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Archiv der Kategorie: Latein

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L&Poe Rückblende – September 2001

Wie ist doch die Zeitung aktuell

Am 1. September 2001 druckt die taz Notizen von Klaus Siblewski zu Telefongesprächen mit Ernst Jandl.  Am 4. 10. 1998 ein immer aktueller Vorschlag:

Ob ich ihm mein Ohr leihen könnte, ein Ohr und vielleicht noch ein Stück meines Verstandes und die Hälfte von meinem Herzen dazu: Er schlage vor, mir vor, sämtliche österreichischen Tageszeitungen müssten für einen Abdruck seines Gedichts „16 jahr“ gewonnen werden, wider die Hetzerei gegen Ausländer. Das sei sein Beitrag zu den bevorstehenden Wahlen. Was ich davon hielte?

Klaus Siblewski: „Telefongespräche mit Ernst Jandl“, Luchterhand Verlag, München 2001, 190 Seiten, 18,50 Mark 

Da war 9/11 noch 10 Tage hin. Drei Wochen später schreibt Frank Schirrmacher in der FAZ, und es klingt wie eine Drohung:

Bushs Auftritt (gemeint ist die Rede vor dem Kongreß) wird die westliche Kultur verändern. / FAZ 22.9.01

Hoffentlich müssen wir nicht nächste Woche solch einen Satz über Trump lesen.

Thomas Kling lebt

und ruft begeistert in Hombroich über die Sprache Anne Dudens aus:

Was für ein schönes Deutsch!

/ Jörg Zimmer, Neuß-Grevenbroicher Zeitung 11.9.01

Roman Bucheli über Kling

Kling ist zwar in der Bundesrepublik aufgewachsen, das Epizentrum seines lyrischen Schaffens liegt indessen anderswo. Konrad Bayers oder H. C. Artmanns Wien lockte ihn stärker als Berlin oder die deutsche Provinz; der Üppigkeit des Barock konnte er mehr abgewinnen als dem Innerlichkeitstaumel der Gruppe 47; das Spröde der Dadaisten war ihm lieber als der Bilderrausch der Expressionisten. Früh schon machte er sich – mit Lust – am Material zu schaffen: Er zersetzte, was im Mundraum morsch geworden war, und fügte anderseits zusammen, was ihm an Sprachbruchstücken von allen Seiten her zufiel. Benns Forderung nach dem Kalthalten des Materials machte er sich zu eigen; zugleich erprobte er, in der Tradition eines Hugo Ball oder Ernst Jandl, die Rückführung des Gedichts in gesprochene Sprache.

Die Technik des harten Schnitts hatte Kling einst bei Friederike Mayröcker gelernt; in seiner Lyrik hatte er sie mit beeindruckender Virtuosität ausgeübt; und nun arrangiert er das Material der Literaturgeschichte nach dem gleichen Prinzip.

(…) Thomas Kling hat einen Hang zum Holzschnittartigen. Das kommt seiner Polemik zugute: Rilke gilt ihm als «Nervenfaun» und Enzensberger als «Intelligenzler im Ruhestandsalter»; er belächelt Hofmannsthals «dünn-aristokratisches Schwammerlsüppchen» und Ingeborg Bachmanns «artifizielle Schneewittchenhaftigkeit»; die Lyrik der fünfziger Jahre hält er für «ein angestrengtes Waten in Vierfruchtmarmelade», während er andernorts das «insgesamt Verdruckste der deutschsprachigen Nachkriegslyrik» herausstellt. So räumt Kling mit einem Federstrich ab. / Roman Bucheli, NZZ 6.9.01

Thomas Kling: Botenstoffe. DuMont-Verlag, Köln 2001. 250 S., Fr. 36.-./

Michael Braun interviewt Kling

Frage: Ein beliebtes Gesellschaftsspiel unter deutschen Dichtern ist derzeit das „Avantgarde-Bashing“. Von Hans Magnus Enzensberger bis Dirk von Petersdorff ertönen die Hasstiraden auf die Helden der „ästhetischen Moderne“. Sie treten dagegen offensiv als Verteidiger der Avantgarde auf. Sind denn die von ihnen gepriesenen Dada- und Surrealismen nicht schon längst tote Materie der Literaturgeschichte?

Antwort: Abgesehen davon, dass der Surrealismus bei deutschen Autoren nie reüssieren konnte – uns fehlt da offenbar ein Organ – ist der Dadaismus, allein was die Bühnenwirksamkeit von dichterischer Sprache anbelangt, von enormer Wirksamkeit. Man denke an die Poetry-Slams heute, die ohne das, was ich als ,Frühe Performance‘ bezeichne, gar nicht denkbar wären. Immer, wenn der Mainstream zu stark wird, kommen so Leute wie die Dadaisten und pusten mal kurz durch. Enorm erfrischend für die Sprache. Die Harmlosen sind ja auch in der Poesie immer wieder stark gewesen, wie zur Zeit eben auch. Nur: Muss ich mir das bieten lassen? Keineswegs. Einer muss den Müll runterbringen. / Rheinpfalz 1.9.01

Horaz ist tot

Was [im Lateinunterricht] gut geht, sind die Lyrik Catulls und die Epigramme Martials, die Germania des Tacitus und die Liebeskunst des Ovid , Petrons Gastmahl des Trimalchio und selbst die Satiren des langatmigen Frauenhassers Juvenal, wenn man die Stücke einigermaßen geschickt aussucht. Alle diese Autoren und Bücher haben zwei Dinge gemeinsam: Sie bescheren, ohne Vorlauf, schon nach relativ kurzen Lesestrecken das befriedigende Gefühl, sich etwas Neues, Ganzes angeeignet zu haben; und sie besitzen ein starkes stoffliches Interesse. Es bleibt nach der Übersetzung, so wackelig sie sein mag, eine lohnende Sache in der Hand, ein selbst geschürftes Nugget. Denn Lesen heißt hier unbedingt: übersetzen.

Ich habe es nahezu unmöglich gefunden, in einem solchen Kurs die Oden des Horaz zu lesen, die immer als sein Hauptwerk gegolten haben. Auch sie besitzen zwar die erforderliche Kürze; aber es bleibt, abgelöst von ihrer Ursprungssprache, nichts von ihnen übrig. Noch der nicht minder formbewusste Catull belohnt es einem, wenn man nur einigermaßen kapiert, was los ist. Horaz nicht; er ist nur im Lateinischen vorhanden.

(Und das, obwohl Nietzsche, der auch tot ist, gesagt hat: Was Horaz im Lateinischen geleistet habe, das könne man im Deutschen nicht einmal wollen.) / Burkhard Müller, Berliner Zeitung 1.9.01

Pound ist tot

Immerhin bin ich aber auch noch mit dem alten Ezra Pound zu Tisch gesessen und habe ihm in die Jahrhundertaugen geblickt. Wo gibt es solche Augen in Dichterköpfen noch heute? In den Spoletiner Gassen blieben wie angewurzelt die Frauen stehen, hoben ihre Kinder in die Höhe und zeigten ihnen voller Andacht den spazierenden Pound: „Ecco poeta“. / Klaus Geitel, Die Welt 1.9.01

Liebesgedichte eines Türken aus Bamberg

Nevfel Cumart, dunkle Haare, dunkle, leuchtende Augen. Gelernter Zimmermann, studierter Islamwissenschaftler, Schriftsteller von Beruf, Herkunft türkisch. Ein Wanderer zwischen zwei Kulturen. Einer, der seine Erlebnisse und Empfindungen in Poesie umwandelt, der seit vielen Jahren Lyrik auf Deutsch schreibt. Ein Dutzend Gedichtbände hat der 37-Jährige, der in Deutschland geboren ist, bislang veröffentlicht. Lyrisches über Heimat, Vergangenheit, Zukunft, aber auch über die Liebe. …

Der Kulturspagat sei schwierig, aber inzwischen sei es für ihn müßig, sich zu fragen, was er sei, antwortet Cumart. „Ich bin ein Mensch, der von beiden Kulturen beeinflusst ist.“ Wichtig sei nicht, Türke oder Deutscher, sondern menschlich und höflich zu sein.  / Frankfurter Rundschau 28.09.2001

Die in Griechenland geborene Düsseldorferin Anna Tastsoglou

dichtet auf Deutsch:

Ausgewandert
aus meiner Sprache
aus meinem Ich
aus meiner Heimat
sprachlos
ichlos
heimatlos
unleserlich

Genauso wenig sprachlos, wie knapp 50 weitere Autorinnen und Autoren, die es unter den 400 000 in Deutschland lebenden Griechen gibt. 26 von ihnen, die mit ihrer Prosa und Lyrik, oft in beiden Sprachen, oft im Selbstverlag, manchmal in renommierten deutschen und griechischen Verlagen, den Balanceakt zwischen zwei Kulturen meistern, hat die Fotografin Papoulias in sensiblen Schwarz-Weiß-Porträts eingefangen.
Die Fotodokumentation „Ich schreibe. Griechische Autorinnen und Autoren in Deutschland.“, mit deutschen und griechischen Texten, ist bis zum 11. November im ersten Stock des Historischen Museums, Saalgasse 19, zu sehen. /Monika Cieslik,  FR 29.9.01

wahnsinniges gedicht

Ich schließe meinen Reflex auf Jandls Letzte Gedichte mit einem Hinweis auf „wahnsinniges gedicht“, das in seiner Art noch einmal über alles Gedruckte hinausweist, indem es den Horizont für das Nicht-Gesagte – für immer im Kopf des Dichters Verschlossene – und mit ihm zu Grabe Getragene öffnet. „weder durch flüstern, sprechen, schreien / heulen, tränen spritzen / noch spucken, schlucken, husten, kotzen / die nase schneuzen, in der nase bohren / ohrenausblasen, ohrenschmalz entfernen“ sei es bislang aus seinem Kopf herausgekommen und je in die Form von Schrift gelangt: „es fraß ihm das gehirn auf; / wahnsinn dankt“.

Ernst Jandl : Letzte Gedichte. Hrsg. von Klaus Siblewski. Luchterhand Verlag, München 2001, 18,50 DM. / Kurt Riha FR 18.9.01

Komplexer Text

Der algerische Schriftsteller Rachid Boudjedra sprach in St. Gallen

Wenn Poesie heute lästig ist, obwohl sie sich doch immer rarer macht, so liegt das nach Ermessen von Rachid Boudjedra daran, dass sie durch ein dickes störendes Rauschen aus Daten des Realen hindurch die Welt bis ins Mark trifft. Dieses Rauschen erlaube es widersinnigerweise, sich im Realen einzunisten, nicht um die Realität, sondern das Bewusstsein wiederherzustellen. «Wir haben jetzt also einen komplexen Text (das Gedicht), der die Welt, anstatt sie künstlich zu vereinfachen, in ihrer Kompliziertheit und ihrer Mehrdeutigkeit wiedergibt.» / Tagblatt 25.9.01

Edna St. Vincent Millay’s poetry

is vital, visceral, immediate and delightfully lyrical. Yes, she lived in Greenwich Village in the 20’s and in Paris in the 30’s; yes, she was a self-described nymphomaniac, a colossal celebrity, the recipient of dozens of honors. But the best of her liveliness and her passion she poured into her poetry, which is still the truest record of the lovely light shed by a candle burning at both ends.
/ The New York Observer 27.8.

Controversial poem: „Kill him!“

A Jordanian poet, Musa Hawamdeh, says the authorities  in Amman have seized copies of a book containing a  controversial poem by him.

Mr Hawamdeh told the BBC that the authorities  confiscated the books after Jordanian Islamists  described him as an apostate and called for the death  penalty if he doesn’t repent.

Islamists say the poem, entitled ‚Joseph‘, contradicts  the story of Joseph as it is told in the Quran, but Mr  Hawamdeh says the poem is purely metaphorical. The  controversy follows the trial in Lebanon this year of the  songwriter Marcel Khalife for using words from the Quran  in his songs. / From the newsroom of the BBC World Service 24.3.00

Catwalks and Nazis

Tadeusz Rozewicz, Poland’s leading poet, fashions gold from unlikely amalgams in his new anthology Recycling. James Hopkin applauds his warm irony and self-effacing voice

…Indeed, Rozewicz employs language stanzas (in German, English, Latin) as much for their authenticity as for their musicality. Myriad linguistic registers jostle for contention, too, from the gutter press to Goethe. Though harmonised by his warmly ironic, self-effacing voice, these disparate elements ’speak in accents of tin and rust/ they buzz and hiss‘ as an earlier poem, ‚Warmth‘, promises. / The Observer Sunday September 2, 2001

Kein poetisches Volk

„In der Schweiz wird gegenwärtig wenig für Lyrik getan. Was in anderen Ländern und Sprachregionen einen hohen Stellenwert hat, tut man hierzulande schnell ab mit dem Hinweis, wir seien kein „poetisches Volk“. Diese Qualifikation ist ungefähr so hochstehend, wie wenn es heissen würde, wir seien kein technisch begabtes Volk und demnach fürs Autofahren so ungeeignet, daß man das gar nicht braucht. Kurz, wir möchten etwas aufbauen, das einen lebendige, innovative Tradition geben könnte, wenn der Start gelingt. Zu den Voraussetzungen gehört, daß es in der Schweiz, in diesem Fall insbesondere der Ostschweiz, nicht schadet, mit der Zeit als eine Art geistiger Kernpunkt für moderne Lyrik/Literatur zu gelten“ (Beat Brechbühl, Schriftsteller, Verleger und Mitorganisator der Frauenfelder Lyriktage)

Gedicht mit Zweck

Die Verächterin „zweckfreier“ Lyrik (also die taz)

so begann ich im September 2001 eine Nachricht,

druckt heute ein Gedicht mit einem Zweck (der obendrüber steht). Autor ist Klaus Theweleit. Hier der Schluß:

Wer all das „realisiert“ haben möchte
In Eisen, Stein, Beton, Farbe, Blech
In Kommissionsvoten & Regierungsbeschlüssen
Soll auch verewigt werden
In Tafeln auf dem Platz
In einer Liste Neuerer Täter
Unschuldiger Täter
Die nichts taten
Als an das Gedenken zu denken
Das sie den ermordeten Juden zu geben bereit waren
In einem Mahn- und Denkmal großen Stils.
Damit dieser leidigen Angelegenheit
Nun endlich Genüge getan wäre
Nach Zwangsarbeiter-„Entschädigungs“-Modell –
„Und keine weiteren Ansprüche, bitte,
Aus Amerika oder sonst woher“
Sonst lassen wir das Ding
Noch platzen.
*****
Im Wort Israel
Steckt eine Antwort
die das Wort sich selber gibt:
Israel is real
Unsere Realität dagegen
Liegt im Unverwirklichten
Liegt im Bleibenlassen
Dessen was Bleiben will
Und sehen, ob es hier leben kann
Unbe(ob)achtet.

Zungenreden und amerikanische Kultur

„Glossolalia itself, Wacker concedes, is not a language, for it lacks tenses, grammar, and syntax. But neither is glossolalia nonsense. We are best off understanding the phenomenon of speaking in tongues partly as an involuntary physiological process that takes control of believers, but also partly as a process that believers consciously know how to enter and to leave. And speaking in foreign tongues–well, that, he suggests, may have happened because „ideology dictated behavior.“ If you were convinced that the Lord was about to make his appearance in the world, you could speed up the process of saving souls in foreign lands by convincing yourself that you spoke the languages that they used. / Alan Wolfe, The New Republic 27.8.01

Heaven Below: Early Pentecostals and American Culture
by Grant Wacker
(Harvard University Press, 364 pp., $35)

Neuer Anfang mit Hölderlin

Mit dem Erscheinen der Bände 7 und 8 legt die Frankfurter Ausgabe nun – kurz vor Schluss – endlich vor, was nicht nur der Auffassung des Herausgebers nach, als ihr Herzstück gelten muss und einem frühen Plan nach ihr erster und einziger Gegenstand hätte sein sollen: nämlich die Edition des lyrischen Spätwerks von Hölderlin, insbesondere des als Homburger Folioheft bezeichneten umfangreichen Manuskripts. Unter dem lapidaren, das leicht missdeutete Beiwort „vaterländisch“ bewusst auslassenden, Titel Gesänge findet man nun jene viel interpretierten Texte, auf die sich der Ruhm Hölderlins seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet hat: zum Beispiel die Gedichte „Der Rhein“, „Germanien“, „Patmos“, „Der Einzige“, „Friedensfeier“, „Andenken“, „Mnemosyne“.

Man findet diese Texte einmal in ihren handschriftlichen Zusammenhängen, wie sie im Faksimile erscheinen (Band 7) und dann in einer chronologischen Edition (Band 8), die die Gesamtheit dessen, was Sattler als das Integral des von Hölderlin intendierten Gesangs versteht – das heißt auch all das, was in der Stuttgarter Ausgabe in der Rubrik „Pläne und Bruchstücke“ untergebracht oder in den Varianten behandelt wurde – in 288 Segmente gliedert und gleichberechtigt in einen vermuteten Entstehungszusammenhang stellt.  / FR 1.9.01

Originalton Verlagsanzeige: „Das Resultat unterscheidet sich so grundlegend von den bisherigen Ausgaben, dass ein neuer Anfang mit Hölderlin zu hoffen (…) ist.“
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von D.E. Sattler. Band 7 / 8: Gesänge I / II. Verlag Stroemfeld / Roter Stern, Frankfurt am Main 2001, zusammen 1024 Seiten, je Band 224 DM.

Ramon Llull starb vor 700 Jahren

Die Vertretung der Regierung von Katalonien in Deutschland teilt über ihre Facebookseite mit:

Ramon Llull, der Meister der katalanischen Sprache, starb 1316, also vor 700 Jahren. Dieses Jubiläum wird derzeit von der Katalanisch sprechenden Welt, die neben Katalonien auch Valencia und die Balearen umfasst, ausgiebig gefeiert.

und verlinkt einen Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 29.8. von Reinhard J. Brembeck. Auszug:

Die Legende, die ja immer der Wirklichkeit überlegen ist, berichtet, dass der 84-Jährige bei seinem dritten Aufenthalt in Tunis die Muslime mit seinen christlichen Predigten derart aufgebracht habe, dass sie ihn zuerst gesteinigt und den Halbtoten dann ins Gefängnis geworfen haben. Auf der Rückfahrt nach Mallorca sei Ramón Llull dann beim Anblick seiner geliebten Heimatinsel gestorben.

Das war 1316, also vor 700 Jahren. Dieses Jubiläum wird derzeit von der Katalanisch sprechenden Welt, die neben Katalonien auch Valencia und die Balearen umfasst, ausgiebig gefeiert. Die Universität von Barcelona hat unter http://quisestlullus.narpan.net/de/index_de.html ein ergiebiges Llull-Dossier auf Deutsch ins Netz gestellt. Schließlich ist Llull der erste bedeutende und noch immer gelesene Autor der katalanischen Literatur.

Allerdings sind die meisten seiner über 260 Titel nur auf Latein überliefert, einer Sprache, die Llull im Gegensatz zum Katalanischen und Arabischen nicht besonders gut beherrschte. Die katalanisch überlieferten Romane „Blanquerna“ und „Felix“, das „Buch vom Heiden und den drei Weisen“ und das autobiografische Großgedicht „Desconhort“ (Trostlosigkeit) zeigen, dass er vor allem auch ein Volksschriftsteller war, der seine gelehrten Thesen sehr anschaulich für Laien formulieren konnte. Das gelang Llull auch deshalb so brillant, weil er in seiner Jugend als ganz dem Vergnügen ergebener Höfling eine Reihe von Liebesgedichten in der Trobador-Tradition verfasste und eben nicht nur nüchtern logisch dachte, sondern gern auch mystisch schwärmte.

Der Prachtband liest sich wie ein Comic und spart Steinigung und Gefängnis nicht aus. So in dem aus 366 kurzen Gedichten bestehenden „Buch vom Liebenden und Geliebten“, dem Schlussteil des „Blanquerna“. Dieses hinreißende Lyrik-Anthologie, die für jeden Tag des Jahres ein Gedicht bietet, kann sich mühelos behaupten neben den großen Klassikern der mystischen Literatur, dem fast zeitgleich entstanden „Übersetzer der Sehnsüchte“ von Ibn Arabî, den Ghaselen des Hafis oder dem „Cántico espiritual“ von San Juan de la Cruz.

Aus einem Artikel der Mallorcazeitung vom Beginn des Ramon-Llull-Jahres im Herbst 2015:

Neben den theologischen Debatten beschäftigte sich Llull in seinen knapp 280 Büchern auch mit anderen Aspekten des Lebens, wie der Astronomie, der Physik, der Mathematik oder der Pädagogik. Und er schrieb auch Romane. „Blanquerna“ hebt der Historiker Blanco nicht zufällig hervor. „Auf literarischer Ebene ist es kaum mit anderen Werken seiner Zeit zu vergleichen. Neben den narrativen enthält es etwa auch viele mystische Element. Es ist ein erzählerisches Meisterwerk.“

Dass Ramon Llull das Buch auf Katalanisch schrieb, verrate viel darüber, wen er damit erreichen wollte. Neben seiner Muttersprache schrieb der Gelehrte auch auf Latein und Arabisch. „Latein benutze er immer dann, wenn sich das Buch an kirchliche oder staatliche Autoritäten wandte. Katalanisch und Arabisch verwendete er bei seinen populäreren Schriften.“ Der arabische Teil seines Werkes sei noch recht wenig erforscht. „Aber die Kenntnis der arabischen Sprache war ein wichtiges Element, um seine Debatten mit den Muslimen in Nordafrika führen zu können.“

Ungeschönt

Es gibt Lateinlehrer, die sehen es als ihre Pflicht an, den Schülern auch die ungeschönten Seiten der Antike nahe zu bringen. Sie schlagen dann zum Beispiel einen Lyrik-Band von Gaius Valerius Catullus auf, allerdings muss es die Übersetzung von Niklas Holzberg sein. Die Schüler vernehmen, dass der Autor Cäsar für eine „Tunte“ hielt sowie kürzlich einen Sklaven „beim Wichsen“ erwischt habe. / Stefan Mühleisen, Süddeutsche Zeitung

Schlafzimmer des Gegners

Nicht die Form, aber das inhaltlich Primitive verbindet es [Böhmermanns] mit einigen der berühmtesten Schmähgedichte der Weltliteratur. Kein Wunder: In der Invektive, wie man sie nach dem Wort „invehi“ für „schmähen“ nannte, ging es darum, mit allen Mitteln eine bestimmte Person so weit wie nur möglich herabzusetzen. Haarsträubende Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten sind da geradezu zwingendes Gattungsmerkmal, ebenso wie „tiefste“ Vergleiche.

So ist in anderen Invektiven gegen Caesar von den „unverschämten Lustmolchen“ Caesar und Mamurra die Rede; und dass Mamurra (ein Günstling Caesars) „die Betten aller wie ein weiser Täuberich“ durchwandere. Erstaunlich, dass Caesar trotzdem versuchte, sich mit dem Verfasser dieser Zeilen zu versöhnen, und ihn dafür auch großzügig zu sich einlud. Die Tonart war damals nicht unüblich, die Römer stöberten besonders gern im Schlafzimmer des Gegners, wenn sie ihn beleidigen wollten. Hehre Motive hatten sie dabei nicht unbedingt. Catull, ein wohlhabender und vermutlich ziemlich unpolitischer Bürger, hat Caesar wohl aus persönlichen Gründen attackiert.

Genauso wie der für seine Spottgedichte berühmte griechische Lyriker Archilochos im 7. Jahrhundert v. Chr. einen Mitbürger. Es ist wohl eher Legende, dass er die Familie eines Mädchens, das er nicht heiraten durfte, mit seinen Versen in den Selbstmord trieb, jedenfalls rächte er sich aber verbal bitter an ihrem Vater. Auch seine fein gefeilten Gedichte auf bekannte Zeitgenossinnen waren heftig. /   Die Presse

Bienenspäßchen

Bei Textkette startete eine Serie mit einem Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), welches in fast jeder Zeile das Versmaß wechselt. Lust auf ein Spiel mit einem großen europäischen Dichter (und einen kleinen Crashkurs in klassischer Metrik)? Dann schauen Sie heute und mindestens in den nächsten ca. 26 Tagen bei http://textkette.com vorbei.

Lust auf Lyrik

Denis Scheck im Gespräch mit dem MDR:

Sie sagten uns mal, hin und wieder seien Sie die schablonenhafte Sprache der Medien so leid, dass Sie eine unbändige Lust auf Lyrik überkomme: So wie Bären sich nach dem Aufwachen aus dem Winterschlaf auf Bärlauch stürzten, sehnten Sie sich nach Poesie. Haben Sie einen aktuellen Tipp für Leute, denen es ähnlich geht? Wir freuen uns auch über einen Vers als Anregung!

Ich versuche mich gerade an der Übersetzung eines schönen Gedichts von Catull, Carmen 7, und bemühe mich herauszufinden, ob das in Vers vier angesprochene Sylphium, jenes nur an der kyrenäischen Küste wachsende Universalwürzkrauts der Antike, wirklich ausgestorben ist. So etwas macht mindestens so viel Spaß, wie den Meeresgrund nach versunkenen spanischen Galeonen abzusuchen:

Quaeris, quot mihi basiationes
tuae, Lesbia, sint satis superque.
quam magnus numerus Libyssae harenae
laserpiciferis iacet Cyrenis,
oraclum Iovis inter aestuosi
et Batti veteris sacrum sepulcrum.

(Und hier freundlicherweise die Übersetzung für uns Nachgeborene: Du sagst, wie viele Küsse / von dir, Lesbia, mir genug und und mehr als genug sind. / So groß die Zahl des libyschen Sandes / Im Lasarpicium tragenden Kyrene / Zwischen dem Orakel des von Hitze geplagten Jupiter / und dem heiligen Grab des alten Battus. „laserpiciferis“ entspr. der Arzneipflanze Sylphion)

Nun ist mit Jan Wagner erstmals ein Dichter für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Eine gute Wahl?

Die beste. Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?

81. Lateinischer Dichter gegen Hitler

Schon als Schüler und später auch als Student hatte sich Weller an lateinischen Gedichten versucht. In Ellwangen aber fand er endlich die Zeit, sich intensiv damit zu beschäftigen. Seit 1915 nahm er fast jedes Jahr am „Certamen Hoeufftianum“ teil, einem lateinischen Dichterwettbewerb in den Niederlanden. 1922 errang er erstmals mit der Goldmedaille den Hauptpreis. Insgesamt 12 Goldmedaillen wurden ihm über die Jahre zugesprochen. (…)

In den letzten Jahren hat besonders Wellers lateinisches Gedicht „Y“ Aufmerksamkeit erregt. Der Text, 1936 entstanden, schildert eine scheinbar amüsante Geschichte: Der Ich-Erzähler, nicht zufällig wie Weller Lateinlehrer, nimmt, nachdem er einen weinseligen Herbstabend im Freundeskreis verbracht hat, vor dem Einschlafen ein lateinisches Gedichtbändchen zur Hand. Plötzlich bemerkt er, wie die Buchstaben aus dem Büchlein purzeln. Und nicht nur das – sie streiten und kämpfen miteinander. Das A als erster Buchstabe des Alphabets übernimmt die Führung, fordert seine Kameraden auf, das Y zu verhaften. Es sei ein ausländischer, ein griechischer Buchstabe und habe im lateinischen Alphabet nichts verloren.

Die scheinbar heitere, phantasievolle Geschichte entpuppt sich, wenn man den historischen Hintergrund in den Blick nimmt, als bittere Fabel auf die Zeitläufe: 1935, ein Jahr vor dem Entstehen des Gedichts, hatten die Nazis die „Nürnberger Rassengesetze“ erlassen, die Verfolgung der deutschen Juden, die man als Fremdlinge und „Volksschädlinge“ ansah, wurde immer offensichtlicher und brutaler. Und wenn in Wellers Gedicht vom „Führer A“, dem Anführer der Buchstaben, die Rede ist, liegt auf der Hand, wer damit gemeint ist. Das A hält eine warnende Rede an sein Buchstabenvolk: „Das Ypsilon“, so mahnt er, „versucht allmählich, die lateinische Sprache zu verfälschen: Männer, es geht hier um unseren Staat und unser Leben! Diese verfluchte Pest ist schon bis tief in die Eingeweide eingedrungen. Ihr solltet nicht sorglos dieses Übel ignorieren!“ Fremdartig sei das Y, es gehöre nicht zu unserer Kultur, eine Seuche sei es, ein Virus, zudem heimtückisch und hinterlistig, weil es sich heimlich in unsere Kultur schleiche. / Michael Spang, Schwäbische Post

120. Kritiker

(…) die Furcht vor den gar bissigen Kritikern, die zwar nichts schreiben, worüber man urteilen könnte, die dafür aber über das Ingenium anderer ein Urteil fällen. Es ist dies eine höchst unverschämte Leichtfertigkeit, die sich eben nur im Schweigen sicher fühlt. Wer mit gefalteten Händen am Strande sitzt, dem fällt es leicht, wie er will, ein Urteil über die Steuermannskunst abzugeben.

Francisco Petrarca, An Socrates in Avignon (Padua, 13.1. 1350). In: Dichtungen Briefe Schriften. Frankfurt/ Main: Fischer Bücherei, 1956, S. 71.

9. Bureau of Public Secrets

“Translations of Sappho, until recent years, have been fantastically inappropriate. . . . Today a sufficient number of literal translations by modern poets may enable the reader of English to envelop Sappho and measure her as we do distant stars by triangulation from more mundane objects. It then becomes apparent that we are not deluding ourselves. There has been no other poet like this. Wherever enough words remain to form a coherent context, they give one another a unique luster, an effulgence found nowhere else. Presentational immediacy of the image, overwhelming urgency of personal involvement — in no other poet are these two prime factors of lyric poetry raised to so great a power.”

—Kenneth Rexroth, Classics Revisited

Im

BUREAU OF PUBLIC SECRETS

zur Probe 30 Übersetzungen von Sapphos „Poem of Jealousy“ in verschiedene Sprachen, darunter Latein (Catull), Französisch (Ronsard) und Englisch (Phillip Sidney, George Byron, William Carlos Williams, Louis & Celia Zukovsky, Robert Lowell, Anne Carson und viele andere).

Auch deutsche Übersetzungen, die dort fehlen, gibts nicht zu knapp, so von Emil Staiger, Manfred Hausmann, Thomas Kling oder Dirk Uwe Hansen

Es handelt sich um Fragment Voigt 31, als Titel findet sich auch:  Liebessymptomgedicht (Tusculum-Ausgabe)

In Hansens Band „Sappho: Scherben – Skizzen“. (Potsdam: udo degener, 2012) stehen neben Übersetzungen jeweils freie Nachdichtungen.

Ich rücke hier mit freundlicher Erlaubnis beider Autoren Byrons Übersetzung und Hansens freie Fassung ein.

Equal to Jove that youth must be —
Greater than Jove he seems to me —
Who, free from Jealousy’s alarms,
Securely views thy matchless charms.
Ah! Lesbia! though ’tis death to me,
I cannot choose but look on thee;
But, at the sight, my senses fly,
I needs must gaze, but, gazing, die;
Whilst trembling with a thousand fears,
Parch’d to the throat my tongue adheres,
My pulse beats quick, my breath heaves short,
My limbs deny their slight support;
Cold dews my pallid face o’erspread,
With deadly languor droops my head,
My ears with tingling echoes ring,
And life itself is on the wing,
My eyes refuse the cheering light,
Their orbs are veil’d in starless night:
Such pangs my nature sinks beneath,
And feels a temporary death.

George Byron, um 1820

Könnte ein Gott sein, der Mann, du
lächelst, er guckt nur, ich weiß nicht
(werde stumm,
Herz bleibt stehen,
taub auf beiden Augen,

schwillt mir die Zunge,
unter der Haut verbrannt,
bleicher als Gras) bin ich
ganz tot oder nur
halb lässt sich manches ertragen.

Dirk Uwe Hansen, 2012

68. Falscher Vergil

Seit geraumer Zeit ist die Suche nach versteckten Botschaften in antiken Texten zur Spielwiese entdeckungsfreudiger Philologen geworden, insbesondere hat die Suche nach Akrosticha, also nach sinnvollen Folgen von Anfangsbuchstaben in Verstexten, zu einer umfangreichen Fachliteratur mit teilweise kuriosen Methoden geführt, aber die Ausbeute ist trotz jahrzehntelangem Gelehrtenfleiss und immer komplizierteren Lesesystemen mager geblieben – und ebenso die Plausibilität der vermeintlichen Ergebnisse. Abgesehen von den längst bekannten Beispielen liessen sich nur kurze Wörter aus vier oder fünf Buchstaben von eher bescheidener inhaltlicher Relevanz aufspüren: «FONS», «MARS» usw. Auch Vergils Signatur wurde mithilfe neuer «Regeln» (Zeilen überspringen, rückwärts lesen, statt Buchstaben Silben zählen) schon zweimal «nachgewiesen». Vor über einem Jahrhundert glaubte man gar, einem Geheimcode-System auf der Spur zu sein (Johannes Minos: «Ein neuentdecktes Geheimschriftsystem der Alten», Leipzig 1901).

Das Akrostichon, wörtlich «Versanfang», war in der Antike weniger ein Stilmittel als ein Spielmittel und zählte zur Gattung der «Technopaignia», der «gekünstelten Kindereien», deren literarische Blütezeit in den frühen Hellenismus fällt. (…)

Ganz anderer Art als die offensichtlichen Belege ist die jetzt vorgeschlagene Lesart am Beginn von Vergils «Aeneis»: «A STILO M(aronis) V(ergili)». Lesbar ist dies nur mit einem geradezu akrobatischen Verfahren, indem man die Buchstaben vom Versende zu denen vom Versbeginn hinzunimmt und im Zickzackverfahren bald vorwärts, bald rückwärts geht. Für diesen unüblichen Lesevorgang kann sich Castelletti auf ganze zwei Verse des Aratos von Soloi berufen, die eine singuläre Vokabel aufweisen sollen.

Entscheidend ist jedoch das Resultat: Genügt der gewonnene Text den sprachlichen und inhaltlichen Anforderungen? Erstaunlicher als dass die Initialen des Dichternamens verkehrt zu lesen sind (MV statt VM), ist die Formulierung der Kernaussage. Castelletti übersetzt «a stilo» mit «from the pen», das heisst aus der Feder (was «stilus» nicht heisst), bzw. mit «dallo stilo», das heisst aus dem Griffel (aus dem aber nichts fliesst). Das verstösst gegen eine grammatikalische Grundregel, die schon der Lateinanfänger lernt: Der instrumentale Ablativ wird ohne Präposition gebraucht, etwa «stilo scriptum». / Bruno W. Häuptli, NZZ 16.5.

43. Vergils Signatur

Angesichts der Tatsache, dass die «Aeneis» während mehr als zweitausend Jahren gelesen, kommentiert und interpretiert wurde, erscheint die Vorstellung einer völlig neuen Entdeckung in diesem klassischen Text auf den ersten Blick wenig wahrscheinlich. Genau eine solche will aber der Tessiner Philologe Cristiano Castelletti gemacht haben, der sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der epischen Dichtung der augusteischen Zeit beschäftigt. In einer kürzlich in der Fachzeitschrift «Museum Helveticum» veröffentlichten Studie zeigt er, wie sich in den ersten vier Zeilen des Epos die Signatur des Dichters in Form eines Akrostichons identifizieren lässt – das heisst als Figur, in der die ersten und (in diesem Fall) die letzten Buchstaben mehrerer Verszeilen ein Wort, einen Namen oder einen Satz ergeben:

«Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris / Italiam fato profugus Laviniaque venit / litora, multum ille et terris iactatus et alto / vi superum saevae memorem Iunonis ob iram [. . .]»

(Die deutsche Übersetzung von Johannes Götte lautet: «Waffentat künde ich und den Mann, der als erster von Troja, / schicksalsgesandt, auf der Flucht nach Italien kam und Laviniums / Küsten, viel über Lande geworfen und wogendes Meer durch / Göttergewalt, verfolgt vom Groll der grimmigen Juno [. . .]»)

Das Akrostichon enthüllt sich, wenn die ersten und die letzten Buchstaben der vier Verse in jeweils abwechselnder Richtung gelesen werden: «a stilo m[aronis] v[ergili] – «aus dem stilus (Griffel) des Vergil Maro».

(…)

Vergil wählte für seine Verfasserangabe eine vom griechischen Dichter Aratos von Soloi geprägte Form des Akrostichons. Es handelt sich um eine archaische Form der Figurendichtung, die der Thematik der «Aeneis», dem Gedicht über die mythischen Ursprünge des Römischen Reiches, entspricht. Der «stilus», mit dem Vergil die «Aeneis» gemäss seiner Signatur verfasste, ist nicht nur ein Schreibinstrument, das Furchen in die Wachstafel ritzt, sondern auch eine Waffe. Er kündigt eines der zentralen Motive der «Aeneis» an, die kriegerischen Auseinandersetzungen und den Tod, und steht damit im Gegensatz zu den «Georgica», die dem Landbau gewidmet sind. / Thomas Kadelbach, NZZ

73. Vatikan digitalisiert

Eine der bedeutendsten Handschriftensammlungen der Welt lagert in der Bibliotheca Apostolica Vaticana. In den kommenden Jahren wird dafür gesorgt, dass diese Kulturschätze möglichst für immer erhalten bleiben. Alle insgesamt 80.000 Handschriften sollen in den kommenden Jahren digitalisiert werden, dank Nasa-Technologie in einer Qualität, die sie noch besser lesbar macht als im Original. Und man hat bereits damit begonnen: Vor wenigen Wochen wurden die ersten 256 Handschriften auf der Seite vaticanlibrary.va online gestellt. (…)

Einige der ältesten Bibel-, Vergil-, Cicero- oder Dante-Handschriften finden sich darin. (…)

Um Napoleon Ende des 18. Jahrhunderts zum Abzug aus Rom zu bewegen, musste der Papst ihn unter anderem mit 500 kostbaren Kodizes entschädigen, die Napoleon für sein geplantes europäisches Zentralarchiv verwenden wollte. Nicht alles kam nach Rom zurück, vieles vermeintlich (aber nicht in allen Fällen wirklich) Wertlose kam auf den Papierschnitzelmarkt und als Packpapier auf den Fischmarkt. / Anne-Catherine Simon, Die Presse

Horazkommentar, Anfang 9. Jh.

69. Catullsche Weise

„Wir wollen uns zu unseren Geschlechtsorganen bekennen/ auf die Catullsche Weise“, schrieb Günter Kunert 1966. Der sei so obszön, sagte mir eine Studentin vor 10 Jahren, als ich den Namen Catull erwähnte. (Ein paar Jahre später wirkte sie in einem Erotikfeature im Studentenradio mit und sprach Texte, die selbst mich verlegen machten). Orff vertonte ihn, Rudolf Borchardt, Wolfgang Tilgner, Thomas Kling und Raoul Schrott übersetzten ihn. Philologen locken:

Julia Haig Gaisser, angelsächsische Altphilologin, versucht es folgendermaßen: ‚Dieses Buch richtet sich an alle, die Dichtung lieben – egal in welcher Sprache. (…) Catulls Dichtung präsentiert dem Leser zwei scheinbare Hindernisse. Ein großer Teil (etwa ein Viertel) ist obszön, und alles ist auf Latein. Ich begegne diesen beiden Tatsachen direkt und ohne apologetische Haltung, denn ich bin der Auffassung, dass ein Leser des 21. Jahrhunderts weder vor dem einen noch vor dem anderen geschützt werden muss.‘ Scheinbare Hindernisse sind das jedenfalls nicht. Das erste stellt überhaupt kein Hindernis dar, sondern eine Lockung; das zweite hingegen dürfte sich als sehr real erweisen. Doch geht Gaisser die Sache mit großer Besonnenheit an. Sie weiß, dass die Anziehungskraft Catulls vor allem in seiner emotionalen Intensität besteht. Die Fassungslosigkeit, wenn jemand feststellt, dass er denselben Menschen sowohl lieben als auch hassen muss, kann selbst heute noch unmittelbar zu Herzen gehen (zumal wenn das Erlebnis nicht mehr als zwei Verszeilen benötigt). Mit solchen kurzen Gedichten setzt Gaisser ein, um dann das historische Terrain zu erkunden. Sie erläutert die andersartige Polung der Sexualität bei den Römern, die nicht so sehr nach männlich und weiblich, hetero- und homosexuell sortierten als nach herrschendem Penetrator und duldendem Penetriertem; was auf Anhieb so angenehm tolerant aussieht, zeigt auf den zweiten Blick sein hässliches Machtgefälle. Nur vor diesem Hintergrund versteht man den Ton erotischer Aufschneiderei, der sich so oft bei Catull findet.

Subtiler als Niklas Holzberg, der vor einigen Jahren in seinem Catull-Buch das hier sprechende Ich völlig als die Spielfigur eines lang unverständlich gewordenen Spiels dekonstruierte, erinnert Gaisser auch anhand moderner Beispiele daran, wie sich in der Lyrik die Grenzen zwischen Person und Werk zu verwischen pflegen. Behutsam unternimmt sie es, so weit es geht, zu dem Menschen vorzudringen, der dies geschrieben hat. In Schutz nimmt sie ihn freilich nicht; sie stellt ihn ohne Weiteres auch als Schnösel der römischen Jeunesse dorée bloß, der über seinen Chef murrt, weil der ihn daran gehindert hat, sich bei seinem Volontärjahr in der Provinz hemmungslos zu bereichern. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 8.2.

Julia Haig Gaisser: Catull. Dichter der Leidenschaft. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Philipp von Zabern, Darmstadt 2012. 224 Seiten, 24,99 Euro.

[Cat. 85]

Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris.
Nescio, sed fieri sentio et excrucior.

Hassen und lieben zugleich muss ich. – Wie das? – Wenn ich’s wüsste!
Aber ich fühl’s, und das Herz möchte zerreißen in mir.
Eduard Mörike (1840)

Ach, ich hasse und liebe. Du fragst, warum ich das tue.
Weiß nicht. Ich fühle nur: es geschieht und tut weh.
Max Brod (1914)

69. Poesie und Wissenschaft

Er meinte auch, daß die Jugend die Lektüre der Poeten ebenso brauche wie die Nahrung; diese stärke den Körper, jene den Geist. Diejenigen jedoch, die ohne die Hilfe der Poesie andere Wissenschaften angingen, verglich er mit Menschen, die geringschätzig am offenen Tor vorbeigingen, um durch die Mauer in die Stadt zu gelangen. Er behauptete, es sei eher möglich, daß jemand mit Hilfe der Poesie alle Wissenschaften begreife, als daß er, in allen anderen unterwiesen, aus eigenem Willen die Kunst der Poesie erreichen könne.

1476

Filippo Buonaccorsi detto Callimaco: Das offene Tor der Poesie.

In: Karl Dedecius (Hg./ Übers.): Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten. Berlin u. Leipzig: Insel 2011, S. 61.

Filippo Buonaccorsi, lateinisch Philippus Callimachus Experiens, polnisch Filip Kallimach (* 1437 in San Gimignano; † 1. November 1497 in Krakau) war ein italienischer Humanist und Staatsmann. Wegen Freidenkertums und Beteiligung an einer Verschwörung gegen Papst Paul II. mußte er Rom verlassen und kam 1470 in das tolerante Polen, wo er der erste neulateinische Renaissancedichter wurde.

68. Feiern oder weitererzählen

Bei Fixpoetry ein schönes Gedicht von André Schinkel:

Den Minotaurus erlegen

Wir sind, um den Minotaurus zu erlegen: der
Unsere Jungfern frißt, der in den Labyrinthen
Die Knochen verstreut, eine Spur zu legen
Für uns. Jäger sind wir, von Jägern Gejagte,
Mit flatternden Lanzen, lächerlichen Gehörnen,
Durchschrittenen Hufen. Wir sind, um den
Minotaurus zu töten: scharf prallen die Schwerter
Gegen die Spiegel, zersplittern die Fesseln;
Und jeder Blick fällt in uns, unsere Milliarden
Mägen, die an uns verdaun.

Schön meint: es liest sich gut. Der Minotaurus wird dreimal genannt, zweimal die kühne Konstruktion: „Wir sind, um den M. zu erlegen“. Was läßt mich zögern? Man weiß nicht genau, wo es hinausläuft. Vielleicht der Schluß, die Milliarden – soviele Menschen gabs in der Antike nicht. Aber das ist recht wenig. Nein, es wird mir nicht zwingend. Liest sich gut (nicht so blechern wie manches von Grünbein), aber zu wenig Biß.

Ich las grad Dirk Uwe Hansens doppelte Sappho-Nachdichtung. Einmal in schnörkellose Prosa und daneben die Umdichtung. Den steinalten Fragmenten wird Modernität wiedergegeben – die sie zweifellos hatten, vor 2600 Jahren. Ähnliches fand ich bei dem chinesischen Künstler Walasse Ting, der 1000 Jahre alte chinesische Klassik in ein Pidgin English übersetzt:

Large Bed

She smells like garden
Flower gone, my bed too large
Already three years
Fragrance not gone
She not return
Bed still too large

(Nach Li Bai)

Die alten Dichter aus Griechenland und China klingen mir zeitgenössischer als der Zeitgenosse. – Der Schluß von Schinkels Gedicht erinnert mich an ein Gedicht von Karl Mickel, von dem ich vermute, daß er Schinkel auch viel bedeutet. „Ich lieg und verdaue den Fisch“. So endet das berühmte Gedicht „Der See“, um das Mitte der 60er eine heiße Debatte entbrannte – Tugendwächter wollten die Lyrik des Ländleins DDR vor Irrwegen bewahren. (Ihre Stimme schallt auch heut ohne Ende, ich glaube, auch Horaz und Li Bai blieben von ihr und von ihnen nicht verschont.) Aber Mickel setzte sich durch. Antikebezüge gibts in „Der See“, „Die Elbe“ oder „Hippopotamos“ – Gedichte, die heute dem Bildungsbürger, der vielleicht seinen Grünbein in der FAZ liest, auch gefallen könnten. Fast auch gefallen könnten. (Nein, doch eher nicht. In einem Nachruf stand: “Die Deutschen haben einen großen Dichter verloren. Weiß der Himmel, ob sie verdienen, dass sie es merken.”).

Ich entscheide mich für das vielleicht drastischste seiner „Antiken“: Ode nach Horaz II/13. Horazens Ode ist rätselhaft, aber der Schalk blitzt doch sehr deutlich hervor. Er hat sich, scheints, den Kopf von einem herabfallenden Ast verletzt und flucht wie ein Bierkutscher auf den der ihn dort pflanzte. Horaz geht recht frei mit dem Mythos um. So versetzt er Orion vom Himmel (wo er bis heute als Sternbild glänzt) in die Unterwelt. Rudolf Alexander Schröder übersetzt im Versmaß inclusive damit verbundener Verrenkungen, so daß das Geschimpf recht abgemildert klingt: „Der Wehrmann scheut des parthischen Bogners Flucht, / Lateinerfaust und Fessel der Partherschütz“, häh? Mickel nimmt den Dichter als Zeitgenossen. Er verfährt ähnlich frei wie Horaz mit ja auch schon tausendjähriger Überlieferung. Bei ihm spielt die Szene in seiner Berliner Wohnung, die so leichtgebaut ist, daß die Nachbarn alles mithören müssen; den Klogang einbegriffen. Tür nicht laut schließen! Den Bogen zum Ruhm des Gesanges kriegt er trotzdem:

Ode nach Horaz II/13

Scheißkerl, der du mein scheiß Haus bautest,
Verflucht bist du mit deinen Voreltern!
Den kleinsten Raum der Wohnung mir herrichten
Daß der mich hinrichtet! der Blitz
Soll dich beim Scheißen erschlagen, du Kackarsch!
Wer bestach dich und mit wie Viel
Mich, den Dichter, zu weglagern?

Auf mich stürzte die Scheißhausdecke
Wenn ich gesessen
Hätte! als sie herabbrach, von außen
Warf ich die Tür zu: zärtlich. Ätzende Nebel!
Donner! als wüte der Abgrund, in dem ich
Läge jetzt, kalkbeworfen, wenn lautarsch
Ich erschüttert hätte das Bauwerk rechtzeitig.

Der dich bezahlte, der wußte, daß ich
Schallend furze: aufs Heiligste, bei dem Beruf!
Ein Leiseschiß und ich bin gerettet!
Der Erfinder des Schiffs ist der Erfinder des Schiffbruchs
Damoklesdecken von VEB Volksbau
Niedrigste Kosten äußerster Nutzeffekt
Maurer meucheln Maurer, Klempner Klempner
Soldaten Soldaten, die Arschficker!

Wie soll die Nachwelt aus vollen Latrinen
Rekonstruieren die Hälfte der Menschheit
Wenn ich nicht dichte? Achgehtmirwegihr!

Das ist doch von anderm Holz. Der feiert die Antike nicht, oder nur indem er sie ernstnimmt.