Gegendarstellung

So nennt Su Tiqqun ihren Verriß des „Schwarzbuchs der Lyrik“ in der Zeitung junge Welt. Auszug:

Wünschen sich die Herausgeber des »Schwarzbuchs« einen öffentlichen Dreifrontenkrieg zwischen Realverdichtern, hochdotierten Natur-und Konsensdichtern und marktgefällig kalauernden Surf-und Slampoeten? Dann sollte man die Konfrontation mit Umsicht vorbereiten und Aktionismus unterlassen, damit die Anerkennung einer literarischen Transformation forciert werden kann und sich nicht ad hoc demontiert um den Preis der Verballhornung einer ästhetischen Analyse, die »das Alltagsbewusstsein zurechtrückt mittels Irritation«, so Mitherausgeber Kai Pohl. Letztere ist dem Leser sicher: Irritation und dadaistisches »Pnüngse örken« von Ralf S. Werder, »Mörtel im Ohrstecker für Männer in Ausbildung« von Bert Papenfuß, »…hecklig kocht mit stihl brigitte diät…« aus der Feder des Antikommunisten Hermann Jan Ooster, »im halben gespräch kotzt deine / ganze scham ins seichte fahrwasser / der alltagsangst« von Lilly Jäckl oder »… Salamandra, Sorriso, Sackamatz …« von Ann Cotten. Es gibt Reinwaschungen der Beliebigkeit mit den Mitteln der Kapitalismuskritik, Hermetisches, dezentes und avanciertes Sprechen, das »im Einklang mit der Absicht, die Stimmen der Vergangenheit zu brechen« (Katja Horn) oft dem Duktus der Achtziger folgt: Turbobloßstellungen gegen den Turbokapitalismus von Clemens Schittko, aufmüpfig Seismographisches von Jannis Poptrandov, erhaben simple Cut-ups von Kai Pohl und viel kreativer Wahnsinn könnten den angepeilten Leser, unter anderem den Mob, der zwar zum Kotzen ist, aber ein Recht hat, Gedichte zu verstehen, wie Florian Günther sagt, der aber nicht vorkommt, wieder verprellen oder oder in abwinkende Ratlosigkeit stürzen.

Ihr Fazit, das sie voranstellt:

Ein jeder planscht in seinem Teich: Die Konfektionisten der eher monokulturellen Auslese des »Jahrbuchs der Lyrik 2015« paddeln im Kreisverkehr lyrischer Indifferenz. Die Herausgeber der gegenliteraischen Inventur schwimmen ihnen trotzend entgegen. Das jüngst erschienene »Schwarzbuch der Lyrik 2016« demonstriert, dass die subventionierte Biopoesiecompany keine Betriebsstörungen von seiten aufsässiger Lyrikproduzenten befürchten muss. Weder im guten noch im schlechten.

Epidemie der Künste (Hg.): Fünfzigtausend Anschläge. Schwarzbuch der Lyrik 2016. Distillery, Berlin 2016, 131 S., 16 Euro

4 Comments on “Gegendarstellung

  1. Haha »Das riecht mir schon / nach Secession / Beim Liebermann / fing ’s auch so an«, das mag ja stimmen, denn zunächst wurde er verrissen. Ja.
    Irgendwie bezeichnend, dass sich der Furor der Rezensentin gerade gegen dieses Zitat richtet. Nicht wahr? Die Gegenwartsdichter mit ihren Ansprüchen (ob gerechtfertigt oder nicht) nerven etwas. Diese Einstellung durchdrang auch den Kuhnertschen Jahrbuchsverriss. (Immerhin wird hier Falkner und nicht wie damals Benn herbeibemüht.)
    „Artists Coach Marcel Hager, schlug das Buch auf und wieder zu, ließ es an Ort und Stelle liegen, um eine rauchen zu gehen.“ Ja, wenn schon Artistcoach Hager lieber raucht als liest … dann ist das Schwarzbuch … was? Wie unverblühmt Nichtlesen und Nichtlesenwollen heute als Motiv durchscheint in den Rezensionen, überrascht mich. Es hatte ind em unsäglichen Band Kapfansage mal jemand behauptet, die Bücher bestimmter Lyrikverlage würden keine Leser finden und fortgesetzt: „Das poetologisches Beharren auf einer angeblich wertvollen
    Sperrigkeit von Sprachkunst wird von der Leserschaft zu Recht als verquer erkannt.“ Hier ist eine ähnliche Argumentationsfigur am Werk.
    Kein Wunder, dass Irritation der Rezensention tendenziell als Makel erscheint. Man möchte nicht beunruhigt werden nicht? Aus dem Gedicht lernen? Man weiß schon.
    Der Rezensentin reicht es nicht, was in dem Buch steht, aber wofür sollte es denn gereicht haben? Für den „erhofften Coup“? Erst einen Heiland ausrufen und dann klagen, wenn er nicht kommt?
    Sicher einseitig, was ich hier schreibe, aber wenn jemand denkt, eine so ein Buch wäre etwas einfach etwas, sein Bein dranzuhalten und zu pinkelen, mach ich das jetzt auch mal.
    Aber man darf auch froh sein: Dass die junge Welt Lyrikkritik bringt. Und dass die Rezensentin das Buch offenbar wenigstens gelesen hat. Mit etwas mehr Geist darin, hätte der Standpunkt eine Peter Geistsche Haltung ergeben können. (Wenn man gewusst hätte, dass die Rezensentin gern Falkner mag, hätte man vielleicht mehr falknerähnliche Text aufnehmen können …)

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  2. Was mich etwas verwirrt: warum bespricht Su Tiqqun eine Anthologie, zu der sie selbst beigetragen hat? Und warum nennt sie meinen lieben Nachbarn Hermann Ooster einen Antikommunisten? Der ist doch krass links! Oder sollte er mir die ganze Zeit etwas vorgemacht haben?

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  3. Hinweis an Junge Welt/Su Tiqqun: Falsch zitierter Text.
    Hier der korrekte Text:

    aus: JÄCKL. „nachbarvaternaziland“ (nicht „Fritz the Cat“)
    (…) im halben gespräch kotzt dein ganzes / scham ins seichte fahrwasser der / alltagsangst / die dich verbindet mit dem außen / jenem / so / genannten
    (…)

    … bitte macht daraus keine „kotzende Scham“, keine halbe, keine ganze, gar keine.. Was für ein Bild! Ich ruf gleich Seyfried an. Danke.
    Lilly Jäckl

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