Kategorie: Portugal
24. lyrikline Advent
lyrikline.org bietet zur Zeit 7596 Gedichte von 832 Dichtern aus 57 Sprachen und über 10.365 Übersetzungen in 55 Sprachen!
Und wenn Sie wollen – im Advent jeden Tag ein neuer Dichter zu entdecken.
Bisher (originalsprachig und teilweise in verschiedenen Übersetzungen zu hören und lesen):
Geert Buelens (Niederländisch)
am 05. Dezember 2012
Margarida Ferra (Portugiesisch)
am 04. Dezember 2012
Ngwatilo Mawiyoo (Englisch)
am 03. Dezember 2012
Nouri Al-Jarrah (Arabisch)
am 02. Dezember 2012
Svetlana Cârstean (Rumänisch)
am 01. Dezember 2012
119. Nachruf auf Antonio Tabucchi
Antonio Tabucchi war von einer liebenswürdigen Unberechenbarkeit. Wenn ihn Lust auf eine Zigarette, ein Getränk, ein Hustenbonbon, ein Gedicht von Emily Dickinson oder eine Zeile von Pessoa überfiel, liess er das Auto anhalten, vergass Verabredungen, spazierte mitten in Veranstaltungen vom Podium, rauchte, trank etwas, schlug ein Buch auf, knüpfte Gespräche an und verwickelte sich in Unvorhersehbares. … Zufällig entdeckte der 1943 in Pisa geborene Schriftsteller Anfang der sechziger Jahre bei einem Pariser Bouquinisten Gedichte von Pessoa und beschloss, vom Philosophie-Studium auf Portugiesisch umzusatteln. Gemeinsam mit seiner Lissabonner Frau Maria José de Lancastre wurde er später zum Herausgeber und Übersetzer Pessoas und Lehrstuhlinhaber an der Universität von Siena. / Maike Albath, NZZ
33. Seuls les poètes peuvent sauver le monde
Nur die Dichter können die Welt retten, schreibt Musina bei Agoravox:
Wie ihr möchte auch ich wahrhaft informiert werden, nicht angeödet von dem Strom von Interpretationen, der von allen Seiten kommt und den man uns als “Analysen von Experten, Gedanken von Intellektuellen, Meinungen von Gelehrten oder Essays von Spezialisten” andreht. Ich schnappe mir lieber einen Stapel Bücher und genieße das kleine Wunder: Bashô, Buson, Issa, die die geschliffensten japanischen Mikrogedichte schrieben, genannt Haiku. Augenblickhafte Wunder der Bildlichkeit, wie frische überfallartige Brisen. Und der große Pablo Neruda, dessen Liebesgedichte einen fast zum Weinen bringen. Oder der erstaunliche und geheimnisvolle Pessoa, der unvermeidliche Baudelaire. Heute aber möchte ich euch Rimbaud anbieten.
Hier eine seiner “Illuminationen”. Lest ihn ohne daß ihr versucht zu verstehen. Laßt euch von den Metaphern forttragen und in die Höhe heben, ihr werdet es erleben:
Métropolitain
Du détroit d’indigo aux mers d’Ossian, sur le sable rose et orange qu’a lavé le ciel vineux viennent de monter et de se croiser des boulevards de cristal habités incontinent par de jeunes familles pauvres qui s’alimentent chez les fruitiers. Rien de riche. — La ville !
Du désert de bitume fuient droit en déroute avec les nappes de brumes échelonnées en bandes affreuses au ciel qui se recourbe, se recule et descend, formé de la plus sinistre fumée noire que puisse faire l’Océan en deuil, les casques, les roues, les barques, les croupes. — La bataille !
Lève la tête : ce pont de bois, arqué ; les derniers potagers de Samarie ; ces masques enluminés sous la lanterne fouettée par la nuit froide ; l’ondine niaise à la robe bruyante, au bas de la rivière : les crânes lumineux dans les plans de pois — et les autres fantasmagories — La campagne.
Des routes bordées de grilles et de murs, contenant à peine leurs bosquets, et les atroces fleurs qu’on appellerait cœurs et sœurs, Damas damnant de longueur, — possessions de féeriques aristocraties ultra-Rhénanes, Japonaises, Guaranies, propres encore à recevoir la musique des anciens — et il y a des auberges qui pour toujours n’ouvrent déjà plus — il y a des princesses, et si tu n’es pas trop accablé, l’étude des astres — Le ciel.
Le matin où avec Elle, vous vous débattîtes parmi les éclats de neige, les lèvres vertes, les glaces, les drapeaux noirs et les rayons bleus, et les parfums pourpres du soleil des pôles, — ta force.
(Arthur RIMBAUD – Illuminations)
Deutsche Fassungen gibt es reihenweise, zum Beispiel hier:
- Arthur Rimbaud: Das poetische Werk. München: Matthes & Seitz 1988. (Licht-Spuren)
- Illuminations. Illuminationen. Französisch und Deutsch, übersetzt von Rainer G. Schmidt. Urs Engeler Editor 2004
- Illuminations. Farbstiche. Übersetzung Walter Kücher. Reclam Stuttgart 1991
64. Sand und Perlen
Starke Verse fand der Meister auch für sein Handwerk: “Ich ziehe am Ufer einen Strich in den Sand: / Nur wenig später spült die Flut ihn weg. / Genauso geht es dem Gedicht.”
Schöne Seiten hat das kleine Buch. Aber: Viele Texte wirken belanglos oder nicht zu Ende gedacht (“Rätsel sind nicht so wie sie erscheinen, / Und Worte reichen selten zum Erklären”). Manche Zeile kommt allzu blumig, affektiert daher, Verse holpern, und man weiß nicht: Liegt es am Versmaß der alten Lusitaner oder an der Übersetzung? “Dem Meer dreh ich den Rücken zu, versteh es ja, / Zu meinem Menschsein ich zurück mich kehre. / Wie viel da ist im Meer, finde ich staunend / In meinem kleinen Sein, das ich wohl sehe.” Man lese diese Zeilen laut: unmöglich. Da ist viel Sand zwischen Treibgut und Perlen. / Uwe Stolzmann, DLR
José Saramago: Über die Liebe und das Meer. Gedichte
Aus dem Portugiesischen von Niki Graça
Hoffmann und Campe, Hamburg 2011
103 Seiten, 15 Euro
57. Poetische Konstante
Mit “Über die Liebe und das Meer” ist nun erstmals eine Auswahl seiner Lyrik auch auf Deutsch erschienen.
… Drei Lyrikbände hat der im Sommer gestorbene Saramago in seiner portugiesischen Heimat zwischen 1966 und 1975 veröffentlicht. Teilweise überarbeite er sie später und brachte sie erneut heraus. Er selbst stellte einmal klar, dass Gedichte nicht nur Hobby oder Fingerübungen waren, sondern es eine “poetische Konstante” in seiner Arbeit gab. In seiner Lyrik fänden sich “erstmals Verbindungen, Themen und Obsessionen festgeschrieben, die zum strukturell unveränderbaren Rückgrat eines literarischen Corpus” geworden seien. …
Darüber liefert er sich einen – fiktionalen – Streit mit seinem deutschsprachigen Dichterkollegen Rainer Maria Rilke (1875-1926). “Schreiben Sie nicht Liebesgedichte”, zitiert er ihn und antwortet sofort: “Warum nicht, Rainer Maria? Wer hindert / Das Herz am Lieben und wer entscheidet, / Welche Stimmen sich im Vers artikulieren?” / Christina Horsten, Nordkurier
José Saramago: Über die Liebe und das Meer. Hoffmann und Campe, Hamburg. 101 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-455-40320-6
54. Prix Camoes für portugiesischen Dichter
Der Prix Camoes, wichtigster Literaturpreis der portugiesischen Sprache, geht dieses Jahr an den Portugiesen Manuel Antonio Pina. Der Autor wurde 1943 in Sabugal geboren und hat zahlreiche Gedichtbände und auch Kinderbücher veröffentlicht. Der Preis, der mit 100.000 Euro dotiert ist, wurde 1989 von Portugal und Brasilien gestiftet und würdigt die lusophonen Autoren, die sich um die portugiesische Sprache verdient gemacht haben. Bisher haben ihn u.a. die Brasilianer Jorge Amado (1994) und Ferreira Gullar (2010), die Portugiesen Antonio Lobo Antunes (2007) und José Saramago (1995) und der Angolaner Pepetela (1997) erhalten. / rtl (Belg.)
16. Pessoa vorgestellt
Am Dienstag, 15. März, stellt Johann Westra im Bad Rothenfelder Literaturforum bei Bücher Beckwermert um 19.30 Uhr ein literarisches Porträt des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa vor. …
Sein literarischer Nachlass umfasste 27543 Manuskripte in zwei Truhen. / Neue Osnabrücker Zeitung
51. Poesie der ägyptischen Revolution
Die ägyptische Revolution spricht in Versen. Die Massen auf dem Tahrirplatz in Kairo skandieren Reimpaare:
“Yâ Mubârak! Yâ Mubârak! Is-Sa‘ûdiyya fi-ntizârak!,” (“Mubarak, O Mabarak, Saudi Arabien wartet!”)
“Shurtat Masr, yâ shurtat Masr, intû ba’aytû kilâb al-’asr” (“Ägyptens Polizei, Ägyptens Polizei, Ihr seid nur noch Palasthunde”)
“Idrab idrab yâ Habîb, mahma tadrab mish hansîb!” (Schlag uns, schlag uns, O Habib [al-Adly, bisheriger Innenminister], schlag soviel du willst—wir gehen hier nicht weg!)
(Das letztere spielt an auf ein ägyptisches Sprichwort: “Darb al-habib zayy akl al-zabib” – Die Faust der Geliebten ist süß wie Rosinen).
Diese Gedichte, schreibt Elliott Colla, sind kein Ornament des Aufstands, sondern sein Soundtrack und Teil der Handlung selber.
43. Ermordet
Über den “bizarren” Mord an dem portugiesischen Fernsehstar und Lyriker Carlos Castro in New York berichtet die Süddeutsche Zeitung.
25. Dichter der Mediterranée
Wozu Dichter in dürftiger Zeit, fragt der Essay des Tages bei marianne.fr – ohne Hölderlin zu erwähnen: Pourquoi des poètes en temps de détresse? Er schlägt (nicht uns, sondern den Franzosen) vor, wenn das Projekt einer Mittelmeerunion hapert, l’Union pour la Méditerranée, auf die Dichter der Méditerranée (geht das auf Deutsch?) zu bauen.
Er bezieht sich auf eine Anthologie, die Dichter aus 24 Ländern um mittelmeerische Küsten herum vereint. Das Nebeneinander zweier Welten, der europäischen und arabo-islamischen, finde man da in Bosnien, Montenegro, der Türkei, Israel, Spanien oder Palästina.
Kein literarischer Ökumenismus sei da gemeint, schreibt der Herausgeber der Anthologie, Eglal Errera. Aber warum nicht an den Geist der Orte glauben, an das Licht, den Mythos, an den tieferen Sinn der Träume, an die filles cierges?
Kerzenmädchen, gibts das? Kerzengerade, gertenschlank? Ich frage Google und finde das Gedicht “FILLES CIERGES” des griechischen Lyrikers Thanàssis Hadzòpoulos.
Sie entzünden da heilige Kerzen. Tatsächlich fällt der Name des Griechen im nächsten Satz des Essays: “Antigone ist anwesend im Gedicht von Thanàssis Hadzòpoulos und das große Gedicht des Orients erklingt in der Türkei ebenso wie in Syrien”. Er zitiert Vénus Khoury-Ghata (Libanon) [ich rücke die Zitate unübersetzt ein], « une lune ne remplit pas une huche/ Ne colmate pas les fissures de l’évier/ Ne balaie pas les miettes des disputes », Nurith Zarchi (Israel), « les bébés tombent sur le monde/ Comme des grains de pluie, dans le noir, d’une paume géante », Abderrrahman al-Abnoudi (Ägypten), les choses, « elles ne sont pas réveillées/ Ne sont pas réjouies/ N’ont pas brillé ni chanté/ Quand le soleil les a effleurées », Mohammed al-Faituri (Libyen), « demain le cortège de la faim passera par notre rue/verdissez les années de la disette/ tombez ô pluie/ noyez les champs de blé et de riz/ noyez le fleuve », Antonio Ramos Rosa (Portugal), femmes qui chantent et « frappent de splendeur et d’impureté / notre limpide, stérile, vie masculine ».
Les Poètes de la Méditerranée, Gallimard/ Cultures France
Préface d’Yves Bonnefoy, 39 euros.