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3. Blauwärts

Das Wort «blauwärts» ist ein Neologismus von Hans Magnus Enzensberger; früher sagte man «himmelan». So schwingt sich der Titel des neuen Gedichtbands auf ins Offene einer religiösen Sphäre, die, leichter als Luft, aber sauerstoffsicher, nicht nur das Spätwerk des Lyrikers durchzieht. Wer den gläubigen Enzensberger, den katholischen Agnostiker, sucht, wird ihn bereits in seiner frühen Lyrik finden.

«Blauwärts» ist aber nicht nur ein Gedichtband; das Buch versteht sich als «Ausflug zu dritt». Der Maler Jan Peter Tripp und die Buchgestalterin und Werbegrafikerin Justine Landat begleiten den Lyriker bei seinem Weg zu einem Wohin, das in Novalis’ blauem Sinn immer ein Weg nach Hause ist. Zurück also in die (Allgäuer) Kindheit, zu den ewigen Rätseln von Alltag und Algebra, zur reizenden Nichtigkeit des Ich. Heim auch zu den Toten, ist doch die christliche Bewegung hin zum Firmament immer verbunden mit Andenken und Besinnung auf die eigene seltsame Endlichkeit. (…)

Ein wenig erinnert diese Inszenierung an Regietheater. Oder an die Parole moderner Zeitungsredaktionen: Layout geht vor Text! «Blauwärts» ist ein bunter, interessanter, handwerklich sehr schön gemachter Katalog zum Anschauen. Zur Versenkung in Verse taugt er nicht. Mit ein wenig Wehmut könnte einem Eichendorffs «waldwärts Hörnerklang» einfallen, ein anderer Aufbruch ins Blau, bei dem das Ich ruft: «Und ich mag mich nicht bewahren!» Dürfen wir uns ein wenig mehr von diesem Glutkern der Kunst wünschen? / Angelika Overath, NZZ 1.6.

Hans Magnus Enzensberger (Gedichte), Jan Peter Tripp (Bilder), Justine Landat (Inszenierung): Blauwärts. Ein Ausflug zu dritt. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013. 134 S., Fr. 47.90.

111. Frühling. Lentz …

selbst hat in „offene unruh“ ein Gedicht namens „kaum frühling“ geschrieben, das er als „janusköpfig“ bezeichnet und das mit den Versen beginnt: „ist der krokus verblüht / was stellt er an das ganze jahr / soll auch ich einfach verschwinden? / jedes jahr dieses große hallo / als sei weiß gott was geschehen.“ Gerade arbeitet er an einem Nachwort zu Gedichten von Jesse Thoor, der, so Lentz, die schönsten Frühlingsverse überhaupt geschrieben habe. Und tatsächlich verblüffen Thoors „Rufe zur Nacht“ durch ihre liedhafte Einfachheit: „Ich, der Dichter Jesse Thoor – / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror! // Wenn der März alle Bäche taut, / singe ich wieder laut! / Du meine hohe Braut! // Singe ich dein Herz gesund! / Du meines Sterbens Grund! / Küsse ich deinen Mund!“

Und auch Dirk von Petersdorffs Empfehlung ist hochgradig inspirierend – das betörende Gedicht „Fastfrühling“ von E. E. Cummings: „im Fast-/frühling“, beginnt es, „ist die welt schlamm-/selig und der kleine / lahme luftballonmann / flötet weit und winzig.“ / Uwe Ebbinghaus, FAZ (mehr Frühling mit Hans Magnus Enzensberger, Nora Gomringer, Christoph Buchwald, Marion Poschmann, Silke Scheuermann, Oleg Jurjew

Eine exklusive Lesung mit eigenen und klassischen Frühlingsgedichten von Silke Scheuermann, Nora Gomringer und Oleg Jurjew finden sie im Internet unter www.faz.net/frühlingslyrik.

 

82. Iranische Lyrik

Heute ist Lyrik generell marginalisiert. 1354 aktive Lyrikleser gebe es in Deutschland, hat Hans Magnus Enzensberger einmal überschlagen. Und angesichts durchschnittlicher Auflagen von 100 – 150 Exemplaren pro Gedichtband scheint das gar nicht so weit hergeholt. Dass die Arbeit iranischer Dichter, die in Deutschland leben, nicht weiter auffällt, ist also kein Wunder. Umso mehr lohnt es sich aber, ihre Werke zu lesen. Seit Jahrzehnten leben und arbeiten Dichter aus dem Iran hierzulande, seit den verstärkten Repressionen gegen Künstler unter Präsident Mahmud Ahmadinejad sind zahlreiche weitere hinzugekommen. Die wenigen unter ihnen, die hin und wieder mediales Gehör finden, werden leider auf den Aspekt des in einer Diktatur verfolgten Exilschriftstellers reduziert. Zwar spielen Zensur und Unterdrückung eine durchaus große Rolle in den auf Deutsch vorliegenden Büchern, doch ist das längst nicht alles – die inhaltliche und stilistische Bandbreite ist immens.

Allerdings muss sich der interessierte Leser auf eine nicht immer einfache Suche begeben. Kaum ein Dutzend Anthologien mit persischer Lyrik gibt es auf Deutsch; den Anfang machte Cyrus Atabay 1968 mit seiner Sammlung Gesänge von morgen. Neue iranische Lyrik. Der Übersetzer Kurt Scharf ist nach wie vor aktiv, aber dann wird es auch schon dünn. Der in München lebende SAID ist in literarisch interessierten Kreisen ein Begriff, ebenso Abbas Maroufi, der in Berlin seine Buchhandlung Hedayat betreibt und mit seinem Roman Symphonie der Toten (Suhrkamp 1998, Übers. Anneliese Ghahraman-Beck) einen Bestseller landete. Dass Maroufi auch Gedichte verfasst, weiß hingegen kaum jemand.

Dass mit Houshang Ebtehaj, der unter dem Pseudonym H. A. Sayeh schreibt, auch einer der ersten unter den Erneuerern der persischen Poesie (die „shere nou“, die neue Dichtung, begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Nima Yushij) in Köln lebt, ist vielleicht auch deswegen kaum bekannt, weil er wie viele seiner Kollegen nahezu nichts auf Deutsch veröffentlicht hat. Einige publizieren auf Farsi in Exilverlagen, einige schreiben aber auch auf Deutsch und sind dabei auf Kleinverlage angewiesen, die vom großen Feuilleton in der Regel ignoriert werden. Einer ist der von dem iranischen Verlegersohn Madjid Mohit betriebene Sujet Verlag in Bremen, der sich auf Exilliteratur spezialisiert hat. „Luftwurzelliteratur“ nennt Mohit sein Metier – Literatur von Autoren, die ihre eigentlichen geographischen Wurzeln verloren haben und nun fern der Heimat ihr Werk fortsetzen. Ebenso erwähnenswert ist die von Jalal Rostami in Bonn betriebene Verlagsbuchhandlung Goethe & Hafis; der Frankfurter Glaré Verlag von M. H. Allafi hat kaum Lyrik im Programm und setzt eher auf Prosa, denn die verkauft sich besser. In den etablierten Lyrikverlagen wie dem Poetenladen Verlag, dem Fixpoetry Verlag, Luxbooks, Kookbooks und Konsorten, sind keine Iraner zu finden, vielleicht weil sie zu wenig auf sich aufmerksam machen. Dabei wäre diese Aufmerksamkeit bitter nötig, um aus der Nische in der Nische herauszukommen.

In Iran selbst treibt die – dort ebenfalls auflagenschwache – Lyrikszene dieselben Fragen und Diskussionen um wie in Deutschland. Vor allem die Jüngeren stehen in der Kritik, die Ideen der „shere nou“ zu weit zu treiben. Die neue Dichtung hatte sich damals von den starren Formen verabschiedet, die seit Jahrhunderten die Dichtkunst be- herrschten, und trat für einen freieren Umgang mit der Sprache ein, in dem auch Alltagsduktus Platz hatte. Nun heißt es, die Gedichte der aktuellen Generation seien zu komplex, zu schwierig, zu beliebig. Der Vorwurf rührt vor allem von der Tatsache, dass die iranische Dichtung traditionell ein Allgemeingut ist, das im täglichen Leben Anwendung findet. Wer eine Aussage unterstreichen oder bloß seinen Standpunkt festigen will, der zitiert einen Dichter. Nur funktioniert das nicht, wenn das Gegenüber Verständnisprobleme mit dem vorgebrachten Vers hat.

Trotzdem bedienen sich auch die Jüngeren noch immer in Teilen der klassischen Symbolsprache, die auf westliche Leser mitunter blumig oder gar kitschig wirkt, weil sie hier nicht ohne Hintergrundwissen verstanden werden kann. Ganz neue Aspekte bringen jene Dichter ein, die sich die Sprache ihrer neuen Heimat zu Eigen gemacht haben. Iranische Lyriker sind passionierte Sprachspieler, die mit Klängen und Bedeutungen arbeiten und Doppelbödigkeiten herstellen, die trotz aller Komplexität in einem faszinierenden Sprachfluss aufgehen. Dass sich Vieles davon nahezu nicht übersetzen lässt und jede Übersetzung allenfalls eine Annäherung sein kann, versteht sich von selbst. Es ist aber faszinierend, wie schnell und sicher es einigen Exildichtern gelingt, sich das Deutsche anzueignen und es mit demselben Ansatz zu beharken. Als Beispiel sei Sanaz Zaresani (*1980) genannt, die seit 2009 in Deutschland lebt und hier ihren von Hossein Mansouri übersetzten Band Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben (Sujet Verlag 2010) veröffentlicht hat. Das allererste Gedicht, das sie 2011 auf Deutsch schrieb, trägt den Titel „Hässlich willkommen“: „Machen sie die Tür auf / und kommen sie rein. / Aber mit kleinem „s“ // da die Decke dieses Gedichts sehr niedrig ist“ heißt es darin. Ganz unmittelbar verarbeitet sie die Erfahrung von Flucht und Exil und den Versuch von Neuanfang, aber auch die in Iran erlebte Situation, in faszinierenden, eindringlichen und berührenden Versen.

Ganz anders Mirza Agha Asgari (*1951, seit 1985 in Bochum), der unter dem Pseudonym Mani auf Farsi schreibt und vom großen Ahmad Shamlou einst als „Hoffnung der persischen Literatur“ bezeichnet wurde. Er spielt mit klassischen Formen und Symbolen, greift dabei aber ganz direkt Erfahrungen auf: „Es gibt ein Land, / in dem ich schmelze / wie eine Frucht, die zurückkehrt / zum Stengel, / zur Wurzel, / zur Erde, / und zum Nichts!“ Mani verbindet das Schöne mit dem Düsteren, schreibt von Liebe unter unwürdigen Bedingungen und von Sehnsucht. Und immer wieder kritisierte er den iranischen Staat, sowohl vor als auch nach der Islamischen Revolution, was ihn schließlich zur Flucht zwang.

Auf Deutsch schreibt auch Sara Ehsan (*1977, seit 1986 in Deutschland), deren vielschichtiges Debüt Deutschland, Mon Amour (Sujet Verlag) 2011 erschien. Ihre Gedichte atmen Vers für Vers die dunkle Melancholie, die so typisch ist für die iranische Literatur: „übrig blieb / das leere Gleis / die Wüste / meine Nacktheit / die Grabsteine“ heißt es in einem Gedicht, und in einem anderen: „der Strukturalismus / strukturlos / (…) / die existentielle / Trauer / der müden / Akteure // mein Elefant ohne / Stoßzahn / schau mich bitte / nicht so an“. Hier- aus spricht eine Dichtergeneration, die auf der Suche ist – nach sich selbst und nach neuen Formen, nach einer neuen Art, das Weltgeschehen und das Empfinden zu erfassen und zu verarbeiten. Eine Suche, die mitunter erstaunlich selbstbewusst daherkommt. Eine Haltung, die man auch schon bei Forough Farrokhsad beobachten konnte.

Gerrit Wustmann

Und mag die ganze Welt versinken. Über den deutsch-persischen Lyrikaustausch oder die Nische in der Nische. (Auszug) Vollständig in: LiteraturNachrichten Afrika Asien Lateinamerika, Nr 116, Frühjahr 2013. Pdf beim Sujet Verlag

73. Land der toten Dichter

Zur Wahrnehmung deutschsprachiger Lyrik im Ausland

Vor genau 200 Jahren veröffentlichte die französische Autorin Madame de Staël ihr Buch De l’Allemagne, in dem sie die Auffassung vertrat, bei den Deutschen handele es sich um ein „Volk der Dichter und Denker“. Mittlerweile ist diese Formel zum Allgemeinplatz geworden – nur mit der Wahrnehmung der Deutschen als „Dichter“ ist es im Ausland nicht mehr weit her.
Zwar werden durchaus noch deutschsprachige Lyriker in andere Sprachen übertragen: Die Gedichte von Paul Celan etwa sind in über dreißig Sprachen übersetzt, es gibt Gesamtausgaben auf Englisch und Chinesisch, demnächst erscheint eine zehnbändige Ausgabe auf Ukrainisch. Und das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse wurde in über sechzig Sprachen übertragen und ist damit, wie die Leiterin der Abteilung Rechte & Lizenzen beim Suhrkamp Verlag Petra Hardt formuliert, „weltweit das erfolgreichste deutsche Gedicht“. Aber zeitgenössische Lyriker haben es eher schwer.

Unter den noch lebenden Dichterinnen und Dichtern, die bei Suhrkamp erscheinen, liegen nur von fünf fremdsprachige Monographien vor, der letzte große Erfolg eines deutschsprachigen Dichters im Ausland liegt Jahrzehnte zurück: „Das war“, so Hardt, „in den Siebzigerjahren Hans Magnus Enzensberger mit seiner politischen Lyrik“. Beim Hanser-Verlag ist die Situation ähnlich: „Wenn ich im Jahr zwei Verträge für Gedichtbände etwa von Oskar Pastior oder Herta Müller machen kann, dann freue ich mich“, erzählt Friederike Barakat von der Auslandsrechte-Abteilung. „Im Prinzip ist jeder Lizenzverkaufsvertrag für einen Gedichtband, der dann auch erscheint, ein Erfolg.“

Warum aber ist die jüngere Lyrikszene in der ausländischen Verlagslandschaft so wenig präsent? „Die Situation könnte damit zu tun haben, dass deutsche Literaturvermittlung immer sehr marktorientiert betrieben wird“, vermutet die Dichterin und Verlegerin Daniela Seel vom auf Lyrik spezialisierten Verlag kookbooks. „Und Lyrik funktioniert eben nirgendwo über den Markt − man muss andere Kanäle haben: Festivals, Dichter, die aus anderen Sprachen übersetzen, und so weiter.“ Die Literaturwerkstatt lädt daher jeden Sommer internationale und deutschsprachige Dichterinnen und Dichter nach Berlin ein, um im Rahmen der Veranstaltungsreihe VERSschmuggel Gedichte über die Sprachgrenze zu bringen und den Kontakt zwischen Lyrikern aus unterschiedlichsten Kulturräumen zu vertiefen.

An deutschen Kulturinstitutionen im Ausland hingegen wird die Vermittlung von Gegenwartslyrik nur überaus zögerlich oder gar nicht betrieben. Das German Book Office in New York, das deutschsprachige Bücher an nordamerikanische Verlagshäuser vermittelt, hat sich, so Leiterin Riky Stock, „in den letzten Jahren auf Romane, Kinder- und Jugendbuch und Sachbuch konzentriert und nicht aktiv Lyrik angeboten.“ Auch am Goethe-Institut spielt Lyrik kaum eine Rolle: „Wir kaufen so gut wie keine Gedichtbände“, so Edna McCown, Library Project Manager an der New Yorker Dependance: „Lyrik wird einfach kaum ausgeliehen.“

Die in Berlin und New York lebende Schriftstellerin Uljana Wolf bestätigt, dass ihre Verbindungen zu ausländischen Verlagen noch nie über das German Book Office oder das Goethe-Institut zustande gekommen sei, sondern stets über eigene Kontakte: „Die Paarung von Übersetzerin und Lyrikerin muss eben genau passen, damit ein tolles Buch entsteht“. Dessen ungeachtet wäre eine gezielte Förderung deutscher Lyrik im Ausland aus ihrer Sicht durchaus wünschenswert. „Es würde für den Anfang schon reichen, wenn die gegebenen Institutionen ihre strukturelle Blindheit gegenüber der Lyrik aufgeben würden. Das Goethe-Institut in New York zum Beispiel macht keine Veranstaltungen mit Lyrikern, wenn keine gedruckten und verkaufbaren Übersetzungen vorliegen − wie aber sollen die zustande kommen, wenn keine Vermittlung durch Lesungen geschieht?“

Dass es auch anders geht, zeigt etwa der Nederlands Fonds voor de Letteren. Das niederländische Literaturfonds gibt regelmäßig kleine kostenlose Heftchen mit Probeübersetzungen aus dem Werk eines Dichters oder einer Dichterin heraus, die Appetit auf mehr machen sollen: „Da habe ich eine ganze Reihe davon im Regal stehen“, so kookbooks-Verlegerin Daniela Seel. Darüber hinaus findet sie, dass es Orte geben sollte, „wo man sich informieren kann, was gerade passiert in der Lyrikszene des jeweiligen Landes beziehungsweise der jeweiligen Sprache.“ Bisher existieren solche Orte vor allem in der virtuellen Welt – zum Beispiel in Form der Webseite lyrikline.org. „Auch international ist das eine der umfassendsten frei zugänglichen Online-Datenbanken für Gegenwartsdichtung in Übersetzung“, so Seel. „Sie weiter auszubauen, wäre ein großer Gewinn.“

Die Literaturwerkstatt Berlin führt eine Kampagne zur Gründung eines Deutschen Zentrums für Poesie. Dieses Poesiezentrum wird Informations-, Arbeits-, Begegnungs- und Veranstaltungsstätte für Dichterinnen und Dichter sein, für die interessierte Öffentlichkeit aller Altersstufen, für Verleger, für Lernende und Lehrende, für Medien und Multiplikatoren aus dem In- und Ausland. Weitere Informationen finden Sie unter www.poesiezentrum.de

Literaturwerkstatt Berlin

5. Alterswerk

Über Enzensbergers ersten Lyrikband „Die Verteidigung der Wölfe“ schrieb Alfred Andersch eine Rezension mit dem Titel: „1 (in Worten: ein) zorniger junger Mann“. Das war damals, 1957, eine Nachricht wert, der Seltenheit wegen. Vielleicht wäre es heute wieder eine. Enzensberger ist schon lange nicht mehr zornig. Seinen Gedichten hat das gut getan, besser als seinen Essays. Seit 1991, beginnend mit „Kiosk“, veröffentlicht er in Abständen von wenigen Jahren einen Gedichtband nach dem anderen, einer so gut wie der andere: ein lyrisches Spätwerk auf hohem Niveau. Der junge Mann ist, mehr als ein halbes Jahrhundert später, ein großer Alters-Lyriker geworden, der seine Zeitgenossen überragt. / Dieter Lamping, literaturkritik.de

Hans Magnus Enzensberger / Jan Peter Tripp / Justine Landat: Blauwärts. Ein Ausflug zu dritt. 
Hans Magnus Enzensberger: Gedichte. Jan Peter Tripp: Bilder. Justine Landat: Inszenierung.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 
136 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783518423462

18. Lampingsche Variable

Sollte es wirklich, wie Enzensberger suggeriert, am Ende mehr Verfasser als Leser von Gedichten geben? Allerdings fallen einem schon Lyrikbände ein, die sich auf Anhieb und nicht erst im Lauf eines Jahrhunderts sehr viel besser verkauften als 1.354 Mal. Wolf Wondratscheks im Selbstverlag erschienene Gedichtsammlung „Chuck’s Zimmer“ von 1974 soll binnen kurzem eine sechsstellige Auflagenhöhe erreicht haben. Lawrence Ferlinghettis „A Coney island of the mind“ ist angeblich in einem Jahr eine Million Mal verkauft worden. Aber das sind natürlich Ausnahmen. Gerade die Klassiker der Moderne erreichten nur ein viel kleineres Publikum. Selbst Charles Baudelaires „Fleurs du mal“, ein Paradebeispiel für großen, aber späten Erfolg, erschien in einer ersten Auflage von gerade 1.100 Exemplaren. Die zweite, vier Jahre später, betrug immerhin schon 1500. Stephane Mallarmés „L’apres-midi d’un faune“ kam zuerst in einer Auflage von 195 Exemplaren auf den Markt – wenn man da von einem Markt reden kann. Rimbauds „Une saison en enfer“ wurde 500 Mal gedruckt und war nach 40 Jahren noch nicht vergriffen. (…)

Sobald man das Radio einschaltet, hört man dagegen unentwegt, unterbrochen nur von Verkehrsmeldungen oder Nachrichten und kurzen, durchaus überflüssigen Überleitungen: Lyrik. Sie heißt allerdings anders: nämlich Schlager, Song, Chanson, auch Lied. Kurt Tucholsky hat sie, nicht ganz freundlich, „Lyrik der Antennen“ genannt. Möglicherweise ist diese Art von Gedichten gleichfalls ein Anachronismus, aber das hat noch keiner gemerkt. Man verlangt nach ihr, und nicht nur in dieser Hinsicht ist sie auf der Höhe der Zeit. Gar nicht so selten ist sie auch auf der Höhe des Geschmacks. Längst haben sich Chansonniers, Songwriters und Liedermacher einen Ruf als Dichter verdient. Und zwar zu Recht. Die Namen kennt jeder.

Die erste Verbindung, die das Gedicht einging, war die mit der Musik. Es ist bis heute ihre erfolgreichste. Wieviele auch immer solchen Lyrikdarbietungen im Fernsehen oder im Radio zuhören mögen: Es sind durchweg weit mehr als 1354. Das ist allenfalls die Verkaufszahl sehr erfolgloser Alben, die aber auch nicht im Radio gespielt werden. Ansonsten muss man ständig mit einem Vielfachen von 1354 rechnen, das allerdings nicht genau zu ermitteln ist. Insofern ist der Schluss erlaubt, dass die Zahl der Lyrikleser und -hörer sehr veränderlich ist, wechselnd von Medium zu Medium, vielleicht sogar von Autor zu Autor – eben eine Variable. Und jetzt hat sie auch einen Namen.

/ Dieter Lamping, literaturkritik.de

Lampings Literaturhinweise

  • Hans Magnus Enzensberger: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie. In: Ders.: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt a.M. 1988, S. 23-41. Zitate S. 23.
  • Hans Magnus Enzensberger: Meldungen vom lyrischen Betrieb. Drei Metaphrasen. In: Ders.: ZICKZACK. Drei Aufsätze. Frankfurt a.M.  1997, S. 182-199. Zitate S. 184.
  • Kurt Tucholsky: Lyrik der Antennen. In: Ders.: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Hg. von Marie Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Band 9: 1931. Reinbek bei Hamburg  1993, S. 280-282.
  • Zu den Verkaufszahlen der Klassiker: Octavio Paz: Die andere Stimme. Dichtung an der Jahrhundertwende. Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkopf. Frankfurt a.M. 1994, insbes. S. 85-105.

22. Anekdotisch

Anekdote = das nicht Herausgegebene

2 Zitate:

  • »Enzensberger verrät alles, sogar sich selbst«, mokiert sich Richter über dessen »revolutionäres Gehabe«. Und über Reich-Ranicki wundert er sich: »Warum er nur immer wissen will, mit welchen Dichterinnen der Gruppe 47 ich geschlafen hätte.«
  • Dass der Jude Marcel Reich-Ranicki nur wenige Jahre zuvor von einigen seiner 47er-Mitstreiter womöglich erschossen worden wäre, bleibt die bei Böttiger ausgeblendete abgründige Grundkonstellation.

Quelle

21. Gruppe 47

Zu Helmut Böttigers Verdiensten zählt der deutliche Hinweis, dass die proklamierten Thesen vom «Nullpunkt» und «Kahlschlag» der Nachkriegsliteratur einem «Wunschdenken» entsprachen. Genauso wichtig ist, dass es Richter und seinen Mitstreitern keineswegs darum ging, eine einförmige Ästhetik zu propagieren. Natürlich dominierten in den Anfängen die Darstellung der Kriegsnachwirkungen und eine Hinwendung zu einer von amerikanischen Autoren beeinflussten schmucklosen Prosa. Doch es ist völlig verfehlt, der Gruppe 47 pauschal einen, wie es Martin Mosebach noch 2011 tat, «sozialdemokratischen Realismus» zu unterstellen.

Böttiger erinnert eindringlich an (Halb-)Vergessene wie Hans Jürgen Soehring oder Gisela Elsner, streicht die zentrale Rolle des Berliner Autors und Germanisten Walter Höllerer heraus, betrachtet kritisch das Chamäleonverhalten Hans Magnus Enzensbergers und verdeutlicht das Scheitern Richters, Exilanten wie Albert Vigoleis Thelen oder Hans Sahl einzubinden. Zudem gab es Autoren, die aus unterschiedlichen Gründen keinen rechten Zugang zur Gruppe fanden und Sonderrollen einnahmen. Arno Schmidt und Wolfgang Koeppen zählen dazu – und Hermann Lenz, der 1951 einen glücklosen Auftritt hatte und sich diese Schmach dreissig Jahre später in seinem Roman «Ein Fremdling» von der Seele schrieb. / Rainer Moritz, NZZ

Martin Mosebach, der eigenwillige Solitär, lehnt die Einladung ab und fragt ironisch: »Muss man bei der Gruppe 97 auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?« Und bei einem Gastauftritt der Gruppe im amerikanischen Princeton schließlich würde plötzlich ein junger österreichischer Provokateur mit komischer Frisur namens Clemens J. Setz auftreten und den Autorenkollegen kurzerhand »Beschreibungsimpotenz« vorwerfen – was wiederum diesseits des Atlantiks sogleich literaturhistorische Wellen schlüge.

All das ist eine reichlich unrealistische Fantasie, wie jeder unschwer sieht, der den heutigen Literaturbetrieb einigermaßen kennt. Und doch hat sich all das in der deutschsprachigen Literatur einmal ungefähr so abgespielt, selbstredend mit anderem Personal, jedoch mit enormen Folgen. / Alexander Cammann, Die Zeit

Helmut Böttiger: Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 480 S., Fr. 37.90. Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966–1972. Hrsg. von Dominik Geppert in Zusammenarbeit mit Nina Schnutz. Verlag C. H. Beck, München 2012. 383 S., Fr. 39.90.

157. Rückspiegel

ENZENSBERGERS JUNI-LEKTÜRE
Der Spiegel 6.6. 1962 *)

GOTTFRIED BENN
“AUTOBIOGRAPHISCHE UND VERMISCHTE SCHRIFTEN”
Limes Verlag, Wiesbaden; 524 Seiten; 25,50 Mark

Gottfried Benn hat sich zeit seines Lebens für einen Denker gehalten. Er neigte zum Pathos der Präzision und nannte sich gern einen “Intellektualisten”: “Das ist wohl jemand, der Begriffe liebt, scharf wie Brotmesser.” Leser und Kritiker ließen sich blenden und übersahen, was an Benns Gedanken schartig und verrostet war.

Mit Definitionen hielt der Meister sich ungern auf: “Geistanthropologischer Geist, arthaftes Prinzip, Entelechie, Ursein, Bewußtsein.” Das ist verblasen gedacht und schlammig formuliert. Oder: “Mich sensationiert eben das Wort … rein als assoziatives Motiv, und dann empfinde ich ganz gegenständlich seine Eigenschaft des logischen Begriffs als den Querschnitt durch kondensierte Katastrophen.” Überhaupt diese unglückliche Liebe zu Fremdwörtern: “Autopsychisch solitär, faulig monokol”; “syndikalistisch-metaphys”: vor derartigen Unfällen hätte den Denker jedes Wörterbuch bewahren können. “Alles ist monistisch, alles ist transzendent.” Hat sich denn nie jemand gefragt, was solche Sätze bedeuten sollen? Philosophie als Rührei, und im nächsten Atemzug dann die prophetische Gebärde: “Soweit ich viertausend Jahre Menschheit übersehe -”

So ward Benn, der die Feuilletonisten mit Hohn übergoß, selbst zum Musterstück der Gattung. “Schriftsteller, die ihrem Weltbild sprachlich nicht gewachsen sind”, schrieb er, “nennt man in Deutschland Seher.” Benn indessen war seiner Sprache intellektuell nicht gewachsen: sie lief ihm auf und davon. “Stil”, verkündete er, “ist der Wahrheit überlegen.” Aber die Wahrheit nahm Rache an seinem Stil. 1932 sinnierte er über die Wirtschaftskrise und kam zu dem Schluß, “daß alle Dinge ihren Widerspruch in sich tragen, daß auch der Weizen umschlagen kann vom Vorteil in die Vernichtung, daß auch die Kornfrucht nicht losgelöst ist aus dem Lebensgesetz tragischer Dialektik”.

Ein Jahr später war die Verfinsterung der Gedanken vollkommen. Die Sprache ging dabei vor die Hunde: die Machtergreifung Hitlers war “eine der großartigsten Realisationen des Weltgeistes”, Treue “das Mark der Ehre”, “‘unerschöpflich” der “Schoß der Rasse”. “Gegenargumente lagen eigentlich gar nicht vor.” Hilflosigkeit: “Nun hatte ich mich ja in gewissem Sinne entschieden gehabt, mich der Volksgemeinschaft anzuschließen, aber doch nicht in diesem Sinne.” Zehn Jahre später, angesichts des Trümmerhaufens, dankte der “Radardenker” endgültig ab, der einst auf Hegel, auf die “Anstrengung des Begriffs” sich berufen hatte: “Man kommt den Dingen mit Gedanken nicht mehr nahe.”

*) Tja, damals war ich für den Spiegel zu jung. Heute ist er für mich zu alt. So kommen wir nie zusammen. M.G.

143. Laudatio auf Mauritz

In einer Pressemitteilung der Stadt Dresden zum Dresdner Lyrikpreis im redaktionellen Teil das Übliche (Renommiersprache gepaart mit Ungenauigkeit). Löblich aber, daß der Text der Laudatio beigefügt ist, hier ist er:

„Nach der eindrucksvollen Lesung aller neun durch die Vorjury Nominierten aus Deutschland und Tschechien brauchte die gleichfalls zweisprachig besetzte neunköpfige Hauptjury nur eine Stunde zur Entscheidung. In intensivem und konstruktivem Austausch wurde klar, dass der Preis in diesem Jahr nicht geteilt werden sollte. In geheimer Abstimmung entschieden wir uns, in klarem Votum mit sechs von neun Stimmen für Hartwig Mauritz. Mit ihm küren wir einen 1964 in Eckernförde geborenen, heute in Vaals in den Niederlanden lebenden, Autor mit einer eigenen, unverwechselbaren Stimme, die ein Gutteil ihrer Eigen- und Besonderheit seiner naturwissenschaftlichen Bildung durch eine Studium der Elektrotechnik und Tätigkeit als Wissenschaftler und berufsbildender Lehrer technischer Fächer verdankt.

Neben seiner norddeutschen Herkunftslandschaft sind es in den hier eingereichten Gedichten besonders Erfinder wie Galvani mit seinen Froschschenkelexperimenten, und Telephonie- und Fernsehpioniere wie Marconi, Reis und Nipkow, der Erfinder des Fernsehens, von denen er sich angezogen fühlt. Dieses physikalische Weltbild erhält seine poetische Aufladung und Inspiriertheit durch einen gehörigen Schuss Metaphysik, der erst aus dem Nüchternen das Wunderbare, aus Wissenswerten den Zündfunken von Geheimnissen werden lässt, der den Gedichten ihr transzendentes Ingenium verleiht. In diesem 48jährigen Dichter, der nahe Aachen gleich hinter der niederländischen Grenze lebt, haben wir einen poetischen Nachfahren von Dichtern wie Hans Magnus Enzensberger und dem Schweden Lars Gustafsson. Fasziniert von Grenzüberschreitungen im Wissensdurst wie im Lebenshunger, von Biografien und Lebensleistungen, die Türen öffneten in neue Erkenntnis- und Erlebensräume, schreibt Hartwig Mauritz lakonisch und doch voller transzendenter Feinheiten, die uns zu fesseln vermögen wie in diesem Gedicht:

philip reis nimmt den hörer in die hand, sein schädel begabt
aber nicht begehbar heut. der hund bellt durch den draht
den apparat leckt seine zunge die zähne in der stimme

schlägt der atem seines hern an, krächzt, raucht, knackt
elektrische impulse. das mikrofon aus kohle glüht vor stimmen
die frau ist aus dem haus, der erfinder aus dem häuschen

nur die nacht zieht ihren dunklen leib ihm vors gesicht
kratzt, rauscht, schreit elektrische ekstasen. sein mund ist eine quelle
für den schall, das ohr, seine senke gehört zum inventar des herrn

der hund, sein hecheln zuckt durch den draht lauscht er der stimme
in der hand: was in der sprache ihn vorantreibt, knurrt, kratzt, knistert
in den draht gesprochen, geruchlos und sein ohr auf zigarrenkistengröße
aufgebläht, kann es hören, das stille atmen seines herrn.

Wouw! Was in Menschensprache heißt: herzlichen Glückwunsch!”