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56. Lyrikertreffen ohne Walcott
Derek Walcott, Literaturnobelpreisgewinner des Jahres 1992, wäre einer der prominentesten Gäste in der Geschichte des Lyrikertreffens Münster gewesen. Laut Wallmann leidet der 83-Jährige so schwer unter den Folgen eines Schlaganfalls und seiner Zuckerkrankheit, dass er seine karibische Heimat St. Lucia nicht verlassen kann. (…)
Der Organisator hofft, dass das Publikum am Samstagabend auch neugierig auf die weiteren bedeutenden Gast-Dichter ist (Nora Gomringer, Durs Grünbein, Ursula Krechel) – und dass das gleichzeitige Champions-League-Finale Bayern-Dortmund der Lesung nicht sämtliche Zuschauer raubt. / Münstersche Zeitung
Das Treffen findet vom 23.-26.5. statt. Programm
46. Kolossales Echo
Durs Grünbeins Bücher werden viel gelobt und viel gescholten. Rezensent Michael Opitz meint, in dem neuen Band “Koloss im Nebel” gehe es “darum , den Blick zu schärfen und das Gehör zu schulen”. Seine Besprechung im DLF beginnt mit dem Eingangsgedicht
Interieur mit Eule I
Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real.
Jeder Augenblick unergründlich, die Welt
Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne.
In der Hand eine Münze – mein Talisman.
Siebzehn Gramm Silber, reines Symbol.
Eule, erleuchte mich, öffne die Augen.
Tier auf der Tetradrachme aus Attika, hilf.
und endet:
In “Koloss im Nebel” begegnet man einem Poeten, der, als genauer Beobachter, sehr behutsam in einem Terrain ausschreitet, das Gefahr läuft zu verschwinden. Grünbein sieht und benennt die Bedrohungen. Er tut es selten direkt, weil ihm diese Position lyrischen Sprechens nicht angemessen erscheint. Aber die großen Bögen, die er in seinen Gedichten zwischen Antike und Moderne zu spannen versteht oder seine Dinggedichte, die sich Zartestem nähern, erheben Einspruch gegen den Mahlstrom der Zeit. Inmitten einer Geräuschkulisse, die versessen darauf hört, wie der Geldstrom fließt, stören die leisen Töne, die Durs Grünbein anstimmt. Doch gerade das macht den Wert eines gelungenen Gedichts aus – und solche Gedichte gibt es in diesem Band zu entdecken, der ein großes Lesevergnügen ist.
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Gedichte. Suhrkamp Verlag. Berlin 2012. 225 Seiten. 25,00 Euro.
101. Grünbein wie ein Hund (19 zu 70)
Eine schöne Idee*: „Lyrikerinnen und Lyriker der Gegenwart stellen sich vor“. Dirk von Petersdorff legt 19 Gedichte von Frauen und 70 von Männern vor, die die sich ausgesucht hatten, um zu sagen, zu zeigen, wer sie sind. 17 von ihnen sind vielleicht nicht für diese Sammlung geschrieben, aber hier doch erstmals veröffentlicht. Wolf Wondratscheks Gedicht zum Beispiel hat er zwar geschrieben, stammt aber, wie hinten bei den Nachweisen erklärt wird, aus dem Besitz von Dr. med. Wolfgang te Breuil. Man stellt sich vor, wie Wondratschek seinem Arzt Gedichte geschenkt hat wie mancher Maler mit seinen Bildern Rechnungen bezahlt. Vielleicht aber ist es ein Geschenk unter Freunden, und es gibt überall auf der Welt bisher unveröffentlichte Gedichte von Wondratschek, die er verstreut hat. Einfach aus Lebensfreude. Dieses hier ist ein Gedicht vom Ende, ein Gedicht auch wie von Descartes:
„Es kommt vor, daß wir in Zügen sitzen,
die durch die gelbe indische Nacht fahren.
Wir haben aufgehört zu schlafen.
Wir glauben nicht mehr, daß wir träumen.
Ja, es kommt vor! Es kommt vor, daß es dort,
wo wir hinfahren, keine Bahnhöfe mehr gibt,
keine anderen Reisenden außer uns,
am Ende nicht einmal mehr den Zug,
in dem wir sitzen.“
Der älteste Dichter in diesem Band ist Günter Grass, Jahrgang 1927. Die jüngste Autorin Theresa Hahl, geboren 1989 in Heidelberg. Sie hat eines der längsten Gedichte beigesteuert und auch das mit der längsten Zeile: „spült das auch immer ein bisschen gefühl durchs rippengemühl“. Theresa Hahl steuert auch das längste Wort bei: „ventrikelverdichtungsverschluss“ und sie spricht vom „gefühlsbausatz mensch“. (…) Der Versuch, sich den Gefühlen zu nähern, sie – frei von aller Empathie – zu verstehen, ist heute so reizvoll und nötig wie vor zweihundert Jahren. Die alphabetische Anordnung der Autoren fügt es, dass gleich nach Theresa Hahl Ulla Hahn kommt und sofort ist ein ganz anderer, ein gegensätzlicher Ton da:
„Für
All die geschundenen Körper zerrissenen Seelen
Gesichter ohne NAMEN ohne Gesicht“
Es macht den Reiz solcher Sammlungen aus, dass der Leser sehr Unterschiedliches, Popsongs und Durs Grünbein, zu sehen bekommt, dass er sich wie ein Hund hinlegen kann, wo er gerade Lust hat. / Arno Widmann, FR
*) sagt Arno Widmann
83. Schalom, Durs Grünbein!
Ihrem jüngst in der FAZ erschienenen Gedicht »Die Reise nach Jerusalem« entnehmen wir die Information, daß Sie wieder einmal weit herumgekommen sind: »Durchs Jaffator strömten die Pilgerscharen. / Es wundert mich, daß wir darunter waren.«
Uns nicht. Ihnen selbst mag es vielleicht noch nicht aufgefallen sein, aber uns ist seit Jahren bekannt, daß Sie kaum eine antike Stätte auslassen, von deren Begehung und Bedichtung Sie sich eine Mehrung Ihres Ruhms als Weltenbummler versprechen, dem zu jedem Baudenkmal etwas Tiefsinniges einfällt. Auch wenn Sie es dann nur in holprige und unbeschreiblich stümperhaft gereimte Verse kleiden können: »Am Herodestor war es still. Bis ein Knacken / Im Lautsprechertrichter alle Gläubigen packte. // Wie gut, daß sich abends das Licht erbarmt. / Um den Felsendom kreiste ein Taubenschwarm.« / Titanic
130. Wie beim Griechen
Mit den Gedichten von Durs Grünbein ist das immer so eine Sache: Zu viel davon, und man fühlt sich wie nach einem Besuch beim Griechen um die Ecke, wo man die gemischte Grillplatte für zwei Personen verzehrt hat – allerdings allein. Schwer liegen die lyrischen Kalorienbomben im Magen, dazu kommt ein leicht papierner Nachgeschmack. Gegen das Sodbrennen hilft eigentlich nur eine lakonische Zeile von Günter Eich: »Zuviel Abendland, verdächtig.« / Christof Siemes, Die Zeit
Durs Grünbein: Koloss im Nebel
Gedichte; Suhrkamp Verlag, Berlin 2012; 226 S., 25,00 €
10. Koloss im Nebel
Mit seinem epochalen Gedicht-Zyklus “Variation auf kein Thema” gab er in seinem Gedichtband “Falten und Fallen” (1994) die entscheidenden Takte vor für seinen “Biologischen Walzer”, der ein paar Jahre lang zum Gradmesser für avancierte Dichtkunst wurde. Bereits mit 33 Jahren wurde Durs Grünbein 1995 mit dem Büchner-Preis bekränzt und im gleichen Atemzug zum lyrischen “Götterliebling” ausgerufen. Danach folgte die historizistische Wende in seinem Werk, die Rückbesinnung auf die Geisteswelt der römischen Antike. Beim Versuch, “einige Atemlängen zwischen Antike und X” auszumessen, entschied sich der zuvor so gegenwartsversessene Autor für den Rückmarsch in die Bewusstseinsformen des römischen Stoizismus. Die Abgeklärtheit des Philosophen Seneca und der grimmige Sarkasmus des römischen Satirikers Juvenal adoptierte Grünbein dabei als philosophischen Universalschlüssel für die Beobachtung der Gegenwart. Die literarischen Früchte dieser Rom-Nostalgie bespöttelte sein früh gestorbener Antipode Thomas Kling als “Sandalenfilme aus den Grünbein-Studios”.Die bildungstouristisch aufgepolsterte Antike führte den Dichter im Huldigungs-Opus an Rom (“Aroma”, 2010) an einen literarischen Tiefpunkt.
Nun taucht der “Koloss im Nebel” auf. Der Titel seines umfangreichen Gedichtwerks verheißt die neuerliche Erscheinung einer antiken Großmetapher. Denn dieser Koloss von Rhodos, den das Titelgedicht des neuen Bandes bei einer Fahrt durch die Inselwelt der Ägäis passiert, gibt wieder Anlass zur antikisierenden Grübelei. Wer indes die sieben Abteilungen des Buches aufmerksam studiert, wird nicht nur Beispiele für Bildungsbeflissenheit finden, sondern auch bewundernswerte Exempel einer großen ästhetischen Einbildungskraft. Noch immer ist da die Eleganz der Blankverse und Hexameter, mit denen Grünbein den Versfluss zu organisieren weiß. Grünbein hat ein sicheres Gespür für die gebundene Rede, nicht zufällig hat er einmal seine Dichtung als “Philosophie in Metren” definiert. / Michael Braun, Badische Zeitung
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 230 Seiten, 26,90 Euro. Lesung: Der Autor liest am 7. November um 20 Uhr im Wintererfoyer des Freiburger Theaters. Die Moderation übernimmt BZ- Redakteurin Bettina Schulte.
114. Zerbrochen
Im Frankfurter Literaturhaus sprach Durs Grünbein mit der Literaturkritikerin Insa Wilke über seinen neuen Lyrik-, nein, Gedichtband, denn: „Die Lyra ist zerbrochen, die Lyrik ist gestern gestorben.“ Der Prosa prophezeite der Dichter aus Berlin eine große Zukunft als Ergründerin der menschlichen Psyche – vor allem dem gängigen Familienroman, nach dem ihn Hausherr Hauke Hückstädt gefragt hatte. Für ihn aber sei der Vers die Vertiefungsform schlechthin. / Claudia Schülke, FAZ
44. Dürener Förderung
Die Stadt Düren hat einen Namen in der Kunstförderung. Eine private Stiftung vergibt u.a. Stipendien an junge Künstler, die 2 Jahre lang jeden Monat 1250 Euro erhalten und, man höre, “Die Stipendiaten sollten möglichst im Umkreis von etwa 1.000 km von Düren leben und arbeiten.” Sollten, möglichst”…, damit können viele leben. (Quelle)
Von einem Dürener Förderstipendium für Lyrik konnte ich bei Google nichts finden. Und doch scheint es zu existieren. Die Edition Azur informiert bei Facebook über ein Förderstipendium für Nancy Hünger in Höhe von 6000 Euro. So, nun findet es auch Google (wenn es nicht von Frau Wulff geschlossen wird).
Im Bereich Literatur des Kunstfördervereins bildet die Lyrik zweifelsohne den Schwerpunkt der Arbeit. Neben der Kammermusik ist sie die zweite tragende Säule der Kulturarbeit des Vereins.
Begonnen wurde die Reihe “Der Lyrik eine Gasse” im September 2002 mit einer Lesung von Sarah Kirsch im Töpfereimuseum in Langerwehe. Danach sind wir aus räumlichen Gründen nach Schloss Burgau umgezogen. Dort stellt uns die Stadt Düren als Veranstaltungspartner den Konzertsaal für Lesungen zur Verfügung. In dieser Reihe waren viele berühmte Namen in Düren zu Gast. Zu nennen sind u.a. Hilde Domin, Christoph W. Aigner , Durs Grünbein, Arnold Stadler, Ulla Hahn, Silke Scheuermann, Dirk von Petersdorff, Jan Wagner, Raoul Schrott, Wolf Wondratschek und Norbert Hummelt. / Kunstförderverein Düren
Mehr:
Seit der Gründung des Vereins „Heinrich-Böll-Haus Langenbroich e.V.“ im Jahr 1989 konnten inzwischen über 150 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, bildende Künstlerinnen und Künstler, Komponistinnen und Komponisten aus Asien, Afrika, Lateinamerika, Südost- und Südeuropa in das ehemalige Wohnhaus der Familie Böll in der Eifel eingeladen werden.
Die bewährte Zusammenarbeit zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung, der Stadt Düren und dem Land Nordrhein-Westfalen ermöglichte den aus vielfach bedrängten Situationen kommenden Gästen, für einige Zeit finanziell abgesichert und frei von staatlicher Kontrolle oder Verfolgung kreativ und ungestört arbeiten zu können. Zusätzlich konnte 2003 die Zusammenarbeit in einem europaweit entstandenen Netzwerk von Institutionen, die politisch verfolgten Autorinnen und Autoren Hilfe anbieten, konnte erfolgreich fortgesetzt werden.
Gäste im Böllhaus kamen 2012 aus Syrien, Bahrein (Qassim Haddad), Rußland und Serbien. / mehr
In Düren geboren: Bruno Hillebrand, Michael Lentz (sowie etliche Fußballer, Politiker vieler Couleur etc.)
Zeitweilig in Düren lebten: Karl der Große, August Stramm
73. Harsch
Fritz J. Raddatz in der Welt über Durs Grünbein (und Gernhardt und manche andere): “Meister der Plauderpoeme” – “Gedichte, begreifbar wie Fernsehnachrichten, aber aufgeputzt wie für den Souvenirladen: Was ist nur bei Durs Grünbein schief gegangen?”
Er wird ausgerufen zu einer “der markantesten Stimmen deutscher Dichtung unserer Zeit”. Vollmundiger PR-Unsinn. Wie schon seit langem und an diversen Publikationen zu beobachten: Grünbein gelingen gelegentlich recht beachtliche Gedichte – ein stringentes poetisches Werk gelingt ihm nicht. (…)
Durs Grünbein aber ist eilfertig. Ein schönes Gedicht wie “Paroxysmen an der Abendkasse” zerstört er durch edle Gebärde; da “flüstert Blattgefieder was von Kambrium”. Derlei ist ein regelrechter Defekt seiner poetischen Architektur – halbgebildete Verblüffungseffekte stören jegliche Stille.
(…)
Die zweite Ursache muss man wohl in der Eilfertigkeit dieser Gedichtproduktion sehen, eine Art Haftminenexplosion; wo und was immer auf der Welt passiert – man kann bei diesem Autor offenbar telefonisch einen gedichteten Kommentar bestellen. Daran scheiterte schon die Begabung von Erich Fried. Eklatantes Beispiel wäre Grünbeins “Ekloge” vom Juni dieses Jahres. Da werden den Herren Theseus, Apollo, Hermes und den Damen Galene, Arethusa, Galatea – “alle in bester Partystimmung” – Kommentare zum griechischen Finanzchaos und Insinuationen der deutschen Ungerechtigkeit in den Mund gelegt. Ein rasch zusammengetrommelter Stammtisch.
Mit der Wirklichkeit hat dies seufzende Abrakadabra nichts zu tun. Die hat Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, in dem kurzen Statement kenntlich gemacht, die Griechen müssten eigentlich nur ihre Steuern zahlen, dann wäre die Krise schon erledigt. Beleidigung der Griechen? Nun hat aber Nikos Lekkas, seit 2010 Leiter der griechischen Steuerfahndungsbehörde SDOE diese Erklärung seinerseits mit kargen zwei Sätzen untermauert: “Die Steuerflucht in Griechenland erreicht zwölf bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das sind 40 bis 45 Milliarden Euro im Jahr. Wenn wir davon auch nur die Hälfte eintreiben könnten, wäre Griechenlands Problem gelöst.”
So viel Wirklichkeit stört offenbar nur. Lieber schunkelt man sich, dazu ist man schließlich Dichter, eine hübsche kleine Illusion zurecht. Die zu verkünden nimmt Durs Grünbein selbstsicher Platz neben Ovid. Wohin er nicht gehört. Der scharfzüngige Karl Kraus wusste: Steht die Sonne tief, werfen auch Zwerge lange Schatten.
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Suhrkamp, Berlin. 200 S., 22,95 Euro.
18. Ludovisischer Traum
In der Rubrik “Das neue Gedicht” veröffentlicht Die Welt das Gedicht “Ludovisischer Traum” von Durs Grünbein (aus dem Band “Koloß im Nebel”, der Mitte August bei Suhrkamp erscheint).