Musik der Frühe

186 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Ernst Stadler

 (* 11. August 1883 in Colmar, Elsass; † 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde nahe Ypern in Belgien)

In der Frühe

Die Silhouette deines Leibs steht in der Frühe dunkel vor dem trüben Licht 
Der zugehangnen Jalousien. Ich fühl, im Bette liegend, hostiengleich mir
               zugewendet dein Gesicht.
Da du aus meinen Armen dich gelöst, hat dein geflüstert
               »Ich muß fort« nur an die fernsten Tore meines Traums gereicht –
Nun seh ich, wie durch Schleier, deine Hand, wie sie mit leichtem Griff
               das weiße Hemd die Brüste niederstreicht...
Die Strümpfe... nun der Rock... Das Haar gerafft... schon bist du fremd,
               für Tag und Welt geschmückt...
Ich öffne leis die Türe... küsse dich.... du nickst, schon fern, ein Lebewohl...
               und bist entrückt.
Ich höre, schon im Bette wieder, wie dein sachter Schritt im Treppenhaus
               verklingt,
Bin wieder im Geruche deines Körpers eingesperrt, der aus den Kissen
               strömend warm in meine Sinne dringt.
Morgen wird heller. Vorhang bläht sich. Junger Wind und Sonne will herein.
Lärmen quillt auf.... Musik der Frühe ... sanft in Morgenträume eingesungen
               schlaf ich ein.

Aus: Die schönsten Liebesgedichte aus sieben Jahrhunderten. Hamburg: Xenos, 1993, S. 526

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