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31. Talent ohne Geld hilft wenig

Goethes eigene Haushaltsführung war aufwendig, sein gesamtes Ministergehalt ging dafür drauf. Ein Wanddiagramm in der Ausstellung zeigt allerdings, dass der Dichter Einkünfte aus vielfältigen Quellen bezog. Die Honorare machten dabei, aufs Ganze seines Lebens gesehen, den dicksten Batzen aus. Eine «halbe Million» seines Privatvermögens, bilanzierte der alte Goethe rückblickend, sei durch seine «Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiss». Auch künstlerische Autonomie muss man sich leisten können. Der reife Goethe hatte dem Geniekult seiner Stürmer-und-Dränger-Zeit abgeschworen, er sah klar die glücklichen Bedingungen, die sein Fortkommen befördert hatten, wenn er notierte: «Es ist nicht genug, dass man Talent habe, es gehört mehr dazu, um gescheit zu werden; man muss auch in grossen Verhältnissen leben, und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten zu sehen und selber zu Gewinn und Verlust mitzuspielen.» / Joachim Güntner, NZZ

Goethe und das Geld. Der Dichter und die moderne Wirtschaft. Bis 30. Dezember im Goethe-Haus Frankfurt. Katalog 279 S., 25 €.

114. Zerbrochen

Im Frankfurter Literaturhaus sprach Durs Grünbein  mit der Literaturkritikerin Insa Wilke über seinen neuen Lyrik-, nein, Gedichtband, denn: „Die Lyra ist zerbrochen, die Lyrik ist gestern gestorben.“ Der Prosa prophezeite der Dichter aus Berlin eine große Zukunft als Ergründerin der menschlichen Psyche – vor allem dem gängigen Familienroman, nach dem ihn Hausherr Hauke Hückstädt gefragt hatte. Für ihn aber sei der Vers die Vertiefungsform schlechthin. / Claudia Schülke, FAZ

105. Die Dichte

Im Rahmen der EZB-Kulturtage führte Denis Cointes Performance “Die Dichte” im Schauspiel Frankfurt ein Gedicht Marie NDiayes auf. Die Autorin nahm daran teil.

Ist der inszenierte Text “Y penser sans cesse” (“Unablässig daran denken”) ein Gedicht? Gewiss – er besteht ja aus freien Versen hoher Qualität und fügt sich als erzählendes Langgedicht in eine lange Tradition. Doch hat die Prix-Goncourt-Trägerin NDiaye ihn eigens für die Performance verfasst. Da NDiaye zudem auf der Bühne vorliest, steht “Die Dichte” einer Autoren- oder szenischen Lesung nahe; hinzu kommen zwei Musiker mit ihrem bedächtigen Beitrag und Performer Cointe. Unter Projektionen Berliner S-Bahn-Fahrten lassen sie das Sprachkunstwerk erzählen, das sich sein eigenes Genre schafft: zwischen mündlicher Dichtung und Postdramatik, purer Lyrik und Poetry Slam. / Marcus Hladek, Frankfurter Neue Presse

Marie Ndiaye wurde 1967 in Frankreich geboren. 2009 erhielt sie als erste schwarze Autorin den Prix Goncourt für ihren Roman Trois femmes puissantes (deutsche Ausgabe Drei starke Frauen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010). Das Buch erlebte eine Gesamtauflage von 440.000 Exemplaren. Mit der Wahl von Nicolas Sarkozy zum Staatspräsidenten zog Marie NDiaye mit ihrer Familie nach Berlin. Nur in der französischen Wikipedia steht diese Passage:

In einem Interview in Les Inrockuptibles vom 30.8.2009 erklärte sie über das Frankreich Sarkozys: “Ich finde dieses Frankreich monströs. (…) Wir haben uns gleich nach den Wahlen entschlossen, nach Berlin zu ziehen, hauptsächlich wegen Sarkozys, selbst wenn das snobistisch klingen mag. Ich finde diese Atmosphäre von Überwachung und Vulgarität verachtenswert… Besson, Hortefeux, all diese Menschen finde ich empörend. “

Sie fügte hinzu: “Ich erinnere mich an einen Satz von Marguerite Duras, der im Kern ein bisschen albern ist, aber den ich liebe, auch wenn ich ihn nicht auf meine Kappe nehme, sie sagte: “Die Rechte, das ist der Tod.” Für mich repräsentieren diese Menschen eine Form des Todes, der Verdummung des Denkens, der verweigerten Differenzierung. Natürlich ist auch Angela Merkel eine Frau der Rechten, aber sie hat nichts mit der Rechten Sarkozys gemein: sie hat eine Moral, die der französischen Rechten fehlt.”*

* ) Interessanterweise übersetzt Googles Übersetzer das gleiche Wort droite, rechts, Rechte, dreimal anders, erst Right, dann richtig, dann Recht: ”Right, c ‘ist der Tod. … Und selbst wenn Angela Merkel eine Frau ist richtig, es hat nichts mit dem Recht der Sarkozy zu tun: Es hat ein moralisches Recht hat kein Französisch.”

 

104. Kolleg Schöne Aussicht

Das Literaturhaus Frankfurt startet ein Bildungsprojekt: das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT. Es ist für Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer und Klassen aus Frankfurt und Umgebung. Die Zukunft einer Gesellschaft sind ihre Kinder. Die Zukunftsbildung dieser Kinder aber liegt in den Händen unserer Lehrerinnen und Lehrer. Und keine Zukunft kann sich bilden ohne Gegenwartsbewusstsein. Das Literaturhaus steht für die Beschäftigung mit unserer Gegenwart, aus literarischer Sicht, in Diskussionen, Gesprächen und Lesungen, vor allem aber durch das direkte Aufeinandertreffen mit den Künstlern, Kreativen und Wissenschaftlern unserer Zeit.

Das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT bietet Austausch auf Augenhöhe, vernetzt Kultur und Schule und setzt in der schulübergreifenden Gemeinschaft des KOLLEGs kreative Impulse: außerhalb des Lehrerzimmers, abseits der Lehrpläne, fernab von Zeitdruck und unabhängig von Stundenplänen. Das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT zeigt einen neuen Weg. Es geht nicht um Abos für Lehrer und Schulklassen. Es geht um den Wissensbedarf, um die Interessen und Bedürfnisse von Lehrerinnen und Lehrern. Das KOLLEG SCHÖNE AUSSICHT fördert Austausch und Freiräume, es schafft und eröffnet Ideenlandschaften und Sinninseln. In exklusiv und auf Wunsch arrangierten Begegnungen und Gesprächen werden Lehrerinnen und Lehrer mit Kunstschaffenden oder Institutionen zusammengebracht. Sie erhalten Einblicke, die nicht buchbar sind. Individualveranstaltungen und Bildungsangebote, Treffen mit Verlagen und Autoren, Übersetzern und Lektoren, Cutterinnen und Filmemachern stehen ebenso in Aussicht wie der monatliche Jour-Fixe. Das KOLLEG in den Räumen des Literaturhauses ist für die Lehrerinnen und Lehrer das Forum zum Mitreden, Gestalten und Diskutieren und dient als Plattform für Vorschläge und Anregungen, Gedanken und Entwürfe, Perspektiven und Standpunkte.

Unser Programm für Lehrer:

30.06. / 17 h
Gartenlesung in Franfkurt-Eschersheim mit Christian Lux und Simone Kornappel – nur nach Anmeldung

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84. “Zentrum der lyrischen Gesamtkultur”

Auch t-online macht sich um Lyriknachrichten verdient. Eben wieder:

Das Zentrum der Volkspoesie befindet sich in einem unscheinbaren Büroraum in der Frankfurter Innenstadt. Nur die unmittelbare Nachbarschaft zum Geburtshaus Johann Wolfgang von Goethes erinnert an Lyrik. Und doch laufen hier die Fäden des “Jahrbuchs für das neue Gedicht” zusammen – ein Band mit gut 5.000, größtenteils von Hobbydichtern eingereichten Werken.

Die “Frankfurter Bibliothek” bündelt nicht vorrangig Werke der Hochliteratur, sondern vielmehr Zeugnisse der lyrischen Gesamtkultur, “Gedichte aus der Mitte der Gesellschaft”, betont Markus von Hänsel-Hohenhausen, Begründer der herausgebenden Brentano-Gesellschaft. “Neben Spitzenleistungen drucken wir vor allem Gelegenheitsdichtungen und Verse aus dem Alltag ab.”

Ists auch nicht Lyrik, hat es doch Methode. Krämer siehst du, aber keine Dichter (heute ist Hölderlins Geburtstag – auch einer, der aus Frankfurt verjagt wurde…) Goethe wußte, warum er da wegging, und Ulla Berkewicz… Aber der zweite Satz hat einen Beigeschmack von Wahrheit, wenn auch vielleicht unfreiwillig.

32. Arabische Kulturrevolution

‘Hast du jemals davon geträumt, dass die einfachen Leute auf die Straße gehen und “nein” sagen könnten?’ Der aus dem Irak Saddam Husseins geflohene, heute in Deutschland lebende Schriftsteller und Lyriker Abbas Khider – Verfasser des Romans ‘Der falsche Inder’ (Edition Nautilus) – stellte diese Frage seiner ägyptischen Kollegin Mansura Eseddin bei den Arabischen Literaturtagen an diesem Wochenende in Frankfurt.  …

Auffällig an diesen Literaturtagen war, in welchem Maße schreibende Frauen diskursbestimmend waren. Man ahnt im Gegenzug die Krise der patriarchalischen arabisch-männlichen Identitäten. Vielleicht sind ja die Frauen das Subjekt einer arabischen Kulturrevolution, die bereits im Gange ist und auch keines Voltaire mehr bedarf, dessen Fehlen Boualem Sansal beklagte. Wenn das kein ‘arabischer Traum’ ist, wie jener, von dem Abbas Khider in Frankfurt als ‘von einer neuen Art Liebe’ sprach. Das wäre dann auch Politik und erst recht Literatur. / VOLKER BREIDECKER, Süddeutsche Zeitung 23.1.

25. Wegbereiter

Zu Hübschs erstem Todestag erinnerten Freunde und Bewunderer nun in der Frankfurter Batschkapp an den Autor, der als einer der Wegbereiter alternativer Literaturformen wie Poetry Slam oder Social Beat gilt. Hübschs lyrisches Werk war von einer großen Liebe zur Musik durchdrungen, was bei seinen Lesungen spürbar war, die eher an explosive Rockkonzerte als an gepflegte Salonkultur erinnerten. Die Batschkapp war deshalb ein mehr als geeigneter Ort für den Gedenkabend, zumal Hübsch dort selbst während der Buchmesse einige Male eigens für diese Gelegenheit verfasste Gedichte vortrug, übrigens ausgerechnet bei der beliebten Disco-Veranstaltung „Idiot Ballroom“. Die mit Musik unterlegten Performances sollen zwar nicht für einhellige Begeisterung gesorgt haben, mündeten aber in Hübschs Buch „Die Batschkapp-Gedichte“, die der Autor, Musiker und Verleger Robsie Richter in seinem Verlag „Kopfzerschmettern-Medien“ veröffentlichte. / CHRISTIAN RIETHMÜLLER, FAZ

21. Hadayatullah Hübsch Memorial Beat

Auf den Tag ein Jahr nach dem Tod von Hadayatullah Hübsch gedachten Freunde, Fans und Familie des Verstorbenen – in der Frankfurter “Batschkapp”, einer seiner früheren Wirkungsstätten. …

Hübschs Auftritte in dem Frankfurter Tanztempel sind legendär. An den Buchmessen-Samstagen erschreckte Hübsch regelmäßig das tanzwillige Jungvolk in der “Batschkapp” mit seinen Beatgedichten. Wild und wüst waren die bisweilen, wie das Gedicht “Leben”, dass Hübsch mit ganzem Körpereinsatz und auch stimmlich aus vollem Leib vorzutragen pflegte und das vor allem aus der immer wiederkehrenden Abfolge der Worte “Arbeiten” und “Drogen” besteht. …

“Leben” jedenfalls kam in der “Batschkapp” drei Mal zum Vortrag. Einmal von Hübsch selbst – per Video, der Protagonist war ja leider verhindert. Dann von Alexander Pfeiffer, der sich redlich mühte und heute Vorsitzender des hessischen Schriftstellerverbands und damit einer der Nachfolger Hübschs in dieser Position ist. Und als bemerkenswerte Punkrockversion der Band “Johnny Hates Rock” von Hübschs Dichterfreund Robsie Richter, die zu diesem Zeitpunkt am Ende die Halle aber leider schon fast leergespielt hatte. Der Beatdichter Hübsch, der Pate von jüngeren Bewegungen, die unter Etiketten wie “Social Beat” und “Poetry Slam” laufen, stand im Mittelpunkt des Abends, Menschen, die ihn als Künstler schätzten und als Mensch mochten, standen auf der Bühne. …

Neben Pfeiffer und Richter etwa der Soundpoet Dirk Hülstrunk, der mit Pfeiffer moderierte, Kersten Flenter mit seinen klugen Gedichten und der liebenswürdige Theo Köppen aus Göttingen, der mit Hübsch Gedichte tauschte. Musikalisch trugen die “Double Dylans” mit schrägen und coolen Folksongs über Rettiche und Bekehrungen und Tom Ripphahn mit Jocco-Abendroth-Liedern zum Gelingen bei. …

Gleich zu Beginn kündigten Alexander Pfeiffer und Dirk Hülstrunk die von Stadt und Land geförderte Veranstaltung als “1. Hadayatullah Hübsch Memorial Beat” an. Das setzt voraus, das weitere folgen sollen. Das wäre schön. / Thomas Kurtenbach, Frankfurter Neue Presse

118. Forever Young

HADAYATULLAH HÜBSCH
Beats und Poetry
1. Poetry Memorial für
Paul Gerhard “Pidschie” HADAYATULLAH HÜBSCH

Live-Poetry-Performances von u.a.

Theo Köppen (Göttingen)
Kersten Flenter (Hannover)
Robsie Richter (Hanau)
Alexander Pfeiffer (Wiesbaden)
Dirk Hülstrunk (Frankfurt)
Ken Yamamoto

Musik:
Die Double Dylans (Frankfurt)
Jonny hates Rock (Band, Hanau)
Wolfgang Wüsteney
Kurzauftritt: Tom Ripphahn (Hands on the Wheel) singt Jocco Abendroth
und Überraschungsgäste
plus Büchertisch, Projektionen

Über Hadayatullah Hübsch:
Geboren am 08.01.1946 in Chemnitz, lebte in Frankfurt am Main, Kommune 1 in Berlin, betrieb Ende der 60er in Frankfurt den “Heidi loves you Shop” (Deutschlands erster Hippie-Head-Shop), erster Gedichtband 1969 bei Luchterhand, Kriegsdienstverweigerer, schrieb u.a. für das Feuilleton der FAZ, konvertiert zum Islam, langjähriger Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in Hessen, Mitbegründer der Dichtergruppe 60/90, Leiter des Verlags “Der Islam”, Herausgeber der Zeitschrift “Holunderground”, Namensvater des ersten Social-Beat Festivals in Berlin 1996, Wahl zum “Deutschen Literatur-Meister”, der Kölner Express nannte  ihn “Bühnen-Vulkan”.
Gestorben am 04.01.2011, beerdigt in Frankfurt an seinem 65. Geburtstag.

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