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Veröffentlicht am 24. April 2026 von lyrikzeitung
175 Wörter, 1 Minute Lesedauer.
Hendrik Rost
Requiem
Einmal rief Thomas Kling mich an, als ich in Berlin lebte,
auf Zeit in einem Raum mit aufblasbarem Bett
und Telefon, zweiter Hinterhof, lebendig begraben.
Keine Ahnung, woher er die Nummer hatte. Mensch,
ich muss mit dir reden, dröhnte der Meister. Und redete.
Ich nickte, ein Kind, das magisch denkt.
Er war es leibhaftig, ich kannte die Stimme –
ich hatte ihn einmal lesen erlebt: Er saß beim Buchhändler
verdeckt von einem Stapel Wälzer am Verkaufstisch
und skandierte mit Verve seine Verse.
Immer wieder drehte er die Augen auf Weiß.
Nach einer Stunde fuhr er hoch: Alles Ärsche, zischte er,
die verstehen mich nicht. Und hatte Recht.
Ich kam nicht dazu, irgendwas zu sagen
oder zu fragen, wie es ihm geht, wo er ist. Kling:
Ich beobachte, was du so machst. Dann legte er auf.
So schweigt er, wie er spricht mit Menschenstimme.
Was hatte er gesagt? Nimm deine Zunge und geh.
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 156
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Aus Mangel an Beweisen, Das Wunderhorn, deutsche Lyrik, Dichtergedächtnis, Erinnerung, Gegenwartslyrik, Hans Thill, Hendrik Rost, Michael Braun, Poetik, Requiem, Stimme, Thomas Kling
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