Gegenwartsliteratur feldtheoretisch

Michael Braun über Heribert Tommeks Studien zum literarischen Feld Gegenwartsliteratur:

2. (…) Der Avantgarde-Autor will mit seinem Werk nicht mehr Epoche machen, sondern sein Material erforschen oder Geschichte schreiben. An der lyrischen Entwicklung von Kling und Grünbein und deren unterschiedlichem Sprach- und Medienverständnis lässt sich das gut veranschaulichen.

5. Wer sich mit Neuem in der Öffentlichkeit, in Kritik und Wissenschaft bewährt hat, der wird zum Autor und dessen Texte werden zum Werk, im besten Fall mit höheren Weihen („Priester“). Wer den „Avantgardekanal“ ohne diesen Erfolg durchläuft, der bleibt in einer Kulturnische („Prophet“) oder tritt mit populärkultureller Autorität als „Bohèmien“ oder „ethnokultureller Zauberer“ in die Mitte des Marktes.

Man muss sich auf dieses Begriffsraster, unterstützt mit Abbildungen, einlassen, um dem nicht einfachen Argumentationsgang der Studie zu folgen. Auch an die 2.000 Fußnoten tragen nicht gerade zur flüssigen Lesbarkeit bei. Doch die Feldtheorie zeigt sich so auf der Höhe ihres literarischen Gegenstands. Mag auch manches auf dem langen Weg in diese Gegenwartsliteraturtheorie abhanden gekommen sein (wo ist Walter Kempowskis Erinnerungs- oder Patrick Roths Bibelarchäologie geblieben?) – dieses Buch enthält eine Fülle von Anregungen und ist sattelfester als viele eingängige Gegenwarts-Kapitel in Literaturgeschichten.

Heribert Tommek: Der lange Weg in die Gegenwartsliteratur. Studien zur Geschichte des literarischen Feldes in Deutschland von 1960 bis 2000.
De Gruyter, Berlin ; München ; Boston, Mass. 2015.
620 Seiten, 129,95 EUR.
ISBN-13: 9783110352702

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