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87. Jüngere deutsche Gegenwartslyrik

Am 28.4. erschien in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” ein Artikel von Bettina Hartz über jüngere deutsche Gegenwartslyrik – (siehe Debatte im Winkel) in gekürzter Form, wie jetzt zu erfahren. Bei Fixpoetry gibt es jetzt den vollständigen Text. Darin über Nora Bossong, Alexander Gumz, Ron Winkler, Monika Rinck, Ann Cotten, Anja Utler, Jan Wagner, Marion Poschmann, Tom Schulz, Daniel Falb, Steffen Popp.

25. Debatte im Winkel

Deutschlands große Zeitungen wehren sich ja dagegen, von Google erfaßt zu werden. Mehrmals täglich erhalte ich vom Google-Nachrichtendienst Snippets, die auf Lyriknachrichten aus aller Welt in mehreren Sprachen verlinken. So heute morgen vom Trierischen Volksfreund und der Agence Bretagne Presse. Nur Süddeutsche Zeitung und FAZ/FAS sind nicht dabei. Kauft uns, wenn ihr uns wollt, sagen sie uns. Am Sonntag, dem 28.4., wäre ich zum Bahnhofskiosk gepilgert (gleich neben dem RILKE-Täggg), wenn mir Google einen beliebigen Ausschnitt aus einem längeren, ganzseitigen Artikel über junge Lyrik hätte schicken dürfen. Aber nein! So bedurfte es erst einiger Flüsterpropaganda und Besuchen in Universitäts- und Stadtbibliothek (übrigens vergeblich, beide haben die FAZ abonniert aber nicht deren Sonntagszeitung). Die sind so exclusiv, die wollen gar nicht gefunden werden. Nicht einmal die Website dieser Zeitung, wie sie sich selber gerne nennt, bietet auch nur die Überschrift an. Welche Exclusivität [bloß nicht mit "k" schreiben jetzt!], was für ein stolzer Conservatismus! Eine Lyrikdebatte im Winkel. Endlich hab ich sie doch noch gefunden, obwohl ich nicht sollte. Hier ein paar Auszüge.

Die Lyrik, wie jede Kunstgattung, macht immer wieder glanzlose Zeiten durch. Die letzten zehn Jahre aber haben geleuchtet. Eine neue Generation trat in Erscheinung: in Zeitschriften, die ihr, wie die inzwischen legendäre „Bellatriste 17“, ganze Sondernummern widmeten; in neu gegründeten Verlagen wie Luxbooks, J. Frank, Urs Engelers roughbooks und dem berühmtesten, Kookbooks, der nicht nur Lyrik verlegt, sondern die „Poesie als Lebensform“ versteht. (…)

Auch in der Lyrik ist der Gegensatz von konventionell und experimentell aufgehoben – das ist ähnlich wie in der Neuen Musik. Mit Metrum, Reim, lyrischen und prosanahen Formen wird in großer Unverkrampftheit umgegangen. Und doch lassen sich noch immer zwei Pole ausmachen, zwischen denen sich Dichtung bewegt: Einmal gibt es da eine eher dem Erzähl- als dem Materialcharakter zuneigende Dichtung, die alte Formen wiederbelebt, sich dem hohen Dichterton anlehnt, auch wenn sie ihn zuweilen ironisch modernistisch bricht. Und dann eine formengebärende Dichtung mit einer frechen, manchmal rotzigen, aus Vergangenheitssättigung und Gegenwartshingabe geborenen Sprache, die überrascht, vor den Kopf stößt, verführt.

Nora Bossong, Jan Wagner und Marion Poschmann neigen zweifellos dem ersten der beiden Pole zu. Ihre Gedichte sind weniger in einem klassischen als einem biedermeierlichen Sinne schön: Zu sehr vertrauen sie darauf, dass Schönheit entsteht, indem man schöne Wörter aneinanderreiht. (…)

Zu den Traditionalisten gehören, trotz des exzessiv betriebenen urbanistischen Wir-Kults, auch Tom Schulz, Daniel Falb, Alexander Gumz. Ihre Verse, prosanah, emotionsscheu, lapidar, sind eine Sammlung von Oberflächenbeobachtungen, kühle parataktische Narrationen in räumlicher wie zeitlicher Unbestimmtheit („da gab es“, „oder ein anderer ort“, „einmal“, „dann“), mit großer Vorliebe für neutralisierende Plurale („foyers oder lobbys“, ,,knorrige damen“, „männer“), Passivkonstruktionen und neugefügte Komposita. Die Syntax wird nur wenig variiert, ebenso wie das Metrum. So entsteht ein dünner stakkatohafter Sound, der das lyrische Sentiment trockenlegt.

Handwerklich ist das so gut gemacht, dass sich die Wiederholung eine Zeitlang als Innovation ausgeben kann. Auf die Dauer aber wirken diese Gedichte, die zu viele nur behauptete Gewissheiten aneinanderreihen, wie dekorative Fertigkost. In ihr drückt sich, in zeitgeistigem Vokabular, ein ähnlicher Konservativismus aus wie bei den Traditionalisten, nur freudloser. (…)

Ron Winkler, der mit den Lebensformpoeten auf den ersten Blick manches gemeinsam hat – auch er huldigt dem lyrischen Wir, liebt die parataktische Syntax, ist geradezu neologismentrunken und hat eine Schwäche für Unbestimmtheiten –, hält seine Synapsen dagegen neugierig ins Offene. An bloßer mimetischer Verdopplung abgepackter Wirklichkeitsfasern ist er nicht interessiert. Und er unterliegt auch nicht dem Irrtum, Dichtung erschöpfe sich in der Etikettierung medial gefilterter Wirklichkeit. Er erfindet sich seine eigene, faltet die Sprache auf, hinein in einen Möglichkeitsraum, der nur noch seinem eigenen Referenzsystem gehorcht, das ihn mit seiner Unerschöpflichkeit ebenso zu überraschen vermag wie den Leser. Im zuletzt erschienenen Band, „Frenetische Stille“ (erschienen 2010 im Berlin- Verlag), hat Winkler den früheren Hang zu photoshop-bunter Tapetenpoesie zwar nicht gänzlich abgestreift, die lyrische Immanenz aber glücklich verlassen – in Richtung überschießender poetischer Welterfindung. (…)

Ähnlich lebendig wie Winkler, wenn auch von anderem Temperament, ist Steffen Popp. Ein schwermütiger Metaphysiker, ohne Scheu, seine Sensibilität zu zeigen, hier und da ein wenig pathosverliebt. Schon im ersten Band („Wie Alpen“, Kookbooks 2004) hatte er seinen ganz eigenen Ton, der, ohne Vorabgewissheit und doch auf die eigenen sanften Kräfte vertrauend, sich einer vorwärtstastenden, mäandernden Bewegung überlässt, über ihnen schwebend die Entstehung der Verse begleitet (…)

Popp ist ein Metamorphotiker, Kosmossehnsüchtiger (der zweite Band, „Kolonie Zur Sonne“, vier Jahre später im gleichen Verlag erschienen, zeigt es klar) – nur in den abschließenden anderthalb Versen erdet er sich zu oft. Als hätte er Angst, zu entschweben. (…)

Auf je eigene Weise haben Ann Cotten, Monika Rinck und Anja Utler solche lyrischen Räume geschaffen. Der von Cotten ist wild, anarchisch, überschießend, verspielt. Einer frühromantischen Ästhetik folgend, die immer das Unfertige dem Fertigen, das Fragment dem Werk, die Heterogenität der Homogenität vorgezogen hat, sind ihre Gedichte nicht Resultate, sondern Versuche.

Dass man das zunächst als unordentlich empfindet, liegt nicht daran, dass Cotten ästhetisch gescheitert sein könnte – es ist vor allem Ausdruck dafür, wie überfordert man beim Lesen ist. Das erlebt man nicht nur in Cottens erstem Band, den 2007 erschienenen „Fremdwörterbuchsonetten“ (Suhrkamp), die einer Neuerfindung der Gattung in Einzelgedicht wie Zyklus (Sonettenkranz) gleichkommen, sondern vor allem in den „Florida-Räumen“, die drei Jahre später Prosa und Lyrik kombinieren. Erst wenn man wiederholt liest, bilden sich allmählich die Wahrnehmungsstrukturen heraus, die in der scheinbaren Unordnung den hochkomplexen, alles andere als Willkür und Zufall gehorchenden Bau zu erkennen vermögen. (…)

Diese Lust findet man auch bei Monika Rinck – und in noch gesteigertem Maß. Was eine Vielzahl von Lyrikerinnen und Lyrikern im Einzelnen sucht, formal, tonal, thematisch, all das hat sie in ihren im letzten Jahr erschienenen „Honigprotokollen“ (Kookbooks) zur Synthese geführt. Verblüffend und beglückend, wie mehrstimmig ihre Gedichte sind. Nirgendwo finden sich überraschendere, gelungenere Assonanzen, Konsonanzen, Alliterationen als bei Rinck, wie auch ihre Verbneologismen auf ganz neue Pfade verführen. Jedes Wort, jeder Vers, jeder Reim, jeder Klang ist mit dem ihm Benachbarten verknüpft, öffnet einen Sprachraum, in dem alles allem begegnet: die Tradition der Zukunft, der Ernst dem Humor, die Romantik der Klassik der Moderne, die Naivität der Analyse der Reflexion dem Hohn, die Poesie der Prosa der Poesie. (…)

Anja Utler ist weder an Mimesis noch Fiktion interessiert, sie braucht keine Vergleiche, keine Metaphern, sie überlässt sich in ihrer Dichtung ganz den Klangbewegungen. Es geschieht nichts – außer in der Sprache. Der Leser aber erfährt gerade so, was Sprache ist: Speicher einer Körperlichkeit, einer Gewalt, die sich in ihrem Gebrauch offenbart – wie in „marsyas, umkreist“ oder „für daphne: geklagt“ (aus „münden – entzüngeln“, einem Band der Edition Korrespondenzen von 2004). (…)

Utlers Gedicht erzeugt, wovon es spricht. Wir müssen uns nur für seine sprachliche Bewegung öffnen, uns seinem Klang überlassen, seiner syntaktischen Struktur, der Offenheit seiner Form, der Polyvalenz und Schönheit seiner Sprache sowie den Assoziationen, die sie in uns auslöst; wir müssen ihm nur vertrauen und uns den eigenen Gefühlen anvertrauen: Freude, Verwirrung, Begeisterung, Erschauern, Furcht. Es versetzt uns zurück an den Ursprung aller Dichtung, ihr Verwurzeltsein in Kult, Beschwörung, Magie. Macht aus uns, seinen Leserinnen und Lesern, exzentrischen Beobachtern, Erkunder von Relationen, Schwellenbewohner, durchlässig für neue Erfahrungen.

/ Bettina Hartz, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 28.4.

80. Besser scheitern?

Von Felix Philipp Ingold, Zürich

Der Autor schreibt: “ein Lektüre-Notat aus meinem Arbeitsjournal”

In Gebrauchs- wie in Kunstsprachen wird zur Zeit der natürliche, alltägliche, flüchtige, provisorische Ausdruck dem mehr oder minder streng formalisierten vorgezogen: Rhetorik, Stilistik, selbst Grammatik haben kaum noch normative Funktion, die Sprachverluderung nimmt in der mündlichen wie in der schriftlichen Praxis zu, findet weithin kritiklose Akzeptanz und wird somit ihrerseits normbildend. Vorab Leserkommentare im Internet, aber auch SMS- und Mailnachrichten sowie die Tratschrhetorik der Gratispresse bieten dafür beliebig viele Belege. Hauptmerkmale dieser Rhetorik sind defekte, defizitäre, jargoneske, wortspielerische, dabei aber (für die Kommunikationsteilnehmer) problemlos verständliche Sprach- und Sprechformen; dazu gehören zahlreiche Abkürzungen, Auslassungen, fremdsprachige und privatsprachliche Versatzstücke bei durchweg schwach ausgeprägter Syntax.
Dass auch die Poesie diesen Trend aufnimmt, ist deutlich genug zu erkennen und gilt keineswegs nur für die performativen Sparten von Rap und Slam. Das aktuelle poetische Sprachdesign gibt sich heute, zumindest im deutschsprachigen Raum, als eine willkürliche, dabei spontane (improvisatorische) Hybridisierung aus Alltagsrede, Werbesprache, Songtexten und Gruppenidiomen zu erkennen.

Ich will diese Tendenz nicht bewerten, doch ich frage mich, ob es das Interesse und die Aufgabe der Poesie sein kann … sein sollte, den heruntergekommenen Status der Alltagssprache zu übernehmen, ihn künstlerisch zu kultivieren und eben dadurch zu rechtfertigen. Gelegenheitslyrik, Plauderlyrik, Gebrauchslyrik, Verbrauchslyrik, Unterhaltungslyrik, Roadlyrik, Pornolyrik, Institutslyrik, Wettbewerbslyrik scheinen die Lyrikproduktion und den Lyrikbetrieb zu dominieren, und offenkundig bestimmen diese rezenten lyrischen Sprechweisen sehr weitgehend auch die einschlägigen Rankings, Stipendien- und Preisvergaben im Bereich der Versdichtung. Sprechkunst gegen Sprachkunst: Der improvisierte Sprechakt überbietet die Geste des Schreibens, mindert sie herab zum Notat.

Jede Sprechweise hat ihren Grund und ihre Berechtigung, doch nicht jede ist gleichermassen von künstlerischem Interesse … bei weitem nicht jede behauptet sich auch in der Schrift, in der Sprachform des Gedichts. Zwar gibt es bereits wieder minderheitliche Versuche, lyrisches Sprechen strengeren Regulativen zu unterstellen, den Endreim oder die Sestine oder gar die alkäische Strophe zu rehabilitieren, doch die meisten dieser Versuche bleiben in handwerklicher Nachahmung befangen, wirken altbacken oder unfreiwillig komisch, weil die strenge beziehungsweise die angestrengte Form mit der meist trivialen alltagsweltlichen Thematik kollidiert, ohne dass diese Kollision ironisch genutzt würde; das klingt dann – in einem gern zitierten Gedicht von Ann Cotten – beispielsweise so:

Rosa Meinung ‒

In des Landgerichtes Fotze
geh ich als ein blasser Traum,
Frau ist alles, was ich kotze,
lauter Wahrheit dieser Raum.

Dass man mir mein Schwärmen nähme
denk ich, aber glaub es kaum:
Dieser Prunk im schmalen Schoße
ist der Trödelväter Schaum.

Wenn ich nur die Arme breite,
ächzt er wie ein Eichenbaum,
kracht in brüchig tausend Scheite,
schäumt, dass ich, Blitz, ihn ableite.

Brenn zu Asche, mich zu wärmen!
(Denn ich will von Deutschland lernen.)

Welches sind die Meriten … welche künstlerischen Meriten hat dieses kleine lyrische Gedicht? Die Reime allein … die Reimqualitäten können es nicht sein. Zwar richtet die Autorin besonderes Ohrenmerk auf den Gleichklang der unregelmässig gekreuzten Versenden, doch besonders kunstvoll operiert sie damit nicht. Der starke Reim ist nicht der geklotzte Reim, der die Paarung zwischen “Fotze” und “kotze” vollzieht, zwischen zwei umgangssprachlich imprägnierten Wörter also, die einander nicht nur klanglich, sondern auch bedeutungsmässig und stilistisch analog sind.

Der starke Reim ist vielmehr der diskrete Reim, bei dem die Assonanz konterkariert wird durch den Bedeutungsunterschied oder den Bedeutungsgegensatz der Wortpaarung. In solchem Verständnis wäre, auf ein simples Beispiel heruntergebrochen, der Reim “Herz::quert’s” dem naheliegenden “Herz::Schmerz” vorzuziehen, so wie “Fotze” mit “Rotsee” oder “droht’s eh” überzeugender gereimt wäre als mit “kotze”. Immerhin wird aber die Wortart variiert (Substantiv/Verb) und damit die grammatische Gleichschaltung von “Fotze::Kotze” (Substantiv/Substantiv) vermieden. ‒ Nebst dem Reim soll offenbar auch die leicht antiquierte Wortfügung den Eindruck der Künstlichkeit und damit die Kontrastbildung zur Trivialthematik des Gedichts verstärken: “In des Landgerichtes Fotze …” und “der Trödelväter Schaum” (vorgezogener Genetiv); “dass man mir mein Schwärmen nähme” (stilistisch abgehobener Konjunktiv); “dieser Prunk im schmalen Schosse” (ferne Assonanz zu “Fotze” und “kotze” dank altertümlicher Dativform).

Ann Cotten selbst hat sich zu ihren Versen ausgiebig vernehmen lassen, hat gar deren nietzscheanischen Subtext offengelegt und – der historischen Moderne eben doch verpflichtet! – beteuert, sich mit dem Gedicht beziehungsweise mit dessen lyrischem Ich keineswegs identifizieren zu wollen. Gleichzeitig befürchtet sie, dass man ihre in den Text investierten “auf­rich­tigen Regungen” verkennen und etwa für unernsten Hohn halten könnte, was von ihr durchaus ernst gemeint sei. Aber wie denn nun? Stehen da Wollen und Können im Konflikt?

“Rosa Meinung”! ‒ Im Titel (der zugleich das Themawort des Textes ist) sind Samen und Moese und mein Ei und sogar der Reim buchstäblich mitgegeben – die anagrammatische Entfaltung erschliesst ein Bündel von Bedeutungen, die verlässlich über das bessere Wissen der Autorin hinausweisen. Auch das kann die Sprache ‒ besser wissen, statt bloss besser zu scheitern wie so mancher Dichter an seinem Gedicht.

51. Neuer Wort Schatz (III)

Er ist wieder da (auch wenn das Vorwort behauptet: “Neuer Wort Schatz wird keinen dritten Teil erhalten”): der Neue Wort Schatz mit einem wöchentlichen Gedicht-Kommentar. Nun nicht mehr im Titel-Magazin und nicht mehr herausgegeben von Gisela Trahms und Daniel Graf, sondern  (ausdrücklich unter Berufung darauf: “Wir nehmen das gleiche Feld und ernten und roden was das Zeug hält”)  auf culturmag.de, herausgegeben von Carolin Callies und Yevgeniy Breyger.

Aktuell: Simone Kornappel über Norbert Langes Gedicht “Die Stare Hjertøyas (w)”. Zuvor: Fabian Thomas über Ann Cotten, Tristan Marquardt über Ron Winkler und Carolin Callies über Sünje Lewejohann.

Schön auch, dass der neue Erscheinungsort auch die erste und zweite Staffel zugänglich hält.

27. Forum Stadtpark

Im Dezember erschien die Anthologie “extrakt” mit allen Forum-Stadtpark-Autorinn+en, die zwischen 2010 und 2012 im Forum zu Gast waren. — mit Lilly Jäckl, Gerhild Steinbuch, Jörg Piringer, Markus Berger, Blazin Tommy Productions, Ilse Kilic, Barbi Markovic, Gerhard Rühm, TextTotal, Margret Kreidl, Helmut Schranz, Robert Prosser, Elisabeth Hödl, Gundi Feyrer, Daniel Wisser, elffriede i.a., Florian Neuner, Clemens Schittko, Petra Coronato, Sylvia Egger, Hansjörg Zauner, Carola Göllner, Bernd Volkert, Stefan Schmitzer, Sarah Foetschl, Evelyn Schalk, Ulrich Schlotmann, D. Holland-Moritz, Bernhard Saupe, K. Silem Mohammad, Stefan Schweiger, Christoph Szalay, Franzobel, Ferdinand Schmatz, Max Höfler, Crauss, Stefanie Sargnagel, Enno Stahl, Bert Papenfuß, Karl Rauschenbach, Ann Cotten, Ulrich Holbein, Sophie Reyer, Alexander Micheuz, Heike Fiedler, Johannes Schrettle, Valeri Scherstjanoi, Markus Köhle, Zuzana Husarova, Ralf B. Korte, Uwe Warnke und Brigitta Falkner.

90. randnummer – lesung zur 5. ausgabe

diesmal mit: Konstantin Ames, Tom Bresemann (liest Walter Höllerer), Ann Cotten (via Video), Richard Duraj, Mara Genschel, Norbert Lange, Tibor Schneider und Katharina Schultens.

25.11.12, 19.00 Uhr
LAIDAK, Berlin-Neukölln, Boddinstr. 42

(weitere Lesungen folgen)

39. Rosa Meinung

Dieser Text provoziert zunächst durch seine Drastik. Die rohe Benennung des weiblichen Ge­schlechts­organs gleich in der ersten Zeile scheint eine porno­grafi­sche Pointe vor­zu­bereiten. Die An­rufung des Geschlechts wird aber appli­ziert auf eine Insti­tution des Rechts. Bei dieser kalku­lierten Irri­tation bleibt es nicht. Ro­man­tik und Vul­garität, lyrische Feier­lich­keit und harte Zote stoßen in der ersten Stro­phe mehr­fach zusammen. Auf die paradox erschei­nen­de Kombi­nation der „Fotze“ mit dem „Land­gericht“ folgt zunächst ein fast begü­tigend-melancho­lischer Vers, in dem sich das Ich wie in den Gedichten Else Lasker-Schülers oder Emmy Ball-Hen­nings als „ein blasser Traum“ imaginiert. Darauf lässt Ann Cotten aber sofort wieder eine kämpfe­rische und radikal exhi­bitionis­tische Zeile folgen, die einen un­ortho­doxen Femi­nis­mus lanciert: „Frau ist alles, was ich kotze.“ / Michael Braun, Poetenladen, über das Gedicht “Rosa Meinung” von Ann Cotten

46. Flegeln in Elegien

Warum überhaupt eine Elegie? „[W]as wollen wir von Elegien, außer sie näher / kennenlernen, ihren Kajal umkurven, voller Empathie“, fragt (ohne Fragezeichen) das lyrische Wir, das an wenigen Stellen von einem lyrischen Ich abgelöst wird, das aber ungreifbar bleibt: „Ich, weißt du wer das ist?“

Es scheint Cotten zunächst einmal darum zu gehen, die Tauglichkeit der Form zu prüfen. Rilke, Brecht haben im vergangenen Jahrhundert Elegien geschrieben, vielleicht lässt sich mit der alten Tante ja was anfangen. Cotten wählt einen guten Ansatz, um dem klassischen Modell Leben einzuhauchen: Sie nähert sich ihm ohne Scheu, respektlos, ein bisschen rotzig, sie befragt es, und sie befragt uns, die wir es lesen: „Glaubt ihr, was ich da sage? Kann man euch jeden / letzten Scheiß in diesem angedeuteten Metrum einidrucken?“ (Wobei das österreichische „eini“ für „hinein“ und „drucken“ für „drücken“ steht, der Ausdruck also als „reindrücken“ zu lesen ist.) Einige Verse darunter eine weitere Frage, die einen schrecklichen klaustrophobischen Verdacht formuliert: „Kann man etwa vielleicht nur Fragen stellen in Elegien?“ Wenn die Form so eng ist, muss sie weiter gemacht werden. „Flegeln in Elegien“ wird als Losung ausgegeben.

Ein Charakteristikum der Elegie wird am Schluss des ersten Kapitels benannt: Sie sei „[b]estechend in ihrer Geschwätzigkeit, die sich aus einer Trauer / heraushebt.“ Das Motiv wird im dritten Kapitel aufgegriffen: „Sind wir geschwätzig? Dann lass die Geschwätzigkeit nützen! / Druckerpatrone, sei wie Ambrosia! [...].“ Nun ist Das Pferd nicht gerade ein trauriges Büchlein, es hat Witz (nicht schenkelklopfend, nur unmerklich die Lippen verziehend), und es hat Grips, beiläufig, wie zum Spaß, oder wie um den Spaß nicht zu verderben. (…)

Hingegen spricht aus manchen Versen der Geist der Revolte. So überlegt das lyrische Wir, „was [...] auf die Feuermauern geschrieben gehörte.“ Die Gattungsbezeichnung „Elegie“ wird bald verworfen und durch „Kampfschrift“ ersetzt, das Wort „Revolution“ blitzt auf, „ne heiße Botschaft von Marianne“ wird imaginiert – Marianne, die Freiheitsgestalt, Personifikation der französischen Republik (die berühmteste Darstellung jene von Delacroix, „La liberté guidant le peuple“, 1830 [Die Freiheit führt das Volk an]). Auch die „Locken“ scheinen ihre aufmüpfige Bedeutung zu haben. / Meinolf Reul, lyrikkritik.de über

Ann Cotten, Das Pferd. Elegie. 20 Seiten, geheftet. Mit einer [Umschlag-]Zeichnung der Autorin. SuKuLTuR Verlag, Berlin 2009. 1,00 Euro (Reihe „Schöner Lesen“, Nr. 84). Der Band ist zum Preis von 0,99 Euro auch als E-Book erhältlich.

2. FLARF BERLIN – 95 NETZGEDICHTE

04.10.12 20.00 - / .HBC

Wie klingt Berlin im Internet? Am 4.10. gibt das Texttonlabel KOOK genau 95 Antworten: mit dem Literatur-Experiment “Flarf Berlin”, einer Leseperformance im .HBC am Alexanderplatz.

Mit Ann Cotten, Greta Granderath, Alexander Gumz, Simone Kornappel, Tristan Marquardt, Björn Kuhligk, Sabine Scho, Jan Skudlarek, Ron Winkler, Uljana Wolf 

Visuals: Andreas Töpfer
Gastgeber: Stephan Porombka

Für „Flarf Berlin“ stellen sich zehn Lyrikerinnen und Lyriker wechselseitig Suchaufgaben für Google. Zu Material wird, was die Suchmaschine ausspuckt, wenn man ihr Worte mit Berlin-Bezug eingibt. Die ersten Sätze der gegoogelten Listen verwandeln sich in Gedichte, die ein surreales, witziges und zugleich präzises Bild der Berliner Gegenwart im Netz entwerfen.

Dieses von der Flarf-Bewegung aus den USA übernommene Verfahren überschreitet bewusst die Grenze von Zufall und künstlerischer Produktion, von Finden und Erfinden. Ein dezentraler, netzartiger Schreibprozess entwickelt sich, der die vielen Orte und Gesichter Berlins spiegelt.

Alle Textstücke erscheinen zur Veranstaltung in einer Anthologie, die der Grafiker Andreas Töpfer gestaltet und illustriert, basierend auf Fotos, die er mit den selben Suchbegriffen im Internet aufgestöbert hat.

Zusammen ergibt „Flarf Berlin“ ein Portrait der Stadt in Schlaglichtern – eine vielstimmige, gedichtete Symphonie der Großstadt, medial und thematisch aktualisiert für das Jahr 2012.

Flarf the pain away!


Eine Veranstaltung des Texttonlabel KOOK. Gefördert durch: Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten.

Eintritt: 7 € / ermäßigt 5 € (inkl. Anthologie)

Ann Cotten, geboren 1982 in Iowa, lebt seit 1987 in Wien, seit 2006 in Berlin. Ihr Debütband „Fremdwörterbuchsonette“ erschien 2007, 2010 folgte „Florida-Räume“ (beide im Suhrkamp Verlag). Zusammen mit Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp und Monika Rinck veröffentlichte sie ausserdem „Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs“ (Merve Verlag 2011). Cotten erhielt u. a. den Reinhard-Priessnitz-Preis 2007, den Clemens Brentano Preis der Stadt Heidelberg 2008 und den Förderpreis des Hermann-Hesse-Literaturpreises 2012.

Greta Granderath, geboren 1985 in Gelsenkirchen, ist Autorin und Theatermacherin, lebt in Hamburg. Veröffentlichung von Lyrik und Prosa in Zeitschriften und Anthologien, u. a. „Jahrbuch der Lyrik“, Edit und randnummer, aktuell in „Westfalen, sonst nichts?“ im [SIC]-Literaturverlag. 2001 erhielt sie den Förderpreis der Stadt Gelsenkirchen, 2004 den Hattinger Förderpreis. Einladung zum internationalen Literaturfestival Lit.Cologne und zum poesiefestival berlin. 2009 war sie Finalistin des 17. open mike der Literaturwerkstatt Berlin

Alexander Gumz, geboren 1974 in Berlin, Redakteur und Veranstalter beim Texttonlabel KOOK und für das poesiefestival berlin. Gedichte und Nachdichtungen in Zeitschriften und Anthologien. Ausgewählte Gedichte wurden ins Englische, Polnische, Spanische, Slowakische, Persische und Hebräische übersetzt. Sein erster Gedichtband, „ausrücken mit modellen“, erschien 2011 bei kookbooks. Wiener Werkstattpreis für Lyrik 2002. Stipendiat der Villa Decius in Krakau 2007 und des Berliner Senats 2010. Clemens Brentano Preis der Stadt Heidelberg 2012.

Simone Kornappel, geboren 1978 in Bonn, Mitherausgeberin der randnummer literaturhefte. Spätherbst 2012 erscheint der Debütband „raumanzug“ bei luxbooks.

Björn Kuhligk, geboren 1975 in Berlin, lebt dort. 1997 war er Preisträger des open mike der Literaturwerkstatt Berlin, 2007 erhielt er ein Arbeitsstipendium der Stiftung Preußische Seehandlung und 2008 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats. Als Mitherausgeber editierte er zuletzt „Lyrik von Jetzt zwei“ (mit Jan Wagner, Berlin Verlag 2008), und „Das Kölner Kneipenbuch“ (mit Tom Schulz, Dumont Taschenbuch Verlag 2011). Zuletzt erschienen der Gedichtband „Von der Oberfläche der Erde“ (Berlin Verlag 2009), sowie „Bodenpersonal“ (Verlagshaus J. Frank 2010). Im Frühjahr 2013 kommt „Die Stille zwischen Null und Eins“ bei Hanser Berlin heraus.

Tristan Marquardt, geboren 1987 in Göttingen, lebt in München und Zürich. Er ist Mitglied der Berliner Lyrikgruppe G13, deren Mitgründer er 2009 war. Finalist beim 19. open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Seit 2011 verfasst er mit Linus Westheuser gemeinsame Gedichte, seit 2012 veranstaltet er mit Walter Fabian Schmid in München eine Lesereihe für neue Lyrik. Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt: „40 % paradies. Gedichte des Lyrikkollektivs G13“ (luxbooks, 2012). 2013 erscheint sein Debütband bei kookbooks.

Sabine Scho, geboren 1970, lebt in Berlin und São Paulo. Bisher erschienen zwei Gedichtbände von ihr: „Album“ und „farben“ (beide kookbooks 2008) und eine Umdichtung von Adelbert von Chamissos „Frauenliebe und -leben“ (hochroth Verlag 2010). Scho wurde ausgezeichnet u. a. mit dem Leonce-und-Lena-Preis 2001, dem Förderpreis zum Ernst-Meister-Preis 2001, einem Stipendium in der Villa Aurora 2003 und dem Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis der Deutschen Schillerstiftung 2012.

Jan Skudlarek, geboren 1986 in Hamm, wuchs in Deutschland und Spanien auf, lebt in Berlin. Veröffentlichung in Zeitschriften und Anthologien, u. a. in Neue Rundschau, randnummer, [sic], Edit und Versnetze_drei. Sein Lyrikheft „erloschene finger“ erschien 2010 in der parasitenpresse, Köln. Er erhielt u.a. den Literaturförderpreis 2008 der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit und den Förderpreis zum Ernst-Meister-Preis 2011. 2013 erscheint ein Gedichtband im Verlag luxbooks.

Uljana Wolf lebt in Berlin und Brooklyn. Sie veröffentlichte neben Lyrikübersetzungen die Gedichtbände„kochanie ich habe brot gekauft“ (kookbooks 2005) und „falsche freunde“ (kookbooks 2009), den Essay „BOX OFFICE“ (Lyrikkabinett 2010) und die Sonett-Ausstreichungen „Sonne From Ort“ (kookbooks 2012), zusammen mit Christian Hawkey. Wolf war Mitherausgeberin des Jahrbuchs der Lyrik (S. Fischer 2009). Sie erhielt u. a. den Peter-Huchel-Preis 2006, den Dresdner Lyrikpreis 2006, ein Stipendium der Villa Aurora in Los Angeles 2010 und des Berliner Senats 2012.

Ron Winkler, geboren 1973 in Jena, lebt in Berlin und wechselt sporadisch zwischen Schriftsteller und Übersetzer. 2011 Jahr erschien neben seinem dritten Gedichtband „Frenetische Stille“ (Berlin Verlag) die One-Man-Show „Torp“ (Verlagshaus J. Frank). Er ist Herausgeber u.a. von „Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik“ (Jung und Jung 2007), „Die Schönheit ein deutliches Rauschen. Ostseegedichte“ (Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2010) und „Schneegedichte“ (Schöffling & Co 2011). 2005 erhielt er den Leonce-und-Lena-Preis, 2006 den Mondseer Lyrikpreis.

 

Adresse:
.HBC

Karl-Liebknecht-Straße 9

10178 Berlin

45. Nachbeben

Montag, 24. 09. 2012
20.00 Uhr
Literaturhaus Graz

Reihe PREMIERE
Nachbeben Japan

Es lesen Ann Cotten, Elfriede Czurda und Erwin Einzinger aus der Anthologie Nachbeben. Japan (Luftschacht 2012).
Moderation: Cornelius Hell

 

Zwölf österreichische Schriftsteller schreiben über Japan. Von kulturell Befremdlichem oder Bekanntem bis hin zur Frage, wie sich ein weiterer japanischer Name in die Toponymie der nuklearen Negativ-Gedenkkultur einreihen konnte. Alle beteiligten Autoren wurden von verschiedenen Institutionen zu Literaturveranstaltungen nach Japan eingeladen, manche haben einige Monate dort gearbeitet. Der Zeitraum einer etwa zweiwöchigen Lesereise oder einer einsemestrigen Gastprofessur reichte keinesfalls aus, um Japanexperte zu werden, wohl aber dazu, eine Distanz zum Eigenen in der Begegnung mit dem japanischen anderen zu bekommen. Allen ist gemeinsam, die Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 mit einer anderen Nähe und Involviertheit erlebt zu haben als jemand ohne diesen Bezug. Diese Anthologie bietet zwölf persönliche Antworten auf die Frage, wie man sich an das Land erinnert, in dem Akira Kurosawas (Alb-)Träume des Fujiyama in Rot teilweise Realität geworden sind. (zu: Nachbeben Japan, Luftschacht)