TrakTat

572 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Heute vor drei Jahren starb Bert Papenfuß. Lyrikzeitung begann damals eine Reihe: aus jedem Buch von Papenfuß ein Gedicht.

Heute das 16. der Serie. (Bei dem Tempo brauche ich noch 17 Jahre!)

1996 erschien als 5. Band der „Gesammelten Texte“ bei Gerhard Wolf Janus press: TrakTat zum Aber. gedichte 1981-1984. Dem Band beigelegt ist ein Blatt mit einem geheimen Spitzelbericht über den jungen Dichter. – Ja, der Geheimdienst des Landes DDR kümmerte sich um seine Dichter! Tausende Seiten Dossiers zeugen davon. Die Blätter 141 und 142 aus Band 4 der OPK (Operativen Personenkontrolle) mit dem sinnigen Decknamen „Fuß“ enthalten Empfehlungen zur Förderung seiner dichterischen Fähigkeiten. Es ist datiert auf den 29.9.1980 und mit einem Kürzel gezeichnet. Die Ausgabe von 1996 versieht das Papier mit einer Überschrift:

Einige Empfehlungen für den künftigen mutigen und geduldigen Mentor

Auszug:

Wenn gewisse Kreise einen solchen „freischaffenden Schriftsteller“ benötigen, um ihre Reihen der Mißgunst gegenüber dem sozialistischen Realismus in der Dichtkunst zu stärken, ihn durch feige Lobhudelei vor ihre Front schieben, so scheint es intellektuell recht ärmlich um diese Kreise bestellt zu sein und veranschaulicht einen krassen Personalmangel. Die sogenannten Gedichte dieses „Freischaffenden“ haben nur einen Sinn, nämlich den, daß man unmißverständlich an der Art der Zuneigung oder Ablehnung dieser Lyrik erkennt, wessen Geistes Kind der Rezensent ist. Dem „Dichter“ fehlt es nicht nur an geistig-moralischer Erfahrung, sondern er ist den nötigen handwerklichen Fähigkeiten genauso entfernt, wie den Werktätigen, die ihm täglich die Fahrt mit der Straßenbahn für 0,20 M ermöglichen.
(…) Noch bestehende Widersprüche in der Gesellschaft listig aufzudecken und für uns alle durchschaubar und lösbar literarisch aufzuarbeiten, erfordert nicht nur einen logischen dramaturgischen roten Faden, sondern auch eindeutige Parteinahme für die Gesellschaft, in der man lebt und für die man schreibt. Handwerkliche Fähigkeiten dazu vorausgesetzt. Da ihm diese aber fehlen, dazu sein politisches Allgemeinwissen verbildet ist und eine Parteinahme für uns verstellt, wird der zukünftige Mentor viel Geduld aufbringen müssen, ihn von seiner jetzigen Form – einer Mischung aus kindischer politischer Gegnerschaft in pubertärer Punk-Lyrik verarbeitet, mit einem Schuß Dadaismus und angelesenem Morgenstern versehen und das Ganze durch eine hemmungslose Verachtung gegenüber der deutschen Grammatik verwirrt – abzubringen. Die Sonettkunst von Becher sollte er studieren und diese strenge Form der Lyrik zunächst beherrschen lernen. Sie werden ihm helfen, seine Gedanken zu straffen und die Worte für den Leser an die für die Aussage nützlichste Stelle zu setzen. Die geistige Frische Brechts und die fast mathematisch-logische Handhabung von guten Argumenten in seinen freien Rhythmen und die der Aussage dienlichen Wortspiele von ihm, sollten unserem „Dichter“ Lehrstücke sein. Nicht zu vergessen, die in einfachen Worten und glänzender Logik erreichte Aussage in der Lyrik Kurt Demmlers. Er sollte das Leben studieren, Menschen beobachten – ihre Sorgen und Siege kennen und dann mit ihnen fühlen – und dann für sie schreiben. Das was er bisher vorgelegt hat, ist für unser kostbares und knappes Papier zu schade.

Man sieht, der Geheimdienst hatte literarisch interessierte und, naja na Gott naja, versierte Mitarbeiter.

Hier Nummer 28 (von 31) „solchen -witzen, real existierenden Fortspülen“ des Zyklus TrakTat zum Aber.

Bert Papenfuß

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023 in Berlin)

28) 
Verwarnung (ungültig!)

in eben noch freie felder
einen scheiss hauf' ich hin
eine gesellschaft ich hin
& überbau sie zu bedachen
piss ich immer noch an masse
drekkstekken betonklötze usw.
will ich mit macht massiv
zwar nichts zu tun haben

Aus: Bert Papenfuß, TrakTat zum ABER. Gedichte 1981 bis 1984. Berlin: Gerhard Wolf Janus Press, 1996, S. 34

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