Lange nicht gelüftet

[Durs Grünbein] ist mit dem Flieger aus Rom gekommen, wo er lebt. Was bekommt er aus Deutschland mit? „Ich verfolge das wie ein Länderspiel“, sagt er. Also: Welche Fanbewegungen gibt es, wo kommen die alle her, die ausgerechnet in Dresden den Schulterschluss derer bilden, die sich für das Volk halten? Und die die schöne Kulisse für ihren nationalistischen Kokolores nutzen. „Wenn ich Stadtoberer wäre“, sagt Grünbein, „würde ich die Marke schützen und dafür sorgen, dass die nicht hier an den touristischen Hotspots aufmarschieren.“

Denn wie absurd ist das? Eine Stadt, die einmal zu den großen des durch Königshöfe und feudale Kulturexporte vernetzten Abendlandes gehörte, als Austragsort für Leute, die in ihrem Größenwahn alles kleiner haben wollen? Dabei wirbt die Stadt mit dem größten aller Liebhaber, der sich seinerzeit in Dresden, wie Grünbein sagte, die Geschlechtskrankheit holte. Und sind die Dresdner Marketing-Leute nicht zu küssen für den Slogan, der für die Benutzung der Straßenbahn mit diesem Satz wirbt: „Nur Casanova kam hier öfter?“

Auch diese elegante Reverenz ist ja eine Form des Bürgerstolzes. „Wenn man Lokalpatriotismus messen könnte, hätte Dresden den größten Ausschlag“, sagt Grünbein. Der Stolz auf den Mythos Dresden, das 1945 von Fliegerbomben pulverisiert wurde, er hängt natürlich auch mit dieser Zerstörungsarie zusammen. „Das war nicht einfach der Untergang einer Stadt, das war Pompeji und Ninive – etwas ganz Großes.“ Für unverwundbar hätten sie sich lange gehalten, die Dresdner. Obwohl am Stadtrand die Rüstungsindustrie angesiedelt war, die Feinmechanik für die Kriegsmaschine. Am Ende standen sie aber eben doch auf der Bombardierungsliste. Aber Dresden wurde wieder aufgebaut, und es ist beinahe so schön, wie es mal war. Nach der Wende fühlte sich die halbe Republik zuständig für das Schätzchen an der Elbe, und es waren nicht nur Ostdeutsche, die ihre Frauenkirche wieder stehen sehen wollten. Also bitte noch einmal: Warum ist das plötzlich der Ort der Degradierten und Unzufriedenen geworden – was hat euch denn so bitter gemacht?

Durs Grünbein fragt das als jemand, der die Grundierung dieser Stadt kennt; er ist hier 1962 geboren, wuchs im Vorort Hellerau auf – eine Kindheit zwischen Künstlerdorf und Großstadt, er beschreibt sie in seinem neuen Buch „Die Jahre im Zoo“, das demnächst bei Suhrkamp erscheint. Grünbein erlebte hier die letzten Jahre der DDR, er sah, wie die Proteste in Dresden 1989 besonders brutal eingedampft wurden. Aber es gab eben auch den „Zorn der Eingeschlossenen“, wie Grünbein die Entladungen nennt, die letzten Endes die Stadt befreit hatten. Und jetzt sagt Grünbein den Satz, der einen umgehend durch die noble Drehtür des Kempinski ins Freie fegt: „Diese Stadt ist seit 1989 nicht mehr richtig gelüftet worden.“ / Hilmar Klute, Süddeutsche Zeitung

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