Gegen das vorschnell identifizierende Denken

Michael Braun: Der Zusammenherstellungs-Zwang wird doch auch von Günter Eich verweigert, er zieht sich doch auf eine Negation zurück: Leute, „es reicht“.

Jürgen Nendza: Ja, das Gedicht endet mit einer abwinkenden Geste. Aber wir wissen, Günter Eich hat weitergeschrieben. Der ursprüngliche Wahrheitssucher Günter Eich, den finden wir hier poetisch nicht mehr wieder. Die Wahrheit ist suspekt geworden, sie ist nicht sprachlich, poetisch erreichbar. Doch der Dichter Günter Eich schreibt ja weiter. Dieses „und“ ist sehr ambivalent, das sehe ich auch. Eich bleibt sich durchaus treu, er ist konsequent auch in dieser Ambivalenz. Und das ist faszinierend. Es wird zum Schluss bei Günter Eich immer wichtiger, gegen die Sprachlenkung zu schreiben, gegen die Herrschaft, die Macht des vorschnell identifizierenden Denkens. Dadurch werden auf poetische Art und Weise Dementi erreicht. Es wird aber auch neu konstelliert, das heißt: Wir haben die Möglichkeit, Ordnungen neu zu überdenken, vielleicht auch sinnentleerte, entfernte Räume neu zu sehen, wahrzunehmen. Oder, wie er auch vorschlägt: zu meditieren, indem wir die Verstandesleistung der Interpretation, des Verstehens erst einmal suspendieren und einen Schritt zurückgehen, um die Sprache wirken lassen jenseits der für uns geltenden Sinnkontexte und Sinnvorstellungen. / Mehr

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