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63. Kneipenverse
Mit dem gleichen Mut zur Provokation, mit dem er am Beginn seiner Dichterlaufbahn die Krebsbaracken und Sektionssäle inspiziert hatte, wandte er sich nun den »kleinen Leuten« zu: »Sein Leben fließt dahin – ein Gast wird jäher –/er schleift den kranken Fuß, er ballt den Schuh, –/ein anderer scherzt mit ihm und tritt ihm näher/und flüchtigt ihm ein Wohlwort zu, –«, heißt es in dem Gedicht »Alter Kellner« aus dem Jahr 1938, das die wunderbaren Kneipenverse seiner letzten Schaffensperiode vorwegnimmt.
Ist das »große Lyrik«? Wird Benn mit Reimen dieser Art dem eigenen Anspruch gerecht? Jedenfalls fällt er nicht auf seine literarische Masche herein. Während die Gedichte, mit denen er für gewöhnlich in den Anthologien vertreten ist, den hohen Ton oft bis zur Selbstparodie treiben, ist das kunstlose Parlando seines Spätwerks frisch geblieben und findet bis heute seine Nachahmer. Gottfried Benn hat in seinen letzten Lebensjahren genau registriert, was in seiner Umwelt vorging. Die großen Worte dagegen fielen ihm immer schwerer. Von den Begriffen wollte er nichts mehr wissen; lieber saß er vor dem Radio und ärgerte sich – genau wie wir heute – über das Billigangebot der elektronischen Medien. Den Schlager »Im Hafen von Adano« ließ er sich zur Not noch gefallen, aber mit dem Nachtprogramm hatte er seine Probleme: » – die Wissenschaft als solche –/wenn ich Derartiges im Radio höre, /bin ich immer ganz erschlagen./Gibt es auch eine Wissenschaft nicht als solche?« / Kurt Darsow, junge Welt 18.5.
62. »Kulturbolschewist«
Dabei verband den Dichterarzt Benn mehr mit seinen Lieblingsfeinden Johannes R. Becher, Egon Erwin Kisch und Werner Hegemann, als ihnen lieb sein konnte. Als Mann vom Fach hatte er sich u. a. für die elenden Opfer des Abtreibungsparagraphen 218 eingesetzt: »Arme Kreise sind es, die die Toten stellen, Proletarier, Dienstmädchen, die zu Abtreiberinnen laufen, die für zehn Mark mit schmutzigen Spritzen arbeiten und Seifenlauge in die Bauchhöhle drücken, Verzweifelte, die alles an sich ausprobieren vom Petroleum bis zur Tafelkreide«, konstatierte er unter der auch in linken Kreisen anschlußfähigen Überschrift »Dein Körper gehört Dir«. Und ein Gedicht wie »Fürst Kraft«, den ätzenden Nachruf auf einen kapitalistischen Nimmersatt der Goldenen Zwanziger, wünschte man sich auch im neoliberalen Selbstbedienungsladen.
Klaus Mann jedenfalls hatte ihn immer für einen verkappten Linken gehalten. Für diesen »leidenschaftlichen und treuen Bewunderer« seiner Schriften blieb Benn auch im Exil der radikale Sprachkünstler, dessen mit Fremdwörtern gespickte und mit Bildungsgut beladene Gedichte in den Augen der neuen Machthaber nie etwas anderes sein würden als »Kulturbolschewismus«. In einem Brief vom 9. Mai 1933 aus Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur zog er alle rhetorischen Register, um den »lieben und verehrten Dr. Benn« für das republikanische Lager zu retten. Der junge Klaus Mann habe die Situation damals richtiger beurteilt, die Entwicklung genauer vorausgesehen, sei »klarerdenkend« gewesen als er selber, hat Benn später eingeräumt. / Kurt Darsow, junge Welt 18.5.
51. Verfeinertes Flimmern
In seinem berühmten Vortrag über «Probleme der Lyrik» hat Gottfried Benn einst den Zustand poetischer Wahrnehmungsempfindlichkeit mit den Sinnesorganen von winzigen Urtierchen verglichen. Er verwies dabei auf das Tastorgan von Kleinstlebewesen im Wasser, die «von Flimmerhaaren bedeckt» seien. Auch den Dichter muss man sich in diesem Sinne als einen von Flimmerhaaren bedeckten Menschen vorstellen, der die Bewusstseinsreize wie auch die lyrischen Substantive und Chiffren ertastet und in eine zarte Textur einwebt. Dieses Konzept einer Dichtung der subtilen Wahrnehmungsnuance, die sich mit den einzelnen Aggregatzuständen von Naturstoffen beschäftigt, mit Wind- und Wellenbewegungen, mit den kleinsten Veränderungen einer Landschaft hat der Lyriker Nico Bleutge in mittlerweile drei Gedichtbänden immer weiter verfeinert.
Sein jüngster Band «verdecktes gelände» ist nun ein Meisterstück einer in Dichtung transformierten Naturgeschichte. (…)
Kritiker von Bleutges Lyrik haben gelegentlich eingewandt, dass sich der Dichter nur als Kollektor sinnlicher Eindrücke versteht, seine Subjektivität aber in auffälliger Weise hinter den beschriebenen Dingen versteckt. Richtig daran ist die Beobachtung, dass Bleutge mit dieser artifiziellen Form von Natur- und Wahrnehmungs-Lyrik einen Endpunkt erreicht hat, an dem keine grössere Detailgenauigkeit mehr erreicht werden kann. Bei einem Dichter von diesem Niveau darf man aber sicher sein, dass er sich demnächst neu erfinden wird. / Michael Braun, NZZ 15.5.
Nico Bleutge: verdecktes gelände. Gedichte. Verlag C. H. Beck, München 2013. 76 S., Fr. 21.90.
64. Benn-Funde
Im Jahrhundertsommer 1904 verliebt sich der jungen Gottfried Benn in die Tochter eines Lederfabrikanten, schreibt ihr einen heißen Brief und ein heißes Gedicht. Beide Funde kommen nun unter den Hammer. In der FAZ sind sie zu lesen.
Das Gedicht fängt so an:
Meines heißen, wilden Herzens
Sünd’ u. Sehnsucht wollt’ ich nun
Dir in Deine Hände geben:
Nimm es hin u. laß es ruhn.
22. Mal ehrlich
… wann haben Sie das letzte Mal einen Gedichtband von Anfang bis Ende gelesen? Diese Frage dürfte selbst Lyriker in Verlegenheit bringen. Charles Bukowski vielleicht? [...] Ist ja auch keine Schande, jedes Gedicht beansprucht seinen Raum und seine Zeit, und manches verursacht Migräne, noch ehe man die klandestine Botschaft verdaut hat. Wer es einfacher haben will, greift lieber gleich nach Kästner oder Tucholsky, weil moderner Poesie, mitunter zu Unrecht, der Ruf des Hermetischen vorauseilt.
Peter Salomons neuer Gedichtband „Die Jahre liegen auf der Lauer“ gehört zu jenen glücklichen Ausnahmen, die man nicht wieder zur Seite legt, weil der Autor nicht nur sein Handwerk beherrscht – das sei vorausgesetzt –, sondern auch etwas mitzuteilen hat. Das Leben eines 65jährigen hat eben doch ein paar mehr Scharten und Brüche aufzuweisen als das eines hochgejubelten Debütanten [der, wenn ich's richtig verstehe, nichts mitzuteilen hat].
[...]
Und was das Altern betrifft, das ja selbst den Großmeister Benn melancholisch werden ließ, so kann man getrost sein. Salomon ist darauf vorbereitet. Das Alter hat nämlich auch Vorzüge: „Erst seit ich alt bin kann ich/ Auf dem Rücken schlafen.“ („Rückenlage“), das zweistrophige Titelgedicht setzt noch einen drauf: „Die Jahre kann man nicht aufschlitzen/ So bleibt im Bauch die Lebenstrauer./ Der Jäger liebt den Gassenhauer/ Und vom Hochsitz runterspritzen.“ Wer also immer noch meint, Gedichte seien nur was für blutarme Legastheniker oder Autisten unter „www.dichtung-fuer-fans.wuerg.“, der darf sich bei Salomon eines Besseren belehren lassen.
/Thomas Böhme in Fixpoetry
118. Zur Diskussion
Laut einem Entwurf zur Geschichte der deutschen Lyrik
ist die Lyrik in der DDR von staatlichen Direktiven umstellt, die moderne Einflüsse als dekadent zurückweist und eine Reorientierung auf die Klassik und sozialkritische Traditionslinien der internationalen Literaturgeschichte umsetzt (Formalismusdebatte, „Forum“-Lyrikdebatte, Lyrikdebatte in „Sinn und Form“) und staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen für Gedichtbände fördert bzw. durch das Heftchenformat „Poesiealbum“ und durch Massenveranstaltungen („Lyrikwelle“) popularisiert.
Ich bin kein Anhänger der Theorie, daß nur Beteiligte die Geschichte recht verstehen. Aber man muß auch die Schwierigkeiten einrechnen, aus den Überlieferungen die Geschichte zu verstehen. Das verläuft weder widerspruchs- noch irrtumsfrei, beim Römischen Reich nicht anders als bei der DDR.
Als Beteiligter an der DDR-Lyrik (als engagierter Leser seit meiner späten Schulzeit in den 60ern) muß ich bei solchen Formulierungen doch schlucken. Zweifellos war die Lyrik wie das gesamte öffentliche und private Leben von staatlichen Direktiven umstellt. Wurde staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen gefördert. Bei der Formalismusdebatte stimmt es nur zum Teil. Zum anderen war sie der Versuch unabhängiger Marxisten wie Brecht oder Bloch, der quasi offiziellen Lukácsschen Ästhetik eine weniger von Klassik und orthodoxem Realismus bestimmte Haltung entgegenzustellen. Bei den angeführten Lyrikdebatten in Forum und Sinn und Form scheint es mir überhaupt nicht richtig. Die Forumdebatte im Sommer 1966 war ein erfolgreicher Versuch, nach Veröffentlichung der Anthologie “In diesem besseren Land”, die entgegen der Anmutung des Titels ein Gegenentwurf zur offiziellen Darstellung der DDR-Lyrik war, wofür die Namen der Herausgeber bürgen, Karl Mickel und Adolf Endler, diese neue Perspektive einer jungen Generation zu “popularisieren”. Sie wurde ausgelöst durch ein Gedicht Mickels, das die Zeitung zusammen mit einer Interpretation durch den jungen Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt abdruckte. Dieses Gedicht – alles andere als klassik- und realismuslastig – wurde kontrovers diskutiert, auch die junge Lyrikerin Elke Erb beteiligte sich an der Debatte. Daß sie nach einigen Wochen durch einen “offiziellen” Artikel von Hans Koch abgewürgt wurde, dokumentiert eher, daß sie den Offiziellen nicht genehm war als die oben behauptete Orientierungsfunktion.
Noch stärker gilt das für die Sinn-und-Form-Debatte der frühen 70er Jahre. Auch sie wurde kontrovers geführt, auch sie, in stärkerem Maße, demonstrierte, daß die Orthodoxie die Deutungshoheit verloren hatte. Mit dieser Debatte wurde Adolf Endler zum anerkannt besten Essayisten in Sachen DDR- und Welt-Lyrik im Ländchen. Diese Phase endete mit der Unterschrift Endlers unter den Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns 1976.
Die Aussage über die Popularisierung staatstreuer Lyrik gilt nur bedingt für die Lyrikwelle, die ambivalent war, weil eine Reaktion der staatlichen Jugendorganisation FDJ auf das Auftreten neuer Stimmen. Sie versuchte sich an die “Spitze der Bewegung” zu setzen – neben den Guten traten dort zahlreiche medioker-staatsfromme Lyriker auf. So konnte die “Lyrikwelle” abgewürgt werden, aber zugleich hatten sich die neuen Stimmen der bald (im Westen) so genannten “Sächsischen Dichterschule” durchsetzen können. Nicht Helmut Preißler und Uwe Berger, um zwei staatsnahe Lyriker zu nennen, sondern Braun, Mickel, Czechowski, Jentzsch, Greßmann, Endler, Erb, Inge Müller… waren die Namen der maßgeblichen DDR-Lyriker innerhalb und außerhalb des Landes. Ich sehe nicht ein, warum man die verzerrte Sicht der Ideologen nachträglich anerkennen sollte. Viele zeitgenössische Darstellungen im Westen taten das,* man muß es nicht konservieren.
Auch bei der Heftreihe Poesiealbum muß ich widersprechen. Sie erschien seit 1967 im Verlag der FDJ, Neues Leben. Trotz kontinuierlicher Einflußnahme aber war das Heft unter seinen aufeinanderfolgenden Herausgebern Bernd Jentzsch, Richard Pietraß und Dorothea Oehme (die beiden ersten wurden jeweils abgesetzt) alles andere als ein Organ zur Popularisierung des Geschmacks von Hager oder Krenz. Trotz einzelner Zugeständnisse war das eine erstklassige Quelle der deutschen und Weltlyrik, wo bis 1990 monatlich ein Heft für 90 Ostpfennige erschien, in dem nicht nur über hundert Erstveröffentlichungen (von Wulf Kirsten bis Kerstin Hensel, Johannes Jansen, Bernd (Jayne-Ann) Igel oder Kathrin Schmidt) und (oft DDR-Erst-)Veröffentlichungen moderner Weltlyrik von Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian…; kurz: diesen Passus bitte unbedingt revidieren!
Ich füge die Selbstbeschreibung des Verlages der neuen Folge bei. Poesiealbum erscheint wieder und veröffentlichte in den letzhten Jahren u.a. Gottfried Benn (Nr. 300), Ezra Pound, Inger Cristensen, Seamus Heaney, Guillaume Apollinaire, Christine Lavant und Elke Erb. Mit heute 4 Euro könnte es für junge Leser immer noch eine Quelle der poetischen Information sein.
*) So wenn das Kapitel über die DDR-Lyrik der 60er Jahre die Überschrift “Phase des entwickelten sozialistischen Gesellschaftssystems” trägt. In: Lermen/Loewen: Lyrik aus der DDR. Paderborn, München, Wien, Zürich: UTB Schoeningh 1987. Ulbrichts und Hagers ideologische Sicht als Rubrik der Lyrikgeschichte, hui! (Sie hätten lieber Endler fragen sollen. Oder mich
.)
Auf der folgenden Seite finden Sie den Überblick zu der einzigartigen und umfangreichsten deutschsprachigen Lyrik-Reihe*. 1967 in der DDR während einer internationalen Lyrik-Bewegung gegründet**, besteht sie auch nach inzwischen 45 Jahren unverändert weiter und erreichte im Jahr 2012 mit Ausgabe 300 eine beeindruckende Marke.
Jedes Poesiealbum gibt einen Überblick über das (bis Redaktionsschluß zur Verfügung gestandene) Werk des jeweiligen Dichters. Ungeschriebenes Gesetz war und ist, daß jeder Lyriker nur ein Heft erhält, das unter Umständen in einer späteren und erweiterten Form nochmals erscheinen kann, wenn sich das Werk des Autors über die Jahre wesentlich erweitert und verändert hat. Die Kunst dieser Auswahlen ist es, sie treffend für das Oeuvre des jeweiligen Poeten zu gestalten, so daß die Leser einen verläßlichen Überblick zu Anliegen, Art und Charakter der jeweiligen Dichtung erhalten. Quellenangaben ermöglichen bei Bedarf eine weitergehende Vertiefung; somit wirkt das Poesiealbum neben dem unterhaltsamen und bildenden Aspekt für die Leser auch als Werbung für das Gesamtwerk des behandelten Lyrikers.
Früher erschienen die Hefte monatlich, aktuell erscheint das Poesiealbum zweimonatlich. Format, Preis und Gestaltung wurden bei der Gründung durch “kollektive Einzelentscheidungen” sehr bewußt gewählt.
Das Format, auch bei verwandten Abarten anderer Lyrikausgaben gerne übernommen, wurde so festgelegt, daß “das Heft in die Innentasche eines Sakkos paßt, so daß Werktätige [!] es immer bei sich führen können”. Zwar implementiert “Werktätige” die Berufstätigen beiderlei Geschlechts; da Jackett-Träger aber gemeinhin Herren sind, war Lyrik, damals entweder Männerdomäne, oder der Zugang zur Lyrik sollte Männern erleichtert werden. Praktischerweise ist das gewählte Format allerdings auch für die gängigen Damen-Handtaschen ab “medium” passend.Die Heft-Gestaltung und -Ausführung war nach einigen Tests schnell gefunden; dem Grafik-Altmeister Peter Nagengast gebührt höchste Anerkennung für die einfache und einprägsame Reihengestaltung, die über die Jahrzehnte unverändert beibehalten werden konnte. Auch die schnörkellose und zweckmäßige Typografie von Achim Kollwitz trug wesentlich zur Lesbarkeit und Konstanz der Reihe bei. Die Fertigung in Klammerheftung erfolgte von Heft 1 bis zur Gegenwart mit großem Engagement im Druckhaus Zeitz, das allerdings bis zu seiner Privatisierung 1990 verschiedene Namen und Zugehörigkeiten erdulden mußte. Die Umschlag- wie Papierqualität schwankte früher je nach der Wirtschaftslage, wodurch manchmal auch Lieferverzögerungen entstanden; allerdings berichten Insider auch von einer – auch wegen der Auflagenhöhe von 8. bis 40.000 – zeitweilig eigens hergestellten Papiersorte.
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* soweit unsere Recherchen ergeben haben; ergänzendes oder anderweitiges Wissen wird gerne zur Kenntnis genommen** wenig wahrscheinlich als Gründungsargument für das Poesiealbum ist das von Kohlhaase festgehaltene Bonmot zur Verklärung von der DDR-Mangelwirtschaft geschuldeten Problemen: “Es gibt wenig Kartoffeln, wir werden große Lyrikdebatten haben” [Zeitmagazin 7/2012], nicht nur, weil es zumindest Kohl, Karnickel und Kartoffeln immer gab
Der Umfang der Hefte betrug von Anbeginn konstant 32 (+4 Umschlag-) Seiten, wovon nur ausnahmsweise (Lenin-Sonderheft 31 sowie Jubiläumsdoppelhefte 100 und 150 zu Goethe bzw. Schiller) abgewichen wurde.
Die Grafik des Umschlags war schon immer bewußt auffällig und anziehend als gestaltender Faktor der Reihe gewählt, wobei sie zu den Gedichten oder dem Autor einen Bezug darstellt; die Übersicht der folgenden Seiten zeigt deren erstaunliche Vielfalt.
Der “EVP” wurde in der DDR per Direktive von zentraler Stelle festgelegt und sollte – so berichten die Gründer – in etwa so teuer wie ein Brot (das damals 78 oder 93 Pfennige kostete) sein. Tatsächlich erreichte damit die Reihe bei den Lesern den Kult-Status eines “Grund-Nahrungsmittels”. Bis zum Ende der subventionierten Planwirtschaft kurz vor dem Exitus der DDR betrug der Preis unverändert 0,90 Mark, was u.a. zum damaligen Finale der Reihe bei Heft 275 führte. Bemerkenswert, daß vom jetzigen Editor der Reihe dieses Verhältnis mit 4 € auch heute noch bzw. wieder eingehalten wird.Herausgegeben wurden die Hefte bisher von hervorragenden Kennern der lyrischen Szene, meist selbst erfahrene Lyriker und Nach-Dichter: Bernd Jentzsch als Erfinder und Mitbegründer der Reihe
(bis Heft 122 und 276-278), Richard Pietraß (von Heft 124 bis 148 und 282 bis 303) sowie Dorothea Oehme (Hefte 149 bis 275). Als Editor der Reihe fungierten der Verlag Neues Leben, Berlin – Direktor Rudolf Chowanetz (Hefte 1-275), der BrennGlas Verlag Assenheim – Verleger Prof. Juergen Seuss (276) und aktuell (ab Heft 277) der Märkische Verlag Wilhelmshorst – Verleger Dr. Klaus-Peter Anders.Wichtiger als diese formalen Merkmale sind jedoch die inhaltlichen Aspekte der Reihe. Sowohl die Autoren- als auch die Gedichtauswahl trafen und treffen kompetente Auswähler, uU. unterstützt durch externe Experten, die neben einer umfassenden Werkkenntnis auch die Strömungen der Zeit sowie die Bedeutung des klassischen Erbes immer als Kriterium ihrer Zusammenstellungen betrachten bzw. betrachtet haben. Damit wuchs die Anerkennung durch die Leser und der beispiellose Erfolg der Reihe. Wegen der Vielfältigkeit der Autoren und Heftinhalte kann es keine allgemeingültige umfassende Ein-schätzung dazu geben; Herbert Kästner schrieb in den “Marginalien”, daß das Poesiealbum in späteren Jahren den Rang erhält, den wir heute etwa der Reihe “Der jüngste Tag” zusprechen. Eine Vielzahl deutschsprachiger Erstveröffentlichungen und über 100 DDR-Erstveröffentlichungen unterstreichen den zwar mutigen aber dennoch gerechtfertigten Vergleich. Über 5 Millionen verbreitete Hefte in 22 Ländern und das überwältigende Echo zur Wiederbelebung der Reihe durch den Märkischen Verlag nebst der damit verbundenen Begeisterung durch alte wie neue Leser sprechen jedoch für sich und das Niveau der Reihe.
Wir würden uns freuen, wenn auch Sie sich von Niveau, Qualität und Vielseitigkeit des Poesiealbums überzeugen ließen; zur Bestellung der aktuellen Hefte geht es hier.
Märkischer Verlag Wilhelmshorst
157. Rückspiegel
ENZENSBERGERS JUNI-LEKTÜRE
Der Spiegel 6.6. 1962 *)
GOTTFRIED BENN
“AUTOBIOGRAPHISCHE UND VERMISCHTE SCHRIFTEN”
Limes Verlag, Wiesbaden; 524 Seiten; 25,50 Mark
Gottfried Benn hat sich zeit seines Lebens für einen Denker gehalten. Er neigte zum Pathos der Präzision und nannte sich gern einen “Intellektualisten”: “Das ist wohl jemand, der Begriffe liebt, scharf wie Brotmesser.” Leser und Kritiker ließen sich blenden und übersahen, was an Benns Gedanken schartig und verrostet war.
Mit Definitionen hielt der Meister sich ungern auf: “Geistanthropologischer Geist, arthaftes Prinzip, Entelechie, Ursein, Bewußtsein.” Das ist verblasen gedacht und schlammig formuliert. Oder: “Mich sensationiert eben das Wort … rein als assoziatives Motiv, und dann empfinde ich ganz gegenständlich seine Eigenschaft des logischen Begriffs als den Querschnitt durch kondensierte Katastrophen.” Überhaupt diese unglückliche Liebe zu Fremdwörtern: “Autopsychisch solitär, faulig monokol”; “syndikalistisch-metaphys”: vor derartigen Unfällen hätte den Denker jedes Wörterbuch bewahren können. “Alles ist monistisch, alles ist transzendent.” Hat sich denn nie jemand gefragt, was solche Sätze bedeuten sollen? Philosophie als Rührei, und im nächsten Atemzug dann die prophetische Gebärde: “Soweit ich viertausend Jahre Menschheit übersehe -”
So ward Benn, der die Feuilletonisten mit Hohn übergoß, selbst zum Musterstück der Gattung. “Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind”, schrieb er, “nennt man in Deutschland Seher.” Benn indessen war seiner Sprache intellektuell nicht gewachsen: sie lief ihm auf und davon. “Stil”, verkündete er, “ist der Wahrheit überlegen.” Aber die Wahrheit nahm Rache an seinem Stil. 1932 sinnierte er über die Wirtschaftskrise und kam zu dem Schluß, “daß alle Dinge ihren Widerspruch in sich tragen, daß auch der Weizen umschlagen kann vom Vorteil in die Vernichtung, daß auch die Kornfrucht nicht losgelöst ist aus dem Lebensgesetz tragischer Dialektik”.
Ein Jahr später war die Verfinsterung der Gedanken vollkommen. Die Sprache ging dabei vor die Hunde: die Machtergreifung Hitlers war “eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes”, Treue “das Mark der Ehre”, “‘unerschöpflich” der “Schoß der Rasse”. “Gegenargumente lagen eigentlich gar nicht vor.” Hilflosigkeit: “Nun hatte ich mich ja in gewissem Sinne entschieden gehabt, mich der Volksgemeinschaft anzuschließen, aber doch nicht in diesem Sinne.” Zehn Jahre später, angesichts des Trümmerhaufens, dankte der “Radardenker” endgültig ab, der einst auf Hegel, auf die “Anstrengung des Begriffs” sich berufen hatte: “Man kommt den Dingen mit Gedanken nicht mehr nahe.”
*) Tja, damals war ich für den Spiegel zu jung. Heute ist er für mich zu alt. So kommen wir nie zusammen. M.G.
9. Gedichte im Gehen
Einen Roman im Sitzen schrieb Gottfried Benn. Andererseits: Über den Zusammenhang von Gehen, Denken, Schreiben haben sich viele geäußert. Hier bespricht Sieglinde Geisel einen Roman über das Gehen von Tomas Espedal. Schreiben wie gehen hieß eine Aktion von Angelika Janz 1978 in Essen – heute um 17 Uhr wird sie rollend Gedichte vortragen – am Eingangsbereich des Hauptbahnhofs in Berlin, gegenüber Busbahnhof, Europaplatz, eine der mittleren Rolltreppen (corporate identity: die Bahn erlaubt* das Vortragen von Gedichten auf der Rolltreppe – “Allerdings darf die Aktion nicht durch das Festival- Plakat kenntlich gemacht werden, da dieses als Fremdkörper im Bahnhofsbereich digital erkannt und sofort mit einer hohen Ordnungsstrafe belegt wird, so der Servicechef. Man wird mich schon erkennen, rote Haare, schwarze Klamotten, kleines Megaphon (genehmigt). Danach geht es dann zur Eröffnung nach Wilmersdorf.”) Festivalzeit.
Am Sonnabend beim Tag der Poesie in Basel zieht eine andere Frau lesend durch die Straßen:
Sandra Löwe (Sprachhaus M): ’Lyrik unterwegs’. Eine Frau zieht Lyrik sprechend durch die Strassen von Basel.
Der Tag der Poesie 2012 findet am Samstag, 8. September statt. In einem Zelt auf dem Theaterplatz und mit weiteren Aktionen soll Lyrik im öffentlichen Raum und für die Bevölkerung sichtbar gemacht werden. Der Tag der Poesie findet künftig jährlich jeweils am 2. Samstag im September statt.
Der Tag der Poesie wurde von Matthyas Jenny ins Leben gerufen. Nach einer mehr als zehnjährigen Unterbrechung wurde er von Alisha Stöcklin und Felix Werner neu lanciert. Verantwortlich für die Durchführung ist der Verein Poesietag.
*) Wem gehört eigentlich die deutsche Bahn? Klingt für mich feudal: ein Lehnsherr (derzeit eine Herrin) belehnt seine Leute und die entscheiden. (In den 90er Jahren haben sie entschieden, daß die legendäre Heinebuchhandlung am Bahnhof Zoo weg muß – bis dahin, die paar Jahre nach Maueröffnung, war sie für mich ein fester Anlaufpunkt bei jedem Berlinbesuch.) Bezahlen müssen wieder andere, alles wie gehabt.
105. Maurice Maeterlinck
Obwohl Octave Mirabeau ihn schon früh in der Zeitung „Le Figaro“ als „belgischen Shakespeare“ feierte, erwarb Maeterlinck seine entscheidenden Verdienste nicht auf dem Gebiet des Theaters, sondern auf dem der Lyrik. Der Poesie wohnte für ihn stets etwas Mystisches inne: „Die Dichtung in ihrer höchsten Form hat kein anderes Ziel, als die Wege vom Sichtbaren zum Unsichtbaren offen zu halten.“ Insbesondere seine symbolistische Verssammlung „Treibhäuser“, mit der er 1889 debütierte, regte zahlreiche Avantgardisten von Andre Breton bis hin zu Guillaume Apollinaire an. Hermann Hesse zufolge gefiel sich der Verfasser darin „in der Pose des Decadent“, der „nervös und lüstern nach extravaganten Reizen und raren, künstlichen Sensationen“ haschte. Die Strophen sind geprägt von Melancholie und Schwermut: „Zu einer Glocke von blauem Kristall / werden meine müden Traurigkeiten / und meine dunklen Schmerzen weiten / sich zu Gebilden überall.“ Dieser Ton begeisterte die Expressionisten stark. Gottfried Benn zählte Maeterlinck deshalb zu denen, „die uns beeinflussten, uns banden, aber die wir auch überwinden mussten, um zu uns selber zu gelangen“. …
Ermutigt durch die namhaften Schriftsteller Stephane Mallarme und Auguste Villiers de l’Isle-Adam begann er mit Sprachexperimenten, die ihn in das Reich des Grotesken, Absurden und Abgründigen führten. 1911 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Die Begründung lautete: „Maeterlinck schreibt mit der Vorstellungskraft eines Traumwandlers und dem Geist eines träumenden Visionärs, aber immer auch mit der Präzision eines großen Künstlers.“ Acht Jahre später erhob ihn der belgische König Albert I. in den Grafenstand. / Ulf Heise, Märkische Allgemeine
30. Der George-Ton
Als ich Stefan George entdeckte, verstreute Gedichte, dann ein Reclamband und Antiquarisches, warnten mich alle: Den findest du gut? Sogar eine Studentin aus Kairo, die bei einem DDR-Germanisten Deutsch gelernt hatte und die es nach Greifswald verschlug, sagte es mir.
Ja, ich fand ihn gut und erst recht interessant.
In letzter Zeit scheint Zustimmung zu überwiegen, ach was: Verehrung. Biographie auf Biographie zelebriert das Heilige Deutschland*, Fauxpas, aber den heiligen Dichter doch? Ein Held des konservativen Feuilletons, endlich wieder…
Ein angesagter Dichter. Aber man wird doch lästern dürfen. Der George-Ton.
O wir verstehen ja, was die Konservativen entzückt. Da gelten noch Werte. Ein Mann ist ein Mann, stark, edel und mutig, der Dienst ist notwendig, der Feind ist tückisch und wird besiegt, im Wald haust (nicht wohnt) Unheil, reichlich Fahnen und Glocken begleiten das Tun der Edlen, der Teich ist ein Weiher, die Wege Pfade, die Ufer Gestade, man betet zu Wolkenthronen, und immer ein Führer führt uns in der Not:
Er kennt kein sinnen und kein wanken ·
Die bösen fühlten seine wut ·
Die armen die zu fuss ihm sanken
Verteilten sich sein ganzes gut.
Er wird mich immer unterweisen
Im graden wandel vor dem Herrn ·
Mein bruder ist aus wachs und eisen ·
In seinem schutze weil ich gern.
Amen. Die Jamben hauen die Welt zu handhabbaren Stücken. Da troff erfüllung aus geweihten händen.
Metrum, Reim, Wortwahl, alles steht im Dienst der Ordnung. Auf die Adjektive ist Verlaß. Die Stadt ist hehr, das Kleinod köstlich, die Jugend frisch, der Äther rein, das “Haupt” – na was wohl, blond. Kurz, Georges Verse bestehen aus dem, was Gottfried Benn den seraphischen Ton nennt.
Selbst in den guten Gedichten gibt es so Stellen. Eins der besten und berühmtesten:
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·
Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Hier stimmt ja gar nicht, was der Spötter über die Adjektive sagte. Der totgesagte Park: mit einem einzigen überraschenden Adjektiv entsteht ein Vorgang, der uns packt. Die Gestade, Weiher und Pfade zugestanden: sie werden von den Adjektiven gemildert, wo nicht ins Überraschende gewendet: lächelnde gestade, unverhofftes blau. Die dritte Zeile ist eine Sensation (das Wort bedeutet eigentlich Empfindung, Gefühl). Nicht in seinen Verlaine-Übersetzungen: hier ist er Verlaine ganz nah. Ein fast perfektes Gedicht: einzig die letzte Zeile der mittleren Strophe gemahnt an die Süßigkeit des Georgetons in den kostbaren (erlesenen) Verben für effeminierte Tätigkeit. Die schöngezeichnete Natur wird – erst hier und nur hier – ins Sakrale gewendet. Die letzte Strophe kehrt zu Konkretem zurück und mündet in den Auftrag an den Dichter. Das letzte Wort, “gesicht”, wird durch die konkrete Tätigkeit des “Verwindens” und das detailreiche Herbstbild aus dem Sakralen (das unsere Heinis so lieben) ins Künstlerische gewendet.
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Daß ein jüngerer Dichter auf George verweist, war mir zuerst bei Thomas Kling aufgefallen. Seine Anthologie “Sprachspeicher” bringt nur ein Gedicht von Nietzsche, aber 6 von George. 6 ist die Höchstzahl, die bekommen nur die Größten: Walther von der Vogelweide, Goethe, Hölderlin, Rilke, Trakl, Benn und Celan. Und eben George. Dann geht es runter, Heine 5, Droste 4, Brecht 2. Ganz und gar nicht gegenkanonisch.
Und doch fällt auf, daß seine Auswahl gegen den Strich gebürstet ist. Auf der Suche nach schwachen Stellen, Parfüm und Gips wird man gar nicht fündig. Kein einziges seraphisches Gedicht. Bis auf den totgesagten park: Wenig Bekanntes. Überraschendes. George hat Poesie, ja Humor! Die Kinder flennen. Bis er sie festet. Mit diesen 6 Gedichten läßt sich starten.
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* Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg rief das, als er erschossen wurde. Oder war es „Es lebe das geheime Deutschland!“? Jedenfalls irgendwas mit George. Auf einen Verriß des Stauffenbergfilms schrieb jemand (Originalwortlaut):
Lieber Kritiker,
dieser Film war sein Geld wert und natürlich sitzen in diesem Saal auch Neonazis. Den lettzten Satz den Sie andeuten stammt von Oberst Stauffenberg. Er war nie so ein Widerstandskämpfer wie alle glauben, trotzdem wird er als das verehrt. Sein letzter Satz: „Es lebe das heilige Deutschland“ steht für seine Liebe zu seinem Vaterland, er ist und war ein Patriot und ist mit seinen letzten Worten auch so gestorben. Hätte er das nicht gesagt, wäre er ein vollkommender Verräter gewesen.
Es lebe das heilige Deutschland!
(Man sieht, heilig und richtig gehn nicht immer konform). Hier mehr http://sherman.blogsport.de/2009/01/27/lang-lebe-das-heilige-deutschland-oder-warum-stauffenberg-kein-held-ist/