Archiv der Kategorie: USA

Im Netz seit 1.1.2001

Writers resist

On Martin Luther King Jr. Day, some of America’s most celebrated authors gathered on the steps of the New York Public Library to protest Donald Trump’s attacks on freedom of speech. In a protest called „Writers resist,“ Michael Cunningham, Laurie Anderson, Moustafa Bayoumi, Rick Moody, Art Spiegelman, Jacqueline Woodson, Eve Ensler, and dozens of others read poems and texts to guide contemporary Americans as they embark on the path of resistance to Trump’s administration. George Orwell, Allen Ginsberg and even Frank Zappa (offered by Art Spiegelman) were popular choices – as was, understandably, Martin Luther King.

„Our focuses used to be violation of freedom of the speech that happen abroad. We never dreamed that we would be turning our attentions at home, at the level we now need to,“ said Andrew Solomon, president of PEN America, a literary association that works to protect open expression. “As Chairman Mao and Joseph Stalin have started by going after the intellectuals whose words might form an opposition, so Trump started by going after us. We are the ground zero for his fight for total power,” he said, addressing New Yorkers holding protest banners and portraits of James Baldwin, Junot Diaz and Gwendolyn Brooks.

(…)

Poet Laureate Robert Pinsky wrote a poem for the occasion, inspired by the battles against oppression of Gwendolyn Brooks and Polish poet Czesław Miłosz. “Now my fellow dissidents, we endure a moment of charismatic indecency. Charismatic indecency and sanctimonious falsehood beyond shame. Our polish grandfather Milosz and our African American grandmother Brooks endured worse than this. First fight then fiddle, she wrote,” read Pinsky from the poem.
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“Language is the tool we use to build our political and democratic structures.” How writers are resisting Trump (and suggestions on how to give back). | Boston.com, GOOD Magazine

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L&Poe Rückblende – Oktober 2001

Thomas Kling lebt und kommt auch im Oktober öfter vor

Z.B. hier

„Das Abscannen von Gesichtsdaten“ nannte Thomas Kling in seiner Laudatio das poetische Verfahren von Friederike Mayröcker, und es ist, als hätten die jungen Lyriker eine Ahnin im alten Wien gefunden: eine Meisterin des physiognomischen Denkens, eine Dichterin, deren Poesie dem Körper verfallen ist, in des Wortes doppelter Bedeutung – und eine wunderliche Vortragskünstlerin: Denn was ist diese müde, mürbe, eintönige Stimme, die da aus dem schwarzen Vorhang der Haare und der lose hängenden Kleider hervordringt, wenn nicht ein leibhaftiges memento mori? / THOMAS STEINFELD, Süddeutsche 29.10.01

Und hier

„Ohne Österreich und die österreichische Literatur hätte ich einpacken können. Ich habe es geschafft, früh genug nach Wien zu gehen“, so Thomas Kling , erster Preisträger des Ernst Jandl Preises für Lyrik in seinen Dankesworten.

Poeterey der Adenauer-Generation

…und immer wieder die Aversion gegen die Poeterey der Adenauer-Generation: Noch liegt das Zischen der «Brandpfeile» in der Luft, die Kling in seiner Essaysammlung «Botenstoffe» gegen Enzensberger und Co. abgefeuert hat. … Kling ist Spurenleser, Zeichendeuter, Cross-Overianer, hat das Naheliegende mit dem «Fernhandel» kurzgeschlossen, fast «exzessiv» gedrängt von kulturarchäologischem Trieb und sprachlistiger Metaphernstürmerei. Bild- und Gemäldegedichte, auditiv einverleibbar, aus Zeit wird Schall und Raum, der Dichter zum «Ohr, mit dem das Hören erst erschrieben werden muss» («brennstabm»). /Alexander Marzahn , Basler Zeitung 24.10.01

Schule für Dichtung

„die sfd ist ein autonom verwaltetes institut, das sich inhaltlich und formal an der amerikanischen „jack kerouac-school of disembodied poetics“ orientiert. kein wunder, daß ober-beatnik allen ginsberg als einer der ersten dichtenden gastdozenten nach wien geladen wurde. die lehrkräfte werden über ein multinationales netzwerk rekrutiert, dem namhafte dichterfürsten wie ernst jandl, gerhard rühm oder gabriel garcia marquez angeschlossen sind. sechs unterrichtseinheiten à zwei stunden sind die basis der klassen; performances und symposien kommen begleitend hinzu.“
from rolling stone, dezember 1998
(Homepage der sfd )

Poesie gegen Gewalt: Adolf Muschgs Rede

Der kulturstiftende Spielwitz des Hafis: Mir ist in diesen Wochen kein vergleichbares Heilmittel gegen Gewalt vorgekommen. Ich habe seine Wirkung auch an den Umgangsformen gespürt, mit denen unsere Gastgeber der Gewalt in New York und Afghanistan begegnen: Sie haben von ihren Folgen mehr zu fürchten und lassen sich von dieser Furcht weniger beherrschen. Sätze wie: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Oder geiles und ahnungsloses Gerede über den „Clash of Civilizations“ kommen Leuten, die Hafis lesen können, wie er seinen Koran gelesen hat, nicht über die Lippen, auch nicht angesichts des Komplexes „Terrorismus“. … Gerade heute ist es zumutbar, in ein und derselben Person zugleich guter Amerikaner und guter Nichtamerikaner, Muslim und Nichtmuslim, Jude und Nichtjude zu sein. Fundamentalisten schaffen es nicht und sind stolz darauf. / Adolf Muschg, FR 31.10.01

Hafis-Orakel

Goethe stach sich mit der Nadel Botschaften zur Lebenshilfe aus dem „Divan“; jetzt erfahren wir, daß man im Iran bis heute das Hafis-Orakel befragt, vom religiösen Führer des Landes bis zum Müllmann. Und vor allen andern die Liebenden. Hafis genießt als Dichter der Liebe im nichtarabischen Persien kaum geringere Autorität als der heilige Koran, dem der Dichter seinen Ehrennamen „Hafez“ verdankt. Nur: Dieser „Bewahrer des Korans“ verfügte über 99 Lesarten von Allahs Wort, und über vier gleichermaßen bindende Kommentare dazu. Als verfügte keiner über ihn, und seine Poesie blieb vergleichsweise ungebunden. Dank ihres Zaubers darf das Wort auch in Volkes Munde immer wieder werden, was es bei Hafis von Haus aus war: fromm, frech und frei. / Adolf Muschg, FAZ 30.10.01

Auch er schrieb Gedichte

Am Flughafen in Mashad hatte der Taxifahrer seinen abgegriffenen Hafez am Sitz neben sich liegen, wollte zuerst wissen, wie alt ich sei und las mir dann, bevor er sich erkundigte, wohin er mich noch bringen könne, den Anfang der 37. Ghasele vor, übersetzte und legte ihn mir aus. Er setzte mich an einem der großen Hotels gegenüber des Komplexes, in dem der Heilige Schrein steht, eine golden aufglänzende Kuppel, zu der alle Straßen führen. Auch er schrieb Gedichte. / Raoul Schrott, SZ 27.10.01

Man muß die Dichter verbrennen

In einer ähnlichen Entwicklung und im gleichen kulturellen Klima Bagdads fanden in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts großartige poetische Umwälzungen statt, die praktisch das Gegenstück zu der poetischen Revolution waren, die im 19. Jahrhundert in Frankreich stattgefunden hat. Es gab damals Dichter, die einem Baudelaire entsprachen, einem Verlaine, einem Rimbaud, sogar einem Mallarmé , eben in dem Auftreten eines sich radikal widersetzenden Individuums und die in sehr starker Weise die sprachliche Überschreitung als Motor des Gedichts geltend machten. Eines der wichtigsten Beispiele wurde von einem persischen Dichter gegeben, der aber in Arabisch schrieb, Abu Nuwas (763 ca. 813). Er war der Dichter, der in höchst provokanter und heftiger Weise den Wein besang, der im Islam verboten ist, und in seinen Amouren die homosexuelle Liebe. Das führt zur vielleicht lebendigsten Dichtung, die man heute lesen kann, in einer so lebendigen Sprache, als sei sie gestern geschrieben worden. … Wenn man zum Buchstaben des Islam zurückkehren möchte, muß man die Sufis und Theosophen verbrennen, die gewagt haben, frei zu denken wie Ibn Arabi, sie auf den Index setzen oder verbieten. Man muß die Märchen aus Tausendundeiner Nacht verbrennen und so weiter. Man wird dazu übergehen, einen sehr berühmten Dichter auszulöschen, ich habe ihn schon erwähnt, den Freidenker von Bagdad aus dem 9. Jahrhundert, Abu Nuwas . Man muß also feststellen, daß das Aufkommen dieses Islam der reinen Lehre gegen den Islam selbst als Kultur und Gesellschaftsordnung gerichtet ist./ Abdelwahab Meddeb: DIE KRANKHEIT DES ISLAM, in: Lettre international  54/ Herbst 2001

Und die Lyrik der Gegenwart?

Für die Haltbarkeit und Lebensdauer von Robert Gernhardt-, Durs Grünbein-, Sarah Kirsch- oder Thomas Kling-Gedichten gibt es derzeit zwar günstige Prognosen. Eine vorauseilende Sitzplatzreservierung für Gegenwartsdichter im Lyrik-Kanon ist aber noch nicht möglich. / Michael Braun , Basler Zeitung 1.10.01

Celan Realist

Er sah, dass Celan kein hermetischer L’art-pour-l’art-Dichter war, sondern «Realist» auf seine Weise. – Marina Dmitrieva-Einhorn hat die kostbaren Briefe, die ihr Vater und Celan zwischen 1944 und 1967 tauschten, behutsam und kenntnisreich ediert. / Beatrice von Matt, NZZ 27. Oktober 2001

Our modern problems

I don’t say that our modern problems are properly faced as they should be; they are solved in a hugger-mugger, bad fashion; but to wait till you get absolute values which you’ll never ever achieve that is infantilism or quixotic incompetence, to say the least.

Das ist kein Kommentar zur Weltlage – jedenfalls nicht zur jüngsten. Das schreibt Vater Ginsberg an Sohn Ginsberg (Allen). Ihr Briefwechsel erschien unter dem Titel “Family Business“ bei Bloomsbury in New York. NYT  30.9.01

Popular Poetry?

The Associated Press report of Billy Collins’s appointment as poet laureate in June was a document of startling philistinism. Under the headline „Popular Poet Named U.S. Laureate,“ it began: „Billy Collins, a popular poet who makes money at the job, is becoming the 11th U.S. poet laureate….Collins can collect $2,000 for a single reading of his poetry and Random House has reportedly offered him a publishing contract of at least $100,000 for three books….His one-year post as laureate will net him a $35,000 salary, a Washington office at the Library of Congress and few duties except to give more readings.“ Nor does Collins’s new publisher hesitate to beat the drum. The dust jacket of Sailing Alone Around the Room announces that Collins’s „last three collections of poems have broken sales records for poetry.“ All of this man-bites-dog astonishment condescends to poetry, where such small sums count as fortunes. Yet the very existence of a „popular poet“ is reassuring for an art seemingly doomed to ivory-tower irrelevance.

Collins’s verse makes clear, however, that his ideal reader is by no means the man on the street.

Sailing Alone Around the Room: New and Selected Poems by Billy Collins (Random House, 172 pp., $21.95) / Adam Kirsch, The New Republic 10.29.01

Tadeusz Rózewicz 80

Geboren wurde Rozewicz am 9. Oktober 1921 im polnischen Radomsko. Der Bildungsweg (Gymnasium, erste Gedichte in kleinen Blättern) verläuft unauffällig bis zur Katastrophe der Okkupation. In der Zeit arbeitet Rozewicz in der Fabrik und wird 1943/44 Widerstandskämpfer der Untergrundarmee – 1944 gibt es ein konspiratives Gedichtmanuskript «Waldechos», 1946 einen satirischen Band mit Versen, «In einem Löffel Wasser», 1947 dann den Gedichtband «Unruhe».

«Die zahmen Gegenstände beginnen sich zu beunruhigen und wüst aufeinander zu häufen, Photographien und Bücher voll stiller Träume zischen und winden sich. Bilder und Früchte, Wände und Fenster zeigen Feuerzungen. Sie brechen plötzlich aus und brüllen.» In einem solchen Pfingstwunder des Unbelebten gingen die Worte der Menschen verloren.

*

„Für mich war Lyrik eine Aktion und kein Schreiben schöner Gedichte“, sagte Rozewicz einmal vor allem über seine frühen Werke. „Meine Sache waren nicht Gedichte, sondern Fakten.“ Seine Gedichte standen in starkem Widerspruch zur romantischen Tradition der polnischen Dichtung. Doch mit seiner „Poesie für Entsetzte, für Überlebende“ traf er den Nerv der Nachkriegsgeneration. / Wiener Zeitung 9.10.01

Léopold Sedar Senghor 95

War die Poesie von Senghor und seinen Freunden zu Anfang auch „rassebedingt“, so habe sie doch, meint Jean-Paul Sartre, das Potenzial gehabt, ein „Gesang für alle“ (auch für die Europäer) zu werden. Das „Neger-Sein“ (dem Jean-Paul Sartre in seiner berühmt gewordenen Einleitung „Schwarzer Orpheus“ zu Senghors „Anthologie“ die philosophische Weihe verliehen hatte), dieses „Neger-Sein“ beinhaltet auch schon im Verständnis von Senghor und seinen Mitstreitern all die Ambivalenzen und widerstreitenden Tendenzen zwischen Autonomie, Anpassung und Kooperation. (schreibt Hans-Jürgen Heinrichs zum heutigen 95. Geburtstag des senegalesischen Autors Léopold Sédar Senghor) / FR 9.10.01

Cohens Vorliebe für Reime

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Reime. Diese Form bringt nicht nur  ästhetische Vorteile mit sich. Eine meiner Lieblingszeilen auf meinem neuen  Album heißt: „I dont trust my inner feelings. Inner feelings come and go.“ Auf  diesen Satz bin ich allerdings nur deshalb gekommen, weil die Strophe davor „I  know that Im forgiven, but I dont know how I know“ lautete und ich etwas  brauchte, das sich auf „know“ reimt. Man ist durch die Zwänge des Reims  genötigt, sich intensiver mit den Worten und letztlich auch mit deren Qualität  auseinander zu setzen./ Leonard Cohen in einem taz -Interview, 13.10.01

Habermas Lyriker

Vielleicht ist der heurige Friedenspreisträger, der 1929 in Düsseldorf geborene Jürgen Habermas, doch im Grunde ein Lyriker? Auf eine Bitte der Zeit an Dichter, ihre Lieblingswörter zu nennen, antwortete Jürgen Habermas vor einem Jahrzehnt u. a. mit diesen Wörtern: „aber“; „sofern“; „dennoch“; „eingedenk“. / Richard Reichensperger, Der Standard 13.10.01

Erika Mitterer in Wien gestorben

„Ich kenne die Namen nicht mehr, /die Namen der neuen Autoren. / Die Minister verwechsle ich meistens. / Die Namen der Hausgenossen memorier ich / anhand der Türschilder / Wer war ich wirklich? Und was bin ich selber? // Ich habe zu lange gelebt!“: Aus diesem letzten Gedicht in einer erst heuer, mit Hilfe ihres Sohns Martin Petrowsky herausgegebenen dreibändigen Gesamtausgabe ihrer Lyrik spricht Ruhe, Ironie, Zuversicht.
Erika Mitterer war, das wußte sie ohne Bitternis zu ertragen, aus der Mode gekommen. / Die Presse 16.10.01

Ferner starben im Oktober 2001
  • Am 13. Willi Habermann, schwäbischer Mundart-Dichter (79)
  • Am 15. Anne Ridler, britische Lyrikerin (89)
  • Am 19. der russische Dichter und Publizist Aleksandr Aronow (67)
  • Am 25. der kamerunische Dichter René Philombe (geb.. 1930)
  • Am 26. Elizabeth Jennings, englische Lyrikerin (75)

Donald der Schotte

Eine schottische Zeitung entdeckte es zuerst. Aber ich gebe zu, als ich es las, hielt ich es für Parodie und mußte lange nach Anzeichen dafür suchen. Aber es gab keine, alles war blutiger Ernst. „Ein von Schottland inspiriertes Gedicht für Trumps Inauguration“ hieß die Überschrift. Eine amerikanische Poetenvereinigung habe ein Gedicht zu dem Anlaß vom heutigen Freitag (20.1.) geschrieben. Der preisgekrönte amerikanische Dichter Joseph Charles MacKenzie von der Society of Classical Poets habe es verfaßt und spiele darin auf Trumps schottische Wurzeln an. Dem Gedicht liege der Gedanke zugrunde, „an die klassische Tradition zu rühren, die es durch die gesamte amerikanische Geschichte hindurch gegeben habe“. Habe, spiele, sei – wie schon gesagt, es scheint kein Hoax. Das Gedicht beginnt mit der Strophe

Come out for the Domhnall, ye brave men and proud,
The scion of Torquil and best of MacLeod!
With purpose and strength he came down from his tower
To snatch from a tyrant his ill-gotten power.
Now the cry has gone up with a cheer from the crowd:
“Come out for the Domhnall, the best of MacLeod!”

Auf der Seite der klassischen Poeten erklärt der Autor:

  • Die Refrains am Ende jeder Strophe werden von den Zuschauern der Zeremonie gesprochen.
  • Domhnall, die schottische Form des Namens Donald, wird wie “TONE-all” ausgesprochen.
  • Torquil war der königliche Stammvater der MacLeods of Lewis, Torquil MacLeod, und der Geburtsort von Präsident [elect, hätte es da noch heißen müssen] Trumps Mutter

Man weiß nicht, was schlimmer ist, der politische Inhalt oder die poetische „klassische Form“. Ein paar Aussagen in schnöde Prosa übersetzt:

  • Wenn die Freiheit bedroht wird durch die Ketten der Sklaverei … suchen wir einen Führer von wahrem Mut und soliden Tugenden … Er wird uns nicht vergessen, uns Menschen der Menge, die den Domhnall wählten, den besten MacLeod!
  • Als verkrüppelnde Korruption unsere Nation besudelte und unsere Wirtschaft in Stagnation versank … bildete das Vergessene eine große Menschenmenge, zu verteidigen den Domhnall, den besten MacLeod!
  • Als wahrer Freund der Migranten von fern und von nah heißt er die Würdigen willkommen, doch schützt unsere grenze, damit nicht eine mörderische Horde, für die die Hölle die Norm ist, unser Leben bedroht und unsere Nation deformiert!
  • Der schwarze Mann, vergessen, in Armut sterbend, der arme Mann, der kranke Mann, mit weinenden Kindern, die Jungen ohne Arbeit oder hinter Gittern … sie alle bewillkommnen die Menge, die für den Domhnall kämpft, den besten MacLeod!
  • Während alte Vetteln den Frauen beibringen, auszusehen und sich aufzuführen wie wir Männer, kommt der Domhnall und verteidigt die schutzlosen Verlorenen…
  • Doch bei all seiner großen Weisheit … reichen seine Kinder, der hübsche Trumpclan, an ihn heran, und Melania die Schöne, Europens Blume mit ihrem langen wehenden Haar etc.

Manche Zeitungen hielten das für Trumps Inaugurationsgedicht. Der Dichter höchstselbst meinte, Trump solle der erste Republikaner sein, der ein Inaugurationsgedicht habe. Kein dröge akademisches wie bei Clinton und Obama, sondern ein kraftvoll heiteres, klassisches: seins. Aber die Nachricht erreichte den Domhnall nicht mehr. Oder das Gedicht traf nicht seinen Geschmack. Oder Gedichte überhaupt sind nicht sein Fall. Oder seine Berater rieten ab. Oder oder.

Mehr davon bei http://www.scotsman.com

Oder bei dem klassischen Poetenverein selbst, wo man das Gedicht, vorgetragen „von einer wunderbaren schottischen Stimme“, anhören kann. (Ich gebe zu, für meine Ketzerohren hört sich auch der Vortrag nach Parodie an. Aber es ist ernst gemeint, das scheint sicher.)

Kalendarium 2-2017

13.1.
  • 1599 † Edmund Spenser, englischer Dichter, Namensgeber der Spenserstrophe
  • 1749 * Maler Müller (Friedrich Müller), deutscher Maler, Kupferstecher und Dichter der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Geheiligt sey, o Bach! den sanften süßen Schmerzen, / Den Schmerzen, wie mein Herz sie fühlt. / Dein sanftes Murmeln weck die Zärtlichkeit dem Herzen, / Dem Herzen, das die Liebe fühlt! Mehr
  • 1782: Am Nationaltheater Mannheim wird Friedrich Schillers Drama Die Räuber uraufgeführt (vor 225 Jahren). Vorsichtshalber hatte der Regisseur das Stück 300 Jahre vorverlegt, aber da der Hauptdarsteller August Wilhelm Iffland in zeitgenössischer Kleidung auftrat, kam es zu einem Skandal wegen der unverblümten Kritik an der Feudalherrschaft. „Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.“
  • 1897 * Gerty Spies, deutsche Schriftstellerin
  • 1898 * Kaj Munk, dänischer Pastor, Poet, Gegner Hitlers und Märtyrer, wurde auf Befehl Himmlers erschossen.
  • 1907 * Stanisław Wygodzki, polnisch-jüdischer Schriftsteller und Übersetzer, überlebte Auschwitz und andere Lager. 1968 wegen der antisemitischen Politik der polnischen Führung nach Israel ausgewandert.
  • Am 13. 1941 † James Joyce, irischer Schriftsteller (Lyrikzeitung | Textkette)

14.1.

  • 1622 * Jean-Baptiste Molière, französischer Dramatiker und Theaterdirektor (395. Geburtstag)
  • 1700 * Christian Friedrich Henrici, deutscher Schriftsteller, Lyriker und Librettist, Textdichter Johann Sebastian Bachs
  • 1870 * Ida Dehmel, deutsche Lyrikerin und Frauenrechtlerin (Textkette)
  • 1898 † Lewis Carroll, britischer Schriftsteller (Alice im Wunderland), Mathematiker und Fotograf (Lyrikzeitung)
  • 1908 † Holger Drachmann, dänischer Maler und Dichter
  • 1912 * Rudolf Hagelstange, deutscher Schriftsteller
  • 1944: † Hans Schiebelhuth, deutscher Schriftsteller und Dichter des Expressionismus, Übersetzer aus dem Chinesischen (Lyrikzeitung)
  • 1971 † Heinrich Anacker, schweizerisch-deutscher Schriftsteller, glühender Hitler-Verehrer
  • 1977 † Anaïs Nin, US-amerikanische Schriftstellerin
15.1.
  • 1711 * Sidonia Hedwig Zäunemann, deutsche Dichterin (Lyrikzeitung)
  • 1791 * Franz Grillparzer, österreichischer Schriftsteller
  • 1795 * Alexander Sergejewitsch Gribojedow, russischer Diplomat und Dichter
  • 1850 * Mihai Eminescu, rumänischer Dichter (Lyrikzeitung)
  • 1869 * Stanisław Wyspiański, polnischer Dramatiker, Poet, Maler und Architekt
  • 1889 * Walter Serner, aus Böhmen stammender Schriftsteller, Dadaist. 1913 mit einer plagiierten Arbeit in Greifswald zum Dr. jur. promoviert. Mit dem – wiewohl juristischen – Doktortitel gelang es ihm 1914, dem Dichter Franz Jung die Flucht vor dem Kriegsdienst zu ermöglichen. Manifest „Letzte Lockerung“ löste 1919 in Zürich einen Skandal aus. „Dichtung ist und bleibt ein, wenn auch höherer, Schwindel. Ich lege Wert darauf, das zum ersten Mal ausgesprochen zu haben. Menschen gestalten, heißt: sie fälschen.“ (Lyrikzeitung)
  • 1891 * Ossip Emiljewitsch Mandelstam, russischer Dichter
  • 1895 * Geo Milew, bulgarischer Literaturkritiker und Dichter
  • 1919 Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. „Der Mann ward zum Sieb, die Frau / mußte schwimmen, die Sau, / für sich, für keinen, für jeden – / Der Landwehrkanal wird nicht rauschen. / Nichts / stockt.“ (Paul Celan)
  • 1922 * Franz Fühmann, deutscher Schriftsteller (22 Tage oder Die Hälfte des Lebens) (Lyrikzeitung)
  • 1939: * Hartmut Geerken, deutscher Musiker, Schriftsteller und Komponist, Publizist, Hörspielautor und Filmemacher (Lyrikzeitung)
  • 1941 * Captain Beefheart, US-amerikanischer Rock- und Bluesmusiker
  • 1955 † Johannes Baader, deutscher Architekt, Schriftsteller, Dadaist und Aktionskünstler, Oberdada
  • 2009 † Maurice Chappaz, Schweizer Schriftsteller
16.1.
  • 1747 † Barthold Heinrich Brockes, deutscher Schriftsteller und Dichter. „Irdisches Vergnügen in Gott“. „der erste wirkliche Realist und Kirchenvater deutscher Naturbeschreibung“ (Arno Schmidt) (Lyrikzeitung)
  • 1874 * Robert W. Service, kanadischer Dichter und Novelist
  • 1888 * Ossip Maximowitsch Brik, russisch-sowjetischer Avantgarde-Schriftsteller, Freund Majakowskis
  • 1912 Georg Heym, deutscher Schriftsteller, Lyriker des frühen literarischen Expressionismus, beim Eislaufen in der Havel ertrunken (Lyrikzeitung | Textkette)
  • 1935 * Inger Christensen, dänische Dichterin (Lyrikzeitung)
  • 1969: Der Student Jan Palach verbrennt sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei auf dem Prager Wenzelsplatz selbst.
17.1.
  • 1584 * Diederich von dem Werder, deutscher Übersetzer, Epiker und Lyriker
  • 1820 * Anne Brontë, britische Schriftstellerin
  • 1830 † Wilhelm Waiblinger, deutscher Dichter und Schriftsteller
  • 1914 William Stafford, amerikanischer Dichter und Pazifist, in Hutchinson, Kansas, geboren
  • 1936 * Klaus M. Rarisch, deutscher Lyriker
  • 1946 * Frank Geerk, Schriftsteller, Dichter
  • 1962 † Gerrit Achterberg, niederländischer Dichter
  • 1964 * Raoul Schrott, österreichischer Schriftsteller (Lyrikzeitung)
  • 1965 † Hans Marchwitza, deutscher Arbeiterdichter, Schriftsteller und Kommunist
  • 1989 † Georges Schehadé, libanesischer Dichter und Dramatiker
  • 2001 † Gregory Corso, US-amerikanischer Dichter (Lyrikzeitung)
  • 2002 † Camilo José Cela, spanischer Schriftsteller und Nobelpreisträger
  • 2004 † Czesław Niemen, polnischer Rocksänger
  • 2010 † Kurt Bartsch, deutscher Lyriker, Dramatiker und Prosaautor (Lyrikzeitung)
18.1.
  • 1547 † Pietro Bembo, italienischer Humanist, Kardinal und Gelehrter, Theoretiker der italienischen Literatursprache
  • 1867 * Rubén Darío, nicaraguanischer Schriftsteller und Diplomat
  • 1914 * Arno Schmidt, deutscher Schriftsteller und Übersetzer
  • 1936 † Rudyard Kipling, britischer Schriftsteller und Journalist, Nobelpreisträger (Lyrikzeitung)

19.1.

  • Welttag des Migranten und Flüchtlings
  • 1576 † Hans Sachs, deutscher Schuhmacher, Sänger und Dichter
  • 1729 † William Congreve, britischer Dramatiker und Dichter
  • 1809 * Edgar Allan Poe, US-amerikanischer Schriftsteller. „Philosophy of Composition“. „The Raven“. Heimlicher Namensgeber der Lyrikzeitung. Quoth the raven: nevermore. (Lyrikzeitung)
  • 1829: Eine stark veränderte und gekürzte Fassung von Johann Wolfgang von Goethes Drama Faust. Eine Tragödie. wird am Hof-Theater in Braunschweig von Ernst August Klingemann uraufgeführt.
  • 1873* Dr. Owlglass, deutscher Arzt, Schriftsteller und Lyriker
  • 1874 † August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, deutscher Germanist und Dichter (Deutsche Nationalhymne)
  • 1877 * Fráňa Šrámek, tschechischer Dichter, Schriftsteller und Dramatiker
  • 1919 * Joan Brossa, spanisch-katalanischer Dichter, Schriftsteller, Dramatiker, Graphik- und Plastikkünstler
  • 1923 * Eugénio de Andrade, portugiesischer Lyriker
  • 1925 * Werner Riegel, deutscher Lyriker und Essayist (Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“)
20.1.
  • Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alle so dicht, und dann dampfte der Nebel auf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.
  • Inauguration Day. Donald Trump als Präsident vereidigt
  • 1586: * Johann Hermann Schein, deutscher Musiker und Komponist
  • 1813 † Christoph Martin Wieland, deutscher Dichter, Übersetzer
  • 1850 † Adam Oehlenschläger, dänischer Nationaldichter der Romantik 
  • 1859 † Bettina von Arnim, deutsche Schriftstellerin der Romantik 
  • 1902 * Nazım Hikmet, türkischer Schriftsteller (Lyrikzeitung)
  • 1925 * Eugen Gomringer, Schweizerischer Schriftsteller, geboren in Bolivien, Vater der Konkreten Poesie (lyrikzeitung)
  • 1925 * Ernesto Cardenal, nicaraguanischer Theologe und Politiker
  • 1930 * Edeltraud Eckert, deutsche Schriftstellerin, starb 1955 an den Folgen eines Arbeitsunfalls im Gefängnis Hoheneck. Ihre Gedichte wurden erst 2005 veröffentlicht. (lyrikzeitung)
  • 1930 * Egon Bondy, tschechischer Dichter und Philosoph
  • 1950 * Edward Hirsch, amerikanischer Dichter, geboren in Chicago, Illinois
  • 1963 * Guy Helminger, Luxemburger Schriftsteller (Lyrikzeitung)

L&Poe Rückblende – September 2001

Wie ist doch die Zeitung aktuell

Am 1. September 2001 druckt die taz Notizen von Klaus Siblewski zu Telefongesprächen mit Ernst Jandl.  Am 4. 10. 1998 ein immer aktueller Vorschlag:

Ob ich ihm mein Ohr leihen könnte, ein Ohr und vielleicht noch ein Stück meines Verstandes und die Hälfte von meinem Herzen dazu: Er schlage vor, mir vor, sämtliche österreichischen Tageszeitungen müssten für einen Abdruck seines Gedichts „16 jahr“ gewonnen werden, wider die Hetzerei gegen Ausländer. Das sei sein Beitrag zu den bevorstehenden Wahlen. Was ich davon hielte?

Klaus Siblewski: „Telefongespräche mit Ernst Jandl“, Luchterhand Verlag, München 2001, 190 Seiten, 18,50 Mark 

Da war 9/11 noch 10 Tage hin. Drei Wochen später schreibt Frank Schirrmacher in der FAZ, und es klingt wie eine Drohung:

Bushs Auftritt (gemeint ist die Rede vor dem Kongreß) wird die westliche Kultur verändern. / FAZ 22.9.01

Hoffentlich müssen wir nicht nächste Woche solch einen Satz über Trump lesen.

Thomas Kling lebt

und ruft begeistert in Hombroich über die Sprache Anne Dudens aus:

Was für ein schönes Deutsch!

/ Jörg Zimmer, Neuß-Grevenbroicher Zeitung 11.9.01

Roman Bucheli über Kling

Kling ist zwar in der Bundesrepublik aufgewachsen, das Epizentrum seines lyrischen Schaffens liegt indessen anderswo. Konrad Bayers oder H. C. Artmanns Wien lockte ihn stärker als Berlin oder die deutsche Provinz; der Üppigkeit des Barock konnte er mehr abgewinnen als dem Innerlichkeitstaumel der Gruppe 47; das Spröde der Dadaisten war ihm lieber als der Bilderrausch der Expressionisten. Früh schon machte er sich – mit Lust – am Material zu schaffen: Er zersetzte, was im Mundraum morsch geworden war, und fügte anderseits zusammen, was ihm an Sprachbruchstücken von allen Seiten her zufiel. Benns Forderung nach dem Kalthalten des Materials machte er sich zu eigen; zugleich erprobte er, in der Tradition eines Hugo Ball oder Ernst Jandl, die Rückführung des Gedichts in gesprochene Sprache.

Die Technik des harten Schnitts hatte Kling einst bei Friederike Mayröcker gelernt; in seiner Lyrik hatte er sie mit beeindruckender Virtuosität ausgeübt; und nun arrangiert er das Material der Literaturgeschichte nach dem gleichen Prinzip.

(…) Thomas Kling hat einen Hang zum Holzschnittartigen. Das kommt seiner Polemik zugute: Rilke gilt ihm als «Nervenfaun» und Enzensberger als «Intelligenzler im Ruhestandsalter»; er belächelt Hofmannsthals «dünn-aristokratisches Schwammerlsüppchen» und Ingeborg Bachmanns «artifizielle Schneewittchenhaftigkeit»; die Lyrik der fünfziger Jahre hält er für «ein angestrengtes Waten in Vierfruchtmarmelade», während er andernorts das «insgesamt Verdruckste der deutschsprachigen Nachkriegslyrik» herausstellt. So räumt Kling mit einem Federstrich ab. / Roman Bucheli, NZZ 6.9.01

Thomas Kling: Botenstoffe. DuMont-Verlag, Köln 2001. 250 S., Fr. 36.-./

Michael Braun interviewt Kling

Frage: Ein beliebtes Gesellschaftsspiel unter deutschen Dichtern ist derzeit das „Avantgarde-Bashing“. Von Hans Magnus Enzensberger bis Dirk von Petersdorff ertönen die Hasstiraden auf die Helden der „ästhetischen Moderne“. Sie treten dagegen offensiv als Verteidiger der Avantgarde auf. Sind denn die von ihnen gepriesenen Dada- und Surrealismen nicht schon längst tote Materie der Literaturgeschichte?

Antwort: Abgesehen davon, dass der Surrealismus bei deutschen Autoren nie reüssieren konnte – uns fehlt da offenbar ein Organ – ist der Dadaismus, allein was die Bühnenwirksamkeit von dichterischer Sprache anbelangt, von enormer Wirksamkeit. Man denke an die Poetry-Slams heute, die ohne das, was ich als ,Frühe Performance‘ bezeichne, gar nicht denkbar wären. Immer, wenn der Mainstream zu stark wird, kommen so Leute wie die Dadaisten und pusten mal kurz durch. Enorm erfrischend für die Sprache. Die Harmlosen sind ja auch in der Poesie immer wieder stark gewesen, wie zur Zeit eben auch. Nur: Muss ich mir das bieten lassen? Keineswegs. Einer muss den Müll runterbringen. / Rheinpfalz 1.9.01

Horaz ist tot

Was [im Lateinunterricht] gut geht, sind die Lyrik Catulls und die Epigramme Martials, die Germania des Tacitus und die Liebeskunst des Ovid , Petrons Gastmahl des Trimalchio und selbst die Satiren des langatmigen Frauenhassers Juvenal, wenn man die Stücke einigermaßen geschickt aussucht. Alle diese Autoren und Bücher haben zwei Dinge gemeinsam: Sie bescheren, ohne Vorlauf, schon nach relativ kurzen Lesestrecken das befriedigende Gefühl, sich etwas Neues, Ganzes angeeignet zu haben; und sie besitzen ein starkes stoffliches Interesse. Es bleibt nach der Übersetzung, so wackelig sie sein mag, eine lohnende Sache in der Hand, ein selbst geschürftes Nugget. Denn Lesen heißt hier unbedingt: übersetzen.

Ich habe es nahezu unmöglich gefunden, in einem solchen Kurs die Oden des Horaz zu lesen, die immer als sein Hauptwerk gegolten haben. Auch sie besitzen zwar die erforderliche Kürze; aber es bleibt, abgelöst von ihrer Ursprungssprache, nichts von ihnen übrig. Noch der nicht minder formbewusste Catull belohnt es einem, wenn man nur einigermaßen kapiert, was los ist. Horaz nicht; er ist nur im Lateinischen vorhanden.

(Und das, obwohl Nietzsche, der auch tot ist, gesagt hat: Was Horaz im Lateinischen geleistet habe, das könne man im Deutschen nicht einmal wollen.) / Burkhard Müller, Berliner Zeitung 1.9.01

Pound ist tot

Immerhin bin ich aber auch noch mit dem alten Ezra Pound zu Tisch gesessen und habe ihm in die Jahrhundertaugen geblickt. Wo gibt es solche Augen in Dichterköpfen noch heute? In den Spoletiner Gassen blieben wie angewurzelt die Frauen stehen, hoben ihre Kinder in die Höhe und zeigten ihnen voller Andacht den spazierenden Pound: „Ecco poeta“. / Klaus Geitel, Die Welt 1.9.01

Liebesgedichte eines Türken aus Bamberg

Nevfel Cumart, dunkle Haare, dunkle, leuchtende Augen. Gelernter Zimmermann, studierter Islamwissenschaftler, Schriftsteller von Beruf, Herkunft türkisch. Ein Wanderer zwischen zwei Kulturen. Einer, der seine Erlebnisse und Empfindungen in Poesie umwandelt, der seit vielen Jahren Lyrik auf Deutsch schreibt. Ein Dutzend Gedichtbände hat der 37-Jährige, der in Deutschland geboren ist, bislang veröffentlicht. Lyrisches über Heimat, Vergangenheit, Zukunft, aber auch über die Liebe. …

Der Kulturspagat sei schwierig, aber inzwischen sei es für ihn müßig, sich zu fragen, was er sei, antwortet Cumart. „Ich bin ein Mensch, der von beiden Kulturen beeinflusst ist.“ Wichtig sei nicht, Türke oder Deutscher, sondern menschlich und höflich zu sein.  / Frankfurter Rundschau 28.09.2001

Die in Griechenland geborene Düsseldorferin Anna Tastsoglou

dichtet auf Deutsch:

Ausgewandert
aus meiner Sprache
aus meinem Ich
aus meiner Heimat
sprachlos
ichlos
heimatlos
unleserlich

Genauso wenig sprachlos, wie knapp 50 weitere Autorinnen und Autoren, die es unter den 400 000 in Deutschland lebenden Griechen gibt. 26 von ihnen, die mit ihrer Prosa und Lyrik, oft in beiden Sprachen, oft im Selbstverlag, manchmal in renommierten deutschen und griechischen Verlagen, den Balanceakt zwischen zwei Kulturen meistern, hat die Fotografin Papoulias in sensiblen Schwarz-Weiß-Porträts eingefangen.
Die Fotodokumentation „Ich schreibe. Griechische Autorinnen und Autoren in Deutschland.“, mit deutschen und griechischen Texten, ist bis zum 11. November im ersten Stock des Historischen Museums, Saalgasse 19, zu sehen. /Monika Cieslik,  FR 29.9.01

wahnsinniges gedicht

Ich schließe meinen Reflex auf Jandls Letzte Gedichte mit einem Hinweis auf „wahnsinniges gedicht“, das in seiner Art noch einmal über alles Gedruckte hinausweist, indem es den Horizont für das Nicht-Gesagte – für immer im Kopf des Dichters Verschlossene – und mit ihm zu Grabe Getragene öffnet. „weder durch flüstern, sprechen, schreien / heulen, tränen spritzen / noch spucken, schlucken, husten, kotzen / die nase schneuzen, in der nase bohren / ohrenausblasen, ohrenschmalz entfernen“ sei es bislang aus seinem Kopf herausgekommen und je in die Form von Schrift gelangt: „es fraß ihm das gehirn auf; / wahnsinn dankt“.

Ernst Jandl : Letzte Gedichte. Hrsg. von Klaus Siblewski. Luchterhand Verlag, München 2001, 18,50 DM. / Kurt Riha FR 18.9.01

Komplexer Text

Der algerische Schriftsteller Rachid Boudjedra sprach in St. Gallen

Wenn Poesie heute lästig ist, obwohl sie sich doch immer rarer macht, so liegt das nach Ermessen von Rachid Boudjedra daran, dass sie durch ein dickes störendes Rauschen aus Daten des Realen hindurch die Welt bis ins Mark trifft. Dieses Rauschen erlaube es widersinnigerweise, sich im Realen einzunisten, nicht um die Realität, sondern das Bewusstsein wiederherzustellen. «Wir haben jetzt also einen komplexen Text (das Gedicht), der die Welt, anstatt sie künstlich zu vereinfachen, in ihrer Kompliziertheit und ihrer Mehrdeutigkeit wiedergibt.» / Tagblatt 25.9.01

Edna St. Vincent Millay’s poetry

is vital, visceral, immediate and delightfully lyrical. Yes, she lived in Greenwich Village in the 20’s and in Paris in the 30’s; yes, she was a self-described nymphomaniac, a colossal celebrity, the recipient of dozens of honors. But the best of her liveliness and her passion she poured into her poetry, which is still the truest record of the lovely light shed by a candle burning at both ends.
/ The New York Observer 27.8.

Controversial poem: „Kill him!“

A Jordanian poet, Musa Hawamdeh, says the authorities  in Amman have seized copies of a book containing a  controversial poem by him.

Mr Hawamdeh told the BBC that the authorities  confiscated the books after Jordanian Islamists  described him as an apostate and called for the death  penalty if he doesn’t repent.

Islamists say the poem, entitled ‚Joseph‘, contradicts  the story of Joseph as it is told in the Quran, but Mr  Hawamdeh says the poem is purely metaphorical. The  controversy follows the trial in Lebanon this year of the  songwriter Marcel Khalife for using words from the Quran  in his songs. / From the newsroom of the BBC World Service 24.3.00

Catwalks and Nazis

Tadeusz Rozewicz, Poland’s leading poet, fashions gold from unlikely amalgams in his new anthology Recycling. James Hopkin applauds his warm irony and self-effacing voice

…Indeed, Rozewicz employs language stanzas (in German, English, Latin) as much for their authenticity as for their musicality. Myriad linguistic registers jostle for contention, too, from the gutter press to Goethe. Though harmonised by his warmly ironic, self-effacing voice, these disparate elements ’speak in accents of tin and rust/ they buzz and hiss‘ as an earlier poem, ‚Warmth‘, promises. / The Observer Sunday September 2, 2001

Kein poetisches Volk

„In der Schweiz wird gegenwärtig wenig für Lyrik getan. Was in anderen Ländern und Sprachregionen einen hohen Stellenwert hat, tut man hierzulande schnell ab mit dem Hinweis, wir seien kein „poetisches Volk“. Diese Qualifikation ist ungefähr so hochstehend, wie wenn es heissen würde, wir seien kein technisch begabtes Volk und demnach fürs Autofahren so ungeeignet, daß man das gar nicht braucht. Kurz, wir möchten etwas aufbauen, das einen lebendige, innovative Tradition geben könnte, wenn der Start gelingt. Zu den Voraussetzungen gehört, daß es in der Schweiz, in diesem Fall insbesondere der Ostschweiz, nicht schadet, mit der Zeit als eine Art geistiger Kernpunkt für moderne Lyrik/Literatur zu gelten“ (Beat Brechbühl, Schriftsteller, Verleger und Mitorganisator der Frauenfelder Lyriktage)

Gedicht mit Zweck

Die Verächterin „zweckfreier“ Lyrik (also die taz)

so begann ich im September 2001 eine Nachricht,

druckt heute ein Gedicht mit einem Zweck (der obendrüber steht). Autor ist Klaus Theweleit. Hier der Schluß:

Wer all das „realisiert“ haben möchte
In Eisen, Stein, Beton, Farbe, Blech
In Kommissionsvoten & Regierungsbeschlüssen
Soll auch verewigt werden
In Tafeln auf dem Platz
In einer Liste Neuerer Täter
Unschuldiger Täter
Die nichts taten
Als an das Gedenken zu denken
Das sie den ermordeten Juden zu geben bereit waren
In einem Mahn- und Denkmal großen Stils.
Damit dieser leidigen Angelegenheit
Nun endlich Genüge getan wäre
Nach Zwangsarbeiter-„Entschädigungs“-Modell –
„Und keine weiteren Ansprüche, bitte,
Aus Amerika oder sonst woher“
Sonst lassen wir das Ding
Noch platzen.
*****
Im Wort Israel
Steckt eine Antwort
die das Wort sich selber gibt:
Israel is real
Unsere Realität dagegen
Liegt im Unverwirklichten
Liegt im Bleibenlassen
Dessen was Bleiben will
Und sehen, ob es hier leben kann
Unbe(ob)achtet.

Zungenreden und amerikanische Kultur

„Glossolalia itself, Wacker concedes, is not a language, for it lacks tenses, grammar, and syntax. But neither is glossolalia nonsense. We are best off understanding the phenomenon of speaking in tongues partly as an involuntary physiological process that takes control of believers, but also partly as a process that believers consciously know how to enter and to leave. And speaking in foreign tongues–well, that, he suggests, may have happened because „ideology dictated behavior.“ If you were convinced that the Lord was about to make his appearance in the world, you could speed up the process of saving souls in foreign lands by convincing yourself that you spoke the languages that they used. / Alan Wolfe, The New Republic 27.8.01

Heaven Below: Early Pentecostals and American Culture
by Grant Wacker
(Harvard University Press, 364 pp., $35)

Neuer Anfang mit Hölderlin

Mit dem Erscheinen der Bände 7 und 8 legt die Frankfurter Ausgabe nun – kurz vor Schluss – endlich vor, was nicht nur der Auffassung des Herausgebers nach, als ihr Herzstück gelten muss und einem frühen Plan nach ihr erster und einziger Gegenstand hätte sein sollen: nämlich die Edition des lyrischen Spätwerks von Hölderlin, insbesondere des als Homburger Folioheft bezeichneten umfangreichen Manuskripts. Unter dem lapidaren, das leicht missdeutete Beiwort „vaterländisch“ bewusst auslassenden, Titel Gesänge findet man nun jene viel interpretierten Texte, auf die sich der Ruhm Hölderlins seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet hat: zum Beispiel die Gedichte „Der Rhein“, „Germanien“, „Patmos“, „Der Einzige“, „Friedensfeier“, „Andenken“, „Mnemosyne“.

Man findet diese Texte einmal in ihren handschriftlichen Zusammenhängen, wie sie im Faksimile erscheinen (Band 7) und dann in einer chronologischen Edition (Band 8), die die Gesamtheit dessen, was Sattler als das Integral des von Hölderlin intendierten Gesangs versteht – das heißt auch all das, was in der Stuttgarter Ausgabe in der Rubrik „Pläne und Bruchstücke“ untergebracht oder in den Varianten behandelt wurde – in 288 Segmente gliedert und gleichberechtigt in einen vermuteten Entstehungszusammenhang stellt.  / FR 1.9.01

Originalton Verlagsanzeige: „Das Resultat unterscheidet sich so grundlegend von den bisherigen Ausgaben, dass ein neuer Anfang mit Hölderlin zu hoffen (…) ist.“
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von D.E. Sattler. Band 7 / 8: Gesänge I / II. Verlag Stroemfeld / Roter Stern, Frankfurt am Main 2001, zusammen 1024 Seiten, je Band 224 DM.

Attributed to Rumi („That, after all, is the point of translation: to understand the foreign“)

Rumi has helped the spiritual journeys of celebrities like Madonna, Tilda Swinton…, some of whom incorporated his work into theirs. Aphorisms attributed to Rumi circulate daily on social media, offering motivation. “If you are irritated by every rub, how will you ever get polished,” one of them goes. Or, “Every moment I shape my destiny with a chisel. I am a carpenter of my own soul.” Barks’s translations, in particular, are shared widely on the Internet; they are also the ones that line American bookstore shelves and are recited at weddings. Rumi is often described as the best-selling poet in the United States. He is typically referred to as a mystic, a saint, a Sufi, an enlightened man. Curiously, however, although he was a lifelong scholar of the Koran and Islam, he is less frequently described as a Muslim.

(…) “The Rumi that people love is very beautiful in English, and the price you pay is to cut the culture and religion,” Jawid Mojaddedi, a scholar of early Sufism at Rutgers, told me recently.

(…) In the twentieth century, a succession of prominent translators—among them R. A. Nicholson, A. J. Arberry, and Annemarie Schimmel—strengthened Rumi’s presence in the English-language canon. But it’s Barks who vastly expanded Rumi’s readership. He is not a translator so much as an interpreter: he does not read or write Persian. Instead, he transforms nineteenth-century translations into American verse.

(…) Jawid Mojaddedi is now in the midst of a years-long project to translate all six books of the “Masnavi.” Three of them have been published; the fourth is due out this spring. His translations acknowledge the Islamic and Koranic texts in the original by using italics to denote whenever Rumi switches to Arabic. His books are also riddled with footnotes. Reading them requires some effort, and perhaps a desire to see beyond one’s preconceptions. That, after all, is the point of translation: to understand the foreign. As Keshavarz put it, translation is a reminder that “everything has a form, everything has culture and history. A Muslim can be like that, too.”/ Rozina Ali, The New Yorker

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Gestorben 16/17

In manchen Weltgegenden treten gehäuft gewaltsame Tode auf, „treten auf“. In der Silvesternacht wurden in Istanbul viele Menschen Opfer politischer und religiöser Wahnideen. Eine Zusammenstellung aus Wikipedia-Listen. Am 31. wurde der bangladeschische Politiker Manjurul Islam Liton, 48, erschossen, am 29. der nigerianische Fußballspieler Uzama Douglas, 18, am 28. starb M. D. Harmon, 71, amerikanischer Journalist (Portland Press Herald), an den Folgen eines zufälligen Schusses. Am 26. wurde Kyriakos Amiridis, 59, griechischer Botschafter in Brasilien, ermordet. Am 25., ein Flugzeugabsturz ist gewiß auch gewaltsam, starben zahlreiche russische Militärs, Künstler, Journalisten beim Absturz einer Militärmaschine, die sich auf dem Flug nach Syrien befand. Am 24. wurde der amerikanische Baseballspieler John Barfield, 52, erschossen, am 23. der mexikanische Politiker Jesús Dámaso Baños Tapia (52) ermordet, am 20. der amerikanische Footballspieler Robert Eddins, 28. Und das sind nur die, die Wikipedia beobachtet.

Gestorben im Dezember

  • Am 22. Tadeusz Chabrowski – polnischer Dichter
  • Am 25. George Michael, 53, britischer singer/songwriter („Wake Me Up Before You Go-Go“, „Careless Whisper“, „Last Christmas“)
  • Ebenfalls am 25. der französische Dichter Madani Berrabah (83)
  • Am 26. Michele Amas, 55, neuseeländische Dichterin und Schauspielerin (stuff.co.nz)
  • Ebenfalls am 26. der nepalesische Dichter und Politiker Buddha Sayami, 72
  • Am 28. Anthony Cronin, 88, irischer Dichter und Schriftsteller (Irish Times)
  • und Knut Kiesewetter, 75, Jazzmusiker und Liedermacher (FAZ)
  • Am 31. der amerikanische Dichter David Meltzer, 79 (David Meltzer, Beat Generation poet and musician, dies at 79 San Francisco Chronicle)

Im Januar starben außer John Berger auch

  • Am 3. der portugiesische Autor und Übersetzer Augusto Cassiano Neves Mascarenhas de Andrade Barreto
  • Ebenfalls am 3. der amerikanische Dichter Mark Schorr

Kalendarium 01-2017

  • 6.1. 1878 (vor 139 Jahren): Carl Sandburg geboren – amerikanischer Dichter
  • 6.1. 1488: Helius Eobanus Hessus geboren, deutscher Humanist, Anhänger Luthers, neulateinischer Dichter
  • 6.1. 1848: Christo Botew geboren, bulgarischer Dichter und Freiheitskämpfer
  • 6.1. 1852: Louis Braille gestorben, Erfinder der Blindenschrift (Brailleschrift)
  • 6.1. 1883: Khalil Gibran geboren, libanesischer Künstler und Dichter
  • 7.1. 1610 (v. 407 Jahren): Der italienische Physiker und Astronom Galileo Galilei (1564-1642) entdeckt – mit seinem nachgebauten holländischen Fernrohr  – die vier hellsten Jupitermonde Io, Europa, Ganymed und Kallisto.
  • 7.1. 1873: Charles Péguy geboren, französischer Schriftsteller
  • 7.1. 1936: Reza Schah verbietet per Dekret das Tragen des Tschadors im Iran. Der 7. Januar wird in der Pahlavi-Dynastie als „Tag zur Befreiung der Frau“ gefeiert. War ja nicht alles schlecht früher.
  • 7.1. 1959: Friedrich Ani geboren, deutscher Schriftsteller
  • 8.1. 1601: Baltasar Gracián geboren, spanischer Jesuit, Prediger und Schriftsteller („Hand-Orakel“)
  • 8.1. 1811: Friedrich Nicolai gestorben, deutscher Schriftsteller, Aufklärer
  • 8.1. 1863 (v. 154 Jahren): Paul Scheerbart geboren – deutscher Schriftsteller („Murx den Europäer“)
  • 8.1. 1896: Paul Verlaine gestorben, französischer Lyriker des Symbolismus
  • 8.1. 1919: Peter Altenberg gestorben, österreichischer Schriftsteller
  • 8.1. 1934: Andrei Belyi gestorben, russischer Dichter und Theoretiker des Symbolismus (Mehr)
  • 8.1. 1938: Wassyl Stus geboren, ukrainischer Dichter und Publizist
  • 9.1. 1792: Der Frieden von Jassy beendet den Russisch-Österreichischen Türkenkrieg. Russland gibt dem Osmanischen Reich alle Eroberungen mit Ausnahme des Gebietes östlich vom Dnjestr zurück. Es behält damit die nördliche Küste des Schwarzen Meeres (jenes 2014 berühmt-berüchtigte „Neurußland“)
  • 9.1. 1873: Chaim Nachman Bialik geboren, ukrainisch-israelischer Dichter, Autor und Journalist
  • 9.1. 1876: Hans Bethge geboren, deutscher Dichter und Herausgeber
  • 9.1. 1890 (v. 127 Jahren): Kurt Tucholsky geboren – deutsch. Schriftsteller, Pazifist, Satiriker, Essayist, Kabarett-Texter („Soldaten sind Mörder“)
  • 1908: Wilhelm Busch gestorben, deutscher Dichter und Zeichner
  • 9.1. 1908: Abraham Goldfaden gestorben, ukrainischer Komponist, jiddischer Volksdichter und Begründer des modernen jiddischen Theaters
  • 9.1. 1929 (vor 88 Jahren): Heiner Müller geboren – deutscher Dramatiker und Regisseur
  • 9.1. 1941 (vor 76 Jahren): Joan Baez geboren – amerikanische Folksängerin
  • 9.1. 1950: Rio Reiser geboren, deutscher Musiker und Liedermacher
  • 9.1. 1964: Halide Edip Adıvar gestorben, türkische Dichterin, Revolutionärin, Offizierin, Professorin, Parlamentarierin und Schriftstellerinnen
  • 9.1. 2009: Dave Dee gestorben, britischer Musiker (Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich)
  • 10.1. 1619: Johann Peter Titz (Titius) geboren, deutscher Pädagoge und Dichter
  • 10.1. 1797 (vor 220 Jahren): Annette Freiin von Droste-Hülshoff (‚Die Mergelgrube‘)
  • 10.1. 1865: Karl Florenz geboren, deutscher Japanologe
  • 10.1. 1957 (vor 60 Jahren): Gabriela Mistral gestorben, chilenische Dichterin und Diplomatin
  • 10.1. 1986: Jaroslav Seifert gestorben, tschechischer Dichter, Schriftsteller, Journalist und Übersetzer, Nobelpreisträger
  • 11.1. 1911 (vor 106 Jahren): In der Berliner Zeitschrift Der Demokrat wird das Gedicht Weltende von Jakob van Hoddis veröffentlicht.
  • 11.1. 1956: Bert Papenfuß-Gorek geboren, deutscher Schriftsteller
  • 12.1. 1751 (v. 266 Jahren): Jakob Michael Reinhold Lenz – deutscher Schriftsteller
  • 12.1. 1780 (v. 237 Jahren): Die erste Ausgabe der »Zürcher Zeitung« (seit 1821: »Neue Zürcher Zeitung«) wird von Salomon Gessner (1730-1788) herausgegeben. Es ist eine der ältesten heute noch erscheinenden deutschsprachigen Zeitungen. Gessner importierte das Prosagedicht aus der französischen in die deutsche Literatur.
  • 12.1. 1829: Friedrich Schlegel gestorben, deutscher Kulturphilosoph, Philosoph, Schriftsteller, Kritiker, Literaturhistoriker und Übersetzer
  • 12.1. 1831: Gustav Adolf Pompe geboren, deutscher Theologe und Dichter
  • 12.1. 1880: Ida Hahn-Hahn gestorben, deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin
  • 12.1. 1906 (vor 111 Jahren): Daniil Iwanowitsch Charms – russischer Schriftsteller
  • 12.1. 1952: Florian Havemann geboren, deutscher Schriftsteller, Maler und Komponist („Der kleine Flori Have“)
  • 12.1. 1961: Regina Ullmann gestorben, Schweizer Dichterin

L&Poe-Rückblende August 2001

Wolfgang Hilbig lebt und läßt sich zum 60. gratulieren

Hilbig wurde am 31. August 1941 im thüringischen Meuselwitz geboren und wuchs bei seinem Großvater im Bergarbeitermilieu auf; der Vater war bei Stalingrad gefallen. Nach einer Lehre als Bohrwerkdreher arbeitete Hilbig als Heizer und versuchte sich, etwa in einem „Zirkel schreibender Arbeiter“, als Lyriker, ohne freilich eine Gelegenheit zur Publikation zu bekommen. Hilbigs erstes Buch, der Lyrikband „abwesenheit“, erschien 1979 im S. Fischer Verlag und brachte dem Autor eine Geldstrafe von zweitausend Mark und Untersuchungshaft ein, weil er „vorsätzlich entgegen den gesetzlichen Bestimmungen einen Devisenwertumlauf durchgeführt“ habe. Was in diesen Gedichten stattfand, war tatsächlich die Ummünzung einer lyrischen Tradition, die damals weder in der DDR noch im heruntergestimmten Kammerton westdeutscher Autoren hoch im Kurs stand: der expressionistischen Dichtung, die dem Poeten die doppelte Rolle des Sehers und Schmerzensmannes zugedacht hat – „die verwirrung / in worte zu kleiden hab ich / das schreiende Amt übernommen“, heißt es im Gedicht „Bewußtsein“. / FAZ 31.8.01

Thomas Kling lebt, erhält den Ernst-Jandl-Preis und lädt nach Hombroich ein

Für L&Poe ist Klingmonat. Diesmal in der Neuß-Grevenbroicher Zeitung (Lyrik siedelt nicht immer im Zentrum! Wir schlagen mal, im Ernst, vor: Basel (Schweiz), Lana (Südtirol), Hombroich (NRW). Über zwei dieser exzentrischen Orte gibt der Artikel übrigens Auskünfte):

„Sechs Lyriker aus vier Ländern an der Raketenstation. Thomas Kling bittet zum Experiment
Thomas Kling wohnt hier, nicht nur deshalb ist Hombroich eine gute Adresse für Lyrik. Zwei Abende lang bietet sich auf der Raketenstation der Museum Insel die seltene Gelegenheit, intensiv zeitgenössische Lyrik von großer Ausstrahlungskraft kennenzulernen. Kling ist gewissermaßen Gastgeber und hat in enger Abstimmung mit dem Veranstalter, dem Verein zur Förderung des Kunst- und Kulturraumes Hombroich, die sechs Kollegen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und – man staune (? –  mg) – England ausgewählt.“

Hier die Daten:
Hombroich: Literatur IX 2001, Freitag, 7. September, 19.30 Uhr: Anja Utler, Oswald Egger, Marcel Beyer; Samstag, 8. September, 19.30 Uhr: Michael Hofmann, Kurt Aebli, Anne Duden.
Also wer kann: hinfahren! / NGZ 30.8.01

Beat Brechbühl bedauert, daß er die Alpen nicht rechtzeitig abgesägt hat

«Schade, dass ich die Alpen (sowie die Kirchtürme) / – wie dies in meiner Jugend  dringend war: – / nicht bodennah flach abgesägt habe.» Dieses Bedauern  formuliert Beat Brechbühl in einem lyrischen Traum vom Meer, den er unter dem  Titel «Jede Nacht und nächste Stunden» in seinen jüngsten Gedichtband  aufgenommen hat. / St. Galler Tagblatt 24.8.01

Verbotene Blume

Die Gazette präsentiert zum 180. Geburtstag von Charles Baudelaire ein verbotenes Gedicht, hier die erste Strophe

Das Geschmeide

Die teure Frau war nackt, und weil mein Herz sie kennt,
Trug sie am Leibe nur ihr klingendes Geschmeide.
Und Siegerblick gab ihr die Flitterpracht; so brennt
Des Mohren Sklavin, ist sie einmal frei vom Leide. / Die Gazette 27.8.01

Sappho

Throughout history, Sappho has been labeled a genius, a pervert, a lovely blushing maiden, a homely bluestocking, a nymphomaniac, an uptight schoolmistress, a solitary, a diva, a cult leader, an abandoned lover, an irresistible seducer, the „Tenth Muse,“ a mother, a feminist, a victim, a masochist and a sadist.
With „The Sappho Companion,“ British critic Margaret Reynolds has collected bits and pieces of all these Sapphos into a single, diverting volume. / Salon.com 1.8.01

Ur-Avantgardist

Taz besucht Amerikas Ur-Avantgardist Charles Henri Ford (93)

Die gute Dame [Gertrude Stein ] war Ford ohnehin wohlgesinnt. Seine 1929 begründete Zeitschrift Blues, die moderne Dichter wie Ezra Pound und William Carlos Williams veröffentlichte, lobte Stein als „youngest and freshest of all the little magazines which died to make verse free“. Schulabbrecher Ford, der die leider nur kurzlebige Zeitschrift ausgerechnet aus dem tiefsten amerikanischen Hinterland, seinem Geburtsort Columbus in Mississippi, publizierte, schrieb damals kurzerhand alle wichtigen Vertreter der Moderne an und bat mit Erfolg um deren Zeilen.
1931 siedelt er nach Paris und von dort nach Marokko über, wo er in Tanger „Nightwood“, das Manuskript seiner Freundin Djuna Barnes abtippt. „Von Rechtschreibung verstand die Gute erschreckend wenig“, erinnert sich Ford an das Buch, das wie kein anderes radikal mit der realistischen Erzählweise des amerikanischen Romans brach. Von 1940 bis 1947 gibt Ford, wieder zurück in New York, View heraus, die erste amerikanische Avantgardezeitschrift, mit Texten und Kunst von Exilkünstlern wie André Breton, Max Ernst, Marcel Duchamp und Yves Tanguy. Aber auch Henri Miller, Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Jean Genet finden Einlass. So werden mit View Surrealismus und Existenzialismus erstmalig in den USA vorstellig. / taz 30.8.01

Literaturlandschaft Südtirol

Die renommierten literarischen Aktivitäten in dem Städtchen zwölf Kilometer südlich von Meran haben sich – unterstützt von der Südtiroler Landesregierung – seit 1978 kontinuierlich entwickelt. Treibende Kraft war der Lyriker Oswald Egger, unter Zuzug später von Alma Vallazza. Aus einer Buchhandlung konstituierte sich der «Verein der Bücherwürmer», und gleichzeitig wurde eine exquisite Buchreihe mit überregionalem Anspruch lanciert, «edition per procura», in der nicht nur aktuelle Literatur, sondern auch Rimbaud und Mallarmé, Blake und Zwetajewa Platz fanden. Der Verlag hat auch ein Standbein in Wien («Session Wien») und pflegt den Austausch mit anderen bibliophilen Verlagen, etwa der Zürcher Edition Howeg. Eine «Ortschaft für die Poesie» schuf Egger mit dem alle zwei Jahre verliehenen internationalen «N.-C.-Kaser-Lyrikpreis», nicht zuletzt aber mit den Veranstaltungen, vor allem den «Kulturtagen Lana». Diese schaffen weithin Verbindungen, «quere Meridiane» – wie der Initiant sich ausdrückt. Der Geschäftsführer Robert Huez, Verfasser einer Dissertation über Kaser, betreut diesen ganz besonderen literarischen Ort mit Hingabe und Humor, wirkt ganz terre à terre, führt vor, was man «mit Beharrlichkeit und Glück» aufgebaut hat: «Der Prokurist», Editionsreihe und Literaturzeitschrift, «Abmarsch», die neue «Sammlung für Poesie als Übersetzung», das jedermann zugängliche «Archiv für Poesie», eine Spezialbibliothek auch in Sachen Poetologie, den Veranstaltungsraum «Secession Lana». / NZZ 18.8.01

Strassburg – eine Stadt zwischen zwei Kulturen

Die französische Nationalhymne, «La Marseillaise», trägt ihren Namen zu Unrecht. Entstanden ist sie 1792 in Strassburg; ihr Autor, der junge Offizier Rouget de l’Isle, hatte sie ursprünglich «Le Chant de guerre de l’Armée du Rhin» betitelt. Dass der blutrünstige Ohrwurm später nach den revolutionären Hitzköpfen aus dem Süden benannt wurde, entbehrt dennoch nicht einer gewissen Logik. Die Elsässer und insbesondere die Strassburger mögen grosse Kriegsmänner hervorgebracht haben, als Umstürzler kann man sie nicht bezeichnen. Ihre inoffizielle Landeshymne beschreibt einen Menschen, der unzufrieden zwischen zwei Stühlen sitzt: «Dr Hans im Schnokeloch / Hett alles was er will / Un was er hett des will er nitt / Un was er will des hett er nitt . . .»

1870 erkennen sich die meisten Elsässer in den Versen des Dichters Karl Friedrich Hartmann wieder: «Ein Frankenherz und deutsche Sprach / Sind dem Alsaten keine Schmach / Wie’s auch der Fremde deute.» Nicht zuletzt spielen Elsässer eine Rolle als kulturelle Vermittler: mit Übersetzungen von Goethe und Heine ins Französische, Rousseau und Chateaubriand ins Deutsche und der Gründung internationaler Buchhandlungen. / Marc Zitzmann NZZ 13.8.01

Im August 2001 starben

  • Am 6. der brasilianische Autor Jorge Amado, 88
  • Am 7. mit nur 19 Jahren Aleksandr Lais, der postum zum Helden Rußlands ernannt wurde. Er starb am 6. Tag des zweiten Tschetschenienkrieges
  • Am 9. Otti Pfeiffer, deutsche Lyrikerin, Kinder- und Jugendbuchautorin (70)
  • Am 21. der spanische Dichter Juan Antonio Villacañas (79)
  • Am 22. der armenische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Lewon Mkrtschjan (68). Er übersetzte armenische Dichter ins Russische und gab auch die in der DDR erschienene Anthologie «Die Berge beweinen die Nacht meines Leides. Klassische armenische Dichtung» (1983, Übersetzungen Annemarie Bostroem) heraus.
  • Am 26. Al Pittman, 61, kanadischer Dichter und Dramatiker
  • Am 27. der niederländische Dichter Jan de Vries (41)

Ubuweb

Piqer Mascha Jacobs bei piqd:

der beste Ort für Fundstücke: Die Website UbuWeb, die der konzeptuelle Autor Kenneth Goldsmith nunmehr seit 20 Jahren füllt. Er sammelt Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern sowie Texte, Soundschnispel, Dokumentationen, Videos und Musik von Underground- und Avantgardekünstlern. Aber auch abseitiges Material von bekannten, zum Kanon gehörenden Künstlern. Wenn man nicht gezielt auf der Suche ist, nach einem Video von Yvonne Rainer, über das man schon so viel gelesen hat, weil es für den minimalistischen Tanz in den 1960er Jahren wichtig war, startet man am besten mit einem Klick auf Recent Additions, um einen Anfang zu machen. Und von da aus landet man etwa bei einer Coverversion von Joseph Beuys „Ja Ja Ja Nee Nee Nee“ von Martin Kippenberger oder klickt auf Fat Boy Slim, hinter dessen Namen sich ein fantastisches Video verbirgt, in dem Christopher Walken in einer einsamen Hotellobby tanzt. / Mehr

Stiller Poet

poet nr. 21. Literaturmagazin. Hg. Andreas Heidtmann. Leipzig (poetenladen) Herbst 2016. 252 S., 9.80 Euro. Besprochen hier von Alexandru Bulucz. Auszug:

Die Rubrik Lyrik eröffnet der stille amerikanische Poet Keith Waldrop. Fünf der sechs Gedichte übersetzte Jan Kuhlbrodt, eines – „Archipelago“ – Peggy Neidel. Kuhlbrodt folgt dabei mehr dem Sinn als der Wörtlichkeit des Originals. Aus „In the still oft he night, in bed with your only wife“ wird z.B. „In stiller Nacht und monogamen Betten“ (The Still of the Night – In der Stille der Nacht). Oder: Enden alle Strophen des Gedichts „Unlistened“ im Original mit der Zeile „Silence“, enden sie in der Übersetzung mal mit „Ruhig wird“, mal mit „Wird ruhig“. Eine einzige Strophe endet mir „Ruhig“. Das liegt an den im Englischen verwendeten Subjunktionen und Konjunktionen „while“, „though“, „but“, „as“ und „and“ und daran, dass die englische anders als die deutsche Sprache keine durchgängige Verbzweitstellungs-Regel mehr kennt. Trotz solcher und anderer Schwierigkeiten gelingt es beiden Übersetzern, Waldrops Stimme auch im Deutschen zu bewahren. Eine Stimme, die keine Effektheischerei kennt, sondern nur Diskretion, Stille und Zurückhaltung, und die um ihre Endlichkeit weiß. Im Gedicht „Der Wind lacht“ wird die Endlichkeit vom ständig wehenden und sie ignorierenden Wind kontrastiert. Ob zum Lunch, Dinner oder Frühstück: „der Wind lacht“. Und nur angesichts von Episoden der Unendlichkeit befugt uns das Ich, es zu wecken. Ansonsten gilt es: „Nicht stören“.

L&Poe-Rückblende Juli 2001

Über Becketts Deutschlandaufenthalt von 1936/37 berichtet sein Biograph James Knowlson:

Einige von Becketts frühen Gedichten, vor allem „Da tagte es“, enthüllen den Einfluss von Walther von der Vogelweides „alba“ und in Becketts letztem Prosastück Immer noch nicht mehr wird namentlich auf den Lyriker angespielt: „Zu diesem Zweck, da kein Stein da war, auf den er sich setzen konnte wie Walther und die Beine übereinanderschlagen, war es das beste was er tun konnte, auf der Stelle zu bleiben und stock-steif dazustehen“.
Beckett las Lessing und liebte auch die Gedichte von Hölderlin, Heine und Goethe, die er auswendig zitieren konnte. Doch auch die Lektüre von zeitgenössischen Autoren wie Ernst Wiechert, Paul Alverdes und Hermann Hesse regte ihn zum Überdenken der eigenen literarischen Position an. / FR 28.7.01

Lesenlernen mit Stein & Draesner

Ein weiteres wesentliches Element für das Lesenlernen ist die Wiederholung. Und da die Wiederholung als Variation, Modulation, Reihung, angedeutete Endlosschlaufe zu Steins bevorzugten Stilmitteln gehört, wurde „The First Reader“ ein wunderbares Gertrude-Stein-Buch, ein Dokument ihrer immer noch frischen literarischen Minimal-Art, verwandt beispielsweise den Prosapoemen aus „Zarte Knöpfe“ oder den Gedichten aus „Spinnwebzeit“. Mit Gertrude Stein lesen zu lernen ist eine herzerweiternde Übung. Ulrike Draesners Übersetzung vertieft den Lesegenuss. Mit ihrem sprachschöpferischen Ansatz der „Radikalübersetzung“, den sie bereits bei ihrer Übertragung von Shakespeare-Sonetten praktizierte, wird sie Gertrude Steins Sprachexperiment gerecht, wenn sie sich, wie die Stein, oft weniger am Wortsinn als an der Sprache selbst orientiert.

Gertrude Stein: „The First Reader“. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner . Zweisprachige Ausgabe. Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 2001, 125 Seiten, 39 DM /Florian Vetsch, taz 24.7.01

Wenn sich der Spiegel mit Lyrik einläßt,

geht es gewiß so:

V E R D Ä C H T I G E  W O R T W A H L. Lebensmüde Poeten verraten sich – Lyriker scheiden besonders häufig von eigener Hand aus dem Leben. – Per Textanalyse lässt sich ermitteln, wie Ernst es den Poeten mit dem Freitod ist, glauben US-Psychologen. Sagt der Spiegel.

Daneben drei Kontext-Werbe-Artikel im Kästel:

  • Trichinose: Trieben Schweinekoteletts Mozart in den Tod?
  • Drogen: War Shakespeare ein Kokser?
  • Beethoven: Giftige Glasharmonika

(Keine Satire – Der Spiegel online 24.7.2001)

Roland Barthes beschrieb das Haiku

einmal im Kontext des Fragments als «Anflug von Begehren. In der Form des Satz-Gedankens kommt der Keim des Fragments gleich über uns: im Café, im Zug, beim Gespräch mit einem Freund (es taucht seitwärts zu dem auf, was er sagt oder was ich sage); dann holt man sein Notizbuch heraus, nicht um einen Gedanken aufzuschreiben, sondern so etwas wie eine Prägung, was man früher einen Vers nannte» (in «Über mich selbst», der autobiographisch getönten Summe seines Denkens und Lebens).

Im Westen wird das Haiku-Prinzip der poetischen Konzentration mit einer Zen-buddhistischen Haltung assoziiert – zu Recht, denn die Kunst des Haiku wurde wesentlich von Basho geprägt, und seine meist auf der Wanderschaft von einem buddhistischen Kloster zum anderen entstandenen Gedichte definieren und überragen den Kanon zugleich. Liest man seine Gedichte in einer westlichen Übersetzung, kann leicht der Eindruck entstehen, die Einfachheit dieser immerhin vierhundert Jahre alten Gedichte impliziere poetische Anspruchslosigkeit. Aber gerade das Gegenteil ist wahr, denn wie stets ist poetische Unmittelbarkeit Ergebnis einer komplexen Rhetorik. /Hans Jürgen Balmes NZZ 26. Juli 2001

Shmon. Das Tor der Klause zur Bananenstaude. Haiku von Bashos Meisterschülern Kikaku, Kyorai, Ranetsu. Herausgegeben und aus dem Japanischen übertragen von Ekkehard May. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2000. 223 S., Fr. 36.50.

Der surfende Hermes

In seinem Essayband „Botenstoffe“ spiegelt sich der Lyriker Thomas Kling in Hermetikern aller Zeiten

Poesie ist göttlicher Botenstoff. Sie bringt einzigartige Mitteilungen aus dem inneren Kosmos des Menschen. In gut zwei Dutzend Essays, die in den letzten Jahren entstanden sind, sortiert und kommentiert Kling unter dem Titel „Botenstoffe“ sein Quellenmaterial und arbeitet sein poetisches Umfeld nachrichtenmäßig auf. Die einzelnen, scheinbar zersprengten Themen fügen sich zu einem deutlich erkennbaren Raum, der nicht nur bislang wenig betrachtete literaturgeschichtliche Zusammenhänge deutlich werden lässt, sondern gleichzeitig die Poetik Thomas Klings beherbergt. Kling räumt mit Missverständnissen auf, indem er historisch weit ausholt. Seine Kritiker werfen ihm oft vor, hermetisch zu schreiben, meinen wohl aber eigentlich unverständlich. Der Dichter rückt den Begriff ins rechte Licht, in die unmittelbare Nähe zur mythologischen Hermesfigur. Der Götterbote funktioniert in seiner steten Reise- und Übersetzungstätigkeit zwischen Oben und Unten und zwischen Licht- und Schattenreich als „Teilchenbeschleuniger, als Beschleuniger von Sprachteilchen“, als Vermittler der Sphären. / Cornelia Jentzsch, Berliner Zeitung 21.7.01

Das Forum der 13

besteht seit 1999. Seine Selbstbeschreibung geht so:

Im August 1999 trafen sich im Nordkolleg Rendsburg 13 Autorinnen und Autoren und gründeten das TREFFEN DER 13.
Ihr Anliegen war, eine Plattform zu schaffen, auf der möglichst frei von den strukturellen Zwängen des Literaturbetriebs und der etablierten Medien über Fragen der Literatur gesprochen werden kann.
Seither finden regelmäßig Zusammenkünfte statt, die von einer ständigen Kommunikation und Diskussion im Internet begleitet werden. Die Autorinnen und Autoren des Forums nutzen das Internet gleichzeitig als Publikationsmedium literarischer Texte. Parallel dazu werden öffentliche Lesungen veranstaltet.
Im Laufe der Zeit bildete sich als Schwerpunkt der Diskussion die Frage nach dem Verhältnis von Ästhetik und Politik heraus: In einer Zeit rasanter Medialisierung der Wirklichkeit und im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz fokussiert die Arbeit der Gruppe die zunehmende Ästhetisierung des Politischen und ihre Folgen.
Zu den 13 Autoren gehören auch Lyriker – z. B. Raphael Urweider, Mirko Bonné, Sabine Scho oder Michael Lentz. Auf der Website des Forums gibt es regelmäßige Debattenbeiträge und Textveröffentlichungen. Im Forum Lyrik gibt es Gedichte, Nachdichtungen (E. E. Cummings, Keats, Ghérasim Luca), Haikus und Statements – so über die (Un-)Übersetzbarkeit oder über Politikersprache.

Poetical Correctness: US Poetry Hijacked by Professors?

American fiction may be big, but the poetry is pitiful. Michael Lind applauds the range of British verse and finds in Dana  Gioia a rare American talent.
At the beginning of the 21st century, the contrast between the relative health of poetry in Britain and its dire condition in the US is striking. In Britain, the Poet Laureate is known if not always respected and the selection of the Professor of Poetry at Oxford makes the newspapers; in the US, nobody can tell you the name of the Poet Laureate (answer: Stanley Kunitz). The best British poets, such as Seamus Heaney, James Fenton, Charles Causley, Tony Harrison and Wendy Cope , use traditional verse techniques in innovative ways to write about a range of subjects in a variety of genres, including political satire and light verse. In the US, by contrast, almost all of the prestige poetry is written in the early 20th-century mode of „free verse“–that is to say, lines of prose chopped up at arbitrary points–and almost all of it consists of relatively short poems, usually a domestic epiphany or a description of a scene or item as its subject. Hardly anyone writes poetry in the US other than professors–and hardly anybody reads it, other than the professors who write it.
The collapse of American poetry into the black hole of academic obscurity is a process that has been occurring for half a century. As recently as the 1920s and 1930s, poets like Robert Frost and Robinson Jeffers were celebrities. Edna St Vincent Millay had her own radio programme. The book-length narrative poems of Edwin Arlington Robinson and Stephen Vincent Benet were bestsellers. Between the wars, as in the 19th century, American poets were more likely to be journalists, men of letters, or even public figures than professors–John Quincy Adams, the sixth president, translated Horace.
All of this changed when a gang of professors hijacked American poetry… / Michael Lind, Prospect , July 2001

Paradiesvogel der Avantgarde: Gespräch mit Friederike Mayröcker

WELT am SONNTAG: Frau Mayröcker, was empfanden Sie, als Sie erfuhren, dass Sie den Büchnerpreis bekommen?
Friederike Mayröcker: Ich habe geheult. Stundenlang habe ich geweint. Es war Freude, aber auch furchtbare Traurigkeit, weil die Menschen, die ich so geliebt habe, es nicht mehr erleben konnten – Ernst Jandl und meine Mutter.
WamS: „Magierin des Wortes“, „Alchemistin der Sprache“, auch „Paradiesvogel der Avantgarde“ hat man Sie genannt. Kann man Sie einfach als größte lebende Dichterin deutscher Sprache bezeichnen?
Mayröcker: Als bescheidener Mensch kann ich darauf nicht antworten.
WamS: Sie sind nach Ernst Jandl (1984) und H.C. Artmann (1997) die dritte Büchnerpreisträgerin aus der Wiener Gruppe von Dichtern, die mit experimenteller Poesie Aufsehen erregten. Was war so avantgardistisch an Ihrer Wortkunst?
Mayröcker: Wir trauten der herkömmlichen Sprache nicht mehr und haben damals nach dem Kriege versucht, etwas Neues zu machen. Wir haben aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften Texte montiert, Sprachcollagen als Sprachverfremdung. / Welt am Sonntag 15.7.01

Nach dem Frühwerk

1995 erhielt Grünbein den Büchnerpreis für sein Frühwerk, das  ganz anders ist als das, was der 1962 geborene Lyriker, Essayist  und Übersetzer (Aischylos, Pindar, Juvenal ) jüngst herausgab: nach  den Eruptionen nun „Nach den Satiren“ (erfahren wir im Göttinger Tageblatt vom 10.7.) Professor Fuhrmann in Göttingen nämlich ist begeistert von Grünbein, „der sich die Alten Sprachen im  Selbststudium angeeignet hat und Verse in juvenalischen Maßen  schmiedet, der den „athletischen Stil“ lateinischer Dichtung preist  und der antiken Literatur nach eigenen Worten „die wichtigste  Schreiblektion“ verdankt. Zupackend und treffsicher schreibe  Grünbein, verbinde Gelehrsamkeit mit Zartheit, die antike Welt mit  dem Heute, das Alte Rom mit dem neuen Berlin. Nie arte dabei die  Form zur Manier aus. Eher archaisch als klassizistisch sei  Grünbein zu nennen, ein moderner Dichter, der Rom als  „Repertoire für farbige Sujets“ nehme.“

Gegen Wortgeklingel

Ein besonderer Genuss ist das Vorwort, das ungewohnt deutlich Kritik übt – am Hang arabischer Lyriker zum «rhetorischen Wortgeklingel» und am Opportunismus als einem «Grundübel» arabischer Kultur. Dass al-Maaly ausgerechnet Verse des Erzmodernisten Adonis als Beispiel zitiert, ist mehr als pikant. Wohl schätzt er sein literarisches Urteil – aber das ekstatische Loblied auf die iranische Revolution von 1979 («Das Volk des Iran schreibt an den Westen: / Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen / Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben») ist tatsächlich eine Geschmacklosigkeit. Mit anderen Worten: Der Wanderer zwischen den Kulturen hat das Allzu-Arabische fortgelassen, der Leser weiss es ihm zu danken, wie er ihm dankt für das viele Schöne, das er glücklich ins Deutsche zu retten wusste. / Ludwig Ammann NZZ 3. Juli 2001

Khalid al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Aus dem Arabischen von Khalid al-Maaly, Heribert Becker und Suleman Taufiq. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000. 493 S., Fr. 49.80.

Gestorben im Juli 2001

Der holländische Rockmusiker, Maler und Lyriker Herman Brood ist am Mittwoch im Alter von 54 Jahren vom Dach des Amsterdamer Hilton Hotels in den Tod gesprungen. Er trug einen Abschiedsbrief bei sich, in dem stand, dass er keine Lust mehr habe. / FR 13.7.01

Der Schriftsteller Arno Reinfrank ist in London im Alter von 66 Jahren gestorben. Reinfrank erlag einem Krebsleiden. Der gebürtige Mannheimer schrieb Lyrik, Prosa, Dramen, Drehbücher und Hörspiele. Außerdem arbeitete er als Publizist und Übersetzer. Von 1980 bis 1989 war er Generalsekretär des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Reinfrank verließ die Bundesrepublik 1955 aus Protest gegen die Adenauer-Politik. Seit 1989 gehörte Reinfrank dem deutschen Schriftstellerverband PEN (Ost) an. (dpa)

Außerdem starben

  • 3. Juli Ivan Slamnig, jugoslawischer / kroatischer Dichter, Erzähler, Essayist und Übersetzer (71)
  • Wahrscheinlich am 3.Juli Jakow Koslowski, sowjetrussischer Dichter und Übersetzer (79)
  • 12. Juli Mirwarid Dilbasi, aserbaidschanische Lyrikerin (88)
  • 25. Juli Wladimir Zybin, sowjetischer und russischer Autor (69)
  • 31. Juli Nikolai Morschen, russischer/ ukrainischer Exilschriftsteller (83). Eigentlich Martschenko. Geboren 1917 in Birsula (Ukraine), starb in Monterey (Kalifornien). Er ging 1943 nach Deutschland, 1950 nach Kalifornien. Seine Bücher erschienen auf Russisch in Frankfurt/Main (1959),  Washington (1967), Berkeley (1979) und 2000 im Verlag Sowetskij Sport.

Kurz gesagt

  • „Das Einzige is: Wenn er dichtet, darf ich mein Staubsauger ned anstelln“, sagt Frau Kusz. (Über Fitzgerald Kusz)/ Süddeutsche 17.7.01
  • „Das Mosaik der miteinander kämpfenden Nationalitäten ist ein europäisches Charakteristikum, das zum Beispiel einen Amerikaner entsetzt. Man müsste die Führer einfach packen und hinauswerfen“, sagte Czesław Miłosz vor einem Jahr in einem STANDARD-Interview.

Gestorben

Am 1. Dezember starb der indische Dichter und Aktivist Inkulab (Makkal Pavalar Inkulab, Inquilab, Inkulab oder Ingulab) (72). Er war ein tamilischer Autor.

Am 2. Dezember starben die Schauspielerin und Sängerin Gisela May (92) und der amerikanische Dichter und Romanautor James Reiss (75).

Am 3. Dezember der italienschweizer Dichter und Politiker Giovanni Orelli (88), ein Cousin von
Giorgio Orelli, sowie der indische Dichter Bekal Utsahi (88).

Am 4. der spanische Dichter und Kritiker Adolfo Cueto (47).

Am 15. Luis Alberto Arellano (40), mexikanischer Dichter und Essayist.

Am 17. Anne Ranasinghe (91). Sie wurde 1925 als Anneliese Katz in Essen geboren. 1939 schickten ihre Eltern sie nach England; nach dem Krieg erfuhr sie, daß beide von den Nazis ermordet wurden. Sie gehörte zu den bekanntesten englischsprachigen Autoren Sri Lankas.

Am 22. der argentinische Autor Alberto Laiseca (75) sowie der polnische Dichter Tadeusz Chabrowski.

Ebenfalls kurz vor Weihnachten starb der französische Dichter algerischer (berberischer) Herkunft Mustafa Hamlat im Alter von 64 Jahren. / La Depeche

Am 24. Felix Krivin (88), sowjetischer, ukrainischer und israelischer Autor von Gedichten und humoristischer Prosa. Seit 1998 lebte er in Beersheba (Israel). 2006 wurde er mit dem unabhängigen „Russischen Preis“ der subkarpathischen Rus ausgezeichnet.

Am 25. der sowjetisch-aserbaidschanische Dichter und Journalist Iljas Tapdyg (Тапдыг, Ильяс) (82).

L&Poe-Rückblende Mai 2001

8 gegen 58. Der Georg-Büchner-Preis für Männer

So überschreibt Iris Radisch einen Kommentar zum Büchnerpreis für eine Frau. Die Zahlen bezeichnen das Verhältnis weiblicher zu männlicher Preisträger. Wenn Frau Radisch schreibt: „Nachdem Grass, Walser, Enzensberger, Müller, Strauß und Handke schon dran waren, kamen sogar Autoren wie Wolf Biermann und Arnold Stadler zu Ehren.“, kann sie breiter (vielleicht nicht in jedem Fall liebsamer) Zustimmung sicher sein. Weniger vielleicht mit ihrer Meinung zu der diesjährigen Preisträgerin Friederike Mayröcker (die nicht zufällig so lange vergessen worden sei) und zum „Machismus“, der in dieser Preispolitik steckt. Dennoch oder deshalb ist dies der wichtigere Teil ihres Kommentars (in der Zeit vom 10.5.). Ein schöner Satz: „Nicht selten tun die Frauen, wovon die Männer nur reden: die Welt auf den Kopf stellen.“

Beim Lesen dieses Kommentars fällt mir ein Name ein, der ebenfalls lange „vergessen“ wurde und, täusche ich mich nicht, geringe Chancen auf Berücksichtigung im Büchnerclub hat. Es ist der Name eines – Mannes, der in einigen Tagen seinen 70. Geburtstag begeht:  Manfred Peter Hein, der in Ostpreußen geborene, in Finnland lebende Dichter. Was Frau Radisch schreibt, paßt auch hier: „Das Große wird klein, das Kleine groß, Poesie wird Politik, Politik Poesie. Ein Dummkopf ist, wer denkt, dass das einem Georg Büchner nicht gefällt.“

Herrenzimmer-Krampf

In der „Welt“ schreibt Eckhard Fuhr an Marcel Reich-Ranicki über sein Brecht-Duett so: „Seine herrlichen erotischen Gedichte, fügten Sie hinzu, hätte Brecht nicht schreiben können, wenn seine große Liebe zu den Frauen nicht gewesen wäre.

Geahnt hatte ich diesen Zusammenhang schon. Große Liebe, große Lyrik. Das funktioniert nicht bei jedem. Deshalb können wir den Dichter Brecht nicht genug bewundern. Trotzdem hat mich das, was sie sagten, irgendwie frustriert. Warum habe ich mir eigentlich all die Mühe mit Brecht gemacht? Wenn ich gewusst hätte, dass der Kern des Brechtschen Werkes der Versuch ist, das lyrisch festzuhalten, was er sonst nicht halten konnte – wie Sie das Wort Samenerguss aussprechen, das ist unvergleichlich – hätte ich mir das erspart. Gleichwie: Sie haben mich gut unterhalten. Nur eine Bitte am Schluss: Sprechen Sie nicht mehr von Damen, wenn Sie von Frauen reden. Das ist Herrenzimmer-Krampf.“ / Die Welt 30.5.01

Genie und Wahnsinn: Emily Dickinson

The connection between Dickinson’s moods and her poems has long been a subject of interest but has never before been quantified. In the new research, John F. McDermott, professor emeritus of psychiatry at the University of Hawaii School of Medicine in Honolulu, examined whether there was a seasonal pattern to when Dickinson (1830-1886) wrote her poems.
The analysis suggest that Dickinson’s „creative genius was ignited“ in 1862, in the middle of an eight-year period when she wrote most of her work, McDermott said. Generally, during this period, Dickinson was much more prolific during the spring and summer and much less productive in the winter, he found.
„One can speculate she had winter blues or depression, but at the same time, in the spring and summer, she had a flash of creative energy,“ McDermott said in a telephone interview. „There was an overriding of that winter lapse. She wrote all day long — she wrote a poem a day. If she saw the chestnut tree in bloom, she would say the sky was in bloom. She had more intensity and enthusiasm about life. She had a change in mood, a cognitive change.“ / Washington Post 14.5.01

Lyrikwart

Ein wenig anmaßend erscheint es zwar schon, wenn der selbst ernannte Lyrikwart Gernhardt in seiner privaten Versbau-Werkstatt ausgerechnet an einem Werk des vollendeten Stilisten Durs Grünbein herumbastelt, doch mit viel gutem Willen konnte man dabei noch einen selbstironischen Unterton heraushören. / Dies & andres meint Christoph Schröder in der FR über den Frankfurter Poetikdozenten Robert Gernhardt (31.5.01)

Robert Gernhardt spricht mit der „Weltwoche“ über die Lage der Lyrik. Statt alte oder neue Ordnungssysteme zu nutzen, produziere der „Mainstream“ ein „aufgeladenes Rauschen“. Für Anführer solchen Mainstreams erklärt er Thomas Kling sowie die diesjährige Büchnerpreisträgerin:

„Für einen komischen Autor ist es nahe liegend, die bewährten Techniken zu benutzen. Zudem: Keiner von ihnen käme mit diesem aufgeladenen Rauschen durch. Er will verstanden werden, und darauf kommt es beim Mainstream heutiger Lyrik überhaupt nicht an. Ich habe von der diesjährigen Büchnerpreisträgerin Friederike Mayröcker noch nie eine Zeile gelesen, die mich berührt, belehrt oder belustigt hätte. Aber ich kenne viele kluge Geister, die sich in   diese Texte rein- und sogar wieder rauslesen können.“ / „Weltwoche“ Nr. 21/01, 23.5.2001

Thomas Kling macht sich stark für die poetische Avantgarde

Er verabscheut die sichere Distanz nicht weniger als das gesponserte Experiment. Modische Posen für den risikolosen Erfolg sind ihm ebenso verhasst wie verklemmte Volksbildner. Wenn Thomas Kling vom allseits beliebten „Abqualifizieren der ästhetischen Avantgarden“ spricht, erfasst ihn, der von sich behauptet, gar kein „Avantgarde-Fetischist“ zu sein, heiliger Zorn. Denn die einst von der Gruppe 47 gesetzten literarischen Maßstäbe geisterten, so Kling in seinem Essayband „Botenstoffe“, immer noch durch Kritikerköpfe und seien dafür verantwortlich, dass die deutschsprachige Lyrik mindestens 15 Jahre auf der Stelle getreten sei.

Um dem von ihm konstatierten „Avantgarde-Bashing“ entgegenzutreten, entwickelt Kling auf mehr als 200 Seiten ein polyphones, sprach- und poesiegeschichtliches Netzwerk. Provokant und selbstbewusst schlägt er den Bogen vom Barock-Gedicht des 17. Jahrhunderts bis zur spoken poetry dieser Tage. Dabei spart er nicht mit Lob und Tadel. In teils kritisch-essayistischen, teils assoziativ-polemischen Betrachtungen und Notaten legt er seine poetischen Wurzeln frei, offenbart Affinitäten und Parallelen zu Vorbildern und Kollegen und demontiert Autoren bis zur Kenntlichkeit. / Thomas Kraft, Potsdamer Neueste Nachrichten 19.5.01

Wadî Saâdah

verzichtet radikal auf orientalische Emphase, entscheidet sich für teilweise surrealistisch anmutende Bilder, die er aber unzweideutig verbindlich einsetzt. Seine Qual breitet er nicht wortreich aus; der Schmerz sitzt in den Wurzeln des Textes. / Dieter M. Gräf, Die Welt 12.5.01

Zum 70. Geburtstag des Dichters Manfred Peter Hein

ein Artikel von Wulf Segebrecht. Über das Gedicht „Himmelsbleiche“ (aus dem Band „Hier ist gegangen wer“, soeben bei Ammann erschienen) heißt es da: Ein illusions-, aber doch nicht trostloses Resümee zu Beginn des neuen Jahrtausends. Manfred Peter Hein bezieht sich dabei („der Eisheiligen Kind / Mai einunddreißig“) auf seinen eigenen Geburtstag: Heute vor siebzig Jahren wurde er geboren. Höchste Zeit, ihm zu sagen: Wir zählen auf ihn. / FAZ 25.5.01

Auch die Neue Zürcher gratuliert: „Einmal hat dieser Dichter, der dem unseligen «Ostlandtraum» eine so produktive Wendung gegeben hat, indem er sich den poetischen Osten und Norden angeeignet und den deutschsprachigen Lesern zum Geschenk gemacht hat, einmal hat Manfred Peter Hein Ostpreussen besucht. Das Gedicht «Memorial» erzählt davon. «Liebe totgebettet lang schon vor Abend / Heimat kein Land mehr ringsverstreute Glieder / Disiectae Membra Patriae Heimwehland», heisst es darin. Von den Orten der Kindheit sind nur Fetzen geblieben, See, Strom, Bruch, Haff, Meer; ihre Beschwörung im Wort ruft keine Erinnerung hervor, nur die unabweisbare Erkenntnis: Das alles ist verloren, die Vergangenheit mit der Gegenwart. Ein anderes Gedicht, ein «Psalm», wird von zwei Imperativen unterbrochen. Der erste lautet «Sprich», der zweite «Schweig». Die Kunst Manfred Peter Heins liegt darin, beiden Anordnungen Folge zu leisten: Seine Texte sprechen schweigend, und sie schweigen in seiner Sprache.“

Manfred Peter Hein: Hier ist gegangen wer. Gedichte 1993-2000. Mit einem Nachwort von Andreas F. Kelletat. Ammann-Verlag, Zürich 2001. 112 S., Fr. 32.-. 25. Mai 2001 /Martin Ebel, NZZ 25.5.01

Eine „Renaissance der Deutschschweizer Lyrik“

beobachtet Reto Sorg in der NZZ vom 26.5. in der Gestalt von Christian Uetz, Raphael Urweider und Armin Senser:

1963 im thurgauischen Egnach geboren, ist Christian Uetz Dichter mit Leib und Seele. Wie die alten Rhapsoden kennt der studierte Altphilologe seine Texte par cœur . Wenn er vorträgt, hört und sieht man ihn, doch kein Papier. Die Emphase, die Uetz ins Werk setzt, kommt von Hölderlin und Celan her. Der sprachspielerische Furor erinnert an die Österreicher, an Jandl , an Artmann: «Hölder; schönsterrre Schwahn des Abelnlahn; / Könixkran Cselahn».

Uetz‘ sprachbesessene Aufstände, Urweiders luzide Erzählbilder und Sensers schillernde Lyrik- Ideen markieren avancierte Positionen zeitgenössischer Lyrik. Sie zeigen, was zurzeit im Gedicht möglich ist – und das ist nicht wenig. So bildet ihre Lektüre auch die besten Voraussetzungen zu erkunden, was im Gedicht noch möglich wäre. Die Zukunft gehört den Belesenen.

Das Gedicht hat heute wieder eine Chance. Vielleicht, weil man von ihm lange Zeit nichts mehr gefordert hatte. Jörg Drews spricht gar von der «neuen Unersetzlichkeit der Lyrik ». Tatsächlich leistet weder die erzählende noch die diskursive Prosa, was das Gedicht vermag: Zu affizieren, den Moment zu treffen und einzufangen und zu lösen, was untrennbar scheint: von den Wörtern die Bedeutungen.

Worte tanzen nackt: Pfingstwunder beim Bremer Lyrikfestival

Es sei gut zu wissen, so später der Bremer Autor Michael Augustin in einem pointensicheren Gedicht, „daß alle zwölf Sekunden / irgendwo auf der Welt / ein Gedicht geschrieben / aber nur alle einhundertdreißig Minuten / eines gelesen wird“. (…)
… der Koreaner Ko Un: „Zuletzt, verstummend, stirbt der Dichter, / um wiedergeboren zu werden als Gedicht. / Ist er für immer am Nachthimmel ein verläßlicher Stern.“ Ko Un, vom früheren südkoreanischen Regime gefangengenommen und gefoltert, heute Vorsitzender des südkoreanischen Schriftstellerverbandes, bot schon durch die furiose Art seines Vortragens einen Höhepunkt des Festivals. (…)

Der neunundsechzigjährige Autor Adrian Mitchell berät poetologisch Paul McCartney, tönte und bewegte sich stellenweise wie ein Blues-Sänger und sprach: „Lauter nackte Wörter und Leute tanzen zusammen. / Das gibt bestimmt Ärger. / Da kommt schon die Poesie-Polizei! / Einfach weitertanzen.“ Daß er schon 1965 in der Royal Albert Hall siebentausend Zuhörer begeisterte, konnte der Hörer sich auch im Bremer Schauspielhaus ausmalen.

Es handelte sich in Bremen um einen kairos des deutschen Literaturbetriebes. Und schließlich fällt auch der Rezensent erschöpft aus seinen prosaischen Schuhen und resümiert: Und mächtiger strömet die Weser / umgarnen sie Dichter und Leser. /MARTIN THOEMMES, Frankfurter Allgemeine Zeitung , 23.05.2001

„What is poetry?“

fragte auch der britische Lyriker Adrian Mitchell in einem Gedicht. Seine dionysische Antwort: „Naked words, dancing together“, nackte Wörter, die miteinander tanzen. /Thorsten Jantschek, Die Welt 21.5.01

Ein ganz anderer «Hans Heimatlos»

aus der Generation der lyrischen Nachgeborenen wird in der Literaturzeitschrift «die horen» (Nr. 201) vorgestellt: Es geht um Uwe Kolbe, der einst von Franz Fühmann zur grössten Hoffnung der jungen wilden DDR-Lyrik ausgerufen wurde. In einem ungeheuer materialreichen Gespräch – neben Kolbe werden in den «horen» noch fünf weitere Autoren mit DDR-Sozialisation vorgestellt – skizziert Uwe Kolbe die Urszenen seiner literarischen Biografie. Der naiv-enthusiastische Dichter, für den zehn Jahre lang der Prenzlauer Berg das Zentrum seines Lebens und seiner Poesie bildete, schien in der DDR trotz poetischer Aufsässigkeit und auch politischer Oppositionslust auf einem Königsweg zu wandeln. Es genügte aber eine kurze S-Bahnfahrt im April 1982 nach Westberlin, um das Weltbild des Dichters auf den Kopf zu stellen. Für die sozialistische Utopie war Uwe Kolbe fortan verloren. Seit er 1986 mit einem Dauervisum in die Welt des Westens aufbrach und schliesslich in Tübingen landete, haben sich seine Gedichte verändert. Das Aufgeregte und expressiv-Stürmische seiner frühen Gedichte ist einer lyrischen Gelassenheit gewichen, die nach weicheren Melodien und ruhigeren Rhythmen sucht. «Vielleicht», so Kolbe, «ist das Gedicht ein Moment der Aufmerksamkeit… Aufmerksamkeit ist das Gebet der Seele…» / Michael Braun, Basler Zeitung 19.5.01

Johannes Poethen gestorben

Der Lyriker und Essayist Johannes Poethen erlag gestern im Alter von 72 Jahren einer schweren Krankheit, teilte das Stuttgarter Schriftstellerhaus unter Berufung auf Familienangehörige mit. Poethen veröffentlichte mehr als 25 Gedicht- und Essaybände, die auch ins Englische, Polnische, Griechische und Arabische übersetzt wurden. Sein Werk ist vor allem von der griechischen Mythologie und moderner französischer Lyrik beeinflusst. /dpa 10.5.01

Aus: Meteorit

Meteorit bedroht die erde
ach diese außenseiter
wir machen das besser selbst.
* * *
Was wir hier sind
wir schießen ihn einfach weg
hei wie lachen da die sternlein.
* * *
So schnell kannst du gar nicht hinsehn
erst die saurier
dann die bäume
jetzt der homo sapiens sapiens.
* * *
So weit darf es nicht kommen
wachset und mehret euch
damit wir uns vorher
aufgefressen haben.
* * *
Vielleicht züchten sie doch noch
ganz große menschen
die tun dann großes
ganz großes.
* * *
Großer gott
rom wird auch nicht
an einem tag zerstört.
* * *
Auch dieser meteorit
flog an uns vorüber
da können wir wieder
richtig zuschlagen.

Zum Tode von Johannes Poethen: FAZ 10.5. (Harald Hartung)

Außerdem gestorben im Mai 2001

  • 4. Mai Rudi Strahl, DDR-Dramatiker, Erzähler und Lyriker (69)
  • 7. Mai Boris Ryshij (Борис Рыжий), russischer Dichter (26)
  • 10. Mai Lucifero Martini, italienischer Schriftsteller, Dichter, Journalist (* 1916)
  • 13. Mai Viktor Gontscharow (Виктор Гончаров), russischer Dichter, Künstler (80)
  • 19. Mai Hans Mayer, deutscher Literaturwissenschaftler, Jurist, Sozialforscher, Kritiker, Schriftsteller und Musikwissenschaftler (94)

 

Obama’s literary presidency

“One cannot dispute that the president has been an exemplary ambassador for literature, a leader who has championed reading as a way to open our eyes to the world, to nurture understanding, to see ourselves in others.” Reflecting on Obama’s literary presidency. | San Francisco Chronicle