Shakespeare 18

Kollektivübersetzung

Zum heutigen 405. Todestag William Shakespeares (jedenfalls nach dem gregorianischen Kalender) ein Experiment und ernstes Spiel. Sonett 18 des Meisters hier mit der Erstveröffentlichung einer kollektiven Fassung von 14 Übersetzern. Aus Shakespeares Englisch in mehr oder weniger unser, mehr oder weniger Deutsch übersetzt. Die Leserin wird finden*, dass einzelne Zeilen in verschiedene deutsche Mundarten übersetzt sind: Sächsisch, Berlinisch und Kanak Sprak. Eine Zeile ist gar nicht Deutsch, sondern Jiddisch, aber für Leser des Deutschen mit wenig Mühe verständlich. Das Deutsch reicht vom 19. bis zum 21. Jahrhundert.
Das entstandene Produkt ist ein Spiel, aber keinesfalls parodistisch. Zwar klingt die Verwendung des Sächsischen und Berlinischen in unseren Ohren eher lustig, aber das muss ja nicht so bleiben, die Sprache ist im Fluss, auch die Sprache der Literatur.
Da der Herausgeber dieser Zeitung nicht mitgedichtet hat, ist das Lob erlaubt: ich finde diese kollektive Version schöner als viele, die ich schon gelesen habe, auch solche von be- und gerühmten Dichtern, ich sage nicht die schönste, aber schöner als die von Stefan George oder Karl Kraus allemal. Georges Nach-Dichtungen sind zum Beispiel von zweifelhaftem Ruhm, weder getreu noch sonderlich schön. Sein Beitrag zu dieser Kollektivübersetzung aber ist tadellos (finden Sie ihn heraus?). Unsere Übersetzung ist streng in Versmaß (jambische Zehnsilber) und Reimschema. Sie hat durchweg „männliche“ Reime – während die Mehrzahl der Übersetzungen ins Deutsche zwischen männlichen und weiblichen abwechseln. Der Inhalt ist so getreu übertragen, wie es geht – dem Geist nach, nicht den Buchstaben. Der zeilenweise Wechsel der Stilebenen parodiert nicht, sondern frischt die Sprache auf. Beteiligt waren – nicht in der Reihenfolge des Auftretens, sondern in alphabetischer Folge: Abraham Asen, Stefan George, Paula Ginkgo (Pseud.), Wilhelm Jordan, Kerim Köstebek (Pseud.), Karl Lachmann, E. F. G. O. von der Malsburg, Alexander Neidhardt, Hansi Palme (Pseud.), Terese Robinson, Susanne Steuer, Ludwig Tieck, Frank Viehweg, Hannchen Walter (Pseud.).
Entnommen habe ich alle Zeilen dem wunderschönen Band „…lesen, wie krass schön du bist konkret“. William Shakespeare, Sonett 18, vermittelt durch deutsche Übersetzer. Dozwil/Schweiz: EDITION SIGNAThUR, 2003.

Die Zeilen sind der Quelle ohne Umstellungen entnommen mit Angleichung der Groß- und Kleinschreibung (auch beim jiddischen Text, der keine Großschreibung kennt) und der Zeichensetzung am Ende der Zeilen. Außerdem wurde im jiddischen Text die Transkription im Wort sumer (in der Quelle zumer) an die deutsche Aussprache angepasst.
Erklärung der jiddischen Wörter: eibik = ewig; wet = wird, sumer = Sommer. Die Typographie (keine Leerzeile, Einrückung der letzten zwei Verse) wurde an das englische Original angepasst. Ich hoffe und wünsche, dass sich niemand ärgern , sondern wo möglich Spaß haben möge.

*) Der Leser wahrscheinlich auch

Aus: Sonnets and Poems. By William Shakespeare. London: Sands & Co., 1898, S. 18 (Pocket Falstaff Edition)
Ein Sommertag ist kein Vergleich mit dir,
denn deine Dembradur, de schwangt nisch su.
Wie ick in Mai noch unta 'n Linden frier,
schnell geht des Sommers Pacht dem Ende zu.
Zu heiß scheint oft das Aug am Himmelszelt
und oft hüllt Dunkel seine goldne Spur.
Jedwedes Schön vor seinem Schein verfällt
im Zufallsspiel, im Wechsel der Natur.
Doch eibik leben wet dain Sumers Pracht,
dein Schönes sei vor dem Verlust gefeit.
Nie rühmt sich Tod, du gehst in seiner Macht.
In ewigen Reimen strahlst du durch die Zeit.
  Solang die Welt noch sieht, noch Atem weht,
  sie lesen, wie krass schön du bist konkret.

3 Comments on “Shakespeare 18

  1. William Shakespeare
    18. SONETT

    Bist du vergleichbar, einem Sommertag?
    Du bist verträglicher und noch mehr lieb.
    Der Wind ist oft im Mai ein Blütendieb,
    der Sommer bleibt nicht lang, wie ich ihn mag.
    Das Aug des Himmels scheint manchmal zu heiß,
    der Glanz der Sonne ist sehr oft getrübt,
    weil alle Schönheit auch etwas abgibt,
    und weil sie abnimmt, wie ja jeder weiß.
    Doch nur Dein Sommer bleibt und geht nicht weg,
    denn Deine Schönheit, die bleibt wunderschön;
    und Du wirst nie fort zu den Schatten gehn,
    weil ich in ewige Musik Dich leg.
    Solang ein Mensch noch Atem hat und Licht,
    solang atmest Du in diesem Gedicht.

    Übersetzt von Martin Winter im Mai 2021

    Gefällt 2 Personen

      • Danke Dir! Bin normalerweise im Zweifelsfall eher nicht für Reime. Und ob etwas Jambus ist oder sonst ein Verkehrsmittel, darüber denk ich nicht gerne nach, wenn ich gerade schreibe. Das obige Spiel ist eine tolle Idee, gefällt mir sehr. Ich habe das Resultat zuerst nicht gelesen, sondern eben selbst versucht, was ich kann, oder konnte. Übrigens, ist heute nicht der 100. Geburtstag von Erich Fried? Oder war der gestern? Fried hat Shakespeare übersetzt, ich glaube alle Stücke, und Dylan Thomas und mehr. Und heute ist Tag der Pressefreiheit. Ich weiß nicht, ob meine Übertragung von der Sprache her nicht zu altmodisch ist. Umgangssprache, Alltagssprache, dafür bin ich allermeistens. Dein Zuspruch freut mich jedenfalls sehr.

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