Lyrik im Anthropozän

Die Anthologie „all dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän“ versammelt (…) nun aktuelle deutsche Dichterstimmen, einschließlich einer Reihe überraschender Vorgriffe aus der Literaturgeschichte. „Hölzern wirkt der Astronaut/ wenn er aus dem Walde schaut“, schrieb etwa Friederike Mayröcker bereits 1968.

Elf Kapitel ordnen die heterogene Stoffmasse locker unter Begriffe wie „Wildnis Polis Wüste“ oder „vom Aussterben“. Drei einführende Essays ermutigen dazu, selbst Verbindungslinien zu entdecken. Allmählich wird so das „Anthropozän“ als gemeinsame Atmosphäre zahlreicher Themen in unterschiedlichen Wissensbereichen sprachlich erfahrbar.

Der prominenteste Vorkämpfer des Projekts, das hinter dem Anthropozän-Begriff steht, ist der französische Soziologe Bruno Latour. Er schreibt: „In der Epoche des Anthropozäns zu leben bedeutet, dass alle Lebewesen gleichermaßen Anteil an einem sich verändernden Schicksal haben.“ Es gelte, zu einem Begriff von nicht-menschlichen Handlungsträgern zu gelangen, um der anthropozentrischen Ausbeutung der Natur den Nährboden zu entziehen. Hier kommt die Lyrik ins Spiel. Anders als ein Roman muss sie nicht vom Subjekt einer Erzählstimme ausgehen, dem die Natur meist als etwas Äußeres und zu Veräußerndes erscheint. Stattdessen wirft schon das erste Gedicht des Bands – „Die Urwälder Europas“ von Asmus Trautsch – einen schwindelerregenden Blick in „fossile Formationen: die rötliche Plastik der Zeit“.

Da liegen versteinert im Querschnitt, wie Zeilen auf Papier, Menschen- und Naturgeschichte neben „noch weiter zurückliegenden Revolutionen“ und ihrem „Leichtwerden von über/ dreihundertmillionen Jahren in den Himmeln Berlins“. Dies alles in einem einzigen, kohleschweren Atemzug jenseits der chronologischen Zeit, in dem auch die ökologischen Handlungen und ihre zukünftigen Konsequenzen wieder in eine kalte Fusion eintreten.

(…) „Nimm keine Hacke,/ hier ist schon geschrieben“, beginnt Sudabeh Mohafez’ Gedicht „Folgelandschaft“. Die Brandzeichen in der Natur sprechen in diesem Band eine andere Sprache als die der gemütvollen Beseelung, die der romantischen Naturlyrik des 19. Jahrhunderts so teuer war, während zugleich die Kohleschwaden der Industrialisierung aufzogen. Die heutigen Dichter suchen dagegen vielfach statt einer „Sprache der Natur“ Sprachformen für die stumm gewordene Natur. (…) Der Band „all dies hier, Majestät, ist deins“, herausgegeben von Anja Bayer und Daniela Seel, entstand in Kooperation zwischen dem Deutschen Museum in München und dem kookbooks Verlag. Es ist ein poetischer Garten, der wild wuchert und beim Lesen viele Wurzeln schlägt. Er liefert das Fleisch für die Fossilienknochen des Anthropozän-Begriffs und koppelt ihn an die tägliche Lebenswelt zurück. / Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung 25.8.

Anja Bayer, Daniela Seel (Hrsg.): all dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän. Anthologie. kookbooks Verlag und Deutsches Museum München, Berlin 2016. 333 Seiten, 22,90 Euro.

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