Wochendigest 5./6.6.

1000 Seiten Depression

Ein guter Freund, der Houellebecq verehrt, hat mir berichtet, immer, wenn die Stimmung in seiner Redaktion zu gut würde, klettere er auf einen Stuhl und deklamiere ein Houellebecq-Gedicht. Ein todsicheres Mittel, um eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herzustellen. Übrigens erwischt man sich irgendwann beim Lachen, wie in einem Film von Kaurismäki oder Lars von Trier. Tausend Seiten Depression sind schließlich ziemlich witzig. / Jan Küveler, Die Welt

Michel Houellebecq: Gesammelte Gedichte. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel und Stephan Kleiner. Dumont. 781 S., 14,99 €.

Poesiefestival eröffnet

Schon der Eröffnungsabend, der traditionell unter dem Begriff „Weltklang“ firmiert, zeigte, dass gute Lyrik die an sie herangetragenen Erwartungen gut auszuhalten weiß. Da war es gar nicht nötig, das Büchlein mit den Übersetzungen der dargebotenen Gedichte aufzuschlagen. Es genügt, etwa den Vokalreihen einer Ana Blandianas aus Rumänien nachzulauschen oder dem ätherischen Gesang der barfüßigen Neuseeländerin Hinemoana Baker. Auch Charles Simic wollte man ja immer schon einmal gesehen haben, und dann stand der fast Achtzigjährige da wie ein alter College-Professor, die Hände lässig in den Taschen, und räusperte sich so beharrlich, dass es klang wie ein ganz eigenes Lautgedicht.

„Wie Sie sehen, komme ich nicht allein“, sagte die hochschwangere Uljana Wolf, als sie die Bühne betrat und ein strukturalistisch inspiriertes Gedicht über die Sprachentwicklung von Kindern vortrug. Und mit einem Mal trat da, „gebubbelt, gebabelt“, aus der „konnotation“ eine „notunterkunft“ hervor. Seiner Zeit entkommt man eben einfach nicht. / Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung

Mit welchen Gedichten können Sie gar nichts anfangen?

Das Gedicht als moralische Obstkistenpredigt ist unerträglich – das Gedicht also, dessen Freiraum missbraucht wird, um eine eindeutige Aussage zu treffen, eine Pointe, etwa als Paarreim, mit der das Gedicht sich dann sozusagen erledigt hat. Ein Gedicht muss schon etwas dauerhaft Verstörendes haben, es muss eine Verrückung der Wahrnehmung erreichen. / Jan Wagner antwortete auf Fragen des Tagesspiegels

Königin der Schraubenliteratur

Wirklich verstehen im Sinne der Ratio kann man das nicht. Muss man aber auch nicht. Denn Handlung steht hier nicht im Vordergrund – sondern der Reim. „Verbannt“ kommt nämlich durchgängig in sogenannten Spenser-Strophen daher, die beliebt waren zu Zeiten von Byron, Keats und Shelley.

Das Deutsche ist für solche Strophen nicht wirklich geeignet, was zu manch schrägem Reim und kuriosem Kalauer führt. An vielen Stellen knirscht es also mächtig im Gefüge. Ann Cotten hat deutlich ihren Spaß daran. Dass ihr am Ende dieses Versepos gar die Puste auszugehen schien: Es kümmert sie nicht. Verfugung, Verschiebung, die Lockerung der Übergänge ist hier alles. „Verbannt!“ inthronisiert sie insofern als Königin der Schraubenliteratur. / Claudia Kramatschek, DLR

Ann Cotten: Verbannt!
Versepos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
168 Seiten, 16 Euro

Hommage à Allen Ginsberg

Am 3.6. wurde in Tokio eine musikalische Hommage an den Dichter Allen Ginsberg aufgeführt: „Der Dichter spricht“. Die Idee wurde 2007 von der Rockikone und Schriftstellerin Patti Smith und dem Komponisten Philip Glass entwickelt. An der Aufführung in Tokio arbeiteten der Romancier, Dichter und Übersetzer Haruki Murakami (seine Ginsberg-Übersetzungen wurden auf eine Leinwand projiziert) und der japanische Musiker Joe Hisaishi mit. / ActuaLitté

Hier eine Aufnahme von 2005 mit Patti Smith und Philip Glass:

Iraqi poet Faleeha Hassan

Through verses about loss and tragedy, Hassan has become one of Iraq’s most successful and celebrated poets. Sometimes called  the “Maya Angelou of Iraq,” Hassan’s work has been heavily awarded and translated into dozens of languages.

Writing from her new home in New Jersey, Hassan explained via e-mail how her childhood, her faith and her war-torn nation turned her into one of Iraq’s first prominent female writers.

“Writing is very dangerous, especially for an Arab woman if she writes honestly and freely,” she said. “Some people do not like honesty and freedom of expression, so sometimes women stop writing because they worry about themselves and their family.” / Graham Dudley, Nondoc.com

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