variationen zum zet

627 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Róža Domašcyna schreibt auf Deutsch und Obersorbisch und „überträgt“ ihre Texte selbst zwischen beiden Sprachen – oder vielleicht besser: schafft sie neu in der anderen Sprache? Sind doch die beiden Fassungen keine wortgetreuen Übersetzungen voneinander.

Ausgangspunkt ist der sorbische Dichter Jurij Chěžka. Die obersorbische Fassung bezeichnet sich ausdrücklich als „swobodnje po motiwje Jurja Chěžki“ – frei nach einem Motiv von Jurij Chěžka. Damit entsteht ein mehrfaches Gespräch: Domašcyna antwortet Chěžka, das Obersorbische antwortet dem Deutschen oder vermutlich umgekehrt und eine Fassung verändert die andere.

Im Zentrum steht der Buchstabe z beziehungsweise zet, das letzte Zeichen beider Alphabete. Aus ihm entwickelt Domašcyna eine ganze Sprachlandschaft. Im Deutschen häufen sich Wörter wie „Zeichen“, „Zeit“, „Ziffern“, „Zucken“, „Zugzeit“, „Zebra“, „Zenit“, „Zeltzeit“, „Zäune“, „Zehen“ und „Zarge“. Das z ist nicht nur Thema, sondern erzeugt das Gedicht klanglich und semantisch.

In der obersorbischen Fassung wird dieses Verfahren noch auffälliger. Fast jede Zeile, ja fast jedes Wort wird von Lautfolgen um z, zw, zy, ze, zo, za, zh geprägt. Wörter wie „zynko“, „zymolicu“, „zynčate“, „zymow“, „zhibowachu“, „zasywach“, „zawołaki“, „zwotróćichu“, „zwučnje“ oder „zymicy“ lassen das Gedicht zu einem aus dem Buchstabenmaterial selbst hervorgehenden Sprachkörper werden. Übersetzen bedeutet hier deshalb nicht, einen identischen Inhalt in einer anderen Sprache wiederzugeben. Beide Sprachen stellen jeweils anderes Material für das poetische Spiel bereit.

Zugleich zieht sich durch die deutsche Fassung ein zweites Leitmotiv: die Zeit. Kindheit und „Neuzeit“, Uhr und Ziffern, Stunden und „Zugzeit“ führen bis zur abschließenden Frage: „wann ist die zeit dir zuvorgekommen“. Aus dem Spiel mit dem letzten Buchstaben des Alphabets wird damit unversehens ein Gedicht über Vergänglichkeit.

Róža Domašcyna

Variationen zum grünen zet

                          nach einem 
                          motiv von 
                          Jurij Chěžka

ich mochte dich z 
du letztes zeichen meines alfabets 
anfang den ich buchstabierte: zet 
für neuzeit kindzeit 
wo die uhr ein kreis war 
die ziffern lichtpunkte zwischen dem zucken 
das ich zerlegte zusammensetzte aufzog 
zergrübelte stunden denen ich zusprach 
untiefen lotete türme erstieg 
zugzeit mit dem zebra zum zenit 
zeltzeit wo die zäune nicht umzäunung waren 
meine zehen leichten fußes drüberzogen 
keine zarge zu breit war

wann ist die zeit dir zuvorgekommen

Aus: Róža Domašcyna, Zwischen gangbein und springbein. Gedichte. Zeichnungen von Maja Nagel. Berlin: Gerhard Wolf Januspress, 1995, S. 9

Jurij Chěžka (1917-1944), sorbischer Dichter.

Wariacije na zelene zet

swobodnje
po motiwje
Jurja Chěžki

wobkusowach će
posledni zynko mojeho alfabeta
započatko pismikowanja: zet
za złotušku zymolicu zawiwak
zynčate zawostajenstwo zlutniwych zymow
zo zabaleše zapleńčenje zeznaće
a zakuklenja zwady do zmjetkow zhibowachu
hdźež zasywach zawołaki a zběrach zbožopřěća
zdwórliwe zasodaća
zezhibowachu zakročenja
zwotróćichu zahladanje
zwučnje zazwoni so w zwóńcy
mi zeswita zludanje zapřěća
zhrabach so ze syčawku na jazyku
mi zymicy zornješko zeschadźa

Ebd. S. 8

Ich habe mir von KI eine möglichst wörtliche Übersetzung des sorbischen Texts anfertigen lassen.

Variationen zum grünen Zet

frei
nach einem Motiv
von Jurij Chěžka

ich versuchte dich
letztes Zeichen meines Alphabets
Anfang des Buchstabierens: Zet
für ein Goldstück, ein Winterchen, einen Wirbel
gezacktes Zurückbleiben eisiger Winter
aus dem Eingewickeltsein Verflechtung, Erkennen
und aus der Verpuppung wanden sich die Streitigkeiten zu Resten
wo ich Ausrufe aussäte und Getreidewünsche erntete
höfliche Setzungen
verbogen die Schritte
kehrten das Hinschauen um
klangvoll erklang es in der Glocke
aus der Welt leuchtet mir die Täuschung des Verbots
ich raffte mich mit einem Zischen auf der Zunge zusammen
aus dem Winter geht mir das Morgenrot auf

KI kommentiert:

Einige Stellen sind im Sorbischen stark wortspielerisch und teilweise eigensinnig gebildet, sodass eine glatte deutsche Übersetzung gerade das Wesentliche verlieren würde. Besonders auffällig ist die fast obsessive Häufung von z-, zy-, zw-, ze-, zh- und za-Lauten. Das Gedicht führt also praktisch vor, was es mit dem „letzten Zeichen meines Alphabets“ ankündigt.

Bei einigen schwierigen Wörtern würde ich die Übersetzung noch nicht als endgültig ansehen. Besonders „złotušku zymolicu zawiwak“, „zynčate zawostajenstwo zlutniwych zymow“, „zbožopřěća“, „zasodaća“ und „zludanje zapřěća“ sollte man lexikalisch genauer auseinandernehmen. Gerade dort scheint Domašcyna mit Ableitungen, Mehrdeutigkeiten und lautlichen Nachbarschaften zu arbeiten.

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