Schlagwort: Gegenwartslyrik

Kein Netz. Keine Laternen. Kein Gott.

Neurodermitische Straßen, ein Navigator ohne Netz, Vollmondregeln, Rosettenmeerschweinchen, Großmutter im Pflegeheim und Gastarbeiter, die in schwarzer Erde wühlen: Slata Roschals Gedicht verbindet scheinbar Zusammenhangloses zu einer irritierenden Bestandsaufnahme der Gegenwart.
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John Keating ist tot

Sie stehen am Grabstein und frieren. Die Nase des Größten ist rot. Drei sinds. Der Rest lässt nett grüßen. Sie schweigen. John Keating ist tot.
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Das Auge

Ein Auge sieht Innenwelten außen, die Zukunft als Rückblende und das Vergehen als Werden: Stan Lafleurs Gedicht aus der Anthologie Cinema entfaltet in einem einzigen langen Satz eine Poetik des Sehens – traumklar, filmisch und verstörend.

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Das ist mein Alter nun

Durch den Nachsiebzigerleib
Schiebt mir das Vorderhirn
Einen Vers durch den Zwerch

Der als er beim Kehlkopf
Seine Wucht im Zartgaren findet
Sich aufpflopft und

Die Wörter wie Tropfen verperlt
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PARANOIA POLAROID

„ausgeleuchtete zellräume & künstlich beatmete hochhäuser“: Simone Kornappels „PARANOIA POLAROID“ ist eine Momentaufnahme urbaner Überreizung. Architektur, Verkehr, Körper, Elektrizität und Bildschirm verschalten sich zu einem einzigen nervösen Organismus – bis zum „kammerflimmern / [off beat]“.
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Nachtigall

„Aus dir wär wohl eine feine Nachtigall geworden“: In Esther Kinskys „I Nachtigall“ beginnt Nives am gemeinsamen Tisch zu singen. Doch ihr Gesang wird immer lauter, greller und fremder. Ein eindringlicher Text über Stimme und Sprache, Zuhören und Schmerz, Körper und Verstummen.

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Darin das Siebengestirn

„Sappho schläft“: In wenigen Zeilen spannt Dirk Uwe Hansen einen Nachthimmel zwischen Sappho, Mond, Pleiaden und Orion auf. Wörter und Verse greifen über ihre Grenzen hinweg, während der Blick schließlich „wie Orions / Gürtel ins Leere“ zielt. Dazu ein Blick auf das Siebengestirn, einen der auffälligsten Sternhaufen unseres Nachthimmels.
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dunst

so machen wir
garnrollen aus angst, die
wir durch unsere rippen
ziehen, durch deine und durch
meine, ineinander die fäden
weben
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Hundezüchter

dichter sind keinen deut besser als züchter
die ihre gepflegten hunde vorführen
und sie neue kunststücke lehren
immer denselben befehl wiederholend
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im liegen

Warum sollte ein Mensch eigentlich aufstehen? Der Fuß ist viel zu klein, der Körper viel zu hoch, Augen und Ohren entfernen sich vom Boden – und ob damit wirklich etwas gewonnen ist, bleibt zweifelhaft. Am Ende stehen nur noch „die frage der tische / die frage der stühle“.
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Coming out

Manchmal musst du lügen, um die Wahrheit
zu sagen, das hat mich die Poesie gelehrt.
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Zurück zur Ode

Fahrpläne werden nämlich jetzt nur noch ge-
schätzt, nicht berechnet. Fernverkehrsseitig sind
dank der maroden Stellwerkslandschaft
höchstens zwei Drittel der Züge pünktlich.
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Aber wie sieht ein Gedicht aus?

Ach und wie sieht denn dieses Gedicht aus
das sieht dir wieder mal ähnlich
ist ja kein Wunder wenn man es
den ganzen Tag so wie du treibt

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Über Proportionen

Du berührst einen herrlichen Mann
und hast das Universum frisch erfunden,
jenes parallele, in dem du lachst und
lieb zu Kindern bist, auf Riesenrädern schwankst
und in moralischen Fragen;
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Höchstwahrscheinlichkeitspoesie

dieses gedicht klinkt sich aus der permanenten optimierung aus sucht die wärme im nassen sand wo wir zwischen treibgut zersetzten muschelschalen und braunalgen das nackte dasein feiern weil uns die schmelzenden gletscher im nacken sitzen wir leben die pure subversive anarchie der berührung direkt in den salzigen brandungswellen wo leuchtplankton unsere haut streift
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