L&Poe Rückblende: April 2002

Lyrik im „Spiegel“

Wenn Lyrik im „Spiegel“, muß schon irgend etwas Nachrichtenwürdiges:

Großmaul vom Gardasee. Zoten, Sex und Pornografie – ein Altphilologe hat den vulgärsten Dichter Roms neu entdeckt. Sein Name: Catull.

Aus dem Inhalt:
Und was sagte Cäsar? Ignorierte er den Tunten-Vorwurf? / Erfahren Sie die ganze Wahrheit im „Spiegel“ 14/2002 (mit erotischen Fresken).

Vorteile der Mehrsprachigkeit 1

Der Salzburger Slawist Otto Kronsteiner über die alte Literatursprache Slowenisch, ein neues Standardwerk und den Traum vom Nobelpreis :

Es ist bekannt, dass viele slowenischen Dichter zweisprachig gedichtet haben. Schon bei Preseren haben wir eine Reihe von schönen deutschen Gedichten, er kommt allerdings nur in der slowenischen Literaturgeschichte vor und sonst in keiner. Ich habe schon öfter vorgeschlagen, man müsste eine österreichische Literaturgeschichte schreiben, die auch die vielen zweisprachigen Dichter im alten österreichischen Kulturraum erfasst. Es hat nicht nur die slowenisch-deutsche Zweisprachigkeit gegeben. Die Polen, die Tschechen, die Ungarn – alle haben sie auch Deutsch gedichtet. Also müsste man eine österreichische Literaturgeschichte schreiben, in der auch Preseren und die anderen vorkommen, die in zwei Sprachen gedichtet haben. Das wäre für die Zukunft wichtig. (…)

Welche Chance haben eigentlich Sprachen wie das Slowenische? Es ist ja schwierig in dem großen Europa, sich mit einer Sprache, die von zwei Millionen Menschen gesprochen wird, durchzusetzen. (…) Eine Gefahr liegt darin, dass es in solchen Literaturen wie den slowenischen sehr viel Lyrik gibt. Lyrik ist sehr schwer zu übersetzen und bleibt daher relativ unbekannt. Die Sprachen und Literaturen, die viele Dramen und Romane haben, haben die besseren Chancen. Daher würde ich mir wünschen, dass sobald wie möglich ein Slowene einen schönen großen Roman schreibt und den Nobelpreis dafür bekommt. Dann würde die slowenische Literatur mit einem Schlag in der ganzen Welt berühmt. / Kleine Zeitung 9.4.02

  • „Geschichte der slowenischen Literatur“ von Marija Mitrovic. Übersetzung/Bearbeitung: Katja Sturm-Schnabl. Hermagoras/Mohorjeva, Preis: 36 Euro.-
Vorteile der Mehrsprachigkeit 2

Der Tagesspiegel interviewt den in Angola in einer portugiesisch-brasilianischen Ehe geborenen und heute abwechselnd in Rio de Janeiro, Lissabon und Luanda lebenden Autor José Eduardo Agualusa, der einige Monate als Stipendiat in Berlin lebte. 2 Zitate:

  • Die portugiesische Sprache ist inzwischen eine Komposition, die aus sieben Ländern in vier Kontinenten entstanden ist. Hinzu kommt, dass die Araber fünf Jahrhunderte in Portugal waren, das Portugiesische also nicht nur lateinische Wurzeln hat. Auch der Fado, die traditionelle Musik Lissabons, geht zurück auf den Gesang afrikanischer Sklaven in Brasilien im 19. Jahrhundert. Und bereits im 17. Jahrhundert kam jeder fünfte Bewohner Lissabons aus Afrika. … Im 17. und 18. Jahrhundert waren viele Lissaboner Intellektuelle afrikanischen Ursprungs.
  • Ich denke, die Deutschen sollten als Chance begreifen, dass nun auch das Türkische eine deutsche Sprache geworden ist. / Der Tagesspiegel 10.4.2002
Brasilianische Literatur

Doch bereits im 17. Jahrhundert hatten zwei Schriftsteller diesem Transkulturationsprozess in ihren Werken Ausdruck verliehen: der poète maudit Gregório de Matos, das «Höllenmaul» von Salvador, verhöhnte in seinen satirischen Versen den Standes- und Rassendünkel der Weissen, während der Jesuitenpater Vieira der neu entstehenden tropischen Zivilisation bescheinigte: «Brasilien hat den Körper Amerikas und die Seele Afrikas.» / NZZ 20.4.02

Peter-Paul Zahls Roman

… „Die Glücklichen“ hat derweil seine 26. Auflage erreicht. Als der Roman 1979 zum ersten Mal erschien, war es ein Skandal. Peter-Paul Zahl hatte ihn im Knast geschrieben, in Köln Ossendorf, Bochum und Werl. Hatte damit jenen früheren Weggefährten eine Nase gedreht, die sich um des Parteigehorsams willen auf die Tage der Kommune nicht mehr besannen, auf die Straßenkämpfe und Sprechchöre, die Demos und Steinwürfe. Für die Bonner Republik andererseits war das Buch ein 524 Seiten langes Ständchen mit dem Refrain: „Ich kenn ein putzig Städtchen am Rhein / da behaupten die Beschränktesten / Sachwalter ganz Deutschlands zu sein./ Sie verwalten die Kohlen und halten die Macht / aber jetzt jetzt werden sie ausgelacht.“

Dass der Knastschreiber, zu dem Zahl sich selbst ernannte, daraufhin den Förderpreis der Freien Hansestadt Bremen erhielt, ließ die Lordsiegelbewahrer des freien bundesdeutschen Staates aufschreien. Das hieße sozialdemokratische Kulturpolitik, posaunte Helmut Kohl an Straußens Statt. / Aureliana Sorrento, Berliner Zeitung 13.4.02

Retter der Unwahrheit

Gedichte, so Waterhouse, haben es mit einem «weit verzweigten System von Unwahrheiten» zu tun, ja sie fungieren geradezu als «Retter» von «Unwahrheit».
Um diese irritierende Einsicht zu belegen, führt Waterhouse an einem Gedicht des Lyrikers Andrea Zanzotto das unausweichliche Misslingen jedweder Übersetzung vor. Als Spezialist für das Aufspüren klanglicher Echos und Konnotationen in den einzelnen Wörtern, entriegelt Waterhouse den ursprünglichen Bedeutungsgehalt des Wortes «vera» (= «wahr») und überführt es in eine «desintegrierte, aufgelöste Form von Wahrsein». Aus «vera» für «wahr» entsteht dann irgendwann «vertigo», also Schwindel, Drehung und Taumel. Wer Gedichte schreibt und übersetzt, begibt sich laut Waterhouse nicht in den Einflussbereich der «Göttin der Treueschwüre», sondern in die Einflusszone der lateinischen «Vertumnen», der «Wandelgötter, Verschieber, Übersetzer». / Michael Braun , Basler Zeitung 24.4.02

Problem Nobelpreis

„Kein Gewinn für den menschlichen Geist“

Über die Veröffentlichung der Akten des Nobelpreiskomitees bis 1950 berichtet die NZZ:

Paul Valéry wurde ab 1930 fast jährlich lanciert, ehe er 1945 zu genau jenem Zeitpunkt starb, als das Komitee Bedenken wegen Valérys Exklusivität überwand. 1930 wird Valéry als «schwer zugänglich» beurteilt, man fürchtet, er würde das breite Publikum verwirren. Sein Werk sei kein Gewinn für den «menschlichen Geist». Auch danach wird er als dunkel und pessimistisch abgelehnt. Der Nobelpreis sei für ein «breiteres menschliches Interesse» reserviert, heisst es etwa. 1939 wird dem Kandidaten verhaltener Respekt gezollt. Man spricht jetzt von «erlesenen und graziösen egozentrischen Gedankenspielen, ohne eigentlichen Bezug zum Leben und zur Welt». 1943 rühmt dann der Experte für französische Literatur Valérys «ehrliche Wahrheitssuche». Der Schriftsteller Per Hallström als Vorsitzender bekennt aber, dass er in diese «esoterische» Lyrik nicht einzudringen vermöge. Der Scharfsinn der Aphorismen vernichte den seelischen Stoff, den Valéry bearbeite. Der Leser sei nach der Lektüre nicht klüger als zuvor. Erstmals regt sich mit Fredrik Böök, Schwedens einflussreichstem Kritiker, eine Stimme, die für Valéry plädiert. 1945 stirbt Valéry. Hallström lobt jetzt dessen unvergleichliche «geistige Erhebung und Selbständigkeit». Der Vorschlag, ihn postum auszuzeichnen, fällt aber durch. T. S. Eliot indessen wird im selben Jahr als zu exklusiv eingestuft . NZZ 8.4.02

Nordlicht aus Dresden

Aber Däublers Haupt- und Lebensstück, das lyrische Großepos „Das Nordlicht“, ist so gründlich verschollen, dass es selbst im „Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ kaum Spuren hinterlassen hat. Sehr zu Unrecht, denn dieses ebenso großartige wie törichte Gedicht ist eines der größten deutschen Sprachexperimente, „halb Pyramide und halb Urwald“, wie Däubler selbst meinte. Das Gedicht soll nicht weniger als die Geschichte der gesamten Schöpfung erzählen, von der anfänglichen Trennung der Erde von ihrer Mutter, der Sonne, bis zur künftigen Vereinigung im Kosmus unter dem Zeichen des Nordlichts. Vollständig erschienen ist „Das Nordlicht“ zum ersten Mal 1910 (Florentiner Fassung), dann, nach einer durchgreifenden Umarbeitung zum zweiten Mal 1921 (Genfer Fassung). Bis 1930 arbeitete Theodor Däubler an der dritten, der „Athener Fassung“. Sie blieb allerdings ungedruckt und liegt heute im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Der Dresdner Literaturwissenschaftler Walter Schmitz hat nun zusammen mit Stefan Niehaus (Universität Bari) und Paolo Chiarini (Universität Rom) mit der ersten Gesamtausgabe der Werke Theodor Däublers begonnen. Nachdem einer Reihe großer deutscher Verlage das finanzielle Risiko einer solchen Edition als zu groß erschien, hat nun der Dresdner Kleinverlag Thelem ( http://www.thelem.de ) die Ausgabe übernommen, deren erster Band, eben „Das Nordlicht“ in drei Fassungen und Teilbänden sowie einem Kommentarband, gegen Ende dieses Jahres erscheinen könnten – vorausgesetzt, es finden sich hundertzwanzig Subskribenten für die Gesamtausgabe. / Süddeutsche Zeitung 11.4.02

Benn und die Frauen

Die Frauen! Fast zwanzig Jahre, nachdem Gottfried Benn dem Freund Oelze seine Vorliebe für Affären mit eher ungebildeten Damen mehr herausposaunte als gestand (Brief vom 29. Juli 1938), verwickelte sich der Dichter in eine Doppelaffäre mit zwei jungen Literatinnen, die den fast siebzigjährigen Dichter häufig in Dispute über Lyrik verwickelten: über seine Verse ebenso wie über die eigene Lyrikproduktion. Denn Ursula Ziebarth und Astrid Claes, wiewohl grundverschieden, schrieben beide Gedichte und zögerten nicht, den Meister in deutlichen Worten zu kritisieren, wenn es ihnen nötig schien. „Sie sind der Dichter der Morgue und der Trunkenen Flut, Sie dürfen mit dem Namen Gottfried Benn doch heute nicht mehr machen, was Sie wollen. Sie haben die Welt beschenkt, wie sie es nie verdient hatte; sie hat dieses Geschenk angenommen. Was veranlasst Sie also zu dieser Ungeduld, die Sie dem von Ihnen selbstgestellten Anspruch untreu werden lässt? Warum warten Sie nicht mehr?“. / FAZ 27.4.

Und noch mehr Benn: FAZ verspricht für die Sonntagsausgabe – das muß ich zitieren: „Wie wird es enden? Der Kampf der letzten beiden Geliebten Gottfried Benns“ (S.10)

Die Antwort füllt am Sonntag wiederum fast eine ganze Seite (incl. 4 Bilder). Florian Illies wird Antwort von Frau Ziebarth: „Machen Sie sich keine Sorgen, junger Mann, als Liebhaber war er ganz hervorragend.“ / FAZ 28.4.02

Schwül… stigst

Thomas Mann als Lyriker kann man in der Frankfurter Anthologie erleben: schwül, -stigst (mit Achselbart, Hinterfleisch und Zeugezeug – außerdem einem handfesten editorischen Skandal). / FAZ 27.4.02

Apropos Schwulst

Lyrik (sagt die Sächsische Zeitung) ist, wenn man sich geschwollen ausdrückt:
Der Oberbürgermeister bemühte die Lyrik. „Sport ist eine Tätigkeitsform des Glücks“, sagte Ingolf Roßberg bei seiner Eröffnungsrede am Sonnabend auf der 10. Dresdner Sportlergala im Westin Hotel Bellevue. / 23.4.02

Gegenmodell Grünbein

Dr. Lutz Hagestedt, Literaturkritiker und Dozent am Institut für Neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität, betonte in seiner kurzen Vorstellung des Autors, dass Grünbein in den letzten Jahren sogar noch weiter angezogen habe: „Quantitativ wie qualitativ.“ Der junge Autor bringe die erstarrten Formen des Kanons in Bewegung: „Das Gegenmodell zu Grünbein ist wohl der Pop-Literat.“ / Gießener Anzeiger 27.4.02

„Staatsdichter“ Grünbein

Obwohl man ihn seit einem Jahrzehnt durch allerlei «Ruhmhallen» hetzt, ist Durs Grünbein ein Ausnahme-Lyriker geblieben, der mit seinem Weltaneignungsgeschick und seiner Kompositionsfertigkeit selbst schwächere Phasen seiner Produktion zu überspielen vermag. … Vier Gedichttypen lassen sich in «Erklärte Nacht» unterscheiden: Im ersten Teil des Bandes dominiert die bildungstouristisch veredelte Reiseimpression. Hinzu tritt der lyrische Kommentar zu politischen Erregungszuständen wie dem Kosovo-Konflikt und dem Drama des 11. September. Die Mitte des Bandes bilden «neue Historien», konzentrierte Porträts zu bestimmten geschichtlichen Lagen in der römischen Kaiserzeit, in denen Grünbein seine antikisierenden Leidenschaften elaboriert vorzuführen weiss. Gegen Ende des Bandes kehrt der Autor in einer Reihe «unzeitgemässer Gedichte» zu den Landschaften und Urszenen seiner Kindheit zurück. / Michael Braun, Basler Zeitung 26.4.02

Jeanne Mammen, Lehrerin der Außenseiter

Für Lothar Klünner , der nach dem Krieg mehr als 25 Jahre lang fast jeden Donnerstagabend hier verbrachte, ist das Atelier so etwas wie Heimat, wie die „Wiege meines Kunstverständnisses“. Er und sein Freund Johannes Hübner Mammen, um mit ihr bei Rotwein über französische Literatur zu diskutieren. Die beiden, die zur ideengeschichtlich verwaisten jungen Kriegsgeneration gehörten, suchten Zuflucht beim literarischen Surrealismus der Franzosen. Sie begannen Apollinaire und René Char zu übersetzen und schrieben selbst Gedichte im Duktus ihrer großen Vorbilder. Die 30 Jahre ältere Mammen wurde ihnen zur Mentorin, denn im Französischen und der Literatur jener Zeit kannte sie sich aus.

Eines teilt Klünner mit seiner Lehrmeisterin: Als Schriftsteller ist er Außenseiter geblieben. Seine Lyrik, die dem Unbewussten huldigt, Logik und bewusstes Kalkül ablehnt und in der das Ich gern auf verlorenem Posten steht, bietet viel kryptischen Expressivität. Verständnis wird mit einer fantastischen Metaphernfülle zugedeckt. Das gibt den Gedichten die Schönheit des Augenblicks. Zeitlos aber ist nur die Idee, dass der Moment zeitlos sein kann. / taz Berlin 5.4.02

Lothar Klünner: Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeanne-Mammen-Gesellschaft 2000. ISBN 3-89811-428-7

Seit mehr als 1000 Jahren

leben Juden in Deutschland, aber erstmals vor 230 Jahren schrieb einer von ihnen auf Deutsch*, lesen wir in der NZZ:

Mit den 1772 anonym erschienenen «Gedichten von einem pohlnischen Juden» war dieser Anfang in Deutschland für die Literatur gesetzt. Davor gab es zwar jiddische, aber keine deutschsprachige jüdische Literatur. Der Verfasser dieser Gedichte, Isachar Falkensohn Behr , 1746 in Litauen geboren, vollzog den Weg jüdischer Söhne der Aufklärung… [Der junge Goethe rezensierte den Band in Frankfurt]. / Andreas Kilcher, NZZ 25.4.02

  • Isachar Falkensohn Behr: Gedichte von einem polnischen Juden. Hg. mit einem Nachwort von Andreas Wittbrodt. Wallstein-Verlag, Göttingen 2002. 104 S., Fr. 39.50

*) Bestimmt nicht der erste! Es gab sogar einen jüdischen Minnesänger: Süßkind von Trimberg.

Island: Jeder liest und dichtet

Und der Erfolgsverleger Halldor Gudmundsson erzählt: „Jeder Isländer ist ein Leser oder Erzähler. Oder beides. Und zwischendurch schreibt er Gedichte.“ Dass die Isländer ebenso viele Lyrikbände kaufen und lesen wie 80 Millionen Deutsche, verschlug selbst Hans Magnus Enzensberger die Sprache. Jeder zehnte Inselbewohner hat ein Buch veröffentlicht. Selbstverständlich dichtet auch Ministerpräsident David Oddsson . / Die Welt 21.4.02

Oulipo & Co.

Dietmar Dath schreibt über die Schriftstellergruppe Oulipo (auf deren Mitgliederliste auch der Name Oskar Pastior steht) und ihre Ableger, darunter das vom Oulipoten Jacques Roubaud gegründete ALAMO:

„Regel“ hieß also der Anspruch, dem man gerecht werden wollte. Roubaud selbst steuerte zum oulipiensischen Kanon zwei solche Regeln bei, die „Roubaudschen Prinzipien“: Das erste schlägt vor, daß „ein Text, der entsprechend einer bestimmten restriktiven Prozedur erstellt ist, sich auch explizit auf diese bezieht“, das zweite verlangt, daß „ein Text, der nach einer mathematisch formulierbaren Prozedur geschrieben ist, auch die Konsequenzen der mathematischen Theorie tragen muß, die er illustriert“. Roubauds „Prinzessin Hoppy“ ist ein Exempel der zweiten Regel; die erste fand Verwirklichung in einer Dichtung Georges Perecs, die ohne den Buchstaben „e“ auskommt und zugleich dessen Verschwinden thematisiert („Anton Voyls Fortgang“). / FAZ 17.4.02

Maja Turowskaja erinnert an Joseph Brodsky

Mit fünfzehn hatte er die Schule verlassen, aber als sich herausstellte, daß man an moderne Literatur in der Sowjetunion nur auf polnisch herankam, eignete er sich Polnisch an. Danach fügte er seinem Russisch, gemäß Niels Bohrs Prinzip der Komplementarität, das Englische hinzu (seine Aussprachefehler hinderten ihn nicht, ein brillanter Essayist zu werden). …

Auf die Frage der Richterin Saweljewa, wer ihn in die Riege der Dichter aufgenommen habe und was ihm das Recht zu dieser Tätigkeit gebe, hatte Brodsky seinerzeit im Gerichtssaal geantwortet: „Ich glaube, das kommt – von Gott.“ Keine triviale Antwort für einen sowjetischen Burschen, der, von allem anderen abgesehen, des „Schmarotzertums“ angeklagt ist. Das Urteil – fünf Jahre Zwangsarbeit – bestätigte es, die Ausweisung bekräftigte es. / Frankfurter Allgemeine Zeitung , 16.04.2002

Verbal Pyrotechnics

Make way for the mind-bending experiments — the verbal pyrotechnics — of the Russian poet Velimir Khlebnikov (1895-1922), whose friends christened him „Velimir the First, King of Time.“ Khlebnikov’s early Futurist work has the hijinks glow and aggressive hilarity of youth („We rang for room service and the year 1913 arrived,“ he wrote, „it gave Planet Earth a valiant new race of people, the heroic Futurians“), and reading it, even in translation, often makes me burst out laughing. / Washington Post Sunday, April 28, 2002

William Blake

Sein erfolgreicher Dichterkollege Wordsworth , bei dem sich im Gegensatz zu Blake der revolutionäre und künstlerische Elan im mittleren Alter verflüchtigte, bemerkte immerhin nach der Lektüre einiger Blake’scher Verse: «Am Wahnsinn dieses Mannes ist etwas, das mich mehr anzieht als die geistige Gesundheit eines Lord Byron .» … Dem deutschsprachigen Publikum ist Blake, zumal in seiner Eigenschaft als Dichter und mythopoetischer Zivilisationskritiker, nach wie vor wenig bekannt; und dies, obgleich seine erste kritische Würdigung 1811 ausgerechnet auf Deutsch erschien, und zwar im «Vaterländischen Museum», verfasst von Henry Crabb Robinson, einem unermüdlichen, wenn auch wenig erfolgreichen Mittler zwischen englischer und deutscher Kultur in der Goethezeit. / Werner von Koppenfels, NZZ 13.4.02

Allen Ginsberg stirbt

Es steht in allen Zeitungen Es kommt in den Abendnachrichten Ein grosser Dichter stirbt Aber seine Stimme wird nicht sterben Seine Stimme schwebt über dem Land In Lower Manhattan in seinem Bett stirbt er Es lässt sich nichts dagegen tun Er stirbt den Tod eines jeden Er stirbt den Tod eines Dichters Er hält ein Telephon in Händen und ruft jeden an Rund um die Welt spät in der Nacht klingelt das Telephon «Ich bin’s, Allen» sagt die Stimme

so beginnt ein Text von Lawrence Ferlinghetti , den das St. Galler Tagblatt heute mit einem weiteren von Gregory Corso zum gleichen Thema druckt: Elegeia für Allen Von seinem geliebten Catull [schon wieder!] und seinem geliebten Gregory, dargebracht am 7. April 1997 im New York City Shambala Center . (Ginsberg starb heute vor 5 Jahren)/ Tagblatt 5.4.02

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