Müde Raubtiere

202 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Maurice Maeterlinck

(* 29. August 1862 in Gent; † 6. Mai 1949 in Nizza)

Müde Raubtiere

O die verrauschten Leidenschaften!
Der Träume Flut, des Lachens Klang!
Unter dem welken Laub erschlafften 
Mit halbgeschloßnen Lidern, krank, 

Die gelben Hunde meiner Sünden 
Und meines Hasses schielende Hyänen, 
Und auf verdroßnen bleichen Wiesengründen 
Seh' ich die Löwen sich der Liebe dehnen!

In ihres Traumes Ohnmacht hingekauert 
Und müde unter schlaffem Himmel, 
Der trüb und farblos niedertrauert, 
So seh' ich ihren Blick auf dem Gewimmel

Der Lämmer der Versuchung haften, 
Die langsam, eines nach dem andern, 
Im stillen Mondschein weiterwandern –
Und stille ruhn sie, meine Leidenschaften...

Deutsch von K. L. Ammer, aus: Fin de siècle. Erzählungen, Gedichte, Essays. Hrsg. Wolfgang Asholt und Walter Fähnders. Stuttgart: Reclam, 1993, S. 33f

Fauves las

Ô les passions en allées 
Et les rires et les sanglots! 
Malades et les yeux mi-clos
Parmi les feuilles effeuillées,

Les chiens jaunes de mes péchés, 
Les hyénes louches de mes haines, 
Et sur l’ennui pâle des plaines 
Les lions de l'amour couchés!

En l’impuissance de leur rêve 
Et languides sous la langueur 
De leur ciel morne et sans couleur, 
Elles regarderont sans trève

Les brebis des tentations 
S’éloigner lentes, une à une, 
En l’immobile clair de lune,
Mes immobiles passions.

Erstveröffentlichung 1889

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