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260 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
In den Büchern sind die Gedichte aufbewahrt und versteckt. Jeder, der eins liest, erweckt es zum Leben, je nachdem für ein paar Minuten, Stunden, Tage. Man könnte daraus eine umgekehrte Geschichte zu Arno Schmidts Tina oder über die Unsterblichkeit erzählen.
Lilith Tiefenbacher
DA HAUT DER VATER MIT SEINEN TRAURIGEN KNOCHEN
EIN LAND IN DIE WAND
schau wie schön es ist, sagt er, und fletscht die Zähne
wir tun's ihm nach
wir gehen in den Wald und zeigen die Zähne
wir zeigen sie den Wölfen, das ist klar
aber auch Mutter und Vater
wir zeigen sie einander
das ist ein Wackelkandidat, sagen sie
und machen das Licht aus
Zeit schlafen zu gehen
doch auf dem Herd brennt die Milch durch
und auf der anderen Seite der Wand
wimmert immer jemand im Schlaf
reime ich meinem Bruder
einen Vorwand gegen den Krieg
den wir nicht gesehen
nur ausgetragen haben unter den Tischen
sind wir nassgeworden und kalt.
ich schüttle die Bettdecke
ich schiebe die Füße durchs Bett
ich schließe die Fenster
morgen ist ein neuer Tag, sage ich
und meine die Wälder
Gewässer, Geschichten
da fällt der Schnee auf ein Land
das nicht ganz in der Mitte nicht ganz am Rand
das ein Loch ist, das stopft der Schnee
da tragen uns die Wölfe auf ihren Köpfen in den Schlaf
da sehen wir ein Kind, das folgt den Flüssen
folgt dem Wind, das sieht dir ähnlich
murmelt mein Bruder
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2024, S. 32
Lilith Tiefenbacher, geboren 1993, lebt in Berlin
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