Getagged: Friederike Mayröcker
121. Peter-Huchel-Preis.de
Es war eine Großtat für die Lyrik, die in Deutschland seit je an den Rändern des Literaturbetriebs angesiedelt ist. Der Huchel-Preis wurde schnell zur Institution – und die Zuerkennung so etwas wie ein Ritterschlag für die Angehörigen dieser Zunft; der eigentlichen Königsdisziplin unter den literarischen Genres. Die siebenköpfige Jury, deren Aufgabe es ist, den – so hat es die Satzung festgelegt – besten Lyrikband des Jahres zu küren, galt und gilt als hoch mögendes Gremium, in dem auf höchstem Niveau über dichterische Texte und ihre Poetologie verhandelt wird.
Die Liste der Preisträger liest sich wie ein Who is Who der deutschsprachigen Lyrik: Fast niemand von Rang unter den zeitgenössischen Dichtern zwischen Flensburg und Südtirol fehlt. Die wenigsten unter den Preisträgern sind danach in Vergessenheit geraten: Große Namen wie Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Adolf Endler, Wolfgang Hilbig und der zu früh gestorbene unvergessene Thomas Kling werden begleitet von Entdeckungen wie Uljana Wolf – die es als bisher einzige geschafft hat, für ihren Debütband ausgezeichnet zu werden – oder Nora Bossong. Dass in den vergangenen Jahren Lyriker der jungen bis mittleren Generation viele Preisträger stellten, kann als Indiz dafür gelten, dass die Lyrik seit einem guten Jahrzehnt einen kaum geahnten Aufschwung genommen hat.
Selten gab es so viele vielversprechende Talente wie in diesen Tagen – und deshalb kommt der Beitrag des SWR zum 30-jährigen Bestehen des Huchel-Preises im richtigen Augenblick. Keine Festschrift, wie sie Wolfgang Heidenreich zu 20 Jahren Huchel-Preis herausgebracht hat, sondern ein Internet-Auftritt: das SWR-Archiv der Preisträgergedichte, der Lob- und der Dankreden wird online präsentiert; ab dem 3. April, Geburtstag Huchels und Tag der Preisverleihung, ist es im Netz verfügbar. Gefördert mit Mitteln aus dem Innovationsfonds des Landes und begleitet von der Arbeitsstelle für die literarischen Gedenkstätten in Baden-Württemberg, zeichnet der neue Huchel-Jury-Vorsitzende und SWR-Redakteur Werner Witt für die Inhalte der neuen Homepage verantwortlich: Er hat die komplette Serie der bisher 29 Verleihungszeremonien akustisch verfügbar gemacht.
Das digitale Huchel-Archiv ist in dezentem Grün gehalten, übersichtlich und klar gestaltet. Man findet sich sofort zurecht – und braucht nur noch ins akustische Erleben einzusteigen: Bei Lyrik, die sich erst vollendet, wenn sie im Verlautbaren sinnlich wahrnehmbare Gestalt annimmt, ist das ein unschätzbarer Vorteil. Auch Reden wollen in der Regel lieber vernommen als gelesen werden. Und so trägt dieses sehr besondere Archiv ungemein zur Verlebendigung der zeitgenössischen Dichtung und zum Wachhalten ihres Gedächtnisses bei.
Immer schon wollte man Thomas Klings legendäre Performance (mit dem Schlagzeuger Frank Köllges) wieder hören oder den Klangzauberer Oswald Egger: Jetzt ist es möglich. Wie schön. Und das Portal soll sich in die Gegenwart hinein weiterentwickeln. Mag sein, dass es zur Plattform für die zeitgenössische Lyrik wird. Man wird sehen. / Bettina Schulte, Badische Zeitung
86. Elke Erb erhält Ernst-Jandl-Preis für Lyrik 2013
Die deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin Elke Erb wird dieses Jahr mit dem Ernst-Jandl-Preis für Lyrik ausgezeichnet. Wie Kulturministerin Claudia Schmied heute, Donnerstag, in einer Aussendung mitteilte, wird die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung der Autorin am 15. Juni im Rahmen der Ernst-Jandl-Lyriktage in Neuberg an der Mürz überreicht.
Für Schmied gehört Erb “seit geraumer Zeit zu den bedeutenden Stimmen der deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte fordern uns dazu auf, uns vorbehaltlos zu öffnen und uns auf ihre sensible, ästhetische, souveräne, oft mehrdeutige Sprache einzulassen.” Der Preis wird Erb für ihr lyrisches Gesamtwerk verliehen, mit dem sie “uns die unendliche Vielfalt von Welt und Sprache” vermittle, so die Ministerin weiter. Die Jury bezeichnete Erbs Lyrik als “ein Schreiben an der Welt entlang, ein offener Prozess, in dem die Formen der Wahrnehmung ebenso überprüft werden wie ihre sprachlichen Mittel”.
Elke Erb wurde 1938 in Scherbach (Eifel) geboren und studierte in Halle Germanistik, Slawistik, Geschichte und Pädagogik. Nach ihrem Lehrerexamen arbeitete sie beim Mitteldeutschen Verlag als Lektorin und ab 1966 als freiberufliche Autorin. Neben regelmäßigen Veröffentlichungen von Kurzprosa, Lyrik und prozessualen Texten machte sich Erb auch als Übersetzerin und Nachdichterin russischer Poesie einen Namen. Seit dem Mai des Vorjahres ist sie auch Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.
Der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik wurde nach dem Tod des Autors und Dichters im Jahr 2000 initiiert und wird seit 2001 im Zweijahresrhythmus vergeben. Die Auswahl trifft eine fünfköpfige Fachjury, der aktuell Paul Jandl, Alfred Kolleritsch, Friederike Mayröcker, Thomas Poiss und Klaus Reichert angehören. Vor zwei Jahren ging der Preis an Peter Waterhouse.
100. L-e-s-e-n
(…) und die luftige (lustige) paragrammatische Assoziation feiert fröhliche Urständ auch in der Lyrik nach 2000: In, beispielsweise, Mikael Vogels Massenhaft Tierelaufen mir nicht bloß Leeren und Lehren der Straßen übern Steg, und dermaßen durchdrungen lese ich, eyes wide as saucers, nein, kein Scherz (eher schon: Merz), auf dem buchstabenblutenden Beipackzettel von SalbuBronch: Zur Erheiterung der Bronchien, und, suchstäblich gleichsam, antithetisch · brachylogisch ∙ chiasmisch ∙ dysphemismisch ∙ elliptisch ∙ floskelhaft ∙ geminationisch · hyperbolisch · ironisch · katachretisch · lautmalerisch ∙ metaphorisch ∙ neologisch ∙ oxymoronisch ∙ paronomatisch ∙ quirilierend ∙ repetitorisch ∙ synästhetisch ∙ teodadaistisch ∙ untertreibend ∙ vulgär · wortspielerisch · xylophonisch ∙ yiddisch ∙ zynisch geht es zu in den alltäglichen Alphabeten von Fabrikanten, Feinden, Fremden, Freunden, Verwandten, Versverfassern,der schatten des dichters schreibt die sonnenzeit (Claus Bremer), daß mir, ja, in der Tat, Hören und jetzt / jetzt jetzt jetzt (beim Lesen von Helmut HeißenbüttelsTopographien) auch Sehen vergehen, beispielsweise so bei Oskar Pastior: flunder plunder zander schinder – ›usw.‹
An einem Tag im Mai des Jahres 2012 lese ich in einer E-Mail von Axel Kutsch Gotthold Ephraim Lessings Begehr Wir wollen fleißiger gelesen sein. An diesem heftigen Verlangen hat sich wahrscheinlich wenig bloß geändert seit jener ›guten alten Zeit‹ (die sicherlich alles andre, bloß das nicht war, nicht wahr?). In Massen werden Bücher gedruckt, in Horden Autoren in den Himmel gehoben, aber werden sie auch gelesen? (Muß man sie alle lesen, und wollen sie alle gelesen sein?) »Ja, das weiß man nicht«, seufzt Kraus – vielsagend wie eh und je. Mich mit dieser sibyllinischen Bemerkung keinesfalls abfinden wollend, blättre ich ein bißchen in Büchern und werde schnell fündig – bei Friederike Mayröcker, die ich immer lesen will: Ich möchte einfach, daß Leute meine Bücher l-e-s-e-n. – Und zwar Leser, die etwas mit meinen Texten machen, die mich in irgendeiner Weise kennenlernen und damit wahrscheinlich auch sich selber besser kennenlernen. / Theo Breuer, KuNo
101. Debatten
In einem thread versteckt läuft diese Diskussion (um Matthias Polityckis Proklamation der “Realpoesie”), die ich mal anonymisiert hier zitiere. Der “chat” hier gegeben as is d.h. eine Antwort steht nicht immer direkt unter dem letzten Kommentar. Vielleicht mag jemand weiterdiskutieren?
- “Lediglich wer behauptete, für sich selber (und niemand sonst) zu schreiben, war en vogue und auch gleich unter Genialitätsverdacht. Damit scheint es nun, zum Glück, erst einmal wieder vorbei.” tja, wer nicht damit leben kann, dass er seinen weg zum publikum aus eigener kraft gefunden hat, und anderen noch in die suppe spucken muss, weil er den genialitätspokal nicht auch noch dazu bekommt, sondern nur die verkaufszahlen, was ist der eigentlich? ein unerträglich eitler fatzke? ein schlechter gewinner?
Gefällt mir · 4 - nie verstanden habe ich, warum man, wenn man denn sein publikum doch nun erreicht hat, und man doch auch genau das wollte, noch auf denen herumtrampeln muss, die was anderes wollen.
Gefällt mir · 9 - es ist der ständige appell: du sollst wollen, was ich will, denn, was ich will, ist das einzig richtige, denn, es hat publikum. siehe, ich will das richtige, und du, du solipsistischer schreiber, du willst das falsche, du bist verderbt und schlecht und es reicht uns nicht, wenn deine verkaufszahlen mies sind und man dich nicht liest, wir wollen dich weg haben, du sollst uns nicht daran erinnern, dass man die dichtung auch aus ganz anderen gründen betreiben kann und sich in der tat nicht drum schert, ob es pläsiert.
Gefällt mir · 2 - Einen Appell sehe ich in dem Beitrag nicht, eher eine Bestandsaufnahme. Natürlich kann und soll jeder machen, was er will, was denn auch sonst? Worauf ich aber immer wieder stoße ist ein Widerspruch, der hierzu nicht passt: Nämlich dass auch all jene, die öffentlich dazu stehen, eben “etwas anderes” für ein winziges Publikum zu machen, sich spätestens beim zweiten Bier unter vier Augen darüber beklagen, dass sie keiner liest. Ja was denn nun?
- abgesehen vom argumentum ad verecundiam und der stelle mit der demut, die mich doch zum lachen brachte in anbetracht der feststellung, hier auch meinung, DAS GEDICHT sei aufgrund von selbst festgelegten kriterien die “führende lyrikzeitschrift”, etwas zum “manche ihrer Verse lernen sich von ganz alleine auswendig”:
erst vor kurzem las ich wieder einen auszug aus wiktor schklowskis “kunst als verfahren”, aus dem ich eine passage hier zitieren will, die ich überaus anregend finde. hier auf englisch.
“If we examine the general laws of perception, we see that as it becomes habitual, it also becomes automatic. So eventually all of our skills and experiences function unconsciously—automatically. If someone were to compare the sensation of holding a pen in his hand or speaking a foreign tongue for the very first time with the sensation of performing this same operation for the ten thousandth time, then he would no doubt agree with us. It is this process of automatization that explains the laws of our prose speech with its fragmentary phrases and half-articulated words.
The ideal expression of this process may be said to take place in algebra, where objects are replaced by symbols. In the rapid-fire flow of conversational speech, words are not fully articulated. The first sounds of names hardly enter our consciousness. In Language as Art, Pogodin tells of a boy who represented the sentence “Les montagnes de la Suisse sont belles” in the following sequence of initial letters: L, m, d, 1, S, s, b.
This abstractive character of thought suggests not only the method of algebra but also the choice of symbols (letters and, more precisely, initial letters). By means of this algebraic method of thinking, objects are grasped spatially, in the blink of an eye. We do not see them, we merely recognize them by their primary characteristics. The object passes before us, as if it were prepackaged. We know that it exists because of its position in space, but we see only its surface. Gradually, under the influence of this generalizing perception, the object fades away. This is as true of our perception of the object in action as of mere perception itself. It is precisely this perceptual character of the prose word that explains why it often reaches our ears in fragmentary form (see the article by L. P. Yakubinsky). This fact also accounts for much discord in mankind (and for all manner of slips of the tongue). In the process of algebrizing, of automatizing the object, the greatest economy of perceptual effort takes place. Objects are represented either by one single characteristic (for example, by number), or else by a formula that never even rises to the level of consciousness.”
und
“And so, in order to return sensation to our limbs, in order to make us feel objects, to make a stone feel stony, man has been given the tool of art. The purpose of art, then, is to lead us to a knowledge of a thing through the organ of sight instead of recognition. By “enstranging” objects and complicating form, the device of art makes perception long and “laborious.” The perceptual process in art has a purpose all its own and ought to be extended to the fullest. Art is a means of experiencing the process of creativity. The artifact itself is quite unimportant.”
ein wenig mehr davon hier
wollte man schklowski zustimmen, müsste man vermutlich feststellen, dass das, worauf realpoeten abzielen, keine poesie ist.
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- der widerspruch liegt woanders, nämlich in diesem ‘für’, literatur betreibt man ja nicht wie einen geschenkebasar, das mach ich für den zu weihnachten, und das für den zu ostern und damit beschenk ich mich nun selber. so zu denken finde ich völlig absurd, wenn ich mich an einen text mache, denn ich kann gar nicht ‘für’ irgendwen oder was schreiben, ich kann lediglich schreiben, was ich schreibe. und, sie beklagen sich nicht, dass man sie nicht liest, sie beklagen vielleicht, dass man sie nicht kauft, das ist was anderes, und völlig legitim. klar kann man auch weiterhin immer mit dem nachfrageargument seine werke heiligen, der artikel verrät aber wohl, dass es leider mit dem ‘heiligen’ nicht so gut klappt, denn irgendwas scheint dran zu sein, dass es eine utopie des eigenen gibt, die auch ein politycki nicht auszurotten im stande ist.
- es pläsiert entweder von ganz alleine – da muss man sich nicht scheren drum. Oder!
- und ganz ehrlich: mir wyrden verkaufszahlen vollauf genygen. aber ohne einen roche dafyr schreim zu myssen. lieber harry potter und danach – was sind wir knaben nicht glatt und fein was sollen wir länger schuster sein….
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- haha – den zwegat machen – raus aus den miesen …. das genie kann sich jeder meinzwegen sonstwohin stopfn…. grad styrmt der sturm und die uys halten die pappe auf der hytte fest. ….. schulfrei sonstwasfrei….
- Habe den Text auch mit Unbehagen gelesen, weil Politicky es sich mit diesem dualen hier Avantgarde da Verständlichkeit zu einfach macht, als ob das etwas über ein Gedicht aussagte, ob es dies oder das sei, es WILL vermutlich gar nicht dies oder das sein… Und im übrigen: “führende Literaturzeitschrift im deutschsprachigen Raum”- auch da wieder dieser superlativische und mir immer irgendwie hochnäsig erscheinende Ich-sag-euch-jetzt-mal-wer-der-beste-ist-Ton – das ist eine eher antipoetische Haltung für mich, sorry, Herr Politicky
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Gefällt mir · 1 - Wo zum … ist das erschienen? Wer druckt sowas?
- ich lasse mir nichts vormachen, das ist in wirklichkeit von helmut markwort geschrieben.
- warum sollte man nicht “fyrs publikum” schreiben? den trauernden zur freude? den jubelnden zu noch mehr freude? verschenktexte? einen schönen kalender mit einem schönen spruch fyr jeden schönen tag, der einem was gibt wie dankbare leser bemerken?
- haha – markwort – ja gibts den auch noch?????
- das war doch der von hörzu????? fryhkindliche traumata ….
- ok, dann nehme ich den ruhm und die untserblichkeit!
also ehrlich: alles was bisher in markt- und/oder mehrheits – weil gewinnkonforme kriterien zur qualitätsbestimmung überführt wurde, ist doch mittlerweile in die hose gegangen und so wird auch das gedicht irgendwann nicht mehr mit triple A nach hause gehen, wenn es dem düsteren lesermop nur immer hinwirft, was geschmeckt. ohne das was hier endlich ein ende zu finden hat, wüsste leser doch gar nicht wofür er mal wieder mit so verständlichen gedichten belohnt wird.
- ich empfehle folgendes produkt:
Der Lebensfreude-Kalender 2013
Der Lebensfreude-Kalender 2009
- es ist der kampf um den kanon, weil wir alle wissen, menschen sind davon beeinflusst, was andere wertschätzen, obs der eames sessel ist, die automarke, herrn purzel, oder coop himmelblau, und als literat mit ganz guten verkaufszahlen ahnt man vielleicht, man tanzt, wenn, nur einen sommer, und, das ist zu wenig, man will ja schließlich heute leben und nach dem tod aber auch noch gelesen werden, und, wäre ja gruselig, wenn man dann einfach wen wieder ausgraben würde, vielleicht dann auch gerade noch aus trotz wen völlig vergessenen…
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- echt….. wie hiess das: Tina, oder über die Unsterblichkeit…aschmidt
- ja frau s, das scheint so zu stimmen, auch wenn ich lieber die götter als lenker ohne portemonnaie für den kanon hätte. was soll das auch immer mit diesen quantitativen messungen!?
- der lebensfreudekalender erinnert mich an eine scene aus gondry s science of sleep, der erfolglose graphiker bietet seiner agentur einen flugzeugabsturzkalender an
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- das Ende sagt alles: man will an einem Prozess mitwirken, der “auf die endgültige Ablösung von der (lyrischen) Moderne hinausläuft” – Antimodernismus = Konservativismus, nicht vielfältige Lyrikszenerien, sondern eine (!) Mitte (Sedlmayr)! Das ist die Antwort auf die oben von S und anderen gestellte Frage, warum man das, was andere machen, bekämpft – aus Ideologie.
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- aber wovon motiviert kommt ein mensch zu solchen forderungen? kann der denn nicht auch auf beiden hochzeiten tanzen… der hat doch mit so einer versöhnlichen anekdote angefangen! ich frag mich, warum der so bissig ist.
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- …und dabei so traurig guckt.
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- eine lyrische “endlösung”, juchhei, na, da freuen wir uns doch mal gleich mit…
- g., ich glaube, da verwechseln sie was: mir zumindest ist niemand bekannt unter den dichter/innen, der/die sich darüber beklagt, zu wenig gelesen zu werden. wenn schon klagen, dann weil lyrik als kunstform allgemein so wenig beachtet und auch völlig falsch eingeschätzt wird – nämlich, so meine erfahrung, überhaupt nicht als zu akademisch und hermetisch, sondern als zu einfach, oder als zu sentimentales gewäsch. mein vater zb hat sich lange geweigert, lyrik zu lesen, weil er dachte, da gehts nur um beziehungszeugs und gefühlsausbrüche. oder es war ihm zu formloses alltagszeugs, eigentich stimmte er, ohne den zu kennen, völlig mit thomas klings meinung über die lyrik der achtziger überein. und das scheinen eigentlich viele leute der älteren generationen zu tun, unbewusst. leitner will seine leser klein halten, indem er ihnen “einfache” gedichte vorsetzt und ihnen sagt, schaut, das ist, was ihr verstehen könnt, ich habe das für euch in eurer sprache geschrieben. das finde ich einfach nur ekelhaft.
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- http://www.amazon.de/Zeit-zum-Leben-2013-Wunschgedichte-Kalender/dp/3880875758/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1350996455&sr=1-3
Zeit zum Leben 2013: Elli Michler – Wunschgedichte-Kalender
- http://www.youtube.com/watch?v=GUCrM5i_W3c
The Science of Sleep (trailer)
From the director of the Eternal Sunshine of the Spotless Mind. - sowas – in der Art?????
- Man merkt ja, wenn die Leser größer sind, vielleicht auch, dass man nicht mehr drüber schauen kann … die Leser MÜSSEN weniger verstehen, sonst wäre man ja nur einer unter ihnen … wenn jemand klagt, wie von W beschrieben werde ich auch misstrauisch. Vielleicht hat er die falschen Freunde, wenn er es nicht verwechselt wie oben beschrieben …
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- bundesverdienstkreuz am band, na, ob das bis in die ewigkeit reicht, wir wünschen es ihr.
- wie sagte frau mayröcker, ich weiß gar nicht, was er meint, ich verstehe jeden satz…
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- na, er guckt doch eher versöhnlich, nicht? solch eine ideologie kann eine abwehrhaltung sein gegen die intellektuelle, emotionale und auch existentielle zumutung, die ein großartiges gedicht darzustellen vermag. die fixierung komplexitätsreduzierender meinungen ist immer schon ein mittel gewesen, um sich (z.b. im so hermetisch-dschungeligen lyrikchaos) heimischer zu fühlen.
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- Wenn Tische Worte wären,
dann hätte der Hut
in der Hütte
Angst vor mir.Der Ofen trinkt Bier.
Dazwischen leben wir.
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- stop it
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- hier passt auch sehr schön: “Nichts am Gesagten war neu, der Text war bis in die letzte Formulierungseinzelheit hinein fertig durchstandardisiert und ohne jede inhaltliche Information, wurde aber so ausgetauscht, als würde mit ihm ein hochinteressantes Wissen, zugleich eine hochindividuelle Besonderheit des sich selbst damit darstellenden Sprechers mitgeteilt. Im Kern bestand diese Individualitätsmitteilung darin, dass nichts individuell Abweichendes von diesem Individuum her drohte, dass auch dieser Sprecher das von der Allgemeinheit Vorgeschriebene kannte und akzeptierte. Im richtigen Moment konnte die deprimierende Abgedroschenheit des auf dieser Art Dahergeredeten deshalb Wohlbefinden, ein Gefühl von Gefahrlosigkeit, Vertrautem und Vertrauen in gesellschaftliches Gehaltensein hervorrufen, im falschen Moment Abscheu, Ekel, Hass auf die Demenz der Normalität.” R. Goetz, Johann Holtrop
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- Jeder Tag
ist ein
Raum.Gedanken
sind
Möbel.Kühe
sind
Buchstaben.Zwar
ist das Quatsch,
aber
irgendwie
gut. - “Im Kern bestand diese Individualitätsmitteilung darin, dass nichts individuell Abweichendes von diesem Individuum her drohte, dass auch dieser Sprecher das von der Allgemeinheit Vorgeschriebene kannte und akzeptierte.” yes, indeed
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- Einfach schreiben, damit auch der Dümmste es versteht find ich persönlich genauso albern wie bewusst kompliziert zu schreiben, damit keiner es versteht. Nur für sich zu schreiben ist ok, mach ich auch hin und wieder. Warum man diese “nur für mich”-Texte dann veröffentlichen muss, erschließt sich mir nicht. Wenn man veröffentlichen will, sollte man beim Schreiben auch den Leser im Blick haben, denke ich. Zum Thema Beklagen: Ja, es wird beklagt, dass die Lyrik generell ein so kleines Publikum hat, viele beklagen auch, dass sie persönlich kein Publikum haben. Beides ist legitim, ersteres beklage ich auch ständig. Aber wenn man es beklagt, muss man auch zumindest versuchen, etwas dagegen zu tun. Leitner und Co tun das auf ihre Weise. Man muss deren Art nicht gut finden, aber eines haben sie den meisten Lyrikern voraus: Sie verstehen was von Marketing. Sie rümpfen nicht die Nase über Marktmechanismen, sondern machen sie sich erfolgreich zunutze. Es gibt sicher auch viele andere Arten, wie man das tun kann. Aber man muss es tun, denn ohne geht’s nicht, ohne wird die Lyrik klein bleiben, die Komplizierte wie die Verständliche. Und das muss nicht sein. Ich erlebe es andauernd, dass es möglich ist, Menschen, die vorher noch gar keine Berührung damit hatten, für Lyrik zu begeistern. Es geht, es ist machbar. Warum zieht man in der Lyrikszene nicht an einem Strang statt gegeneinander zu giften? Warum schließen sich nicht mal zehn kleine Verlage zusammen und organisieren eine große Messepräsentation? All das ist machbar, man muss es nur wollen…
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- Sie verhinderns doch gerade, indem sie den Leuten einreden, sie brauchten die sprachlichen Mittel nicht zu kennen und könnten doch das ganze haben. nein das ist nicht Popularoisierung, sondern Ersatz durch derivate, unabhängig davon, dass mal ein guter Text ihnen hineinrutschen mag.
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- Ich sagte gerade “man muss ihre Art ja nicht mögen, man kann’s auch anders machen”. Gut, dass es eine Diskussion gibt (wie so oft durch Leitner angestoßen). Aber diskutieren allein bringt’s nicht, jammern und nörgeln noch weniger. Selbst, anders, besser machen, das wäre mal was
- all das wird längst gemacht… und, kriegt man vielleicht mal aus den köpfen raus, dass irgendwer bewusst kompliziert schreibe, diese denke ist mir total fern.
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- Ja, es wird viel gemacht, aber kaum etwas Effektives, leider. An Effizienz und Wirkung macht Leitner von all jenen, die über ihn herziehen, keiner was vor. Und: es gibt diverse Lyriker, die bewusst kompliziert schreiben und das auch offen sagen. Ist ja auch kein Problem.
- naja ich halts für ineffektiv und sehe mein eigenes verlerisches Wirken als sinnvoller, mir fehlen natürlich aus ökonomishcen Gründen die Verstärker.
- sehr geehrter herr w, ich verfolge leitners tun kaum, und, dieser herr hat mir mal mit zu einem halben lustspielpreis verholfen, ich betreibe mein dichten nicht effizient, das ist wahr, und darum bin ich auf menschen angewiesen, die marketingstrategien dafür entwickeln, auch das ist klar, und, die gibt es ja, dennoch ist das beste marketing ein gutes produkt, das ist meine überzeugung, dass man sich trotzdem mit jeder menge anderem kram sein leben vollmüllt, geschenkt, ist erlaubt. darum gibts ja auch made in china, ich hab auch nix gegen trash, und, ach, egal, ein hoch auf anton g. und die erfindung des lyrikkalenders…
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- und, was das giften betrifft, man schaue mal, wer damit angefangen hat, und, was das klagen betrifft vielleicht auch… kookbooks klagt selten und macht einfach weiter…so what
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- ich erinnere mich dunkel, dass das dem herrn leitner so gar nicht passte…
- warum auch immer
- also – mir leuchtet die positive korrelation zwischen verkaufszahl und kwalliteit, die von herrn politicky im vorstehenden artikel hergestellt wird, nicht ein.
- Wenn ein gutes Produkt die beste Werbung wäre (schön wärs) würde der Buchmarkt anders aussehen. Und das was Sie sagten meine ich ja: Allein hat kaum einer in der Szene die Mittel, großes Marketing zu machen. Wenn sich einige Lyrikverlage mit ihren Autoren mal an einen runden Tisch setzen und in die Hände spucken würden sähe das schon ganz anders aus…
- iwo…. es gibt auch verkaufsschlager ohne marketing – siehe allert-wybranietz.
- doch, ein gutes produkt ist die beste werbung, nur keine, die gut funktioniert, das muss man aber den machern nicht vorwerfen, und wenn sie selbst sich nicht besser vermarkten können, ist das nicht ihr fehler.
- das ändert nichts an der qualität.
- Die sitzen schon und spukten in die Hände und nicht zu wenig und man sieht es auch, wenn man hinschaut. Es ist nur die Frage: will man ein gutes Produkt oder schaut man: Was kann man auf dem Markt platzieren und wählt danach das Produkt, dass dann eben auch Derivat sein kann … wenn die angestoßene Diskussion Deine Meinung G modifiziert und nicht bloß verfestigt hätte sie ja was gebracht … ansonsten sinds ja immer wieder dieselben Dinge die einen ärgert….
- Man kann sich auch wirklich alles schönreden…
- höre ich da einen Ansatz zur Selbstkritk?
- ja, ich kenne die Ansätze und Versuche. Groß gebracht haben sie bisher nichts. Also? Aufgeben?
- was daran jetzt schöngeredet sein soll, wenn man sich seine eigene unfähigkeit zur vermarktung eingesteht?
- Ich meinte eher die Haltung, die ich herauslese: Ich kann kein Marketing also ist’s auch egal und ich muss mich nicht weiter drum kümmern.
- ja, und? was ist daran schöngeredet? ich kann eben kein marketing, das macht es nicht besser, im gegenteil.
- Wenn ich von einem Buch begeistert bin, es mir Kraft, neue Einsichten oder neue Tools gibt … dann hat es was gebracht und wie nun andersherum: Wenn es einem Viertel der Leser eines Buches so geht dann sind es vielleicht mal schon hundert, denen man echt etwas fürs Leben gegeben hat. 8Und genau so bekomme ich von anderen Menschen anderen Schreibern regelmäßig etwas zurück) sabine behauptet das sie nichts mit Marketing am Hut hat. Gilt nicht für alle. Das ist zwar nicht mein Spezialgebiet, aber sonnabend beim Verlagsfest habe ich von allen Leipziger Verlagen am meisten Bücher verkauft und das mit einem Lyrikprogramm.
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- G – ehrlich: Mit Lyrikbänden gehts mir wie mit den Traktaten von Jehovas Zeugen – ich wills NICHT aufgeschwatzt kriegen. Wenn jetzt jemand kommt und mir sagt: das musste lesen – bin ich weg.
- B, auch ich freue mich über jeden einzelnen, den ich gewinnen kann und über jede Veranstaltung, bei der Bücher im zweistelligen Bereich weggehen. Aber sollte es nicht insgesamt mal das Ziel sein, dass die durchschnittliche Lyrikauflage vom drei in den vierstelligen Bereich wächst?
- M – ich freu mich darüber, denn sonst würden mir in der Masse der Veröffentlichungen viele gute Bücher entgehen.
- mir gehts mit vielem so. gutes marketing schwatzt eigentlich auch nicht auf, für mein empfinden, und leitner schwatzt aber ganz gern auf und politycki, und, funktioniert ja vielleicht auch. mit literatur und kunst geht es mir aber wie mit eigenen idiosynkrasien, die man schwerlich aus- oder eingeredet bekommen kann.
- naja kommt darauf an G. Sollte man nicht etwas den Leuten anbieten, was sie nur da bekommen? Bei anderen Sachen (Deine kenne ich zu schlecht) ist es ja so, dass das eine durch das andere ersetzbar ist. Also viele Leute, die sich nach “das Gedicht” zufrieden fühlen, die könnten auch ebensogut etwas anderes lesen und ich behaupte: tendenziell beseres, weil es nicht ihre Ideologie als kompetenter Leser streichelt und sie so zu Ignoranten erzieht.
- hah, dieses ziel hab ich erreicht, darf ich jetzt nicht mehr auf der seite der ignorierten stehen…
- Auf dem Dorf war ich der Einzige der Trakl las. Es war sehr wichtig. Die DDR Bonzen meinten, der sei entbehrlich … deswegen G hab ich eine Scheu gegen das Argument der reinen Zahl. Mehrheit legitimiert gar nichts, deswegen sind Verkaufszahlen nur fürs Überleben als bürgerliche Persönlichkeit wichtig und um Mittel an die Hand zu bekommen.
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- seltsamer weise hat man aber in der masse immer auch doch noch zu denen gefunden, die man nicht ständig wie sauerbier anpreist, man unterschätze auch nicht, dass menschen ganz gern auch selbst mal was entdecken, vielleicht nicht alle, aber doch auch einige, dass man sie entdecken kann, dazu müssen sie verkrichbar sein, sprich, irgendwo und irgendwie verlegt, ja, auch das ist wahr.
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- B, ja, grundsätzlich sicher richtig, das Problem aber ist nunmal leider, dass man erstmal dafür sorgen muss, dass die Menschen drauf aufmerksam werden. Das schafft Leitner – und ich bin sicher, das können auch andere schaffen.
- ich bin grundsaetzlich der Meinung, dass Verkaufserfolge besser sind als Foerderungen/Stipendien/Preise – ja, dann is doch aber auch gut! Verkauft und seid glycklich!
- Zu den Zahlen und Deinem DDR-Beispiel: Auch das ist richtig. Aber worum geht es denn hier? Leitner verkauft viel und bekommt viel Aufmerksamkeit. Das schmeckt einigen nicht, weil sie Leitners Arbeit eben kritisch betrachten und sich zugleich wünschen, dass die Lyrik insgesamt in ihrer Vielfalt mehr gekauft und gelesen wird. Und nur darum geht es mir ja auch: Zu fragen, wie sich das bewerkstelligen lässt. Ich denke: Das geht nur gemeinsam und gezielt.
- Muss mich jetzt hier mal ausklinken – die Arbeit ruft.
- was mir nicht schmeckt, ist diese kampfhaltung gegen die moderne, die leitner et al vertreten. da steh ich plötzlich wie selbstverständlich auf der seite czernins, sozusagen.
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- und was heißt unverständlich, was akademisch? sind meine gedichte unverständlich, kompliziert???
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- und was mich ein wenig nervt: dass diese diskussion auf meinem stream läuft anstatt auf der lyrikzeitung, wo sie jedenfalls ein bisschen öffentlichkeit hätte. was wichtig wäre.
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- “leitner [...] sagt, schaut, das ist, was ihr verstehen könnt, ich habe das für euch in eurer sprache geschrieben.”
–> Anton G. Luther !
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- im grunde sagt leitner, schaut, das ist das, womit ich mich noch befassen mag, alles andere interessiert doch eh nicht, mich nicht, euch nicht und alle anderen nicht. klarer fall von falscher konsens effekt würde ich behaupten…
92. Das Gedicht 20 oder Der Dom war nicht weit
Wer hätte das gedacht?
Nach Angaben des Börsenverein des Deutschen Buchhandels macht die Lyrik nur einen verschwindet geringen Anteil an den Umsätzen des Buchhandels aus. Rund ein Drittel des geschätzten Gesamtumsatzes der Branche von rund 9,6 Milliarden Euro im Jahr 2011 machte Belletristik aus. Der Lyrik-Anteil an der Belletristik betrug nur 1,2 Prozent – Tendenz in den vergangenen Jahren fallend. „Viele nehmen sich ja heute kaum noch Zeit für die reine Lektüre“, sagt der Vorsitzende der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Ralph Grüneberger. / Literatur: 20 Jahre Literaturzeitschrift „Das Gedicht“ – weiter lesen auf FOCUS Online
Das zu einer Meldung zum 20. Jubiläum der Zeitschrift “Das Gedicht”, die durch einen “Skandal”, wie die Medien immer wieder berichten (einen von der Sorte, bei der nord- oder ostdeutsch Sozialisierte fragend die Stirn runzeln, “im wahrsten Sinne des Wortes handfest” halt) die Auflage steigerte:
Im Jahr 2000 sorgte der Dichter Anton G. Leitner mit seiner Literaturzeitschrift „Das Gedicht“ für einen im wahrsten Sinne des Wortes handfesten Skandal.
Unter der Überschrift „Geile Gedichte – Vom Minnesang zum Cybersex“ und mit unsittlich geballter Faust auf dem Titelbild hatte er erotische Gedichte renommierter Autoren wie Ulla Hahn und Friederike Mayröcker auf den Markt gebracht. „Die kamen päckchenweise zurück“, erinnert er sich heute – teils waren erboste Nachrichten dabei. Eine Mainzer Buchhandlung verweigerte damals zum Beispiel die Annahme, weil der „Dom nicht weit“ war.
Doch was ein wirtschaftlicher Totalschaden zu werden drohte, entpuppte sich als außerordentlicher Glücksfall. Weil die Medien auf ihn aufmerksam wurden, die „Bild“-Zeitung auf einer Doppelseite über seine „geilen Gedichte“ berichtete und in der damals höchst populären RTL-Show „Sieben Tage, sieben Köpfe“ ein Witz über die Abkürzung seines mittleren Namens – G. – fiel, schoss die Auflage für „Das Gedicht“ in die Höhe – und auf 10 000 Stück. „Wir kamen gar nicht hinterher mit dem Nachdrucken“, erinnert sich Leitner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.
80. Ich verstehe jeden Satz
Tobias Haberl sprach mit Friederike Mayröcker, Süddeutsche Zeitung Magazin:
Sie werden im Dezember 88 Jahre alt. Fällt Ihnen das Leben schwerer als noch vor zehn Jahren?
Ja, mit 77 war ich noch ziemlich frisch. Im Moment habe ich eine Arthrose an den Füßen. Ich kann nicht mehr rasch gehen. Dicke Bücher schaffe ich auch nicht mehr. Ich bin langsam geworden. Gott sei Dank nicht beim Denken und Schreiben. Ich arbeite jeden Morgen, bis ich spüre, dass ich aufhören muss, weil der Blutdruck auf 200 ist.
»Körperruine«, »Monster im Spiegel« – kommt alles in Ihren Texten vor. So nehme ich mich nun mal wahr und es gefällt mir nicht. Trotzdem bin ich nur äußerlich das alte Weib, das durch die Straßen humpelt, innerlich bin ich immer noch das 17-jährige Mädchen, das in Deinzendorf barfuß über die Wiese läuft. Ich glaube, ich habe eine Kinderseele. Kann man das so sagen?
(…)
Aber Sie zählen zu den ganz großen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, 2004 wurden Sie als Favoritin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt.
Aber meine Bücher hatten immer kleine Auflagen. Ein paar Tausend pro Buch vielleicht. Genau weiß ich es nicht. Die großen Herren bei Suhrkamp nehmen mich nicht so wahr, der Enzensberger kennt mich, glaube ich, gar nicht. Und gelebt habe ich vor allem von den Preisgeldern. Ich habe viele Preise bekommen.
Ist es nicht kränkend, wenn man als hochgelobte Schriftstellerin seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Schreiben bestreiten kann?
Ich habe es immer hingenommen. Viele andere Autoren können vom Schreiben leben, auch mittelmäßige. Die Leute sagen, mein Werk sei schwierig, ich frage mich, was sie meinen, ich verstehe jeden Satz.
88. Hans Bender
Während des gut halbstündigen Gesprächs erzählt Bender, wie er 1968 mit Friederike Mayröcker und Ernst Jandl im Kölner Café Reichert sitzt und durchs Fenster Paul Celan vorbeihetzen sieht, der ihm im Brief vom 18. Mai 1960 schreibt: Nur wahre Hände schreiben wahre Gedichte. Ich sehe keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Händedruck und Gedicht. Benders Arbeit als Akzente-Herausgeber kommt zur Sprache. 1965 bringt er, beispielsweise, erstmals Gedichte von Friederike Mayröcker… / Theo Breuer schreibt über Hans Bender, KuNo
19. Himmelswortkunst
Über den Dichter Peter Waterhouse – anlässlich der Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises für Literatur:
Seit seinen literarischen Anfängen, seit mehr als 30 Jahren, beschäftigt sich der 1956 in Berlin geborene, zweisprachig aufgewachsene Peter Waterhouse mit Sprache. Der Name der Sprache, Konstruktives Verfahren und süße Bestimmung,Gemeinschaft der Sätze, Ins Innere hinaus, so waren Poeme in passim tituliert. Und schon damals hieß eines Wiener Zeitstillstand und ein anderes Spaziergang als Himmelskunst. Die schwebende Himmelswortkunst des Peter Waterhouse hält bis heute an.
(…)
Waterhouse, “diesem von Inspiration und Präzisionskunstheimgesuchten Himmelskind der Poesie” (Friederike Mayröcker), gelang das Kunststück, sich in den letzten Jahren mit Preisen ehren zu lassen, die nach unterschiedlichen, fast konträren Autorinnen und Autoren benannt sind, Christine Lavant und Heimito von Doderer, Nicolas Born und H. C. Artmann. Waterhouse über das Leben, also das Schreiben, in dem er auch deren Positionen, vom Tragischen bis zum Kalauer, kombinatorisch zusammenführt: “Dichtung macht wahrscheinlich fortwährend, dass sie den Anfangszeitpunkt festhält und den nicht vergehen lässt. Das kann man aber auch noch als Antwort auf die Frage nach Erkenntnis ansehen. Das Festhalten des Anfangs, das fortwährende Festhalten des Anfangs ist eine Form der Erkenntnis.” / Alexander Kluy, Der Standard 28.7.
80. M-Z (Theo Breuer über Friederike Mayröcker)
… Memoiren, Menschen, Metamorphosen, Mnemosyne, Monologen (und hätte ich dieses mein Schreiben nicht), Morphemen, Musik (also aus allem beziehe ich meine Sprache, Material aus verschiedenen Quellen, Bild, Gespräche, Musik, überhaupt die Musik, überhaupt habe ich der Musik immer unrecht getan, sie immer ins Unrecht gesetzt oder wie soll ich sagen, vermutlich habe ich die Musik immer nur für meine literarischen Vorhaben ausgebeutet, mein Verhältnis zur Musik st immer parasitär gewesen, überhaupt mein Verhältnis zur Welt, zu den Menschen, also die wankendsten Fundamente einer Gedankenwelt .. mit vielen Federn und Federkielen und wie es mich in halluzinatorische Stimmungen versetzt hat ..)· überschwemmt von Namen, Noten und Notizen · überschwemmt von Okeanos, Orakeln, Originalen, Orten · überschwemmt von Phantasie-Passagen, Pflanzen (die im leichten Wind schwankenden Dolden des Schierlings), Positionen · überschwemmt von Quastenlärm, Quellen, Quintessenzen (»Quer durch den Schlaf / die Buchstabenspur / einer Sprache die / du nicht verstehst« · W. G. Sebald) · überschwemmt von Räumen, Reden, Reisen, (was werde ich mir dorthin alles mitnehmen wenn es ans Ende geht), Reflexen, Reflexionen · überschwemmt von Sätzen, Silben, Sounds, »Spiralen« (Derrida), »spitzennoten ausm äther« (Susanne Eules), Splittern, Stachelhalmwäldern, Steinen (betrachtete die während des Spazierengehens aufgelesenen Steine in meiner Hand), Stimmungen · überschwemmt von Tätowierungen, Täuschungen, Tautropfen, Toden (Am 2. Februar 2012 schneit die Nachricht vom Tod Wisława Szymborskas – »Mir ist die Lächerlichkeit, Gedichte zu schreiben, lieber / als die Lächerlichkeit, keine zu schreiben« – ins Haus, draußen Temperaturen um minus 13°C, hier unten vereisen die Scheiben. Wenn ich über den Tod schreibe, ist das eine positive Beschäftigung. Ich kann mich dann mit der Sprache gegen ihn sträuben. Es ist eine Metamorphose der Angst vor dem Tod. Aber nur für die Zeit, in der ich schreibe. Die Angst kommt immer wieder), Tohuwabohu, Topographien, Tränen, Träumen· überschwemmt von Umlauten und Urlauten (»Wir baun die Welt aus den Unendlichkeiten« · Jakob van Hoddis) · überschwemmt von Vergiszmeinnicht (sehr viele Wörter kommen mir abhanden), Vermutungen, Verzweigungen,Vögelchen (ihr Gesang tröstet mich / diese rasende Poesie, etwas zwitschert beim Tippen), Verben (»Zukunft, / merk dir’s, / gibt es manchmal / nur in den Verben« · Matthias Göritz), Verwunderungen, Verzweiflungen, Vokabeln, Vokalen, Vorspiegelungen, »irrsinnigen Vorstellungen« (Marcel Beyer) · überschwemmt von Wahrnehmungen, warmen Wörtern (»nach welchem wort geht die welt zu ende«, fragt Wolfgang Hilbig), »Wasserschrift / Welle um Welle« (Marie T. Martin), Wiederholungen bestimmter Wörter, Wirbeln, Wolken (»die Wolken hetzen« · Ingrid Fichtner), Wortschätzen (»wortlos ins strudelnde Wasser« · Martin Jankowski), Wünschen (du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus / keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach / zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen / zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund / die Gestirne das Gras die Blume den Himmel), Wundern, Weh- und Wutgeheul · (…)
/ Theo Breuer: Überschwemmt, die Lust am Taumel • Im atmenden Alphabet für Friederike Mayröcker, Kuno (1/5)
88. Ihre Lieblingsgedichte
Der Styria Premium Verlag hatte die Idee zu einer neuen Buchreihe: Österreichische Künstler/innen aus allen Bereichen – von der Philosophie bis zur Musik, von der Literatur bis zur Bühne – stellen ihre 25 Lieblingsgedichte vor. Ö1 sendet die Gedichte im Rahmen der Reihe “Du holde Kunst” ab Juni einmal im Monat.
Friederike Mayröcker
Ernst Jandl:
das hundelvieh
Ernst Jandl:
der bernhardiner
Ernst Jandl:
der goldfisch
Ernst Jandl:
2 erscheinungen
Ernst Jandl:
in der küche ist es kalt
Thomas Kling:
ethnomühle
Friedrich Hölderlin:
Hälfte des Lebens
Friedrich Hölderlin:
Wenn aus dem Himmel …
Inger Christensen:
alphabet
Marcel Beyer :
Wespe, komm
Ilse Aichinger:
Briefwechsel
Norbert Hummelt:
aus der Kindheit
Bertolt Brecht:
Morgens und abends zu lesen
Heinrich Heine:
Loreley
Johann Wolfgang von Goethe:
Warum gabst du uns die tiefen Blicke
Gottfried Benn:
Teils-teils
Marcell Feldberg:
o. T.
Bernadette Haller:
Haiku
crauss
russischer zopf
H. C. Artmann:
mein herz
Oskar Pastior :
Francesco Petrarca Nr. 1
Oswald Egger:
Apfelspalten / Handteller, Regen
Oswald Egger:
nihilum album
Mikael Vogel:
Schizoide Gedichte für eine alte schizoide Liebe
Mikael Vogel:
Das wirre Atelier der Verlassenheit …