Lyrikzeitung & Poetry News

28. Januar 2012

110. Australische Lyrik seit 1788

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Dieser delphinblaue Band ist ein Meilenstein und ein wunderbarer Türstopper (? “doorstop”) mit seinen 1090 Seiten. Eine australische Anthologie von unerwarteter Reichweite und Dichte – es ist ein Wunder für eine so junge und bis vor kurzem so bevölkerungsarme Nation. Sie reicht bis zur Zeit der ersten Flotte zurück. (…)

Manchen Gedichten sollte man sich wie meditativen Erfahrungen nähern, wie oft bei Judith Wright. Ihre stillen und doch manchmal eindringlichen Rhythmen vermitteln ein Gefühl für das australische Land, das zugleich persönlich und tiefvertraut wirkt. Dann Seiten von “Banjo” Paterson mit seinen eher körperlichen Rhythmen… Es gibt auch Lieder der Aboriginals (einige mit Übersetzung, einige nicht) und anonyme Kolonialgedichte.

Es gibt auch “konkrete” oder visuelle Gedichte, bei denen die Muster der getippten Wörter genau so wichtig oder wichtiger sein können als die Wörter selber. Merkwürdigerweise fehlen diese Gedichte in dem sonst ausgezeichneten Penguin Book of Modern Australian Poetry. / John Clare, Sydney Morning Herald 27.1.

AUSTRALIAN POETRY SINCE 1788
Edited by Geoffrey Lehmann and Robert Gray
UNSW Press, $69.95

107. Weisses Sanskrit

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Eine grazile Brücke zwischen Natur und Transzendenz spannt auch Ron Winkler, Herausgeber dieses Bandes, in seinem eigenen Beitrag. In der ersten Zeile sieht er den Schnee als «kalte fraktale Grammatik», am Ende wird er zum «schleichenden Konstruktivismus eines weissen Sanskrits auf den Dingen». Die sorgfältige Auswahl aus Werken von anerkannten Lyrikern wird ergänzt von der noch wenig bekannten, aber beeindruckenden Birgit Kreipe und ihrem Schlussgedicht «Schneekönigin». / Astrid Kaminski, Tages-Anzeiger 27.1.

11. Januar 2012

43. Schneegedichte

Denn wer bei diesen »Schneegedichten« zuerst an die klassische Berieselungslyrik des Goethe-Rilke-Hesse-Triumvirats denkt, der irrt. Ron Winkler, der sich bereits mehrmals als Anthologist der Gegenwartslyrik betätigt hat – man denke zum Beispiel an das grandiose »Neubuch« – legt bei seiner Auswahl keinen Wert auf Kaminfeuerästhetik.

Nicht umsonst stellt er Jakob van Hoddis’ »Tristitia ante…« an den Anfang: »Ich hasse fast die helle Brunst der Städte.« heißt es da. Dankenswerterweise zieht sich verschwindend wenig verkitschtes Weihnachstum durch den gesamten Band. Die Anthologie beißt sich nicht an einem Stil fest, sondern stellt verschiedene Perspektiven nebeneinander, versammelt natürlich viel Schönes, einiges Melancholisches, aber auch sehr Abstraktes, Steriles, sogar Häßliches. Die Autorinnen und Autoren deklinieren den Schnee durch, frei nach Rolf Dieter Brinkmanns Worten »Schnee: wer / Dieses Wort zu Ende / Denken könnte / Bis dahin / Wo es sich auflöst« bis hin zu den »reproduktionen von schnee«, von denen Daniela Seel spricht. …

Die »Schneegedichte« haben Ganzjahresqualitäten. Kann man sich nach Weihnachten auch sich selber schenken. / Kristoffer Cornils, junge Welt

Ron Winkler (Hrsg.): Schneegedichte. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2011, 208 Seiten, 14,95 Euro

10. Januar 2012

41. „Ist es Freude, ist es Schmerz?“

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Auf nicht weniger als 1200 Seiten hat der Historiker und Herausgeber deutsche Gedichte von 305 Autorinnen und Autoren mit jüdischen Wurzeln versammelt: „Ist es Freude, ist es Schmerz?“

Viereinhalb Jahre recherchierte Schmidt minuziös und hartnäckig für diese alphabetische Anthologie, deren früheste Gedichte von Moses Mendelssohn von 1777 stammen und die aktuellsten u.a. vom 1960 geborenen Maxim Biller. Eine Herkules-Aufgabe, beflügelt von seinem Herzenswunsch nach „einer Symbiose zwischen Juden und Deutschen.“ Und man kann es zweifellos als Wertschätzung lesen, dass Stéphane Hessel, Widerstandskämpfer, Buchenwald-Überlebender und Schriftsteller, das Geleitwort schrieb. „Lebensbilder von Atem nehmender Traurigkeit“ zeige das Buch ebenso wie „die Vielfalt jüdischen Geisteslebens in den deutschsprachigen Kulturen.“

„Vielleicht hilft das Buch ,mehr Verständnis zu schaffen“, hofft der 1928 in Leipzig geborene Herausgeber. Herbert Schmidt war zehn Jahre, als die Nazis in seiner Geburtsstadt Juden in den Fluss trieben und steinigten. Tief brannte sich dieses Erlebnis ins Gedächtnis des Jungen, in dessen Elternhaus Hitler ein Schimpfwort war. …

Auch bei Franz Kafka blieb Schmidt beharrlich: Wer so zärtliche Liebesbriefe schreibt, der hat auch Gedichte verfasst, war er sicher – und grub 12 Vers-Werke Kafkas aus. Ganz selten bekam der Rechercheur eine Absage. Ruth Klüger, die ihre in Auschwitz verfassten Kindheitsgedichte „nicht mehr angemessen“ fand und nicht veröffentlichen lassen wollte, zählt zu den wenigen Ausnahmen. / westen.de

15. Dezember 2011

58. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (6)

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Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Wird morgen fortgesetzt und abgeschlossen. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  Bedenken Sie bitte, daß weder Theo Breuer noch ich 1. alles kaufen, 2. alles lesen und 3. wie Computer alles unter dem richtigen Buchstaben abspeichern können. Bei Googleabfragen können Sie testen, daß die von Theo initiierte und uns zur Verfügung gestellte Liste schon jetzt das Auffinden präziser Information sehr verbessert.

(Ergänzungen bitte unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Isaac Schreyer · Der Tag des Einsamen. Gedichte und Nachdichtungen. Nachwort von Armin Eidherr (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 60). 1 Abb., 172 Seiten, gebunden, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  2. Saza Schröder · Ach Kindheit du schreckliche Süße, 32 Seiten, handfadengeheftet, kartoniert, Künstler­buch, Bleisatz, edition footura black, Itzehoe 2011.
  3. Franz Schuh: Der Krückenkaktus. Erinnerungen an die Liebe, die Kunst und den Tod. Verlag Paul Zsolnay, Wien 2011. 255 S.
  4. Katharina Schultens, gierstabil, 80 S., Klappbroschur, luxbooks, Wiesbaden 2011.
  5. Iris Schürmann-Mock [Hrsg.]: O schöner, grüner Wald. Ein Lesespaziergang. Hildesheim: Gerstenberg 2011. 159 S. : Ill. ; 24 cm.
  6. Ursula Schütt: Gehen muß ich auf dem Faden Zeit. Taschenbuch: 100 Seiten. Verlag: d/m/z Druckmedienzentrum Gotha 2011.
  7. Friederike Schwab: schwebeblätter. Gedichte. 110 Seiten. edition art science, St. Wolfgang. Reihe: Lyrik der Gegenwart, Band 13.
  8. Daniela Seel: ich kann diese stelle nicht wiederfinden. kookbooks, Berlin 2011. 64 S.
  9. Giorgos Seferis · LOGBUCH III, zweisprachige Ausgabe, aus dem Neugriechischen von Evti­chios Vam­vas, 117 Seiten, Broschur mit handgedrucktem Typo-Umschlag, Waldgut Verlag, CH-Frauenfeld 2011.
  10. Faruk Šehić · Abzeichen aus Fleisch. Bosnisch / Deutsch, übersetzt von Hana Stojić. 160 Seiten, Broschur, fadengeheftet, Wien, Edition Korrespondenzen 2011.
  11. Shin Dal Ja ∙ Morgendämmerung. Gedichte (mit einigen koreanischen Originaltexten). Werkauswahl (1989–2007). Aus dem Koreanischen und mit einem Nachwort von Sophia Tjonghi Seo. Herausgegeben und Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. 169 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  12. Volker Sielaff · Selbstporträt mit Zwerg, 101 Seiten, Klappenbroschur, luxbooks, Wiesbaden 2011.
  13. Rajvinder Singh: WÖRTERWEHEN. Trierer Gedichte – Rajvinder Singh – Gedichte, Liz Crossley – Zeichnungen. Broschur im Format 21 x14,5 cm, 80 Seiten, 16 Abb., Berlin: Aphaia Januar 2011. Aus der Reihe Texte und Bilder.
  14. Gerd Sonntag ∙ Giovanni Santi malt eine Fliege, Nachwort von Ulrich Koch, 38 Seiten, ge­heftete Bro­schur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2011.
  15. Thomas Spaniel · die irren kurse einer sterbenden fliege. Gedichte. 96 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  16. Michael Speier (Hg.): Berlin, du bist die Stadt. Gedichte. Reclam. 170 Seiten.
  17. Alberto Spunzberg ∙ Die Piatock-Akademie – La Academia de Piatock. Gedichte, zweisprachig. Aus dem argentinischen Spanisch von Juana und Tobias Burghardt. Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt. 187 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  18. Christel und Armin Steigenberger (Hg.) · außer.dem, 18. Ausgabe, mit Gedichten von Ann-Andreas Alt­mann, Kathrin Ast, Ernesto Castillo, Caroline Hartge, Birgit Kreipe, Lars Reyer u.a., 51 Seiten, geheftete Broschur, München 2011.
  19. Lutz Steinbrück: Blickdicht. Gedichte. Verlagshaus J.Frank, Berlin 2011. 76 S.
  20. Mile Stojić: Cherubs Schwert: Gedichte und Essays. Aus dem Kroatischen von Cornelia Marks. Leipziger Literaturverlag. 230 Seiten.
  21. Dieter Straub – Gedichte, Peter M. Gotthardt – Kompositionen: Delphische Paiane – Fünf Lieder nach Gedichten von Dieter Straub für Bariton und Klavier. 
Notenband im Format 29 x 21 cm, 28 Seiten, Berlin: Aphaia 2011. Aus der Reihe: Sonderausgaben.
  22. Brigitte Struzyk ∙ alles offen, mit einem Vorwort von Peter Wawerzinek und Bildern von Elke Ehninger, 117 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  23. Jesper Svenbro · Echo an Sappho, zweisprachige Ausgabe, aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler, mit Beiträgen von Conrad Steinmann und Beat Brechbühl, CD mit musikalischen Nachschöpfungen von Conrad Steinmann zu Texten von Sappho und Alkaios, 83 Seiten, Bro­schur mit handgedrucktem Typo-Umschlag, Waldgut Verlag, CH-Frauenfeld 2011.
  24. Tammen, Johann P. (Hg.): die horen. Bei betagten Schiffen. Islands “Atomdichter”.  56. Jg., Nr. 242, 2011. 424 S. Gedichte von Stefán Hörður Grímsson, Jón Óskar, Einar Bragi, Hannes Sigfússon, Sigfús Daðasson, Steinn Steinarr, Jón úr Vör, Jóhannes úr Kötlum, Arnfriður Jónatansdottir, Elías Mar, Jónas E. Svafár, Thor Vilhjálmsson, Vilborg Dagbjartsdóttir, Matthías Johannessen, Baldur Óskarsson, Þorsteinn frá Hamri, Jóhann Hjálmarsson, Nína Björg Árnadóttir, Sigurður Pálsson, Steinunn Sigurðardóttir. Der Kampf um die Moderne. Stimmen – Gegenstimmen – Positionen. Gespräche mit Steinn Steinarr, Hannes Sigfússon. Zeitgenössische isländische Rezensionen. Nachrufe. Erinnerungen von heute. Glossar.
  25. Veno Taufer: Wasserlinge. Gedichte. Übersetzung: Daniela Kocmut, Herausgeber: Michael Braun. 48 Seiten, Format: 14 x 22 cm, Das Wunderhorn 2011.
  26. Hans Thill (Hrsg.) ∙ Meine schlichten Reisen. Gedichte aus Belgien. Dreisprachige Ausgabe: niederländisch–französisch–deutsch. Dirk van Bastelaere, Eric Brogniet, Karel Logist, Els Moors, Erik Spinoy, Liliane Wouters übersetzt von Gerhard Falkner, Zsuzsanna Gahse, Norbert Lange, Michael Speier, Ulrike Almut Sandig, Hans Thill nach Interlinearversionen von Beate Thill und Stefan Wieczorek. Gebunden, bibliophile Ausgabe mit Lesebändchen. Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn 2011.
  27. Walter Thümler: Ist jemand da. Gedichte. Leipziger Literaturverlag. 144 Seiten.
  28. Su Tiqqun: Im Geröll des Auges. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  29. Toegye ∙ Als der Hahn im Dorf am Fluß krähte, hing der Mond noch im Dachgesims. Gedichte 1515–1570. Herausgegeben und mit einer Zeichnung von Juana Burghardt. Deutsche Fassungen von Tobias und Juana Burghardt auf der Grundlage der Vorarbeit von Doo-Hwan und Regine Choi. Mit einem Nachwort von Tobias Burghardt. 125 Seiten, broschiert, Edition Delta, Stuttgart 2011.
  30. Boško Tomašević: Früchte der Heimsuchung. Gedichte. Aus dem Serbischen von Helmut Weinberger. Leipziger Literaturverlag. 180 Seiten.
  31. Boško Tomašević:  Mitlesebuch 103 – Boško Tomašević, Berlin-Gedichte. Michael Blümel – Zeichnungen. Broschur im Format: 24 x 15 cm, 24 Seiten, fadengeheftet. 1. Auflage: 50 Exemplare, im Druckvermerk vom Autor signiert, Berlin: Aphaia, März 2011.
  32. Boško Tomašević • Allerneueste Vergeblichkeit, aus dem Serbischen übertragen von Helmut Weinberger, Nachwort von Walter Methlagl, 171 Seiten, Broschur, Pop Verlag, Ludwigsburg 2011.
  33. Þorsteinn frá Hamri: Jarðarteikn – Erdzeichen. Gedichte. Ausgewählt und aus dem Isländischen übersetzt von Gert Kreutzer. (Fäkätä 14). 36 S. Germersheim: Queich Verlag 2011.
  34. Tomas Tranströmer: Poesiealbum 298.  Hg. u. ausgew. von Richard Pietraß, Grafik Isaac Grünewald, Nachdichtung Hanns Grössel und Richard Pietraß. 32 S. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011.
  35. Matthias Traxler: You’re welcome. kookbooks, Berlin 2011.
  36. Verica Tričković: Als rettete mich das Wort. Gedichte teils deutsch, teils serbisch. Leipziger Literaturverlag. 120 Seiten.
  37. Charlotte Ueckert ∙ Dein Haar ist mein Nest, Vorwort von Peter Engel, 34 Seiten, Broschur, fix­poetry.Verlag, Ham­burg 2011.
  38. Nepumuk Ullmann: Von der Überwindung der Eiszeit in den Gefühlen. fhl Verlag Leipzig 2011, 170 Seiten.
  39. Sandra Uschtrin (Hg.) ∙ Federwelt. Zeitschrift für Autorinnen und Autoren, 91. Ausgabe, Lyrik-Re­daktion And­reas Noga, Gedichte von Friedrich von Hagedorn ∙ Katharina Lanfranconi ∙ Ingrid Miller ∙ Irmhild Oberthür ∙ Klaus Roth ∙ Walle Sayer u.a., 58 Seiten, geheftete Broschur, Uschtrin Verlag, München 2011.
  40. Günter Vallaster (Hg.) · Paragramme. Ein Sammelband, 156 Seiten, Broschur, Gedichte von Thomas Hav­lik · Christine Huber · Peter Huckauf · Gerhard Jascke · Ilse Kilic · Richard Kostela­netz · Axel Kutsch · Gerhard Rühm · Fritz Widhalm u.v.a., edition ch, Wien 2011.
  41. Verein Literaturgruppe Perspektive (Hg.) · perspektive. Hefte für zeitgenössische Literatur, Ausgabe 67/68: Aufstandsbeschreibungen, Gedichte von Dominic Angeloch · Ralf G. Landmesser · Rebekka Olbrich · Kai Pohl · Clemens Schittko u.a., 238 Seiten, Broschur, Graz 2011.
  42. Mikael Vogel: Massenhaft Tiere. Gedichte. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 100 S.
  43. Florian Voß: Datenströme. Datenschatten. Staub. Gedichte. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 80 S.
  44. Achim Wagner ∙ Flugschau, 67 Seiten, Hardcover, [SIC] – Literaturverlag, Aachen ∙ Zürich 2011.
  45. Friedrich Wilhelm Wagner: Jungfraun platzen männertoll. hochroth Verlag 2011.
  46. Friedrich Wilhelm Wagner: Irrenhaus. hochroth Verlag 2011.
  47. Friedrich Wilhelm Wagner · Jungfraun platzen männertoll / Irrenhaus (edition grillenfänger 18). 38 Seiten, Broschüre, Klammerheftung, Potsdam, udo degener verlag 2011.
  48. Jan Wagner · Die Sandale des Propheten. Beiläufige Prosa, 240 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Ber­lin Verlag, Berlin 2011.
  49. Jan Wagner: Poesiealbum 295. Hg. u. ausgewählt von Richard Pietraß, Grafik Werner Friedrichs. 32 S. Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2011.
  50. Immanuel Weißglas · Der Nobiskrug. Gedichte. Nachwort von Bernhard Albers (Bukowiner Literaturlandschaft Bd. 55; Lyrik-Taschenbuch Nr. 72). 80 Seiten, broschiert, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  51. Ralf S. Werder: Bruchland. Broschur, 28 S. Schock Edition, EdK/Distillery, Berlin 2011.
  52. Walt Whitman · Liebesgedichte / Love Poems. Englisch / deutsch. Ausgewählt und übertragen von Frank Schablewski. Vorwort von Johannes Urzidil. Nachwort von Jürgen Brôcan. 128 Seiten, fadengeh. Klappenbroschur, Aachen, Rimbaud Verlag 2011.
  53. Ron Winkler (Hg.): Schneegedichte. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2011.

5. Dezember 2011

21. Hamburg

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Herausgeberin ist die Historikerin Martina Moede, die den Leser auf einen langen, interessanten Spaziergang durch die literarische Geschichte der Hansestadt mitnimmt, die ihre Künstler nicht unbedingt liebte, ebensowenig die Juden, weshalb Heinrich Heine dichtete: “Ausländer, Fremde, sind es meist, Die unter uns gesät den Geist Der Rebellion. Dergleichen Sünder, Gottlob! sind selten Landeskinder.” / Welt am Sonntag

Martina Moede (Hg.): ”Hamburg Gedichte”
446 Seiten
Wachholtz; Auflage: 1., Aufl. (10. Oktober 2011)
ISBN-10: 3529023728
EUR 24,80

2. November 2011

7. Persisch

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Gerade neu erschienen im Sujet Verlag (Bremen) sind Pegah Ahmadis Gedichtband „Mir war nicht kalt“ und die von Gerrit Wustmann herausgegebene Anthologie „Hier ist Iran! Persische Dichtung im deutschsprachigen Raum“ mit Texten von insgesamt 28 Dichtern. / cineastentreff (mit Verlosung)

  • “Hier ist Iran! Persische Dichtung im deutschsprachigen Raum”, Hrsg. Gerrit Wustmann, 243 Seiten, 17,80 Euro (Sujet Verlag 2011) 
  • Pegah Ahmadi “Mir war nicht kalt”, Gedichte, 80 Seiten, 12,80 Euro (Sujet Verlag 2011)

25. September 2011

118. Das Minenfeld des politischen Gedichts

Auszug aus dem Gegenstrophe-Essay von Bertram Reinecke bei Poetenladen

(Vgl. L&Poe Sep #44. Das Gesicht des Gegenwartsgedichts)

 

Auch mit politischen Themenfeldern lässt sich … der Bild­speicher des Lesers leicht anzapfen: Voß zitiert in seinem „Volkslied“ den Lindenbaum, das Horst-Wes­sel-Lied, Tribünen­gesänge. Ein weiter Bogen durch zwei Systeme, die deutsche Natur usw. Sicherlich löst das schon irgendwas im Leser aus. Fragt man sich aber, ob das Gedicht irgend etwas bedeutet (denn ich entnehme es schließ­lich Alles außer Tiernahrung, Neue politische Gedichte), dann nicht mehr, als dass die deutsche Lied­tradition irgendwie mit den Kata­strophen des Jahrhunderts verstrickt ist. Das ist viel Aufwand für einen Allgemeinplatz, dem der deutsche Dichter selbst­miß­trauisch beipflichtet, ob wohl man ja ebenso beliebig herausarbeiten könnte, wo diese Tradition noch Schlimmeres verhindert hat. Da ein solcher Fremdbezug von Bildern aus dem Gedächtnis des Lesers, ein Nabel­schnur­effekt also um so besser funktioniert, je weniger das Gedicht selbst nährt und je mehr es die Bild­erin­nerungen des Lesers strömen lässt, könnte man einwenden, es handele sich hier nicht um Sprachge- sondern eher Sprachverbrauch. Gerade in einer zusehends medial ver­mittelten Welt wird man jedoch auf dies Mittel kaum verzichten wollen. Allerdings scheint mir ein sparsamer Einsatz angebracht. Auch Norbert Lange nennt zu seinem Text „Schuhgrößen“ (Jahrbuch der Lyrik, poet nr. 9) die Referenz „Kann Spuren des Horst Wessel Liedes enthalten“ und vertieft damit seinen Text. Diese Vertiefung besteht aber nicht nur darin, dass die Ebene von Grenzverletzung und Okkupation, die beide Kontexte verbindet, vage in den Text tritt, sondern zunächst dadurch, dass seine Schilderung von Fetischismus, die als Schilderung sauberer und süßlicher daherkommt als die Realität, das Unselbstverständliche des Vorgangs wieder ins Bild rückt, insofern sozusagen stinkende Knobelbecher über der Szenerie hängen. „Becher und Göring mit dem Fahrrad im Darß suchen“ (Jahrbuch, Alles außer Tiernahrung, An Deutschland gedacht, Ostsee­gedichte) von Gräf verleiht mit Zeissgläsern (mediale Referenz), Stukas und Schwarzhemd einem Naturgedicht „unter dem Wucher/ der Farne“ Unruhe. Die aufgerufene politische Dimension tritt dahinter zurück.

Damit sind wir auf dem verminten Feld des politischen Gedichts angelangt. Gerne wird es gefordert, viel seltener gedruckt. Vermint ist das Feld zunächst durch Inbegriffe des politischen Gedichts, die heute zumeist abgelehnt werden und schon fast gänzlich verschwunden sind. Der Band Stimmwechsel polemisiert bei­läufig gegen „Agitprop oder Gutgemeintes“, ohne genauer zu sagen, was dies sei. Warngedicht, Zeigefingergedicht, relevanter Realismus usw. wären Topoi, mit denen das politische Gedicht ebenfalls verbunden wird. Auch wenn man diese Topoi dann und wann auf negative Beispiele besonders in An Deutschland gedacht anwenden mag, ist damit noch nicht klar, ob man mit solch vagen Abgren­zungen nicht vielleicht zu viel oder zu wenig ausgrenzt. [...] Verstehen wir als Agitprop­gedicht im engeren Sinne zunächst den kurzen fasslichen Text, der mit einem sprachlich-inhaltlichen Dreh den Zuhörer überraschen und zum Nachdenken und schließlich Handeln zwingen soll, wie wir das oft von Erich Fried kennen. Es gibt diese Texte noch, aber sie haben sich gewandelt: „Die Menschen­würde ist unantastbar/ ›richtig‹, erwiderte der Polizist/ mit unseren Knüppeln/ tasten wir auch nicht“ hätte man vielleicht vor 30 Jahren den zentralen Gedanken der ersten Strophe von Weigonis „Totentanz und Tortenwurf“ (An Deutschland gedacht) formuliert. Der Dichter bettet solche Pointen allerdings in einen surreal anarchi­schen Dance Macabre, der konkrete Momente von Lebens­form und Geschichte in den Text hineinschlingt.

Eine andere Form des Agitpropgedichts versteckt den Zeigefinger, indem der behandelte Missstand aus der Öffentlichkeit in die private Vereinzelung verlegt wird. In Engelhards „Der Vater löscht das Lampenkind“ (Jahrbuch) bezieht sich das zentrale Bild der Überschrift auf das Ende des Leuchtens eines Kindergesichts, nach einer angedeuteten sexualisierten Interaktion zwischen Vater und Tochter. Dieser Text folgt leicht verrätselt dem Mechanismus des Agitprop­gedichtes.

Mit Inbegriffen des politischen Gedichts, die auf bekannte Muster zurückgreifen, kommt man also nicht weit, will man herausfinden, welche Perspektiven es bietet. Man muss eine Stufe tiefer ansetzen. Da fällt auf, dass die Verfechter des politischen Gedichts diesem oft wie selbst­verständ­lich hohe Zu­gäng­lichkeit ab­fordern, wahr­scheinlich aus der Intuition, dass Wirksamkeit Allgemein­verständ­lich­keit einschlösse. Ja, oft hat man das Gefühl, dass die Forderung nach dem poli­tischen Gedicht nur ein Trojanisches Pferd sein soll, endlich das „verständliche“ Gedicht wieder einzuführen. In solcher Haltung liegen zwei Miss­verständnisse verborgen:

Man fordert nicht irgend ein politisches Engagement sondern das gute Neue: Wolf Martins Machwerke („Kronen Zeitung“) fordert man nicht. Entweder ist dies gute Neue gar nicht neu sondern bereits Konsens oder man fordert politische Gedichte, die auch politische Gegner auf den Plan rufen. Da ist es zynisch, vom Dichter zu erwarten, er solle die Kartof­feln aus dem Feuer holen und ihm gleichzeitig noch die Camouflage zu verbieten. Zweitens ist es ein Irrtum zu glauben, dass schwierige Gedichte nicht wirkmächtig werden könnten. Der Interpretationsstreit um Celans „Eden“ hat eine ganze Richtung herme­neutisch mensch­heitlicher Inter­pretier­kunst, die bei gesellschaftlichem Konfliktpotential nicht hinsah, auf dass man ihren Balken im Auge (auch: Brett vorm Kopf) nicht sähe, nachhaltig beschädigt. Mehr Wirkung kann sich ein Einzel­gedicht kaum wünschen.

Es ist also zunächst einmal kein Wunder, dass der Herausgeber von Alles außer Tiernahrung sich gegen das allzu direkte, allzu zugängliche politische Gedicht wehrt und unter anderem dessen Kassiberfunktion betont. Auf der anderen Seite gibt es dann immer das Problem, dass ein Kassiber, der mich nicht erreichen soll, mich auch oft nicht erreicht. Er setzt deshalb die Maßstäbe, was es heißt, etwas Politisches zu äußern, nicht allzu hoch an.

Andererseits gibt es bei ihm einen Reflex gegen alles „angesäuert Moralische“, Utopische. Das klingt denn doch etwas nach: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Immer wenn ein Gemeinplatz jahrelang und ungefragt wiederholt wird, wie der vom Ende der Utopien nun seit über zwanzig Jahren, legt sich der Verdacht nahe, er sei in sich selbst ideologisch. Das grundsätzliche Problem: Wer eine wenig bekannte Position vertritt, muss sie zunächst erstens verein­facht darstellen, zweitens argumentieren. Jede konsistente Argumen­tations­kette lässt sich als Ideologie diskreditieren, jede vereinfachte Darstellung als zu einfach zurückweisen. Für den Status quo hingegen, den jeder in gewisser Breite kennt, muss niemand argumen­tieren, da reicht Anspielen. Das wirklich Neue wird im Gedicht noch einmal sprachlos, wenn ihm mit zu viel antiideologischem Misstrauen begegnet wird, da das regel­gemäße Argument ohnehin seine Stärke nicht ist.

Ein politisches Gedicht in Alles außer Tiernahrung reduziert sich damit auf ein normales Gedicht, das politisch beladene Wörter enthält. (Fast) jedes einzelne Gedicht mag bedenkens­wert sein, über die Strecke klingt zu viel Feuilleton durch. Stärker wird der Band paradoxer Weise z.B. da, wo er dem Budenzauber mit Politbegriffen entgegentritt: „Die Flucht aus zweiter Hand wird ausge­gessen … Moralisch sauber nur mit Kriegsverlauf.“ (Kunst); „es sind dieselben moewen, deren vorväter/ als mitlaeufer unter den nazis dienten “ (Lafleur). Stärker wird der Band auch da, wo ein politisches Thema ergriffen wird, ohne auf politische Ereignisse anspielen zu müssen. Norbert Langes Suchbilder­zyklus stellt eine absurde Medi­tation auf die durch TV ver­mittelten Sprach­möglichkeiten auf deut­schen Durch­schnitts­terrassen dar4, die vorführt, an welchen Kleinig­keiten deren sprach­licher Weltzugriff bereits zum Scheitern verurteilt ist.

Wer dem politischen Gedicht abfordert, mir zu sagen, worüber ich nachdenken soll, ohne mir zu sagen, was ich denken soll, kann ebenso gut ein Kindheits­gedicht mit Nabelschnur als konser­vatives Polit­gedicht ablehnen, weil es deutsche Innerlichkeit befördert. Dann ist das Feld wieder offen. Mit anderen Worten: Ich weiß, dass es interessante politische Gegenwartsgedichte gibt. Es wird nur keinen Konsens darüber geben, welche dies sind. Denn entweder bewegen sie sich am einen Ende der Kunstskala, struppig und ruppig, einen auch mal mit schiefen Meinungen überfah­rend, wie Clemens Schittko, oder es sind versteckte, manchmal schrullige Kassiber, bei denen die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz offen bleiben muss. Was dazwischen ist, neigt schnell dazu auszusehen, als wollte jemand seine gepflegten Kunstmittel auf dem Rücken eines Missstands durch die Landschaft führen. Dazu kann man jedes Gedicht einer politischen Lektüre unterziehen. (Für einen Anthologisten ist damit das politische Gedicht keine ergiebige Aufgabe.)

 

Michael Braun, Kathrin Dittmer, Martin Rector (Hg.)

Gegenstrophe
Blätter zur Lyrik 3
Wehrhahn Verlag 2011
120 Seiten, Hardcover
Preis: 12,80 €

20. September 2011

105. Laßt viele Anthologien blühn…

Mittlerweile hat sich der von Shafiq Naz so liebevoll dialogisch und kenntnisreich edierte deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht neben dem Jahrbuch der Lyrik und Vers­netze als gleichsam dritte jährlich heraus­gegebene Lyrik­sammel­band­kraft etabliert. Wird die erste Ausgabe von 2005 noch in erster Linie vom Club der toten Dichter dominiert, finden sich seit einigen Jahren unter den jeweils 300 Autorinnen und Autorinnen rund 150 Zeit­genossen. Ich vergleiche die Register der drei aktuellen Sammlun­gen von Buchwald, Kutsch, Naz und komme zu dem Ergebnis, daß die drei Anthologien einander vorzüglich ergänzen. So tauchen, beispielsweise, Nora Gomringer, Marion Poschmann und Monika Rinck 2011 nicht in Jahrbuch oder Versnetze auf, im Lyrik­kalender 2012 (der Ende September 2011 erscheint) finde ich sie – alle drei.

Wir können getrost davon ausgehen, daß schon jede einzelne Anthologie für sich betrachtet mit ihrer spezi­fischen, eigen­willigen Editions­art exemplarisch die Bandbreite von bewährten, mehr oder weniger bekannten hin zu neuen, nahezu unbekannten Autorinnen und Autoren vermittelt, aber eine gleichsam allumfassende Übersicht wird erst durch das Zusammen­spiel aller drei Antho­logien ver­mittelt, deren Herausgebern ich ein langes, langes Leben wünsche, in dem die Lust aufs Heraus­geben von Gedichten – trotz sicherlich manchen Verdrusses bei der wohl nicht nur lustigen Editions­arbeit – nie geringer werden möge. Versnetze-Heraus­geber Axel Kutsch ist übrigens das verbindende Glied in dieser außer­ordent­lichen Antho­logie-Kette, ist er doch als Lyriker immer wieder im Jahrbuch und regelmäßig im Lyrik­kalender vertreten…

/ Theo Breuer, Poetenladen, in 24 Kapiteln incl. Verfasserregister über

Versnetze_vier
Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart
Hrsg. Von Axel Kutsch
Verlag Ralf Liebe 2011

10. September 2011

44. Das Gesicht des Gegenwartsgedichts

Bertram Reinecke 

Auszug aus einem Essay für Band 3 des Almanachs “Gegenstrophe”  (erscheint im Herbst)

[...]

Jenseits manifester poetologischer Aussagen scheinen Autoren Forderungen an die Gestalt ihrer Texte zu stellen, die sich nicht ohne weiteres festhalten lassen, sei es, weil sie halbbewusst vage sind, sei es, dass sie nur in der Regel, aber keinesfalls immer Geltung beanspruchen, sei es, dass sie zu trivial zur Niederschrift erscheinen. Solche Inbegriffe mag derjenige, der gerne vom Geheimnis der Dichtung spricht, als das Geheimnis gelingender Dichtung auffassen. Der Inbegriff eines Gedichts ist ein „lebendiger Begriff“ in dem Sinne, wie Peter Hacks ihn in seinem Essay „Der Sarah Sound” bestimmt: Kein Merkmal seiner Bestimmung ist definitorisch konstitutiv. Erst wenn ein Bündel von Merkmalen auf den Gegenstand zutrifft, ist dieser ein X. Eine Tasse kann einen Henkel haben, muss aber nicht, sie wird in der Regel eine breitere Öffnung oben haben, muss dies aber nicht, sie gehört zu einer Untertasse, sie wird oft aus einem keramischen Werkstoff bestehen usw. Jedes Merkmal für sich kann fehlen, fehlen aber zu viele der tassentypischen Merkmale handelt es sich um einen Napf, Tiegel oder anderes.

In solche Inbegriffe können festgefügte Vorstellungen – „Sonett ist eine eher altmodische Form“ wie vage Leitideen eingehen: „Da muss Sonne rein, dass es brummt!“ Verbreitete Inbegriffe dessen, was ein Gegenwartsgedicht sei, erzeugen Erwartungshaltungen, steuern, zu welcher Gelegenheit man Gedichte zur Hand nimmt, wie man sie liest usw. Wenn, um zwei herkömmliche Beispiele hier vorauszuschicken, metrisch geordnete, gereimte Formen weiter im Rückzug sind, wird diese Ordnung als immer extremer und als drastischeres Wirkmittel an immer weniger Stellen als angemessen empfunden. Ein entgegengesetzter Trend ließe sich bei der Montage beobachten. Anfangs der schroffe mitunter schockartige Einbruch von Wirklichkeitsmomenten ins ästhetische Geschehen, fügen sich (Wirklichkeits-) Versatzstücke heute oft so zwanglos in die Gebilde ein, dass ihre Herkunft aus der Fremde (bzw. dem Kunstanderen) kaum noch eine Rolle für den ästhetischen Prozess spielt.

Solchen Inbegriffen nachzugehen, ist eine der wenigen Möglichkeiten, Anthologien zu kritisieren, ohne anhand einer vorgängigen Theorie zu dekretieren, was sein sollte. Durch Kontrastierung mit anderen Anthologien soll besonders die Gestalt des Gedichts im Jahrbuch der Lyrik 2011 herausgearbeitet werden. Denn solche Gestalten prägen sich heraus, egal ob ein Band sich eher als normsetzend oder als abbildend versteht. (Insofern er ja nur Relevantes abbilden möchte.)

Ich werde zunächst einige allgemeine Züge benennen. Zu entscheiden, ob es die wichtigsten sind, wäre ebenfalls eine Frage vorgängiger Theorie. [...]

Das Gesicht des Gegenwartsgedichts


Das prototypische Gegenwartsgedicht ist nicht einmal eine Seite lang. Am deutlichsten ausgeprägt ist dies in Stimmwechsel – Gedichte längs der Ruhr, wo jedes Gedicht, das aufgrund der Ausschreibung der Herausgeber aufgenommen worden ist, sich in Schriftgröße 12 (doppelzeilig) auf einer Seite unterbringen ließe. Das Jahrbuch der Lyrik enthält dagegen auch zahlreiche Texte, die knapp anderthalb Seiten ausmachen. Unterstellt man, es habe sich bei Einsendern eingebürgert, Gedichte anderthalbzeilig zu setzen, damit die Strophenzusammenhänge fasslich bleiben, dann teilen wohl viele Lyriker diesen Inbegriff. Einen deutlichen Zug zur Länge haben dagegen die Anthologien Alles außer Tiernahrung und Es gibt eine andere Welt.

Die wichtigsten Substantive im Gedicht sind die, welche in Mittelstellung zwischen konkreten und abstrakten Begriffen liegen, solche also, zu denen man zwar noch eine konkrete Vorstellung entwickeln kann, denen man aber unmittelbar Abstraktes zuordnet. (Sonne, Feld, Straße usw.) Gedichte, die (fast) nur solche Substantive enthalten, wie sie teilweise von Ulrike Almut Sandig, Hendrik Jackson oder André Schinkel geschrieben wurden, sind auf dem Rückzug.

Der Gefahr, ins allzu gefühlig Vage, lyristisch Unverbindliche abzugleiten, muss deutlich begegnet werden. So liegt Ingeborg Arlts Texten eine prägnante Märchenfolie zu Grunde, die für Konkretion sorgt, während Ulrike Almut Sandig mit einem Gedicht vertreten ist, der vokabulatorisch reicher ist als ihre früheren.

Ansonsten wurde die verbreitete These, dass gewisse Vokabulare bestimmte Inhalte nahelegten und andere Denkmöglichkeiten ausschlössen, offensichtlich nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Ungewöhnliche Worte treten in den Texten relativ selten auf. Die Gedichte bewegen sich in einem einfachen, unmarkierten Sprachniveau. Dem Teil der Schriftsprache, der sich mit mündlicher Sprache deckt. Archaismen, Neologismen und Fachsprachen kommen ebenso selten vor wie Dialekt oder Slang. Wenn markierte Sprache genutzt wird, dann kommt sie am ehesten noch aus dem Bereich der Zeitgeschichte. Ausnahmen bilden im Jahrbuch etwa die Texte Urs Allemanns oder Ulf Stolterfohts. Da sich in Freie Radikale mit Ames, Duraj, Kornappel und Kraus gleich 4 von 13 Dichtern für einen solch gefärbten Sprachgebrauch entscheiden, wirkt der Band deutlich herausgehoben.

Hinzu kommt, dass manches früher recht konkrete Wort durch häufigen Gebrauch im neueren Gedicht stärker symbolischen Wert angenommen hat. So etwa der Fuchs in der jüngsten Lyrik.

Konkreta beglaubigen oft lediglich die „historische Wahrheit“ des Geschehens. Sehr häufig treten diese Konkreta, wie bei „hütten, paläste“ gesehen, als Kompositum auf.

Das aktuelle Jahrbuch enthält zahlreiche Gedichte, die ihren Gegenstand ins Surreale verfremden. Das gilt auch für Freie Radikale, während andere Anthologien meist zurückhaltender sind.

Kennzeichnend sowohl für Jahrbuch als auch für Freie Radikale ist die Häufigkeit von Reihungstechniken. Einerseits scheinen solche Reihen durch Fortlassung des „wie“ in den Metaphern zu entstehen: „Verbeulter Tag, sumpfgrau, ein Blechgeschirr./Häufchen von Schnee am Rand, so schmutzige/ Wäsche aus Betten. Reste in Korridore/ gekippt. Gegen später Eisregen, schlägt in Äste./ Klickend fallen leere Hülsen auf die Wege.“ (Volker Demuth, Kein Thema). Davon im Einzelfall allerdings nicht immer abzugrenzen ist die Poesie der Inventur bzw. die der Wortliste. Wobei im Jahrbuch diese Listen in einen durch andere Mittel poetisierten Kontext eingebettet bleiben, während Freie Radikale bzw. Kein Thema mit Texten von Dagmara Kraus bzw. Uljana Wolf auch radikal freigestellte Listen enthalten. Auch scheinen einigen der Reihungen in Jahrbuch und Freie Radikale Montagen zu Grunde zu liegen (Dathe: “la grand popera“ Jahrbuch), die anders als früher nicht mehr typografisch ausgewiesen werden.

Ist das Gedicht so offen geworden für wilde Verfahrenszüge, dass sich ihm eine strenge Montage mühelos einfügte? Oder sind die Montagetechniken moderater geworden, sodass sie jetzt dem Inbegriff des Gegenwartsgedichts näherkommen? Sicher ist beides der Fall. Letzteres spräche sowohl gegen diese seichte Form der Montage, wie gegen das Gegenwartsgedicht, für ersteres lassen sich immerhin Indizien angeben: Das Gedicht, das eine klare Situation benennt und diese Situation dann durchspielt, ist insgesamt seltener im Jahrbuch als in den Anthologien Versnetze 3, An Deutschland gedacht, Stimmwechsel und Die Schönheit ein deutliches Rauschen – Ostseegedichte, bzw. der situative Kontext ist schwerer zu erschließen. Dieser Trend wird im Jahrbuch ebenso wie in Freie Radikale durch die Gewohnheit der Titelgebung verstärkt. Der Titel klärt oft nicht mehr unmittelbar die Situation oder die Eigenschaften des Textes, sondern er bemüht sich, selbst ein poetisch interessantes Bild abzugeben, das nicht fester mit den Eigenschaften des restlichen Textes zusammenhängt, als jede andere Stelle. Vereinzelt gab es dies schon länger: z.B. Ulf Stolterfohts „Sterbeverein Ernst Mach“ (Laute Verse). Jetzt werden solche Titel immer häufiger: Im Jahrbuch: Kuhlbrodt, „Auch Hitler mochte die Winterreise“, Popp, „Wir lieben das statische Denken“.

Ebenso werden in beiden Anthologien häufiger verfremdete Redewendungen beiläufig eingeflochten. Diese beschleunigen oft den Text. „Lass uns die Amseln bezahlen und gehn“ (André Rudolph, Jahrbuch). „Mann sagte: Aber es. Aber das. […] Und ich sagte: Nur noch.“ (Julia Dathe, Jahrbuch); „ausdrücken was ich sehe/ wie Zigarettenkippen“ (Schwedes, Freie Radikale).

Begriffe wie innere Notwendigkeit oder Stimmigkeit sind unpraktikabel für derart offene poetische Gebilde. Ein solches Sprechen ist selbstbewusst genug, dem Leser auch ein Neuansetzen, Es-noch-einmal-anders-sagen zuzumuten. Deswegen verwundert es, dass das Jahrbuch in Bezug auf Textgruppen, die keine Strophen bilden, sondern sich als Minizyklen verstehen, wie sie in Versnetze 3, Freie Radikale, Kein Thema und Alles außer Tiernahrung häufiger vorkommen, sehr zurückhaltend ist. Vielleicht bevorzugen beide Herausgeber eine gedämpfte typografische Inszenierung, während sich Kein Thema, Freie Radikale und Versnetze insgesamt als aufgeschlossener typografischen Auszeichnungen gegenüber erweisen.

Experimente zum Zeilenfall kommen, wie man an Angela Sanmanns Gedicht sah, auch anderswo vor, eine Spezialität von Kein Thema ist allerdings der Ersatz des Zeilenfalls durch „/“. Der Text wird dadurch kompakter, der Zeilenfall täuscht Ruhe vor.

Das Jahrbuch-Gedicht ist, wir hatten es gesagt, offener als Texte anderer Anthologien, aber es lassen sich auch inhaltliche Tendenzen ablesen. Das Geschehen im Jahrbuch-Gedicht spielt häufiger im Hellen und Handlungen finden meist draußen statt, wo überhaupt Orte deutlich werden. Das dezidierte Nachtgedicht kommt ebenso wie das Interieurgedicht dagegen fast nicht vor, während man sie selbst in den Ostseegedichten, von denen man eine solche Tendenz erwartet haben könnte, häufiger findet.

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