René Depestre 100 + 2

605 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Zumindest in seinem Geburtsland Haiti und in Frankreich wurde der 100. Geburtstag des großen Dichters René Depestre groß gefeiert. Nicht erst am eigentlichen Geburtstag, dem 29. August, sondern ein ganzes Jahr lang – mit Veranstaltungen in Haiti (das ihm ein nationales René-Depestre-Jahr widmete) und Frankreich, unter anderem in der Bibliothèque nationale de France, mit internationalen Kolloquien und Lesungen. Dann stellte sich heraus: Das Jubiläum kam zwei Jahre zu spät.

Depestre, dessen Geburtsjahr in allen Nachschlagewerken bis heute mit 1926 angegeben wird, wurde tatsächlich am 29. August 1924 in Jacmel auf Haiti geboren. Recherchen in haitianischen Personenstandsakten bestätigten, was der Dichter selbst erklärt hatte: Eine Verwechslung hatte ihm zwei Lebensjahre genommen. Am 29. August 2026 feierte er daher nicht seinen 100., sondern bereits seinen 102. Geburtstag.

Depestre lebt seit rund vierzig Jahren im südfranzösischen Lézignan-Corbières. Dort wurde er an seinem 102. Geburtstag mit der Ehrenmedaille der Stadt ausgezeichnet. Der weiterhin literarisch aktive Dichter bezeichnete die kleine Geburtstagsgesellschaft als einen „Leuchtturm in der Nacht seiner 102 Jahre“.

Hier sieht man ihn auf einem Foto vor der Geburtstagstorte mit der „102“ darauf.

René Depestre gehört zu den bedeutendsten Stimmen der haitianischen und frankophonen Literatur. Sein von Revolution, Exil, Haiti, Erotik und einer Poetik des „réel merveilleux“ geprägtes Werk begleitet inzwischen mehr als acht Jahrzehnte Literaturgeschichte. Noch 2026 erhielt er den Prix Goncourt de la poésie.

Zu seinem 102. Geburtstag heute ein Gedicht aus der Jugend des Dichters.

René Depestre 

(* 29. August 1924 in Jacmel, Haiti)

Ich hier

Für Gérard Chenet
Ich hier
Bürger der Antillen 
zitternde Seele
ich trachte die neuen Bastillen zu erstürmen.
Ich bringe auf sonnendurchglühten Äckern 
die Ernte von Menschlichkeit ein 
ich frag das Vergangene 
entstelle was gegenwärtig 
bekränze was sein wird
Sonne atmet mein ganzes Sein!

Ich hier 
des fernen Afrikas Sohn
Vorreiter verrückter Ideen.
Das Licht suche ich 
und die Wahrheit suche ich 
und voll Liebe für meines Vaterlands Seele.

Ich hier
Schwarzer voll riesigen Hoffens 
mein Leben werf ich 
ins kosmische Wagnis des Dichtens 
alle Vulkane entfacht hab ich 
auf daß die neue Erde meines Denkens entzündet 
und gestürzt hab ich 
mit prachtvollem Putsch 
alle die nebelhaften Lehren der Kindheit.

Ich hier 
Arbeiter
ich spüre den Atem der Tollheit grollen in mir 
und ich fühle erzittern die Wut des Betrogenen 
und aller farbigen Menschheit Blut 
bringt meine dunklen Adern zum Platzen 
alle Rassen verschmolzen das hab ich 
in meinem lodernden Herzen.

Ich hier 
Dichter
Jüngling
folg ich dem machtvollen Traum von Liebe und Freiheit.

Deutsch von Rainer Arnold aus: René Depestre, Aus dem Tagebuch eines Meerestieres. Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Fritz Rudolf Fries. Berlin: Volk und Welt, 1986, S. 9/11. Das Gedicht erschien zuerst in dem Band Étincelles (Funken), 1945.

Me voici

A Gérard Chenet
Me voici 
citoyen des Antilles 
l'âme vibrante
je vole à la conquête des bastilles nouvelles
Je glane dans les champs ensoleillés 
des moissons d'humanité 
j'interroge le passé 
je mutile le présent 
j'enguirlande l'avenir 
tout mon être aspire au soleil!

Me voici
fils de l'Afrique lointaine 
partisan des folles équipées.
Je cherche la lumière 
je cherche la vérité
je suis amoureux de l'âme de ma patrie.

Me voici
nègre aux vastes espoirs 
pour lancer ma vie 
dans l'aventure cosmique du poème 
j'ai mobilisé tous les volcans 
que couvait la terre neuve de ma conscience 
et j'ai renversé
par un pompeux coup d'état 
toutes les disciplines nuageuses de mon enfance.

Me voici 
prolétaire
je sens gronder en moi la respiration des foules 
je sens vibrer en moi la rage des exploités 
le sang de toute l'humanité noire 
fait éclater mes veines bleues 
j'ai fondu toutes les races 
dans mon cœur ardent.

Me voici 
poète 
adolescent
poursuivant un rêve immense d'amour et de liberté.

Ebd. S. 8/10

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