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Veröffentlicht am 5. Mai 2024 von lyrikzeitung
Michael Spyra
Der Briefverkehr
Sie schreibt ihn an, und er fängt an zu lesen,
was sie ihm schreibt und ist kurz abgelenkt,
von dem, was sie ihm schreibt und wie sie denkt.
Das gab es so. Das war einmal gewesen.
Das wäre noch, schreibt sie ihm unverhohlen.
Er lässt die Arbeit liegen, widmet sich
dem Schreiben, antwortet geflissentlich
mit Buchstaben und anderen Symbolen.
Sie schreiben, wie sie es am liebsten täten.
Der Rest des Tages schrumpft auf diesen Kern.
Der Rest der Welt liegt unerreichbar fern.
Dann prahlen sie mit ihren Qualitäten.
Sie kriegen kalte Hände, werden fiebrig,
nervös und fahrig, zeigen sich robust,
doch finden kein Ventil für ihre Lust.
Sie sind besinnungslos erregt und gierig.
Sie sind berauscht von sich und ihrer Sprache,
von ihrem Sex, der durch die Worte strahlt.
Dann haben sie genug, genug geprahlt
aus der ansonsten grauen Alltagsbrache.
Aus: Michael Spyra, Die Berichte des Voyeurs. 100 Liebesgedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 2021, S. 96
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Michael Spyra
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