Archiv der Kategorie: USA

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Inventor of chinese poetry

But what matters for poetry translation overall is Pound’s blending of the pretense of scholarly accuracy with the idiom of poetic taste. In the process he created a taste for avant-garde poetry — as William Wordsworth said, “Every great and original writer […] must himself create the taste by which he is to be relished.” Or as Pound said, “Make it new.” This is what Eliot meant by calling Pound “the inventor of Chinese poetry for our time.” And Pound’s inventions for Chinese translation — the modest musicality, the presentations of parataxis, the free verse dramatic monologues (also present in Spoon River Anthology by Edgar Lee Masters, likewise from 1915) — helped change poetic taste in English. / Lucas Klein, LA Review of Books

Four Quartets

Schon von Zeitgenossen wurden die Vier Quartette als Rückschritt gegenüber der anarchischen Wucht des Waste Land betrachtet. Auch die Eliot-Übersetzerin Eva Hesse sprach von einem „Zurückfallen hinter die Errungenschaften der Moderne“; sie erkannte in den Quartetten eine Tendenz, alles Störende unter die „Gewalt“ eines „männlichen Logos“ zu zwingen. Als Beweis gilt ihr der Vers „The poetry does not matter“, der in ihrer Version lautet: „Auf die Poesie kommt’s nicht an.“

„Dass die Eva Hesse das als Offenbarungseid gelesen hat, daraus spricht doch eine gewisse Humorlosigkeit und ein erstaunlich undialektisches Lesen an dieser Stelle, denn wenn Eliot sagt: ‚The poetry does not matter’, macht es doch einen großen Unterschied, ob er das in einem Essay sagt oder in einem Gedicht. In einem Gedicht kann das ja gar nicht stimmen. Es ist sicherlich eine Verabschiedung von l’art pour l’art – das kann man schon so sehen. Aber das, worauf Eliot seit langem schon hinsteuerte, also auch in The Waste Land, das war ja schon ein Schritt in einer Art spiritueller Bewegung, einer Art Erkundung dessen, was ist da an religiöser Überlieferung: Woran kann ich mich halten? Es geht ihm schon um etwas, was im Gedicht aufscheinen kann. Und dass er nun, um sich an dieses Etwas heranzuarbeiten, eben das Gedicht wählt. Das zeigt natürlich schon, dass es auf die Poesie, auf die Dichtung sehr stark ankommt. [Nur,] ich habe dann übersetzt: ‚Was poetisch ist, tut nichts zur Sache.’ Das ist vielleicht ein bisschen frei, andererseits ein bisschen genauer an meinem Verständnis dessen, was Eliot bewegt, so einen natürlich als provokant zu verstehenden Satz zu sagen, eben: Leute, hört doch mal – was ist da gesagt, worauf weist die Dichtung? Dichtung eben nicht als eine rein selbstbezügliche Angelegenheit.“ / Dorothea Dieckmann, DLF

T.S. Eliot: „Vier Quartette / Four Quartets“, aus dem Englischen von Norbert Hummelt, Suhrkamp Verlag, 93 Seiten, 19.95 Euro

Digest 27.-30.6.

In Hausach

„Ich bin beseelt von dem heutigen Nachmittag“, schwärmte dann auch José F. A. Oliver als Macher des Leselenzes. Das Publikum sei Zeuge „von Literatur der Welt und Weltliteratur“ geworden. Mit beeindruckender und junger deutscher Lyrik ging der sehr schöne Poetik-Marathon auf die Zielgerade. (…)

„Ich beginne mit der Theorie des Waldes, die ich erstmals den Praktikern im Schwarzwald vorstelle“, eröffnete Tim Holland seine Lesung. Leicht und ohne Schnörkel las er: „Vollwertiger Wald ist umbaumter Raum; wer am Fluss sitzt sollte mit Steinen werfen; Wasser gibt es wie Sand am Meer; vor lauter Lichtung sieht man den Wald nicht mehr.“

Die tiefgreifende Erkenntnis: „Der Maulwurf sieht nur mit den Händen gut – das wiesentliche ist für den Maulwurf unsichtbar“ amüsierte das Publikum. Für die abschließende Erkenntnis: „Wald ist die neue Weltordnung“ gab es viel Applaus.

Der glänzende Schlusspunkt dieses Leseblocks im tagfüllenden Format „Vom poetischen Wort“ oblag Dagmara Kraus, deren Texte durch ihren Leserhythmus einen besonderen Klang bekamen. / Christine Störr, Schwarzwälder Bote

Umtriebe in Zürich

Die Frankfurter Rundschau meldet, daß ein Redakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ vor 65 Jahren über die Veranstaltung mit drei DDR-Dichtern im Lokal „Zur Eintracht“ berichtete – nicht für seine Zeitung, sondern für den Nachrichtendienst der Züricher Stadtpolizei, der ihn wiederum an die Schweizerische Bundesanwaltschaft weiterleitete.

Der erste Eintrag in den Überwachungsakten der Bundesanwaltschaft über Johannes R. Becher etwa stammte bereits vom Dezember 1919. Das damalige Politische Department der Schweiz hatte einen Vermerk über den „kommunistisch eingestellten Schriftsteller“ verfasst.

Anlass war seine Erwähnung in einer Korrespondenz, die der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin vom preußischen Staatskommissär für öffentliche Ordnung zugegangen war. Bis 1935 entstanden dann noch weitere Berichte über Becher. Darin ging es etwa um zwei Gerichtsverfahren, die in Deutschland 1925 und 1927 gegen den Dichter „wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Veröffentlichung revolutionärer und gotteslästerlicher Schriften durchgeführt“ wurden, sowie um seine Mitgliedschaft im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“. 1947 wurde in den Akten vermerkt, dass sich Becher während der Nazizeit in Moskau aufgehalten habe und als „Vertrauensmann“ der Russen gelte.

Auch in Stephan Hermlin vermuteten die Behörden in Bern stets einen kommunistischen Umstürzler. Hermlin, der eigentlich Rudolf Leder hieß und aus einer jüdischen Familie stammte, hatte sich schon frühzeitig den Kommunisten angeschlossen. 1936 ging er ins Ausland, sieben Jahre später floh er in die Schweiz. Dort steckten ihn die Behörden bis Kriegsende ins Internierungslager bei Wallisellen.

Arnold Zweig hingegen, 1951 längst ein hochberühmter Schriftsteller („Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „Erziehung vor Verdun“), war den im Berner Bundesarchiv überlieferten Akten zufolge für die Schweizer Staatsschützer ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Über den jüdischen Dichter und Pazifisten vermerkte die Züricher Stadtpolizei lediglich, er sei ein kommunistischer Schriftsteller, „welcher in der kryptokommunistischen Friedensbewegung eine maßgebende Rolle spielt“.

(…) Wie die Akten belegen, wurden die drei Schriftsteller während ihres Schweiz-Aufenthaltes bis ins Hotel hinein observiert, auch über ihre Gesprächspartner sind Vermerke gefertigt worden. Anfang Juli 1951 reisten die drei Autoren schließlich unbehelligt in die DDR zurück.

Becher kam danach bis zu seinem Tod 1958 nicht mehr in die Schweiz. Hermlin hingegen reiste öfter ein, auch zu Lesungen. Ab den 70er Jahren machte er zudem regelmäßig Urlaub mit der Familie im Sommerhaus von Verlegerfreund Klaus Wagenbach im Tessin. Jeder Aufenthalt Hermlins, das lässt sich im Bundesarchiv in Bern nachlesen, wurde vom Schweizer Staatsschutz sorgsam überwacht und in den Akten protokolliert.

Auch Arnold Zweig, dessen Sohn Adam in Zürich lebte, kehrte noch ein paar Mal zu Urlaubsaufenthalten in die Schweiz zurück. Den Akten zufolge soll sich der bereits schwerkranke Schriftsteller nach dem niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR sogar mit dem Gedanken einer Übersiedlung in die Schweiz getragen haben. Doch die eidgenössischen Behörden lehnten das ab – „aus Überfremdungsgründen“ und weil es sich bei Zweig um einen „bekannten linksgerichteten Schriftsteller“ handele. „Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Dr. Thomas Mann, Kilchberg, als Referenz angegeben wird“, heißt es in einem Vermerk der Züricher Stadtpolizei.

Ein Gedicht darf alles

Die Siebenbürgische Zeitung sprach mit Horst Samson:

Sind Sie ein politischer Dichter? Soll bzw. darf Poesie politisch sein?

Dichtung ist allein schon durch ihre Existenz und gesellschaftliche Präsenz ein Politikum. Ich bin in meinem Schreiben der Welt und mir zugewandt und reibe mich als Subjekt an den mich umgebenden, prägenden, inspirierenden auch provozierenden Zuständen und an der grundsätzlichen Verfasstheit unseres Lebens. Wenn wir der Vokabel Politik nicht Agitation, Propaganda, Reklame subsummieren, dann bin ich auch ein politischer Dichter. Prof. Johann Holzer aus Inns­bruck, der einen exzellenten Aufsatz über mein Buch „La Victoire. Ein Poem“ geschrieben hat, ein großes poetisches, aber auch ein dezidiert politisches Buch, bringt in diesem Zusammenhang unter anderem Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ins Spiel. Das hat mich nicht nur gefreut, sondern auch stark bewegt. Die Bewunderung für den Meister des politischen Gedichtes versuchte ich ja nicht von ungefähr auch schon im Titel meines Buches anklingen zu lassen: „Ein Poem“. Zur Frage also, ob Poesie politisch sein dürfe, ein eindeutiges Ja. Warum auch nicht? Es sollte aber nicht plakativ, billig oder flach sein, etwa wie das von Günter Grass als Gedicht deklarierte agitatorische Pamphlet „Was gesagt werden muss“. Trotz des Agitprop aber bleibt gültig: Ein Gedicht darf alles, es ist frei, frei zu sein, wie es ist. Alles andere ist nachrangig.

Vietnam-amerikanische Schriftsteller gegen Marginalisierung

Linh Dinh, geboren 1963 in Saigon, kam mit 11 nach Philadelphia. Entfremdung und Gewalt waren seine ersten Erfahrungen in der neuen Heimat. Er berichtet über die Frustrationen beim Versuch, die oft ignorierten Stimmen aus Vietnam zu Gehör zu bringen. „Es gibt eine Faszination für den nordvietnamesischen Soldaten und eine komplette Ignoranz, wenn nicht Verachtung für den südvietnamesischen. Aber so ist das Schicksal des Verlierers.“ In der amerikanischen Kultur, in Filmen wie Apocalypse Now, Full Metal Jacket  und Platoon, kommen Vietnamesen nur als gesichtslose Nullen vor, die GIs durch den Dschungel jagen. / Southeast Asia Globe

Ich, Bertolt Brecht

… bisher kannte man drei Gedichte von Brecht, die mit diesen Worten beginnen. Nun wurde ein weiteres entdeckt und in der Akademiezeitschrift „Sinn und Form“ erstveröffentlicht: Es ist die Urform der später erschienenen Gedichte. Brecht schrieb es im Sommer 1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, als er vom Kriegsdienst befreit war und angesichts des Elends in Europa seine Empörung ausdrücken wollte: „Von Kind an eher scheu als frech,/ich, der ich Wohlleben gewohnt war,/noch beinah nichts vom Leben litt/eh’r wie ein rohes Ei geschont war/beschwere ich mich dennoch hiermit.“ / Die Presse

Gestorben

Die irische Autorin Leland Bardwell starb im Alter von 94 Jahren. Sie veröffentlichte Romane, Gedichtbände, Theaterstücke und Kurzgeschichten. 1975 gründete sie mit Eiléan Ní Chuilleanáin, Pearse Hutchinson und Macdara Woods die Zeitschrift Cyphers. / Irish Times

Digest 22.-26.6.

Ich muß das Netz grobmaschiger machen, sonst komm ich nie nach. Heute 5 auf 1 Streich.

Kein Zweifel

Er heißt Zweifel, hat aber keinen. Emily Dickinson ist die überschätzteste Dichterin Amerikas. Die berühmteste, kargste, freudloseste sowie deprimierendste. Sie schrieb karge Gedichte, in denen sie eine leere, freudlose Welt beschreibt. Sie war der Proto-Emo. Ihre Fans sind meist weiblich. „Vielleicht, dachte ich früher, habe ich das falsche Geschlecht und kann deshalb diese empfindsame Weiblichkeit nicht schätzen. Oder ich bin zu jung – wer will mit 20 schon Gedichte über Entsagung und Todeserwartung lesen? Doch es hat sich nichts geändert. Ich ahne immer noch nichts, wenn ich ein Gedicht von Dickinson lese. Wahrscheinlich haben die melancholische Jungfer und ich das Heu einfach nicht auf derselben Bühne.“ Na und so weiter (Tagesanzeiger). Jetzt brauch ich ein Gedicht:

To make a prairie it takes a clover and one bee,
One clover, and a bee.
And revery.
The revery alone will do,
If bees are few.

Gunhild Kübler übersetzt:

Für eine Wiese braucht es Klee und Bienen,
Je eins von ihnen,
Und Träumerei.
Die Träumerei tut’s auch allein,
Bei wenig Bienen.

Über Gedichte und Politik darf halt jeder schwätzen wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Beat Brechbühl

Unermüdlich ist er auch mit 76. Beat Brechbühl gibt in seinem Waldgut-Verlag im Eisenwerk Frauenfeld handverlesene Bücher heraus: Lyrik und Prosa aus der Schweiz und aus fremden Ländern. Unterm selben Dach setzt er die Umschläge in Blei, von Hand also. Und druckt sie auf seiner Presse, ebenso von Hand. Denn Beat Brechbühl liebt und hegt die Schwarze Kunst. Kein Wunder – er hat Schriftsetzer gelernt, bevor er zu schreiben begann: erst Gedichte in «Spiele um Pan», den Roman um den Träumer und Querulanten «Kneuss», und später erfreute er die Kinderherzen mit den «Geschichten vom Schnüff». / Dieter Langhart, St. Galler Tagblatt

Martin Piekar

Früher, in den „Bastard“-Gedichten, da hat er seine Wut poetisiert: „Meine Gedichte waren unruhig, laut, brutal.“ Die neuen Gedichte, die Gedichte, die er für seinen bald erscheinenden zweiten Band vorbereitet, die seien anders: „Ich habe zuletzt sehr viel T. S. Eliot gelesen“, sagt er. Vielleicht habe das etwas abgefärbt. Doch über Vorbilder, über Idole zu sprechen, das fällt Piekar nicht leicht. Einerseits, weil es so viele Dichter gibt, die er liest und liebt. Andererseits: „Meine Gedichte entstehen dadurch, dass ich in dieser Gesellschaft verwurzelt bin. Sie können nur hier und jetzt entstehen.“ Und genau das, dieses Hier und dieses Jetzt, dieses Gegenwärtige, das trägt die Gedichte von Piekar. Sie sind dunkel und schwer, nachdenklich und nahbar. „Sie sind keine Gesellschaftskritik. Das ist mir zu billig. Sie sind Beobachtungen, zu allem möglichen.“ Piekar blickt auf die Welt und wirft seine Worte drüber. / Frankfurter Neue Presse

Vergesst es

Einer der künstlerischen Beiträge bestand darin, dass eine riesige Maschine genau den Tisch zerstörte, an dessen exaktem Abbild anschließend gelesen wurde. Die Botschaft: Vergesst es, die Lyrik als etwas anzusehen, das angeblich keiner versteht. Es geht nicht um die Präsentation prämierter Bücher, aus denen an einem Tisch mit Sprudel und Lampe, vorgelesen wird. Ihre Macher begreifen die „lyrischen Ichs“ insgesamt als Performance, in der auch das Publikum eine Rolle spielt, anstatt von der Bühne herab mit Dichterworten beschallt zu werden.

Die Lesung ist damit ein Ort des Austauschs, in disziplinärer und sozialer Hinsicht. Worte schaffen Räume – und umgekehrt. Nach der Veranstaltung bleibt das Publikum oft noch stundenlang da, um über Literatur zu quatschen. „Textwerkstätten“ setzen das im Wohnzimmer von Zapfs und Bayerstorfers Apartment in Neuhausen fort. „Wenn man sich ansonsten nur drei Mal im Jahr zu den lyrischen Ichs sieht, verläuft sich das“, sagt Zapf. Die Gastgeber schreiben und diskutieren auch selbst eifrig mit – wenn es sein muss bis um vier Uhr morgens, während die Ersten schon zwischen Stapeln von Zetteln schlafen. / Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung

Prix Halaly

Das Kulturbüro der ägyptischen Botschaft in Paris übergab den zum vierten Mal verliehenen Halaly-Lyrikpreis an den kongolesischen Lyriker Huppert Malanda (Republik Kongo-Brazzaville). Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und erinnert an den Stifter und Mäzen Fathy Abdelfattah Halaly, der im Januar diesen Jahres gestorben ist. / adiac-congo.com

 

Chicago

The most famous poem in Chicago’s history — Carl Sandburg’s appropriately named „Chicago“ and published in a book also appropriately named „Chicago Poems“ — celebrates a centennial anniversary this year. / dnainfo.com

Delicate flag

I have been reading Whitman on the American flag. He wrote about it repeatedly, though I think only during the years of the Civil War—years of ferocity and sorrow. Naturally his flags are living things. They sing, gaze, beckon, ripple, and pass by. The flag in “Song of the Banner at Daybreak” exhorts the poet himself to speak up: “Yet louder, higher, stronger, bard! yet farther, wider cleave!” The flag sings of the higher values—of more than wealth, and more than peace. Sometimes the flag is womanly. One of his war poems was a not-entirely successful ode to the flag called “Bathed in War’s Perfume,” which he never inserted into Leaves of Grass:

Bathed in war’s perfume—delicate flag!
O to hear you call the sailors and the soldiers! flag like a beautiful woman!
O to hear the tramp, tramp of a million answering men!
O the ships they arm with joy!
O to see you leap and beckon from the tall masts of ships!
O to see you peering down on the sailors on the decks!
Flag like the eyes of women.

But I think I know what he was getting at. You can see it in one of the other flag poems, “Delicate Cluster”:

Delicate cluster! flag of teeming life!
Covering all my lands—all my seashores lining!
Flag of death! (how I watched you through the smoke battle pressing!
How I heard you flap and rustle, cloth defiant!)
Flag cerulean—sunny flag, with the orbs of night dappled!
Ah my silvery beauty—ah my woolly white and  crimson!
Ah to sing the song of you, my matron mighty!
My sacred one, my mother.

Death, for Whitman—death is a woman. That is what he means. Death is the all-welcoming and all-comforting mother.

Ultimately the flag, which is teeming with life, and is the flag of death, is the banner of the revolutionary cause. Everyone who has read Leaves of Grass will remember “Thick-Sprinkled Bunting”:

Long yet your road, fateful flag—long yet your road, and lined with bloody death,
For the prize I see at issue at last is the world.

He means that America is fighting for democracy’s conquest of the world—democracy, in universal battle against the other, enemy principle, which is the flag of kings. / Paul Berman, Tablet

Digest 19./20.6.

Peinlich

Nun schickt Lerner eine Programmschrift zum Status der Poesie hinterher… Es ist auch ein autobiographisches Spiel, denn häufig rekurriert der Autor auf eigene Erfahrungen. Lerner gefällt, dass ihm gegenüber jeder Nichtdichter Kenntnisse über Lyrik simuliere, „obwohl die einzigen Gedichte, denen er in den vergangenen Jahrzehnten begegnet ist, auf Hochzeiten und Beerdigungen vorgetragen wurden“. Bereits nach wenigen Seiten wird klar, dass die wahre Poesie eine unmögliche ist, eine, die sich nur im Scheitern, in der Ablehnung oder in der Markierung der Grenze greifen lässt.

Der Autor geht aus von Marianne Moores Gedicht „Lyrik“, das mit den Zeilen „Ich mag sie auch nicht“ beginnt (…). Schon als Kind habe ihn diese Selbstablehnung fasziniert. Sie munitionierte ihn, um gegen all die Zuschreibungen zu bestehen. Hartnäckig nämlich werde Dichtung mit Ruhm in Verbindung gebracht (anerkennende Blicke bei der Information, dass man publiziert wird), doch nicht als echte Arbeit anerkannt. Das dichterische Genie ist der Gesellschaft ein wenig peinlich. / Oliver Jungen, FAZ 19.6.

Ben Lerner: „Warum hassen wir die Lyrik?“ Rowohlt Rotation, E-Book, 2,99 €.

Deutsch-polnischer Preis für Jan Wagner

Der Lyriker Jan Wagner ist mit dem deutsch-polnischen Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis 2016 gewürdigt worden. Wagner nahm die Auszeichnung gemeinsam mit dem zweiten Preisträger, dem polnische Dichter und Literaturkritiker Kazimierz Brakoniecki, am Sonntag in Göttingen entgegen.

Der Linde-Preis wird von der Stadt Göttingen und ihrer polnischen Partnerstadt Thorn verliehen, er ist mit zweimal 5000 Euro dotiert. Mit der zum 21. Mal vergebenen Auszeichnung werden Künstler gewürdigt, die Menschen, Gesellschaften und Nationen zum gemeinsamen Gespräch führen, wie es in der Ausschreibung heißt. / Die Welt

Tadschikistan

Eine neue Dichtergeneration im persischsprachigen Tadschikistan benutzt die neuen Medien dazu, soziale, ökonomische und politische Probleme, wie sie im exsowjetischen Land in Mittelasien ständig anwachsen, auf Facebook und dem russischen sozialen Netzwerk Odnoklassniki anzusprechen. / albawaba

Tunesischer Literaturpreis

Der Abou El Kacem-Chabbi-Literaturpreis, der bis zur Revolution 2011 jährlich verliehen wurde, wird wiederbelebt, wie das Kulturministerium mitteilte. Der Preis wird von der Banque de Tunisie finanziert und soll kulturelle Leistungen arabischer Länder würdigen.

Abou  El Kacem Chabbi war ein tunesischer Dichter, der 1934 mit nur 25 Jahren starb. Besonders bekannt ist sein Gedicht „Hymne an das Leben“. / impact24

Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen

Vom 21. bis 26. Mai fand an verschiedenen Orten in der Westbank und in Israel das Palestine Festival of Literature statt. Mit dabei war Jehan Bseiso, eine junge palästinensische Dichterin. Nach zwei Anthologien und Online-Publikationen auf „Electronic Intifada“ und „The Palestine Chronicle“ arbeitet sie derzeit an einer Gedichtsammlung. Mit ihr sprach Ylenia Gostoli bei qantara.de.

Welchen Teil des Festivals fanden Sie am inspirierendsten?

Jehan Bseiso: Ich war an der Bethlehem University und las dort in einer Veranstaltung mit Remi Kanazi, Nathalie Handal und Basima Takrori ein paar meiner Gedichte vor einem Saal voller Studenten. Ich habe in Kairo und im Libanon gelesen, aber das war jetzt das erste Mal, dass ich meine Gedichte über Palästina in Palästina gelesen habe. Es war eine ganz besondere Erfahrung. Das Auditorium war brechend voll und man spürte eine starke Energie. Ich glaube, die Studenten konnten sich auf die Texte und meinen Umgang mit der Sprache gut einlassen; ich schreibe auf Englisch, verwende aber viele arabische Wörter. Ich glaube, diese Sprachmischung hat die Studenten fasziniert. Ich habe mehrere Texte gelesen, darunter „Brainstorming Nakba“, eines der ersten Gedichte, die von mir gedruckt wurden. Es geht darin um verschiedene Aspekte, die das Heranwachsen als Palästinenser außerhalb Palästinas mit sich bringt.

„Wir sind Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen und Sätzen, die beginnen mit ‚Ursprünglich stamme ich aus‘ …“, heißt es in einem der Gedichte, die Sie vorgetragen haben. Welche Rolle spielen die Schriftsteller und Künstler aus der Diaspora im Freiheitskampf der Palästinenser?

Bseiso: Über sechs Millionen Palästinenser leben in der Diaspora, und wir spielen eine wichtige Rolle, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, indem wir uns für Veränderungen einsetzen, Ungerechtigkeit anprangern, und uns, auch wenn es schmerzt, aus der Ferne zu Wort melden – sei es im Bereich der Kunst, der Politik oder im Geschäftsleben. Die Entscheidung ist ganz einfach: Wir können die Diaspora entweder als eine Art Vergessen betrachten und uns fügen, oder sie über Grenzen und Kontinente hinweg in einen sinnvollen Akt des Widerstands verwandeln.

Digest: Gestorben 6.-17.6.

Am 6.

  • der britische Dramatiker Peter Shaffer im Alter von 90 Jahren. Mehrere seiner Stücke wurden verfilmt, wie „Amadeus“ (1979).
  • der pakistanische Lyriker und Journalist Ayaz Jani (Sindhi: اياز جاني‎) im Alter von 50 Jahren. Er schrieb in der Sindhisprache.

Am 7.

  • der nepalesische Musiker, Komponist und Lyriker Amber Gurung. Von ihm stammt der Text der nepalesischen Nationalhymne.
  • der Bremer Autor, Übersetzer und Vorleser Jürgen Dierking im Alter von 69 Jahren. Er war Gründungsmitglied der „Breminale“ sowie des (virtuellen) Bremer Literaturhauses. Er übersetzte und edierte u.a. Sujata Bhatt („Nothing Is Black, Really Nothing“, Gedichte zweisprachig, 1998), Sherwood Anderson / Gertrude Stein (Briefwechsel und ausgewählte Essays, 1985, ²1998), Tom Waits (Wilde Jahre, 1987) 

Am 8.

  • der bulgarischer Dichter Evtim Evtimov (Евтим Евтимов) im Alter von 82 Jahren. Hier Gedichte auf Bulgarisch.

Am 11.

  • die amerikanische Sängerin und Songwriterin Christina Grimmie mit nur 22, erschossen von dem Killer von Orlando.

Am 13.

  • der amerikanische Übersetzer Gregory Rabassa, der u.a. Werke von Clarice Lispecter, Gabriel García Márquez, Julio Cortazar und Jorge Amado ins Englische übersetzte.

 

Am 16.

  • der amerikanische Lyriker und Kritiker William Craig „Bill“ Berkson im Alter von 76 Jahren. Der Dichter, der in San Francisco lebte, wird der „New York School“ von Dichtern und Künstlern zugerechnet und arbeitete u.a. mit Frank O’Hara, Ron Padgett und Anne Waldman zusammen. Nachruf bei der Poetry Foundation

Am 17.

Gestorben

Der New Yorker Lyriker Ted Greenwald starb gestern im Alter von 74 Jahren. Charles Bernstein schreibt bei Jacket2 von seinen “sublimen Echos.”

In the 1970s Ted and I would meet in the afternoons and talk till night. We even did a recording of a couple of dozen hours of our conversations. I owe a tremendous amount to those meetings and to our many conversations since.

Ein Gedicht aus dem Band Common Sense (reprinted this year by Wesleyan, originally published in 1978 by Curtis Faville’s L Publications):

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Mehr bei poetry foundation

Zahlreiche Audios bei PennSound

Digest 9./10.6.

Lesereise

Rapperin und Schriftstellerin Kate Tempest über ihre Lesereise in Deutschland:

Der Verlag hat mir gesagt, hier würden Lesungen normalerweise so aussehen, dass vorne jemand sitzt und dreißig oder vierzig Minuten lang vorliest. Meiner Erfahrung nach funktioniert so etwas nicht besonders gut. Den Leuten dauert das viel zu lange, und ich kann das gut verstehen. Romane werden schließlich dafür geschrieben, dass man sie für sich alleine liest, in dem Tempo, das für einen selbst am besten ist. Also habe ich beschlossen, kürzer zu lesen, zwischendurch auch ein paar Gedichte vorzutragen, und mich mit dem Publikum zu unterhalten. / Die Welt

Lautpoet

In der Lautpoesie wird auf besondere Art gedichtet: nicht mit Worten, sondern durch Schnaufen, Pusten und dadaistische Sprachfetzen. Nur ein bis zwei Dutzend Künstler widmen sich in Deutschland dieser musikalisch-poetischen Form. Einer von ihnen ist Tomomi Adachi.

Er ist Mitglied des Berlin Sound Poets Quoi Tête und nach eigenen Angaben der einzige praktizierende Lautlyriker Japans. Seine Performances wurden bereits in der Tate Modern ausgestellt. Am 9.6. trat Adachi anlässlich des Poesiefestivals in Berlin auf. / DLR

Muhammad Ali, the Political Poet

A friend asked me the other day to choose my favorite Muhammad Ali fight. “The Rumble in the Jungle,” I responded. I was thinking of all the rhymes that accompanied it, from “You think the world was shocked when Nixon resigned? Wait till I whip George Foreman’s behind,” to the very phrase “rope-a-dope”, as he named the strategy he used to defeat a superior opponent in the heat of Kinshasa. It was an athletic event but it was also a linguistic one.

Almost from the beginning of his career, when he was still called Cassius Clay, his rhymed couplets, like his punches, were brutal and blunt. And his poems, like his opponents, suffered a beating. The press’s earliest nicknames for him, such as “Cash the Brash” and “the Louisville Lip,” derived from his deriding of opponents with poetic insults. When in the history of boxing have critics been so irked by a fighter’s use of language? A. J. Liebling called him “Mr. Swellhead Bigmouth Poet,” while John Ahern, writing in The Boston Globe in 1964, mocked his “vaudeville” verse as “homespun doggerel.”

(…) Perhaps Maya Angelou, whose own poetry is sometimes labeled doggerel, said it best: “It wasn’t only what he said and it wasn’t only how he said it; it was both of those things, and maybe there was a third thing in it, the spirit of Muhammad Ali, saying his poesies — ‘Float like a butterfly, sting like a bee.’ I mean, as a poet, I like that! If he hadn’t put his name on it, I might have chosen to use that!” / Henry Louis Gates, New York Times

Digest 7./8.6.

Poetentag

In Baku fand zum Tag der Poeten eine Veranstaltung statt, die vom Verband aserbaidschanischen Autoren und der Vereinigung junger Dichter mit Unterstützung des Ministeriums für Kultur und Tourismus, der türkischen Botschaft in Aserbaidschan, dem Berufsverband Wissenschaftlicher und Literarischer Autoren und dem Weltverband Junger Türkischer Schriftsteller organisiert wurde.

In diesem Jahr war der Abend dem berühmten Schriftsteller und Verdienten Kunstarbeiter Aserbaidschans Vagif Samadoglu gewidmet. Persönlichkeiten aus der Türkei, Kirgisistan, Usbekistan, Georgien, der Ukraine, Iran, Rußland, den USA und Israel nahmen an der Veranstaltung teil. / Azernews

Schweizer Lyriker Roland Merk

Im Hinblick auf Utopie ist die Lyrik für ihn zentral. «Weil das Menschsein in diesen Zeiten radikal bedroht und instrumentalisiert worden ist, ist genau die Stimme des Menschen gefragt, und das ist in einem umfassenden Sinne eben die Lyrik.» Ein afrikanischer Freund habe ihm einmal gesagt: «Arme Völker singen, reiche Völker nicht mehr.» Es scheine, als ob jene, welche die «Entzauberung der Welt» vorangetrieben hätten, es den Dichtern und der Lyrik zurückzahlen wollten. «Die Sprache, die ich meine, die die Sprache des Antlitzes, des Körpers mitumfasst», so Merk, «sagt von sich ex negativo in Schmerz, Leid, Hunger und Furcht was nicht sein soll, das ist gewissermassen das Lyrische dieser Welt.» Deshalb gehe es nicht um eine ausgemalte positive, sondern bilderlose Utopie. / Thomas Brunnschweiler, Basellandschaftliche Zeitung

GABRIELE KROMER

unterwirft ihre ‚Kopffilme‘ einer Metamorphose zu Grafik und Lyrik aus einer Hand, 1:1 im Zwiegespräch. Zwei Ausdrucksformen, die sich die Bälle zuspielen und wechselseitig die Perspektiven verändern. Unkonventionelle, sehr eigenständige, grotesk-freche, stets hintergründige Bilder und Texte, in denen sich der Kreis zwischen Innen- und Außenwelt schließt. / art-in.de

Pound-Museum

Wenn ahnungslose Besucher, angelockt von dem bescheidenen landwirtschaftlichen Museum, das einer der Urenkel Pounds hier betreibt, den kurzen, aber steilen Abstieg von Dorf Tirol zur Burg hinunter auf sich nehmen, dann ist es wohl vor allem das eindrucksvolle Panorama des Meraner Tals, das ihnen im Gedächtnis bleibt – nicht die hier versammelten Artefakte der „Pound Ära“, wie der kanadische Kritiker Hugh Kenner die von Ezra Pound wesentlich mitgeprägte anglo-amerikanische Moderne genannt hat, nicht die Handschriften, Aufzeichnungen, Notizbücher und Briefe Pounds, die anschaulich seine Rolle als Mentor zahlreicher mit ihm befreundeter und korrespondierender Schriftstellerkollegen wie T.S. Eliot, James Joyce oder Ernest Hemingway belegen; und auch nicht die vielen Porträts, Fotografien (unter anderen von Henri Cartier-Bresson) und Büsten des Dichters, die die Brunnenburg nicht nur zu einer Fundstätte für Pound-Forscher, sondern für Kunstinteressierte insgesamt machen.

Ezra Pound ist einer der größten, aber auch einer der umstrittensten Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Besuch bei seiner neunzigjährigen Tochter Mary de Rachelwiltz in Südtirol. / Klaus Benesch, FAZ 7.6.

Gestorben

Moshe Dor, „ein Gründungsvater der israelischen Poesie“, starb im Alter von 83 Jahren. 1987 wurde er mit dem Bialikpreis geehrt. Er veröffentlichte 18 Lyrikbände und wurde in rund 30 Sprachen übersetzt. Er veröffentlichte auch Kinderbücher und übersetzte aus dem Amerikanischen. / Haaretz

 

Wochendigest 5./6.6.

1000 Seiten Depression

Ein guter Freund, der Houellebecq verehrt, hat mir berichtet, immer, wenn die Stimmung in seiner Redaktion zu gut würde, klettere er auf einen Stuhl und deklamiere ein Houellebecq-Gedicht. Ein todsicheres Mittel, um eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herzustellen. Übrigens erwischt man sich irgendwann beim Lachen, wie in einem Film von Kaurismäki oder Lars von Trier. Tausend Seiten Depression sind schließlich ziemlich witzig. / Jan Küveler, Die Welt

Michel Houellebecq: Gesammelte Gedichte. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Stephan Kleiner. Dumont. 781 S., 14,99 €.

Poesiefestival eröffnet

Schon der Eröffnungsabend, der traditionell unter dem Begriff „Weltklang“ firmiert, zeigte, dass gute Lyrik die an sie herangetragenen Erwartungen gut auszuhalten weiß. Da war es gar nicht nötig, das Büchlein mit den Übersetzungen der dargebotenen Gedichte aufzuschlagen. Es genügt, etwa den Vokalreihen einer Ana Blandianas aus Rumänien nachzulauschen oder dem ätherischen Gesang der barfüßigen Neuseeländerin Hinemoana Baker. Auch Charles Simic wollte man ja immer schon einmal gesehen haben, und dann stand der fast Achtzigjährige da wie ein alter College-Professor, die Hände lässig in den Taschen, und räusperte sich so beharrlich, dass es klang wie ein ganz eigenes Lautgedicht.

„Wie Sie sehen, komme ich nicht allein“, sagte die hochschwangere Uljana Wolf, als sie die Bühne betrat und ein strukturalistisch inspiriertes Gedicht über die Sprachentwicklung von Kindern vortrug. Und mit einem Mal trat da, „gebubbelt, gebabelt“, aus der „konnotation“ eine „notunterkunft“ hervor. Seiner Zeit entkommt man eben einfach nicht. / Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung

Mit welchen Gedichten können Sie gar nichts anfangen?

Das Gedicht als moralische Obstkistenpredigt ist unerträglich – das Gedicht also, dessen Freiraum missbraucht wird, um eine eindeutige Aussage zu treffen, eine Pointe, etwa als Paarreim, mit der das Gedicht sich dann sozusagen erledigt hat. Ein Gedicht muss schon etwas dauerhaft Verstörendes haben, es muss eine Verrückung der Wahrnehmung erreichen. / Jan Wagner antwortete auf Fragen des Tagesspiegels

Königin der Schraubenliteratur

Wirklich verstehen im Sinne der Ratio kann man das nicht. Muss man aber auch nicht. Denn Handlung steht hier nicht im Vordergrund – sondern der Reim. „Verbannt“ kommt nämlich durchgängig in sogenannten Spenser-Strophen daher, die beliebt waren zu Zeiten von Byron, Keats und Shelley.

Das Deutsche ist für solche Strophen nicht wirklich geeignet, was zu manch schrägem Reim und kuriosem Kalauer führt. An vielen Stellen knirscht es also mächtig im Gefüge. Ann Cotten hat deutlich ihren Spaß daran. Dass ihr am Ende dieses Versepos gar die Puste auszugehen schien: Es kümmert sie nicht. Verfugung, Verschiebung, die Lockerung der Übergänge ist hier alles. „Verbannt!“ inthronisiert sie insofern als Königin der Schraubenliteratur. / Claudia Kramatschek, DLR

Ann Cotten: Verbannt!
Versepos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
168 Seiten, 16 Euro

Hommage à Allen Ginsberg

Am 3.6. wurde in Tokio eine musikalische Hommage an den Dichter Allen Ginsberg aufgeführt: „Der Dichter spricht“. Die Idee wurde 2007 von der Rockikone und Schriftstellerin Patti Smith und dem Komponisten Philip Glass entwickelt. An der Aufführung in Tokio arbeiteten der Romancier, Dichter und Übersetzer Haruki Murakami (seine Ginsberg-Übersetzungen wurden auf eine Leinwand projiziert) und der japanische Musiker Joe Hisaishi mit. / ActuaLitté

Hier eine Aufnahme von 2005 mit Patti Smith und Philip Glass:

Iraqi poet Faleeha Hassan

Through verses about loss and tragedy, Hassan has become one of Iraq’s most successful and celebrated poets. Sometimes called  the “Maya Angelou of Iraq,” Hassan’s work has been heavily awarded and translated into dozens of languages.

Writing from her new home in New Jersey, Hassan explained via e-mail how her childhood, her faith and her war-torn nation turned her into one of Iraq’s first prominent female writers.

“Writing is very dangerous, especially for an Arab woman if she writes honestly and freely,” she said. “Some people do not like honesty and freedom of expression, so sometimes women stop writing because they worry about themselves and their family.” / Graham Dudley, Nondoc.com

Warum er Englisch dichtet

Der Dichter Charles Simic kam als 16-Jähriger mit seiner Familie aus Jugoslawien in die Vereinigten Staaten. Bereits ein Jahr später begann er, Gedichte auf Englisch zu schreiben. Vor allem um Mädchen zu beeindrucken, wie er sagt. Mit diesem Argument begegnet er auch denen, die ihm vorwerfen, er habe als Dichter seine serbische Muttersprache aufgeben:

„Ihnen erwidere ich dann: Tja, tut mir leid. Mir liegt eben viel daran, mit den Menschen zu kommunizieren, mit denen ich lebe. Insbesondere den jungen Damen meine Aufwartung zu machen. Ich kann ja nicht sagen: Edna, schau mal, ich habe hier ein wundervolles Gedicht geschrieben. Es ist in Serbisch, aber du kannst mir glauben, es ist voller Liebe für dich.“ / DLR

Liebe zur Poesie

Lyrikhass ist indes ein westliches Problem. Der Hyperkapitalismus in der arabischen und asiatischen Welt mag die Wirkmacht der Poesie bedrohen. Als Kunst, die dem Volk gehört, genießt sie einen unangefochtenen Rang. Ein Beispiel ist die Casting-Show „Million’s Poet“ aus Abu Dhabi, die nach dem Muster von „American Idol“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ die besten in der mündlichen Nabati-Tradition stehenden Rezitatoren und Rezitatorinnen auszeichnet. Vor wenigen Tagen siegte dieses Jahr der kuwaitische Student Rajih al-Hamidani und trug umgerechnet 1,36 Millionen Dollar nach Hause. Die Parallelshow „Prince of Poets“ prämiert den Vortrag klassischer arabischer Lyrik.  / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

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