommen ist ein gemeinsames Programm mit dem in Buenos Aires geborenen Klezmer-Klarinettisten Giora Feidman: „Zweistimmig – Hommage an Paul Celan“.

Er vertiefte sich, erkundete und las sogar. Erkannte also in diesem Leben nicht nur Leid, sondern auch die Liebe. Alles wird gut!

Zitate aus: Evangelischer Pressedienst. Landesdienst Ost.

Ich brauch jetzt Poesie.

Könnte von Bobrowski sein („Wo Liebe nicht ist, sprich das Wort nicht aus“), von Celan („Käme, käme ein Mensch…“), die erste Assoziation kam aber von Unica Zürn:

»ich weiß nicht, wie man die liebe macht«

wie ich weiß, »macht« man die liebe nicht.
sie weint bei einem wachslicht im dach.
ach, sie waechst im lichten, im winde bei
nacht. sie wacht im weichen bilde, im eis
des niemals, im bitten: wache, wie ich. ich
weiss, wie ich macht man die liebe nicht.«

(1959)

9. Bureau of Public Secrets

“Translations of Sappho, until recent years, have been fantastically inappropriate. . . . Today a sufficient number of literal translations by modern poets may enable the reader of English to envelop Sappho and measure her as we do distant stars by triangulation from more mundane objects. It then becomes apparent that we are not deluding ourselves. There has been no other poet like this. Wherever enough words remain to form a coherent context, they give one another a unique luster, an effulgence found nowhere else. Presentational immediacy of the image, overwhelming urgency of personal involvement — in no other poet are these two prime factors of lyric poetry raised to so great a power.”

—Kenneth Rexroth, Classics Revisited

Im

BUREAU OF PUBLIC SECRETS

zur Probe 30 Übersetzungen von Sapphos „Poem of Jealousy“ in verschiedene Sprachen, darunter Latein (Catull), Französisch (Ronsard) und Englisch (Phillip Sidney, George Byron, William Carlos Williams, Louis & Celia Zukovsky, Robert Lowell, Anne Carson und viele andere).

Auch deutsche Übersetzungen, die dort fehlen, gibts nicht zu knapp, so von Emil Staiger, Manfred Hausmann, Thomas Kling oder Dirk Uwe Hansen

Es handelt sich um Fragment Voigt 31, als Titel findet sich auch:  Liebessymptomgedicht (Tusculum-Ausgabe)

In Hansens Band „Sappho: Scherben – Skizzen“. (Potsdam: udo degener, 2012) stehen neben Übersetzungen jeweils freie Nachdichtungen.

Ich rücke hier mit freundlicher Erlaubnis beider Autoren Byrons Übersetzung und Hansens freie Fassung ein.

Equal to Jove that youth must be —
Greater than Jove he seems to me —
Who, free from Jealousy’s alarms,
Securely views thy matchless charms.
Ah! Lesbia! though ’tis death to me,
I cannot choose but look on thee;
But, at the sight, my senses fly,
I needs must gaze, but, gazing, die;
Whilst trembling with a thousand fears,
Parch’d to the throat my tongue adheres,
My pulse beats quick, my breath heaves short,
My limbs deny their slight support;
Cold dews my pallid face o’erspread,
With deadly languor droops my head,
My ears with tingling echoes ring,
And life itself is on the wing,
My eyes refuse the cheering light,
Their orbs are veil’d in starless night:
Such pangs my nature sinks beneath,
And feels a temporary death.

George Byron, um 1820

Könnte ein Gott sein, der Mann, du
lächelst, er guckt nur, ich weiß nicht
(werde stumm,
Herz bleibt stehen,
taub auf beiden Augen,

schwillt mir die Zunge,
unter der Haut verbrannt,
bleicher als Gras) bin ich
ganz tot oder nur
halb lässt sich manches ertragen.

Dirk Uwe Hansen, 2012

67. Schattenliebe

Zu den Feinheiten  von Novalis‘ Gedicht gehört das Wort Sonnenschein in der Zeile: „Uns barg der Wald vor Sonnenschein“. Das Wiederlesen bringt mich auf einen allerliebsten und denkwürdigen philologischen Fehler. Heinrich Heine, der in Paris lebte und liebte, wollte nach dem Erfolg seines „Buchs der Lieder“ einen zweiten Band folgen lassen. Doch sein Lektor Gutzkow lehnte ab.

Dichter der Reisebilder, man hat Dir viele Sünden vergeben, weil es Dornen an Rosen waren; aber diese neuen, Heine, die nur Dornen sind, vergibt man Ihnen nicht! Für »den ungezogenen Liebling der Grazien« gibt es auch eine Grenze, und diese haben Sie in jener Gesangsmanier längst überschritten. Sie kennen die allgemeine Stimme, die über Ihre Gedichte auf die Pariser Boulevardsschönheiten mit den stolzen Namen: Angelika u.s.w. im Salon in Deutschland herrscht; warum in dieser Manier noch eine so fruchtbare Nachgeburt? Nennen Sie mir die Nation, die solche Sachen in ihre Literatur aufgenommen hat? Wer hat in England, in Frankreich dergleichen zum Jocus der Commis herausgegeben, Gedichte, die man sich vorliest in Tabaksqualm, bei ausgezogenen Röcken, in einem gemieteten Zimmer, unter leeren Flaschen, die auf dem Tische stehen! Beranger scheut sich nicht, von einem nächtlichen Besuch bei einer Grisette zu sprechen; aber sagt er »ich habe mich wohlbefunden«? Spricht sich bei ihm je das Gefühl von Übersättigung und aufgestachelter sinnlicher Trägheit aus? Ich verletze Sie, indem ich dies schreibe, aber ich muß es Ihnen sagen; denn Sie scheinen mir in einer Sorglosigkeit über Ihren Namen befangen, die grenzenlos ist. Sie gehören doch einmal den Deutschen an und werden die Deutschen nie anders machen, als sie sind. Die Deutschen sind aber gute Hausväter, gute Ehemänner, Pedanten, und was ihr Bestes ist, Idealisten.

Aus: Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Hg. von Peter Demetz. Frankfurt am Main / Berlin / Wien: Ullstein 1974. ISBN 3-548-03033-5 (Brief vom 6.8.1838 an Heine)

Lustig, wie Gutzkow selbst den unanständig-französischen Namen Angelique germanisiert. Die Formulierung vom »ungezogenen Liebling der Grazien« stammt von Goethe, der sie auf Aristophanes anwendet. Das für die deutschen Biedermänner Unannehmbare: Heine besingt in der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ nicht die Liebe als (platonische) Himmelsmacht, sondern leibliche Liebe mit leichten Pariser Mädchen. (Man bedenke, daß Baudelaire ein begeisterter Leser Heines war und seine „Blumen des Bösen“ noch ungeschrieben.)

Heine repliziert:

Ich glaube überhaupt, bei späterer Herausgabe, kein einziges dieser Gedichte verwerfen zu müssen, und ich werde sie mit gutem Gewissen drucken, so wie ich auch den Satyrikon des Petron und die römischen Elegien des Goethe drucken würde, wenn ich diese Meisterwerke geschrieben hätte. Wie letztere sind auch meine angefochtenen Gedichte kein Futter für die rohe Menge. Sie sind in dieser Beziehung auf dem Holzwege. Nur vornehme Geister, denen die künstlerische Behandlung eines frevelhaften und allzu natürlichen Stoffes ein geistreiches Vergnügen gewährt, können an jenen Gedichten Gefallen finden. Ein eigentliches Urteil können nur wenige Deutsche über diese Gedichte aussprechen, da ihnen der Stoff selbst, die abnormen Amouren in einem Welttollhaus, wie Paris ist, unbekannt sind. Nicht die Moralbedürfnisse irgendeines verheirateten Bürgers in einem Winkel Deutschlands, sondern die Autonomie der Kunst kommt hier in Frage… «

An Gutzkow, 23.8. 1838.

Kurz, das Buch erschien nicht. Jahre später nahm Heine viele dieser Gedichte in seine „Neuen Gedichte“ auf. Der frühe Pariser Zyklus wurde erst 1982 bei Insel Leipzig rekonstruiert. Und jetzt der philologische Fehler. In der Erstausgabe der „Neuen Gedichte“ von 1844 enthält das Gedicht „Schattenküsse, Schattenliebe“ zwei sehr bezeichnende Druckfehler. Hier das Gedicht in der ersten Druckfassung:

Schattenküsse, Schattenliebe,
Schattenleben, wunderbar!
Glaubst du, Närrin, alles bliebe
Unverändert, ewig wahr?

Was wir lieblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,
Und die Herzen, die vergessen,
Und die Augen schlafen ein.

In dieser Form wurde es mehr als 130 Jahre lang gedruckt. Erst für die Rekonstruktion von 1982 korrigierte die Herausgeberin Renate Francke aus Heines Handschrift. Außer der Interpunktion (auf deren getreuer Übernahme Heine bestand) betreffen die Fehllesungen zwei Wörter. Statt wunderbar in der zweiten Zeile muß es heißen: wandelbar. Aus der moralisch verdächtigen Wandelbarkeit der „Schattenliebe“ wird „wunderbar“, ein Wort, das perfekt ins deutsche Biedermeier paßt. Heine wußte es. „Die Liebe muß sein platonisch / der dürre Hofrat sprach. / Die Hofrätin lächelt ironisch / und dennoch seufzet sie: ach!“.

Noch schöner der zweite Fehler. Statt lieblich am Anfang der zweiten Strophe muß es heißen leiblich. Leiblich! Aus einem Gedicht über Heines sensualistisches, antidualistisches Programm, aus Heines Realismus wird deutsches Biedermeier. Hier das Gedicht in seiner Originalgestalt:

Seraphine

IX.

Schattenküsse, Schattenliebe

Schattenleben, wandelbar!

Glaubst du, Närrin, alles bliebe

Unverändert, ewig wahr?

Was wir leiblich fest besessen
Schwindet hin, wie Träumereyn,

Und die Herzen, die vergessen,

Und die Augen schlafen ein.

In: Heinrich Heine: Buch der Lieder Zweiter Band. Aus dem Nachlaß rekonstruiert von Renate Francke. Leipzig: Insel Verlag, 1978, S. 38. (Dort wurden die 2 Fehler aus der Handschrift korrigiert, die Orthographie modernisiert – aus Träumereyn wurde Träumerein, die Interpunktion Heines jedoch original beibehalten.)

Bis heute aber steht Heines Gedicht in vielen Büchern und Internetquellen in der falschen Fassung, in der es harmlos und unverständlich ist. Und die Germanistik? Die hat die Fehler stillschweigend korrigiert. Siehe etwa in Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte. Kommentierte Ausgabe. Hrsg. Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2006 (u. öfter). Damit versündigen sie sich ein zweites Mal am Autor und am Leser.

66. Wie mir geschah

Novalis hat es faustdick ich sag mal hinter den Ohren.

esfaerbtesichAus:
Novalis Schriften, Band 2
Hrsg. Friedrich von Schlegel
In der Buchhandlung der Realschule, 1802

Download

33. nothing can be done

Chronik, 7.7.

17 Uhr

Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen,
 wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen,
wenn sie nicht liebt, bald wird sie lieben,
auch wenn sie nicht will.

Sagt Aphrodite zu Sappho, Frg. 1, in einer brandneuen Übersetzung: Sappho: Scherben – Skizzen. Übersetzungen und  Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: Udo Degener Verlag 2012. 62 S.

22 Uhr

comes love – nothing can be done

Mette Juul in ihrem Lied „Comes love“, gesungen beim Eldenaer Jazz Evening 2012 Mehr

24 Uhr

rocket number 9 take off for the planet VENUS

Heliocentric Counterblast, ebenda (Hier von Sun Ra)

124. Sprichwort

Bevor du liebst
lerne durch Schnee gehn
ohne Fußspur. 

Türkisches Sprichwort

Aus dem Englischen des Edward Powys Mathers, aus:

The Garden Of Bright Waters
One Hundred And Twenty Asiatic Love Poems
Translated by Edward Powys Mathers
1920

(hier online, Suche nach „Turkey“)

111. Meine Anthologie: Donnerstagsgedicht

Thursday
by Edna St. Vincent Millay 

And if I loved you Wednesday,
   Well, what is that to you?
I do not love you Thursday—
   So much is true.

And why you come complaining
   Is more than I can see.
I loved you Wednesday,—yes—but what
   Is that to me?

 

Lesetip:

Lyrik Kabinett Bd.4
Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay
Die Entdeckung Amerikas
Gedichte, Übertragungen, Essays. Herausgegeben von Gerhard Schuster. Mit Beiträgen von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp. Zweisprachig englisch/deutsch
306 Seite, Broschur
Buchgestaltung und Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach).
Lyrik Kabinett, München 2004
ISBN 978-3-9807150-3-4, 28,00 EUR

9. Zwei erotische Gedichte

Daniil Charms

An Marina

Wohin Marina richtest du den Blick
Den listigen in diesem Augenblick?
Wozu lockst du mit kindlicher Grimasse
Mich fort vom Tisch damit ich lasse
Die Bücher Bücher sein, Papier und Feder
Und trinke deine junge nasse …
Und mit der Hand die Brust dir halte.

Deutsch von Peter Urban, in: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 133 .

An Marina

Du blickst in mädchenhafter Laune
Und blinzelst so verführerisch.
Es will dein lockendes Geraune,
dass ich verlasse meinen Tisch
und vor dir auf die Knie sinke,
vergessend Feder und Papier,
und deine jungen Säfte trinke
und deine junge Brust massier.

<1935>

Deutsch von  Alexander Nitzberg, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Berlin: Verlag Galiani 2010, S. 181.

Марине

Куда Марина взор лукавый 
Ты направляешь в этот миг? 
Зачем девической забавой 
Меня зовешь уйти от книг, 
Оставить стол, перо, бумагу 
И в ноги пасть перед тобой. 
И пить твою младую влагу 
И грудь поддерживать рукой. 

<1935>

Ханс Даниил

(Im Original: Und trinken deine junge Feuchte, wobei влага, Feuchtigkeit, Nässe, an die Wörter влагать, hineinlegen, hineintun, und влагалище, Scheide, anklingt)

Wozu! Wozu den sitzt er hier
Wozu den sitzt er doch
Ich möchte einen Mädchen hier
Mit einem feuchten Loch.

<1932>

So im Original Deutsch, in: Daniil Charms: Sieben Zehntel eines Kopfs. Gedichte. Berlin: Verlag Galiani 2010, S. 186.  – 1931/32 war er zum ersten Mal in Haft.

Über seine zweite Verhaftung, die er nicht überlebte, schreibt Wikipedia:

Aber nicht nur die wirtschaftliche Situation war bedrohlich, auch sein soziales Gefüge änderte sich radikal: am 3. Juli Verhaftung von Nikolai Oleinikow, der am 24. November 1937 erschossen wurde; Verbannung von Oleinikows Frau; der verantwortliche Redakteur des Joschs starb im Lager, die Redaktionssekretärin des Kinderbuchverlags verbrachte 17 Jahre im Lager; am 6. August weitere Verhaftungen von Mitarbeitern des Kinderbuchverlags, von denen manche ermordet wurden wie der Physiker Matwei Bronstein; am 28. August Verhaftung der Familie von Charms’ erster Frau: Ester kam 1938 im Lager um, ihre vier Geschwister wurden zu 10 Jahren Lager verurteilt; am 5. September Zerschlagung von Marschaks Redaktion und Flucht von Marschak; am 14. September Verhaftung des ehemaligen Redaktionssekretärs des Joschs.[49]

Am 23. Oktober 1937 schrieb Charms in sein Tagebuch:

„Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, laß mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.“[50]

Und eine Woche später: „Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.[51]

Zwei Monate nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde Charms am 23. August 1941 zum zweiten Mal verhaftet. Dieses Mal wurde ihm die Verbreitung defätistischer Propaganda vorgeworfen.[52] Im rechtsmedizinischen Gutachten vom gleichen Tag heißt es: „Er ist orientierungsfähig. Er hat fixe Ideen, die Wahrnehmung ist gemindert. Er gibt absonderliche Vorstellungen von sich.“[53] Diagnostiziert wird „Psychose (Schizophrenie?)“.[54] In weiteren Vernehmungen bestritt Charms, Verbrechen gegenüber der Sowjetunion ausgeübt zu haben. Am 2. September wurde er in die benachbarte Gefängnispsychiatrie überstellt und dort am 10. September erneut für geisteskrank erklärt. Dieser Befund stützt sich auf das Gutachten vom Herbst 1939, als Charms eine Schizophrenie simulierte, um vom Dienst im Sowjetisch-Finnischen Krieg befreit zu werden. Damit hätte Charms entlassen werden müssen, am 26. November 1941 belastete ihn jedoch eine NKWD-Agentin schwer. Die Anklage am 7. Dezember lautete:

„Aufgrund des Resultats der gerichtspsychiatrischen Untersuchung vom 10.IX.1941 wird der Angeklagte Juvačëv-Charms in der ihm zur Last gelegten Schuld für geisteskrank und unzurechnungsfähig erklärt. [… Er] hat sich bis zu seiner völligen Genesung in eine psychiatrische Heilanstalt zur Zwangsheilung zu begeben.[55]

Mitte Dezember erfolgte die Einweisung Charms’ in die psychiatrische Anstalt des Leningrader Gefängnisses Kresty. Seine Ehefrau konnte ihn aus Unkenntnis seines Aufenthalts erst im Februar 1942 besuchen. Bei der Anmeldung erhielt sie die Auskunft: „Gestorben am zweiten Februar.“[56] Die mutmaßliche Todesursache während der Leningrader Blockade ist Unterernährung. Sterbe- und Bestattungsort sind unbekannt.

Die Enzyklopädie Krugoswet schreibt: starb im Gefängnis an Entkräftung.

47. Meine Anthologie 74: Anthologia Graeca (Poseidippos/ Asklepiades/ Nossis)

(Beitrag von 2001. Mehr von der Griechischen Anthologie hier)

I PRELUDE

POSIDIPPUS

Jar of Athens, drip the dewy juice of wine, drip, let the feast to which all bring their share be wetted as with dew; be silenced the swan, sage Zeno, and the Muse of Cleanthes, and let bitter-sweet Love be our concern.

V, 134

Poseidippos

Spende uns reichlich vom Tau des Bakchos, kekropische Flasche,
Tropfen seien geweiht unserem neuen Beschluß!
Nichts mehr von Zenon, dem weisen Schwan, und dem Dichter Kleanthes!
Leiten soll mich als Herr Eros, so bitter wie süß.

(Bd. 1, S. 108)

II LAUS VENERIS

ASCLEPIADES

Sweet is snow in summer for the thirsty to drink, and sweet for sailors after winter to see the garland of spring; but most sweet when one cloak shelters two lovers, and the tale of love is told by both.

V, 169

Asclepiades

Freudig genießt der Dürstende sommers den Eistrank, mit Freuden
grüßt der Seefahrer den Boten des Frühlings, den Kranz.
Größere Freude bereitet verliebten Pärchen ein Deckbett
und ein gemeinsames Lob für Aphrodites Geschenk.

(Bd. 1, S. 117)

III LOVE’S SWEETNESS

NOSSIS

Nothing is sweeter than love, and all delicious things are second to it; yes, even honey I spit out of my mouth. Thus saith Nossis; but he whom the Cyprian loves not, knows not what roses her flowers are.

V, 170

Nossis

„Lieben bedeutet das höchste Glück. Ihm folgen die andern
Glücksgüter. Honig sogar spiee für jene ich aus.“
So spricht Nossis. Die Frau, der Kypris die Liebe versagte,
kennt nicht die Schönheit, mit der blühend die Rose sich schmückt.

(Bd. 1, S. 117)

So übersetzt Friedrich Rückert:

Süßer denn alles ist Liebe, und über Lieb‘ ist auf Erden
Nichts; auch Honig und Meth reizet den Gaumen mir nicht.

So spricht Nossis, doch wen nicht Cypria liebte, der kennet
Ihre Rosen auch nicht, weiß nicht, wie lieblich sie blühn.

Plus doux que l’Amour, il n’est rien ! Les autres bonheurs ne viennent
Qu’en second : de ma bouche, j’ai même recraché le miel.
Voilà ce que dit Nossis. Celle que Cypris n’a pas embrassée,
Celle-là ne sait pas reconnaître les roses parmi les fleurs.

Griechisch hier

ANTHOLOGY

SELECT EPIGRAMS FROM THE GREEK ANTHOLOGY

by J. W. Mackail
First Published 1890 by Longmans, Green, and Co.
Etext prepared by John Bickers, jbickers@ihug.co.nz and Dagny, dagnyj@hotmail.com

hier

Deutsche Fassungen von Dietrich Ebener,
aus: Die griechische Anthologie in drei Bänden. Erster Band, Buch I ? VI. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1981

Die Anthologia Graeca

enthält mehr als 6000 Epigramme von über 300 Autoren vom 7. Jahrhundert vor bis zum 10. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Sie ist offenbar noch nicht im Netz zu finden – anders als Mackails Auswahl auf englisch bei Gutenberg (Adresse oben).Poseidippos (von Pella): 3. Jh. v.u.Z.

Asklepiades (von Samos): um 300 v.u.Z., ein Freund des Dichters Theokrit. Für seine Bedeutung spricht die Tatsache, daß eine der klassichen Odenformen nach ihm benannt ist: die asklepiadeische. Von ihm erhalten sind nur die (mehr als 40) Epigramme in der Anthologie. Welcher Barbar hat seine Oden verbrannt, weggeworfen, mißbraucht?

Nossis (von Lokroi): die Dichterin lebte um 300 v.u.Z.

Poesie und Genauigkeit.

Mackails Prosaübertragung von 1890 ist offensichtlich unendlich poetischer als die metrische Übertragung Ebeners. So sehr, daß ich meine, selbst mit einer Übersetzung der englischen Fassung ins Deutsche wäre der deutschen Poesie und ihren Freunden ein Dienst erwiesen.

Ich gehe noch weiter. Kann man Hölderlins (epigrammatische) Kurzode über Weisheit und Eros verstehen, wenn man die griechische Poesie aus deutschen Fassungen wie den obenstehenden kennt? Man lese die englischen Übertragungen – und dann Hölderlin:

Sokrates und Alcibiades

»Warum huldigest du, heiliger Sokrates,
»Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?
»Warum siehet mit Liebe,
»Wie auf Götter, dein Aug‘ auf ihn?

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,
Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblikt
Und es neigen die Weisen
Oft am Ende zu Schönem sich.

(Stuttgarter Ausgabe, Band 1, Seite 260 – Frankfurter Ausgabe Bd. 4, Oden 1)

Buch XII der Griechischen Anthologie übrigens heißt: Die Knabenmuse. Hölderlin knew.).

Übrigens war es der deutsche Dichter Hölderlin, der – auf Klopstocks Spuren – entdeckte, daß die exakte Nachbildung der griechischen Grammatik im Deutschen poetischer sein kann als die nach den Schulregeln des guten Stils (siehe seine Pindarübertragungen). Mackail sagt wie der Grieche (und die Griechin !): bitter-sweet love, Ebener: Herr Eros, so bitter wie süß.

Nachtrag 2011:

In der Übertragung von G. Economou:

Shower us, Attic jug, let Bacchus wet us down.
Yes, shower us and refresh our drinking party.
Quiet, Zeno, learned swan, and Kleanthes´ Muse,
the only singing here´s of sweet-then-bitter love.

Sweet in summer
to a thirsty man
is a drink of snow.
Sweet to sailors
after wintry weather
to feel spring´s Zephyr.
But sweeter´s still
the praise of Kypris
by two lovers
under a shared cloak.

Nothing is sweeter than love, all of life´s blessings
come in second. I have even spat out honey.
I, Nossis, say this, but one Kypris has not kissed
will not ever know what roses her flowers are.

(Aus dem Kommentar von Dirk Uwe Hansen)

104. Meine Anthologie: Körper und Seele Sapphos

Aus der „Griechischen Anthologie“, Buch V: Liebesepigramme

246 

Zart sind die Küsse der Sappho, zart der weißen 
Glieder Windungen, zart der ganze Körper.
Die Seele aber: aus Stahl, unerbittlich, nur bis 
zum Mund reicht die Liebe, der Rest: jungfräuliche Zone.
Wer kann denn das aushalten? Möglich vielleicht, dass, wer dieses erträgt,
auch den Durst des Tantalos ertragen könnte.

Paulos Silentiarios

Deutsch von Dirk Uwe Hansen

Eine mehrbändige Ausgabe der Anthologia Graeca wird im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG vorbereitet. Die Übersetzungen stammen von Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Jens Gerlach (Hamburg), Peter von Moellendorff (Gießen), Kyriakos Savvidis (Bochum) und Christoph Kugelmeier (Saarbrücken).

Eine metrische Übersetzung von Dietrich Ebener in Dietrich Ebener (Hg.): Die Griechische Anthologie. 1. Band. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1981, S. 140

Paulus Silentiarius (Paulos; † vor 581) war ein byzantinischer Dichter des 6. Jahrhunderts, von dem neben anderen Dichtungen etwa 80 Epigramme in der Anthologia überliefert sind.

Hier bei Wikipedia

Soft are Sappho’s kisses, soft the clasp of her snowy limbs, every part of her is soft. But her heart is of unyielding adamant. Her love reaches but to her lips, the rest is forbidden fruit. Who can support this ? Perhaps, perhaps he who has borne it will find it easy to support the thirst of Tantalus.

Aus:

The Greek Anthology with an English Translation by W. R. Paton in five volumes. Volume 1, 1916. Scanned by the Tim Spalding.

This edition of the Greek Anthology comes from Loeb Classical Library, translated by W. R. Patton with facing Greek text. Patton’s translation is broken into five volumes; at present, only volume 1 (books 1-6) is online. (Hier online)

Eine Barockversion von Daniel Czepko von Reigersfeld:

Alles, was ich seh an dir,
Deiner stellung wonn und zier,
Deiner wangen freundlich lachen,
Wan sie rosengrüblein machen,
Deiner augen scherz und spiel,
wan sie sind der meinen ziel,
deiner lippen lieblich küssen,
Wan sie sich zusammenschlüßen,
Deiner hände beutelei,
Deiner füße schockelei,
Aller deiner glieder sitten,
Wan sie mich sehn dich so bitten,
Nymphe, sprechen sämtlich ja;
Nein spricht bloß der mund allda,
Wan es soll zum halten kommen:
Daß er müßte ganz verstummen.

10. Meine Anthologie: Knabenmuse

Straton 12, 8

Εἶδον ἐγώ τινα παῖδα ἐπανθοπλοκοῦντα κόρυμβον
 ἄρτι παρερχόμενος τὰ στεφανηπλόκια·
οὐδ‘ ἄτρωτα παρῆλθον· ἐπιστὰς δ‘ ἥσυχος αὐτῷ
 φημί· “Πόσου πωλεῖς τὸν σὸν ἐμοὶ στέφανον;”
μᾶλλον τῶν καλύκων δ‘ ἐρυθαίνετο καὶ κατακύψας
 φησί· “Μακρὰν χώρει, μή σε πατὴρ ἐσίδῃ.”
ὠνοῦμαι προφάσει στεφάνους καὶ οἴκαδ‘ ἀπελθὼν 
 ἐστεφάνωσα θεοὺς κεῖνον ἐπευξάμενος. 

Einen Knaben sah ich, der legte Blumen und Ranken zusammen,
ich kam gerade an der Kranzflechterei vorbei.
Das traf mich, ich ging nicht einfach vorüber, blieb stehen und sagte mit leiser Stimme zu ihm:
„Für wieviel verkaufst du mir deinen Kranz?“

Er wurde rot, röter als die kleinen Rosen sind, senkte den Blick und
sagte: „Geh weiter, dass nicht der Vater dich sieht!“
Pro forma kaufte ich ein paar Kränze, zuhause
bekränzte ich damit die Götter und betete dabei um ihn.

Deutsch von Dirk Uwe Hansen

Eine mehrbändige Ausgabe der Anthologia Graeca wird im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG vorbereitet. Die Übersetzungen stammen von Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Jens Gerlach (Hamburg), Peter von Moellendorff (Gießen), Kyriakos Savvidis (Bochum) und Christoph Kugelmeier (Saarbrücken).

Eine metrische Übersetzung von Dietrich Ebener in Dietrich Ebener (Hg.): Die Griechische Anthologie. 3. Band. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1981, S. 118

Eine Übersetzung von Joachim Campe hier (Blumenladen)

Das Gedicht stammt aus Band 12 der Anthologia Graeca, die unter dem Tiel „Die Knabenmuse“ 258 Epigramme verschiedener Autoren umfaßt. Nummer 8 ist von Straton aus Sardes.

Wikipedia über den Autor:

Straton war ein aus Sardes stammender griechischer Dichter des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Straton kann wegen der Nennung des Arztes Artemidorus Capito unter Kaiser Hadrian datiert werden. Er wird am Beginn des 3. Jahrhunderts von Diogenes Laertios erwähnt. Ansonsten ist kaum etwas zu seinem Leben bekannt.

Von Straton sind 100 Epigramme überliefert, von denen 94 in seiner Anthologie Μουσα Παιδικη (Musa Puerilis) enthalten sind. In ihrer überlieferten, unvollständigen Form umfasst die Μουσα Παιδικη insgesamt 258 Epigramme verschiedener Autoren. Die Anthologie ist im 12. Buch der Griechischen Anthologie erhalten, einige wenige Epigramme im 11. Buch. Das fast einzige Thema dieser Epigramme ist die Päderastie. Die Gedichte zeichnen sich durch ihre formale Gewandtheit aus.

Wegen des tabuisierten Themas sind seine Gedichte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts oftmals nicht übersetzt worden. Die erste komplette englische Übersetzung erschien sogar erst im Jahr 2001 (von Daryl Hine), während es deutsche schon um 1900 gab (von Elisar von Kupffer).

Eine englische Version von George Economou:

Earlier in the day, he happened to pass
the store where they make garlands and saw a boy
weaving flowers with berries, and found himself moved.
He approached and asked about their quality,
and then, somewhat more quietly, for how much
would the boy sell him his garland. The boy blushed
redder than his roses, and bending his head,
told him to leave fast, lest his father see him.
As a pretence he bought a wreath and went home,
crowned his gods, and begged them to answer his prayer.

George Economou, Acts of Love: Ancient Greek Poetry from Aphrodite’s Garden, 2006

Von dem griechischen Dichter Konstantin Kavafis (1863-1933) gibt es eine moderne Bearbeitung:

Ρωτούσε για την ποιότητα

Aπ’ το γραφείον όπου είχε προσληφθεί
σε θέσι ασήμαντη και φθηνοπληρωμένη
(ώς οκτώ λίρες το μηνιάτικό του: με τα τυχερά)
βγήκε σαν τέλεψεν η έρημη δουλειά
που όλο το απόγευμα ήταν σκυμένος:
βγήκεν η ώρα επτά, και περπατούσε αργά
και χάζευε στον δρόμο.― Έμορφος·
κ’ ενδιαφέρων: έτσι που έδειχνε φθασμένος
στην πλήρη του αισθησιακήν απόδοσι.
Τα είκοσι εννιά, τον περασμένο μήνα τα είχε κλείσει.

Εχάζευε στον δρόμο, και στες πτωχικές
παρόδους που οδηγούσαν προς την κατοικία του.

Περνώντας εμπρός σ’ ένα μαγαζί μικρό
όπου πουλιούνταν κάτι πράγματα
ψεύτικα και φθηνά για εργατικούς,
είδ’ εκεί μέσα ένα πρόσωπο, είδε μια μορφή
όπου τον έσπρωξαν και εισήλθε, και ζητούσε
τάχα να δει χρωματιστά μαντήλια.

Pωτούσε για την ποιότητα των μαντηλιών
και τι κοστίζουν με φωνή πνιγμένη,
σχεδόν σβυσμένη απ’ την επιθυμία.
Κι ανάλογα ήλθαν η απαντήσεις,
αφηρημένες, με φωνή χαμηλωμένη,
με υπολανθάνουσα συναίνεσι.

Όλο και κάτι έλεγαν για την πραγμάτεια ― αλλά
μόνος σκοπός: τα χέρια των ν’ αγγίζουν
επάνω απ’ τα μαντήλια· να πλησιάζουν
τα πρόσωπα, τα χείλη σαν τυχαίως·
μια στιγμιαία στα μέλη επαφή.

Γρήγορα και κρυφά, για να μη νοιώσει
ο καταστηματάρχης που στο βάθος κάθονταν.

Deutsch: Er fragte, wie gut sie sind – In: Konstantinos Kavafis: Um zu bleiben. Liebesgedichte. Übersetzung Michael Schroeder. Mit 13 Radierungen von David Hockney. Bibliothek Suhrkamp 1020, 1989, S. 95f. – Er fragte nach der Qualität. (1930). In: Konstantinos Kavafis: Das Gesamtwerk. Übersetzung Robert Elsie. Zürich: Ammann 1997, S. 261 (Die Ausgabe auch als Fischer Taschenbuch 1999)

Englisch von Edmund Keeley/Philip Sherrard hier http://www.cavafy.com/poems/content.asp?id=125&cat=1

107. Meine Anthologie: Entzücken beim Anblick eines nackten Mädchens*

Im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG erscheint in Kürze eine Neuübersetzung der „Anthologia Graeca“. Die dreibändige Ausgabe von Friedrich Ebener aus dem Ostberliner Aufbau Verlag von 1981 (Die Griechische Anthologie in drei Bänden, Bibliothek der Antike) ist seit langem vergriffen. Ebener übersetzte die gesamte Sammlung in Versen. Die Herausgeber der neuen Ausgabe haben sich zur Prosaübersetzung entschlossen, weil die metrische Übersetzung mit zu hohen Kosten an Genauigkeit verbunden ist.

Der Übersetzer Dirk Uwe Hansen (Greifswald) hat mir mit Erlaubnis des Verlages eine Probe aus dem Buch zur Verfügung gestellt, die ich in den nächsten Tagen – von Fall zu Fall mit zusätzlichem Material – hier vorstellen werde. Ich beginne zum Osterfest mit einem Epigramm von Philodemos, Nr. 132 aus den Liebesepigrammen.

Philodemos von Gadara (griechisch Φιλόδημος; um 110 – um 40 v. Chr.) war ein epikureischer Philosoph und Dichter, der um 80 v. Chr. nach Rom kam und dort Vergil kennenlernte. In der Anthologie sind rund 30 Epigramme von ihm enthalten, hauptsächlich erotischer Natur.

V, 132 Philodemos

Dieser Fuß! Dieses Schienbein! Diese (hier muss ich zugrunde gehen)
Schenkel! Diese Hüften! Diese Flanken! Die Grübchen am Bauch!
Schultern! Diese Brüste! Dieser zarte Hals!
Diese Arme! Diese (ich verliere den Verstand) Augen!
Diese zierliche Bewegung! Und über alles erhabene
Küsse! Diese (schlag mich tot) Stimme!
Ist sie auch eine Barbarin und Fremde und singt nicht Sapphos Lieder,
na und? Auch Perseus hat sich in Andromeda aus Indien verliebt.

– Das erste Distichon lautet bei Ebener:

Herrlich der Fuß und die Wade, der Schenkel – ich könnte vergehen! –
ooHintern und Hüften und Scham, üppig vom Flaume bedeckt

  • Philodemos bei Wikipedia
  • Hier eine englische Übersetzung von George Economou (Nr. XV).
  • Hier ein Epigramm auf Deutsch
  • Liebesepigramme aus der Ausgabe von Hermann Beckby, Ernst Heimeran Verlag München 1957 (Nr. 132)
  • PDF der „Epigrammatum anthologia palatina cum Planudeis et appendice nova epigrammatum veterum ex libris et marmoribus ductorum“ Griechisch und Latein
  • Die Handschrift der Anthologia Palatina findet man hier (nach dem Hinweis im Kommentar nachgetragen)

*) Vgl. hier

94. Wirre, wunderliche Worte

Er ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler und von ganzem Herzen Romantiker: „Ein Leben ohne Gedichte, diese kleinen Leuchtfeuer in der Dunkelheit, ist mir heute nicht mehr vorstellbar.“

Ulrich Tukur hat seine Sammlung der deutschen Liebesgedichte „Wehe, wirre, wunderliche Worte“ herausgegeben. Katharina John hat dafür in ihren Photographien tanzende Paare eingefangen, die illustrieren sollen, dass im Tanz – wie im Gedicht – der Mensch eine leichte, spielerische Form findet, die Einsamkeit, Distanz und Sprachlosigkeit aufhebt. / Hamburg-Magazin

Ullstein Verlag, 176 Seiten, Preis: 14,- Euro

Das in Tukurs  Titel zitierte Gedicht (der Schauspieler schmuggelte ein paar eigene Verse in die Sammlung) stammt von Alfred Lichtenstein (1889-1914), ich nehms aus Anlaß der Wiederbegegnung in meine Anthologie:

Alfred Lichtenstein

Der Rauch auf dem Felde

Lene Levi lief am Abend
Trippelnd, mit gerafften Röcken
Durch die langen, leeren Straßen
Einer Vorstadt.

Und sie sprach verweinte, wehe,
Wirre, wunderliche Worte,
Die der Wind warf, daß sie knallten
Wie die Schoten,

Sich an Bäumen blutig ritzten
Und verfetzt an Häusern hingen
Und in diesen tauben Straßen
Einsam starben.

Lene Levi lief, bis alle
Dächer schiefe Mäuler zogen,
Und die Fenster Fratzen schnitten
Und die Schatten

Ganz betrunkne Späße machten –
Bis die Häuser hilflos wurden
Und die stumme Stadt vergangen
War in weiten

Feldern, die der Mond beschmierte …
Lenchen nahm aus ihrer Tasche
Eine Kiste mit Zigarren,
Zog sich weinend

Aus und rauchte …

Alfred Lichtenstein: Dichtungen. Zürich: Arche 1989, S. 16

Das Gedicht besteht aus vierzeiligen Strophen, deren erste drei Verse vierhebig und die vierte jeweils zweihebig sind, ausnahmslos alle Zeilen mit zweisilbiger (weiblicher) Kadenz. Das Gedicht scheint reimlos, jedoch weist es durchgehend in jeder Strophe mindestens zwei durch Assonanz verbundene Verse auf. Die Assonanz (die im Deutschen oft gar nicht als Reim erkannt wird) ist ein Halbreim, bei dem die letzte betonte Silbe den gleichen Vokal hat, während die Konsonanten abweichen. Vierzeilige Strophen aus vierhebigen Trochäen mit Assonanz statt (Voll-)Reim heißen Romanzenstrophe, die spanische Entsprechung zur deutschen Volksliedstrophe. Die deutschen Romantiker bürgerten die Form ins Deutsche ein.

Die Expressionisten benutzen den vierhebigen Trochäus gern (auch Georg Trakl, der wie Franz Kafka die Bezeichnung Expressionist für sich wohl nicht akzeptierte). Die Form ist so häufig, daß ich von „expressionistischem Trochäus“ spreche.

Meine Vermutung über den „expressionistischen Trochäus“  ist, daß die Form sich im Deutschen anbietet, weil man vier zweisilbige Wörter, die im Deutschen in der Regel auf der ersten Silbe betont werden, unverbunden nebeneinander stellen kann. Alte Plätze sonnig schweigen. Vier „schwere“ Wörter nebeneinander füllen den Vers perfekt und ohne Füllsel. Die Kompaktheit der Zeilen erinnert mich an manche expressionistischen Gemälde mit starken Konturen.

Ein paar Beispiele von Lichtenstein:

  • tödlich blauen blanken Himmel 57
  • sieben geile Männlein rannten 29

(ein anderes Gedicht von Lene Levi: der Name paßt exakt in den vierhebigen Trochäus, ist schon die Hälfte).

und von Trakl:

  • Kläglich eine Amsel flötet 9
  • Nächtens übern kahlen Anger 10
  • Schatten gleiten übers Kissen 11
  • Wolken über stummen Wäldern 11
  • Alte Plätze sonnig schweigen 15

Expressiv wird der Vers bei Lichtenstein auch durch weitere sprachliche Mittel. Markante Alliterationen schaffen zusätzliche Klangverbindungen, so gleich am Anfang und im Innern noch einmal: Lene Levi lief, so mehrmals im Innern und dann ganz besonders in der zweiten Strophe der vier- oder sogar fünffache W-Anlaut: ver-weinte wehe wirre wunderliche worte (auch hier dreimal hintereinander die trochäischen Zweisilber weinte wehe wirre…).

Der Bau des Trochäus aus vier zweislibigen Wörtern schafft einerseits Geschmeidigkeit, ein leichtes Vorangleiten. Die meisten Zweisilber gleiten dahin, wie auf „langen leeren Straßen“. Nur wenige Einzelwörter sperren sich mit ihrem Klangmaterial, hier das „Trippelnd“ der zweiten Zeile. Zunächst sind es die Konsonantenverbindungen, die den Bewegungsfluß des leichten Metrums hemmen: tr-pp-lnd. Die vielen Konsonanten sind nicht nur für Ausländer vielleicht eine Schwierigkeit, auch der Muttersprachler kann das Wort nicht so schnell aussprechen. Das hat auch einen metrischen Effekt: obwohl es im Deutschen nicht wie im alten Griechischen klar wahrnehmbare Silbenquantitäten gibt, die alten Griechen „maßen“ die Silbenlänge, daher der Name Metrik, wie Meter von Messen, wir „wiegen“ die Silben nach Gewicht (Betonung), der Trochäus ist also im Griechischen lang-kurz, bei uns stark-schwach. Auch bei trippeln ist die erste (die Stamm-)Silbe stark, die Endungssilbe schwach. Wir neigen dazu, die schwachen Endungssilben zu verschlucken, was Auswirkungen auf das Metrum hat. Wir sin-gen nicht, sondrn singn: viele Wörter werden also gesprochen einsilbig, und das Metrum geht flöten. Die gehäuften Konsonanten bremsen das Verschlucken aus. Mit einem Meßgerät könnte man nachweisen, daß man für die „schwache“ Silbe „pelnd“ mehr Zeit braucht als für „tri“: es ist mindestens ein Laut mehr zu sprechen. Der zur Regelmäßigkeit neigende vierhebige Trochäus kommt hier zum ersten Mal ins Stocken. Spannung entsteht zwischen dem dahingleitenden Rhythmus und den Sprachhemmern. Hämmern! Den Rhythmus hemmend wirkt auch die Verkürzung der vierten Verse jeder Strophe. Und hier das gleiche rhythmische Phänomen in dem Strophenschlußwort „Vorstadt“. Zwar betonen wir korrekt die erste Silbe, aber das -stadt hat mehr Laute und zusätzlich das Gewicht des selbständigen Substantivs. Trippelnd und Vorstadt sind nicht stark-schwach, sondern stark-stark.

(Man muß das nicht bemerken, um die Wirkung zu erfahren. Lautes Sprechen, möglichst ohne Verschlucken, genügt.)

Die Zeilen von Lichtenstein zitiert aus der genannten Ausgabe, die von Trakl aus: Georg Trakl, Das dichterische Werk. dtv 1972, 11. Aufl. 1987

131. Meine Anthologie 70: Adonis, Die Verirrung

Adonis

Die Verirrung

Einmal verirrte ich mich zwischen deinen Händen.
Meine Lippe war eine Zitadelle, sehnte sich nach einer ungewöhnlichen Eroberung.
sie liebte die Umzingelung.
Du schrittest voran,
deine Hüfte eine Majestät,
deine Augen Versteck und Freund.
Wir vereinigten uns. Wir verirrten uns. Wir betraten
den Wald des Feuers – Ich machte den ersten Schritt,
du eröffnetest den Weg…

(Teil 3 des Gedichts/ Gedichtzyklus „Spiegel für Khaleda“)

Adonis: Der Baum des Orients. Gedichte. (Der orientalische Diwan 4). Aus dem Arabischen von Suleman Taufiq. Berlin: Edition Orient 1989, S. 45.

Hinweis: Numerierte Beiträge meiner Anthologie gehören zur ersten Staffel, die ich 2000/2001 vor und außerhalb der Lyrikzeitung begann und die ich sukzessive hier einarbeite.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 472 Followern an