Die Dichter kommen

Die Neue Zürcher informiert:

Während Jahrhunderten besangen die Dichter den Mond, dann kam Durs Grünbein und entzauberte die hüpfenden «Mondkänguruhs» mit Ironie.

und

Lyrik steht derzeit hoch im Kurs beim Publikum. Sogar Jan Wagners Gedichtband stand jüngst wochenlang auf der Bestsellerliste. Es gibt Gründe für den Erfolg.

Und überhaupt

Gedichte sind gross im Kommen. Nicht erst mit Guardiola. Er reitet gleichsam mit auf der Lyrik-Welle.

Aber es geht nicht um Ironie, der Artikel von Roman Bucheli bietet vieles auf. Ein paar Klischees sind auch dabei, so wenn über Jan Wagners Erfolg gesagt wird:

Das Buch stand danach viele Wochen auf der Bestsellerliste (und erregte allein darum Argwohn in Lyriker-Kreisen).

Auch wenn viel von Neid die Rede ist und Neid wohl auch ein Antrieb ist (soweit ich sehe, nicht nur negativ, und nicht nur bei Lyrikern), schade findet die Lyrikzeitung doch, wenn das Klischee von der neiderfüllten Lyrikszene immer wieder aufgewärmt wird und das Feuilleton wenig Lust hat auf (oder Ahnung von) verschiedene(n) und gegensätzliche(n) Konzeptionen und Szenen statt immer nur „der Lyrikszene“ mit ein paar Erfolgreichen und hundert Neidhammeln. Liebe Kritiker: bitte hingehen, hinsehen und unterscheiden. – Auch das folgende ist nicht ganz falsch und doch nicht ganz richtig:

Kleinverlage von Luxbooks über Kookbooks bis Poetenladen veröffentlichen Gedichtbände ebenso wie die alten grossen Verlage von Hanser bis Suhrkamp.

Ja, bitte, welche, wie viele zwischen Hanser und Suhrkamp denn noch?

Aber es gibt weit mehr in dem lesenswerten Artikel. Einige Zitate zu Autoren. Felix Philipp Ingold:

Seine Verse stehen bald senkrecht, bald horizontal auf der Seite, einmal stehen sie ganz unten und dann wieder ganz oben. Sie bilden insgesamt ein Gitter, in dem sich fängt, was die Verse gerade noch andeuten: «Der Schmerz tut bloss, was er muss; und nie stimmt er.»

Carolin Callies

erweitert nicht nur das lyrische Vokabular im Umgang mit dem Körper, sondern diesen selbst, indem sie ihn sprachlich neu formt: «du schaffst neues körpermaterial, eine mischung aus schuppen / & haar, aus knete & lehm, aus sprotten & stippen.» Das weitet sich zu einer doppelten Schöpfungsgeschichte, indem hier die Kreatur ebenso wie die Sprache erforscht werden.

Marcus Roloff:

Als ein Kundschafter des urbanen Lebens wandert derweil Marcus Roloff mit dem Band «reinzeichnung» durch eine Gegenwart, die ihre präzisen Konturen längst eingebüsst hat. Mit einer Verlustanzeige beginnt Roloff: «im leeren raum / versagt mir das licht.» Die Inventur im Lebensraum des Alltags gelingt nurmehr bruchstückhaft.

Angela Krauss und Christian Lehnert:

Während der 1969 in Dresden geborene Lehnert in seinem Stundenbuch der biblischen Reflexion mit Engeln «auf Geisterfahrt» geht oder noch einmal den Dornbusch brennen lässt, wendet sich die Leipzigerin Angela Krauss ganz in den Innenraum der privaten Erinnerung: Sie blättert das Familienalbum auf, zeigt Fotografien aus früher Kindheit, begleitet sie mit Versen («Ich bin ein Kind, / aber nicht dieses. / Ich bin das andere, / das mich bewohnt.») – und schreibt überdies ein berührendes Epitaph auf ihren Vater: «Mein Vater ist jung, / jünger als ich, unsterblich. / Er durchstreift die Wälder des Stechlin / in seinen gelbbraunen Slippern mit der Budapester Steppung. / Sein Leben hat er einst hier zurückgelassen, / wie ein Kleiderbündel am Ufer samt Schuhen.»

Schlußsatz:

Heraus aus der Deckung der schönen Verse!, so lautet die Devise der Dichter und poetischen Enzyklopädisten in diesem Frühjahr und Sommer.

Eine Auswahl neuer Lyrik

  • Margret Boysen: Flucht vor der Laternenordnung. Edition Rugerup, Berlin 2014. 94 S., Fr. 24.40.
  • Carolin Callies: fünf sinne & nur ein besteckkasten. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2015. 111 S., Fr. 27.90.
  • Nora Gomringer: Morbus. Verlag Voland & Quist, Dresden 2015. 64 S., 1 CD, Fr. 25.90.
  • Durs Grünbein: Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2015. 151 S., Fr. 28.90.
  • Felix Philipp Ingold: Nee die Ideen. Pataphysische Fermaten. Matthes & Seitz, Berlin 2014. Fr. 31.90.
  • Ulrich Koch: Ich im Bus im Bauch des Wals. Edition Azur, Dresden 2015. 112 S., Fr. 26.90.
  • Uwe Kolbe: Gegenreden. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2015. 171 S., Fr. 27.90.
  • Angela Krauss: Eine Wiege. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2015. 119 S., Fr. 26.90.
  • Christian Lehnert: Windzüge. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2015. 113 S., Fr. 26.90.
  • Marcus Roloff: reinzeichnung. Wunderhorn-Verlag, Heidelberg 2015. 79 S., Fr. 24.90.

2 Comments on “Die Dichter kommen

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: