Melancholie

173 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Albert Vigoleis Thelen

(* 28. September 1903 in Süchteln am Niederrhein; † 9. April 1989 in Dülken am Niederrhein) 

Kleine Melancholie

Eine kleine Melancholie 
rutscht mir den Buckel runter.
Schon beim Aufstehn spür ich sie, 
bis mittags erreicht sie die Bauchpartie 
und hält die Verdauung munter.

Eine kleine Melancholie 
steigt mir in die Augen.
Bis zur Träne kommt es nie –
weinen können wohl nur die, 
die zum Leben taugen.

Eine kleine Melancholie 
klingt mir in den Ohren.
Stört der Weise Harmonie –
und doch bin ich ohne sie 
wie ein Takt verloren.

Eine kleine Melancholie 
klopft in meinem Herzen.
Bleicht das Blut zur Anämie –
Lebensflamme, leuchtest nie 
froh mit tausend Kerzen.

Eine kleine Melancholie 
schwingt in meinen Reimen.
Manchem Leser schmecken sie 
nach höherem Blödsinn und Anarchie, 
die auf meinem Pessimistbeet keimen.

Meine kleine Melancholie, 
bleib mir auf den Socken!
Sei mein Engel spät und früh, 
du weißt, ich bin kein Freudenvieh –
ich brauche den saueren Brocken.

Aus: „Komm, heilige Melancholie“. Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte. Mit Ausblicken auf die europäische Melancholie-Tradition in Literatur- und Kunstgeschichte. Herausgegeben von Ludwig Völker. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1983, S. 260f

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