„Wir schreien nach dem Kriege“

Alfred Walter Heymel gab die erlesene Zeitschrift „Die Insel“ heraus, er schrieb harmlose Chansons, Jugendstiliges, neckische Lieder vom Gott der Liebesraserei, Malaga und Malvasier und „Gierig junger Küsse Tausch, / Grausam junger Wollust Rausch.“ Doch machte ihn quasi der Tod zum Expressionisten. 1911 erschien in der Zeitschrift „Der Sturm“ ein typisch „expressionistischer“ Aufschrei – nicht gegen Unrecht und Krieg, sondern im Gegenteil: gegen den als tödlich langweilig empfundenen „Friedenreichtum“ seiner Zeit. Drei Jahre später war er, der sich wie viele freiwillig zum Kriegsdienst meldete, tot.

Alfred Walter Heymel

(* 6. März 1878 in Dresden; † 26. November 1914 in Berlin)

Eine Sehnsucht aus der Zeit

Aus sanfter Schwermut und der Liebe Trauer
Ermann ich mich; versuch mich zu ermannen,
Und kann doch Tod und Untergang nicht bannen
Wohin ich flüchten will, ragt Mauer auf an Mauer.

Grüb ich den Acker um, ein guter Bauer,
Dient im Schweiße, wüßte ich, von wannen
Dies alles kommt, und wüßte, wie von dannen
Ich kam aus Schmach und Schande, Scham und Schauer.

Es fehlt uns vielen Dienst und Ziel und Zwang,
Die allen nottun und so wenige wollen;
So schmachten wir in Freiheit sonder Siege.

Im Friedenreichtum wird uns tödlich bang.
Wir kennen Müssen nicht noch Können oder Sollen
Und sehnen uns, wir schreien nach dem Kriege.

Der Sturm 2 (1911/12) November 1911, S. 677. Hier nach: Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914-1918. Hrsg. Thomas Anz u. Joseph Vogl. München, Wien: Hanser, 1982, S. 11

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