96. Kunst und Fest

Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise. (…)

Die Kunst und das Fest treffen sich also im Akt der Verschwendung. Wie es keine organisierte Gesellschaft gibt ohne Fest, gibt es auch keine organisierte Gesellschaft ohne Kunst. Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt. Wer das Fest erforscht, stößt auf Dinge, die auch für die Kunst gelten und umgekehrt. Daher kann man vom einen auf das andere schließen. Sigmund Freud hat das Fest bestimmt als die zeitweise Aufhebung des Verbotenen. Was sonst nicht gestattet ist, darf jetzt sein – in zeitlichen Grenzen, die oft auf die Sekunde genau gesetzt sind und streng überwacht werden. Wenn das stimmt, dann muss auch die Kunst an dieser Dynamik von Verbot und Willkür ihren Anteil haben. Gerade die zwielichtige Weise, in der die Kunst die Welt erleuchtet, erscheint dabei als ein unabdingbares Element. Das sieht man am deutlichsten an der Verschwendung. Insofern als die Kunst Verschwendung ist, hebt sie die Gebote der Askese auf, sei es im bürgerlichen oder im religiösen Sinn. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Künstler die Regeln der Ökonomie oft maßlos missachten und gegen den obersten Grundsatz der wirtschaftlichen Vernunft verstoßen, wonach der Wert eines Produkts von der dafür aufgewendeten Arbeitszeit abhängt. Da schreibt einer zwei Jahre an einem Roman, dann verbrennt er das Manuskript, beginnt von vorn, verbrennt es wieder und schreibt schließlich etwas ganz anderes. Drei Jahre Arbeitszeit sind verschleudert. Ein anderer bringt überhaupt nie einen Roman zu Ende; er hinterlässt nur drei Bruchstücke, das eine heißt „Der Process“, das zweite „Das Schloss“, das dritte „Der Verschollene“, und überdies befiehlt er, dass sie nach seinem Tod vernichtet werden müssen. Welche Verschwendung von Lebenszeit! Doch das Gebot wird missachtet, und die drei Zeugnisse des Scheiterns zählen plötzlich zu den vollkommensten Kunstwerken ihres Jahrhunderts. Auch diese Normverstöße hängen zusammen mit dem Festcharakter der Kunst, nicht weniger als die Tatsache, dass in allen Diktaturen die Künstler, die ihren eigenen Weg verfolgen, grundsätzlich verdächtig sind.

/ Peter von Matt, aus der Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2012, Oe1

2 Comments on “96. Kunst und Fest

  1. Kunst, das „Fest“ des Menschen, „ein Ereignis der Freiheit“ und damit das, was Menschen zu Menschen erst macht, d.h. sie der Barbarei entreißt. Damit ist Kunst „Hoffnung“, die stets zuletzt stirbt. Dank an Peter von Matt für diese tolle Rede. Und Dank an Michael Gratz, sie hier erneut öffentlich gemacht zu haben.

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