Kategorie: Irak

76. Von der Religionspolizei zensiert

RIAD – Von der Poesie des Palästinensers Mahmud Darwisch über Essays von Azmi Bechara bis zu einem Buch über das Recht der saudischen Frauen, Autos zu fahren: Hunderte von Titeln wurden von der Buchmesse in Riad auf Druck religiöser Fundamentalisten entfernt.

Nach Angaben der saudischen Tageszeitung Okaz vom Sonntag wurden mehr als 10.000 Exemplare von 420 Titeln von den Organisatoren der Messe, die am Freitag endete, entfernt.

Mitglieder der Religionspolizei haben verstärkte Kontrollen an den Messeständen durchgeführt und Druck ausgeübt, um Gedichtbände des großen palästinensischen Dichters Mahmud Darwisch zurückzuziehen. Laut Religionspolizei enthielten die Gedichte Darwischs, die zu den besten aus seiner Generation gezählt werden, Verweise auf den Atheismus und seien blasphemisch.

Die Maßnahme traf auch Vertreter der “Wiederbelebung der arabischen Poesie” wie die irakischen Dichter Badr Shakir al-Sayyab und Abdel Wahab al-Bayati sowie den Palästinenser Moïn Bsisso (Muin Bessieso).

Abdallah al-Alami, Autor des Buches “Wann werden die saudischen Frauen das Recht haben, Auto zu fahren?”, erhielt anonyme Drohungen. / Romandie.com

18. Adonis in Bonn

Poetische Begegnung der Kulturen

Adonis zu Gast in Bonn — Gemeinschaftslesung in Köln

Seit 2006 veranstaltet der von dem deutsch-syrischen Dichter Fouad El-Auwad gegründete “Lyrik-Salon” regelmäßig hochrangige literarische Abende in verschiedenen deutschen Großstädten. In der kommenden Woche ist der “Lyrik-Salon” gleich zweimal im Rheinland zu Gast. Für Mittwoch, den 5. Juni, wurde der aus Syrien stammende, heute in Paris lebende Dichter Adonis zu einer Lesung in Bonn verpflichtet. Adonis gilt seit Jahrzehnten als der bedeutendste Dichter der arabischen Welt und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt unter anderem mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2011) und dem Petrarca-Preis (2012). Er wird seine Gedichte auf Arabisch lesen; die Übersetzungen liest Fouad El Auwad. Die Soiree findet statt um 20 Uhr im Kammermusiksaal des Beethovenhauses (Bonngasse 18-26, 53111 Bonn). Musikalisch wird der Abend umrahmt von dem Lauten-Virtuosen Raed Koshaba; als Übersetzer fungiert Hasan Husain; die Moderation übernimmt Christoph Leisten. – Am darauffolgenden Donnerstag, dem 6. Juni, ist der “Lyrik-Salon” mit einer Gemeinschaftslesung im Köln zu Gast. Hier lesen neben dem Gastgeber Fouad El-Auwad Franco Biondi, Suleman Taufiq, Gabriele Frings, Francisca Ricinski, Dragoslav Dedoviv (Serbien), Nedjo Osman (Makedonien), Burhan Schawi (Irak), Hussein Habasch (Syrien), Emad Fouad (Ägypten) und Belqis Hasan (Irak). Diese zweite Begegnung der Kulturen findet statt um 6. Juni um 19.30 Uhr im Kunsthaus Rhenania, Bayenstr. 28, 50678 Köln. Auch dieser Abend wird musikalisch begleitet durch Raed Khoshaba. Der Eintritt zu den beiden Abenden beträgt jeweils 10 Euro. – Weitere Informationen: www.lyrik-salon.de.

97. Lyrikbegeistert

Medellín feierte die „Inauguración“ vor viertausend lauschenden, ja begeisterten Zuhörern. Bei dreißig Grad und beständiger lauwarmer Brise saßen fünfzig Dichter aus beinahe ebenso vielen Ländern ihrem Publikum im Carlos Vieco Stadion gegenüber, und einer nach dem andern trat ans Mikrofon und sang, sprach artikuliert in den Zungen dieser Welt – bisweilen begleitet von Muschelhorn, Djembe, Tröte und Bravo-Rufen aus dem Publikum und jeweils tosendem Applaus. …

In diesem Jahr steht das größte Poesiefestival der Welt, das 2006 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, im Zeichen des Geistes der indigenen Völker. So sind die ersten fünf Dichter des Abends allesamt Repräsentanten nationaler Minderheiten. Eine Inuit schwingt die Trommel und beschwört die Götter ihrer Vorfahren, der lautstarke Maori Apirana Taylor, der bei der vorausgegangenen Pressekonferenz angab, dass er das Festival auch besuche, um Gemeinschaft in der großen Familie der Dichter zu finden, bläst ins Horn und überzieht seine Bühnenzeit gründlich. Vertreter anderer Volksgruppen Kolumbiens und ganz Südamerikas, gewandet in traditionelles Tuch, treten auf. / Nora Gomringer, FAZ

Zu den Teilnehmern gehören: Rachid Boudjedra (Algerien), Saba Kidane (Eritrea), Atala Uriana (Venezuela), Jane King (St. Lucia), Karenne Wood (USA), Hugo Jamioy Juagibioy (Kolumbien), Esdauletov Ulugbek (Kasachstan), Dunya Mikhail (Irak/ USA), Ion Deaconescu (Rumänien), Andreas Neeser (Schweiz), Andriy Bondar (Ukraine), Philip Hammial (Australien). Mehr

126. Revolution der Buchstaben

Mit Kalligrafie Bilder malen – das gelingt dem Künstler Adel Ibrahim eindrucksvoll. Die Ausstellung des gebürtigen Irakers wurde in der Galerie des Verbandes „Zusammenarbeit mit Osteuropa“ (ZMO) eröffnet. Seine Werke zeigen zum einen die von der klassischen islamischen Kalligrafie geprägten Schriftbilder, welche Koransuren oder Gedichte darstellen. Zum anderen sind es grafisch inspirierte Werke, welche die Schrift als Gestaltungsform einsetzen. Auch die Verwendung von Tusche und Acrylfarben auf Leinwand steht für diese Verbindung von Tradition und Moderne. Dies zeigt das Werk „Die Revolution der Buchstaben“: Ineinander verfließende Schriftzeichen in Orange- und Rottönen, eine Verbindung zwischen Oben und Unten, die sich auf die Umbrüche in der arabischen Welt bezieht. / Main-Spitze

64. Türkische Früchte 4: Tode

Dichter wurden allerorten verfolgt und gemordet. Unübertroffen Hitler und Stalin. In diesem einen Punkt war Stalin vorn, seinen Repressionen fiel eine mindestens dreistellige Zahl von Schriftstellern zum Opfer. In einer einzigen Nacht, der “Nacht der ermodeten Dichter”, ließ der Diktator 13 jüdische Intellektuelle hinrichten, darunter diese Schriftsteller:

  • Peretz Markish (1895–1952)
  • David Hofstein (1889–1952)
  • Itzik Fefer (1900–1952)
  • Leib Kvitko (1890–1952)
  • David Bergelson (1884–1952)

Diese beiden sind also konkurrenzlos. Sieht man an ihnen vorbei, stößt man auf die Tatsache, daß islamische Ländern seit dem Mittelalter besonders viele ihrer Dichter zu Tode brachten, namentlich auch spätere Klassiker. Eine kleine Liste von hingerichteten Autoren:

  • der Dichter Waddah al-Yaman, jetzt Nationaldichter in Jemen, wurde 708 wegen seiner Verse, vielleicht aber auch wegen zu enger Beziehung zur Frau des Kalifen, von diesem hingerichtet
  • der arabische Dichter Salih ibn ‘Abd al-Quddus wurde 784 wegen Ketzerei hingerichtet
  • Der Dichter Abu Nuwas starb 815 wegen eines Spottgedichts auf eine vornehme Perserfamilie – sie ließ ihn derart misshandeln, dass er an den Folgen starb
  • Huseyn ibn Mansur al-Halladsch wurde 922 in Bagdad hingerichtet
  • Abu at-Tayyib Ahmad ibn al-Husayn al-Mutanabbi, den man oft den größten arabischen Dichter nennt, wurde 965 ermordet
  • der türkische Dichter Nesimi (Nasimi) wurde 1405 hingerichtet, weil er einer der Ketzerei beschuldigten Sekte angehörte. Er starb in Aleppo durch Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe
  • Pir Sultan Abdal wurde um 1560 hingerichtet, weil er mit den Persern gegen die Herrscher von Siwas konspirierte
  • der türkische Dichter Nefi wurde 1635 hingerichtet, weil er Spottverse gegen einen Mächtigen schrieb
  • 1981 richtete die Islamische Republik Iran den Dichter  und Dramatiker Saeed Soltanpour hin

Nachtrag 2012: Zehntausende fordern in einer Facebook-Gruppe die Bestrafung des saudi-arabischen Journalisten Hamsa Kaschgari, weil er den Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Sie wollen ein Exempel statuieren und verlangen die Hinrichtung des 23-Jährigen.

32. Arabische Kulturrevolution

‘Hast du jemals davon geträumt, dass die einfachen Leute auf die Straße gehen und “nein” sagen könnten?’ Der aus dem Irak Saddam Husseins geflohene, heute in Deutschland lebende Schriftsteller und Lyriker Abbas Khider – Verfasser des Romans ‘Der falsche Inder’ (Edition Nautilus) – stellte diese Frage seiner ägyptischen Kollegin Mansura Eseddin bei den Arabischen Literaturtagen an diesem Wochenende in Frankfurt.  …

Auffällig an diesen Literaturtagen war, in welchem Maße schreibende Frauen diskursbestimmend waren. Man ahnt im Gegenzug die Krise der patriarchalischen arabisch-männlichen Identitäten. Vielleicht sind ja die Frauen das Subjekt einer arabischen Kulturrevolution, die bereits im Gange ist und auch keines Voltaire mehr bedarf, dessen Fehlen Boualem Sansal beklagte. Wenn das kein ‘arabischer Traum’ ist, wie jener, von dem Abbas Khider in Frankfurt als ‘von einer neuen Art Liebe’ sprach. Das wäre dann auch Politik und erst recht Literatur. / VOLKER BREIDECKER, Süddeutsche Zeitung 23.1.

72. Überlandleitung

Im April 2011 startet die Lesereihe Überlandleitung in der Lettrétage in Berlin Kreuzberg.

Die Gesprächs- und Lesereihe präsentiert Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sowohl persönlich als auch von ihren Texten her zwischen Sprachen schreiben und leben.

Dabei soll aufgezeigt werden, wie das Schreiben fremde Sprache und Kultur näherbringen kann, ob und wie literarische Texte über die Sprachen, aus denen sie gemacht sind, hinausweisen. Gehen sie neue Verknüpfungen ein und zeigen so verschiedene Denkmuster und Perspektiven aber möglicherweise auch Parallelen auf? Gibt es grundlegende Unterschiede, Sprachbarrieren oder ein anderes Bewusstsein beim Verfassen von Texten in verschiedenen Sprachen?

Die Beteiligten

Abbas Khider, HEL Toussaint, Jean Krier, Katharina Deloglu, Maria Cecilia Barbetta, Nikola Richter, Norbert Miller, Simone Kornappel, Tzveta Sofronieva

Übersicht der Termine

  • 06.04. Lesung: Tzveta Sofronieva / anschließend im Gespräch mit: Simone Kornappel
  • 08.04. Lesung: Abbas Khider / anschließend im Gespräch mit: Nikola Richter
  • 16.04. Lesung: María Cecilia Barbetta / anschließend im Gespräch mit: Katharina Deloglu
  • 20.04. Lesung: Boris Schapiro / anschließend im Gespräch mit: HEL Toussaint
  • 04.05. Lesung: Jean Krier / anschließend im Gespräch mit: N.N.

ZU ALLEN TERMINEN: Eintritt frei!

Überlandleitung wird unterstützt vom Berliner Senat und dem Staat Luxemburg
Medienpartner: tageszeitung

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121. Ein Gedicht, das alle lesen konnten

“Der Aufstand, die Revolution war wie ein Gedicht, das alle lesen konnten. Zum ersten Mal war die Stimme der neuen, jungen Generation lauter als die Stimme der alten.” So äußert sich der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Abbas Khider im Gespräch mit Denis Scheck in “Druckfrisch” zur Revolution in Ägypten. … So vergleicht Khider die Revolution in Ägypten mit einem großen Kunstwerk: “Zum ersten Mal gab es in der arabischen Welt das Gefühl, dass nicht nur die Amerikaner oder die Islamisten etwas ändern können, sondern die einfachen Menschen alles ändern können.” Für Abbas Khider sind die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz in Kairo beispielhaft: “Die jungen Männer und Frauen aus der Mittelschicht kümmerten sich um Facebook, um das Radio und die Politiker. Und die armen Jungs und Mädels, besonders natürlich* die Jungs, haben ihre Muskeln gezeigt und alles organisiert.” / FinanzNachrichten

*) natürlich

29. Lyrikwelle in Afghanistan

Als der BBC-Kriegskorrespondent Jonathan Charles afghanische Zivilisten einlud, ihm ihre Kriegsgedichte zu schicken, war er auf die Flut, die ihn erreichte, nicht vorbereitet.

Unter den Einsendungen findet sich Zeugenschaft, Wut, Propaganda und Katharsis.

… Am schockierendsten die Erzählung einer Frau, die jetzt in Kanada im Exil lebt. Sie schreibt von einem Ehepaar, das versuchte, zwei seiner Kinder zu verkaufen, um den Rest ihrer Familie zu ernähren.

Es gibt heute nicht nur den Rückgang einer großen Tradition, sondern auch die Explosion einer neuen Lyrik in Afghanistan.

In jedem Staat finden abendliche Lyriklesungen statt.

Wir hören sogar, daß britische Soldaten Menschen zu solchen Lesungen fahren und sie beschützen, während drinnen die Lyriker zornige Verse über die Invasionstruppen vortragen. / BBC

Dort auch:

 

105. Meine Anthologie 67: Aqil ´Ali, An Kurt Schwitters

An Kurt Schwitters

“lch frage nach Anna Blume”

 

Anna Blume du, Dichterin, deren Zähne schwarz
geworden sind von den Geheimnissen der Wörter…
Schlamm, der den Saum der Schlafröcke beschmutzte…
Glieder, die am Konfetti der Liebe hängen.

Anne Blume geht gemächlich auf dem Speichel der Leidenschaft umher
und es wiegt sie das Brüllen der Ruhe, das sich die Glieder leckt
Anna Blume kommt… Anna Blume
mit der Feuchtigkeit deiner Klitoris näßt du die Kleider der Jungfraun.
Füge der Schwäche des Herzens den Wohlgeruch der Unzucht hinzu.

Anna Blume
dort ist ein Feld aus Vögeln, das sich mit den Schuppen seiner Überreste vergnügt
Anna Blume.

Aus: Khalid Al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Das arabische Buch 2000, S. S. 305
Aqil ´Ali wurde 1949 in Nasseriah (Südirak) geboren, besuchte die Volksschule und arbeitet in seinem Heimatort als Bäcker