Befreie!

258 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Heute vor einem Jahr ist die Saßnitzer Lyrikerin Irmgard Senf kurz nach ihrem 90. Geburtstag an den Folgen einer Operation gestorben. Sie hinterließ das Manuskript eines neuen Gedichtbandes, aus dem ich hier ein Gedicht vorstelle. Eine Eigenart ihrer poetischen Sprache sind „Grammatikfehler“ wie das intransitive Verwenden transitiver Verben (hier das vierte Auftreten von „befreie“, als wäre „befreien“ ein Verb, das unabhängig von einem Objekt etwas bedeuten könnte. „Bedeuten“ ist auch so ein Wort. Was tust du? Ich bedeute. Ich befreie.*) Das hat mich öfter irritiert und ich habe mit ihr darüber gesprochen, aber mit der Zeit wurde mir klar, dass dieses Fremdmachen eine eigene Ästhetik und Semantik hat, zum Beispiel Irritation, Intensität oder Dynamik ausdrücken kann. Ich finde das ein sehr schönes und intensives Gedicht über menschliche Existenz und Tod und es tut mir sehr leid, dass ich ihr das nicht mehr sagen kann.

Irmgard Senf

(*1.5.1935 Saßnitz, † 30.5.2025 ebd.)


B e f r e i e d i c h
der Umklammerung
des Schlafs
wie von Muskeln belagert
b e f r e i e d i c h
deiner Rahmen
Widerhalte
Zungen-Haft
b e f r e i e d i c h
in Heraufkunft
Erwecken
den Wachstimmen vereint
b e f r e i e e n t g e g e n
im Geruch unserer Körper
die wir so endlos
vergangen sein werden

(*) Karl Mickel benutzt diesen Trick in seinem Gedicht „Bier. Für Leising“ in einem scharfen Enjambement:

                        Was tue ich? Ich deute
an, sagst du. Die Wirklichweisen,
wenn die was sagen, sagen die: Naja

Am heutigen Sonnabend findet um 19 Uhr eine Lesung veröffentlichter und unveröffentlichter Gedichte von Irmgard Senf statt:

MEER, DU RAUSCHSTROM

30. MAI 2026 | 19:00 UHR

Zur Erinnerung an die Dichterin Irmgard Senf (1935-2025) aus Anlass ihres ersten Todestags

Zum ersten Todestag der Sassnitzer Lyrikerin Irmgard Senf laden wir zu einer Gedenklesung mit veröffentlichten und nachgelassenen Gedichten der Autorin. Irmgard Senf, geborene Sassnitzerin, zwischenzeitlich drei Jahrzehnte in Erfurt lebend und als Garten- und Landschaftsarchitektin tätig, hinterließ bei ihrem Ableben im letzten Jahr einen nahezu fertigen letzten Gedichtband und zahlreiche weitere, noch unveröffentlichte Notizen. Das Meer und seine Küsten spielen darin als Quelle poetischer Inspiration eine wiederkehrende Rolle, ebenso vielfältige Reflexionen über Schreiben, Weiblichkeit, philosophische Fragestellungen und aktuelles Weltgeschehen. Aus Anlass ihres Todestages führt der Greifswalder Literaturwissenschaftler Michael Gratz in ihr poetisches Werk und insbesondere die nachgelassenen Texte ein. Silke Peters und Roland Pfaus lesen eine Auswahl ihrer Gedichte.

DAHLMANNS BAZAR
Am alten Markt
Uferstraße 1
18546 Sassnitz auf Rügen

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