Die Mitte und kein Ende

Bertram Reinecke schrieb einen Kommentar zu Nora Bossongs Artikel über die „Mitte“ und die Lyrik (Dichter, traut euch ins Zentrum). Aber mehreren Zeitungen war er wohl zu randständig, sie lehnten ab oder wollten einen anderen Text. Liest man Bertram Reineckes kurzen ersten Satz: „Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht.„, versteht man warum sie ihn nicht nehmen. Stand nicht in fast jeder Zeitung, mit der Auszeichnung für einen Gedichtband statt eines Romans stünde endlich wieder die Lyrik im Rampenlicht etc. pp., sah man sie nicht fast schon abheben? Wer so frech anfängt, kann nicht verlangen, daß man ihm auch noch zuhört. –  Jetzt erschien er in erweiterter Form da, wo heute eben die Debatten geführt werden, im Netz. Lyrikzeitung dokumentiert Anfang und Schluß – wer Essays von Bertram Reinecke gelesen hat, weiß schon, daß man auch die Fußnoten mitlesen muß, die verweisenden Zahlen bleiben hier stehen, Fußnotenverweis ohne Fußnotentext.  Wir verweisen auf das Original beim Magazin Signaturen.

Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht. Zwar wurde über Wagner geschrieben, aber das Thema Lyrik wurde oft schnell durch die abgedroschene Story vom Erfolg und seinen Neidern ersetzt. Wenn sich mit Nora Bossong auch eine Lyrikerin, die es besser wissen sollte, an diesem Spiel beteiligt, gibt das zu denken.
Oberflächlich betrachtet, macht ihr Text bescheidene Vorschläge, in Wahrheit sät sie Misstrauen gegen jedes andere Kriterium als das des Erfolgs. Sie unterhöhlt damit die Glaubwürdigkeit jener, denen es bei der Lyrik stattdessen um Inhalte geht.

Sie behauptet etwa, der Erfolg Wagners habe die Solidarisierung der Lyriker untereinander als der per se Erfolglosen durchbrochen. So mag sich mancher Lyriker-Kreise vorstellen. Wer nur einmal ein mittelgroßes Poesiefestival besucht, wird eines Besseren belehrt. Nicht nur wird er sofort erleben, dass Lyriker nach wie vor oft solidarisch miteinander umgehen, sondern ebenfalls, dass die Lyrik keine verschworene Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hin ist. Hartnäckig, wenn auch freundlich wird dort um Positionen gerungen. Kurz: Eben weil es in der Lyrik um Kriterien geht, um Normen und Menschen, die gegenseitige Positionen kritisch ernst nehmen, steht die reine Verkäuflichkeit hier hintan und solche Festivals sind keineswegs die Rückzugsoase mit Wohlfühlfaktor für bedrohte Tierarten, zu der Nora Bossong sie stilisiert. Die Solidarität, die sie wie einen Klüngel beschreibt, kommt nicht von der Abwesenheit des Erfolgs sondern aus der zusätzlichen Anwesenheit von etwas anderem: dem Ringen um gute Literatur. Eher ist es anders herum: Nora Bossong geht mit einem Publikum, das die Heterogenität der Gegenwartslyrik als zu schwierig ignoriert, eine Wohlfühlallianz ein, indem sie ihm zuruft: „Ihr braucht Euch darum nicht zu kümmern, lest lieber etwas Wagner, da habt ihr alles“. Nur solch einem Publikum kann man ja weismachen, dass es irgendetwas für die Lyrik als Ganzes heißt, wenn einer einen Preis bekommt. Für wie schläfrig hält Nora Bossong denn die Lyrikszene? Hätte dieses Zerbrechen des Konsenses der Erfolglosen nicht spätestens seit Günter Grass‘ „Eintagsfliegen“ eintreten müssen? Was ist diesmal anders? Dass sich eine Jury, die sich bisher durch die Bevorzugung von Romanen profiliert hat, zur Lyrik „herabbeugt“? Warum sollte jemand gerade diesen Preis, bloß weil er Nora Bossongs Geschmack entgegenkommt, begrüßen wie das Manna vom Himmel? Ist das nicht eher eine der Artenschutzmaßnamen, an denen Nora Bossong auf der Bühne offenbar so leidet? Natürlich sind Literaturbeamte, die sich für Lyrik nur noch dienstlich interessieren und deswegen nur Indifferentes zu ihrem Gegenstand zu sagen wissen, ein Problem. Ich weiß nur nicht, warum Nora Bossong deren Meinung wichtig ist und warum sie darin ein Problem der Lyrik sieht, die ja in anderen Foren gut ohne diese Beamten auskommt. Und gerade auf der Bühne könnte man ja zeigen, dass der Lyriker weniger schützenswert als vielmehr durchaus bissig sein kann. Das muss man sich natürlich auch trauen.
Mit Nora Bossong kann man offenbar über Wagners Lyrik nicht diskutieren, wenn man sich nicht sofort von ihr anhängen lassen will, man führe eine Neiddebatte: „Prompt gibt es denn auch Distanzierungen. Wagners Texte seien so konventionell, dass sie zeitgenössische Dichtung überhaupt nicht widerspiegelten.“  „Prompt“ – als hätten sich die Lyriker das eigens ausgedacht, um ihm zu schaden. Es ist aber so: Wagner gilt vielen schon seit jeher als konventionell, und jeder der es wissen wollte, wusste es. Es hat vor dem Preis bloß kaum einen interessiert. Kurz lässt sie drei LyrikerInnen zu Wort kommen: Sabine Scho nennt ihn restaurativ, Yevgeniy Breyger wirft ihm einen metaphysischen Essentialismus vor, Mara Genschel findet ihn konventionell … Und wischt dann alle Argumente mit der Autorität ausgerechnet Jan Wagners vom Tisch. (Natürlich muss es den bösen Zauberer geben, wenn doch der gestiefelte Kater seine Existenz so fest behauptet!) Der meint über seine Kritiker: „Zu glauben, dass eine auf den ersten Blick zugänglichere Oberflächenstruktur bedeutet, es sei keinerlei Abgründigkeit vorhanden, ist ein Missverständnis.“ Nicht nur bleibt Bossong einen Beweis für seine Behauptung schuldig, das Zitat redet gar nicht zur Sache. Denn auch einem Nietzsche wird man Abgründigkeit zubilligen. Jemand, der sich dieser Schreibweise bediente, schriebe heute dennoch recht konservativ. Das Beispiel stellt bereits eines klar. Natürlich kann auch ein Dichter der wie Wagner mit konventionell verständlichen Mitteln arbeitet, ein guter Dichter sein.² Erst Nora Bossong unterstellt, dass alle, die Wagner konventionell finden, ihm damit gleichzeitig die Qualität absprechen. Das ist schlicht falsch. Weil sie Lyriker so wenig ernst nimmt, sei hier zum Beweis Medienfrau Wiebke Porombka zitiert, die in ihrer Eloge, ebenfalls in der ZEIT, an den Gedichten „klassische Formen“ bemerkte und betont: „Wagner ist kein Avantgardist“. Für sie ist also Verständlichkeit eher mit dem Althergebrachten im Bunde. Man kann ja sogar Jan Wagner als einen bis zum Abwinken würdigen Preisträger empfinden, sein Werk schätzen, und dennoch ist der Gedanke schwer von der Hand zu weisen, er würde im Moment der Glorie etwas überschätzt. Der Rechtfertigung hingegen bedarf Nora Bossong, die es anders sieht. Sie müsste an Jan Wagners Texten zeigen können, woran es liegt, dass er momentan so viel mehr Gedichtbände verkauft als Lyriker mit verwandtem Ansatz, sagen wir x mal mehr als Norbert Hummelt oder y mal mehr Bücher als Lutz Seiler. Das Ressentiment, welches ihre Rhetorik ausbeutet und perpetuiert, trifft also nicht nur Avantgardisten oder unbekannte Dichter, sondern alle Richtungen.
Um Argumente geht es Nora Bossong freilich nicht, sondern um verhohlenes Bashing derjenigen, die sich dem Angesagten nicht unterwerfen. Dazu stellt sie als nächstes eine schwache Kolumne von Diez in eine Reihe mit den klügeren Rezensenten Wagners. Warum macht sie sich hier plötzlich die Mühe zu argumentieren, zumindest Michael Brauns richtige Beobachtung zu wiederholen, Diez hätte über die Weidenkätzchen die düstere Thematik des von ihm kritisierten Gedichtes vergessen? (Dass Jan Wagner eine Kontrastfigur verwendet, wie man sie schon im evangelischen Gesangbuch findet, weist ihn aber nicht automatisch als besonders unkonventionellen Dichter aus.) Warum hat sie nicht vorher bei den interessanten Stimmen genauer zugehört? Sie tut implizit so, als hätten alle Wagnerkritiker nicht mehr auf der Pfanne als Diez. Der Rückgriff auf Brauns Argument ist deswegen bemerkenswert, weil der Kontext seines Beitrags zu Wagners „Im Brunnen“ eher das Gegenteil des von Bossong Angezielten nachweisen soll. Braun zeigt eher, dass Wagner ein durchaus schwierigerer Dichter ist, als mancher annimmt, indem er darlegt, welche Anspielungen auf antike Bildungsgüter Wagner lesenswert machen.
³  Nora Bossong möchte gar keine Klarheit in diesen Fragen, sondern vor allem ihr missliebige Meinungen an der Dummheit eines Einzelnen haftbar machen. Da ist Nora Bossong nicht die einzige. Auch bei Braun hatte Diezens Gerede schon die Ehre, exemplarisch für die Wagnerkritik einzustehen. Ein Argument, etwa so schlagkräftig wie die Behauptung, Wagner müsse schlecht sein, wenn er eine so schwache Verteidigerin hat wie Bossong. (Immerhin redet Braun ansonsten wirklich über Poesie. Oh, dass man es loben muss!)

Pappkameraden erschlagen ist freilich leichter, als mit klugen Leuten zu streiten. Diese Art der Verunglimpfung ist in deutschen Feuilleton eher schon die Regel als die Ausnahme. Walter Delabar, auch er könnte es als Literaturprofessor besser wissen, mag zwar Wagner ebenfalls nicht, macht aber wiederum gerade dafür gleich die ganze Szene haftbar. Auch sein Argument erinnert an die Täter-Opfer-Umkehr: Man liest so viel über schlechte Lyrik in der Zeitung, also muss die Lyrik schlecht sein und nicht etwa die Berichterstattung. Man stelle sich vor, so würde über Bürger mit Migrationshintergrund geschrieben: „In der Zeitung steht viel über kriminelle Ausländer, Ausländer sind also schlecht.“ Als Lyriker muss man derlei Verunglimpfungen offenbar hinnehmen, ja sie sind so üblich, dass viele sie kaum mehr bemerken und sie als Selbstzweifel internalisieren.

(…)

Nora Bossongs Text pfeift, was die Spatzen seit jeher pfeifen, und tut als wäre es neu. Die Schnapsidee, dass schwierige Lyrik die Verbreitung der Gattung hemme, begleitet ja nicht erst die Jan Wagner-Debatte von Anfang an. (Wenn auch zögerlicher klingt das schon in den ersten Artikeln an, z.B. taz vom 12.3.). Die Forderung bildet schon seit Jahrzehnten ein Ostinato der Zeitungsberichte über Lyrik, Gernhardt war endlich verständlich, die Lyrik-von-Jetzt-Generation war endlich wieder verständlich, die Verständlichkeit der umstrittenen Gedichte von Günter Grass bezweifelt niemand: Man kann es sich sofort in der nächsten Buchhandlung anschauen, wie diese Kur angeschlagen hat. Und ist es nicht im Gegenzug auch schon vorgekommen, dass auch ein Band des schwierigen Stolterfoht, der schwer zugänglichen Mayröcker sich weit öfter verkauft, als es die uralte Enzensbergersche Konstante vorhersagt? (Sie schenkt es sich nicht einmal, diese Zahl für ihre Zwecke um ein gutes Viertel abzurunden.) Spannender wäre die Frage, was denn einen Kleinverleger sonst dazu treiben könnte, immer wieder Bücher zu machen, deren ökonomischer Nutzen so fraglich ist. Der mag ja auch seine Gründe haben.

Nora Bossongs Text ist das alles egal. Die ewig junge hässliche Geschichte vom Neid, die sie nun auch in der ZEIT wiederkäut, erschwert schon jetzt jede Internetdiskussion über Lyriker oder die Urteile von Jurys. Jeder, der Inhalte diskutieren wollte, ist dort schon einmal mit dieser Story an die Wand gespielt worden. Nora Bossong ist dagegen in der schönen neuen marktförmigen Welt angekommen. Die Träne in ihrem Knopfloch erweist sich als Krokodilsträne, ein modisches Accessoire.

 

30 Comments on “Die Mitte und kein Ende

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  2. Sehe gar nicht die ganz großen Möglichkeiten, sich von Bertram Reineckes Artikel angegriffen zu fühlen. Er ist in Gestus und Gehalt her durchaus differenziert, ohne persönliche Angriffe geschrieben und sicherlich keine „Abrechnung“ mit Nora Bossong; vielmehr lese ich hier eine Parteinahme für einen poetischen Diskurs, der sich nicht immer wieder seiner eigenen Unzulänglichkeit verdächtigt. Ich sehe zwei grundlegend unterschiedliche Therapiansätze kollidieren:

    N.B.: „Patient Lyrik, Ihnen geht es schlecht. Bis auf Jan Wagner wird nicht viel von dem eingekauft, was Sie zu bieten haben. Haben Sie mal selbst überlegt, ob Ihre marktmäßige Unattraktivität vielleicht an Ihnen selbst liegt? Ich empfehle Mut und Tapferkeit für eine weihevolle, oktopushafte Verfügbarkeit ganz in der Mitte des betrieblichen Aquariums, und eine lyrische Brustvergößerung (das zieht an). Im Übrigen möchte ich anmerken, dass Erfolg kein Zufall ist.“

    B.R.: „Patient Lyrik, jetzt hören Sie aber mal auf, ständig in sich selbst rumzubohren. Hier, warten Sie mal (kramt in der Schublade), hier habe ich eine Liste vorbereitet aller Ihrer Errungenschaften der letzten Zeit, bitteschön. Bitte vor dem Einschlafen fleißig lesen, das gesundet (und macht attraktiv). Sie sind gar nicht so doof und hässlich und blöd, wie Sie vermuten. Jetzt gehen Sie mal raus, flirten den erstbesten verwirrten Lektor an, der gerade mit Tränchen in den Augen von Frankfurt nach Berlin umziehen musste, und landen mit ihm in der Kiste (nicht in der Grabbel-).“

    Ich sehe in Bertram Reineckes Artikel ein Statement gegen ein lyrisches Stockholm-Syndrom. Nora Bossong hat in Ihrem Artikel in meinen Augen viele Marktmechanismen sehr richtig benannt. Allerdings kann man andere Konsequenzen ziehen, als den knorrigsten Dualismus, der die Diskurse des zwanzigsten Jahrhunderts durchzieht, nämlich „engagierte Dichtung“ versus „ästhetizistische Dichtung“, zu reanimieren. Man beachte die Anführungsstriche. Diez in seinem Wagner-Diss und Bossong ungewollterweise legen nahe, es gelte sich zwischen Option 1 („engagiert“, „gesellschaftspolitisch relevant“, „marktfähig, wird gedruckt, weil es verhandelbare Themen behandelt“) und Option 2 („ästhetizistisch“, „höchstens im Periphären an Gesellschaftspolitik beteiligt“, „selbstreferenziell in thematischer Hinsicht, darum nicht marktfähig“) zu entscheiden, zumal insbesondere Option 2 so falsch analysiert wäre. Interessanter finde ich Positionen, die beide Optionen transzendieren (da gibt es einige Kandidaten).

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  3. Dann zähle doch die Dichter des Bettwurst Lebensgefühls hier auf, damit auch ich dann weiß, was die von Dir erschaffene Kategorie Bettwurst Lebensgefühl meint. Warum beklagst Du, dass der Einzige der es könnte es nicht aufzählt, wenn Du es selbst bist?
    Jack hat sich positioniert. Nicht zu Wagner, sondern, dass er es vorerst nicht macht. Mich hätte es interessiert.
    Ich bestehe tatsächlich auf auf dem, was Du mein „Recht auf Mußtopf“ nennst, finde es tatsächlich aber eine falsche Formulierung. Ich würde eher sagen: Weil ich mich gerne über das informiere, was ich brauche, bestehe ich darauf, auch dann ernst genommen zu werden, wenn ich über einen Gegenstand zufällig öffentlichen Interesses mal nicht so informiert bin, wie es sich ein Gesprächspartner zutraut. Deine Abwatschung als „Mußtopf“ impliziert, dass man erst über alles, was im Gerede ist, gründlich informiert sein muss aber warum soll ich mir von den Zeitungen meine Themen vorschreiben lassen? (Ich müsste mir z.B. die Regentonnenvariationen entweder kaufen, was eine ökonomische Frage ist und den Verzicht auf einige andere gebrauchte Bücher bedeutete, oder ihn besprechen, was den Verzicht auf Lebenszeit für andere Dinge bedeutet. Gestehe mir doch zu, dass ich mir manche Bücher nur mal bei Freunden ansehe.)
    Ähnlich unglücklich finde ich Deinen Begriff „murmeln“. Ich bin gut damit gefahren, langsam zu formulieren, was ich denn sagen kann und was nicht, auch wenn sich manchmal weitergehende Schlüsse aufdrängen. Ich möchte dabei bleiben. Viele Leute haben immer eine so riesige Erwartungshaltung. Denken und Argumentieren mögen sie oft nur, wenn es schnell relevante Ergebnisse bringt. Das macht sie oft schwächer oder lässt sie am Ende nicht Weiterdenken an Stellen, wo es anstrengend wird. Und schlimmstenfalls werden dann noch nur die Argumente anerkannt, die man selbst schon hatte.Oder sie erhitzen sich in leicht hintergehbaren Oppositionen und Meinungen. Es tut nichts, wenn Du mich da träge findest.
    Die Rohfassung eines generellen Aufsatzes zu einer Dichtform, die ich hier mal grob als gedämpften romantisch symbolistischen Ton bezeichne und die vielleicht mit Deinem Bettwurstkonzept zusammenhängt, erscheint Anfang August bei Frohmann.
    Und wieso eigentlich Hanteln? Eigentlich finde ich, was ich sage meist ziemlich schlicht.

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  4. dichter des bettwurst-lebensgefühles gibt es sicherlich einige. einer könnte aufzählen, will er aber nicht. bertram, du redest ein fürchterliches ausweicherisch! der übergang zum murmeln ist fließend. ist er so unerwünscht? regentonnenvariationen zu polemisieren, würde ich jack beauftragen. dein gedanke, daß das ein lebensgefühl ist, ist ja nicht falsch, er geht nur nicht weit, und es ist mit ihm so weit nicht her. es ist ja die absicht. es gibt diese absicht. freilich wird diese absicht mit den mitteln des ausweichens so hingebogen, dass ein bertram reinecke noch erraten muß, was schon offensichtlich ist. j wagner darf sein, wer er will und er darf das auch sein und dazu auch noch der dichter davon sein, und du darfst das ein lebensgefühl nennen und auch neben andere (dir bekannte?) lebensgefühle in dein regal legen. und wenn der dichter j w aus irgendeinem winkel seines gemütes mit einer regentonnenvariation in der hand gekrochen kommt, dann darfst du ihn auch mit beifall empfangen. lebensgefühl darf ruhig das recht auf den mußtopf sein, falls du dieses beanspruchst, bertram? das gemütsregulativ, das wahrscheinlich auch aus der bossong gesprochen kommt, mag ja hingehen. und selbst wenn es nicht zum schreiben der betreffenden dichter gehört, so gehört es es ja am ende doch. du kannst ja nichts weglassen, ohne es hingeschrieben zu haben. so dicht ist die materie denn doch. da muß man nicht hegel sein. j wagner fungiert hier längst als rethorische figur. sie trägt leider seinen namen. aber sie redet nicht wie er, isst nicht wie er, hat nicht seinen sex. ist sie bloss wirkung seiner regentonnenvariationen? wir haben ihn umgelegt, und er lebt trotzdem. wieder hegel. dann ist da noch sein synonym der preis. und der teufel im leiptiger literaten-poncho bertram, der so gerne über technische details reden will. und das alles ist sprache. wir sitzen daheim und wollen hanteln heben. wenn du deine hanteln öffentlich hinlegst, lieber bertram wagner, dann wundere dich nicht, wenn sie gehoben werden!

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  5. Lieber Alex, ich habe mir eben durchgelesen, was ich zuletzt so geschrieben habe und finde darin zahlreiche Argumente. Ich finde es ungerechtfertigt, dass Du mir unterstellst, ich täte nicht was ich fordere. Darunter sind (bisher unwidersprochene) Argumente, warum ich nicht alles hier ausdiskutieren möchte.
    Ich bekomme nicht gern Feigheit unterstellt und sehe mich nicht als feige an. Lass bitte Deine Invektiven.

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  6. nun kusch nicht, lieber bertram! und argumentier wenigstens, wenn du vom argumentieren sprichst. jan ist nicht richard. den kenner, will ich kennen!

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  7. Haha, Alex, Du argumentierst ein bisschen wie die Zeugen Jehovas. Die machen einem auch immer schöne Komplimente „Sie als kluger Mensch müssen doch …“ um einen auf deren Auslegungen und Konsequenzen festzulegen. Dennoch freue ich mich natürlich über Deine beifälligen Bemerkungen 🙂 Ich möchte auch Deine Konsequenzen aus meiner Rede keineswegs entwerten, sie schließen ja nachvollziehbar an meine Überlegungen an, aber sind eben auch Deine. Ich möchte nochmal klarstellen, dass ich mir z.B. über Jan Wagners Absichten noch kaum Gedanken gemacht habe. Über die Wünsche von Jan Wagner Lesern lässt sich leichter spekulieren. Man kann sich in gewisse Diskurse einleben, ohne dass sich die Fragen nach den Interessen jeweils merklich stellen. Ich weiß sogar, dass solche Gedichte so absichtslos entstehen können, dass die Autoren zu Recht den Vorwurf, sie verhelten Ihre Interessen, zurückweisen können. Mancher hat eben nur dann das Gefühl, dass irgend ein Material (ein Wust aus Sprache und Innerungen) gedichtfähig ist, wenn es in diesen Kommunikationsraum passt. Die Utopie der Kommunikation ist auf diese Situationen zugezüchtet. Man muss sich also gar nicht selbt transparent sein, um in dieser Hinsicht glückende Gedichte zu verfassen. Meinte Popp das mit dem gedichthaften Lebensgefühlen? Als Dozent am Literaturinstitut versuchte ich allerdings Transparenz für solche Kommunikationssituationen zu schaffen, um den StudentInnen Möglichkeiten zu geben, auch andere Gelegenheiten bzw. Stoffe bzw. Zugänge als Verwirklichkeitsraum und Chance für die eigene Kreativität zu entdecken.
    Wenn ich Wagner keine Absichten unterstelle, unterstelle ich ihm doch auch nicht, dass er so auratisch oder dumpf triebhaft schreibt. Ich denke nämlich, Deine Kritik wird sich hier auch auf die „Regentonnenvariationen“ beschränken müssen, denn der Band „Die Eulenhasser in den Hallenhäusern“ enthält spätestens im „Herausgeberapparat“ Signaturen dafür, dass sich Wagner die von Dir eingeforderten Fragen kennt und stellt. Natürlich KANN man fordern, dass man sich diese Fragen rund um die Uhr stellen sollte, weil sie so wichtig sind. Aber ich erwarte das nicht.*
    Das Thema kann für einen auch abgearbeitet sein und eine Zeit lang ruhen. Ich hätte als Dichter allenfalls andere Konsequenzen aus der Behandlung dieser Fragen gezogen als Wagner. Der in den Eulenhassern eingeschlagene Weg wäre mir noch nicht ausgeschritten vorgekommen und grundsätzlich scheint er auch eine reichere ästhetische Ernte zu versprechen. Aufgrund der Eulenhasser bin ich auch sicher, dass Wagner selbst mit Breygers Volte mehr anfangen kann als diejenigen, die darin bloß ein Symptom sehen, schon allein wird ers mit mehr Humor nehmen.
    Während die Literaturkritik die Regentonnenvariationen anspruchsvoller findet, weil er die reine Hochkunst bietet, und technisch unauffälliger arbeitet, kommen mir die Regentonnenvariationen, ohne dass ich sie genau kenne, vom Ansatz her eigentlich nicht ganz so ambitioniert vor wie die Eulenhasser. Bzw. diese Ambitioniertheit der Eulenhasser ist nicht Makel, wie andere meinen, bzw. ein auf diese Weise entstandenes Gedicht interessiert mich auch dann mehr, wenn diese Ambition im Einzelfalle nicht ganz vom Gedicht eingelöst werden mag, als ein Gedicht, über das sich kaum mehr sagen lässt, dass es eben rund und ausgewogen spricht. Das ist aber ein Dissenz, den ich lieber mit der Öffentlichkeit als auf dem Rücken Jan Wagners ausfechten möchte. Zumal ich, wie gesagt, in beide Bände eher nur mal reingeschaut, als sie wirklich gelesen habe.**
    Was ich an Wagner nicht so mag ist, dass er so auf Einzel(Meister)werke schaut in seinen Interviews und nicht auf Prozesse, obwohl ja die Stärke seiner Eulenhasser darin bestehen dürfte, sprachliche Ansätze nachvollziebar durchzuspinnen. Wenn ich aus Dichtung lerne, den Anspruch Rilkes an die Kunst ernst nehme „Du musst Dein Leben ändern“, ist mir ein Einzelgedicht jedoch oft zu kurz/ zu wenig. So leicht bin ich nicht fortzuwehen. Schon gar nicht durch Überwältigung oder Tiefenschauder.***

    * Ich müsste ja sonst Dir etwas böse sein, wie sehr Du Deine feste kritische Meinung als darstedekungungsgleich mit meiner nicht sehr gefestigten Wagneransicht hinstellst. 😉 Oder bist Du jener Logik der Zensur aufgesessen, dass wer heute etwas kritisch zu Verstehendes über Wagner sagt, es auch sicher als kritisch zu verstehen sein muss, weil man sich sonst so etwas heute nicht leisten würde?

    ** Es wird mir langsam wirklich unheimlich, wie ich mit meiner vergleichsweise geringen Wagnerkenntnis hier quasi in Vertretung eine Debatte führen muss. Wo ist das substantielle Gespräch der Kenner und Wisser über ihn? Hinweise gerne an mich!

    *** Und ich bin froh, dass es so ist und betrachte das als Reifungsprozess meiner Poetik und meines ästethischen Gefühls. Eine andere Sprechweise würde, quasi Brechtischer, davon reden, dass ich eingesehen habe, dass die Frage „Wie ist das gemacht“ stark mit meiner allgemeinen Interessenlage verbunden ist.

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  8. das lebensgefühl zur (formalen) grundstellung des dichters w – ist schon richtig, verständlich, so verständlich wie wenn filmemacherpraunheim über dichtung sprechen ließe. was immer das ist, es freut sich gewiß, lebensgefühl genannt zu werden. diese absicht liest man aus dem wagner und dann gleich die frage zu dieser absicht, die aber doch nicht vorkommt. sie hinterbleibt, diese frage zu der absicht des dichters w, gedichte über das lebensgefühl (siehe bertram) zu schrieben. also bleibt dem, der diese frage allmählich mehr und kräftiger wahrhnimmt als die absicht, zu der die frage frage wäre, nichts übrig, als sie zu stellen.
    insofern gibt bertram damit, der absicht der gedichte w`s, zu behaupten eine identität zu haben mit einem lebensgefühl, um für dieses anerkennung zu bekomme, gleich die anerkennung, ohne ihm den preis zuzuerkennen. interessant ist, wenn ein lebensgefühl sowas ist, verschafft wie: kraft, lust, heiterkeit etc, wie dann die anerkennung sich dazu verhällt?
    das klingt wirklich (beinah) ans kauderwelsche a la praunheimbettwurst.
    meint lebensgefühl sowas wie gesinnung? es ist ein alter und verständlicher vorwurf, warum einer eine gesinnung benutzt, um auszuruhen. die arbeit einstellt. so ein lebensgefühl?
    anders: lebensgefühl ist eine durchschlagende vokabel. man vernimmt und es kostet keine anstrengung mehr, um sie zu verstehen. so eine vokabel wäre auch klimawandel oder anthropozän und so weiter.
    nun man entschlossen ist, durchschlagende vokabeln zu meinen, aber sich nicht traut sie zu verwenden, weil man damit nicht die anerkennung eines dichters bekommt, bleibt einem noch – dichter, der man doch ist – sie zu evozieren. dies evozieren wird belohnt. oder, was dasselbe ist, wer am besten die phrase versteckt, der bekommt den preis.
    wer nun aber der furchtbar zauberischen wirkung der evokationen eines dichters w standhält, weil ihn eigentlich mehr angeht, was das da für eine frage ist, die hinter den evolationen der dichtung vorscheint, aber in der dichtung nicht vorkommt, sondern hinter ihr zurückgeblieben ist, der hat die anstrengungen, die der evokateur mit aller mühe scheut. man darf b reinecke dankbar für den vorbeitrag sein, denn er liefert den stoff zu einer frage wagners, die wagner nicht stellt, während er seine gedichte schweigend hinhält: ist das ein lebensgefühl? woraufein st popp ihm klar zur antwort gibt: ja, es ist lyrik!
    und wer immer noch nicht aus diesem so zufriedenen, heitern, ansteckenden dialog kraft zu nehmen vermag, der hat halt nicht dieses lebensgefühl oder 2: weiterhin die anstrengungen zu ertragen, diejenigen fragen zu stellen, die mit diesem lebensgefühl von dem moment an, da es geschrieben dasteht, hinter dem geschriebenen zurückbleiben, nicht weil das geschriebene diese fragen selber ertagen würde, sondern im gegenteil, die fragen weglässt, um eine absicht zu sein, und da hat bertram auch recht: wer redet dieser absicht das wort? sie klingen ineinander an, diese gedichte und ihre anerkennung. sie könnten nur ruhig ein bißchen weiter weg sein von pawlows hund.
    anders: nicht die frage wagners schreibt jan wagners gedichte, sondern die entschlossenheit, dieser frage zu entgehen. in den entsprechenden raum gedichtet, hallt natürlich wieder: lebensgefühl!
    das gibt es ohne literatur, das ist bettwurst. j wagner ist der dichter zum bettwurstigen lebensgefühl.

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  9. Ja natürlich, es gibt einige Ärgerthemen, die dann erneut hochkommen, zum Beispiel das Ärgern über Mitte, das Ärgern über das Ärgern über Mitte. Was ich erstaunlich finde: Nora Bossong hat einfach unsauber journalistisch gearbeitet: Sie hat ja nur zwei von über hunderten Stimmen auftreiben können, die den Bekanntheitsgrad mindestens eines Breygers haben. (Und mancher hat sich ja auch öffentlich gefreut.) Da hätte die Botschaft allenfalls lauten sollen: Wagner passiert geräuschlos. Wenn sie sich so sehr über die vereinzelten Wagnergegenstimmen verbreitet und auch noch Leute wie Mara dazunehmen muss, deren Stimme sie eigens abholt und die dann offenbar so sehr wider Noras Erwarten einfach sagt: Wagner interessiert mich nicht, dass sie es einfach übersehen kann, dann bettet ihr Kommentar nicht Fakten auf subjektive Weise ein, sondern dann steht einfach faktisch falsches in der Zeitung. (Alles andere, dass da vielleicht taktisches Schweigen dabei ist usw. sind Unterstellungen, die richtig sein mögen, aber an der Faktenlage nichts ändern.) Ich finde es merkwürdig, an wie vielen Fronten ich mich offenbar zu rechtfertigen habe, wenn ichs kritisiere. Warum ich auf einen freundlichen Ton anschlagen muss, wenn ich eine solche Fehlleistung kritisiere, warum meine Kritik nur dann Bestand hat, wenn ich meine meinung zu Wagner bestand hat, meine politische Meinung richtig ist, wahrscheinlich sollte auch noch die Rechtschreibung stimmen usw.
    ich finde, hier sollte man eigentlich die Debatte auf die wenigen gemeinsamen Standarts verpflichten dürfen, bevor das ganze Gespräch in den verschiedenen Fragen verdampft und sich verzettelt, die ineinander verknotet sind und sicher auch interessant an dieser Stelle. Und das hat auch nichts mit einem Psychogramm Nora Bossongs zu tun, sondern ich wollte nur ein Diagramm ihrer Rhetorik zeigen. Ansonsten habe ich am Wochenende mehrere Stunden in Sachen Literatur (Bewerberauswahlgespräche am Literaturinstitut) zwar keineswegs einvernehmlich aber konstruktiv zusammengearbeitet und auch gemeinsamer Humor ließ sich finden.
    Da ist die Mitte kritikwürdig, weil sie ihre Diskurse hineinschiebt auch in die Debatten auf Lyrikzeitung und mir viele Tage Arbeit macht, wenn ich einen Artikel schreibe und dessen Thesen verteidige, das hat auch mit Zentrum und Rändern, aber noch nichts mit Unterhalt zu tun.
    Ich finde es legitim, dass Du deiner Skepsis über Wagner und Co hier Luft machst, mag aber dazu nicht noch mehr Stellung beziehen müssen. (Etwas dazu steht unter dem Artikel „Fortstzungen“.)
    Ganz allgemein glaube ich auch, dass Wagners Lyrik Lesern mit einem Selbstbild als sensible Menschen, die das Kleine noch wertschätzen können usw. entgegenkommt. Das ist ein verbreitetes, bestimmten Lebensgefühl, ich wünsche mir, wenn ich mich auf diese Ebene begebe, Preise für Gedichte die mir die Augen öffnen für ganz andere, mir bisher unbekannte Lebensgefühle. Auch wenn das nicht der Hauptaspekt ihrer Kunst ist, ihnen vielleicht sogar manchmal lästig sein mag: Auch Papenfuß‘ und Stolterfohts Gedichte verkörpern ja Lebensgefühle, solche die mich mehr interessieren. Ich möchte hier nicht öffentlich spekulieren, ob Wagner von der Jury seinen Preis bekommen hat, weil er ein ebenso gängiges wie erwünschtes Lebensgefühl bestätigt und promotet oder vielleicht gar trotz alledem. Und ich fordere natürlich auch nicht Preise, die so vergeben werden, sondern meine nur: Wenn sie es tun, wäre es für mich nur sinnvoll es SO zu tun.
    Es beschäftigt mich in Zusammenhang mit Wagner im Speziellen aber einfach nicht in dem Maße und ich will es mir auch nicht aufdrängen lassen, zumal es ja fast wie das Sprechen unter Zensurbedingungen ist. Meine Distanz wird von manchem vielleicht sofort wieder missverstanden, indem gemutmaßt wird, hinter ihr läge ein Riesenreich an Wagnerverärgerung, das ich tunlich verschweige. (Man unterstellt eben, dass ich eine Meinung haben sollte.) Da ist dann in der Tat eine Überschätzung Wagners drin, selbst wenn er einem so gut gefällt, wie Nora Bossong (ist das so?) oder anderen. Er ist, wie ich heute schon Frank auf Fixpoetry schrieb, weniger Gegenstand der Selbstreflektion als viele anzunehmen scheinen.

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  10. es geht doch um mitte, nicht um j wagner, dessen preis nur den anlass gegeben hat, um sich zu ärgern über das, was man nun shcließlich einig mitte nennt. ich weiß nicht, wo die mitte anders sein soll, außer in mir. nicht aus blödäugigkeit im hinblick auf geld anerkennung sondern weil da ein abstand ist zwischen meinem hingucken und aussprechen.
    um diesen abstand muß es gehen, weil, das dünkt mir jedenfalls schier vermutlich, wer ihn mit worten überwinden will, gräbt ihn nur aus. woher soll ich denn einen überredens-optimismus nehmen? j wagners dichtung bezeugt selber ganz penetrant einen prä-rethorischen starrsinn. ein wort, das wirkt. na und? es geht ja nicht nur um die wörter, sondern auch um die ohren für diese wörter und wer weiß, ob nicht die shoppingbumelgasse diese 1 verstopft und 2 von selber je nach kapitalfluß sich verschwinden macht. und vielleicht gar dergestalt, daß frau nora b oder mara g das auch noch an der oberfläche <> nachvollziehen, indem sie eine abdankung fordern die schon angefangen hat (68er-Syndrom?). wieder überredenspessimismus. ob die schoppingbummelgasse keine ohren reguliert? j wager gibt keine sprache, man kann ihn darauf untersuchen, ob er sie nimmt, doch da wäre ich auch nicht zuversichtlich. er gibt und nimmt sich nichts, ob er nun j wagner heißt oder r winkler etc.
    ein naderer punkt ist, was diese details sein sollen, von denen rede ist? noch anders. j wagner ist nicht, was man preiskrönt. man guckt auf ein paar gedichte, namentlich eins über eine schlüpfrige teebeutelschnur, und dann läßt man sich den preis ins auge funkeln und dann wird man irre, weil es: halt so ist. dieses halt so ist halt so drückt man aber nicht aus. sondern wünscht über details zu reden. so ein ishaltsoisch tut weh. aber es ist halt so.
    die möglichkeit von fehlentwicklungen wird keiner bestreiten, der ein bißchen hindenkt hinfühlt. hegel: mensch=aufrechtzuerhaltender irrtum durch sprache. und selbst wenn mensch nun nicht mehr ist, so bleibt doch sein irrtum, bis wir ganz verschwunden sind. ergo fehlentwicklungen sind drin. diese fehlentwicklungen nun haben macht, denn sie sind in der mitte, denn die mitte ist macht und macht ist stark: korrektur einer fehlentwicklung bedeutetete sich schwach sein machen, denn man weicht aus der mitte, worin die fehlentwicklung konserviert wird, um ihr zu entkommen. deswegen riecht frau nora b auch so nach einer sprache, die, sobald man sie hört, des beifalls einer mitte sich würdig erweist, sie klingt in der mitte an so gut wie die mitte in ihr.
    nur unverständlich scheint mir auch die frage nach den details. mancher dichter will halt stark sein. was nicht stark ist, das hält er für schwachsein. schwachseinig will er nicht sein. j wagner beispielsweise auch nicht. deswegen macht er ja so starke gedichte mit genannten details als stilelementen.
    wie kommt es, daß es in der dichtung details gibt? da gibt es doch nur das ganze. wo details sind, da ist mitte. mitte ist die arbeit am erhalt der macht, die ein fortgesetzter irrtum ist. und das sie dank der sprache. j wagners preist bezeugt nur, er irrt sich nicht. die teebeutel schnur, die von innen erittert vor lauter prätention. es beweist ja der diskurs, daß es nunmehr ein irrtum ist, wenn man sagt: diese gedichte sind prä oder postrethorischer starrsinn, oder nicht? B reinecke: aber über details läßt sich doch reden! eben, alles andere wäre ein irrtum. ob j wagners gedichte wirklich gefallen, da liegt es ja, bertram, ist eine frage, die unstellbar geworden ist, folglich ist sie ein irrtum. wichtiger sind die details?

    * überreden: der optimismus von noch ungesagtem.

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  12. @begehstani: Ja, in der Tat, die Diskussion ist etwas leidig, letztlich hätten wir uns unter anderen, weniger emotionalisierten Bedingungen wohl besser verstanden. Ich gehe dazu aus meiner Übung in Diskussionen, für deren Würdigung ich Ihnen danke, ebenso vor wie Sie: Ich gehe nicht mehr auf Ihre von mir nicht geteilten Haltungen oder Meinungen ein, sondern bleibe mit Wort- und Sach- und Selbsterklärungen. (Mal schauen, ob man so einen Ausgang findet.): Ich meinte Begriffe wie „Feind“ „Pappkamerad“ natürlich nicht direkt militärisch, sondern verwendete sie, weil die Logik von Argumenten, in Diskussionen unter agressiven Bedingungen eben besonders deutlich hervortritt.
    Wenn ich vom „gemeinsamen Feind“ sprach, dann um zu rechtfertigen, warum mir Teile ihrer Rede, etwa solche, die in stark aufgetragenen Farben Kleinverlage lobten, in unserer Auseinandersetzung sozusagen nicht als Friedensangebote, sondern eher wie ein Burgfrieden vorkamen. Vor dem Bild eines gemeinsamen Feindes wird manche Differenz gemeinsam begraben, die es nicht sein sollte. Ich wollte mir leisten, über Binnendifferenzen zwischen uns weiter zu reden, ohne mich von möglicherweise anderen argen Zuständen ablenken zu lassen. Ich sah schon deutlich, dass es Ihnen nicht um ein Losziehen gegen einen wie immer gearteten gemeinsamen Feind ging.
    Dass gerade der Begriff Literaturbeamte sie sehr störte, war mir auch deswegen seltsam, weil ich mit ihm eine Zuspitzung aufnahm, Nora Bossong sprach von Tierschützern.Das Verfahren der Einführung dieses Begriffes in meinem Kontext war: Ich überblendete quasi bloß eine Karikatur mit einer anderen Zuspitzung. Deswegen war mir dieses eine Beispiel von ihnen für meine Begriffsarbeit nicht so typisch vorgekommen und ich wunderte mich, das gerade dieser Begriff pars pro toto stehen soll.. Humor ist im Politischen eine heikle Sache. Vielleicht ist Ihnen angesichts von Ihren Erfahrungen mit vorderasiatischen Staatsapperaten solcher Humor vergangen, deswegen werde ich hier zusätzlich den sachlichen Kern meines Witzes erklären, wie misslich so etwas auch immer ist. Leistungsfähig kam mir der Begriff „Literaturbeamter“ vor, weil er immerhin auf ein Phänomen passt, dass ich aus dem Vorfeld des Repressionsapperates der späten DDR bereits genau so kenne wie aus der heutigen Situation. (Die späte DDR hatte gegenüber der frühen DDR einen zivilisatorischen Fortschritt gemacht, indem sie sich bemühte, dieses Vorfeld auch zuungunsten unmittelbarer staatlicher Sanktionen auszudehnen.) Jedenfalls traf man dort, wie in heutigen Diskursfeldern, je institioneller sie eingebettet sind, um so mehr, schwerer auf Diskussionspartner, die eigentliche Fragen diskutiert haben, sondern es gab immer einen merkwürdigen Spin in unerwartete Richtungen. (Jacks „Machträume“?) Man musste sich immer zusammenreimen, was dort eigene Meinung war und was künstlich produzierte Diskurslagen um anderes nicht sichtbar werden zu lassen. (Vor sich selbst oder vor anderen.) Vertreter von Insitutionen, die ihre Position nicht transparent machen, nenne ich deswegen bisweilen immer noch Literaturbeamte, so lange ich ihnen persönlich zunächst nichts unterstelle, nehme ich sie beim unklugen Wort und betrachte sie als uninformiert. (Das ist nett.)
    Noch ein Nachtrag, damit sie „ergründen können“ warum ein „Andersdenkender“ die Erfahrung gemacht hat, sich Maßstäbe von Wohlanständigkeit und Angemessenheit von öffentliche Reaktionen manchmal Schnurz sein zu lassen: Gerhard Schönes anständiges Lied kam auch tatsächlich erst herraus, als schon ganz Anderes diskutiert wurde. Es beschreibt diese Haltung nicht nur freundlich, sondern war selbst deren Opfer.

    Lieber Alex,

    ich verstehe nicht sehr gut, was Du sagst. Ich gehe davon aus, dass Dein Text absichtlich schillernd geschrieben ist, damit Du nicht die Verantwortung für Anschlüsse übernehmen musst, die Dir nicht zusagen?
    Da er viele voremotionalisierte Trigger (wer nach Mitte schreit … Lebenshaltungskosten, blauer Himmel etc.) enthält und suggestive Theoriebilder (von einer Jenseitsstruktur beschattet, im Ozean der Gedanken aufgehen), ist er für mich ein schönes Beispiel dafür, wie Texte Tiefe ausstrahlen und wirken können, auch, wo sie nicht verständlich ist. Wie man ja auch unter Umständen den Details von Jan Wagners Texten erliegen kann, etwa seinen Antikeanspielungen, ohne dazu eine konsistente Interpretation beibringen zu können oder gar zu müsen.
    Wie bei Gedichten der romantisch symbolistischen Tradition kann ich alternative Deutungen Deines Textes herstellen, die Gegensätzliches sagen, was dann aber niemals gegen den Text sondern allenfalls gegen den Interpreten sprechen würde.
    Ich weiß z.B. nicht wohin ich gelangen soll, wenn ich ein Gedicht, gar noch mit Benn, als unabhängig von allen Abhängigkeiten nehme. Ich kann also dem Weg von Deinem Gedankenexperiment schon am Anfang nicht gut folgen.
    Ich weiß somit auch nicht genau, ob aus diesem Gedankenexperiment die Aussage folgt, ich sei nicht strikt oder ob es sich dabei um eine zusätzliche Feststellung handelt. Ich weiß nur, dass Du Alex H, wenn ich Dich richtig identifiziere, auch das ist ja eine Schwierigkeit, schon öfters nicht strikt gefunden hast. Diesen Dissenz kann ich gut aushalten, insofern ich niemals einsah, wenn ich Kartoffeln aus dem Feuer holte, doch bitte gleich alle zu nehmen. Weil es dann z.B. auch fremde sind, weil ichs nicht kann, von wo ich sitze. Vielleicht hält auch jemand von einem anderen Beobachtungspunkt etwas für eine Kartoffel, was ich lediglich als heißen Stein oder verbranntes Holz identifiziere? Ich lobe mir zwar striktes Denken, insofern es ebenso zu neuen Durchbrüchen führen kann, wie Irrtümer durch Scheitern klar zu erweisen. Mir ist da aber disziplinierte Sorge um Nachvollziehbarkeit wichtig, sodass ich z.B. mit Ann Cottens Striktheiten besser klarkomme als mit den möglicherweise bei Dir vorhandenen.
    Das Wort auflösen ist mehrdeutig: Einerseits geht es ja grundsätzlich darum, dass sich die Erfahrungen die man gemacht hat, die in die eigenen Sprachsubstrate fragil eingelagert sind, im Diskursmehr verbreiten und nicht absinken. Andererseits ist oft die zunächst neue Gedankenverbindung daran, das eigentliche Wichtige. Diese Verbindung soll sich nicht auflösen. Manchmal hindert sie als Ideosynkrasie die Verbreitung. Die Nichtauflösbarkeit ist so immer zugleich Limit und Chance. Deine Haltung dazu verstehe ich noch nicht.
    Der Gedanke jedes Gedicht als Ergebnis eines Konzepts aufzufassen, egal, ob der Dichter eines bewusst hat oder meint, seine Text seien ihm vom Himmel geschenkt, ist mir vertraut. Nelson Goddmans Auffassung, Kunst gebe Proben und Muster von etwas, war mir immer einleuchtend. Kunst kann allenfalls immer frei von bewussten Zwecken sein. Spätestens Betrachter haben immer Zwecke. Es kann aber ein Kompliment für einen Text sein, dass er die privaten Zwecke seines Autors überschießt/konterkarriert oder von ihnen absieht. Der Autor muss von den Zweckrelationen seiner Texte nicht unbedingt wissen, noch an dieser Baustelle arbeiten, um gute (was immer das ist) Kunst zu machen, er kann aber auch gerade durch eine solche Arbeit zu guten Texten gelangen.

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  13. @ Bertram Reinecke

    Ich habe den Eindruck, dass diese Diskussion sich mittlerweile im Kreis dreht. Wenn Sie „Literaturbeamte“ als Metapher auffassen, dann sei Ihnen dies unbenommen. Für mich evoziert dieser Begriff einen mächtigen, aber anonymen Staatsapparat, dessen Beamte der Bevölkerung vorschreiben, was sie zu mögen haben und was nicht. Er entspricht nicht meiner Lebenswirklichkeit in Deutschland, sehr wohl aber der Realität in einem vorderasiatischen Land, wo Kritikerinnen und Kritiker verhaftet und eingesperrt werden. Früher hat man sie ermordet, was heute nicht mehr möglich ist, weil es das „Image“ im Westen beschädigen würde.
    Insofern betrachte ich auch den Zeitungsdiskurs nicht „als gemeinsame[n] Feind“ und dessen Vertreter schon gar nicht als Pappkameraden. Letzteres kann ich nach wie vor nicht einordnen; selbst wenn Pappkamerad nicht militärisch gemeint ist, widerstrebt mir diese pejorative Formulierung.
    Aus diesen Gründen kann es in diesem Diskurs gar kein „Wir“ geben. Ich kämpfe nicht gegen einen vermeintlichen „Feind“, sondern versuche in dieser Diskussion die Standpunkte, Argumente und Ideen Andersdenkender zu ergründen. Außerdem kann man prinzipiell gleicher oder ähnlicher Meinung sein, ohne darauf gleichartig zu reagieren.

    Übrigens fasse ich mich mangels Übung kurz. Die übrigen Vorwürfe lasse ich unbeantwortet, um dieser diskursiven Endlosschleife zu entkommen.
    Trotz allem: Danke für Ihre Bereitschaft zur Diskussion.

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  14. j wagner hin oder her. es handelt sich bei dem zankapfel doch um die arbeit an der sprache. nun gut, setzen wir diese, wie g benn, als für sich, das heißt unabhängig von allen abhängigkeiten, als bedingungslos. als das, was immer übrig bleibt und sogar übrig geblieben noch übrigbleibt, dann ergibt das ungefähr, dies bild rand-mitte in acht genommen, eine art bewegung von der mitte nach draußen. was ist die mitte? lebensunterhaltungskosten, anerkennung: ein gedanke wird müheloser, je holder die umgebung ihm ist, desto mehr beihilfe leistet sie ihm auch. wer nach mitte schreit, der ist sich selbst schon mitte genug. der formt dann die sprache von dieser mitte aus und richtet sich nollens vollens an gleichartige andere mitten. das läßt sich leicht politisieren. ist sprache nicht eh von einer jenseitsstruktur beschattet, in der alles mögliche statt finden kann. es macht sich als die wirkung geltend. o unargumentativ wie der aunsagbare hintergrund des sagens ist, so unargumentativ ist auch die unwillkürliche reaktion bei der rezeption. b reinecke argumentiert hier nicht besonders strikt. sein gedanke ist keiner, den man nehmen und in den ozean aller gedanken setzen kann, daß er in ihrem himmelblau aufgeht. diese unerbittliche harmonie des blauen himmels verunmöglicht doch jede verallgemeinerung von mitte und rand. es kann für denenigen keine mitte geben, der an der sprache arbeitet. sie entgeht ihm zusammen mit der sprache. die nur, wenn sie von einer mitte nach d em eigenen ebenbild geschaffen, auch zu anderen mitten spricht. und um eine mittenversammlung muß es sich ja schon handeln, wenn man über gesellschaft spricht. hat j wagner jemals gefallen? oder gefällt er als eine idee? glaubt man etwa, daß ein gedicht gesucht werden will? j wagner repräsentiert etwas, das sie suchen in hinblick auf eine idee von gedicht, die man wahrscheinlich auch mit einer mitte in zusammenhang bringen kann. in b reineckes diskussion finden sich aber keine dem wirklich fremden spuren. man könnte immer sagen oder behaupten, ein gedicht sei wesensfremd, es stehe nur für sich. man kann diese behauptung dergestalt hinlegen, daß jeder, der diese idee, es ist ja eine, wie ein konzept behandeln will, aufsucht. diese gedichte wollen gesucht werden. sie sind mitte, denn sie kommen von einer. da wird an der sprache gearbeitet, um eine idee zu verwirklichen. da wird die sprache benutzt, verwendet. sie erhält ihren zweck. und so sehr es auch diesem zweck eignet, sich als zweck, das ist wieder idee-ll, zu verwischen, es wird ja doch gespürt. mitte hat macht. wer sich mit ihr einläßt, der hofft auch auf eine polizei, die ihn beschützt. ihn und seine idee, die dann sein beruf ist. ein gedicht, was gesucht werden will, wird auch nicht übrig bleiben. wäre j wagner in den 70er ahren verlegt worden, würde man ihn heute bestimmt nicht entdeckt haben. er wäre uninteressant, wie viele. weil er lebt und schreibt, kann man ihn , wieder idee, aber auch verwenden. den b reinecke aber auch.

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  15. Sie finden also „Literaturbeamte“ eine ungerechtfertigte Pauschalisierung? Was stört sie daran? Finden Sie noch eine? Sie argumentieren ja pars pro toto. Wie, wenn ich das jetzt meinerseits als unbewiesene Behauptung und zu pauschal empfände?
    Ich finde es recht viel verlangt, Pauschalitäten wie Nora Bossongs zeitungskurz und zeitungsverständlich zu kritisieren ohne solche Begriffe. Warum ist der zu pauschal? Ich habe den Begriff in der verlängerten Fassung belassen, weil ich in der Tat diesen Begriff in diesen diskursiven Gegenden als Metapher für eingeführt halte. Als Metapher, denn nicht jeder dieser Leute muss verbeamtet sein. So viel als erste Antwort auf ihre dürren Einlassungen.
    Es ist sehr schön, dass Sie mir in Bezug auf den Zeitungsdiskurs und seine Mängel prinzipiell zustimmen. Als gemeinsamer Feind bleibt er aber so lange ein Pappkamerad, wie wir uns nicht darauf verständigen können, was wir gemeinsam falsch finden und anders machen wollen.
    Ich nehme ihr Verhalten im Netz immer noch als aggressiv wahr. Denn dies kenne ich noch von meinen Lehrern. Wenn sie in der Sache nicht bestehen konnten, dann begannen sie den Ton zu rügen, oder den Zeitpunkt. Auch das Lied, das ich postete, handelt davon. Ihr pauschaler Pauschalitätsvorwurf sieht mir einem Machtspielchen zu ähnlich.
    Böhm ist erfrischend: In Gedichtgalerien kann man dem Gedicht zufällig begegnen und sich dann doch dafür interessieren, weil man anders als bei Lesungen mitgehen kann, ohne eine Stunde zuhören zu müssen.
    In seinem Fokus auf das meisterliche Werk ist er aber schwer erträglich. Gerade deswegen fühlen sich ja viele Lyriker zur zeitgenössischen Musik, zu zeitgenössischem Tanz, zur bidenden Kunst hingezogen, weil dort ein Gespür für Prozesse besteht.
    Das statische Meisterwerk interessiert Marketingleute und viele Rezensenten, die Hermeneutiker und in dieser Hinsicht naive Leser. Aber selbst Goetheverehrer kann man ohne den Glauben an Meisterwerke sein. Und Celan sowieso: Symptomatisch, dass Surkamp die Datierungen unter den Gedichten getilgt hat.
    Auch Böhm wird den Gedichtband nicht abschaffen. Der funktioniert ja auch ganz gut. Nur wird es schwieriger, aus der Menge von vielen Kleinauflagen Interessantes herauszufiltern, als aus wenigen Großauflagen. Redakteure, die das gerne möchten, leiden an diesem Zustand ebenso, wie Lyriker, die hoffen, sie müssten entdeckt werden, sei es, weil sie nostalgisch am Dichterbild des nationalen Sänges doch noch hängen, sei es, weil sie sich anders nicht zu helfen wissen, sei es, weil sie nach äußerer Bestätigung für ihr Tun heischen.

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  16. weil das jetzt so dasteht sollte ich wohl betonen, daß nicht ich das mit den spießern behauptet hatte. ein bißchen wundere ich mich schon, daß man so emfindlich gegen den begriff literaturbeamte ist (ich hab ihn auch schon gelegentlich verwendet und glaube zu wissen was ich damit meine) und gleichzeitig leuten, die jan wagner offenbar nicht für den innovativsten lyriker halten unterstellen, sie hielten die käufer von wagners buch für bornierte spießer.

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  17. @ Bertram Reinecke

    Ihre Ausführungen zu Nora Bossongs Text erscheinen mir in vielen Fällen einleuchtend, allerdings frage ich mich: Warum nicht gleich so?
    Was Sie als „pointiert“ bezeichnen, empfinde ich allerdings oft als agitatorisch, in dem Sinne, dass ich mit Gegenbehauptungen konfrontiert werde, die mir ebenfalls als Gemeinplätze erscheinen. Dies gilt beispielsweise für Ihre Einleitung. Offensichtlich richtet sich diese gegen den Zeitungsdiskurs, ist aber ähnlich verkürzend. Natürlich lassen Sie darauf Ihre Argumentation folgen, aber auch dort stören mich Ausdrücke wie „Literaturbeamte“ etc.
    Um mich zu wiederholen: ich beschwere mich, dass der Diskurs außerhalb von Zeitungen sich ähnlich verkürzender Formeln bedient, statt diese sachlich kühl zu widerlegen. Sie tun es ja auch, gleiten dann aber immer wieder in Formulierungen wie „Literaturbeamte“ ab, die billig sind, nicht bissig. Wenn ich also hier einen Kritiker „nerve“, dann aus diesem einfachen Grund und nicht, um Nora Bossong, Diez usw. hochzuloben. Bei SPON ist der Kulturteil sowieso längst zu einem Forum für Kochrezepte mutiert.

    @ Michael Gratz

    Gut zu wissen, dass nicht alle Wagner-Leser unpolitische, bornierte Spießer sind 😉
    Neo-Biedermeier halte ich trotzdem für überzogen, Jan Kuhlbrodt spricht ja selber von einem „Kampfbegriff“. Im übrigen schlägt das, was ich als „neue Innerlichkeit“ bezeichnen würde, in der Prosa der vergangenen Jahre noch viel eklatanter zu Buche.

    @ alle

    In der ZEIT wird’s immer doller, inzwischen schlägt Thomas Böhm vor, Gedichte doch bittschön häppchenweise zu konsumieren, um die Leser nicht mit einer „Überdosis“ zu überfordern. Say hello to „Lyrik to go“!
    http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-07/lyrik-vertrieb-problem-buchmarkt

    Mahlzeit!

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  18. Lieber Jack, ich hatte Deine Beiträge zu den richtigen Fehlentscheidungen bisher nicht zur Kenntnis genommen. Könntest Du mir helfen und die hier drunter verlinken oder Literaturangaben hersetzen? Wenn es Dir ein Herzensanliegen ist, müsstest Du an der Vergrößerung der Reichweite ja Interesse haben. Und schreibe dann doch bitte, was Dir daran auffällt an diesem Schweigen, sonst sieht es ja so aus, als würdest Du es hier gegen mich kehren wollen. Auch hier wieder: Was Du zu Machträumen sagst: Du Beteiligst Dich an ihrer Herstellung, indem Du die anderen Entscheidungen gegen diese Diskussion ausspielst. (Täter-Opfer Umkehr:) Es bleibt nämlich doch in der Verantwortung jedes Einzelnen misszuverstehen oder nicht und welche Rücksicht ein Sprecher darauf nimmt, ist sein persönliches Bier. Auf Vorauseilenden Gehorsam und Schere im Kopf sollen doch bitte Lyriker nicht festgenagelt werden. Für mich verbirgt sich das hinter Deinen abstrakten Machträumen. Im übrigen habe ich zu anderen Entscheidungen in diesem Jahr mich geäußert, ich äußere mich auch mitunter zu Fehlentscheungen. Zu der Buchpreisentscheidung hatte ich nichts besonderes zu sagen gehabt und hatte deshalb nichts gesagt. Aber zu Bossong hatte ich wichtiges zu sagen.
    Auch damit, dass Du notorisch meine nun mehrmals nachgeschärfte Fokussierung auf Bossongs Argumentation geflissentlich ignorierst, stellst Du einen Zustand, den Du zu kritisieren vorgibst, selbst mit her. Für das, was ich sagen wollte, ist Nora Bossong auch ohne Wagner ein gutes Beispiel. (Sie hat zufällig das Thema, hätte Seiler den Preis bekommen, hätte ihr Text genauso ausgesehen können.) Das was ich hier zum romantisch symbolistischen Code sage, sagte ich an anderer Stelle bereits. Das gehörte hierher weil ich einem Angriff entgegentreten musste, den auch andere als ziemlich arg empfanden und es sollte doch nicht sein, dass eine Juryentscheidung mir da die Waffen aus der Hand schlägt. Ich sage zu Wagner bloß etwas, wenn andere, Du ja auch wieder, mit mir notorisch über Wagner streiten wollen.
    Kannst Du Dir vorstellen, dass Maras Sorge davor, in meiner Zusammenfassung missverständlich zu sein, hauptsächlich von Dir (und meinetwegen Deinesgleichen, aber da war keiner) herrührt, der mit solchen Keulen schon auf facebook gefuchtelt hat? Muss ich mich nun nochmal wiederholen? Vielleicht sollte ich ab nun nur noch cut ups aus bereits hingeschriebenem machen.

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  19. „ist es zu früh und die äpfel noch nicht reif, doch der hunger groß/
    bruder nimm den stecken, schlag sie für uns los.“
    (ist aus einem gedicht von klaus peter schwarz, irgendwann um 1980 im poesiealbum erschienen. das fiel mir gerade ein)

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  20. Äh, nur ein ganz kleiner Zwischenruf, jack ging es nicht um Neid, sondern ressentiment. Und wie er auf Facebook ausgeführt hat, geht es nicht darum, keine Debatten zu führen, sondern um Zeitpunkte, Art der Aussagen und Kontexte. Man kann sich nicht in einen Raum drängen, der auch immer machtpolitisch gelesen wird, aber dann sagen, ich hab nur mit Inhalten zu tun. Das ist verlogen. Das meiste vom Rest von Bertrand Anliegen halte ich für substantiell, wenn auch am falschen Beispiel aufgerissen, was jan w. angeht. Es ist schon auffällig, dass über die wirklichen Fehlentscheidungen, die es ganz krass gab dieses Jahr, in der Szene fast gar nicht gesprochen wurde.
    Nora bossongs professionalität in Rahmen der Medien ist dann ein drittes Thema. Gez. Jack

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  21. Ich würde die hier angewandten Lektüreverfahren nicht als ein Wenden ins Gegenteil beschreiben, sondern als ein ziehen der Konsequenzen aus bestimmten Denkhaltungen. Da nehme ich manche Meinungen vielleicht zu grundsätzlich ernst, aber ich finde, dass sollte ein Diskurs aushalten.
    Solche Denkhaltungen sind bei Nora Bossong: Eine Vorstellung von Zentrum und Rändern der Literatur. Die Tendenz zu einem uniformen Literaturbild. Und die Intuition, dass Dichter zuerst menschelnde Menschen und erst in zweiter Linie dichtende Menschen sind.
    Während Sie offenbar die ersten beiden Vorstellungen doch wider Erwarten gar nicht teilen, durchzieht das Argumentum ad hominem auch ihren zweiten Post: Mal soll es gegen mich sprechen (in ihrem Einstieg), mal, mal für mich, wo sie mir Feigheit absprechen … An manchen Stellen ergibt es sich aus dem, was zu vor Thema war. Aber sie benutzen es für meinen Geschmack zu oft: „Meines Erachtens hat jemand, der seine eigenen Positionen offensiv und leidenschaftlich vertritt, es nicht nötig, einen Preisträger abzuwatschen.“ Es hat ja auch niemand nötig gehabt, auch Kuhlbrodt ist, egal ob Wagner einen Preis bekommt oder nicht, eine Tendenz, die er mit Neobiedermeier labelt, schon sehr lange unheimlich und warum sollte er plötzlich schweigen, wenn der andere Jan einen Preis bekommt? Und selbst wenn sie unabhängig von der Bossongschen Suggestion solche Dinge als Abwatschen empfinden: Wissen Sie, in welchen Lagen man stecken kann? Warum erwartet man von den Randständigen, die ohnehin Schwierigkeiten haben mit ihren Anliegen durchzudringen, immer so viel Countenance während Leute wie Diez und Bossong fröhlich herum rambulieren dürfen?
    Ihnen kommt mein Text wahrscheinlich deswegen so bösartig vor, weil Nora Bossongs Text eben nicht sehr konkret ist, sondern lediglich unterschwellig diskursive Vorgaben macht, wie geredet werden soll. Und diese Vorgaben blockieren die eigentlichen Gespräche. Deswegen noch ein paar Worte zu dem, was in ihrer Diktion der „eigentliche Sachverhalt“ (sie legen ja nahe, ich lenkte davon ab), ein Wort also auch zu den Vorstellungen Nora Bossongs, die Sie ohnehin nicht teilen: Wagner mag für viele mit gewisser Vorbildung verständlich sein. Ich kenne aber durchaus auch geisteswissenschaftlich studierte Leute, die gerade diese Machart nicht einlädt, sondern abschreckt. (Im Moment fällt mir ein Gräzist ein, der sogar über deutsche Metrik arbeitet und ein Theologe, der berufsbedingt ja durchaus ebenfalls mit Lyrik und Sprache einiges zu tun hat.) Sie haben sich längst von der Poesie verabschiedet, weil die so viel „Sensibilität“ verlangt. Worin besteht diese Sensibilität? Man muss gelernt haben, bestimmte Fragen zu stellen und andere nicht zu stellen: Um nicht Wagner abzuwatschen hier das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse: Da wird ein Fortschritt gelobt, der aber letztlich keinerlei Eigenschaften hat. Man muss einfach aufhören zu fragen, was das für ein komisches Ding sein soll. Und es gibt überhaupt keinen Grund, warum man damit aufhören soll, mir hat nie jemand einen genannt. Wenn man das Gedicht verstehen will, darf man dieses Unding ohne Eigenschaften erst gar nicht verstehen wollen. Solche Widersprüchlichkeit ist mir an vielen Gedichten aufgefallen die mir wichtig bis zum Auswendigkönnen waren. Nitzsches „Vereinsamt“ der Soundtrack meiner leidenden Adoleszenz: Als Selbstanrede des Dichters kann es unmöglich so geschliffen sein, wenn es eine Fremdanrede wäre, ist es hönisch bis zum Ekel. Aber so liest man es nicht, man muss es gleichzeitig halb so, halb so lesen und man macht das auch zwanglos und fühlt sich verstanden. Das ist doch eigendlich irrwitz wenig selbstverständlich. Solche verborgenen Widersprüche sind ein wesentlicher Motor der Texte der von Jan Wagner fortgeschriebenen Tradition, nennen wir sie romantisch symbolistsich. Das setzt höchst kreative Leseprozesse voraus. Ich weiß nicht, ob Ihnen der Gedanke neu erscheint? Ich habe niemals explizit gelernt, dass man so verfahren muss, sondern man übt es bei den Interpretationen, die man in Schule und Studium lernt unterschwellig ein. Man kann diese Sensibilisierung also auch als Konditionierung auffassen. Jan Wagner wird nur da als verständlich empfunden werden, wo seine Widerspruchs- und Leerstellen sich mit dem Training des Deutschunterrichts decken. Daher zumindest mein Verdacht, dass sich das Konventionelle und das Verständliche bei ihm decken. Ich glaube auf so eine Verfasstheit im Gewohnten, Bekannten, Eingeübten will Jan Kuhlbrodt mit seinem Label letztlich hinaus. Dieselben Leute die sich als zu „unsensibel“ für Lyrik misstrauen, jede Kritik, die Jan Wagner „verständlich“ nennt, hält diesen ungerechtfertigten Vorwurf aufrecht, können an den Sprachschönheiten des späten Arno Schmidt ihre Freude finden oder es sind Titus Meyers „experimentelle“ Gedichte ihnen ein Leseeinstieg. Die Sachen gelten hingegen als randständig, schwierig etc.
    Wenn Leute nun darauf hinweisen, dass Ihnen Wagner nicht so wichtig ist oder gar, das sie ihn nicht so mögen, steht doch etwas anderes im Vordergrund: Sie wollen die Idee der Uniformität der Literatur, die Vorstellung es gäbe nur eine davon, zurückweisen, zumal wenn sie wieder implizit aufgefordert werden, doch ein bisschen mehr zu schreiben wie er. Des weiteren ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dass Juroren ebenfalls an die verkürzten Ideen von der Uniformität der Lyrik und der Verständlichkeit, wie sie Nora Bossong kolportiert, glauben und dieser Glaube ihren Entscheidungen mit zu Grunde liegt. Es werden bestimmte Leserkreise also notorisch marginalisiert. Auch das ist ein öffentliches Misshören: Meistens sollen nicht Preisträger kritisiert werden, sondern Jurys. (Das ist mir vor allem bei Sabine Scho meist einleuchtend.) Das wollen aber die auf diesem oder ähnlichem Wege durchgesetzten nie hören, es stört ihren Glanz. (Entschuldigung, das war wieder ad Hominem.) Jedenfalls ist die Jurykritik ein (in Deutschland?) völlig unterentwickeltes Genre der Kritik.
    „Also suche ich im Netz, wie z.B. hier bei der Lyrikzeitung, nach fundierten Kritiken, weil mir auch oft das Geld für einschlägige Printmagazine fehlt. Um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass sich diese Kritiken in vielen Fällen auf demselben bedauernswert niedrigen Niveau bewegen.“ Warum sagen sie das? Oft ist es so, oft empfinde ich es als bemerkenswert anders. Wenn man zum Beispiel schnell dazu neigt, menschelnd zu lesen, mag man hier und da auch Gutes, was man sich ja freilich zusammenpicken muss, übersehen. Etwa, wie gesagt Breyger. Und auch die schlechten Internetkritiken sprechen doch nicht gegen die guten, ebenso wenig wie Diez gegen bessere Analysen von Wagners Lyrik, nicht wahr?
    Sie müssten Nora Bossongs Satz nochmals lesen: “Wenn einer plötzlich vom Rand ins Zentrum gestoßen wird, kann man das runterbügeln als literaturbetriebliche Show, man kann sich aber auch einlassen auf die Irritation, die das Publikum hier mal den Lyrikern zumutet.” Sie haben nicht genau gelesen, wenn Sie fortsetzen „Nora Bossong sprich hier eindeutig vom “Publikum”, nicht von den Kennern der Materie.“ Denn Das Publikum mutet den Lyrikern etwas zu, so ist ihr Satz grammatisch! Wenn ich also oben darauf bestehe, dass regelmäßige Lyrikleser nicht irritiert waren, komme ich ihnen erstens ohnehin entgegen. Zweitens mag es Lyriker geben, die irritiert waren. (Ich unterschiebe diesen: aus Unkenntnis, ja – bis das Gegenteil jemand erweist und mir sagt, warum es überraschend gewesen sein sollte.)
    Neben dem zwingenden grammatischen Grund gibt es noch einen zweiten Grund für meine
    Lesart, der ist pragmatischer Natur: Der Satz passt nicht in die Argumentationsstruktur, wenn man ihn so grammatikwidrig harmlos liest.
    Die Textpragmatik ihres Kommentars hat mich auch verführt, Ihr Räsonement über Mut im vorherigen Kommentar auf mich zu beziehen. Sie wiederholen ja da eine These Bossongs einfach eine These, als hätte ich ihr nicht zuvor nicht mühevoll widersprochen. Sie gehen auf meine Gründe dafür im Einzelnen gar nicht ein. So stellen sie meinen Text als Nichtsatisfaktionfähig dar und, so dachte ich, ich muss ihrem Text, die Hinweise, warum es so ist, selbst entnehmen. Damit habe ich ihren Text, wie Eco es nennt überfragt und es mag ihnen mehr unterlaufen sein, dass da andere Überlegungen eine Rolle spielen, die dann in ihrem Kommentar gar nicht mehr vorkommen.
    Da ich notorisch erlebe, dass textpragmatische Argumente in vielen Lektüren eine seltsame Rollen spielen, möchte ich hier noch einmal eine Sicht auf mein Lesen geben. Ich erlebe folgendes: Textpragmatische Argumente werden zu global gehandhabt: „Ach darauf will er hinaus“ oder in ihrer Diktion „Klappe zu Affe tot“. Auf der Mikroebene gilt es aber immer als geschmacklos, Schlüsse daraus zu ziehen und ich frage mich warum. Zu sehr wundert es mich aber auch nicht: Die wenige Hilfe, die ich zur pragmatischen Textinterpretation von Seiten der Uni bekam, bestand in ein bis zwei Seminarstunden über Grice oder Austin in der Sprachwissenschaft. Alles andere dazu musste ich selbst heranschaffen.
    Folgendes „Szene“ Nora Bossongs ist ja zunächst eine Ansammlung von Gemeinplätzen, denen man so nicht widersprechen wird: „Ohne Verkauf jedoch bleibt jedes Lyrikprogramm ein Zuschussgeschäft, in engagierten Kleinverlagen oft aus der privaten Tasche der Verleger finanziert. Die Tatsache, dass Lyrik ökonomisch so wenig abwirft, hält obendrein das Vorurteil aufrecht, es handele sich um eine ohne Subvention längst abgelegte kulturelle Praxis. Die Förderung von Lyrik und die von Braunkohle werden dann gern in dieselbe Amtsstube verbannt.“ Haben Sie mal überlegt, welche Rolle, die ungerechtfertigte Vorurteile über Lyrik haben (Vorurteile sind ja immer ungeprüft, sonst wären es Urteile.) in der Logik ihrer Argumentation spielen. Eigentlich doch gar keine, denn nicht einmal die vielen Wagnerkäufer, die den fragilen Kern ihrer Argumentation bilden, gehören zu dieser Gruppe. Man kann sich doch auf den Kopf und wieder gerade stellen, man erreicht sie eben nicht. Man aber noch ganz andere Fragen stellen: Warum lässt Nora Bossong das Wasser ausgerechnet so herum über ihre Mühlen laufen? Man könnte ja auch z.B. formulieren: „Wenn Lyrik durch persönliches Engagement dennoch verlegt wird, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass sie oft auch ohne Subventionen auskommt.“ Man könnte z.B. auch eine Förderpolitik fordern, die sich über mehr Gedanken macht, als darüber, das vergleichsweise geringe Summen im Vergleich zu Braunkohle (oder meinetwegen Musik) für sie aufgewendet werden.
    Es liegt doch gar nicht nahe, dass die Randständigkeit und Schwäche von geförderter Lyrik, (wenn denn Nora Bossong wirklich dieser Meinung ist), irgend etwas zu tun hat mit dem, was ungefördert in anderen Verlagen erscheint. Auch hier wirft sie wieder völlig Verschiedenes ineinander. .
    Denn das die Verlage, je kleiner, je weniger verkaufen, hat ja z.B. oft gar nichts mit der prinzipiellen Unverkäuflichkeit von Lyrik zu tun und gilt auch für Prosa. Es liegt daran, dass sie strukturell nicht so gut aufgestellt sind, die Buchhandlungen kleinen Verlagen misstrauen (weil es eben diese und jene Kleinverlage gibt), die Möglichkeiten des Hinweisens beschränkt sind etc. Es gibt bei Reinecke &Voß z.B. viele Bücher, da ist es einfach ein Lapsus der großen Verlage, dass die nicht dort erschienen. Ich kenne nicht nur die (teils öffentlichen) oft geradezu euphorisierten Leser sondern mitunter auch Ablehnungsschreiben anderer Häuser. Lektoren dort (und ich merke es ja selbst an mir immer wieder) sind einfach überfordert, neben der Alltagsarbeit sich die Zeit zu nehmen zu sondieren und zunächst merkwürdige Dinge einer genaueren Lektüre zu unterziehen. Das ist in Wirklichkeit ein ganz anderes Problem, als eventuell die Schwerverkäuflichkeit eines Lyrikbandes, auf den viel hingewiesen wurde. Man könnte sogar so viel Hoffnung haben, dies für einen Restbestand an lyrikkritischem Potential in der Öffentlichkeit halten, wie Sie es ja auch tun, wenn Sie sagen, dass Sie eher zu Kleinverlagen gehen, als gehypte Bücher zu kaufen.Nora Bossong baut ihr Bild der Szene Satz für Satz so, dass solche Ideen ausgeschlossen werden und alles ganz uniform ist. Als Teil eines Arguments wird die von mir herausgegriffene Stelle erst dann lesbar, wenn man die Bewegung des Haftbarmachens, die ich in Bezug auf Diez beschrieb hier auch am Werk sieht. Es nur so passt sie gut in den Text, sie wäre dysfunktional,es vrletzte die Gricschen Kriterien, es sei denn, Noras Text wäre ein unkonzentriertes Schweifen auf der Blümchenwiese des Sagbaren. Ich weiß letztlich nicht, ob das bewusste Bosheit ist oder ob Nora Bossong einfach so breiig denkt und irrt.
    Man sollte, so meine Lesart von Bossongs Artikel, bei erzählendem Journalismus nicht nur auf die Fakten schauen, sondern auch auf die Logik der Bilder. Vielleicht ist deswegen dieser Journalismus so verbreitet, weil man da etwas nahelegen kann, ohne dafür leicht haftbar gemacht werden zu können, weil für das ziehen der Konsequenzen traditionell der Leser haftbar ist. Dennoch sollte man sich das nicht ersparen.
    Wie unplausibel auch der Connex von Verkaufbarkeit und Verständlichkeit in Nora Bossongs Auffassungsweise ist, kann man daran sehen, dass auch Ulf Stolterfoht nach dem Huchelpreis, der ja als Lyrikpreis, traut man Bossongs Logik, kaum jemanden hinter dem Ofen vorlocken dürfte, mehrere Tausend Bücher verkauft hat. Es ist also einerseits gar nicht neu, dass selbst als schwierig verrufene Lyrik verkäuflich ist, andererseits stelle ich mir die Irritation, die „Holzrauch über Heslach“ bei seinen Lesern ausgelöst hat, durchaus größer vor. (Ich kenne einfach kaum fremde Verkaufszahlen, deswegen dieses Beispiel, ich fände es geschmacklos, läse man es so, ich wollte Ulf irgendwie gegen Wagner ausspielen.)
    Nun noch ein Wort zur Genüsslichkeit, die Sie mir unterstellen (ad hominem). Ich hatte meinen Artikel zunächst ja für die Zeitung geplant, da kommt es ja auf pointiertes Sprechen möglichst an. Mir hätten die liegengebliebenen Essays über Ann Cotten oder über Auswahlprozesse in der Literatur viel mehr Freude gemacht. Gerade weil der Gegenstand so ungenehm war, weil ja auch so wenig Distinktion zu gewinnen ist, wenn man einen schwammigen Artikel angreift, weil das ja gegenüber einem klaren Artikel auch so viel Mehrarbeit bedeutet, verdenken Sie es mir bitte nicht, wenn ich mich hier und da vielleicht auch mal über eine geglückte griffige Formulierung merklich gefreut habe. Das war sozusagen dann nur der Trostpreis.

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  22. Schon erstaunlich, wieviele Emotionen ein Gespräch über Lyrik auslöst.

    Reinecke sagt:
    „Mit Nora Bossong kann man offenbar über Wagners Lyrik nicht diskutieren, wenn man sich nicht sofort von ihr anhängen lassen will, man führe eine Neiddebatte.“

    Baghestani schickt sich an, es zu beweisen. Nämlich Reinecke sagt, einige halten Jan Wagners Lyrik für konventionell. Baghestani liest: Jan Wagner wird abgewatscht. Das ist das Verfahren Pappkamerad, es ist beliebt.

    Baghestani zitiert: „Adjektive wie “leicht konsumierbar” oder ein eingängiges Label wie “Neo-Biedermeier”. (Sie vergißt hinzuzufügen, daß es nicht Reinecke war, der das sagte.) Ihre Schlußfolgerung ist schlagend:

    „Damit hat frau/mann die 40.000 Käuferinnen und Käufer von Jan Wagners Gedichtband als unpolitische, bornierte Spießer abgestempelt. Klappe zu, Affe tot!“

    Q.e.d., Pappkameraden treffen ist leicht.

    Wieviele von den 40.000 Käufern lesen wohl Debatten in der Lyrikzeitung? (Gestern 934 Besuche).

    Nein, Sach- und Fachgespräche über Lyrik müssen möglich sein, aber im Feuilleton werden sie kaum noch geführt, und wenn sie hier im Netz geführt werden, tauchen sofort die Emotionen auf und die Hammerworte: Neiddebatte! Zack! Abgewatscht. Zack! Abgestempelt. Zack! Unpolitische bornierte Spießer. Zack!

    Übrigens was die erstaunlichen Verkaufszahlen betrifft, natürlich sind die für einen Gedichtband sensationell. Aber glaubt jemand im Ernst, Wagner sei damit „ins Zentrum“ des Buchmarkts gerückt? Für Romane wäre das ein Flopp, deshalb ist die Auszeichnung eines Gedichtbands für die Buchhändler eine Katastrophe, ausgezeichnete Romane verkaufen sich sechs-, in manchen Fällen vielleicht siebenstellig. Man rechne den Umsatzverlust hoch! Komisch, daß niemand im Feuilleton das Problem sehen will und stattdessen alle vom gewaltigen Aufschwung der Lyrik lallen und lallen.

    (Und glaubt irgendjemand, das nächste Buch von Wagner würde auch nur annähernd sovielmal verkauft? Wetten daß nein? Glaubt jemand, die zeichnen in den nächsten 10 Jahren wieder einen Gedichtband aus statt eines Romans?)

    Ein Nachtrag in eigener Person, die Rede sei Jaja neinnein. Ja, auch ich habe Jan Wagners Buch gekauft. Ja, ich lese ihn seit Jahren und nein, ich lese nicht nur meine Lieblingsdichter. Nein, Jan Wagner ist nicht mein Lieblingsdichter. Nein, ich halte Leute, die nicht die gleichen Interessen haben wie ich selber, nicht für unpolitische bornierte Spießer. Bertram Reinecke tut das auch nicht.

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  23. Danke für die Replik, Herr Reinecke. Als ich Ihren Beitrag zu Nora Bossongs Artikel las, dachte ich, ich sei im falschen Film. Da wurden ihre Bemerkungen so lange gewendet, bis Sie sie in ihr Gegenteil verkehrt hatten, um sie genüsslich zu zerreissen. Dasselbe gilt für diese Replik:

    Ich kann Sie schlichtweg nicht der Feigheit bezichtigen, weil Ihr Beitrag das Gegenteil davon bezeugt. Aber natürlich ist es ideal, die Gegenseite erst einmal in die Defensive zu drängen, um dann Genugtuung zu fordern und vom eigentlichen Sachverhalt abzulenken.
    Meines Erachtens hat jemand, der seine eigenen Positionen offensiv und leidenschaftlich vertritt, es nicht nötig, einen Preisträger abzuwatschen.
    Zugleich habe ich kein affirmatives Abnicken desselben verlangt – wie käme ich dazu? Was ich mir wünschte und wünsche, ist eine sachliche Auseinandersetzung, die offenbar kaum möglich ist.

    Womit wir schon bei der zweiten Unterstellung wären, ich orientierte mich am „Zeitungsdiskurs über Lyrik“. Tatsächlich habe ich es schon seit Jahren aufgegeben, den Feuilletons brauchbare Informationen über Neuerscheinungen, seien es Prosa oder Lyrik, zu entnehmen. Und wenn ein Buch sehr hochgelobt wird, ertönt bei mir der Alarm „Nicht kaufen!“ (Ausnahmen bestätigen die Regel).
    Also suche ich im Netz, wie z.B. hier bei der Lyrikzeitung, nach fundierten Kritiken, weil mir auch oft das Geld für einschlägige Printmagazine fehlt. Um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass sich diese Kritiken in vielen Fällen auf demselben bedauernswert niedrigen Niveau bewegen.

    Zu der von mir unkommentierten „Randständigkeit“ ein paar Überlegungen: Randständig aus wessen Sicht? Des Literaturbetriebs, der Leserschaft oder der Lyriker und Lyrikerinnen? Sehr wahrscheinlich bezieht Nora Bossong sich auf die ersten beiden Gruppierungen, womit sie ein etwas schiefes Bild erzeugt. Für mich besteht die gegenwärtige Lyrikszene aus einem großen Netzwerk mit vielen Knotenpunkten, um die herum sich verschiedene Strömungen gruppieren. Eine „Mitte“ gibt es also gar nicht, es sei denn, man bezeichne den öffentlichen Diskurs als solchen, aber auch in diesem Fall bezieht sie sich auf die „sprachliche Gesellschaftsfiktion“.

    Also noch einmal zum Ausgangspunkt:
    “Wenn einer plötzlich vom Rand ins Zentrum gestoßen wird, kann man das runterbügeln als literaturbetriebliche Show, man kann sich aber auch einlassen auf die Irritation, die das Publikum hier mal den Lyrikern zumutet.“
    Nora Bossong sprich hier eindeutig vom „Publikum“, nicht von den Kennern der Materie. Und Teile von diesen sind eindeutig irritiert, weil sie das Phänomen nicht einordnen können. Deshalb Adjektive wie „leicht konsumierbar“ oder ein eingängiges Label wie „Neo-Biedermeier“. Damit hat frau/mann die 40.000 Käuferinnen und Käufer von Jan Wagners Gedichtband als unpolitische, bornierte Spießer abgestempelt. Klappe zu, Affe tot!
    Aber leider existiert dieses Publikum weiterhin.

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  24. Pingback: Aufschwung Lyrik « Lyrikzeitung & Poetry News

  25. Man kann eben Jan Wagner mögen oder nicht mögen, wie jede Kunst und das soll bitte auch auszusprechen sein. Jan Kuhlbrodt, um auf baghestanis Einwurf zu kommen, geht tiefer auf Jan Wagner ein als Nora Bossong, die nur die alte Geschichte vom Neid mehr erfindet als auffindet. Da sind Signaturen der Kennerschaft zu bemerken, und zwar egal, ob man seinen Urteilen folgt oder nicht. Wie stark jedem, der sich äußert, vorausgesetzt man feiert ihn nicht, Vorurteile begegnen, habe ich an Jack gemerkt, auch baghestani hat daran Teil und begreift nicht, dass es nicht ein persönliches Problem von Lyrikern ist, sondern ein Problem der Öffentlichkeit, wenn sich Lyriker vorsichtig oder nicht äußern. Man muss offenbar das Urteil dieser Jury unbedingt richtig finden, egal ob man ihre Meinung teilt oder nicht. Diesen Umstand kann man sehr problematisch finden, selbst, wenn man Jan Wagner schätzt. Und geschätzte Kollegen untersstellen einem auch noch öffentlich, man habe eigene finstere Zwecke, wenn man die Berichterstattung kritisiert. (Es würde mich freuen wenn Susanne Bahestani hier als Teil der problematischen Öffentlichkeit, die Einhaltung dieses Tabus hier nicht von mir einforderte.) Sie denken gleich: Man will Jan Wagner schlecht machen. Ich möchte mir aber ebenso wenig wie Mara Genschel nicht Freudengesten abrufen lassen, bloß weil die Öffentlichkeit das so von mir „als Lyriker“ erwartet. (Ich bin auch als DDR-Bürger niemals zum Republikgeburtstag auf die Freudendemonstration gegangen) Die Loyalität für Schreibansätze möchte doch bitte etwas mit ähnlichen Anliegen zu tun haben und nicht mit formalistischen Gattungsschubladen.
    Ich finde es deshalb äußerst deplaziert, dass Sie baghestani hier wieder die Feigheit der Lyriker ins Feld führen, jeder der davon Ahnung hat, weiß, dass mein Artikel mutig ist. Über diese Tugend verfüge ich, selbst dann, wenn ich im Einzelnen Unrecht haben sollte. Ihre Diagnose ist ein Vorurteil. (Ich hätte mich auch ins Zentrum „getraut“, nur haben die Zeitungen so lange gezögert, bis ich eben die Faxen dicke hatte.) Ihre seltsame Vermutung hängt an Ihren vorgängigen Urteilen geleitet: “Wenn einer plötzlich vom Rand ins Zentrum gestoßen wird, kann man das runterbügeln als literaturbetriebliche Show, man kann sich aber auch einlassen auf die Irritation, die das Publikum hier mal den Lyrikern zumutet. Wer sich ständig hinter intellektuellen Überlegenheitsgesten versteckt, verliert irgendwann die Orientierung.”. Wer regelmäßig Lyrik liest, ist durch Wagner nicht irritiert. Ja, nur das ist es, was viele Stimmen sagen wollen und nicht sagen dürfen, egal ob jemand ihn mag oder nicht. Es ist doch nun auch schon bald 20 Jahre her, dass er ein randständiger Lyriker war. Diese Frage ist für meinen Artikel ohnehin nur Nebenfrage, deswegen kein Wort hier weiter über Wagner. Dass irgendwer irritiert ist, ist eine Legende derer, die sich schlecht auskennen. Nicht wahr? Das ist wieder so eine Überlegenheitsgeste von mir? Ja, die Rhetorik des Misstrauens ist in dem von mir kritisierten Artikel leider bis zur Geschmacklosigkeit ausgeprägt, warum machen Sie sich das zu eigen? Sie können übrigens auch, das steht Ihnen frei, einfach aufhören, mir Unterstellungen zu machen. Am Zeitungsdiskurs über Lyrik ist nicht so viel dran, da ist es relativ leicht überlegen zu sein. Leute, die daher ihre Meinungen beziehen, müssen jedoch sich diese Überlegenheit der Kenntnisreichen immerzu wegerklähren und das geht nur mit Tiefschlägen ad hominem.
    Um hier noch einmal auch inhaltlich zu reden: Ich finde es ein interessantes Spiel, das
    Yevgeniy Breyger mit der Öffentlichkeit treibt. Seine Behauptung, dass einige der 5 Sterne Amazon-Rezensionen zu Jan Wagner von ihm verfasst seien, zwingt zur genauen Lektüre, zum Blick auf Rezensentenprofile, letztlich zur Auseinandersetzung mit Wagner. Ich habe auf unterhaltsame Weise dazugelernt. Aber das ist eine Inszenierung, die man nur dann spielen kann, wenn man einen Gegenstand von öffentlichem Interesse hat. Es hat also wenig mit Neid zu tun (Wer Breyger kennt, wird ihm ausgeprägten Neid kaum unterstellen), sondern eher mit der Hoffnung, die Wahrnehmung schärfen zu können. Nora Bossong ruft die Dichter ins Zentrum, er ist ins Zentrum gegangen, man kann an Nora Bossongs Artikel sehen, warum man sich das überlegen sollte. Das hat weniger mit Feigheit zu tun, als mit Artikeln, wie dem von Nora Bosong. Indem sie ihn so verkürzt stellt sie den Zustand mit her, den sie zu kritisieren vorgibt. Angesichts SOLCHER Öffentlichkeit hat hat es nichts mit feigheit zu tun und ich gestehe es jedem zu zu sagen: Ich möchte lieber nicht.
    Aber warum schreib ich, wenn schon der Artikel Ihnen rätselhaft blieb, warum denke ich, dieser Kommentar könnte dem abhelfen? Ich muss etwa fürchten, sie unterstellen z.B. auch mir, ich wolle mich ja auch bloß wieder in ein besseres gesellschaftskritisches Licht setzen. (Wie es Ihnen ja bei Jan Kuhlbrodt so leicht von der Hand geht.) Es ist ja auch vergleichsweise einfacher Kritik zu haben, wenn die Gesellschaft Mängel hat. Wenn es SO schwer ist, diese unmissverständlich vorzubringen, ist das z.B. einer dieser Mängel.

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  26. Nora hatte mich um ein Gespräch über mein Verständnis von Öffentlichkeit gebeten. Ich war zu neugierig um es abzublasen, habe aber gleich vorweggeschickt, dass ich ihr in Bezug auf Jan Wagner wahrscheinlich nicht hilfreich bin: seine Arbeit ist so unendlich weit weg von den Formaten die mich interessieren, dass es mir einfach nicht produktiv scheint, ihn zu kritisieren. Nur das Wörtchen „Lyrik“ klammert sich windschief und wetterfest (ja, auch die ZEIT visualisiert es im Printartikel derart naturnah) weiterhin an eine Vergleichbarkeit. Was ich in unserem Gespräch tatsächlich kritisiert hatte, ist der Vorgang, der ein Spektakel aus der Tatsache zu generieren trachtet, dass diesmal besagte „Lyrik“ prämiert wurde. Als gäbe es die radikale „Prosa“ nicht, die die Distributionslogik eines solchen Prämierungsvorgangs ad hoc auszuhebeln imstande wär – schlichtweg dadurch, dass sich ihre Form nicht in floral verpackten, bezahl- bzw. verschenkbaren Klötzchen auf den Verkaufstischen stapeln lässt. (Es will ja nicht nur Nora nicht in den Sinn, dass das Zentrum nicht immer gleichzusetzen ist mit der Fußgängerzone.)
    Entsprechend, Bertram zitiert es in seinem anonsten wirklich bewundernswerten Text etwas irreführend, war mein Einwand auch „konsumierbar“, nicht „konventionell“. Und er zielte auf das Antiliterarische solcher Preisverleihungen überhaupt. Insofern ist „Neid“ ein völlig hilfloses Kriterium.
    Nora, als die Journalistin, ist viel zu professionell, als dass sie das Zitat nicht mit mir abgesprochen hätte und an ihrem Vorgehen kann ich nichts aussetzen. Dass ich mich durch ein egal wie isoliertes Statement in einem mir fremden Text als Missbrauchsopfer, Büttel oder vom Rand her keifende Neiderin interpretierbar mache, habe ich wahrscheinlich nicht in Gänze bedacht, zumal ich keinen facebook-Zugang habe, um gegen Jack und seine kontraproduktiven Räuberpistolen nachträglich Stellung zu beziehen.

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  27. „Wenn einer plötzlich vom Rand ins Zentrum gestoßen wird, kann man das runterbügeln als literaturbetriebliche Show, man kann sich aber auch einlassen auf die Irritation, die das Publikum hier mal den Lyrikern zumutet. Wer sich ständig hinter intellektuellen Überlegenheitsgesten versteckt, verliert irgendwann die Orientierung.“ (Zitat Nora Bossong)
    Ich vermute mal, es ist dieser Satz, die Bertram Reinecke am meisten schmerzt. Wie er von dieser eindeutigen Feststellung über die bisherige Randständigkeit auch von Jan Wagners Lyrik zu „Die Mitte und kein Ende“ kommt, bleibt mir ein Rätsel. Bossongs Aufforderung an ihre Dichterkolleginnen und -kollegen, sich ins Zentrum zu trauen, verstehe ich als Ermutigung, eigene Positionen, die ebenso randständig sind, wie ehemals die des Preisträgers, offensiv und leidenschaftlich zu vertreten.
    Stattdessen wurde und wird auf seine Lyrik eingedroschen, als sei er, der einstmals Randständige, für die „neue“ Randständigkeit aller anderen mitverantwortlich. Eine bestechende „Logik“.

    Hinzu kommt natürlich der durchaus kritisierbare Seitenhieb gegen avantgardistische Kleinverlage, wie den von Reinecke betriebenen. Aber auch dieser zielt auf die Tatsache ab, dass manche der betroffenen Autoren Wagners Lyrik als „Neo-Biedermeier“ usw. verunglimpfen, um sich selbst besser ins „gesellschaftskritische“ Licht zu setzen. Keine Frage, dass Wagner mit seinen „leicht konsumierbaren“ Gedichten die unpolitische Schattenwelt des Publikums anspricht und ihr entspricht.

    Ich muss nicht alle Gedichte von Jan Wagner mögen, ich kann auch Lyriker der genannten Kleinverlage lieben, um dies zu schreiben. In jedem Fall lasse ich mich als Lyrikliebhaberin nicht durch das imposante Wortgeklingel gewisser „Kritiker“ entmündigen.

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