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35. Magischer Zustand

Friederike Mayröcker ist eine wahrhaft große Dichterin. Das Schreiben ist für sie, wie sie in einem Zeitungsgespräch erläutert, ein „total anderer Zustand“: „Es ist fast, wie wenn ich eine Droge nehmen würde. […] Es ist ein magischer Zustand. Ich rede nicht gerne darüber. Ich empfinde es beinahe als Verrat, darüber zu sprechen. Es ist auch für mich ein Geheimnis.“

Ihr dichterisches Selbstverständnis ist, wie das folgende Gedicht zeigt, beeindruckend klar:

für CF am frühen Morgen (15. 1. 05)

ist das 1 Gedicht, sagt CF, ja
das ist 1 Gedicht: indem ich sage das ist
1 Gedicht ist es 1 Gedicht. Meine
Ärztin sagt, essen Sie 1 Gedicht, ich
weisz nicht wie man es kocht, sage ich. Wenn Antoni
Tàpies sagt, diese weisze Form ist 1 Sessel, erkenne
ich in dieser weiszen Form einen Sessel, ins
Zentrum gerückt. Indem ich von einem Urinoir sage, das
ist 1 Kunstwerk, sagt Marcel Duchamp, ist
es 1 Kunstwerk. Indem ich sage, die
weiszen Schäfchen am Himmel, sind es die
weiszen Schäfchen am Himmel“.

Die Lyrikerin besteht auf der Kraft ihrer Sprache, ist sich des „magischen Zustands“ ihres Schreibens bewusst. Sie versteht sich als „Sprachzauberin“ mit höchster dichterischer Autorität und reiht sich mit diesem Anspruch ein in die Gruppe von Künstlern, deren Kriterium für Kunst, wie sie behaupten, in ihnen selbst liege: Ihr Werk sei, inspiriert von ihnen, den Künstlern, immer Kunst.

Ähnlich äußert sich Mayröcker in einem Zeitungsgespräch aus dem Jahr 2012: „Es gibt sogar Momente, in denen ich darüber nachdenke, was wohl die Leser zu einem bestimmten Satz sagen werden. Trotzdem würde ich ihn nie deswegen ändern. Er kann nur so lauten, wie er da steht. Mir geht es immer nur um die Sprache. Um ihre Funktionsweise, vor allem ihre Schönheit. Handlung, Botschaft, interessiert mich alles nicht.“

Die Schlusszeilen ihres Gedichts für CF am frühen Morgen erinnern in ihrer herausfordernden Bestimmtheit an einen frühen Tagebucheintrag Franz Kafkas vom 19. Februar 1911: „Die besondere Art meiner Inspiration […] ist die, dass ich alles kann, nicht nur auf eine bestimmte Arbeit hin. Wenn ich wahllos einen Satz hinschreibe z. B. Er schaute aus dem Fenster so ist er schon vollkommen.“ So wie sich Kafka als „vollkommenen“ Dichter sieht, sieht sich die Lyrikerin als eine Schöpferin von Sprachbildern, deren Wahrheit durch nichts als den dichterischen Text selbst konstituiert wird und darin vollständig zum Ausdruck kommt. / Herbert Fuchs, literaturkritik.de

96. durchsichtig

Gedichte sollen undurchsichtig sein, sollen eine verdichtete, hermetische Qualität haben. Wulf Kirsten pfeift auf gedichtete Gedichte. Sein Gedicht ist durchsichtig bis zur Offensichtlichkeit. Die Namen, einzig sie mit großen Buchstaben geschrieben: Brod, Kafka, Goethe, Gretchen, Kafka, Erfurter, diese Namen lassen auf den ersten Blick durchscheinen, worum es hier geht: um eine kulturgeschichtliche Episode in Weimar, ungenannt bleibend, aber ersichtlich der Ort des Geschehens.

Tatsächlich kam Kafka als Pilger, seinen Freund Max Brod im Gepäck, 1912 hierher, mietete sich in der Geleitstraße günstig ein, besuchte das Haus am Frauenplan und verliebte sich Hals über Kopf in ein Mädchen, die Tochter des Hausmeisters vom Goethehaus, ein Mädchen, das, um das unglückliche Ende gleich anzudeuten, auf den Namen Gretchen hörte. / Hellmut Seemann über das Gedicht „durchsichtig“ von Wulf Kirsten, Thüringer Allgemeine

46. Nobelfakten

106 Nobelpreise für Literatur wurden seit 1901 vergeben, davon 13 an Frauen.  Durchschnittsalter der Preisträger war 65 – der jüngste war Rudyard Kipling mit 42, die älteste Doris Lessing mit 88. Hitliste nach Sprachen der Preisträger:

  • Englisch 27
  • Französisch 13
  • Deutsch 13
  • Spanisch 11
  • Schwedisch 7
  • Italienisch 6
  • Russisch 5
  • Polnisch 4

Auf der Website des Nobelpreises kann man alle Vorschläge bis 1950 recherchieren. Arno Holz wurde 1919 von 40 Autoren vorgeschlagen und bis 1929 weitere 8 mal.  Thomas Mann nur fünfmal, zuerst 1924 von Gerhart Hauptmann, 24 Jahre später aber erfolgreich.  Franz Kafka, James Joyce, Rainer Maria Rilke und Bertolt Brecht wurden niemals vorgeschlagen.  Winston Churchill wurde 24 mal vorgeschlagen, davon viermal für den Friedensnobelpreis und 20 mal für den Literaturpreis, den er auch erhielt.

 

 

 

102. Das kurze Gedicht

Peterchen findet ein Schlüsselchen im Mist und Carolinchen findet ein Kästchen. Es wird aufgeschlossen, und es liegt darin ein kleines, kurzes rotseidenes Pelzchen. Wäre das Pelzchen länger gewesen, so wäre auch das Gedicht länger geworden.

Literatur zur weiterführenden Lektüre:

  • Die wahren Märchen der Brüder Grimm. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Heinz Rölleke. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1989.
  • Franz Kafka, [Blumfeld-Konvolut]. In: Ders.: Nachgelassene Schriften und Fragmente I. Hrsg. Malcolm Pasley. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2002. S. 229-266.
  • Walter Höllerer: Thesen zum langen Gedicht. In: Akzente. Bd. 2 (1965), S. 128–130.

 

3. Im August

2. August 1914

„Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“

Franz Kafka (31, Schriftsteller)

“… ist nicht Kampf im großen Weltgeschehen notwendig, muss nicht eines dem andern Platz machen, eine Nation der Andern, u. wird nicht alles geleitet von großen unterirdischen, elementaren Strömungen?“

Leonore Landau (21, Lyrikerin)

4. August

„Ein armer Bauer, dem aus Versehen alle vier Pferde weggenommen waren, weinte still vor sich hin. Das erste Kriegselend, das ich sehe.“

Harry Graf Kessler (46, Rittmeister, Schriftsteller)

7. August

„Mama sah gestern den Kaiser, er sah sehr ernst aus. – Eben kommt die Nachricht dass die Festung Lüttich mit vielen Verlusten genommen sei! Unsere Kriegsschiffe haben Algier verlassen. Hurrah! Rumänien erklärte Russland den Krieg. Wir bekamen Nachrichten von Papa, ist alles wohl.“

Marie Luise Kaschnitz (13, Schülerin)

„Den Krieg mache ich nicht mit, da mögen andere, alle, sagen, was sie wollen.“

Gustav Sack (28, verbummelter Student und Schriftsteller)

Judith von Sternburg bespricht in der FR die Ausstellung

August 1914. Literatur und Krieg, Literaturmuseum der Moderne, Deutsches Literaturarchiv Marbach: bis 30. März 2014.

96. Kunst und Fest

Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise. (…)

Die Kunst und das Fest treffen sich also im Akt der Verschwendung. Wie es keine organisierte Gesellschaft gibt ohne Fest, gibt es auch keine organisierte Gesellschaft ohne Kunst. Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt. Wer das Fest erforscht, stößt auf Dinge, die auch für die Kunst gelten und umgekehrt. Daher kann man vom einen auf das andere schließen. Sigmund Freud hat das Fest bestimmt als die zeitweise Aufhebung des Verbotenen. Was sonst nicht gestattet ist, darf jetzt sein – in zeitlichen Grenzen, die oft auf die Sekunde genau gesetzt sind und streng überwacht werden. Wenn das stimmt, dann muss auch die Kunst an dieser Dynamik von Verbot und Willkür ihren Anteil haben. Gerade die zwielichtige Weise, in der die Kunst die Welt erleuchtet, erscheint dabei als ein unabdingbares Element. Das sieht man am deutlichsten an der Verschwendung. Insofern als die Kunst Verschwendung ist, hebt sie die Gebote der Askese auf, sei es im bürgerlichen oder im religiösen Sinn. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Künstler die Regeln der Ökonomie oft maßlos missachten und gegen den obersten Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft verstoßen, wonach der Wert eines Produkts von der dafür aufgewendeten Arbeitszeit abhängt. Da schreibt einer zwei Jahre an einem Roman, dann verbrennt er das Manuskript, beginnt von vorn, verbrennt es wieder und schreibt schließlich etwas ganz anderes. Drei Jahre Arbeitszeit sind verschleudert. Ein anderer bringt überhaupt nie einen Roman zu Ende; er hinterlässt nur drei Bruchstücke, das eine heißt „Der Process“, das zweite „Das Schloss“, das dritte „Der Verschollene“, und überdies befiehlt er, dass sie nach seinem Tod vernichtet werden müssen. Welche Verschwendung von Lebenszeit! Doch das Gebot wird missachtet, und die drei Zeugnisse des Scheiterns zählen plötzlich zu den vollkommensten Kunstwerken ihres Jahrhunderts. Auch diese Normverstöße hängen zusammen mit dem Festcharakter der Kunst, nicht weniger als die Tatsache, dass in allen Diktaturen die Künstler, die ihren eigenen Weg verfolgen, grundsätzlich verdächtig sind.

/ Peter von Matt, aus der Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2012, Oe1

6. Kafkas Flatrate

Am 3. Dezember 1992 wurde die erste Kurznachricht an ein Mobiltelefon geschickt. Anton G. Leitner, Herausgeber des Bandes „SMS-Lyrik“ und der Zeitschrift „Das Gedicht“, lässt sich von Nina May über das neue Text-Genre befragen. Per SMS natürlich.

Nina May (10.35 Uhr): Wenn Kafka heute leben würde, würde er seiner Verlobten Felice Bauer eine SMS senden?

Anton G. Leitner (10.50 Uhr): Kafka kann ich mir beim besten Willen nicht als Simsenden vorstellen. Er war obsessiver Briefeschreiber und hätte lange gesimst, um 782 Druckseiten Briefe zu übermitteln. Er hätte eine Felice-Bauer-Flat gebraucht😉

May (11.45 Uhr): ;-) Vielleicht hätte Kafka, der die Rohrpost als Beamter exzessiv nutzte, die Möglichkeit unablässiger Kommunikation auch geschätzt. Diese ständige Erreichbarkeit, was macht sie mit uns? Selbst Angela Merkel twittert und simst ja aus Sitzungen.

Leitner (12.20 Uhr): Die permanente Erreichbarkeit sorgt dafür, dass wir ständig aus Gedankenströmen herausgerissen werden. Und unterbricht lyrische Gedanken und Stimmungen.

May (12.35 Uhr): Aber die SMS hat mit dem Gedicht ja auch was gemein, woher käme sonst Ihr Band „SMS-Lyrik. 160 Zeichen Poesie“?

Leitner (12.40 Uhr): Die Gemeinsamkeit liegt in der Länge einer SMS😉 Der Dichter als Kurzmitteiler …

/ Märkische Allgemeine

7. Poetologe

Der erste Satz eines Textes muss sitzen. „Ganz wichtig ist der Einstieg, er muss passen und packen“, sagt Herbert Grönemeyer, der am Abend des Reformationstags nach Leipzig gekommen ist, um eine Vorlesung zur Poesie zu halten.

Okay, danke, ich versuchs mal:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Tatsächlich, es klappt. Danke, Grönemeyer!

Wie? Ach er meint was andres? Mal schaun, ach so, alles klar:

Der 56-jährige Musiker zitiert zur Veranschaulichung auch gleich aus seinem eigenen Werk: Die Worte „Schatten im Blick“ leiten seinen Song „Flugzeuge im Bauch“ auf dem Album „Bochum“ ein, „die Armee aus Gummibärchen“ marschiert auf, um auf dem Album „Sprünge“ die „Kinder an die Macht“ zu bringen. / WAZ

Es reicht, es reicht, danke, es reicht.

57. Und wieder: Verstehen

Nach einer anderen Sprache verlangen
die nicht geschriebenen Sätze

Essay von Christiane Kiesow (Greifswald)

Der folgende Text ist eine Reaktion auf Bertram Reineckes Essay „Verstehen noch einmal“  zur Debatte um Ulf Stolterfohts Beitrag1 im Jahrbuch der Lyrik 2008. Wie für seinen Beitrag gilt auch für das Verständnis meines Kommentars, dass man die Debatte mitverfolgt haben sollte (siehe Jahrbücher der Lyrik 2008/2009).

 

 

Je nachdem, worin man Bertram Reineckes Ziele beim Schreiben des Essays vermutet, kann man ihn als gelungen oder aber ergänzungsbedürftig empfinden. Wenn es sein Anspruch war, die Positionen der nicht eben einheitlichen Reaktionsfront wohlkommentiert zusammenzufassen und an (s)einen Verstehensbegriff zu erinnern, ist sein Essay vielleicht erfolgreich gewesen. Aber hat sein Beitrag das „Stolterfoht‘sche Theorem“ wirklich plausibler gemacht? Ich finde: noch nicht ganz.

Reineckes Essay ist erst einmal attraktiv, weil es eine vielleicht in Vergessenheit geratene Vielfalt des Verstehensbegriffes zurück ins Bewusstsein holt. Verstehen ist eben nicht nur, sondern auch. Wer Stolterfoht angreifen oder ihm zustimmen will, soll sich also nach Reinecke erstmal besinnen.

Meines Erachtens wird mit Verstehen immer mindestens Zweierlei assoziiert: Einmal gedacht als Ergebnis einer (womöglich intensiven, [heraus]-fordernden und mit Willenskraft verbundenen) Denkoperation, die mit Überwindung eines Widerstandes einhergeht. Nach dem Prinzip: Licht ist Arbeit. Verstehen dann aber auch andererseits als intuitive Einsicht, eine Art „Seelenwahrnehmung“ während des Lesens, weit vor jedem kognitiven Reflexionsakt. Denkt man sich „Seele“ kurz als Sinnesorgan wie etwa Augen, so ist das Verstehen – gedacht als Wahrnehmung – hier natürlich genauso anfällig, einer Art optischen Täuschung zu unterliegen. (Aber, weg von diesen begrifflichen Hilfsprovisorien!)

 

Die verständliche Welt: ein Pennälertraum

 

Nachdem Reinecke den polemischen Kunstgriff von Axel Kutsch entlarvt hat, liest er Hans Thill eine Spur anders als ich. Ich finde, Thills Sorge ist nicht etwa, dass in der Schule Verstehen als überwundenes Missverstehen gelehrt wird, sondern, dass Schule von Anfang an die utopische Vorstellung vermittelt, dass das Verstehen und damit einhergehend Erkennen und Erkenntnis dem Menschen als fortwährend greifbare Option gegenüber der Welt zur Verfügung steht. Es wird also – im Gegenteil – immer viel zu schnell „verstanden“ (was auch immer das im Einzelfall heißt). Woran sich der Schüler gewöhnt. „Ist die verständliche Welt eine Verheißung der niederen Pädagogik, so gestaltet sich das verständliche Gedicht als Pennälertraum.“ Um noch einen Schritt weiterzugehen: Das Problematische an dieser Idee vom Verstehen ist, dass sie immer schon eine verstehensmögliche Sache voraussetzt. Verstehen ist in diesem Fall ein Prozess, der nur dort funktionieren kann (oder als Missverstehen scheitern), wo etwas Verstehbares vorhanden ist. In der Schule wird uns gewissermaßen die Möglichkeit vorgegaukelt, wir hätten es ständig mit einer potentiell verständlichen „Welt“ zu tun. Eine Welt, deren Nachvollziehbarkeit  l e d i g l i c h  noch aufgedeckt werden müsse (in maximal ein bis zwei Schritten). Das heißt, wir werden darauf ausgerichtet, jedes Phänomen als auflösungsfähiges Problem zu denken, also immer schon einseitig wahrzunehmen. So auch Gedichte. Und alles, was etwas be-deuten soll. Aber was wäre denn das für eine faszinationslose Welt? Oder, um es mit einem leider hervorragenden Deutschlehrer zu sagen: „Diese Welt benötigt dann doch wirklich nicht mehr als tausend Begriffe, um vermessen zu werden. Mir wird diese Welt zu rund.“ Warum also mit Thills Beitrag für Stolterfohts Satz „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen.“ eine Erklärung angeboten ist? Weil er Stolterfoht vielleicht zu recht unterstellt, dass Verständlichkeit als Kriterium (für Kunst und speziell für Gedichte) überbewertet wird. Allein, dass (wie mein Lyrikdozent2 es neulich in einer Vorlesung formulierte) viele Leser „Gedichte in verständliche und unverständliche unterteilen“, als sei damit irgendeine Qualifikation vorgenommen,  i s t schon das Ergebnis einer zugrundeliegenden Fehlorientierung.

Und „auch in der Tradition galt der Text immer schon als geheimnisvoll. Ein altes Wort aus der Kabbala weiß, dass die Schrift siebzig Gesichter hat.“ Ich frage mich an der Stelle heimlich, ob etwa Konfirmanden sogar besser mit Gedichten umgehen können, ist doch zumindest das Bewusstsein vom immerhin vierfachen Schriftsinn Teil der Bibelexegese. Hat mir mein Religionsunterricht letztlich mehr genützt als der Deutschunterricht? Sollte sich der Germanistik-NC zukünftig auch an der Religionsnote orientieren?

Noch ein Seitenast: Wo argumentiert wird, der Autor schere sich mit unverständlichen Gedichten einen Dreck ums Verstandenwerden, „also um den Leser“, wird Kunst als Kommunikationsmedium verstanden. Kann man machen. Mit einigen Texten, Gedichten. Mit vielen vielleicht. Aber Stolterfoht sprach ja gar nicht vom Autor. Er sprach von G e d i c h t e n, die sich einen Dreck ums Verstandenwerden scheren. Gisela Trahms streicht für sich diesen Unterschied. Ob das zulässig ist, darüber kann man sich streiten. Aber es ist immer schwierig, eine Position zu widerlegen, wenn man die aufgemachte Differenzierung unterwandert, ohne diesen Schritt ausreichend zu begründen.

 

Bertram Reineckes Alternativangebot

 

Für jemanden, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen es gehört, anderer Gedichte zu parodieren, ist die Erklärung: Verstehen heißt so viel wie „Ich traue mir zu, in seiner Art [sinnvoll] weiter zu sprechen.“ – natürlich eine vorteilhafte Positionierung. (Man ist ja hilflos gegen seine eigenen Stärken.) Klingt sie auch erst einmal einleuchtend, ergeben sich für mich aber mit dieser Behauptung sofort mindestens drei Probleme:

Erstens. Damit ist das Phänomen der Überprüfung durch andere („Immer ist ein Experte zugegen, der bewerten muss, ob das Gesagte stichhaltig ist.“) nicht aus der Welt geschafft – Gut. Jetzt wird nicht mehr g e s a g t, was man gesehen hat, sondern g e z e i g t. Aber was verändert das? Zum Beispiel zeigt dieser Kommentar zu Milautzckis Parodie, dass die Bewerter immer genau ein Widerwort weit entfernt sind. Wer soll hier entscheiden, ob nun sinnvoll weitergesprochen wurde? Und was bedeutet das Angebot Reineckes im Umkehrschluss für die Voraussetzungen und Fähigkeiten des Lesers? Was wird aus dem armen Germanistikstudenten, der nun nicht einmal mehr mit antrainiertem Fachprosa-Sixpack an die Gedichte herantreten kann, sondern selbst zum Dichter werden muss, um sein Verständnis unter Beweis zu stellen. (Bertram, hast Du nicht neulich mir gegenüber noch behauptet, Parodieren sei eine Kunst?) Wie sieht es dann mit dem Leser aus? Muss er „Künstlerpotential“ haben, um verstehen zu können? „Ein kundiger Leser könnte kunstreich Variationen in den Text einflechten.“, schreibt Reinecke. Das ist mir ein bisschen viel Konjunktiv. Dann wären wir ja genau da, wohin die Lyrik gern verortet wird: im Elfenbeinturm. Dichter schreiben für Dichter.

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41. „Ist es Freude, ist es Schmerz?“

Auf nicht weniger als 1200 Seiten hat der Historiker und Herausgeber deutsche Gedichte von 305 Autorinnen und Autoren mit jüdischen Wurzeln versammelt: „Ist es Freude, ist es Schmerz?“

Viereinhalb Jahre recherchierte Schmidt minuziös und hartnäckig für diese alphabetische Anthologie, deren früheste Gedichte von Moses Mendelssohn von 1777 stammen und die aktuellsten u.a. vom 1960 geborenen Maxim Biller. Eine Herkules-Aufgabe, beflügelt von seinem Herzenswunsch nach „einer Symbiose zwischen Juden und Deutschen.“ Und man kann es zweifellos als Wertschätzung lesen, dass Stéphane Hessel, Widerstandskämpfer, Buchenwald-Überlebender und Schriftsteller, das Geleitwort schrieb. „Lebensbilder von Atem nehmender Traurigkeit“ zeige das Buch ebenso wie „die Vielfalt jüdischen Geisteslebens in den deutschsprachigen Kulturen.“

„Vielleicht hilft das Buch ,mehr Verständnis zu schaffen“, hofft der 1928 in Leipzig geborene Herausgeber. Herbert Schmidt war zehn Jahre, als die Nazis in seiner Geburtsstadt Juden in den Fluss trieben und steinigten. Tief brannte sich dieses Erlebnis ins Gedächtnis des Jungen, in dessen Elternhaus Hitler ein Schimpfwort war. …

Auch bei Franz Kafka blieb Schmidt beharrlich: Wer so zärtliche Liebesbriefe schreibt, der hat auch Gedichte verfasst, war er sicher – und grub 12 Vers-Werke Kafkas aus. Ganz selten bekam der Rechercheur eine Absage. Ruth Klüger, die ihre in Auschwitz verfassten Kindheitsgedichte „nicht mehr angemessen“ fand und nicht veröffentlichen lassen wollte, zählt zu den wenigen Ausnahmen. / westen.de

104. Com si res – Als ob nichts wäre

Feliu Formosa liest aus seinen Gedichten (katalanisch).

Moderation, Übersetzungen und Lesung der deutschen Texte: Àxel Sanjosé

Montag, den 7. November 2011, um 20 Uhr
Lyrik Kabinett München

Eintritt: €7,- / € 5,-; Mitglieder: freier Eintritt

Feliu Formosa, geb. 1934 in Sabadell, Katalonien, erhielt 2011 den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland: Er übertrug über hundert Theaterstücke, Gedicht- und Essaybände der deutschen Literatur ins Katalanische und Spanische (Goethe, Kleist, Heine, Rilke, Trakl, Wedekind, Musil, Kafka, Th. Mann, K. Valentin, Achternbusch und vor allem Bertolt Brecht und Thomas Bernhard); seine Übersetzungen von Dramen brachte er z.T. als Regisseur und Schauspieler selbst auf die Bühne. Über dieser Vermittlertätigkeit blieb in Deutschland lange übersehen, dass Formosa selbst mit seinen Gedichten und Tagebüchern zu den bedeutendsten Autoren der katalanischen Gegenwartsliteratur zählt und dafür auch zahlreiche renommierte Preise erhielt.

Àxel Sanjosé, geb. 1960 in Barcelona, ist Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer (u.a. von P. Gimferrer); hauptberuflich für das Designbüro KMS tätig; Lehrauftrag am Institut für Komparatistik der LMU. Für das Lyrik Kabinett kuratierte und übersetzte er die katalanische Anthologie: Vier nach (2007) mit Gedichten von E. Casasses, E. Escoffet, A. Pons und V. Sunyol.

COM SI RES

I anar-te fent a la idea
Del no-res
Tot des-
Sacralitzant-la

I descobrir que no es tracta
Sinó d’habituar-se
A la pròpia solitud

I així cada vegada
Desvetllar més el gaudi
De l’instant

I sempre retornar
Als records i al combat
Com si res
Com si tot

Als ob nichts wäre

Und dich langsam mit der Vorstellung
Des Nichts anfreunden,
Indem du sie ent-
Heiligst

Und entdecken, dass es um weiter nichts geht,
Als sich an die eigene Einsamkeit
Zu gewöhnen

Und so jedesmal

Den Genuss des Augenblicks
Weiter wecken

Und immer zurückkehren
Zu den Erinnerungen und zum Kampf
Als ob nichts wäre
Als ob alles wäre

Feliu Formosa, übertragen von Àxel Sanjosé

119. Sound, Modus und produktives Misstrauen

Ein Kommentar zur gegenwärtigen (aber nicht neuen) Diskussion.

Originalbeitrag von Marius Hulpe

Vor einigen Jahren bemühte Ron Winkler den Begriff des Modus, der innerhalb einer sich entwickelnden Poetik Schwankungen unterliege. Misstrauen gegenüber dem einmal erarbeiteten und nur vermeintlich Eigenen war die Waffe, die er sich und anderen in der Begegnung mit dem eigenen Werk empfahl.

Auf der anderen Seite findet sich, etwa an Schreibschulen, aber auch im Bewusstsein von Feuilletonisten, Lektoren und allerlei Multiplikatoren der Begriff vom Ton, oder auch Sound, den ein Autor macht, wenn er denn – endlich – ganz bei sich angekommen sei.

Beide Begriffe, Modus und Sound, stehen einander nicht nur theoretisch diametral gegenüber. Doch an ihnen lässt sich ganz gut zeigen, worin das Dilemma vieler Lyriker, aber auch manches Prosaschriftstellers besteht. Jenes Dilemma, in dem die nun wieder hochköchelnde Diskussion um eigentlich sehr wenig ihren Ursprung nimmt.

An den Werken Mayröckers (eigentlich möchte ich nun nicht so viele Namen aufzählen, nenne aber der Deutlichkeit halber noch ein paar), Handkes, Ror Wolfs, Brinkmanns, früher Kafkas oder Musils haben wir gelernt und erfahren, dass authentische, grabende, für das Schreiben lebende Schriftsteller unter anderem dadurch zu solchen werden, dass sie ihr eigenes Schreiben immer wieder hinterfragt haben, selten oder nie Maßware geliefert haben, sich nicht den Geschmäckern angebiedert haben, weil ihr innerer Wasserspiegel sie gar nicht erst so weit auftauchen ließ.

Und haben wir auf der anderen Seite nicht immer schon so empfunden, dass es irgendwann billig und fad wird, wenn einstige Großmeister wie Stephen King, Bernhard Schlink oder Durs Grünbein den immer selben Sound reproduzieren, sich nicht mehr weiterentwickeln wollen, weil es doch so gut läuft und sie ganz bei sich angekommen zu sein scheinen? Zweifelsohne förderte dieses bei sich angekommen sein seit jeher ihre Verkäuflichkeit. Doch genauso sicher hatte das noch nie den Effekt, dass nachfolgende Autorengenerationen sie als Vorbilder in Fragen der Beweglichkeit, Glaubwürdigkeit und Innovation empfanden. Germanisten oder Mittelstufenlehrer sprangen hierauf vielleicht schon eher an, da ihre Absicht der des Buchhändlers zumindest verwandt ist, wenngleich mit unterschiedlichen Vorzeichen: wo der eine wiedererkennbare Ware wünscht, um Kunden zu binden, freuen sich die anderen über klare Muster zum Zweck der Pädagogisierung. Wo käme man schließlich hin, wenn man Schülern einen Autor vor die Nase setzt, der heute dies sagt, morgen das, heute so schreibt, morgen so? Die deutsche Öffentlichkeit fordert seit jeher von Autoren, bei sich zu bleiben, nicht abzurücken von der einmal gefundenen und bewährten Haltung.

Hans Magnus Enzensberger war einer derjenigen, wenn nicht derjenige, der über Jahre hinweg die Überraschung selbst zum Wiedererkennungswert gesteigert hat. Dies brachte ihm sicher nicht nur Freunde. Doch war es in jenen Zeiten der ständigen Überraschung nicht spannender, ihn zu lesen, als heute, wo seine Gedichte relativ erwartbar, stromlinienförmig und daher noch besser verkäuflich sind als sie es ohnehin schon immer waren?

Was die Gegenwartslyrik betrifft, so finden sich Jan Wagner und Marion Poschmann vielleicht aus dem Grund im Boot der zumindest ein wenig besser verkäuflichen wieder, weil bei ihnen der Grad der Wiedererkennbarkeit besonders hoch ist. Doch zugleich kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Wiedererkennbarkeit bei Weitem nicht das höchste aller Güter ist. Vielmehr hat eine neue Generation naturalisiert, was, um auf ihn zurückzukommen, schon Ron Winkler Anfang der Nuller Jahre erkannte: die Reboots und Übersprunghandlungen, die Abkehr vom Eigenen und die Wiederentdeckung des Eigenen sind das wahrhaft Spannende, nicht der sich an sich selbst zerstreuende Sound. Dass es ihm dabei – nicht zu seinen Ungunsten – nicht immer gelungen ist, dem eigenen Credo zu folgen – geschenkt. Sieht man sich seine allerneuesten Gedichte an, lassen sich leicht die wünschbaren Langzeitfolgen solch beweglichen Denkens erkennen.

Zugleich herrscht mittlerweile weitgehend Konsens darüber, dass das Experimentelle und das Konventionelle einander überhaupt nicht widersprechen müssen. Die jüngeren scheinen mir dies – grob gesprochen und sicher von mancher Ausnahme unterwandert – noch ein bisschen besser begriffen zu haben als die älteren. Die essayistischen Grabenkämpfe sind etwas für allerspätestens in den 70er Jahren geborene. Wer jünger ist, hat erkannt, dass jedem Autor gelungene und weniger gelungene, tendenziell experimentelle und tendenziell konventionelle Texte unterlaufen können. Vielleicht lässt sich meine These ein wenig vom Jugendwahn blenden. Aber: mir dünkt es so.

Ebenso vergegenwärtige man sich nur einmal, dass es nicht primär das Phänomen Lyrik ist, das sich der Verkäuflichkeit sperrt. Wenn in diesem Herbst der Prosaband des Niederkrüchteners Sebastian Polmans bei Suhrkamp erscheint, ist es trotz eines gewissen zu erwartenden Medienechos kaum denkbar, dass er die 3000er-Marke knacken wird. Sein Buch handelt von einem Tag eines einzelnen Jungen im Dorf seiner Kindheit: Ein Experiment, ein spannendes. Ein Prosatext, unverkäuflich.

49. Liederwerkstatt

Wilhelm Killmayer, 83-jähriger Nestor der Münchner Komponisten, Verfechter melodischer Läuterung und Selbstgenügsamkeit im Klang, der Kissingen fernbleiben musste, hat Rilkes Gedicht ‚Abisag‚ vertont, dazu Brentanos vielstrophiges ‚Großmutter sagt, ich soll dir singen‘. Killmayer geht im Alter noch karger, gezielter vor als früher. Das Bild von der erloschenen Liebesfähigkeit des alttestamentarischen Königs und der Jungfrau, die ihm vergebens ins Bett gelegt wird, löst eine Musiksprache bei ihm aus, deren radikal verschwiegener Laut fasziniert: zersprengte Töne und Akkorde (Klavier Moritz Eggert), die Singstimme in fahler, schwebender Narration (Tenor Andreas Post). Bei Brentano treibt Killmayer die Knappheit ins Extrem – die Klavierspots sind keck, Melodien schwingen, die Inspiration bleibt lebendig.

Aribert Reimann, der an einer Maeterlinck-Oper schreibt und ‚für ein Gedicht im Moment keinen Raum‘ hat, verschweißt neun nachtschwarze Fragmente Rilkes, dessen Nähe zu Kafka entdeckend, zu einem Großlied: Expressionismus der Stimme (Caroline Melzer) in zerklüftet harter Klavierlandschaft (Axel Bauni), Erregungen zwischen Ausbruch und lyrischer Beschwörung in bildhaft-emotionalen Kurven. Wolfgang Rihm hat im Jahr 2000 vier Rilke-Gedichte und 2002 Brentanos ‚Wenn der lahme Weber träumt, er webe‘ vertont – Rilke leise, in meditativ labyrinthischer Tonlage, Brentano fast verspielt voller Kontraste, am Ende ohne Trost verrinnend. Manfred Trojahn entschied sich für ganz frühen, kunstgeschraubt gefühlvollen Rilke, den er in riskant glatte, runde Tonbewegung hineinzwingt. / Wolfgang Schreiber, SZ 6.7.

46. Akademie ehrt Übersetzer

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den mit 15.000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung an Frank Günther für seine Shakespeare-Übertragungen ins Deutsche.

Den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland erhält der katalanische Übersetzer und Lyriker Feliu Formosa. Der Preis ist mit 12.500,- Euro dotiert.

Beide Preise werden am 15. Mai 2011 in Stockholm im Rahmen der Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen.

Frank Günther, 1947 in Freiburg im Breisgau geboren, wird für seine Übersetzung des Gesamtwerks von William Shakespeare ins Deutsche ausgezeichnet. Das „übersetzerische Mammutprojekt“, das Günther in den 1970er Jahren begonnen hat, soll bis 2014 abgeschlossen sein. Das über Jahrzehnte gehaltene Niveau seiner Übertragungen aus den unterschiedlichen Gattungen und Schaffensphasen des Dramatikers ist ebenso bewundernswert wie sein sprachlicher Einfallsreichtum. Günthers Übertragungen sind eine lustvolle Polyphonie der Stile, die sich immer als lebendige Neuentdeckung Shakespeares für unsere Zeit verstehen. Was Günther vor allem auszeichnet, ist die seltene Verbindung von philologischer, theaterpraktischer und kritischer Kompetenz.

Frank Günther studierte Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte in Mainz und Bochum und war dann als Regisseur an mehreren Theatern tätig, bevor die Arbeit an der Übersetzung der Shakespeare-Werke zu seiner Hauptbeschäftigung wurde. Anerkennung erfuhren seine Über-setzungen nicht nur durch zahlreiche Aufführungen, sondern auch durch die Verleihung des Christoph-Martin-Wieland-Preises 2001 und des Übersetzerpreises der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung 2006. 2007/8 hatte er die August Wilhelm von Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne. Seine Shakespeare-Übersetzungen erscheinen im Verlag ars vivendi und in der renommierten Klassiker-Reihe beim Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv). Frank Günther lebt im oberschwäbischen Rot.

Mit Feliu Formosa, 1934 in Sabadell (Spanien) geboren, ehrt die Deutsche Akademie einen herausragenden Vermittler und Übersetzer deutscher Literatur ins Katalanische und Spanische. Die Liste der von ihm übersetzten Werke reicht von Thomas Bernhard bis Peter Weiss – quer durch das Alphabet der deutschen Literatur. Derzeit übersetzt er das Stück von Peter Handke „Die Unvernünftigen sterben aus“ ins Katalanische. Bekannt sind seine Übertragungen von Bertolt Brecht, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich von Kleist, Joseph Roth und Franz Kafka. Besonders erwähnenswert ist sein Verdienst, Brechts Theater in Spanien zu einer Zeit auf die Bühne gebracht zu haben, als Brecht-Aufführungen zensiert und sogar verboten wurden. Formosa übersetzt nicht nur Prosa und Lyrik, sondern gehört selbst zu den großen katalanischen Lyrikern.

Nach dem Studium der Romanischen Philologie in Barcelona und der Germanistik in Heidelberg arbeitete in den sechziger und siebziger Jahren als Schauspieler und Regisseur vor allem in der freien Theaterszene. Formosa lehrte lange Jahre am Städtischen Theaterwissenschaftlichen Institut in Barcelona und unterrichtete literarische Übersetzung an der Universität Pompeu Fabra. Er wurde vielfach als Übersetzer und Autor ausgezeichnet, unter anderem mit dem Premio Nacional a la Obra de Traductor, 1994, und dem Premi Nacional de Teatre de la Generalitat de Catalunya, 2002. Formosa lebt in Barcelona.

Nachtrag

Feliu Formosa hat über hundert Stücke/Romane/Gedichtbände ins Katalanische und Spanische übertragen, an Lyrik u.a. Trakl, Heine, Brecht, Rose Ausländer und zwei Bände deutscher Lyrik vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Er selber ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Lyriker im katalanischsprachigen Raum; im August vergangenen Jahres druckte Akzente eine Auswahl seiner Gedichte (katal./dt.) ab.

93. „Bekämpfen Sie weniger die armen Besucher von Schreibschulen“

Franz Schuh war Juryvorsitzender beim Literaturwettbewerb Wartholz. Die Presse sprach am 12.2. mit ihm u.a. über Schreibschulen:

Ein gutes Drittel der Kandidaten beim Wartholz-Bewerb hat am Literaturinstitut Leipzig studiert. Verbessert das die Literatur, wenn die Bewerber aus „Schreibschulen“ kommen?

Die Frage ist eher, ob solche Schreibschulen die Literatur verschlechtern. Sie sind das Resultat der Akademisierung geistiger Leistungen. Wenn man sich bedenkt, wie unendlich lange es gedauert hat, bis die Medizin universitär untergebracht war! Diesen Weg geht nun auch „die Kunst“, weil auch hier die wilden Jahre vorbei sein sollen. (…)

Sind Schreibschulen nicht auch eine Form der Vereinheitlichung der Literatur?

Vereinheitlichen kann der Markt auch ohne Schulen. Für einen Kafka war die Tatsache, dass er die Gesellschaft als Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherung kennengelernt hat, mindestens ebenso entscheidend wie seine unverfügbare, unglaubliche Sprachbegabung. Nur: Einen Kafka werden wir nicht mehr kriegen! Die Kreativität ist selbst kreativ: Sie ist zu jeder Zeit anders. Denken Sie daran, wie viele kreative Prozesse durch das gewöhnliche Leben zerstört werden. Weil es eine unendliche Anzahl von Menschen gibt, die solche Begabungen haben, aber nicht mit ihnen arbeiten können: Die Umstände verhindern es. Beseitigen Sie diese Umstände, und bekämpfen Sie weniger die armen Besucher von Schreibschulen.

 

 

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