Lyrikzeitung & Poetry News

20. November 2011

93. Poetische Begegung der Kulturen in Bonn

Renommierte Dichter zu Gast im “deutsch-arabischen lyrik-salon”

Vor mehr als 6 Jahren gründete der aus Syrien stammende deutschsprachige Dichter, Übersetzer, Herausgeber und Publizist Fouad El-Auwad den „deutsch-arabischen lyrik-salon“.  Zur illustren Gästeschar seiner bisherigen Festivals zählten u.a. Reiner Kunze, Raoul Schrott, Evelyn Schlag und Fuad Rifka. Nunmehr findet der „lyrik-salon“ zum vierten Mal statt. Zu Gast sind diesmal bei der poetischen Begegnung der Kulturen neben Fouad El-Auwad auf deutschsprachiger Seite Ulrike Draesner, Eva Förster, Ludwig Steinherr, Suleman Taufiq und Christoph Leisten. Auf arabischsprachiger Seite werden  Naim Talhouk (Libanon) , Maram Massri (Syrien), Hanane Aad (Libanon),  Aisha Bassry (Marokko), Rim Najmi ( Marokko) und  Sarjoun Karam (Libanon) zu hören sein. Zum „4. lyrik-salon“ erscheint unter dem Titel „dOrt“ eine von Fuad El-Auwad herausgegebene deutsch-arabische Lyrik-Anthologie beim Shaker Verlag. Die zweisprachige Lesung aller Gedichte wird musikalisch begleitet durch den Oud-Virtuosen Raed Khoshaba. Sie findet statt am Samstag, dem 26. November 2011, 19 Uhr, im Festsaal der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn (Am Hof 1, 1. Obergeschoss). Der Eintritt beträgt 10,- Euro (ermäßigt 6,- Euro). – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de

3. September 2011

8. Falscher Zeitpunkt

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Ungeachtet der Proteste, die Äußerungen von Adonis zur Lage in Syrien in der arabischen Welt verursacht hatten, erhielt der 1930 in der Nähe der Küstenstadt Latakia geborene Dichter am vergangenen Sonntag den Frankfurter Goethe-Preis – einer von vielen arabischen Literaten, die mit dem demokratischen Aufbruch in ihrer Weltregion ausgezeichnet werden. Neben dem Goethe-Preis für Adonis ist im September der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis in Osnabrück für Tahar Ben Jelloun zu verzeichnen, im Oktober der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Boualem Sansal und im November der Hermann-Kesten-Preis für den ägyptischen Verleger Mohammed Hashim. Fehlt nur noch der Literaturnobelpreis. Auch dafür ist Adonis ein Kandidat.

Als Dichter und Vorreiter der literarischen Moderne in der arabischen Welt hätte er ihn zweifellos verdient – ist aber das Jahr 2011 der beste Zeitpunkt dafür? …

Der entscheidende Unterschied zwischen Adonis und den säkular und emanzipatorisch orientierten Kräften in Nordafrika ist nicht inhaltlicher Natur, sondern beruht auf einem irritierenden Timing. Adonis äußert seine Vorbehalte gegen die Protestierenden, während diese erschossen und eingeschüchtert werden, bevor sie ihre Ansichten überhaupt richtig äußern können. Und es mutet eigenartig an, die Verbesserung der Verhältnisse nicht mit der Abschaffung des ersten und offensichtlichsten Übels beginnen zu wollen, nämlich der Diktatur, sondern sie an Bedingungen zu knüpfen und den Unterdrückten zunächst einmal die rechte, und das heißt in diesem Fall die westlich-laizistische Gesinnung, vorschreiben zu wollen.

Diese herablassende Skepsis gegenüber den Revolutionen ist aber nicht nur die von Adonis und anderen abgehobenen, sich in Maximalforderungen gefallenden Intellektuellen, sondern sie ist auch in Europa weit verbreitet, ja sie bildete bis weit in den arabischen Frühling hinein die Grundlage der offiziellen westlichen Politik. / Stefan Weidner, Süddeutsche Zeitung 29.8.

14. August 2011

66. Amazigh-Poesie

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Der Dichter Mohamed Ajedad erhält den ersten Preis des regionalen Wettbewerbs der Amazigh-Poesie in Ifrane (Marokko). Der zweite Preis geht an El Houssine Aferiou und der dritte zu gleichen Teilen an Ali Abbouchi und Said Makaoui.

An dem Wettbewerb nahmen etwa 20 Amazigh-(Berber-)Dichter teil. / biladi.ma

26. Juli 2011

103. Tchicaya U Tam’si-Preis

Seit 1990 vergibt das Afro-arabische Kulturforum in Assilah (Marokko) in jedem zweiten Jahr einen nach den kongolesischen Dichter Tchicaya U Tam’si (1931 – 1988) benannten Literaturpreis.  In diesem Jahr erhielt ihn der marokkanische Autor und Übersetzer Mehdi Akhrif und die senegalesische Autorin Fama Diagne Sene.

Mehdi Akhrif veröffentlichte seit 1979 Lyrik und Prosa und übersetzte u.a. Fernando Pessoa. Fama Diagne Sene, Direktorin der zentralen Universitätsbibliothek in Bambey (Senegal) veröffentlichte Lyrik, Novellen, Kindergeschichten, Romane und Dramen. Sie erhielt 1997 den  Grand Prix du Sénégal pour les Lettres und 2003 den Prix de la Poésie in Genf.

Der Preis wurde bisher u.a. an Edward J. Maunick (Insel Mauritius), René Depestre (Haïti), Ahmed Abdel Mo’ti Higazi (Ägypten) und Niyi Osundare (Nigeria) vergeben. Die Jury wird von dem senegalesischen Schriftsteller Alioune Badara Bey geleitet, der auch Präsident des senegalesischen Schriftstellerverbands ist. / El Watan 26.7.

18. Juni 2011

89. Friedenspreis für Ben Jelloun

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun wird mit dem  mit 25.000 Euro dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis ausgezeichnet. Das Werk des 1944 geborenen Autors stehe im Zeichen der Toleranz und der Integration. Sein jüngster Band “Arabischer Frühling” beschäftige sich mit den Ursachen und Folgen der Demokratiebewegung, sagte am Mittwoch der Vorsitzende der Jury, der Osnabrücker Universitätspräsident Prof. Claus Rollinger.

Damit geht – als Signal an die Demokratiebewegungen in Nordafrika – erneut ein wichtiger Preis an einen nordafrikanischen Autor. Erst vor wenigen Tagen hatte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekanntgegeben, dass der algerische Autor Boualem Sansai mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. “Beide Jurys haben anscheinend das gleiche Bedürfnis gehabt”, sagte Rollinger. / Der Standard

10. Mai 2011

39. Brauchen sie nicht

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Die arabische Jugend wendet sich nicht nur gegen verknöcherte, autoritäre Regime. Mittlerweile geraten auch Intellektuelle in die Kritik, denen Duckmäuserei oder sogar Anbiederung bei den Machthabern vorgeworfen wird.

… Auch der berühmte syrisch-libanesische Dichter Adonis bleibt von Kritik nicht verschont. Kurz nach der enttäuschenden Rede des syrischen Präsidenten Bachar al-Asad Ende März erschien in der überregionalen arabischen Zeitung «Al-Hayat» seine Kolumne. Darin beschreibt Adonis zwar das Herrschaftssystem in Syrien, ohne aber die eigene Position gegenüber dem Regime klar zu formulieren. Im Internet kursieren auf sogenannten «schwarzen Listen» oder «Listen der Schande» die Namen von Dichtern, Journalisten und Wissenschaftern, die Gelder von arabischen Herrschern erhalten haben sollen. …

Der marokkanische Literaturwissenschafter Abdalsamad al-Kabbas schreibt in einem Artikel für die arabische Website Alawan, dass für die jungen Revolutionäre die Dinge klar seien: «Sie brauchen die etablierten Intellektuellen nicht, um sich zu orientieren – weder die Regimetreuen noch die Oppositionellen.» Ebenso wenig brauchten die Revolutionäre noch lange Reden von Parteivorsitzenden, egal welcher Richtung, Verse avantgardistischer Dichter oder die Songs engagierter Liedermacher. Das gilt für Tunesien, Ägypten, aber auch für die «Bewegung des 20. Februar» in Marokko.
/ Mona Naggar, NZZ

36. “Weil die Despoten die Dichter verachten”

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Die arabischen Despoten hätten auf ihre Dichter hören sollen. Dann hätten sie wissen können, dass die Liebe ihrer Völker pure Heuchelei ist, Selbstbetrug bestenfalls. Aber die Mächtigen des Maghreb und die Alleinherrscher in Ägypten und anderswo haben all die Bücher, die davon kündeten, wo die kalte Wut wohnt, allenfalls von ihren Zensoren lesen lassen. Weil die Despoten die Dichter verachten, so wie sie auch ihr Volk gering schätzen, waren sie nicht gewarnt. Für Tahar Ben Jelloun erzählen die aktuellen Aufstände daher vom ‘Wiedererlangen der arabischen Würde’. / CHRISTIANE SCHLÖTZER, Süddeutsche 18.4.

TAHAR BEN JELLOUN: Arabischer Frühling. Vom Wiedererlangen der arabischen Würde. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Berlin Verlag, Berlin 2011. 128 Seiten, 10 Euro.

7. Mai 2011

26. Poesiefestival in Agadir

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Marokkanische und ausländische Dichter treffen in Agadir zum Poesiefestival Founoun zusammen. Die zum drittenmal stattfindende Veranstaltung will die marokkanische Dichtung in aller sprachlichen Vielfalt pflegen und Anregungen zu ihrer Erforschung geben.

Auf dem Festival kann man der ganzen Vielfalt marokkanischer Poesie begegnen, auf Arabisch ([Hoch-]Literatur, Zaǧal [eine aus Andalusien stammende arabisch-spanische Gedichtform in dialektaler Umgangssprache] und Hassania), Amazigh (Berbersprachen: Tarifit, Tamazight, Tachelhit), Französisch, Spanisch und Jüdisch-Marokkanisch. / Afrique Hebdo

28. März 2011

139. Meine Anthologie 72: Wafa´ al-Amrani, Der achte Tag (Auszüge)

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Der achte Tag (Auszüge)

“Er sagte zu mir: Der Todestag ist der Hochzeitstag und der Tag des Alleinseins ist der Tag der Geselligkeit.

An-Niffari*

1 Wurzel
Ich bin aus dem Gefühl geboren. Das ist nicht wie die Liebe
nicht wie der Haß, sondern ähnelt sehr dem Hochmut.
Sie wollten mich nicht, doch ich kam, kam dennoch hervor als ich es wollte.
Schon vor allem Anfang war ich eine Rebellin.
Ich brachte zum Ausdruck, daß ich und das Zeitalter am Rand der Fremde zweierlei Dinge sind
daß ich und die Zeit stets zweierlei sind.

2 Schöpfung
In innerer Betrachtung
beginn’ ich mit meiner Schöpfung.
Ich lege mich in etwas noch Engeres als ein Nadelöhr.
In meinen Innersten kleide ich mich in ein Drängen.
Der Wind aus der Senke
ist weder maghrebinisch noch syrisch.
So gehe ich fort
ohne daß mich das Fortgehen wegschleppt
auch ohne daß mir die Durchquerung entgeht
oder daß mich die Ankunft verschüttet.

3 Körper
Wenn die Stimme des Körpers ausschweift
reift die Weiblichkeit der Weisheit
und deckt sich an manchen Stellen mit Blumen
zu Stellen, die träumen aus Scham
Dann sattele ich das Schreiten zur Begierde.

4 Liebe
Ich habe mein junges, freies Herz
an den höchsten Gipfel des Atlasgebirges gehängt
weil die stinkenden Hyänen
sich bergab zu bewegen pflegen.
Die Höhe verursacht ihnen gewöhnlich
Schwindel und Übelkeit.

Mein Herz ist eine duftverminte Blume
doch der Pflückende ist ein chronischer Schnupfen.

[...]

7 Eintönigkeit
Gäbe es doch einen Sinn
gäbe es doch eine Farbe
gäbe es doch einen Tag außer der Post am Montag
der Eisenbahn am Dienstag
dem Wäschewaschen am Mittwoch
der Versammlung am Donnerstag
dem Ekel vor dem Freitag
der Einsamkeit des Samstags
der Last des Sonntags!

Oh, der Sonntagmittag!
Gäbe es doch ein Gesicht anstelle eines Gesichts
gäbe es doch eine Nummer anstelle einer Nummer
gäbe es doch ein Alter anstelle dieses Alters
gäbe es doch eine Zeit anstelle dieser Zeit
gäbe es doch eine Sonne anstelle der Sonne
gäbe es doch eine Erde anstelle der Erde
gäbe es doch tatsächlich Luft wie die Luft…

Was um mich herum ist, ödet mich an,
manches von mir, ich selbst und ich ganz.
Es ödet mich an, die Muse der Dichter zu sein
es ödet die Erde mich an, die mich nicht an die Zügel
zu nehmen vermag, und auch der Himmel.
Es ödet mich mein Kollege an, der übel über mich redet
die Straße, die mir lästig ist, und mein Bruder, der mich ausfragt, doch nicht über mich.
Es öden mich an meine Wohnung und meine Zeit.
Es öden mich an die Langeweile und ich selbst.
Ich leugne all diese Zustände ab. Auch das Ableugnen ödet mich an.
Gäbe es doch einen Tag
gäbe es doch eine Farbe
gäbe es doch einen Sinn

*) mittelalterlicher arabischer Mystiker

Aus dem Arabischen von Suleman Taufiq

Aus: Khalid al-Maaly (Hrsg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Verlag Das Arabische Buch 2000, S. 448-451

Wafa’ al-Amrani (Marokko) wurde 1960 geboren

24. Dezember 2010

91. Meine Anthologie 66: Mubarak Wassat, Das Morgengrauen bricht an

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Das Morgengrauen bricht an 

Endlich bricht verwundet das Morgengrauen an, nachdem es seine Flügel aus den Ketten des Mythos befreit hat. In dieser Zeit fließt tiefrot die Freude aus unseren Nasen, die uns nicht mehr erkennen.
Wir sind nicht die einzigen Ratlosen!

 

Aus: Khalid Al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Das arabische Buch 2000, S. 373.
Mubarak Wassat wurde 1954 in Marokko geboren. Er arbeitet als Lehrer und Übersetzer (u.a. Mallarmé und Breton).

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