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Literatur unter Einfluss – Schreiben unter Druck

Unter dem Motto Literatur unter Einfluss – Schreiben unter Druck startet der Berliner Parlandopark eine neue Reihe von vier Gesprächslesungen, die um ausgewählte gesellschaftliche Veränderungskomplexe kreisen, von denen wir alle betroffen sind.

1. Stadt als Einflusssphäre

(Gentrifizierung in Berlin | Menschen in der Großstadt | Milieus)

Tanja Dückers, Asmus Trautsch, Hendrik Jackson (Moderation)

Donnerstag, 18. August 2016

2. Staat und Literatur

(Reglementierung und Freiheit | Überwachung und Knete | Leben jenseits des

Staates)

Stefan Blankertz, Bert Papenfuß, Hendrik Jackson (Moderation)

Donnerstag, 08. September 2016

3. Atmosphären

(Flüchtiges | Stimmungen | Anthropozän)

Elke Erb , Daniel Falb, Steffen Popp (Moderation)

Donnerstag, 17. November 2016

4. Immigration und Sprache

(Fremdsprachen | Fachsprachen | „Speck der Mundart“)

Ann Cotten, Dagmara Kraus, Adrijana Bohocki (Moderation)

Donnerstag, 01. Dezember 2016

weitere Informationen

Dichten 2020

Vor zwei Jahren organisierte die Kunststiftung NRW zusammen mit dem LCB eine Autorentagung unter dem Titel „Schreiben 2020“ im ehemaligen Kloster Gehrden im Höxter Land. Schon damals keimten Pläne, die Zusammenarbeit fortzusetzen und ein weiteres Treffen, dieses Mal mit Lyrikern, gemeinsam zu organisieren. Wieder sind wir in einem Kloster zu Gast, dieses Mal aber in einem, das noch als solches betrieben wird. Im Kloster Steinfeld in der Eifel treffen sich nun vom 13. bis 15. Juli 15 Dichterinnen und Dichter zum Lyrikertreffen „Dichten 2020“. In ruhiger Atmosphäre soll über die eigene Dichtung und über die Gedichte der Kollegen gesprochen werden. Dabei sind Nico Bleutge, Oswald Egger, Elke Erb, Norbert Hummelt, Barbara Köhler, Sina Klein, Jürgen Nendza, Marion Poschmann, Sabine Scho, Volker Sielaff, Ulf Stolterfoht, Julia Trompeter, Sonja vom Brocke, Christoph Wenzel und Judith Zander. Die Gesprächsleitung haben Hans Jürgen Balmes und Thomas Geiger. / LCB

Mütze 10 + roughbook 34

Dichtung soll ein Instrument der Wahrheitsfindung sein und nicht eines des Vertuschens.

Rainer René Mueller, POEMES – POETRA, Ausgewählte Gedichte 1981–2013, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter M. Gräf

http://roughbooks.ch/roughbook034/rainer_rene_mueller/poemes_poetra.html

http://roughbooks.ch/

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Das neuste Heft der „Mütze“ bringt neue Texte von Sam Riviere, Elke Erb und Christian Filips, der außerdem Gedichte von Kenneth Patchen übersetzt hat. Den Hauptteil nimmt ein Aufsatz von Jean Daive ein: Man muss das Herz von Rimbaud waschen.

https://muetzen.wordpress.com/2015/11/24/muetze-10-ist-da/

Einsam auf der Säule

Die Wochen-ZEIT, deren Literaturredakteurin gern mitteilt, daß sie nichts von Lyrik verstünde, scheint dieselbe (die Lyrik, nicht die Redakteurin) retten zu wollen. Vor Jahren das politische Gedicht, bei dem sie achtbare und auch einige mir sehr liebe DichterInnen einlud, politische Gedichte zu schreiben (nur waren die Aktivisten des politischen Gedichts unter Alten wie Jungen nicht dabei). Und nun Schlag auf Schlag. Zunächst noch positiv, als Nora Bossong „die Lyriker“ aufforderte, sich „ins Zentrum“ zu trauen. Vorige Woche schlug Thomas Böhm vor, Galerien für Lyrik zu gründen und statt auf Gedichtbände auf Einzelgedichte zu setzen. Das es alles das und noch viel mehr längst gibt, tat dem Messianismus seines Vorschlags keinen Abbruch.

Beide, Bossong und Böhm, lehnten sich noch an den im Frühjahr ausgebrochenen Jubelton an. „Das Gedicht ist als Ware wiederentdeckt – vielleicht das Wundersamste an diesem Bücherfrühling.“ (Bossong). „Der Erfolg von Jan Wagner zeigt: Lyrik hat kein Aufmerksamkeitsproblem.“ (Böhm) Aber jetzt ist Schluß mit lustig. Dem Jubellenz folgt der Summer of our Discontent, auf Deutsch Muffelsommer.

„Dann lieber Einkaufszettel lesen: Wenn man das neue „Jahrbuch der Lyrik“ als Kursbuch der Literatur versteht, kann einem angst und bange werden, wohin die Reise geht.“ So stöhnt Heike Kunert in der aktuellen Zeit. Eine „von Langeweile und Empörung angetriebene Schnappatmung“ löst die Lektüre von 149 Gedichten, zumindest eines Großteils davon, bei ihr aus. Es sei „kein guter Jahrgang: verhalten, trocken, unreif, artig.“ (Bis dahin geht der Rezensionsrezensent mit.)

Nicht daß sie nicht auch Lichtblicke findet. „Natürlich gibt es auch kleine Oasen in diesem geistigen Brachland. Dafür sorgen bekannte Autoren wie Herta Müller, Elke Erb oder Michael Krüger.“* Ja, und dann noch „eine als Lyrik getarnte kleine Erzählung“ über Fingernägel, „die als solche gelesen, tatsächlich Spaß macht.“ Na gut. Die Lösung von Böhm, die Fingernägel als Einzelblatt, hätte hier geholfen. Zumindest der Rezensentin Schnappatmung erspart.

Ich teile die Begeisterung über den Fingernägeltext nicht, aber auch ich finde, daß das aktuelle Jahrbuch keins von den besseren ist. Nur will die Rezensentin nicht einfach eine schwache Anthologie kritisieren, sie zielt auf mehr. „Denn es ist doch so, dass die Lyrik auch immer ein Seismograph des Geisteszustandes einer Gesellschaft ist; ein Destillat der Erfahrungen und Schmerzen.“

Heißt das, wie ein Leserkommentar meint, unsere Zeit hat die Lyrik, die ihr entspricht? Oder fordert sie ein, was die Gedichte nicht liefern? Der nächste Satz scheint die Vermutung zu bestätigen: „Überdies fällt auf, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet. Möchte man kein Mahner mehr sein oder ist Politik nur noch ein Synonym für Langeweile?“

Leider hört das Nachdenken an dieser Stelle auf.  Auf die Frage, ob die Herausgeber vielleicht politische Gedichte herausgefiltert haben, kommt Rez. nicht. Überhaupt: Wer ist „man“? Zum Vergleich:

„Nach den ersten 50 flüchtet man zu Gottfried Benn; nach weiteren 30 zu Thomas Brasch und Paul Celan, und hat man die Fibel der Lyrik endlich ausgelesen, so begibt man sich unter die Fittiche von Joseph Brodsky.“ – „Man möchte überhaupt einmal vielen Lyrikern zurufen, dass die Bedeutung ihrer Texte durch permanente Kleinschreibung aller Wörter nicht größer wird.“ – „Man möchte nicht einen letzten Vers lesen, der da lautet: ‚und im Keller faulen die Äpfel von innen‘ “. – „Möchte man kein Mahner mehr sein oder ist Politik nur noch ein Synonym für Langeweile?“ Man, man, man…

Der größte Denkfehler in dieser Rezension ist der Schluß von 149 Gedichten auf „die Lyrik“ heute. Nicht nur daß die Frage nicht gestellt wird, was die Herausgeber aus den 7000 Einsendungen herausgefiltert haben, wirklich nur die noch schlechteren? Und auch nicht die Frage, welche Autoren gar nicht erst eingeschickt haben. Wenn ich unter den 30 Jahrbüchern suche, erinnere ich mich an starke oder spannende, zum Beispiel als Adolf Endler (2002), Elke Erb (1986), Karl Mickel (1990), Ulf Stolterfoht (2008) oder Michael Lentz (2005) Mitherausgeber waren. Offensichtlich gibt es starke und schwache Ko-Herausgeber, solche, denen es gelingt, Autoren unterzubringen, die bisher unterrepräsentiert oder gar nicht vertreten waren, und andere, weniger durchsetzungsfähige oder bequemere. Erwarte ich zuviel von einer Rezension, wenn ich fordere, dies zu berücksichtigen? Ulf Stolterfoht hatte das Problem in seiner Nachbemerkung angesprochen: „Christoph Buchwald fiel es leicht, sich von mir Gedichte aus dem experimentellen Lager nahebringen/unterjubeln zu lassen, mir fiel es schwerer, die Machart vieler eher konventioneller Gedichte zu akzeptieren. ‚Damit kann ich leben!‘ war wahrscheinlich der am häufigsten geäußerte Satz während unseres Berliner Auswahl-Treffens.“ Im Stolterfohtband finden sich Allemann, Ames, Egger, Filips, Koziol, Lange, Reinecke, Scherstjanoi neben Bossong, Hartung, Küchenmeister. Kooperation ist Kompromiß. Bei Erb (1986) stechen mir Anders und Anderson, Böhmer, Bossert, Claus, Döring, Igel, Kling ins Auge, bei Mickel 1990 Stolterfoht, Hüge, Wichner, Hilbig, Pastior, bei Endler 2002 Domašcyna, Klünner, Köhler, Koziol, Lorenc, bei Lentz Behrens-Hangeler, Hausmann, Mon, Struzyk, jeweils als Beispiel, in keinem der Fälle weiß ich, welchem der Herausgeber die Aufnahme zu verdanken ist, aber diese Bände tragen das Gesicht des Mitherausgebers. Wie ist es mit dem vorliegenden Band? Die Rezensentin stellt auch diese Frage gar nicht, ja sie lobt sogar die Herausgeberin, wo sie unterstellt, sie habe eben viele schwächere Gedichte in Kauf nehmen müssen:

„Ansonsten wird aber schnell klar, dass sich Gomringer über die magere lyrische Ernte enttäuscht zeigt. Viel Spreu unter wenig Weizen. Gomringer erklärt es so: ‚Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.‘

Das erklärt hinreichend, warum so viel Schlechtes auch ins Köpfchen, ergo Buch musste.“

Wirklich hinreichend??

Unterscheidung, Alternativen, Schwerpunktsetzung? Fehlanzeige. Rez. zieht es vor, sich als scharfe Kritikerin zu inszenieren, jede Differenzierung schwächte das Bild nur. Lieber auf der Schulter von Riesen, hier neben Krüger, Benn & Co. vor allem Jossif Brodsky, auf die behauptet magere deutsche Szene herabblicken. Einsam ist es dort oben auf der Säule!

*) Eine beliebte Figur, die Alten herauszuheben, Bossong nutzt sie auch, für ihren Zweck: „Und neben all dem Jugendkult bleibt die zärtliche Erhabenheit einer Friederike Mayröcker hoch geachteter Bezugspunkt genauso wie die störrische Neugier einer Elke Erb.“ Beide, Mayröcker und Erb, galten nicht zu jeder Zeit als unanfechtbar vorbildhafte Ausnahmegestalten. (Wenn nicht alles täuscht, ja auch für Bossong nicht)

Welt-Liste

Das hätte sich kaum jemand träumen lassen: Der Preis der Leipziger Buchmesse hat Jan Wagners Gedichtband „Regentonnenvariationen“ auf die Bestsellerliste katapultiert. Bis Ostern waren 35.000 Exemplare verkauft. In der kleinen und traditionell futterneidischen Lyrikszene wird nun diskutiert, ob der Erfolg verdient und Wagners Werk überhaupt repräsentativ für die Gegenwartsdichtung ist. Zweifellos gibt es auch viele andere Lyriker, die fünfstellige Auflagen verdient hätten. Hier eine subjektive Auswahl.

(Folgen Hinweise auf Bücher von Kathrin Schmidt, Marion Poschmann, Monika Rinck, Steffen Popp, Thomas Kunst, Marcel Beyer, Friederike Mayröcker und Elke Erb.)

Sonnenklar

Ihr [Elke Erbs] neuer Gedichtband „Sonnenklar“ vereint Texte aus mehr als vier Jahrzehnten – die frühesten sind 1968, die jüngsten 2014 entstanden. Dazwischen liegt die politische Zäsur von 1989, die das poetische Sprechen von Elke Erb nicht wesentlich tangiert zu haben scheint. Was Elke Erb in ihren Gedichten benennt, erfährt eine poetische Verzauberung. Zum lyrischen Zwiegespräch animieren sie ein Floh im Ohr, die Brandung der Ostsee, ein Esel im Himalaya, eine Dorfstraße irgendwo. So schwimmt etwa in dem Gedicht „Ein Gespräch in der U 8“ ein Hai auf das U-Bahn fahrende lyrische Subjekt zu, das aber keine Angst, sondern Freude verspürt. Geschautes wird übertragen in feinste Sprachfäden, die sich zu Wortlandschaften verdichten. / Michael Opitz, DLR

Elke Erb: „Sonnenklar. Gedichte“
roughbooks Verlag, Solothurn 2015
96 Seiten, 10,00 Euro

Elke Erbs Poetics

In Elke Erbs Reihe Poetics (beim Poetenladen) neu die 34. Fortsetzung. Sie ist Thomas Braschs langem Gedicht „Hahnenkopf“ gewidmet.

Anke-Bennholdt-Thomsen-Preis für Elke Erb

Elke Erb wird mit dem Anke-Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrik der Deutschen Schillerstiftung ausgezeichnet. Das über Jahrzehnte angewachsene Werk erstrecke sich von einer tagebuchartigen Prosa bis zu hoch konzentrierten Gedichten, hieß es in der Begründung der Jury. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am 8. Mai im Deutschen Schillerarchiv in Marbach verliehen.

Vgl. hier

Neu bei Engeler

Elke Erb: SonnenklarDie neue Sammlung von Texten umfasst zum einen die Jahre 2013 und 2014, andererseits „geholte“ Texte von 1968 bis 2012 sowie Reiseaufzeichnungen: „Durchgehendes Bildmotiv die Zweibeiner-Mädchen, Mantelrand unterm Hintern. Noch 12 Minuten Fahrt. Bln-Adlershof, nun schon „unsere Menschen draußen im Lande“ (Funktionärsfloskel). Unendlicher Schrebergarten, Menschen-Kaninchen-Idyll; auch, Mehring, ach, Bismarck, Altglienecke, wer war je Christ, Nä, so doch nicht … so funktioniert es nicht … Grünbergallee … es geht nur mit einem kleinen Ruck im Gehirn; dann ist man einen Augenblick mehr-geht-nicht-zufrieden. Die lassen die Leute hier eine Stunde fahren ohne ein einziges Pißklo.“

96 Seiten, Euro 9,-/ sFr. 10.- (roughbook 032)

* * *
„Was ist, das war, was wird.
Wer das kapiert, funktioniert nicht mehr so, wie die wollen.“
Ferdinand Schmatz. Durchleuchtung. Haymon Verlag, Innsbruck-Wien 2007
Das ist eine Weisheit, die den diesbezüglich gängigen Typ überholt.
Oder? (Wenn nicht, bitte berichtigen: elke.erb@pc66.de)
//

Mütze #9. Es wird Frühling mit neuen Texten von Birgit KempkerChristian FilipsClaudia GablerSam RiviereRahul Soni und Niels Röller, erhältlich hier: http://muetze.me/muetze-bestellen.htm

Der Gratgang

Nein, Emily Dickinson musste allein für sich bleiben, und ebenso Annette von Droste-Hülshoff in der zugigen Burg ohne Fensterscheiben, die ihrem Schwager gehörte. Und auch Sylvia Plath musste die symbolische Ordnung der Autonomie einer verlassenen Mutter zweier kleiner Kinder wiederherstellen, indem sie den Kopf in den Gasofen steckte. Der war in aller Perversion auch eine mütterlich umfangende, warme Höhle. Sie rettete damit ihre Dichtung, die vollendet war (und das wusste, spürte sie zweifellos), ließ aber die Kinder zurück in einer traumatisierenden Situation.

Es gibt keine Forschung über die Traumatisierung durch halbfertige, unzurechenbare Gedichte, die ein Dichter, eine Dichterin nicht vollbracht hat – wie das eigene Leben –, und parallel dazu über die Traumatisierung Schutzbefohlener, Kinder. Die Verlassenheit ist in beiden Fällen katastrophal. Ob diese Überlegungen im Zeitalter, das die Leihmutterschaft entdeckt hat, in dem globalisierte Samen- und Eispenden wie Touristen die Kontinente wechseln, Bestand haben, wird sich weisen. Ebenso, ob die Managementstrategien gewitzter Selbstvermarktung auf dem Reißbrett geplanter Dichter- und Dichterinnenkarrieren Bestand haben.

Elke Erb schreitet über solche ex emplarischen Erfahrungen traumtänzerisch sicher hinweg, als gäbe es sie nicht. Die Lust, die der Titel ihres Gedichtes benennt, ist genau diese Erfahrung, der Gratgang zwischen dem noch gerade Möglichen und dem Glück des Imaginierten. / Ursula Krechel schreibt im Standard über das Gedicht „Die Lust“ von Elke Erb

46. Basler Lyrikpreis 2015 an José F. A. Oliver

Der Basler Lyrikpreis 2015 geht an den Dichter José F.A. Oliver. Er erhält den Preis für ein umfangreiches, beeindruckendes Werk, das traditionsbewusst und innovativ zugleich zwischen Sprachen und Kulturen pendelt. Die Preisverleihung findet im Rahmen des 12. Internationalen Lyrikfestivals am Samstag, 24. Januar 2015 um 18.30 Uhr im Literaturhaus Basel statt.

José F.A. Olivers Gedichte sind mehrstimmige Klangkörper, in denen Gedanken und Gefühle ineinander über- und aufgehen. Er bezeichnet dieses Moment als «gedankenfühle»: Es entsteht immer dann, wenn die Sprache das Verständnis transzendiert und das lyrische Ich im Wort, in der Wortwerdung, zu einer Identität findet, die jenseits aller Konventionen liegt. «José Oliver hat seine Poesie ganz tief in die deutsche Sprache eingeschrieben, eingegraben, ja, die deutsche Sprache mit ihr umgegraben», schrieb der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Harald Weinrich.

José F.A. Oliver wurde als Kind andalusischer Gastarbeiter 1961 in Hausach im Kinzigtal geboren. Nach dem Abitur studierte er in Freiburg im Breisgau Romanistik, Germanistik und Philosophie. Seit den Achtzigerjahren lebt er als freier Schriftsteller in seiner Heimatstadt Hausach, unterbrochen von Auslandsaufenthalten in der Schweiz, Spanien, Ägypten, Peru und den USA. Sein erster Lyrikband, der den programmatischen Titel «Auf-Bruch» trug, erschien 1987 im Verlag Das Arabische Buch. Ihm sind bislang vierzehn weitere Bücher gefolgt, zuletzt der Essayband «Mein andalusisches Schwarzwalddorf» (2007) und die Gedichtsammlung «fahrtenschreiber» (2010) – beide bei Suhrkamp – sowie das Lehrbuch «Lyrisches Schreiben im Unterricht: Vom Wort in die Verdichtung» (Klett/Kallmeyer, 2013). Letzteres basiert auf Olivers langjähriger Erfahrung im Unterrichten von Schreibwerkstätten, die er gemeinsam mit dem Literaturhaus Stuttgart für Schulen entwickelt hat. Für seine poetische Arbeit hat José F.A. Oliver bereits mehrere Preise erhalten, unter anderem den Adelbert-von-Chamissio-Preis (1997), den Kulturpreis von Baden-Württemberg (2007), den Thaddäus-Troll-Preis (2009). Oliver ist Kurator des 1998 von ihm ins Leben gerufenen und alljährlich stattfindenden Literaturfestivals Hausacher LeseLenz.

Mit dem Basler Lyrikpreis zeichnen Lyrikerinnen und Lyriker von der Basler Lyrikgruppe (dieses Jahr Rudolf Bussmann, Ingrid Fichtner, Wolfram Malte Fues, Rolf Hermann und Kathy Zarnegin) jährlich das Werk einer Kollegin oder eines Kollegen aus. Ausdrücklich belohnt werden sollen mit dem Preis die Innovationskraft und der Mut von Dichterinnen und Dichtern, gegen den Strom zu schwimmen. Er soll dazu beitragen, herausragende Stimmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen. Der Basler Lyrikpreis ist dank der freundlichen Unterstützung der GGG mit Fr. 10 000. – dotiert und wird einmal jährlich während des Internationalen Lyrikfestivals Basel verliehen.

Das Basler Lyrikfestival findet vom 23.- 25. Januar 2015 im Literaturhaus Basel statt. Neben Lesungen und Gesprächen mit Lyrikerinnen und Lyrikern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es Veranstaltungen zur rhythmisierten Prosa, Performances, Podiumsgespräche sowie Lyrikwerkstätten in Kooperation mit der Volkshochschule und regionalen Schulen. Zu Gast werden 2015 u.a. Marcel Beyer, Elke Erb, Zsuzsanna Gahse, Sylvia Geist, Jan Wagner, Dieter Zwicky und der Berner Mundartsänger King Pepe sein.

 

Träger des Basler Lyrikpreises

2015   José F. A. Oliver
2014   Anja Utler
2013   Elisabeth Wandeler-Deck
2012   Klaus Merz
2010   Werner Lutz
2009   Felix Philipp Ingold
2008   Kurt Aebli

74. Lesen, angeregt

Bei Signaturen ein Gedicht von Elke Erb über ihre Begegnung mit Friederike Mayröcker, von der Autorin so eingeleitet:

Im Januar 1991 besuchte ich Friederike Mayröcker, denn der Reclam-Verlag Leipzig wünschte sich von mir für ein Reclam-Bändchen eine Auswahl aus ihren Werken. Sie gab mir alle Bücher, die sie von sich vorrätig hatte. Ich habe in zahlreichen Texten auf diese Lesebegegnung reagiert, nachzulesen vor allem in „Unschuld, du Licht meiner Augen“ (Steidl, Göttingen 1994). Der unten folgende Text steht nicht darin, sondern in einer Nachlese in meinem Buch „Mensch sein, nicht“ (Urs Engeler Editor, Weil am Rhein und Wien, 1998). Zurück-gehalten hatte ich ihn wohl, weil, wie die Zeilen unten erkennen lassen, es mir plötzlich indiskret vorkam, jemandem so nachzuspüren … Der Text findet aber dann mit den letzten vier Zeilen über das Bedenkliche hinweg ins Freie.

63. Preise für Elke Erb und Volker Sielaff

Die Dichterin Elke Erb bekommt den Anke Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrik der Deutschen Schillerstiftung. Die Jury lobte Erbs anspruchsvolles Schreiben und ihre hochreflexive Sprache, wie die Schillerstiftung mitteilte.

In der Begründung hieß es auch: „Die 1938 in Scherbach in der Eifel geborene Dichterin Elke Erb, die 1949 mit ihrer Familie in den Osten Deutschlands ging, hat in ihrem über Jahrzehnte angewachsenen Werk eine völlig eigenständige Poetik entwickelt.“

Als älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung unterstützt die Deutsche Schillerstiftung von 1859 Autorinnen und Autoren. „Seit fast 150 Jahren zeichnen wir besondere schriftstellerische Leistungen aus“, erklärt sie auf ihrer Homepage. Seit 2010 wird alle zwei Jahre der  Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis  vergeben. Er fördert deutschsprachige Lyrikerinnen, die durch ihre künstlerische Leistung hervorgetreten sind. Bisherige Preisträgerinnen waren Dorothea Grünzweig (2010) und Sabine Scho (2012). Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird im kommenden Mai zusammen mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung in Weimar verliehen. Diese mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung geht an den Lyriker Volker Sielaff.

42. Geistesblitzfrequenz

Mit seiner Eloquenz und der hohen Geistesblitzfrequenz wirkt Steffen Popp auf sein Publikum immer etwas einschüchternd; dabei ist er kein gewiefter alter Fuchs, kein weißhaariger Lyrikdoyen, sondern ein junger Mann, der seine Zuhörerschaft in Erstaunen versetzt, wenn er Querverbindungen zwischen Knotenpunkten der internationalen Geistes- und Literaturgeschichte herstellt, die Möglichkeiten poetischen Denkens und dessen Verhältnis zum Diskursiven auslotet – und seine eigenen Äußerungen zugleich (sprach)kritisch kommentiert.

Einen Moderator braucht Steffen Popp eigentlich nicht, um in Fahrt zu kommen, bestenfalls einen Stichwortgeber – ein Luxus also, dass die Veranstalter des Duisburg-Essener Poet in Residence-‚Spezials’: Zwischenspiel Lyrik für die Abschlussveranstaltung Norbert Wehr eingeladen hatten: Mit seiner Zeitschrift Schreibheft, die seit 1977 (seit 1982 unter seiner Leitung) „avancierte Literaturkonzepte in internationalen Literaturen aufzuspüren versucht“, ist Wehr ein Leuchtturm inmitten der literarischen Unternehmungen im Ruhrgebiet – und könnte selbst abendfüllend erzählen.

(…)

Wer aber waren die poetischen Helden, die Steffen Popp, ähnlich wie Nicolas Born damals Norbert Wehr, ‚auf die Spur’ gebracht haben? Es sei „keine Einzelperson“ gewesen, entgegnet Popp (für Eingeweihte vielleicht etwas überraschend, s.u.) auf die Frage des Moderators, vielmehr die ersten lyrischen Gehversuche auf Vorlesebühnen in Berlin und bei Wohnzimmerlesungen: „Dort erhielt man Kritik von Leuten, die sich besser auskannten.“ Ferner: das Netzwerk um den kookbooks-Verlag. Bei einem Autorencamp am Müggelsee, das von einer kleinen literarischen Gesellschaft ausgerichtet wurde, kam es zum ersten und folgenreichen Zusammentreffen von Steffen Popp und Daniela Seel. Der später von Seel gegründete Verlag brachte ihn mit Daniel Falb, Hendrik Jackson und Monika Rinck zusammen, mit denen er 2011 im Merve-Verlag Helm aus Phlox vorlegen wird, bei dem auch Ann Cotten mitwirkte, ein eigenwilliges gemeinschafts-poetologisches Unterfangen, das Grundzüge und Probleme möglicher zeitgenössischer Dichtung einkreist, skizziert und mehrstimmig diskutiert.

Zugleich klären die fünf Lyriker*innen jeweils für sich, aber auch grosso modo die Frage nach den Motiven ihres Schreibens, nach ihren je spezifischen Interessen an bestimmten Modi der Wahrnehmung. Fünf äußerst unterschiedliche Persönlichkeiten seien sich da in der Lyrik begegnet; ihre unterschiedlichen Personalstile und heterogenen Zugriffe auf ihr dichterisches Material hätten sich ausgerechnet das Gedicht als optimales Ausdrucksmedium gesucht. Und welch ein Glück sei so eine Gemeinschaftsarbeit, so Steffen Popp, da nicht wenige Autoren an den hedonistisch-isolierten Produktionsbedingungen von Literatur leiden: allein an einem Tisch arbeiten zu müssen.

Eine Lyrikerin, deren kritischen Blick Steffen Popp ebenso schätzt wie ihr Werk, ist Elke Erb. Als ausgesonderte Buchbestände aus ostdeutschen Bibliotheken wohlfeil zu haben waren, hielt er Vexierbild in der Hand, einen der ersten Gedichtbände der Autorin – und sah hier zum ersten Mal, dass Gedichte sich wie Archipele über die Seiten verteilen können. 2003 habe er in Berlin eine Lesung von ihr gehört – und gemerkt: „Ist die gut!“ Aus dieser Begegnung hat sich eine produktive Dichterfreundschaft entwickelt: Er besucht sie immer mal, sie lesen und beäugen einander mit Wohlwollen. „Es ist eigentlich kaum machbar, aber sie wird immer noch besser!“, sagt Steffen Popp über Elke Erb. Und letztere hat den ersten Zyklus aus seinem jüngsten Gedichtband lektoriert, ihr ist das Titelgedicht gewidmet, das mit Erbs Gedicht „Die wirkliche Möglichkeit“ (aus Sonanz, 2008) in einen Dialog eintritt:

Dickicht mit Reden und Augen

Möglichkeit und Methode überschneiden sich
ein kühner Satz bricht sich im Wald, fortan er hinkt

kein Sprung ins Dickicht dringt, kein Huf hinaus
kein ausrangiertes Fahrrad betet hier um Ruh
kein altes Lama spuckt, kein junges auch

sie hängen in den Tag, in Baumschaukeln
kein Baum, genau besehen, keine Schaukel, nicht mal
ein sie, nur hängen, Tag

Reden, durch nichts gedeckt, doch lebhaft
Lebewesen fast in einem Dickicht
hängend, hinkend eine, darum nicht weniger wahr
nicht wahr, nicht weniger, nicht – ungerührt

schaukeln oder grasen zur Pflege der Landschaft
oder stehen nur in ihr, schauen herüber mit Augen.

für Elke Erb

Aus: Steffen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Berlin: kookbooks, 2013, S. 38.

Steffen Popp versteht zu loben, wo es angebracht ist: Er würdigt Elke Erb als die „größte lebende deutschsprachige Lyrikern – was Männer einschließt!“ Ihr Gesellschaftsbezug, ihre Radikalität, auch diejenige der Synthese von Leben und Werk als „Gesamtkunstwerk“ – all das hat ihn zutiefst beeindruckt, vielleicht auch, weil er in der Lyrikerin seine Formel von „Poesie als Lebensform“ personifiziert findet, die rasch zum Motto von kookbooks avanciert ist. Ein „nicht unproblematischer philosophischer Topos“, findet Popp, der auf das frühromantische Konzept einer progressiven Universalpoesie zurückverweise: „Die Welt muss romantisiert werden“, heißt es in Novalis’ Fragmenten – doch Popp quittiert: „Nein, bitte nicht!“ Für Wittgenstein war das „Sprechen der Sprache [Teil] einer Lebensform“. Übertragen ins 21. Jahrhundert kann man darunter womöglich eine gelungene Synthese von gesellschaftlichem Leben und poetisch-philosophischem Gebäude verstehen, und da kommt (womöglich) wieder Elke Erb ins Spiel: „Elke Erb und Lyrik: Da passt kein Blatt Papier dazwischen! Sie trennt nicht zwischen ‚Schreibtisch’ und ‚Rest’. „Kann mir das auch passieren?,“ fragte sich Steffen Popp – und winkt resignativ (oder: bescheiden?) ab: seine Generation sei „zu profan“.

(…) / Maren Jäger, literaturkritik.de

71. Faltungen

Aus: Jan Kuhlbrodt, Faltungen – zum Experiment

Wie es scheint, wird das Experiment als Gattung betrachtet, was dem Begriff widerspricht. Denn im Grunde müsste das Experiment ja im Bereich vor jeder Gattung liegen. Aus dem Experiment könnte sich, wenn es denn gelingt, eine Gattung konstituieren.

Was verbindet also Texte?

Das ist natürlich eine unsinnige Frage. Eine Frage, die von ihrem metaphorischen Gehalt her sofort auf eine falsche Fährte führt, denn verbunden sind Texte zunächst durch etwas ihnen rein Äußerliches, die Willkür der Auswahl, die sie in einer Publikation zusammenbindet, und durch die Unmöglichkeit, irgendetwas, schon gar nicht die sogenannte experimentelle Dichtung, in seiner Vollständigkeit zu präsentieren.

(…)

Mayröcker steht für eine Art experimentelle Innerlichkeit. Die Sprache durchwandert das Selbst und trifft dort auf die Sedimente von Welt. Innerlichkeit hat hier also nichts mit dem Kitsch zu tun, der anderenorts unter diesem Label verbreitet wird. Sie ist analytisch. Und an Mayröcker schließen sich all jene an, die auf diesem Feld experimentieren und forschen.

Jürgen Becker erforscht die Ränder der Gattung zumindest auf literarischem Gebiet, vielleicht könnte man an dieser Stelle auch Brinkmann nennen. Eventuell hat es auch etwas mit dem B im Nachnamen zu tun. Beide also arbeiten zwischen Hörspiel und Prosa am Gedicht.

Elke Erb schließlich, auch eine, die forscht. Vielleicht könnte man ihre Art mit literarischem Exerzitium des 21. Jahrhunderts beschreiben. Alles wird Gegenstand lyrischer Analyse, und dabei unterscheidet sie nicht zwischen hergestellter und (sozusagen im Volksvorurteil) natürlicher Welt. Und Ausgangspunkt dieser Analyse ist ein Wundern.

Die Kleider der hier ausnahmsweise namentlich angeführten Alten werfen Falten. Wie gute Großeltern sitzen sie nicht auf einem Sockel, sondern mitten unter uns, und wir spielen zwischen den Falten. Verlassen auch schon mal das Zimmer, um bei den Nachbarn reinzuschauen und langsam wird uns auch klar, dass wir fremde Sprachen lernen sollten, um uns zu verstehen.

(Das wussten die angeführten Alten schon, vor allem Jandl und Erb haben in übersetzerischer Hinsicht Unglaubliches geleistet, aber die sind ja schon lange erwachsen.)

Am Ende eine sehr sehr unvollständige Liste der Kinder und Enkelkinder, wie sie mir in den Sinn gekommen sind. Zwei Stunden später wäre das sicherlich anders ausgefallen:

Rinck, Falkner, Czernin, Hefter, Winkler, Piekar, Crauss, Berends, Futscher, Popp, Filips, Seel, Elze, Bresemann … …

(Komplett bei Signaturen)

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