L&Poe-Rückblende: April 2001

Am 15. April starb im Alter von 73 Jahren der Slawist Ralf Schröder, der 1956 wegen konterrevolutionärer Verschwörung verhaftet und zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. In den letzten Jahren der DDR reiste er als eine Art Wanderprediger in Sachen Perestroika durchs Land. Einmal in Greifswald fragte ein Besucher: „Und was wird mit der DDR?“ Seine Antwort: „Na, unsre Hornochsen wern sich anschließen müssen, wir sind doch nicht Enver Hodscha.“ Enver Hodscha war bis zu seinem Tod 1985 albanischer Partei- und Staatsführer einer bizarren Diktatur. Als ich Schröder so reden hörte, etwa 1988, war mir endgültig klar, daß Honeckers starrsinniger Sozialismus nicht mehr lange halten wird.

Im April starben außerdem, ebenfalls an der Lyrikzeitung vorbei:

  • Am 1. April Trịnh Công Sơn, vietnamesischer Komponist, Poet und Maler (62)
  • Am 12. April Harvey Ball, US-amerikanischer Erfinder des „Smileys“ (79)
  • Am 19. April der französische Dichter André du Bouchet (77)
  • Am 27. April der Goetheforscher Erich Trunz (95), dessen kommentierte Auswahl von Goethes Gedichten aus der „Hamburger Ausgabe“ auch in diesem Jahr als Weihnachtsgeschenk zu erwerben war. Vor etwa 35 Jahren las ich von ihm einen Aufsatz über Goethes Klo im Haus am Frauenplan.
  • Am 27. April der russische Dichter Juri Lednjow (71)

Der Thüringer Schriftsteller Harald Gerlach lebt noch und wandert Goethes Frühlingsreise von 1770 nach

Es gibt Wanderungen, deren Weg noch nach Jahrhunderten die einstige Bedeutung kenntlich macht. Goethes Frühlingsreise von 1770 ist ein solches bewegendes Beispiel. Erlebnis und Genuss überraschender Begegnungen kamen völlig neu in sein junges Leben. Und sie lösten die wohl gefährlichste Phase seines Lebens ab.
Es war der 4. April 1770, als Goethe zum Studium in Straßburg eintraf. Man könnte annehmen, dies sei bloß die logische Einlösung des bereits vor mehr als einem Jahr Angekündigten, dass er nun die Absicht habe, „nach Franckreich zu gehen, und zu sehen wie sich das französche Leben lebt, und um französch zu lernen!“. Hinter dem Plan steckte aber die schmerzvolle Erfahrung: „Mann mag auch noch so gesund und starck seyn, in dem verfluchten Leipzig, brennt man weg so geschwind wie eine schlechte Pechfackel.“ Krank an Körper und Seele, mit vertanem geistigen Gewinn und mit sinnlosem Verlust an viel Geld, ist der 19-Jährige aus Leipzig nach Frankfurt heimgekehrt. Zwei Jahre später wird Straßburg seine letzte Hoffnung auf Überwindung der Krisis. / Die Welt 14.4.01

Alltag in Österreich: „Kronenzeitung“ feiert Hitler

Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel – wäre es möglich, daß in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint: „Fürwahr, ein großer Tag ist heut! / Ich hab mich lang auf ihn gefreut, / es feiern heute Groß und Klein / zumeist daheim im Kämmerlein, / doch manche auf der Straße auch / den unverzichtbar schönen Brauch / bei dem, von Weisen inszeniert, / Gesellschaft zur Gemeinschaft wird. / Ihm sei’s zur Ehre, uns zum Heil.“ Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den „Endreim“ nennen könnte. Der lautet nämlich: „Taxi Orange, der zweite Teil!“

Dieses „Gedicht“ erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der „Kronenzeitung“, verfaßt von ihrem berüchtigten „Hausdichter“ namens „Wolf Martin“. Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von „Taxi Orange“, der österreichischen Version von „Big Brother“? Jene Kritiker der „Krone“, denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. / Eva Menasse, FAZ 26.4.01

Unter Strom im Frühlicht

haben Angelika Janz und Dieter Eidmann die Ausstellung genannt, die ab 27. April in der Neustrelitzer Galerie der Alten Kachelofenfabrik zu sehen ist. Angelika Janz wird Bildtextarbeiten und Textinstallationen vorstellen, während Dieter Eidmann Bildhauerzeichnungen und Kalligrafien präsentiert. Zur Eröffnung der Exposition beider Künstler, die in Aschersleben bei Ferdinandshof wohnen, wird Angelika Janz aus ihrem im Sommer im Verlag des Wiecker Boten erscheinenden Lyrikband gleichen Titels lesen.

Wusste Paul Celan ganz genau,

was er schrieb, als er seiner Frau am 23. Oktober 1962, wie immer in der großbürgerlich-französischen Sie-Form, das grandiose Pauschalkompliment machte: „Sie sind, und das wissen Sie genau, die Frau eines Poète maudit… Danke, Gisèle de Lestrange, dass Sie dies alles auf sich nehmen“? / KURT OESTERLE, Süddeutsche 20.4.01

LORD BYRON,

the poet who scandalised England with his hellraising exploits, was actually a psychopath, according to new research by a leading psychiatrist. / Telegraph 15.4.01

‚He’s beyond music, beyond lyrics‘

For me Bob Dylan was more important, way back then, than the Beatles or the Stones or anyone else. And though there are many great songwriters these days – Paul Simon, Tom Waits – I still think nobody comes close. / Salman Rushdie und andere schreiben über Bob Dylan / The Observer Sunday March 25, 2001

„Rimbaud-Preis“ für junge Literaten an Christian Filips

Aus 270 Einsendungen hatte eine fünfköpfige Jury vier Preisträger/innen in vier Kategorien gewählt. Der Hauptpreisträger dieses Jahres heißt Christian Filips, und es scheint eine sehr gute Wahl zu sein.
Das erkennt man schon an seiner souveränen Antwort auf die Frage des Moderators Martin Loew-Cadonna, wo die Halbgasse 8 aus seinem Gedicht denn liege. Darauf Filips: „Die gibt es, aber es hat keinerlei Bedeutung.“ Damit signalisiert er sofort: Seine komplexe, wendeltreppenartig sich durch Bildungs-Spiegelkabinette bewegende Lyrik ist nicht realistisch abbildend, sondern schafft einen eigenen und eigenständigen Sprach-Raum. Beckett und Celan nennt der Germanistikstudent als Leitbilder. / Richard Reichensperger: DER STANDARD Freitag, 27. April 2001, Seite 16

Lyrik im Mittelpunkt

Manuel Alegre, einer der bedeutendsten Lyriker des Landes, wurde im vergangenen Jahr mit dem Pessoa-Preis geehrt. Lyrik steht, allen Unkenrufen zum Trotz, auch im modernen Portugal in hohem Ansehen. Sie wurde unter Salazar ebenso wie heute vergleichsweise viel gelesen. Die Auflagen der Gedichtbände sind kaum geringer als die in Frankreich oder Spanien, beides Länder mit einer weitaus grösseren Einwohnerzahl. In Portugal verbindet sich die Blütezeit der Lyrik mit der Gruppe um die Zeitschrift «Orpheu», die während des Ersten Weltkriegs entstand. Ihr Zentrum beherrschte Fernando Pessoa , der in den Dreissigerjahren zu einem der einflussreichsten Dichter Portugals wurde. Andere aus dem Kreis von «Orpheu» – wie Almada Negreiros oder Márjo de Sá-Carneiro – wurden zwar auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt, haben aber nicht die nachhaltige Wirkung von Pessoa erreicht.  / Der Bund 23.4.01

Gefährliche Gedichte

Hannover. „In unserem Land bekommt man als kritischer Autor drei Warnungen, dann ist Schluss.“ Der das sagt, weiß, wovon er spricht: Ales Rasanau gilt in Weißrussland als bedeutend ster Lyriker. Als Redakteur einer Literaturzeitschrift veröffentlichte er einige kritische Artikel über die politischen Verhältnisse im Lande. Kurze Zeit später wurde er entlassen ? „auf Druck von oben“, wie er sagt. / JOACHIM GÖRES, Lippische Landes-Zeitung 23.4.01

Gott dem Ohnmächtigen

ist Jandls vermutlich allerletztes Gedicht («rot sei gott») gewidmet – auch dies ein verkapptes Selbstbildnis aus Fluchtiraden und Horrormetaphern, «ein sich in sich speiendes sei gott / . . . / ein im eigenen hirn steckengebliebenes / zeugungsglied». / Felix Philipp Ingold, NZZ 18.4.01

Im Juni 2000 war Ernst Jandl gestorben. 2001 erschienen „Letzte Gedichte“, Luchterhand Literaturverlag (Sammlung Luchterhand), München,123 Seiten, 18,50 Mark. / dpa. Hamburger Abendblatt 18.4.01

Eine Polemik gegen Moderne und Bärte zum Schluß

Das Bemühen um deutliche Abgrenzung ist erkennbar, mit dem der Lyriker und Germanist Dirk von Petersdorff seinen Feldzug gegen die vermeintlichen Altlasten der literarischen Moderne unternimmt. Ihn nerven die „Metadiskurse der Bartträger „, die Verlogenheit der machtbewussten „Priesterliteraten“ und jene ordnungsliebenden Staatskünstler, die die Kunst politisch funktionalisieren wollen. Petersdorff spricht in seinem Essayband „Verlorene Kämpfe“ vom „Zustand einer erschöpften Moderne“, die nur noch betrieblich intakt sei und Inhalte und Werte vermissen lasse. / Hannoversche Allgemeine   17.4.01

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