Kategorie: Polnisch

Chronik des Tages

Tadeusz Peiper Aus: Chronik des Tages 5 Die Agentur P.O.E.T. berichtet: In einem Poznaner Tageblatt wird in Kürze der Artikel eines journalistisch glanz- vollen Kopfes erscheinen, darin tritt der Verfasser den literarischen Kritikern auf die Zehen, dafür, daß sie den engen Zusammenhang nicht sehen…

Ein Dichter höchst politischer Natur

Julian Tuwim (* 13. September 1894 in Łódź; † 27. Dezember 1953 in Zakopane) Politische Jamben Sie sagen – sehr geehrter Herr -, daß mich die Politik nicht ziert. Denn Magier, Alchimist sei ich vielmehr, der Wortessenz im Tiegel destilliert: ein Fabrikant von zaub’rischer…

Erinnerung an das vorvorige Jahrhundert

Adam Asnyk (* 11. September 1838 in Kalisch, Russisch-Polen; † 2. August 1897 in Krakau) Erste Strophe eines Gedichts DEM XIX. JAHRHUNDERT Zeit ohne Zukunft, ohne Tagvertrauen, Die uns am Abgrund düster hingestellte Lehrmeisterin in Nichtigkeit und Grauen, Dem Geiste Martergruft und Grabeskälte; O…

Ein Scherz ist alles nur

Jan Kochanowski (* 1530 bei Radom; † 22. August 1584 in Lublin) EPIGRAMME I, 3 ÜBER DAS MENSCHLICHE LEBEN Ein Scherz ist alles nur, was immer wir ersinnen, Ein Scherz ist alles nur, was immer wir beginnen; Kein Ding auf dieser Welt bleibt je…

ich bin

Miron Białoszewski (* 30. Juni oder 30. Juli 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda)* laut polnischem Wikipedieeintrag ICHBINS BEWEIS ich bin ich bin dumm was soll ich tun ach was soll ich tun wie nicht wissen ach was weiss ich was ich…

Notre Dame

Poesiealbum 147. Julian Przyboś. Berlin: Neues Leben, 1979, S. 13

Inschrift

Julian Przyboś (* 5. März 1901 in Gwoźnica Dolna/Powiat Strzyżowski; † 6. Oktober 1970 in Warschau) NAPIS II Zamówiłem na ziemi stos dla siebie u słonca. Mowo, niesłowną jasność ocal. INSCHRIFT II Von der Sonne hab ich mir einen Brandstoß auf der Erde ersprochen….

Gute Nacht

Adam Mickiewicz (* 24. Dezember 1798 in Zaosie bei Nowogródek, heute Weißrussland; † 26. November 1855 in Konstantinopel, Osmanisches Reich) Diese Polen! Verkaufen ihre klassischen Gedichte als Popsongs! Auch an mich, es ist schon ein paar Jahrzehnte her, in den Siebzigern, da kaufte ich…

Lagergebet aus Ravensbrück

Urszula Wińska Lagergebet (Pacierz obozowy) Vater unser, der Du bist im Himmel Und siehst unser heimatloses Leben, Nimm uns in Obhut, Deine treuen Kinder, Stille die Tränen, die unsere Seele trüben. Geheiligt sei Dein Name hier auf fremder Erde, Wo wir dem Vaterhaus gewaltsam…

Über Zentauren

Zuzanna Ginczanka, ursprünglich Zuzanna Polina Gincburg oder Zuzanna Pola Gincburżanka, * 22. März 1917 in Kiew, dam. Russisches Kaiserreich; † Dezember 1944 in Krakau, war eine polnische Lyrikerin. Sie wurde von der Gestapo verhaftet, gefoltert und erschossen.

Adam und Eva

Anna Kamieńska (* 12. April 1920, Krasnystaw, Polen, † 10. Mai 1986, Warschau) Adam und Eva „Vertrieben aus meinem Wetterleuchten, aus Regenguß, Donner, Frost und Feuer.“    „Vertrieben aus der Krippe des Lichts,    aus Nebeln, Stille, schaukelnden Kräutern.“ „Aus Unwissenheiten, Traum und Nichtsein, vertrieben mit…

Solange wir leben

Julian Przyboś (* 5. März 1901 in Gwoźnica Dolna/Powiat Strzyżowski; † 6. Oktober 1970 in Warschau) Solange wir leben Kanonendonner, blutroter Feuerschein, lodernd, als bräche der Himmel ein. Hilflos, von Granaten zu Boden geschmissen, fleh ich um Gnade, um ein Gewehr! Schrei wie ein…

Zwei Hostien auf meiner Zunge

ALICJA RYBAŁKO   Die polnische Sprache ist voller RascheIn Die litauische voller Zischeln. Wie die Schlange auf trocknen Blättern zwei Hostien auf meiner Zunge. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall Język polski jest pełen szelestów, Iitewski zaś – pełen syków. Jak żmija na suchych…

Seismologie

ALICJA RYBAŁKO Seismologie Zuerst fliegen die Minderheiten weg. Dann beginnt die Intelligenz zu flattern. Schließlich bricht das Volk zum Flug auf. Als letztes erwacht die Regierung. In der Regel erst nach dem Erdbeben. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall Seismologia Najpierw odlatują mniejszości. Potem…

Erbsen enthülsen

Urszula Kozioł Die Frauen — ich denke an die mit hängenden Brüsten, Frauen wie Känguruhweibchen — mit gierigen Händen enthülsen sie die Erbsen, drohend dem Himmel mit den Füßen in der Erde. Die Männer teilen die Globen, wie wir Brot teilen, unfruchtbar ist ihr…