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Herburgers Antipoesie

Der 1932 im Allgäu geborene Herburger gehört einer Generation an, die noch das aktive Erleben des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit in ihrem Werk verarbeitet haben. In seinen Gedichten hält er diese Zeit lebendig, nicht als biederer Mahner, sondern als Wort- und Gedankenjongleur. So wundert es kaum, dass die Gegenwart bevölkert ist mit den GI und der sowjetischen Besatzungsarmee, es wimmelt von Stalinisten und Bürokraten, dem Mief der 1950er Jahre, die Günter Herburger literarisch ausmistet: „Ein Kinderwagen unter Beschuss?/ Der sowjetische Film./ Laute von Schnüren aus der Scham gezogen,/ westliche Mode./ Dazu Peenemünde stöhnte der Zahnarzt,/ Peenemünde.“

Herburger zeigt uns die Rückseiten, Wundränder und Brüche, die Angst und das aschgraue Alter, die Traumlosigkeit und eine tiefe Verletzung. Hier, wo wir leben, findet sich keine Herrlichkeit und die Versprechen sind abgewetzte Taschen, in denen sich gebrauchte Taschentücher befinden. Das, was wir meinen zu besitzen, nämlich die Liebe, glaubt man dem Autor, heißt: Wir befinden uns in einer Sackgasse, aus der wir wohl nicht mehr herausfinden können. Wir müssten längst umgekehrt sein in ein anderes Verständnis von Zusammensein – in ein anderes, wahres und menschliches Empfinden von Vereinigung. Uns dies vor Augen zu führen, bedarf es solcher Autoren wie Günter Herburger. Zu den beeindruckenden Gedichten des Bandes gehören die Porträts von E.E. Cummings und Jakob von Hoddis, denen der Autor auf seine Weise die Reverenz erweist: unsentimental, ohne jedes Pathos. Seit den „Maulwürfen“ und späten Versen von Günter Eich hat es eine solche Art von Anti-Poesie, die das genaue Gegenteil des Erhabenen und Gekünstelten ist, im deutschsprachigen Raum kaum mehr gegeben. Es scheint, als hätte sich ein gewisser, gut informierter Nihilismus mit der Vitalität einer nicht abbrechenden Schaffenskraft verbunden. Und darin liegt sie: die unbändige Lust. Die Lust am Sein, an Werden und Vergehen -und das Zugewandte zu allen Kreaturen, denn: „Wimpertierchen/ haben sieben Geschlechter,/ vermehren sich ewig, sind unsterblich.“ / Tom Schulz, Signaturen

Günter Herburger: Schatz. Liebesgedichte. Gerstetten (Kugelberg Verlag) 2015. 117 Seiten. 18,99 Euro.

Verstehen

Witzig wie manchmal Sachen, die man für selbsterklärend hält, durch schulische Behandlung zu etwas Erklärungsbedürftigem werden. Dieses kurze Gedicht von e.e. cummings etwa:

a politician is an arse upon / which everyone has sat except a man.

Reicht das Offensichtliche nicht aus? Fehlt uns die „tiefere“ Bedeutung? Vielleicht weil man es uns so oft abverlangt, somit antrainiert hat? Man muß nur wissen, was arse heißt. Wohl nicht für jeden so leicht zu verstehen wie für Deutsche. Ich lese:

I did not know the formal definition of arse before reading the poem but arse is defined as the buttocks on the human body.

Das geklärt verstehen wir und übersetzen:

ein politiker ist ein arsch auf dem / jeder schon gesessen hat bloß kein mensch

Möchte jemand einen Aufsatz darüber schreiben?

Anscheinend. Die Leser des Blogs, auf dem ich das fand, diskutieren:

I have long loved and puzzled over his short epigrammatic poem by ee cummings. Thanks for unravelling it.

Und

Totally wrong. You’re dumb

Und

By using the British „arse“ cummings also includes elephants

Oder

However, I had never considered the pun on ass (an ass being the sterile offspring of a donkey and a mule). This implies that a politician lacks that other essential attribute of manhood, sexual potency. But that might be a little inaccurate given the track record of many politicians.

So entsteht Bedeutung, indem wir sie aussprechen. Jetzt ist sie im Kasten.

Reading poetry on Christmas

… might not be a widespread tradition, but maybe it should be. With all the clamor of kids playing with their new toys, family members catching up with one another and basketball blaring on the TV, it’s probably a good idea to reserve a little time to yourself.

If it’s all getting too much for you, feel free to sneak off to a quiet corner and enjoy some of these Christmas poems. / Michael Schaub, Los Angeles Times (mit Links zu 6 Texten, darunter [little tree] von e.e. cummings).

Spam zu Gedichtzeilen!

Die Idee «ee spammings» kann dieses Prinzip zu einer Methode für die Medienpädagogik machen: Der Künstler Martin Krzywinksi präsentiert auf seiner Website Gedichte, die – inspiriert von den Gedichten von E.E. Cummings – aus Spamtexten entstanden sind.

Krziwinski definiert die Regeln für «ee spammings» so:

  • Alle Großbuchstaben werden in kleine umgewandelt.
  • Im Text können Leerzeichen und Zeilensprünge eingefügt werden.
  • Ebenso können Klammern oder Satzzeichen ergänzt oder entfernt werden.
  • Wörter können aus dem Text gestrichen werden.
  • Bestehende Wörter können wiederholt werden.
  • Die Wortform (Zeit, Singular/Plural, …) kann verändert werden.

/ Medienpädagogik

6. Cummings‘ frühe Sonette

Bei Signaturen der dritte Teil des Gesprächs, das Jan Kuhlbrodt mit Günter Plessow führte. Es geht um E.E. Cummings (im Vergleich mit Edna St. Vincent Millay und William Faulkner). Hier ein Auszug zu einem von 63 frühen Sonetten von Cummings aus „Tulips and Chimneys“ (1922):

Er hat sie 1922 in ein umfangreiches Manuskript (ca. 150 Gedichte) aufgenommen, das er Tulips and Chimneys taufte. Tulips steht dabei für die bunte Vielfalt lyrischer Formen, während das Label Chimneys Sonetten vorbehalten bleibt, die quasi wie Rauchzeichen einer neuen Poetik aufsteigen. Diese Gedichte sind sehr frühe Vorläufer einer Methode, die heute De-konstruktivismus genannt wird, denn beides, De– und Konstruktion, sind hier zugleich am Werke. Bestaunen wir nicht nur die Frische und Virulenz dieses Tons, der seinesgleichen nicht hat, sondern auch die drei Rubriken, die er seinen Sonetten zuweist: SONNETS––REALITIES sprechen im Indikativ (und verwenden gelegentlich Slang), sie zeichnen den distanzierten Blick des malenden Dichters auf Umwelt und Gesellschaft und zeigen eine satirische Empathie nicht ohne Sympathie; SONNETS––IRREALITIES handeln quasi im Konjunktiv, es sind Meditationen und Tagträume (und kommen damit der kanonischen Gedankenlyrik der Gattung Sonett am nächsten); SONNETS––ACTUALITIES dagegen sind so etwas wie ein lyrisches Tagebuch der Lust (des männlichen Ichs) am Leben und an der Liebe, in einer Weise allerdings, die alles Sexuelle, das die Sonett-Tradition allenfalls angedeutet hatte, lustvoll konkretisiert.

SONNETS––REALITIES XVII

of this wilting wall the colour drub
souring sunbeams,of a foetal fragrance
to rickety unclosed blinds inslants
peregrinate,a cigar–stub
disintegrates,above,underdrawers club
the faintly sweating air with pinkness,
one pale dog behind a slopcaked shrub
painstakingly utters a slippery mess,
a star sleepily,feebly,scratches the sore
of morning.    But i am interested more
intricately in the delicate scorn
with which in a putrid window every day
almost leans a lady whose still–born
smile involves the comedy of decay,

(veröffentlicht in & [AND], 1925)

SONETTE––REALITÄTEN 17

von dieser welken wand den anstrich splittert
die sonne,die vom foetusduft verdrossen
zu wackeligen blenden,unverschlossnen,
wandert,ein zigarrenstumpf verwittert,
oben erschlagen unterhöschen mit
ihrem rosa die leicht schwüle luft,und
fein säuberlich entledigt sich ein hund,
ein falber,hinterm busch von seinem schitt.
ein stern,verschlafen,kraftlos,kratzt die wunde
des morgens.    Doch mich fasziniert imgrunde
der delikate spott der dame,der
s im mürben fenster täglich fast gefällt;
ihr totgebornes lächeln sagt mir mehr
als die komödie des verfalls enthält,

6. Rediscover Cummings?

But it’s astonishing how far Cummings’s literary star has fallen. When he died in 1962, the only poet more widely read in the United States was Robert Frost. The man whom Ezra Pound called “Whitman’s one living descendant” is rarely read today nor taught much outside the precincts of the high school classroom. We’re overdue for a reexamination of Cummings and his place in the canon — perhaps, this time, something aimed at a general readership, a little chapel of insight and appreciation to encourage a new generation to discover the pleasures of this inventive and bracingly lyrical poet. / Steven Ratiner, Washington Post

86. Stillborn

… ist der Originaltitel des Gedichts von Sylvia Plath aus der vorigen Meldung. Und schon begegnet mir das Wort erneut. Im Gespräch Jan Kuhlbrodts mit Günther Plessow folgendes frühe Sonett von e.e. cummings:
SONNETS––REALITIES XVII

of this wilting wall the colour drub
souring sunbeams,of a foetal fragrance
to rickety unclosed blinds inslants
peregrinate,a cigar–stub
disintegrates,above,underdrawers club
the faintly sweating air with pinkness,
one pale dog behind a slopcaked shrub
painstakingly utters a slippery mess,
a star sleepily,feebly,scratches the sore
of morning. But i am interested more
intricately in the delicate scorn
with which in a putrid window every day
almost leans a lady whose still–born
smile involves the comedy of decay,

(veröffentlicht in & [AND], 1925)

SONETTE––REALITÄTEN 17

von dieser welken wand den anstrich splittert
die sonne,die vom foetusduft verdrossen
zu wackeligen blenden,unverschlossnen,
wandert,ein zigarrenstumpf verwittert,
oben erschlagen unterhöschen mit
ihrem rosa die leicht schwüle luft,und
fein säuberlich entledigt sich ein hund,
ein falber,hinterm busch von seinem schitt.
ein stern,verschlafen,kraftlos,kratzt die wunde
des morgens. Doch mich fasziniert imgrunde
der delikate spott der dame,der
s im mürben fenster täglich fast gefällt;
ihr totgebornes lächeln sagt mir mehr
als die komödie des verfalls enthält,

Hier mehr (mehr Sonette und Kommentare)

e.e. cummings: was spielt der leierkasten eigentlich? Die frühen Sonette, Übersetzung: Günter Plessow, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009

51. Might be the greatest

EE Cummings has a curate’s egg of a reputation. On the one hand, he earns namechecks in everything from sugary Hollywood flicks to bookish Woody Allen scenes (Hannah and Her Sisters) and Björk songs (Sonnets/Unrealities xi). On the other, he’s often seen as pretentious and obscure.

The inclusion of his poems in film and music is usually shorthand for “I am intelligent and sensual, honest.” But when you read the books, you find he’s not difficult or syrupy. In fact, he’s not like any other writer at all.

He’s fresh, funny and cheekily childlike, as well as the master of the tactile, puzzling love poem.

A new complete edition of Cummings’s poetry, edited by George James Firmage, brings together all the poems published or intended for publication in the poet’s lifetime. It charts early ventures in modernism through to his most avant-garde experiments with language. And it gives the impression that he might be the greatest poet of the last century. / Charlotte Runcie, Telegraph

11. Aus dem dogmatischen Schlummer geweckt

Now, imagine approaching poetry as a teenager in 1971. The first poem you read in your English class’ textbook begins:

in Just-
spring when the world is mud-
luscious the little
lame balloonman
whistles far and wee
and eddieandbill come
running from marbles and
piracies and it’s
spring
when the world is puddle-wonderful

And the next one:

Buffalo Bill’s
defunct
who used to
ride a watersmooth-silver
stallion
and break onetwothreefourfive pigeonsjustlikethat

In a flash, the poems jolt you out of your dogmatic slumber.

The lines dance and writhe, alive with electricity and innovation, fueled by a fractured typography, by a short-fused syntax. New words burst onto the page like particles colliding in a physics experiment. The poem’s shape mimics what it says; it builds and breaks with an unpredictable spontaneity and delight, with abandon.

Congratulations. You have just been baptized into the poetic world of E. E. Cummings, and you’ll never steer clear of poetry again.

Instead, you’ll jump at the chance to take part in the making of each poem, to decode its cryptic message tangled in a spider’s web of type, to re-create the swoosh of letters sweeping down the page.

l(a
le
af
fa
ll
s)
one
l
iness

Read more here

(By Arlice Davenport, The Wichita Eagle)

Und fast genauso gings mir, fast zur gleichen Zeit. Nur war es bei mir kein Schulbuch, sondern ein verirrtes Exemplar der 73 poems. Und drei Gedichte springen in meine Anthologie. Ein Frühlings-, ein Amerika-, ein Herbstgedicht.

56. Gestern

… vor 947 Jahren schlug Wilhelm der Eroberer die Engländer in der Schlacht bei Hastings. König Harold II verfolgte die Normannen, wurde aber durch Kriegslist geschlagen und getötet. Am 25.12. wurde William in London zum König gekrönt.

Heinrich Heine schrieb eine Romanze vom „Schlachtfeld bei Hastings“, die so beginnt:

Romanzero. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1851

… vor 119 Jahren wurde Edward Estlin Cummings in Cambridge/ Mass. geboren.

Zwei Kostproben seiner Gedichte aus meiner gestrigen Postmappe (Mail ist ein poetisches Medium):

i carry your heart with me(i carry it in
my heart)i am never without it(anywhere
i go you go,my dear;and whatever is done
by only me is your doing,my darling)

——-

O sweet spontaneous
 earth how often have
 the
 doting
 
                fingers of
 prurient philosophers pinched
 and
 
 poked
 thee
 , has the naughty thumb
 of science prodded
 thy
 
          beauty                  how
 often have religions taken
 thee upon their scraggy knees
 squeezing and
 
 buffeting thee that thou mightest conceive
 gods


41. Eine Stimme von 1937

Als die Gegenbeispiele hervorragender Lyrik, die die Überlegenheit der „traditionellen“ über die „experimentelle“ Lyrik belegen, und zuvörderst über die „pseudo-traditionelle oder ‚literarische'“ Lyrik  (Swinburne, A. E. Housman) und die „pseudo-experimentelle“ (E. E. Cummings), lobt Herr Winters Robert Bridges – „ein besserer Dichter und klarerer („saner“) Mensch als Pound oder Eliot“ –; T. Sturge Moore (war es Max Beerbohm, der ihn einmal als „Schaf im Schafspelz“ titulierte?); und schließlich Bridges Tochter Elizabeth Daryush, „eine der wenigen Großen unter den lebenden Dichtern“.

/ F. Cudworth Flint: A Critique of Experimental Poetry. Rezension zu: Primitivism and Decadence: A Study of American Experimental Poetry. By Yvor Winters. New York: Arrow Editions. $2.50. In: The Virgina Quarterly, Sommer 1937.

105. Der sehr junge Cummings

Cummings interessierte sich sehr früh für die Kunst: Er begann mit 8 Jahren Gedichte zu schreiben und zu zeichnen schon ein paar Jahre früher. Angst vor der leeren Seite kannte er nicht: bis zum 22. Jahr schrieb EE Cummings jeden Tag ein Gedicht.

In seinem Frühwerk mag der Kenner schon Züge seiner späteren Kunst entdecken, etwa die eigenwillige Art der Zeichensetzung. Auf einer Zeichnung stellt der 6- bis 7jährige sich als eine Art Buffalo Bill mit Schnurrbart vor. Als Erwachsener schrieb er ein ironisches Gedicht über den Helden, „who used to / ride a watersmooth-silver / stallion / and break onetwothreefourfive pigeonsjustlikethat“ (hier ganz).

/ Slate

More of Cummings’ early drawings, along with a few written works of juvenilia, are on display at the Massachusetts Historical Society in Boston through Aug. 30.

 

80. Wiedergefundenes Gedicht

In einer schlaflosen Juninacht beim Zwitschern Trillern Krähnen der Vögel, von wenigen Autos und einem Zug begleitet, fallen mir Zeilen aus einem Gedicht von E.E. Cummings ein

now that,more nearest even than your fate
and mine(or any truth beyond perceive)
quivers this miracle of summer night
her trillion secrets touchably alive

und gehen um im Kopf und switchen unkontrolliert zu einem anderen Gedicht des Autors, das ich vor 40 Jahren gelesen und übersetzt habe. Erst als ich aufstand und nachsah, bemerkte ich, daß es ein Sonett ist – in meinem Kopf schien es ganz rund und aus etwa 10 Zeilen zu bestehen, die mir Englisch und Deutsch da waren. Das Gedicht arbeitet nach dem Paarreim des ersten Verspaars nur mit feinen Anklängen, aber mit geradezu wuchtigem Rhythmus, es strömt und suggeriert mir halbwach ein Ganzes.

Ich las es vor 40 Jahren in Rostock, wo die Anglistik zwei Bücher des Autors besaß, den Roman The enormous room und 73 poems. Da ich es nicht kaufen und auch nicht kopieren konnte, schrieb ich es mit Schreibmaschine ab, und in der nachfolgenden Zeit versuchte ich mich an Übersetzungen, die Typoskripte hab ich beim letzten Umzug zuletzt gesehen, längst irgendwo vergraben. Da ich es eh fast komplett im Gedächtnis habe, besinne ich mich auf Mickel („daß Selberdenken [dichten] schneller ist als Nachlesen“), hole mir die Complete Poems und schreibe es neu.

Now i lay(with everywhere around)
me(the great dim deep sound
of rain;and of always and of nowhere)and
what a gently welcoming darkestness—

now i lay me down(in a most steep
more than music)feeling that sunlight is
(life and day are)only loaned:whereas
night is given(night and death and the rain

are given;and given is how beautifully snow)

now i lay me down to dream of(nothing
i or any somebody or you
can begin to begin to imagine)

something which nobody may keep.
now i lay me down to dream of Spring

—-

Ich leg (und überall rundum)
mich (jener dunkle tiefe klang
von regen; und von stets und nirgends) und

wie freundlich mich begrüßend dunkelstheit –

ich leg mich hin (in einer steilst
mehr als musik) und fühl die sonne ist
(der tag das leben sind) geborgt nur: doch
die nacht gegeben (nacht und tod und der regen

gegeben; und gegeben schön der schnee)

ich leg mich hin und träum von (nichts das
ich oder irgend jemand oder du
beginnen zu beginnen nur zu ahnen kann)

etwas das keiner hat er es behält.
ich leg mich hin und träum vom Frühling

Das versuche ich jetzt auch. Und übermorgen wird Sommer.

111. Frühling. Lentz …

selbst hat in „offene unruh“ ein Gedicht namens „kaum frühling“ geschrieben, das er als „janusköpfig“ bezeichnet und das mit den Versen beginnt: „ist der krokus verblüht / was stellt er an das ganze jahr / soll auch ich einfach verschwinden? / jedes jahr dieses große hallo / als sei weiß gott was geschehen.“ Gerade arbeitet er an einem Nachwort zu Gedichten von Jesse Thoor, der, so Lentz, die schönsten Frühlingsverse überhaupt geschrieben habe. Und tatsächlich verblüffen Thoors „Rufe zur Nacht“ durch ihre liedhafte Einfachheit: „Ich, der Dichter Jesse Thoor – / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror! // Wenn der März alle Bäche taut, / singe ich wieder laut! / Du meine hohe Braut! // Singe ich dein Herz gesund! / Du meines Sterbens Grund! / Küsse ich deinen Mund!“

Und auch Dirk von Petersdorffs Empfehlung ist hochgradig inspirierend – das betörende Gedicht „Fastfrühling“ von E. E. Cummings: „im Fast-/frühling“, beginnt es, „ist die welt schlamm-/selig und der kleine / lahme luftballonmann / flötet weit und winzig.“ / Uwe Ebbinghaus, FAZ (mehr Frühling mit Hans Magnus Enzensberger, Nora Gomringer, Christoph Buchwald, Marion Poschmann, Silke Scheuermann, Oleg Jurjew

Eine exklusive Lesung mit eigenen und klassischen Frühlingsgedichten von Silke Scheuermann, Nora Gomringer und Oleg Jurjew finden sie im Internet unter www.faz.net/frühlingslyrik.

 

105. Grün übersetzen


NOTA IMPORTANTE 
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sagt eine Seite, die ein Gedicht von Federico García Lorca als Songtext veröffentlicht:

Verde que te quiero verde
verde viento verdes ramas
el barco sobre la mar
el caballo en la montaña.

Verde, que yo te quiero verde.

Con la sombra en la cintura
ella sueña en la baranda
verdes carne, pelo verde
su cuerpo de fría plata.

Compadre quiero cambiar
mi caballo por tu casa
mi montura por tu espejo
mi cuchillo por tu manta.

Compadre vengo sangrando
desde los Puerta de Cabra
y si yo fuera mocito
este trato lo cerraba.

Pero yo ya no soy yo,
ni mi casa es ya mi casa
dejadme subir al menos
hasta las altas barandas.

Compadre, quiero morir,
decentemente en mi cama.
De acero, si puede ser,
con las sábanas de holanda.

Compadre donde está dime,
donde está esa niña amarga
cuantas veces la esperé
cuantas veces la esperaba.
(1928)

(offenbar eine Songfassung) und diese Sprachen anbietet:

Bildschirmfoto 2013-04-27 um 16.48.00

Ich probiere es also Deutsch und erhalte:

Grüne Ich möchte Sie grün
Wind grünen grünen Zweigen
das Schiff auf dem Meer
das Pferd auf dem Berg.

Grüne Ich möchte Sie grün.

Mit dem Schatten um ihre Taille
sie träumt auf der Schiene
grünem Fruchtfleisch, grüne Haare
Ihren Körper von kaltem Silber.

Compadre ändern wollen
mein Pferd für Ihr Haus
meinen Sattel für Ihren Spiegel
mein Messer für Ihre Decke.

Compadre kommen Blutungen
Ziege von Tor
und wenn ich ein Junge
Ich schloss dieses Angebot.

Aber ich bin nicht ich,
noch ist jetzt mein Haus mein Haus
mir klettern mindestens
bis zu den hohen Balkon.

Freund, ich will sterben,
anständig in meinem Bett.
Stahl, wenn möglich,
mit Bettwäsche aus Leinen.

Compadre wo Sie mir sagen,
wo das Mädchen bitter
wie oft erwartet
so oft wie erwartet.

Gar nicht einmal so schlecht. Fast politisch (Grüne, ich möchte Sie grün). Fast poetischer als Enrique Beck:

gruen

Die letzte Strophe dieser Fassung übersetzte Beck so:

„Sag mir doch, Gevatter, wo,
wo ist deine bittre Tochter?“
„Wievielmal sie deiner harrte!
Harrte deiner, ach, wie oft!“

Das kann Google besser, ganz ohne Zigeunerromantik:

Compadre wo Sie mir sagen,
wo das Mädchen bitter
wie oft erwartet
so oft wie erwartet.

Ein kleines Wortfest an einem sonst kühlen Apriltag. Paßt auch, weil nach Cummings im Frühling die Dinge Leute tun (und nicht umgekehrt). Also hopp, beide Fassungen in meine Anthologie!

Lorcas Originalgedicht heißt „Somnambule Romanze“, aus den „Zigeuner-Romanzen“. Hier gibts zum Vergleich die Fasssungen von Enrique Beck und Friedhelm Kemp, hier das Original.