Lyrikzeitung & Poetry News

19. April 2012

66. Gibt es die Aporien der Avantgarde und welche sind das?

Von Bertram Reinecke

Teil 1 im poetenladen / Teil 2 bei lyrikkritik.de

Auszug:

Stellt man sich dem Korpus der Werke ohne Scheuklappen, dürfte eine Literaturgeschichte, die eine Moderne als inzwischen historisch geworden beschreibt und von einer Postmoderne abgelöst sieht, kaum haltbar sein. Denn wenn ein ironisch distanzierter und verfahrenstechnisch interessierter Impetus auch für die Hauptwerke der frühen Modernen typisch ist, hat es keinen Sinn, die Prosa- und Hörspielwerke von Wolfgang Hildesheimer oder die Dichtungen von Rolf Schneider oder Robert Neumann als solche von Außenseitern der Moderne zu charakterisieren oder als Vorläufer der Postmoderne zu beschreiben. Sie wären allenfalls Außenseiter eines existenziell weltanschaulich geprägten Literaturbetriebs, was viel besser mit den Biografien dieser Leute zusammenstimmt. Ebenso wäre Brecht in diese Reihe einzuordnen. Wenig bekannt ist, dass er seine Meisterschüler an der Akademie der Künste Berlin (Ost) dazu ermunterte, sich in strengen Versen zu äußern. Wo der gestische Rhythmus zumindest in diesem Umfeld beginnt, Standard der Rede zu werden, bedeutet der strenge Vers wieder Verfremdung.[5] Oulipo eine moderne oder eine postmoderne Gruppe? Hat irgendwann ein Übergang zwischen dem modernen Oulipo und dem postmodernen Oulipo stattgefunden? Auch das eine absurde Frage, die die Trennung in Moderne und Postmoderne aufwirft. Oder soll man trotz des engen Gruppenbezugs scheiden: Hie der moderne Pastior, dort der postmoderne Calvino?

Ja man müsste, um das Begriffspaar Moderne / Postmoderne als Ordnungslinie in Frage zu stellen, noch einen Schritt weiter gehen: Für eine Postmoderne oft angeführte Merkmale wie ironische Distanz zu Verfahren, Reaktivierung von Sprechweisen, die ästhetisch abgenutzt sind, Spiel mit Zitat oder Einbindung von alltagsweltlichen Codes lassen sich allesamt an von Hoddis’„Weltende“ nachweisen. Zur Ironie hatten wir Stellung genommen, das Verfahren, streng fünfhebige Verse mittels klassischer Reimschemata in eine der gebräuchlichen Strophenformen zu binden, kann bereits seit Holz, Dehmel, Schaukal, Flaischlen oder Liliencron als veraltet gelten.[6] „Weltende“ zitiert Zeitungsmeldungen und enthält Alltagspartikel (hupfen/Schnupfen).

Wenn schon die Urszene des Expressionismus postmodern ist, dann lässt sich das Bemühen der Ismen nicht derart als freies maßstabloses Sprechen auffassen, wie es die Avantgardekritik gerne möchte, sondern diese Dichter stehen in viel komplexerem Verhältnis zu den Konventionen ihrer Zeit.[7] Moderne enthält dann bereits ihre eigene Postmoderne, deswegen kann diese jene nicht ablösen.[8]

Anmerkungen

[5]: Einer ähnlichen Verfremdung hat Brecht das kommunistische Manifest unterzogen, was keineswegs als Devotion eines frommen Marxisten zu verstehen ist. Marxist war Brecht schon, parteifromm sicherlich nicht. Eine theoretische Grundlage, in mythische Ferne gerückt, wird so erst vom zeitgenössischen Einspruch her anfragbar. Eine dialektische Bewegung ähnlich der Enzensbergers, die moderne Poesie ins Museum zu versetzen. Ähnlich steht es mit der für viele Interpreten irritierenden Bukower Elegie: „Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches“, welche oftmals als stalinistischer Lapsus des Autors verstanden wurde. Allerdings gewinnt Brecht hier (und dies wurde oft übersehen) durch zahlreiche archaische und im Kontext der Elegien singuläre Verfahren Abstand zum geschilderten Sachverhalt. (Epitheta, nachgestellte Attribute, Anthropomorphisierungen.) Gleichzeitig mag der Sprecher in diesem Text explizit nicht durch eigene Anschauung für das geschilderte Geschehen einstehen. (Es gibt zwar im Zyklus auch „Bei der Lektüre des Horaz“ bzw. „eines spätgriechischen Dichters“. Die Gedanken werden in diesen beiden Texten jedoch als die des sprechenden Subjekts eingeführt und nicht als Dokumente wie im Erstgenannten). Das Gedicht stellt dadurch die Märchenhaftigkeit der sowjetischen

[6]: Vielleicht sogar zu Recht sind fast alle diese Dichter aus dem Kanon gefallen, so sieht es ein wenig aus, als hätte der Bruch zwischen der metrisch geordneten Tradition und den zumindest weniger sicht- und abzählbar geordneten Formen erst zwischen dem ersten Weltkrieg und den 50ern stattgefunden und als wäre Holz nur eine frühe Schwalbe gewesen, die noch keinen Sommer macht. Schaut man sich aber alte Anthologien an, wird man sehen, dass sich die ungebundene Lyrik schon kurz nach 1900 durchgesetzt hatte und dass die Verse der Expressionisten, aber auch die Rilkes, Georges oder Hoffmannsthals sich großteils als Rückgriffe verstehen (ob bewusst oder unbewusst). Bei den Frühvollendeten (Heym) mögen der konservative wilhelminische Gymnasialkanon und das Gesangbuch dabei eine große Rolle gespielt haben, wenn ihnen der Reim noch als Standartmittel vorkam. Als verslich auf der Höhe muss dagegen eher Bechers „Der Dichter meidet strahlende Akkorde“ angesehen werden, welches Flaischlens und Schaukals zur Anzeige erhöhter Gemütsbewegung entwickelte gegenrhythmische Technik radikalsiert und zum lyrischen Standard erklärt und damit zum direkten Vorläufer von Brechts gestischem Sprechen wird.

[7]: Das ist ja auch logisch: Avantgarden können die Mittel umwerten, gänzlich verzichten können sie auf solche nicht. Und wo immer man schaut, erweisen sich die von ihr aufgewerteten oder erfundenen Mittel als solche, die eine längere untergründige Vorgeschichte haben. Diese aufzuschließen und fruchtbar zu machen, ist eine Leistung der Avantgarden, die mindestens ebenso hoch zu bewerten ist, wie die Reflektion über den Wert künstlerischer Mittel und das viel seltenere Erfinden wirklich gänzlich neuer Verfahrenszüge.

[8]: Umberto Eco hat bereits vor 20 Jahren vorgeschlagen, den Begriff der Postmoderne mit dem des Manierismus zu verbinden. Folgt man Hockes gedankenreichem Buch „Die Welt als Labyrinth: Manier u. Manie in d. europ. Kunst. Von 1520 bis 1650 u. in d. Gegenwart. Band I.“, der unter dem nämlichen Begriff viele Züge dessen subsumiert, was wir heute für gewöhnlich postmodern nennen, würden der Großteil der Surrealisten, aber auch Werke von Picasso, Paul Klee und anderen unter diese Kategorie fallen.

16. April 2012

55. Bussmanns Wochengedichte

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland, Schweiz — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 09:19

11. März 2012

47. Anti-Enzensberger

Enzensbergers Thesen scheinen sich durch schlichtes Wieder­käuen zum gültigen Stand der Debatte nobi­litiert zu haben.

Sagt Bertram Reinecke in einem Essay über die “Aporien der Avantgarde”, der vor einigen Tagen beim Poetenladen erschien. Auszüge:

Wer einen Text angreift, der ein halbes Jahrhundert alt ist, wirkt nicht nur inaktuell, er sieht auch aus, als wolle er aus der gesicherten Position der Gegenwart auf eine historische Bemühung herabschauen. Beides ist hier nicht der Fall, denn Enzens­bergers Essay „Die Aporien der Avantgarde“ ist aktuell, insofern sich die darin enthaltenen Miss­ver­ständ­nisse als erstaunlich zählebig erwiesen haben.
Tatsächlich werden Enzensbergers Positionen heute sowohl in Einführungs­werken als Diagnosen kol­portiert, wie in germanis­tischen Rezensionen ganz selbst­ver­ständ­lich als Hebel des kri­tischen Sach­stands angesetzt.

Heute wird der Essay als Stützanker im öffentlichen poeto­logischen Gespräch verwendet, als hätte der Autor in seinem Essay irgend etwas Neues über die Avant­garde heraus­gefunden oder dies auch nur vor­gehabt und auch im begin­nenden 21sten Jahr­hundert beendet der Satz „Lies Die Aporien der Avant­garde, da zeigt sich, dass sich das Konzept schon damals erledigt hatte“ Seminar­diskus­sionen auf autoritäre Weise.

Enzensbergers Thesen scheinen sich durch schlichtes Wiederkäuen zum gültigen Stand der Debatte nobi­litiert zu haben. Angriffe auf seinen Text machen sich dadurch sofort als subjektive Volten verdächtig.
Einen Nachgeborenen, dessen Weg mit der Fort­setzung ehemals als „avant­gardis­tisch“ einsortierter Posi­tionen zu tun hat, wehen Enzensbergers Thesen also recht kalt an.

Wenn allerdings in Abitur­stufe und Grund­studium ein Text die Grundlagen für ein Lite­ratur­verständnis legt – solche Grundlagen werden in den seltensten Fällen später ernstlich hinter­fragt – der in seinen besten Stellen eine unent­wirrbare Ver­knäulung weniger wahrer und aller­hand falscher Annahmen darstellt, sich im wesentlichen aber als ein wohl­formu­lierter Ausdruck von Resen­timent erweist, ist irgend etwas schief gegangen.

(…)

Geht man davon aus, das eine gemeinschaftliche Anstrengung zu einer Veränderung künstle­rischer Maßstäbe nicht unmittelbar mit einer Charakter­schwäche zu tun hat, wird Enzens­bergers weitere Argu­mentation dürftig.

Denn er sagt es ja selbst: „Kein einziges Werk ist zu widerlegen mit dem Hinweis darauf, dass sein Urheber sich zu dieser oder jener Garde geschlagen hat.“ Wenn aber das einzelne Werk über das Programm einer Gruppe immer hinaus­reicht, versteht es sich nicht von selbst, dass irgendwelche (Fehl)leistungen Marinettis, Kerouacs, Dalis oder Bretons unmittelbar ihren Gruppen anzulasten wären, noch weniger, dass sie die Avant­garden an sich beträfen.

Sätze, die man für geschmacklos halten kann, wie „Kriege meliorieren die Rassen“, „Hitler ist der größte Surrealist“ oder „Die einfachste sur­realistische Tat besteht darin, mit Revolvern auf die Straße zu gehen und so lange wie möglich in die Menge zu schießen“ mögen sich in avantgardistischen Manifesten häufiger finden als etwa in einem Kochbuch: Dass es Avantgarden auch um Provo­kation ging, soll nicht bestritten werden.

Man kann allerdings auch untersuchen, wie die von Enzensberger zitierten Provo­katio­nen hergestellt sind und wird schnell finden, dass er Verschiedenes in einen Topf wirft. Während es sich bei dem Marinetti­zitat tatsächlich um dumpfen Faschis­mus handelt, leben die beiden anderen von der Fall­höhe der Bedeut­samkeit ihrer Themen. Angesichts von Gewalt und Schrecken wirkt jedes Nebenthema, zumal im zweiten Falle, wo es sich (vom Satzbau) keck zum Hauptthema aufschwingt, schnell geschmacklos.

Wir alle erinnern uns, wie schwer es nach den Ereignissen des 11. September wurde, eigentlich wichtige Fragen wie Versäumnisse der Entwicklungspolitik, Probleme der medialen Darstellung anderer Kultur oder von Gewalt zur Sprache zu bringen. Die Soziologie hat dafür ein Wort: Betroffen­heits­spirale. Die eigent­lich begründete Scheu, andere zu verletzen, führt dazu, dass Differen­zierungs­prozesse nicht mehr öffentlich ausgetragen werden können und Tabus entstehen. Es gibt nur noch schwarz oder weiß. Das Brisante an solchen Spiralen ist, dass solche Betrof­fenheit nicht einmal empfunden werden muss. Es genügt dazu, wenn es öffentliche Arti­kulationen von Betrof­fenheit gibt (manchmal sogar nur im Namen von anderen). Die eigent­lich begründete Scheu, andere zu verletzen, kann angesichts von Gewalt und Schrecken daran beteiligt sein, eine plura­listische Zivil­gesellschaft zu unter­graben. Die Frage nach den Konven­tionen bürgerlicher Angemessenheit, die sich noch in den rüden Provo­kationen der Sur­realisten ausspricht, handelt also von sehr viel bedeut­sameren Dingen als der Frage, „ob man Fisch mit dem Messer essen“ soll.
Dem deutschen Musterschüler Enzensberger hingegen fällt zu den zitierten Sätzen nicht mehr ein als zu behaupten: „Die sagen Hitler und Gewalt, die sind böse“ Und alle gut (autoritär) erzogenen Musterschüler haben sich gefälligst mit Ekel abzuwenden. Nach der Polizei zu rufen traut er sich damals noch nicht.

Überhaupt scheinen ihm Verfahrens­neuerungen, veränderte Haltungen und der­glei­chen ziemlich egal. Worauf es ihm ankommt, ist der poli­tische Inhalt, die Tendenz. Damit tut er genau das, was auch die Kritiker des Neuen Deutschlands taten, und was er zu Recht rügt: „Diese Vo­rschriften sind immer dieselben Der Akzent muss auf welt­anschaulichen Fragen liegen“ Die italienische Futuristen und die Surrealisten kommen ihm wegen der charakterlichen Dispo­sitionen ihrer geistigen Vor­reiter da besonders entgegen. Der Expres­sionismus dürfte auch 1962 in Deutschland zu bekannt gewesen sein, als dass man ihn so lapidar über diesen Kamm scheren kann.

Auf sonderbare Weise fängt er im hinteren Teil des Essays an, den Futurismus für ein Urphä­nomen der Avantgarde zu halten, während er sich vorher, damit seine Begriffsanalyse irgend plausibel ist, dazu ent­schlossen hatte, das Phänomen bis ins mittlere 19. Jahrhundert zurück zu datieren.

Ebenso seiner Sache dienlich wie aus der Luft gegriffen ist die Behauptung, der Surrealismus sei die am besten ausge­baute Avant­garde. „Alle früheren und späteren Grup­pierungen wirken mit ihm verglichen armselig dilet­tantisch und unartikuliert.“
Diese Diagnose ist in Bezug auf den russischen Kubo­futurismus/ Kons­truktivismus zumindest erklä­rungs­bedürf­tig. Denn diese Bewegung hatte, wie die Surrealisten, neben einer ausgeprägten Manifestkultur ebenso eine reiche lite­ra­rische Produkt­ion und war ein gesamt­künstle­risches Phänomen. Nicht nur gibt es wie bei den Sur­realisten zahl­reiche richtungs­weisende Pro­duktionen in bil­dender Kunst und Film. Der Kubo­futuris­mus-Konstruk­tivismus erstreckte sich folgenreicher als der Sur­realismus auch auf Architektur, Bühne und die zeitgenössische Musik. Er hatte nicht nur wie der Surrealisms seine eigenen Publikations­organe (LeF, MAF), durch ihn beeinflusst erschuf sich auch gleich die passende Literatur-, Sprach- und Kunst­wissenschaft.

Ebenso wird man schwerlich behaupten können, dass Leute wie Chlebnikow, Majakowski oder Krutschonych ihre größten Leistungen erst in Abkehr von ihrer Doktrin vollbrachten, wie das Enzensberger pars pro toto anhand der sur­realistischen Künstler dekretiert. Es gibt durchaus Programme, die nicht erst in ihrer Überwindung künstlerisch fruchtbar geworden sind, auch wenn es unser Kunstverständnis, das durch Geniekult, Auratik und Adorno hindurchgegangen ist, frustrieren mag.

Enzensberger ignoriert dies alles mehr oder weniger bewusst und gießt lieber billige Häme aus. „Selbst­verständlich waren die gelegentlichen Sympatien der Avantgarde für die totalitären Bewe­gungen durchaus einseitig …“ schreibt er mit Blick auf die russischen Futuristen. Gewiss: Sie betrach­teten die russischen Umwälzungen mit Hoffnung, was angesichts des morschen zaris­tischen Ochrana­staates kaum verwunderlich ist. Sie waren, vielleicht sogar mehr als nur gelegentlich, Kommunisten. Ihnen dies vorzuwerfen, wäre ebenso logisch, als wolle man Stefan Heym oder Adolf Endler nachsagen, sie legten sich zur CSU ins Bett, weil sie sich als Demokraten gegen eine verkrustete DDR-Büro­kraten­herr­schaft zur Wehr setzten. (Und Stalinisten argumentieren ja in der Tat so!)

Da es ihm nur um poli­tische Inhalte geht, ist es konsequent, dass Enzens­berger nicht ein einziges literarisches Werk der von ihm behan­delten Avant­garden einer näheren Unter­suchung unterzieht. Er gibt eine Silben­reihe, die dann prototypisch für jegliche avant­gardis­tische Literatur einstehen darf. Dies ohne Kontext und man fragt sich: Ist dies Teil einer Rühmschen Sprech­partitur? Über­raschendes Ergebnis eines Sortier- oder Umform­prozesses? Tragen die Silben vielleicht Reste einer Semantik oder sind sie Dokument eines expe­rimentel­len Scheiterns? Ehe man nicht weiß, was man damit anfangen kann, kann man eben nichts damit anfangen, ganz unabhängig noch von der Frage, ob das Werk nun künstle­risch hochwertig ist oder nicht. Wenn es den Avant­garden ernst ist mit der Ein­führung neuer Gebrauchs­weisen neuartiger Kunst­gegenstände, dann beweist das nichts.
Ebenso leicht könnte man folgende Buch­stabengruppe als eine sinnlos in die Tastatur gehackte Buch­stabengruppe dis­kreditieren:

„Taumatawhakatangihangakoauauot­amateaturipukakapikimaun­gahoronukupokaiwhen­uaki tanatahu“

(Dabei ist es sogar fast ein Gedicht.) Statt näher hin zu schauen, klopft Enzensberger lieber seinem Leser auf die Schulter: Deine (historisch, z.B. in der Schule erlernten) Maßstäbe reichen aus, die Fülle auch neuerer Experi­mente intel­lektuell zu bewältigen. Wer sich als Leser in diesem schönen Lichte uni­verseller Kritik­fähigkeit sonnen will, muss freilich Enzens­berger voll vertrauen und die Kröten mit­fressen. Es ist dies eine Variante einer rhetorischen Strategie, die sowohl bei Handels­vertretern als auch bei den Zeugen Jehovas Anwendung findet: „Sie als intel­ligen­ter Mensch werden mir doch zustimmen, wenn ich sage, dass …“

Auch in Bezug auf das Experimentieren belässt es Enzensberger bei den naiven Legenden der Schul­bücher und mag die weitaus differen­zierteren Anmer­kungen, die etwa Helmut Heißenbüttel zu diesem Thema gemacht hat, sich und dem Leser nicht zumuten. Auch hier appelliert Enzensberger an einen Common sense, dem er an anderer Stelle als bloß aner­zogenen miss­traut. Insofern viele Texte land­läufig als expe­rimentell bezeichnet werden, die dies ihrem eigenen Selbst­ver­ständnis nach nicht sind, bloß weil sie der Allgemein­heit unbekanntere Sprech­weisen nutzen, ist ein solcher Appell verfehlt.

20. Januar 2012

77. Biographische Legende

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Am Ursprung der Kling’schen Autorschaft steht, so will es die biographische Legende (1), zunächst nicht der schreibende Autor, sondern der Leser. Prägnant formuliert hat Kling diese Herkunft aus der Lektüre – und damit, wie zu sehen sein wird, aus der großväterlichen Bibliothek – in einem meines Wissens bisher unpublizierten poetologischen Kurzessay; weitere Formulierungen gingen voran und folgten. Zum Einstieg bietet sich die unpublizierte Version der Legende an.

1)

Als ›biographische Legende‹ sei hier und im Folgenden eine spezifische Praxis der Autorinszenierung verstanden (zu Autorinszenierungen vgl. zuletzt Christoph Jürgensen / Gerhard Kaiser (Hg.): Schriftstellerischer Inszenierungspraktiken – Geschichte und Typologie. Heidelberg 2011), die als Selbstzuschreibung von Biographemen durch den Autor bestimmt werden kann. Der Begriff geht zurück auf Boris Tomaševskij, der bemerkt, das Dichter ihren Werken »ideale biographische Legenden [vorausschicken]«; diese stellen »die literarische Konzeption des Lebens des Dichters dar, eine Konzeption, die notwendig ist als wahrnehmbarer Hintergrund des literarischen Werks« (Boris Tomaševskij: Literatur und Biographie. In: Texte zur Theorie der Autorschaft. Hg. und kommentiert von Fotis Jannidis u.a. Stuttgart 2000, S. 49‐61, hier: S. 57). Im Zusammenspiel mit anderen Selbst‐ und Fremdinszenierungen konstituieren biographische Legenden das, was man mit Ludwig Fischer ›Autorfigur‹ nennen kann (Ludwig Fischer: Der fliegende Robert. Zu Hans Magnus Enzensbergers Ambitionen und Kapriolen. In: Christine Künzel / Jörg Schönert (Hg.): Autorinszenierungen. Autorschaft und literarisches Werk im Kontext der Medien. Würzburg 2007, S. 145‐175, insbes. die theoretischen Reflexionen S. 147ff.).

Aus: Trilcke, Peer: Historisches Rauschen. Das geschichtslyrische Werk Thomas Klings
The Historical Poetry of Thomas Kling
Dissertation (PDF, 4.817 KB) |

3. Januar 2012

10. Sprachspieler – 50 Jahre Lyrik im Deutschlandfunk

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Aus dem literarischen Leben

Sprachspieler – 50 Jahre Lyrik im Deutschlandfunk (4) Seit 3 Tagen sendet der Deutschlandfunk im Büchermarkt Lyrikkonserven zur Feier des Jubiläums. Bisher u.a.

  • Hans-Magnus Enzensberger liest: “Zukunftsmusik”
  • Gerhard Rühm liest: “Dokumentarische Sonette”u.”Lautgedichte im Wiener Dialekt”

Morgen folgt

  • Robert Gernhardt: “Würstchen im Schlafrock oder September mit Goethe” (04.01.2012 16:10 Uhr - Erstsendung: 27. Januar 1999)

(Teil 5 am 5.1.12)

Alles hier zum Nachhören (man kann die Sendung auch als Podcast abonnieren).

20. Dezember 2011

82. Jazz und Enzensberger

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Nicht nur beim Jazz, auch bei der Lyrik springt der Funke über. Kurt Drechsel liest aus „Rebus“, Enzensbergers aktuellem Gedichtband von 2009. „Eigentlich ist ‚Rebus’ ein Bilderrätsel. Die ganze Welt kommt Enzensberger wie ein Rätsel vor.

“Anfangs skurril anmutende Themen wie „Gleichgewichtsstörung“ oder „Erste Person Plural“ behandeln doch nichts anderes als das Leben: „Da tickt etwas unter unserer Hirnschale, das als ein Ich registriert wird, aber seine eigene Wirtschaft führt“, fasst Drechsel Enzensbergers Gedicht „Unter der Hirnschale“ treffend in eigene Worte. Mancher Schluss lässt schmunzeln, war man doch auf der falschen Fährte. „Ja, diese ewige Nörglerin geht mir oft auf die Nerven. … Unzertrennlich sind wir, bis dass der Tod uns scheide, meine Psyche und mich.“ Gedichte über die Psyche oder die eng mit Michael Jacksons Tod zusammenhängende chemische Verbindung C12H18O zu schreiben oder gar der Frage nachzugehen, „Wo sich Pilatus die Hände wusch“, erscheinen cool und verrückt zugleich. Dabei klingen selbst unanständige Worte, mit vorgehaltener Hand ausgesprochen, bei Drechsel charmant. / ANDREA BÜCHNER, Südkurier

16. November 2011

70. Lyrikerin + Mentor = Showbiz

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Schon die Überschrift:

Hans Magnus Enzensberger in New York
Dichtung ist die höchste Form des Showbusiness

Da kommt die FAZ ins Singen:

Ein Mentor, dessen Glanz alle Schützlinge überstrahlt: Hans Magnus Enzensberger beweist bei einem ungewöhnlichen Auftritt in New York, dass Poesie reine Musik sein kann.

Schützlingin ist die 39jährige amerikanische Lyrikerin Tracy K. Smith. Mentor ist atürlich unser aller Hans Magnus. Im Auftrag der Firma Rolex hat er sie ein Jahr lang mentoriert, und jetzt sind sie zum Rolex Arts Weekend in New York zusammen mit anderen Meister-Schüler-Paaren zusammengetroffen.

Bestimmt hat sich die Mühe gelohnt, denn:

Trotz Harvard, Columbia, Stanford und Princeton, versichert er ihr, brauche sie sich nicht als college poet zu fühlen: “Du gehörst nicht nach Princeton.” Nicht mit einer solchen Stimme. Und ob jemand eine literarische Stimme habe oder nicht, das höre er sofort. Ihrem New Yorker Publikum aber bietet Smith nur ein paar Töne, nur ein kurzes Gedicht, eine Art Liebesgedicht über einen, vielleicht ihren Psychiater, der schließlich einen Kieselstein von ihrer Zunge hebt. In der sehr romantischen, sehr gefühlig aufrauschenden Vertonung des jungen Komponisten Gregory Spears, der selbst den Klavierpart übernommen hat, gibt es das Gedicht dann ein zweites Mal in Mezzosopranlage zu hören.

Ach wer da mitsingen könnte, ach was, auch die FAZ singt da mit:

Da ist längst der Schatten des mächtigen Mentors über die gesamte Veranstaltung gefallen. Hans Magnus Enzensberger bemüht sich aufrichtig, der ihm anvertrauten Lyrikerin den Vortritt zu lassen, aber es hilft nichts. Er sitzt im hellsten Glanz des Scheinwerferlichts, er zieht es an, offenbar magnetisch, ob er es nun will oder nicht. …

Jedenfalls nimmt Enzensberger die Gelegenheit wahr, althergebrachte Grenzen des Dichters und der Dichtung in Frage zu stellen und die Grenzüberschreitung zum Showbusiness hin nicht von vornherein auszuschließen. Als Fan von Cole Porter gibt er sich zu erkennen, diesem Genie sui generis. Er empfinde da keinerlei Verachtung, im Gegenteil, es sei ein große Gabe. Allerdings, leider: “It’s not my talent!”

Nicht seine Begabung? Das Publikum lacht, aber eigentlich hätte es laut protestieren müssen. Der Dichter, der Intellektuelle als Entertainer, hier ward’s Ereignis. Gedankenflüge über exklusive Zonen schriftstellerischer Ästhetik werden mit eingängiger, geradezu ansteckender Verve absolviert. Später, als Enzensberger das Scheinwerferlicht wieder abgeschüttelt hat, beteuert er, dass er nicht gern aufs Podium steige. Aber einmal oben, gibt er dem Publikum, was ihm gebührt. Es soll nicht enttäuscht werden. Schon gar nicht in New York. In der Heimat des Showbiz hat der Dichter sich als dessen poetischer Meister erwiesen.

24. Oktober 2011

106. Lyrisches Gespür

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Burkhard Meyer-Sickendiek

Lyrisches Gespür.
Vom geheimen Sensorium moderner Poesie

(Inhaltsverzeichnis siehe unten)

Burkhard Meyer-Sickendiek ist Privatdozent am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin. Das Buch erscheint Ende dieser Woche im Fink-Verlag.

Hier als Leseprobe das Vorwort

Das vorliegende Buch entstand in den Jahren 2010 und 2011 auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es verdankt seine stark interdisziplinäre Perspektive zudem den intensiven Gesprächen, welche ich als Mitglied des Exzellenz-Clusters Languages of emotion an der Freien Universität Berlin führen konnte. Eine der zentralen Fragen, die mich im Rahmen dieses Clusters interessierten, war diejenige nach dem kultur- bzw. literaturwissenschaftlichen Emotionswissen: Gibt es eine Thematik innerhalb des Emotionalen, die sich bevorzugt, ja vielleicht ausschließlich aus der Sicht der humanities erschließt? Insbesondere die in der Emotionsforschung stets erwähnten, aber niemals wirklich eigens untersuchten „background emotions“ Damasios schienen mir diesbezüglich einschlägig: Sie sind als Atmosphären, Stimmungen oder aber stimmungsvolle Situationen die eigentlichen Themenfelder der hier vorgelegten Lyriktheorie. Danken möchte ich in eben diesem Zusammenhang einer ganzen Reihe von Forschern, die sich in ähnlicher Weise wieder dem Begriff und Phänomen der Stimmung zuwendeten: Allen voran natürlich Hermann Schmitz, dem ich in zwei wunderbaren Gesprächen viele wertvolle Einsichten in diese Thematik verdanke. Auch die am Cluster unter der Aufsicht von Winfried Menninghaus erforschten Zusammenhänge zwischen „ästhetischen Emotionen“ und lyrischen Prosodien sind an dieser Stelle zu nennen: Wertvolle Anregungen kamen in diesem Zusammenhang von Jana Lüdtke, Lars Korten, Julian Hanich und Dietmar Till, die auf je unterschiedliche Art und Weise inspirierend auf die hier verfolgte Theorie eines „lyrischen Gespürs“ einwirkten. Weitere wertvolle Hinweise ergaben sich zudem aus Gesprächen mit David Wellbery, Friederike Reents, Sandra Poppe, Thomas Anz, Stefan Willer und Claude Haas.

Berlin, im Juni 2011 Burkhard Meyer-Sickendiek

Einleitung

Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Horaz und Juvenals, bekannt und geläufig gemacht hat, wer den Boileau, Racine, Corneille und Moliere mit Verstande gelesen, und ihre natürliche Schönheit der Gedanken kennen gelernet; wer endlich den Longin vom Erhabenen, den Bouhours von der Art in den sinnreichen Schriften wohl zu denken, den Werenfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, den Harleqium-Horace, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsame Art des poetischen Ausdrucks verfallen: gesetzt, daß er noch so erhaben zu schreiben gesonnen wäre.1

Spätestens seit dieser Kritik Johann Christoph Gottscheds am „Schwulst“ der Lyrik Klopstocks gibt es in der Theorie der „Dichtkunst“ das Problem der Diskrepanz. Wie reagieren am historisch-klassizistischen Paradigma entwickelte Poetiken auf den Tonfall der zu ihrer Zeit aktuellen Dichtung, wie sehr sind sie in der Lage, diesen Tonfall in ihr an der Tradition gewonnenes Dichungsverständnis zu integrieren? Gottsched gelang dies offensichtlich nicht, denn seine enge und normative Orientierung am französischen Klassizismus führte bekanntlich dazu, zwei große Werke des 18. Jahrhunderts – Hallers Alpen und Klopstocks Messias – in ihrem Wert zu unterschätzen bzw. als barocken „Schwulst“ zu verkennen. Man könnte vermuten, dass Lyriktheorien seit diesem berühmten Beispiel einer regelpoetischen Fixierung sensibilisiert wären für die Notwendigkeit, sich von allzu klassizistischen Gattungskriterien stets aufs Neue zu lösen, um so der Dichtung ihrer Zeit gerecht zu werden. Dass dem nicht so ist, verdeutlicht das Beispiel Wilhelm Dilthey, der zwar 1906 in Das Erlebnis und die Dichtung betonte, wie sehr „diese Grundrichtung unserer Literatur, wie sie in Klopstock kulminierte, in ihrem Recht gegenüber den gelehrten Experimenten der Leipziger Schule“2 gewesen sei. Wenngleich Dilthey jedoch die Loslösung der Lyrik Klopstocks und später Goethes von den strengen Vorgaben der Gottschedschen Regelpoetik begrüßte und bekanntlich in seinem Begriff des „Erlebnisses“ bzw. der „Erlebnislyrik“ theoretisch zu fassen suchte, so hinderte ihn dieses Wissen dennoch nicht daran, in die nämliche Falle zu tappen, also erneut im Namen der „zeit- und raumlosen Ideale“ der goethezeitlichen Ästhetik die „Bevorzugung der anomalen Seelenzustände und des Seelisch-Complexen“ in der naturalistischen Literatur seiner Zeit scharf zu kritisieren.3

So sehr sich daher der Diltheysche Dichtungsbegriff in den Lyriktheorien etwa Emil Staigers, Max Kommerells oder Käte Hamburgers verfestigte, so erwartbar war die Wiederholung dieser Problematik in der Lyriktheorie des 20. Jahrhunderts. Denn gegen eben diesen von Dilthey entwickelten Begriff der Erlebnislyrik, bezogen auf die mit Klopstock einsetzende Lyrik der Goethezeit bzw. der Romantik, richtete sich die Kritik Hugo Friedrichs, der 1956 in Die Struktur der modernen Lyrik betonte, das moderne Gedicht sehe „ab von der Humanität im herkömmlichen Sinne, vom ‚Erlebnis’, vom Sentiment, ja vielfach sogar vom persönlichen Ich des Dichters.“4 Mit Autoren wie Baudelaire, Rimbaud oder Mallarmé habe sich in der Lyrik der Moderne die „radikalste Abkehr von der Erlebnis- und Bekenntnislyrik“5 vollzogen, also von eben jenen von Dilthey geprägten Kategorien.

Hugo Friedrich meinte mit Blick auf Arthur Rimbaud vor allem „die abnorme Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich“, weshalb er etwa davor warnte, „moderne Lyrik als biographische Aussage zu verstehen.“6 Nach der Goetheschen Erlebnislyrik verloren in der Folge jedoch auch die an der romantischen Lyrik etwa Eichendorffs und Brentanos gewonnenen Paradigmen ihre Gültigkeit. Dies verdeutlicht die Absage an den von Emil Staiger und Max Kommerell entwickelten Begriff der Stimmungslyrik, der wohl erstmals in Kurt Leonhards Studie über Moderne Lyrik theoretisch distanziert wurde. Demnach sei der Begriff „Moderne Lyrik“ nur dann gerechtfertigt, „wenn wir ‚Lyrik’ nicht auf ‚schöne Verse’ oder auf subjektive, passiv erlebten Stimmungen gehorchende Ergüsse beschränken.“7 Zwar hatte noch Clemens Heselhaus in seiner Studie über Deutsche Lyrik der Moderne von Nietzsche bis Yvan Goll mit Blick auf expressionistische Autoren wie etwa van Hoddis oder Lichtenstein weiterhin von deren „Stimmungsgedichten“ gesprochen.8 Dagegen vermerkte jedoch schon Jürgen Link, gerade die zeitgenössische Lyrik schärfe den Blick dafür, „dass Gedichte nicht aus ‚Stimmungen’ und ‚Gefühlen’ zusammengesetzt sind, sondern ganz konkret aus Worten, aus Sprache.“9 Ähnlich betonte Dieter Lamping mit Nachdruck, dass sich die Lyrik der Moderne von der „Erlebnis- und Stimmungslyrik“ des 18. und 19. Jahrhundert gelöst habe, indem sie „neuartige, zunächst betont nicht-realistische, verfremdende Darstellungsweisen“ verwende.10 Und Dieter Burdorf betonte eben deshalb, der Begriff der Stimmung gehöre wie der des Erlebnisses und des lyrischen Ichs zu den „problematischen Kategorien“.11

Zu den neuen und anderen Merkmalen der Lyrik des zwanzigsten Jahrhundert zählten stattdessen die „Diskontinuität“ sowie die „Simultanität“ der Wahrnehmung, das Spiel mit Paradoxie und Verfremdung, der A-mimetismus, sowie ein genereller Ich- bzw. Identitätsverlust.12 Mario Andreotti etwa bemerkte eine Verschiebung von festem Ich und kohärenter Gesamtsicht der Wirklichkeit hin zu Dissoziation in Einzelbilder, ein Vorgang, der in der modernen Lyrik anhand der „Entpersönlichung des lyrischen Ichs“ ersichtlich sei. Demnach sei moderne Lyrik „spezifisch gestisch“13: Nicht mehr der Bezug auf eine aussersprachliche Wirklichkeit, sondern die Sprache selbst als eigenständige Realität bzw. die Reduktion des Sprachzeichens „auf seine materiale Funktion“14 stehe im Zentrum, was Andreotti an Beispielen vom dadaistischen Montagegedicht bis zur Textcollage und konkreten Poesie gezeigt hat.15 Wie sehr diese Diskrepanz zwischen klassisch-romantischer und moderner Lyrik eine grundlegende Neuorientierung der Lyriktheorie notwendig erscheinen ließ, verdeutlicht etwa die These Dieter Lampings, nach welcher ein „Begriff des Lyrischen, der an klassischen und romantischen Gedichten gewonnen wurde,“ – das Beispiel ist hier die Lyrik-Theorie Emil Staigers – „für eine Beschreibung der modernen Lyrik kaum etwas hergibt.“16

Das vorliegende Buch bezweifelt diese These und will den Gegenbeweis antreten: Es behauptet, dass ein an klassischen und romantischen Gedichten gewonnener Begriff des Lyrischen sehr wohl etwas hergibt für die Beschreibung moderner und postmoderner Poesie. Zu diesem Zweck macht es den Vorschlag, den Begriff des Gespürs in die Lyriktheorie einzuführen.

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13. Oktober 2011

52. Immer muss es ein Roman sein

Wer Texten vorwirft, dass er sie nicht versteht, wirft nun einmal zunächst sich selbst etwas vor. Was kann ein Text für das Lesevermögen seiner jeweiligen Leserinnen und Leser? Sicherlich gibt es Texte, deren Inhalt und Güte sich nur jenen erschließen, die über eine gewisse Leseerfahrung und Bildung verfügen – und über die Frage, ob dies so sein muss, lässt sich streiten. Dies jedoch ist nicht der Kern des Vorwurfs, der Jahr um Jahr gegen komplexe Texte allgemein und gegen Lyrik insbesondere vorgebracht wird. Diejenigen, die nicht bereit sind, sich mit einem kurzen Text länger zu befassen, als die reine Erfassung der Buchstaben braucht, machen Texten zum Vorwurf, dass sie sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Sie werfen einem Text somit vor, dass er Arbeit macht.

Was sie stattdessen lesen wollen, ist, was sie schon kennen: einen Familienroman, einen Wenderoman, einen Roman über »Zeitthemen«. Immer muss es ein Roman sein, immer muss er literarisch einigermaßen belanglos sein, immer muss er behandeln, was man schon kennt. Sexszenen sollten auch drinstehen. Die Erkenntnisse, die man als Leserin und Leser solcher Bücher haben kann, sind dementsprechend. Wer ohnehin nicht wissen will, was »die Wende« war, wird es auch aus einem Wenderoman nicht herauslesen können. Wer in einem Roman »über Asien« nichts anderes lesen will, als dass die moderne Welt irgendwie seltsam ist, und dass Männer und Frauen irgendwie nicht zusammenpassen, sich aber trotzdem lieb haben sollten, der will »über Asien« nichts wissen, sondern sucht für seine Re-Lektüre des Immergleichen nur ein neues »exotisches« Ambiente.

So argumentieren die Feindinnen und Feinde des Intellekts seit Jahrhunderten, nicht erst seit 1933. Doch mit der Auslöschung und Selbstauslöschung der bürgerlichen Klasse und des selbstbewussten Proletariats fand der Krieg gegen die Moderne und gegen die Komplexität nun auch in den gehobenen Feuilletons statt, und, in völliger Verklärung eines zur eigenen Lesefaulheit gut passenden Volksgeschmacks, nach 1945 auch auf Seiten der Linken. Als 1968 Hans Magnus Enzensberger, Walter Boehlich und Karl Markus Michel wohlbegründet nach der Rolle des Autors fragten und mutmaßten, er sei vielleicht gestorben, machten die Feindinnen und Feinde der Literatur daraus gleich den Tod der Literatur. Das fanden sie gut, auch wenn sie zunächst greinten. / JÖRG SUNDERMEIER, Jungle World 

Mehr:

Reime sind Schweine
TIMON ENGELHARDT: Ein Nachruf auf die Lyrik

André Breton sah es so:

Dagegen erscheint mir die realistische Haltung, seit Thomas von Aquin bis zu Anatole France vom Positivismus inspiriert, als jedem intellektuellen und moralischen Aufschwung absolut feindlich. Sie ist mir ein Greuel, denn sie ist aus Mittelmäßigkeit gemacht, aus Haß und platter Selbstgefälligkeit. Aus ihr resultieren heute diese lächerlichen Bücher, diese beleidigenden Theaterstücke. Ständig holt sie sich Rückhalt in der Tagespresse und bringt Wissenschaft und Kunst in Verlegenheit, indem sie sich bemüht, dem niedrigsten Geschmack der allgemeinen Meinung zu schmeicheln: an Dummheit grenzende Klarheit, das Leben von Hunden. Noch im Wirken der besten Köpfe macht sie sich bemerkbar; das Gesetz der geringsten Anstrengung drängt sich ihnen am Ende auf wie allen anderen auch. Eine belustigende Folge dieses Tatbestands ist in der Literatur zum Beispiel die Überfülle von Romanen. Jeder steuert da seine kleine “Beobachtung” bei.

Aus: Erstes Manifest des Surrealismus. In: Günter Metken (Hg.): Als die Surrealisten noch recht hatten. Texte und Dokumente. Hofheim: WOLKE Verlag 1983, S. 24.

 

6. September 2011

25. Landsberger Poesieautomat

Einsortiert unter: Deutsch, Deutschland — Schlagworte: , , — lyrikzeitung @ 11:15

Im Marbacher Literaturmuseum der Moderne (LiMo) entsteht große Lyrik auf Knopfdruck. In der hohen Eingangshalle wird der Gast von einer großen Anzeigetafel empfangen, die der eines Flughafens nicht unähnlich ist. Doch statt profane Abflugzeiten anzuzeigen, spuckt die schwarze Tafel Gedichte im Akkord aus. Es ist der “Landsberger Poesieautomat”, entwickelt vom Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Ein beherzter Druck auf den schwarzen Buzzer, danach 40 Sekunden Bedenkzeit für die Maschine – und mit einem Rattern bilden die Buchstabentafeln immer wieder neue Sechszeiler. “Einstweilen noch zähflüssige Schlussrunden. Grundsätzlich sparen!”, heißt eine Zeile. / Christoph Neethen, Leonberger Kreiszeitung

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