50. Navid Kermani über den „Islamischen Staat“

Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Orientalist, sieht in der Offensive der Gotteskrieger im Nahen Osten eine dem Ersten Weltkrieg vergleichbare Katastrophe und ruft zur vereinten Abwehr auf.

Dass die Weltgemeinschaft – nein, nicht nur die Amerikaner –, den drohenden Genozid an Christen, Jesiden und anderen religiösen Minderheiten verhindern muss, scheint sich in diesen Tagen als ein zivilisatorischer Konsens herauszukristallisieren. Sowohl die amerikanische wie auch die iranische Regierung liefern Waffen an die Kurden, die sich gegen den „Islamischen Staat“ stemmen, und die Erzfeinde unterstützen auch gemeinsam den designierten Premierminister Haider al-Abadi bei seinem Versuch, in Bagdad endlich eine überkonfessionelle Regierung zu bilden.

Die europäische Außenpolitik hat sich überraschend umstandslos aus den Fesseln ihrer notorischen Uneinigkeit befreit, indem sie sich selbst für bedeutungslos erklärte und den nationalen Regierungen freie Hand gab, einzugreifen oder nicht oder nur ein bisschen. In Deutschland sind sich grundverschiedene Politiker wie Gregor Gysi, Cem Özdemir und Elmar Brok einig, dass die Gegner des „Islamischen Staates“ militärische Unterstützung benötigen, wohlgemerkt auch aus Deutschland.

Dabei waren ausgerechnet die Grünen, die mit der Friedensbewegung entstanden sind, die erste Partei, die die amerikanischen Luftanschläge auf Stellungen des „Islamischen Staates“ ausdrücklich begrüßte – und zwar mit dem bemerkenswert selbstreflexiven Hinweis, dass man Terroristen nicht auf Jogamatten und in Gesprächsrunden besiegen könne, sondern „so, wie es die Amerikaner machen“. Es gibt Gründe zu hoffen, dass die Weltgemeinschaft noch rechtzeitig genug eingreift, um humanitäre Korridore für die Flüchtlinge zu schaffen und den Fall der kurdischen Städte wie Erbil, die zu Zufluchtsstätten der verfolgten Minderheiten geworden sind, zu verhindern. Aber reicht das? (…)

Dass zur Zeit die nationalstaatliche Ordnung des Nahen Osten gesprengt wird, könnte, ja müsste Europa vielleicht noch hinnehmen – ist sie doch so willkürlich im 20. Jahrhundert entstanden, dass eine Neuordnung nicht zwingend schlechter sein muss. Nicht hinnehmbar ist, für kein mitfühlendes Herz, dass eine einzelne Terrorgruppe wie der „Islamische Staat“ das fragile und doch so wertvolle, zivilisatorisch so reiche Gebilde unterschiedlichster Ethnien, Religionen und Sprachen vernichtet, das sich am östlichen Mittelmeer über viele tausend Jahre relativ kontinuierlich herausgebildet hat.

Der Kampf gegen einen solchen, sich islamisch begründenden Extremismus darf nicht von Amerika allein geführt werden oder von christlichen Ländern, die sich um ihre Glaubensgeschwister zu Recht sorgen. Dieser Kampf muss ein Kampf gerade der islamischen Staaten, aber auch ihrer Theologen, ihrer Intellektuellen, der Muslime insgesamt sein. Ihre eigene Tradition ist es, die von den Dschihadisten zugunsten einer imaginierten, historisch, dogmatisch und vor allem auch menschlich völlig unhaltbaren Urgeschichte für obsolet erklärt wird. / Berliner Zeitung

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