Archiv der Kategorie: USA

Im Netz seit 1.1.2001

Dead at 76

David Budbill, a poet and playwright, died early Sunday morning at his home in Montpelier, according to an announcement from his family. The cause was Progressive Supranuclear Palsy, a rare form of Parkinson’s Disease. Budbill was 76.

“We have just lost a great Vermont voice, and a voice for Vermonters,” said Ellen McCulloch-Lovell, a friend of Budbill’s who is a poet and former president of Marlboro College.  “People who didn’t know anything about the technicalities of writing poetry, read and enjoyed his poems. … They spoke to a whole variety of people.” / Burlington Free Press

Odes to tampons, stretch marks, fat

In 2008, the poet Sharon Olds came across a bilingual edition of Pablo Neruda’s “Odes” and got excited. In the poems, Neruda found cause to praise the common and the extraordinary, the concrete and the conceptual. He wrote of artichokes, and the moon, and friendship. Olds, who published her first collection, “Satan Says,” in 1980, at the age of thirty-seven, had written similar poems of tribute: “Diaphragm Aria,” “Socks,” “Material Ode,” “The Pope’s Penis.” But she liked to mix narrative into her verse, and always felt that she had trouble handling abstract concepts without attaching a story or a character to them. Now, when she sat down to write in her notebook, she found herself apostrophizing anything that crossed her mind, addressing concepts and objects directly, trying to name their component parts.

The results of Olds’s experiment are collected in her latest book, “Odes” (Knopf). In some six dozen poems, Olds sings in praise of things that are not often considered worthy of appreciation—tampons, stretch marks, fat, composting toilets, douche bags, menstrual blood—and reconsiders others that are. / Alexandra Schwartz, The New Yorker

Poetic Artifice

The death of Veronica Forrest-Thomson in 1975, aged just 27, is among the most galling and tragic losses to modern British poetry. Born in Malaya and raised in Glasgow, she published a first poetry collection at 20 and gravitated to Cambridge, where she was taught by JH Prynne. Heavily influenced by the close reading tradition of IA Richards and William Empson, her criticism also drew on French structuralist and poststructuralist theory, then much in the air.

Published posthumously in 1978 and now reprinted for the first time, her classic study Poetic Artifice marked a provocative intervention. There is a widespread and mistaken assumption, Forrest-Thomson argues, that poetry is important for what it tells us about the external world. Not so: poetry is important for its vindication of “all the rhythmic, phonetic, verbal and logical devices” that make it what it is, and the production of “alternative imaginary orders”. Anything else is flim-flam. It is not the job of poetry to deliver states of “inarticulate rapture”, but to be the articulation of that rapture.

Contemporary poetry is full of writers convinced they have access to “reality in its unmediated state”, under a process Forrest-Thomas calls “naturalisation”. Philip Larkin’s “Mr Bleaney” is “almost embarrassingly lucid”, and the thought that it represents the work of an “important poet” is “without foundation”. Ted Hughes fares no better, desiring to be mysterious “without letting it affect his technique”. We have naturalisation to thank for Larkin and Hughes being famous, and for Prynne and Andrew Crozier languishing where they do. / David Wheatley, The Guardian

Poetic Artifice is published by Shearsman (£16.95).

Gestorben

Max Ritvo, ein Dichter, der seinen langen Kampf mit dem Krebs in zugleich humoristischen und brennenden Texten festhielt, starb am vergangenen Dienstag im Alter von 25. Als er 16 war, wurde bei ihm Ewings Sarkom diagnostiziert, eine seltene Krebserkrankung, die Kinder und junge Erwachsene befällt. Eine Behandlung schlug zunächst an und gestattete ihm, an der Yale-Universität zu studieren, u.a. bei der Dichterin Louise Glück. Sein erster Gedichtband soll in diesem Herbst erscheinen. / NPR

Shahid Qadri, einer der bedeutendsten Dichter der Bangladeschischen Literatur, starb in einem New Yorker Krankenhaus im Alter von 74 Jahren. Er gehörte der Post-1947-Strömung der Poesie im damaligen Ostpakistan, die Urbanismus und Moderne einführte. 2011 erhielt er den Ekushey Padak, den höchsten nationalen Preis des Landes. Nach Erscheinen seines dritten Buchs Kothao Kono Krondon Nei (Keine Tränen nirgends) hörte er auf zu schreiben und ging nach London, dann nach Deutschland und schließlich in die USA. / Dhaka Tribune

 

Amerikanische Dichter

Aus einem Gespräch, das Die Welt mit Charles Simic führte

Irgendwo haben Sie den Dichter als „Verkörperung von Wagemut, von individueller Freiheit und Demokratie“ bezeichnet, als uramerikanischen Typus.

Seit Walt Whitman kommen amerikanische Lyriker meist aus dem Nichts und sind gewissermaßen self-made. Die meisten von uns sind irgendwie in ihre Arbeit hineingestolpert und tun sie nicht aus der alten romantischen Überzeugung, ein missverstandenes Genie zu sein, sondern weil sie von einem tiefen demokratischen Gefühl geleitet werden.

Haben Sie den Eindruck, dass dem Dichter, der die „ältesten Werte“ verteidigt und „die Erfahrung des Einzelnen gegen die des Stammes behauptet“, wie Sie in einem Essay schreiben, in den USA und anderen westlichen Gesellschaften heute eine besondere Bedeutung zukommt?

Ich denke schon, aber man trichtert dies den Leuten nicht mit dem Hammer ein. Allein die Haltung macht einen Unterschied, und wenn man als Lyriker von dem Sockel herabsteigt und sich unters Volk mischt, ist schon viel gewonnen. Das schönste Kompliment, das ich je erhalten habe, stammt von einem Mann, der in einem Landstrich Amerikas, in dem es so viel Kultur gibt wie in der Sahara, mit verblüfftem und irgendwie verstörtem Ausdruck einer Lesung beiwohnte und danach auf mich zukam: „Entschuldigung, Mr. Simic, aber war das, was Sie vorgelesen haben, wirklich Poesie?“ Ich weiß nicht, ob ich ihn überzeugen konnte, aber er sagte: „Unglaublich, ich habe Gedichte immer gehasst, aber ich habe jedes Wort verstanden, das Sie vorgelesen haben.“

(…)

„Wann immer alles andere in Amerika zum Teufel zu gehen scheint“, schreiben Sie in einem Essay, „geht es der Lyrik gut.“ Werden deswegen momentan wieder mehr Gedichte gelesen?

Zumindest geht alles andere zum Teufel.

Charles Simic: Picknick in der Nacht. Gedichte 1962-2015. Aus dem Englischen von Wiebke Meier. Hanser, München. 280 S., 22,90 €.

Gestorben

Der amerikanische Dichter und Übersetzer Dennis Tedlock (geboren 1939) starb am 3. Juni, wie der Dichter Charles Bernstein mitteilt. Tedlock übersetzte das Popul Vuh und andere Schätze der Mayaliteratur und gab gemeinsam mit Jerome Rothenberg Alcheringa heraus, ein Magazin für Ethnopoetik (1979-1980), sowie zusammen mit Barbara Tedlock American Anthropologist (1994-1998).

Afrika (1)

In den frühen postkolonialen Jahren Afrikas stellte der amerikanische Dichter Langston Hughes die Anthologie „An African Treasury“ zusammen, Artikel, Essays, Geschichten und Gedichte schwarzer Afrikaner vornehmlich englischer und französischer Sprache. Sie erschien 1960. Hughes widmete sie „den jungen Autoren Afrikas“. In der Einleitung wünscht er, der Leser möge die Freude des Herausgebers am oft verblüffenden Umgang afrikanischer Autoren mit des Königs Englisch teilen. Besonders entzückte ihn der nigerianische Schriftsteller Amos Tutuola (sein Roman „Der Palmweintrinker“ erschien zuerst 1955 auf Deutsch), über den die biographischen Notizen mitteilen, er habe die Schule nur wenige Jahre besucht, dann als Schmied und Metallarbeiter gearbeitet und sei jetzt Regierungsangestellter. Vor etwa fünf Jahren habe er ihn gebeten, ihm einige seiner Geschichten für die Anthologie zu schicken. Es kam eine einzige Geschichte, handschriftlich mit abenteuerlicher Grammatik. Anbei ein Satz in absolut korrektem Englisch: „Was das Einschicken mehrerer Geschichten betrifft, schicken Sie mir Geld und ich schicke mehr.“

Afrika (1..n) ist kein Reisebericht, sondern eine lose Folge von Lese- und Augeneindrücken.

Inventor of chinese poetry

But what matters for poetry translation overall is Pound’s blending of the pretense of scholarly accuracy with the idiom of poetic taste. In the process he created a taste for avant-garde poetry — as William Wordsworth said, “Every great and original writer […] must himself create the taste by which he is to be relished.” Or as Pound said, “Make it new.” This is what Eliot meant by calling Pound “the inventor of Chinese poetry for our time.” And Pound’s inventions for Chinese translation — the modest musicality, the presentations of parataxis, the free verse dramatic monologues (also present in Spoon River Anthology by Edgar Lee Masters, likewise from 1915) — helped change poetic taste in English. / Lucas Klein, LA Review of Books

Four Quartets

Schon von Zeitgenossen wurden die Vier Quartette als Rückschritt gegenüber der anarchischen Wucht des Waste Land betrachtet. Auch die Eliot-Übersetzerin Eva Hesse sprach von einem „Zurückfallen hinter die Errungenschaften der Moderne“; sie erkannte in den Quartetten eine Tendenz, alles Störende unter die „Gewalt“ eines „männlichen Logos“ zu zwingen. Als Beweis gilt ihr der Vers „The poetry does not matter“, der in ihrer Version lautet: „Auf die Poesie kommt’s nicht an.“

„Dass die Eva Hesse das als Offenbarungseid gelesen hat, daraus spricht doch eine gewisse Humorlosigkeit und ein erstaunlich undialektisches Lesen an dieser Stelle, denn wenn Eliot sagt: ‚The poetry does not matter’, macht es doch einen großen Unterschied, ob er das in einem Essay sagt oder in einem Gedicht. In einem Gedicht kann das ja gar nicht stimmen. Es ist sicherlich eine Verabschiedung von l’art pour l’art – das kann man schon so sehen. Aber das, worauf Eliot seit langem schon hinsteuerte, also auch in The Waste Land, das war ja schon ein Schritt in einer Art spiritueller Bewegung, einer Art Erkundung dessen, was ist da an religiöser Überlieferung: Woran kann ich mich halten? Es geht ihm schon um etwas, was im Gedicht aufscheinen kann. Und dass er nun, um sich an dieses Etwas heranzuarbeiten, eben das Gedicht wählt. Das zeigt natürlich schon, dass es auf die Poesie, auf die Dichtung sehr stark ankommt. [Nur,] ich habe dann übersetzt: ‚Was poetisch ist, tut nichts zur Sache.’ Das ist vielleicht ein bisschen frei, andererseits ein bisschen genauer an meinem Verständnis dessen, was Eliot bewegt, so einen natürlich als provokant zu verstehenden Satz zu sagen, eben: Leute, hört doch mal – was ist da gesagt, worauf weist die Dichtung? Dichtung eben nicht als eine rein selbstbezügliche Angelegenheit.“ / Dorothea Dieckmann, DLF

T.S. Eliot: „Vier Quartette / Four Quartets“, aus dem Englischen von Norbert Hummelt, Suhrkamp Verlag, 93 Seiten, 19.95 Euro

Digest 27.-30.6.

In Hausach

„Ich bin beseelt von dem heutigen Nachmittag“, schwärmte dann auch José F. A. Oliver als Macher des Leselenzes. Das Publikum sei Zeuge „von Literatur der Welt und Weltliteratur“ geworden. Mit beeindruckender und junger deutscher Lyrik ging der sehr schöne Poetik-Marathon auf die Zielgerade. (…)

„Ich beginne mit der Theorie des Waldes, die ich erstmals den Praktikern im Schwarzwald vorstelle“, eröffnete Tim Holland seine Lesung. Leicht und ohne Schnörkel las er: „Vollwertiger Wald ist umbaumter Raum; wer am Fluss sitzt sollte mit Steinen werfen; Wasser gibt es wie Sand am Meer; vor lauter Lichtung sieht man den Wald nicht mehr.“

Die tiefgreifende Erkenntnis: „Der Maulwurf sieht nur mit den Händen gut – das wiesentliche ist für den Maulwurf unsichtbar“ amüsierte das Publikum. Für die abschließende Erkenntnis: „Wald ist die neue Weltordnung“ gab es viel Applaus.

Der glänzende Schlusspunkt dieses Leseblocks im tagfüllenden Format „Vom poetischen Wort“ oblag Dagmara Kraus, deren Texte durch ihren Leserhythmus einen besonderen Klang bekamen. / Christine Störr, Schwarzwälder Bote

Umtriebe in Zürich

Die Frankfurter Rundschau meldet, daß ein Redakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ vor 65 Jahren über die Veranstaltung mit drei DDR-Dichtern im Lokal „Zur Eintracht“ berichtete – nicht für seine Zeitung, sondern für den Nachrichtendienst der Züricher Stadtpolizei, der ihn wiederum an die Schweizerische Bundesanwaltschaft weiterleitete.

Der erste Eintrag in den Überwachungsakten der Bundesanwaltschaft über Johannes R. Becher etwa stammte bereits vom Dezember 1919. Das damalige Politische Department der Schweiz hatte einen Vermerk über den „kommunistisch eingestellten Schriftsteller“ verfasst.

Anlass war seine Erwähnung in einer Korrespondenz, die der Schweizerischen Gesandtschaft in Berlin vom preußischen Staatskommissär für öffentliche Ordnung zugegangen war. Bis 1935 entstanden dann noch weitere Berichte über Becher. Darin ging es etwa um zwei Gerichtsverfahren, die in Deutschland 1925 und 1927 gegen den Dichter „wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Veröffentlichung revolutionärer und gotteslästerlicher Schriften durchgeführt“ wurden, sowie um seine Mitgliedschaft im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“. 1947 wurde in den Akten vermerkt, dass sich Becher während der Nazizeit in Moskau aufgehalten habe und als „Vertrauensmann“ der Russen gelte.

Auch in Stephan Hermlin vermuteten die Behörden in Bern stets einen kommunistischen Umstürzler. Hermlin, der eigentlich Rudolf Leder hieß und aus einer jüdischen Familie stammte, hatte sich schon frühzeitig den Kommunisten angeschlossen. 1936 ging er ins Ausland, sieben Jahre später floh er in die Schweiz. Dort steckten ihn die Behörden bis Kriegsende ins Internierungslager bei Wallisellen.

Arnold Zweig hingegen, 1951 längst ein hochberühmter Schriftsteller („Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „Erziehung vor Verdun“), war den im Berner Bundesarchiv überlieferten Akten zufolge für die Schweizer Staatsschützer ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Über den jüdischen Dichter und Pazifisten vermerkte die Züricher Stadtpolizei lediglich, er sei ein kommunistischer Schriftsteller, „welcher in der kryptokommunistischen Friedensbewegung eine maßgebende Rolle spielt“.

(…) Wie die Akten belegen, wurden die drei Schriftsteller während ihres Schweiz-Aufenthaltes bis ins Hotel hinein observiert, auch über ihre Gesprächspartner sind Vermerke gefertigt worden. Anfang Juli 1951 reisten die drei Autoren schließlich unbehelligt in die DDR zurück.

Becher kam danach bis zu seinem Tod 1958 nicht mehr in die Schweiz. Hermlin hingegen reiste öfter ein, auch zu Lesungen. Ab den 70er Jahren machte er zudem regelmäßig Urlaub mit der Familie im Sommerhaus von Verlegerfreund Klaus Wagenbach im Tessin. Jeder Aufenthalt Hermlins, das lässt sich im Bundesarchiv in Bern nachlesen, wurde vom Schweizer Staatsschutz sorgsam überwacht und in den Akten protokolliert.

Auch Arnold Zweig, dessen Sohn Adam in Zürich lebte, kehrte noch ein paar Mal zu Urlaubsaufenthalten in die Schweiz zurück. Den Akten zufolge soll sich der bereits schwerkranke Schriftsteller nach dem niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR sogar mit dem Gedanken einer Übersiedlung in die Schweiz getragen haben. Doch die eidgenössischen Behörden lehnten das ab – „aus Überfremdungsgründen“ und weil es sich bei Zweig um einen „bekannten linksgerichteten Schriftsteller“ handele. „Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Dr. Thomas Mann, Kilchberg, als Referenz angegeben wird“, heißt es in einem Vermerk der Züricher Stadtpolizei.

Ein Gedicht darf alles

Die Siebenbürgische Zeitung sprach mit Horst Samson:

Sind Sie ein politischer Dichter? Soll bzw. darf Poesie politisch sein?

Dichtung ist allein schon durch ihre Existenz und gesellschaftliche Präsenz ein Politikum. Ich bin in meinem Schreiben der Welt und mir zugewandt und reibe mich als Subjekt an den mich umgebenden, prägenden, inspirierenden auch provozierenden Zuständen und an der grundsätzlichen Verfasstheit unseres Lebens. Wenn wir der Vokabel Politik nicht Agitation, Propaganda, Reklame subsummieren, dann bin ich auch ein politischer Dichter. Prof. Johann Holzer aus Inns­bruck, der einen exzellenten Aufsatz über mein Buch „La Victoire. Ein Poem“ geschrieben hat, ein großes poetisches, aber auch ein dezidiert politisches Buch, bringt in diesem Zusammenhang unter anderem Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ ins Spiel. Das hat mich nicht nur gefreut, sondern auch stark bewegt. Die Bewunderung für den Meister des politischen Gedichtes versuchte ich ja nicht von ungefähr auch schon im Titel meines Buches anklingen zu lassen: „Ein Poem“. Zur Frage also, ob Poesie politisch sein dürfe, ein eindeutiges Ja. Warum auch nicht? Es sollte aber nicht plakativ, billig oder flach sein, etwa wie das von Günter Grass als Gedicht deklarierte agitatorische Pamphlet „Was gesagt werden muss“. Trotz des Agitprop aber bleibt gültig: Ein Gedicht darf alles, es ist frei, frei zu sein, wie es ist. Alles andere ist nachrangig.

Vietnam-amerikanische Schriftsteller gegen Marginalisierung

Linh Dinh, geboren 1963 in Saigon, kam mit 11 nach Philadelphia. Entfremdung und Gewalt waren seine ersten Erfahrungen in der neuen Heimat. Er berichtet über die Frustrationen beim Versuch, die oft ignorierten Stimmen aus Vietnam zu Gehör zu bringen. „Es gibt eine Faszination für den nordvietnamesischen Soldaten und eine komplette Ignoranz, wenn nicht Verachtung für den südvietnamesischen. Aber so ist das Schicksal des Verlierers.“ In der amerikanischen Kultur, in Filmen wie Apocalypse Now, Full Metal Jacket  und Platoon, kommen Vietnamesen nur als gesichtslose Nullen vor, die GIs durch den Dschungel jagen. / Southeast Asia Globe

Ich, Bertolt Brecht

… bisher kannte man drei Gedichte von Brecht, die mit diesen Worten beginnen. Nun wurde ein weiteres entdeckt und in der Akademiezeitschrift „Sinn und Form“ erstveröffentlicht: Es ist die Urform der später erschienenen Gedichte. Brecht schrieb es im Sommer 1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, als er vom Kriegsdienst befreit war und angesichts des Elends in Europa seine Empörung ausdrücken wollte: „Von Kind an eher scheu als frech,/ich, der ich Wohlleben gewohnt war,/noch beinah nichts vom Leben litt/eh’r wie ein rohes Ei geschont war/beschwere ich mich dennoch hiermit.“ / Die Presse

Gestorben

Die irische Autorin Leland Bardwell starb im Alter von 94 Jahren. Sie veröffentlichte Romane, Gedichtbände, Theaterstücke und Kurzgeschichten. 1975 gründete sie mit Eiléan Ní Chuilleanáin, Pearse Hutchinson und Macdara Woods die Zeitschrift Cyphers. / Irish Times

Digest 22.-26.6.

Ich muß das Netz grobmaschiger machen, sonst komm ich nie nach. Heute 5 auf 1 Streich.

Kein Zweifel

Er heißt Zweifel, hat aber keinen. Emily Dickinson ist die überschätzteste Dichterin Amerikas. Die berühmteste, kargste, freudloseste sowie deprimierendste. Sie schrieb karge Gedichte, in denen sie eine leere, freudlose Welt beschreibt. Sie war der Proto-Emo. Ihre Fans sind meist weiblich. „Vielleicht, dachte ich früher, habe ich das falsche Geschlecht und kann deshalb diese empfindsame Weiblichkeit nicht schätzen. Oder ich bin zu jung – wer will mit 20 schon Gedichte über Entsagung und Todeserwartung lesen? Doch es hat sich nichts geändert. Ich ahne immer noch nichts, wenn ich ein Gedicht von Dickinson lese. Wahrscheinlich haben die melancholische Jungfer und ich das Heu einfach nicht auf derselben Bühne.“ Na und so weiter (Tagesanzeiger). Jetzt brauch ich ein Gedicht:

To make a prairie it takes a clover and one bee,
One clover, and a bee.
And revery.
The revery alone will do,
If bees are few.

Gunhild Kübler übersetzt:

Für eine Wiese braucht es Klee und Bienen,
Je eins von ihnen,
Und Träumerei.
Die Träumerei tut’s auch allein,
Bei wenig Bienen.

Über Gedichte und Politik darf halt jeder schwätzen wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Beat Brechbühl

Unermüdlich ist er auch mit 76. Beat Brechbühl gibt in seinem Waldgut-Verlag im Eisenwerk Frauenfeld handverlesene Bücher heraus: Lyrik und Prosa aus der Schweiz und aus fremden Ländern. Unterm selben Dach setzt er die Umschläge in Blei, von Hand also. Und druckt sie auf seiner Presse, ebenso von Hand. Denn Beat Brechbühl liebt und hegt die Schwarze Kunst. Kein Wunder – er hat Schriftsetzer gelernt, bevor er zu schreiben begann: erst Gedichte in «Spiele um Pan», den Roman um den Träumer und Querulanten «Kneuss», und später erfreute er die Kinderherzen mit den «Geschichten vom Schnüff». / Dieter Langhart, St. Galler Tagblatt

Martin Piekar

Früher, in den „Bastard“-Gedichten, da hat er seine Wut poetisiert: „Meine Gedichte waren unruhig, laut, brutal.“ Die neuen Gedichte, die Gedichte, die er für seinen bald erscheinenden zweiten Band vorbereitet, die seien anders: „Ich habe zuletzt sehr viel T. S. Eliot gelesen“, sagt er. Vielleicht habe das etwas abgefärbt. Doch über Vorbilder, über Idole zu sprechen, das fällt Piekar nicht leicht. Einerseits, weil es so viele Dichter gibt, die er liest und liebt. Andererseits: „Meine Gedichte entstehen dadurch, dass ich in dieser Gesellschaft verwurzelt bin. Sie können nur hier und jetzt entstehen.“ Und genau das, dieses Hier und dieses Jetzt, dieses Gegenwärtige, das trägt die Gedichte von Piekar. Sie sind dunkel und schwer, nachdenklich und nahbar. „Sie sind keine Gesellschaftskritik. Das ist mir zu billig. Sie sind Beobachtungen, zu allem möglichen.“ Piekar blickt auf die Welt und wirft seine Worte drüber. / Frankfurter Neue Presse

Vergesst es

Einer der künstlerischen Beiträge bestand darin, dass eine riesige Maschine genau den Tisch zerstörte, an dessen exaktem Abbild anschließend gelesen wurde. Die Botschaft: Vergesst es, die Lyrik als etwas anzusehen, das angeblich keiner versteht. Es geht nicht um die Präsentation prämierter Bücher, aus denen an einem Tisch mit Sprudel und Lampe, vorgelesen wird. Ihre Macher begreifen die „lyrischen Ichs“ insgesamt als Performance, in der auch das Publikum eine Rolle spielt, anstatt von der Bühne herab mit Dichterworten beschallt zu werden.

Die Lesung ist damit ein Ort des Austauschs, in disziplinärer und sozialer Hinsicht. Worte schaffen Räume – und umgekehrt. Nach der Veranstaltung bleibt das Publikum oft noch stundenlang da, um über Literatur zu quatschen. „Textwerkstätten“ setzen das im Wohnzimmer von Zapfs und Bayerstorfers Apartment in Neuhausen fort. „Wenn man sich ansonsten nur drei Mal im Jahr zu den lyrischen Ichs sieht, verläuft sich das“, sagt Zapf. Die Gastgeber schreiben und diskutieren auch selbst eifrig mit – wenn es sein muss bis um vier Uhr morgens, während die Ersten schon zwischen Stapeln von Zetteln schlafen. / Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung

Prix Halaly

Das Kulturbüro der ägyptischen Botschaft in Paris übergab den zum vierten Mal verliehenen Halaly-Lyrikpreis an den kongolesischen Lyriker Huppert Malanda (Republik Kongo-Brazzaville). Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert und erinnert an den Stifter und Mäzen Fathy Abdelfattah Halaly, der im Januar diesen Jahres gestorben ist. / adiac-congo.com

 

Chicago

The most famous poem in Chicago’s history — Carl Sandburg’s appropriately named „Chicago“ and published in a book also appropriately named „Chicago Poems“ — celebrates a centennial anniversary this year. / dnainfo.com

Delicate flag

I have been reading Whitman on the American flag. He wrote about it repeatedly, though I think only during the years of the Civil War—years of ferocity and sorrow. Naturally his flags are living things. They sing, gaze, beckon, ripple, and pass by. The flag in “Song of the Banner at Daybreak” exhorts the poet himself to speak up: “Yet louder, higher, stronger, bard! yet farther, wider cleave!” The flag sings of the higher values—of more than wealth, and more than peace. Sometimes the flag is womanly. One of his war poems was a not-entirely successful ode to the flag called “Bathed in War’s Perfume,” which he never inserted into Leaves of Grass:

Bathed in war’s perfume—delicate flag!
O to hear you call the sailors and the soldiers! flag like a beautiful woman!
O to hear the tramp, tramp of a million answering men!
O the ships they arm with joy!
O to see you leap and beckon from the tall masts of ships!
O to see you peering down on the sailors on the decks!
Flag like the eyes of women.

But I think I know what he was getting at. You can see it in one of the other flag poems, “Delicate Cluster”:

Delicate cluster! flag of teeming life!
Covering all my lands—all my seashores lining!
Flag of death! (how I watched you through the smoke battle pressing!
How I heard you flap and rustle, cloth defiant!)
Flag cerulean—sunny flag, with the orbs of night dappled!
Ah my silvery beauty—ah my woolly white and  crimson!
Ah to sing the song of you, my matron mighty!
My sacred one, my mother.

Death, for Whitman—death is a woman. That is what he means. Death is the all-welcoming and all-comforting mother.

Ultimately the flag, which is teeming with life, and is the flag of death, is the banner of the revolutionary cause. Everyone who has read Leaves of Grass will remember “Thick-Sprinkled Bunting”:

Long yet your road, fateful flag—long yet your road, and lined with bloody death,
For the prize I see at issue at last is the world.

He means that America is fighting for democracy’s conquest of the world—democracy, in universal battle against the other, enemy principle, which is the flag of kings. / Paul Berman, Tablet

Digest 19./20.6.

Peinlich

Nun schickt Lerner eine Programmschrift zum Status der Poesie hinterher… Es ist auch ein autobiographisches Spiel, denn häufig rekurriert der Autor auf eigene Erfahrungen. Lerner gefällt, dass ihm gegenüber jeder Nichtdichter Kenntnisse über Lyrik simuliere, „obwohl die einzigen Gedichte, denen er in den vergangenen Jahrzehnten begegnet ist, auf Hochzeiten und Beerdigungen vorgetragen wurden“. Bereits nach wenigen Seiten wird klar, dass die wahre Poesie eine unmögliche ist, eine, die sich nur im Scheitern, in der Ablehnung oder in der Markierung der Grenze greifen lässt.

Der Autor geht aus von Marianne Moores Gedicht „Lyrik“, das mit den Zeilen „Ich mag sie auch nicht“ beginnt (…). Schon als Kind habe ihn diese Selbstablehnung fasziniert. Sie munitionierte ihn, um gegen all die Zuschreibungen zu bestehen. Hartnäckig nämlich werde Dichtung mit Ruhm in Verbindung gebracht (anerkennende Blicke bei der Information, dass man publiziert wird), doch nicht als echte Arbeit anerkannt. Das dichterische Genie ist der Gesellschaft ein wenig peinlich. / Oliver Jungen, FAZ 19.6.

Ben Lerner: „Warum hassen wir die Lyrik?“ Rowohlt Rotation, E-Book, 2,99 €.

Deutsch-polnischer Preis für Jan Wagner

Der Lyriker Jan Wagner ist mit dem deutsch-polnischen Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis 2016 gewürdigt worden. Wagner nahm die Auszeichnung gemeinsam mit dem zweiten Preisträger, dem polnische Dichter und Literaturkritiker Kazimierz Brakoniecki, am Sonntag in Göttingen entgegen.

Der Linde-Preis wird von der Stadt Göttingen und ihrer polnischen Partnerstadt Thorn verliehen, er ist mit zweimal 5000 Euro dotiert. Mit der zum 21. Mal vergebenen Auszeichnung werden Künstler gewürdigt, die Menschen, Gesellschaften und Nationen zum gemeinsamen Gespräch führen, wie es in der Ausschreibung heißt. / Die Welt

Tadschikistan

Eine neue Dichtergeneration im persischsprachigen Tadschikistan benutzt die neuen Medien dazu, soziale, ökonomische und politische Probleme, wie sie im exsowjetischen Land in Mittelasien ständig anwachsen, auf Facebook und dem russischen sozialen Netzwerk Odnoklassniki anzusprechen. / albawaba

Tunesischer Literaturpreis

Der Abou El Kacem-Chabbi-Literaturpreis, der bis zur Revolution 2011 jährlich verliehen wurde, wird wiederbelebt, wie das Kulturministerium mitteilte. Der Preis wird von der Banque de Tunisie finanziert und soll kulturelle Leistungen arabischer Länder würdigen.

Abou  El Kacem Chabbi war ein tunesischer Dichter, der 1934 mit nur 25 Jahren starb. Besonders bekannt ist sein Gedicht „Hymne an das Leben“. / impact24

Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen

Vom 21. bis 26. Mai fand an verschiedenen Orten in der Westbank und in Israel das Palestine Festival of Literature statt. Mit dabei war Jehan Bseiso, eine junge palästinensische Dichterin. Nach zwei Anthologien und Online-Publikationen auf „Electronic Intifada“ und „The Palestine Chronicle“ arbeitet sie derzeit an einer Gedichtsammlung. Mit ihr sprach Ylenia Gostoli bei qantara.de.

Welchen Teil des Festivals fanden Sie am inspirierendsten?

Jehan Bseiso: Ich war an der Bethlehem University und las dort in einer Veranstaltung mit Remi Kanazi, Nathalie Handal und Basima Takrori ein paar meiner Gedichte vor einem Saal voller Studenten. Ich habe in Kairo und im Libanon gelesen, aber das war jetzt das erste Mal, dass ich meine Gedichte über Palästina in Palästina gelesen habe. Es war eine ganz besondere Erfahrung. Das Auditorium war brechend voll und man spürte eine starke Energie. Ich glaube, die Studenten konnten sich auf die Texte und meinen Umgang mit der Sprache gut einlassen; ich schreibe auf Englisch, verwende aber viele arabische Wörter. Ich glaube, diese Sprachmischung hat die Studenten fasziniert. Ich habe mehrere Texte gelesen, darunter „Brainstorming Nakba“, eines der ersten Gedichte, die von mir gedruckt wurden. Es geht darin um verschiedene Aspekte, die das Heranwachsen als Palästinenser außerhalb Palästinas mit sich bringt.

„Wir sind Bastardkinder von Bindestrichen und Ergänzungen und Sätzen, die beginnen mit ‚Ursprünglich stamme ich aus‘ …“, heißt es in einem der Gedichte, die Sie vorgetragen haben. Welche Rolle spielen die Schriftsteller und Künstler aus der Diaspora im Freiheitskampf der Palästinenser?

Bseiso: Über sechs Millionen Palästinenser leben in der Diaspora, und wir spielen eine wichtige Rolle, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, indem wir uns für Veränderungen einsetzen, Ungerechtigkeit anprangern, und uns, auch wenn es schmerzt, aus der Ferne zu Wort melden – sei es im Bereich der Kunst, der Politik oder im Geschäftsleben. Die Entscheidung ist ganz einfach: Wir können die Diaspora entweder als eine Art Vergessen betrachten und uns fügen, oder sie über Grenzen und Kontinente hinweg in einen sinnvollen Akt des Widerstands verwandeln.